Freitag, 18. Februar 2011

Plagiat


Also, in diesem Blog ist alles echt. Das Alles nur geklaut, das die Prinzen singen, gilt hier nicht. Dies ist alles original Jay©, und wenn ich einmal etwas zitiere, dann mache ich das deutlich. Aber der Doktor von und zu Guttenberg, der ist jetzt in Schwierigkeiten. In der Diss. klauen, wow! Wo er doch die Bestnote summa cum laude in Bayreuth bekommen hat, was inzwischen Fachleuten als mehr als schmeichelhaft erscheint. Vielleicht hätte die Juristische Fakultät Herrn von und zu Guttenberg doch lieber eine gefälschte Rolex statt eines echten Doktortitels überreichen sollen.

Die Dissertation muss eine selbständige wissenschaftliche Leistung darstellen und zur Lösung wissenschaftlicher Fragen beitragen. Sie soll zu neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen führen steht im Paragraphen 7 (1) der Promotionsordnung der Universität Bayreuth. Sollte der cand.jur. Guttenberg das damals überlesen haben, als er mit dem copy & paste Verfahren sein Machwerk mit den 1.200 Fußnoten zusammengeschustert hat? Hätte er nur Sun Tsu über die Kriegskunst gelesen: Ein Meister der Kriegsführung ist immer durchtrieben und geheimnisvoll, er hinterlässt keine Spur. Und die haben da in Bayreuth auch noch den Paragraphen 16 (2): Wird die Täuschung erst nach Aushändigung der Urkunde bekannt, so kann nachträglich die Doktorprüfung für nicht bestanden erklärt werden. Die Entscheidung trifft die Promotionskommission. Den wird der inzwischen gelesen haben. Inzwischen hat er eingeräumt, dass er bei einer zweiten Auflage (ja, das Werk wird noch ein Bestseller) die 1.200 Fußnoten (das sind ja die schlimmsten Elaborate, die durch die Zahl der Fußnoten Wissenschaftlichkeit vortäuschen wollen) überarbeiten will. Die Überarbeitung wird ihm leichtfallen, inzwischen sammelt schon die ganze Republik auf einer Internetseite mit dem schönen Namen GuttenPlagWiki die inkriminierenden Stellen. Dies ist schon die zweite Website, die erste war nach dem Ansturm der Besucher zusammengebrochen. Mich würde jetzt die juristische Frage interessieren, ob Guttenberg, wenn man ihm den Doktortitel aberkennt, diejenigen, die ihm das Ganze geschrieben haben, auf Schadenersatz verklagen kann.

Das mit dem Abschreiben machen ja viele so, vor allem Juristen, die haben ein anderes Rechtsbewusstsein. Wenige werden erwischt. Viele Juristen und Mediziner schreiben das auch nicht selbst, es gibt inzwischen Fabriken für so etwas. Da schickt man das Thema und einen Scheck hin und kriegt dann Monate später die Arbeit auf dem USB Stick geliefert. Sollte man selbst noch ein wenig stilistisch überarbeiten. Da muss man dann nur beim feierlichen Schwur Ich verpflichte mich, den akademischen Grad, den mir die Fakultät verleihen wird, in Ehren zu halten und nach besten Wissen und Gewissen die Wahrheit zu suchen und zu bekennen die Finger hinter dem Rücken gekreuzt halten.

Wissenschaft das ist und bleibt, was einer ab vom andern schreibt. Ja. Aber wenn man Gedanken, Formulierungen und Zitate einem anderen verdankt, dann muss man das kenntlich machen. Das ist ein Grundprinzip der Wissenschaft. In der schönen Literatur ist das ein wenig anders. Die ganze europäische Literatur ist eigentlich nichts als ein beständiger Diebstahl wie der holländische Germanist Herman Meyer in seinem Buch Das Zitat in der Erzählkunst gezeigt hat. Und der Nobelpreisträger T.S. Eliot hat es ganz trocken formuliert: immature poets imitate, mature poets steal. Das schönste Beispiel in der Literatur ist jener indische Schreiberling, der einen Roman von Graham Greene ins Indische übersetzt hatte und danach Graham Greene verklagte, dass er ihm seinen Roman gestohlen hätte.

Whose bright idea was it anyway? betitelte der Observer vor Jahrzehnten eine Geschichte, in der eine Examenskandidatin erzählte, wie ihr ihr Dozent ihre Arbeit gestohlen hat. Mir hat einmal an einem Montagmorgen die wissenschaftliche Hilfskraft aus unserer Bibliothek erzählt, dass sie am Sonntag das Freilichtmuseum Molfsee bei Kiel ein Buch gekauft hätte. Um dann zu Hause bei der Lektüre festzustellen, dass das dritte Kapitel des Buches eine Hauptseminararbeit war, die sie bei dem Autor (ihrem Geschichtsprofessor) geschrieben hatte. Natürlich wurde ihr Name in dem ganzen Buch kein einziges Mal erwähnt. Was solle sie nun tun? Rechtsanwalt nehmen und die Tantiemen einklagen, war meine Antwort. Aber das wollte sie nicht, sie wollte bei dem Professor noch Examen machen. Da fangen die Probleme an, und die Betrüger, die man eigentlich teeren und federn sollte, kommen immer davon. Ich habe die Geschichte damals mit voller Namensnennung jedem erzählt, der sie hören wollte und so zum Ruf des Herrn ein wenig beigetragen. Diese Geschichten verbreiten sich in der academia ja erstaunlich schnell.

Sie sind auch schon Teil der Literatur. In David Lodges Roman Small World hat der kleine irische Lektor Persse McGarrigle eine Arbeit bei einer Redaktion eingereicht, die aber nie im Druck erscheint. Aber eines Tages muss Persse auf einer Konferenz hören, dass der deutsche Professor Siegfried von Turpitz sein Paper vorträgt. Da haben wir's wieder, ist sogar schon in der Welt des Romans bekannt: deutsch, adlig, Betrüger. Das Fälschen und Betrügen ist heute mit dem Internet leicht geworden, wo man alles herunterladen kann. Die meisten Arbeiten sind auch danach, die Forschung fängt heute mit Google an und hört mit Wikipedia auf. Schon der Amerikaner Wilson Mizner wußte Copy from one, it's plagiarism; copy from two, it's research. Neben der etwas einfallslosen copy&paste Totalkopie gibt es die schon etwas gehobenere copy&paste-Teilkopie (Cuvée) Variante, im Augenblick ist die shake&paste Methode sehr gefragt.

Irgendwann stellten die ersten amerikanischen Universitäten ihren Dozenten Computerprogramme zur Verfügung, die erkennen konnten, welche Teile aus dem Internet stammten. Die natürlich auch schnell in Studentenhände gerieten. Woraus das Ganze geradezu zu einem Sport für Studis wurde. Ich empfehle folgende Schritte: Kopieren Sie sich einen Text aus dem Internet und testen Sie, ob das Plagiatserkennungsprogramm ihn erkennt. Wenn ja, übersetzen Sie ihn mit einem Übersetzungsprogramm zuerst ins Serbokroatische, dann ins Dänische und dann zurück ins Deutsche. Kennt es jetzt den Text immer noch? Wenn nein, muss man nur noch den Text, der durch die Übersetzungen entstellt wurde, syntaktisch etwas glätten. Und einzelne Passagen umstellen, damit sie nicht die gleiche Gesamtstruktur haben wie das Original.

Falls Sie alles über das wissenschaftliche Plagiat wissen wollen und drei Stunden Zeit haben sollten, dann arbeiten Sie sich doch einmal durch diese 69 Seiten hindurch. In mehreren Jahrzehnten an einer deutschen Uni ist mir eigentlich nichts Menschliches fremd geblieben. Sätze wie Sie können es nicht wissen, aber ich aber ein eidetisches Gedächtnis. Es könnte sein, dass ich einmal kurz zu meinem Nebenmann geschaut habe, in dem Augenblick muss sich seine ganze Klausur in meinem Gedächtnis eingebrannt haben, haben mich immer wieder gerührt. Aber eine Geschichte muss ich doch noch zum Besten geben: Ich hatte eine Proseminarbeit auf dem Tisch, an der mir irgendetwas suspekt erschien. Das Ganze war flott geschrieben, ein wenig zu flott, aber sachlich war alles richtig. Ich hatte das unbestimmte Gefühl, dass ich das schon einmal gelesen hatte. Ich legte die Arbeit erst einmal zur Seite. Nahm sie eine Woche später wieder in die Hand, dieses unbestimmte Gefühl blieb. Und dann hatte ich eines Tages eine Eingebung. Ich nahm ein Buch aus dem Regal, das ich vor Jahrzehnten selbst geschrieben hatte. Und da stand es. Das war mein eigener Text! Manchmal ein wenig syntaktisch verändert, manchmal ein Wort ausgetauscht. Aber welche Chuzpe! Oder war es nur Dummheit? Die gleichen Fragen muss sich der Baron von und zu Guttenberg jetzt auch stellen lassen.

Aber vielleicht gehen ja auch Adel und Jurisprudenz einfach nicht zusammen. Ich hätte da noch eine kleine Geschichte aus Berlin, sie ist schon einige Jahrzehnte alt. Sie ist aber, so komisch sie klingt, völlig wahr. Zu Beginn des Semesters gibt der Juraprofessor, ein renommierter Mann, in seiner Vorlesung völlig ungewohnt eine persönliche Erklärung ab. Die ungefähr so klang: Meine Damen und Herren, Sie wissen, ich korrigiere die Klausuren nicht selbst. Das tun meine Assistenten. Aber meine Assistenten legen mir immer einen Querschnitt der Klausuren vor, den ich mir dann sehr genau anschaue. Und dieses Mal musste ich bei den schlechten Klausuren eine lesen, die so schlecht war, dass ich so etwas noch nie in meiner Karriere gelesen hatte. Und der dann hat der Verfasser noch nicht mal den Mut, seinen Namen darunter zu schreiben sondern signiert das Machwerk mit von Preußen. Es herrschte eine peinliche Stille im Auditorium. Peinlich auch deshalb, weil der Professor eins nicht begriffen hatte: das von Preußen war kein Ulk, sondern der Name des Studenten. Aber, das müssen wir zu dessen Ehrenrettung sagen: ein so schlechter Student dieser Preußenprinz war, er hat im Gegensatz zu dem bayrischen Baron nicht geschummelt und nicht betrogen.

Das Buch von Karl-Theodor Frhr. zu Guttenberg, Verfassung und Verfassungsvertrag: Konstitutionelle Entwicklungsstufen in den USA und der EU ist vor zwei Jahren bei Duncker & Humblot in Berlin erschienen und kostet 88€. Die Essays von Michel de Montaigne kosten nur 77€, und für die 88€ bekommt man auch schon antiquarisch eine Gesamtausgabe von Marcel Prousts Auf der Suche nach der verlorenen Zeit. Für den Schnäppchenpreis von 19,95€ ist dagegen Anna von Bayerns Buch Karl-Theodor zu Guttenberg. Aristokrat, Politstar, Minister erhältlich. Frau von Bayern ist eine Freundin des Ministers und arbeitet sonst für die Bild Zeitung. Die FAZ zeigte sich von diesem Machwerk aus aristokratischer Feder leicht angeekelt.

Donnerstag, 17. Februar 2011

Jermyn Street


Sie gehen da jetzt mit der Zeit in der Jermyn Street, sie haben einen Internetauftritt. Ansonsten haben sie ähnliche Probleme wie in der Savile Row, nur dass ihre Produkte (wie zum Beispiel Oberhemden, Schuhe oder das Wellington ➱Rasierwasser von Trumper) ein klein wenig erschwinglicher sind als in der Row. Aber die Mieten steigen, und die Preise für Oberhemden kann man nicht ad infinitum erhöhen. Und außerdem drängen sich Firmen in die Strasse, die da früher nach Meinung vieler nicht hingehört hätten. Der Mail Order Versender Charles Tyrwhitt zum Beispiel (auch wenn gegen viele seiner Produkte nichts zu sagen ist).

Bevor ich jetzt mal eben meinen Hass auf Firmen zum Ausdruck bringe, die einem schweineteure Oberhemden unter dem Vorwand verkaufen, dass dies das beste Hemd der Welt sei, wo doch die Knöppe schon abfallen, kaum holt man es zu Hause aus der Tüte, also bevor ich das tue, möchte ich etwas über die Geschichte der Straße sagen. Damit ich hier nicht den Eindruck erwecke, es geht mir immer nur um oberflächliche Dinge. Und natürlich sind Hemden nichts Oberflächliches, sie sind ein Symbol - das weiß jeder der Fitzgeralds Great Gatsby gelesen hat:

Recovering himself in a minute he opened for us two hulking patent cabinets which held his massed suits and dressing-gowns and ties, and his shirts, piled like bricks in stacks a dozen high.
   “I’ve got a man in England who buys me clothes. He sends over a selection of things at the beginning of each season, spring and fall.”
   He took out a pile of shirts and began throwing them, one by one, before us, shirts of sheer linen and thick silk and fine flannel, which lost their folds as they fell and covered the table in many-colored disarray. While we admired he brought more and the soft rich heap mounted higher — shirts with stripes and scrolls and plaids in coral and apple-green and lavender and faint orange, and monograms of Indian blue. Suddenly, with a strained sound, Daisy bent her head into the shirts and began to cry stormily.
   “They’re such beautiful shirts,” she sobbed, her voice muffled in the thick folds. “It makes me sad because I’ve never seen such — such beautiful shirts before.”


Was wäre mit dieser Szene, wenn da plötzlich die Knöpfe von den Hemden fallen würden? Näht Daisy die an? Erster Liebestest und so? Konnte Fitzgerald, der ein genau so verwöhntes Früchtchen wie seine Heldin war, überhaupt Knöpfe annähen? Auf den Gedanken mit den abfallenden Knöpfen bin ich damals während des Filmes gekommen. Denn alles, was Robert Redford da Mia Farrow vor die Füße wirft, kam von Turnbull & Asser.

Aber bevor ich zur kulturgeschichtlichen Betrachtung der Jermyn Street komme, möchte ich doch noch etwas über Hemdenknöpfe sagen. Und ich meine jetzt nicht dieses ganze Gesülze, dass sie aus echtem Perlmutt sein müssen und möglichst doppelt so hoch wie die der Konkurrenz - wenn die Finger morgens mit dem Alter unbeweglicher werden, wird man das besonders verfluchen - nein, ich meine die simple Sache, wie sie angenäht sind. Kreuzstich und Stiel, natürlich. Aber weshalb fallen die Knöpfe ab, je teurer das Hemd ist? Und ihr in der Jermyn Street No. 53 hört jetzt mit dem Lachen auf! Man lernt im Leben ja die unterschiedlichsten Dinge; und obgleich ich froh bin, Latein und Französisch gelernt zu haben, bin ich noch viel glücklicher, dass mir meine Oma das Annähen von Knöpfen und das Bügeln von Oberhemden beigebracht hat. Wenn ich einen Knopf annähe, dann hält der auch. Die Firma Emanuel Berg hat ihren Sitz in Köln und nicht auf der Jermyn Street. Produzieren läßt man die Hemden in Polen. Wo man auch - und das ist jetzt pikant - für einige große Namen der Jermyn Street produziert.

Ich habe vor längerer Zeit in der Zeitung eine Notiz gelesen, dass die deutsche Textilwirtschaft 200.000 DM für ein Gutachten bezahlt hat, das herausfinden sollte, weshalb die Knöpfe immer von den Hemden (oder den Sakkos) abfallen. Meine Oma war da schon tot, die hätte es der deutschen Wirtschaft sagen können. Aber jede Schneiderin und jeder Schneider von Bielefeld bis Hanoi (wo van Laack nähen lässt) hätten das der Textilwirtschaft für einen Bruchteil der Summe sagen können. Es liegt am mangelhaften Vernähen und Sichern des Fadenendes. Allerdings hat sich trotz des Gutachtens nichts geändert.

Bei den Hemden, die sie in der Jermyn Street verkaufen, ist natürlich alles anders. Zum einen sind das noch bequeme Hemden, die aus two ply oder Sea Island cotton großzügig geschnitten sind. Den Rückenteil immer länger als die Vorderfront. Und einen kleinen Dreieckszwickel dazwischen. Bei Thomas Pink ist der pink, was aber eher ein verwaschenes Hellrot ist. Die Schulterpasse ist immer geteilt, und die Muster werden von Schulter zum Ärmel dem Musterverlauf angepasst. Der Ärmel wird mehrfach gefältelt (daran erkennt man wahre Qualität) in die Manschette eingepasst. Ob der Ärmelschlitz einen gauntlet button hat oder offen bleibt, ist von Firma zu Firma verschieden. Aber alles ist natürlich Made in Britain. Oder?

Vor zwanzig Jahren sagte der Direktor David Harris von New&Lingwood im Observer: We have no wish to compete in the global luxury product market. It might sound something of a contradiction but we do not want to chase volume. That would put our culture and our cachet at a risk. We must ensure that we remain what we are ... Several of our Jermyn Street competitors entered the American market through the stores. They sell shirts by the dozen but their nature has changed, they have become volume shippers of Jermyn Street-labelled products. Da kann man nur sagen: Well roared, Lion. Seine Firma soll ja noch im United Kingdom produzieren. Die meisten anderen haben das längst aufgegeben, ihre Hemden kommen aus Danzig, Italien oder Fernost. Selbst auf der englischsprachigen Jermyn Street Wikipedia Seite steht schon hinter vielen Firmennamen all shirts are imported.

In dem Roman A rebours von Joris Karl Huysmans will der etwas exzentrische Held des Romans, der Herzog des Esseintes, London besuchen. Als echter Dandy kleidet er sich für diesen Besuch dem Anlass entsprechend.

»Welch ein Wetter!« seufzte der alte Diener, der die Kleidungsstücke, die sein Herr verlangt hatte, auf einen Stuhl legte.
   Statt jeder Antwort rieb sich der Herzog die Hände und setzte sich vor einen Schrank mit bunten Scheiben, in dem ein Stoß von seidnen Socken in Fächerform aufgehäuft lag. Er war über die Nuancen unschlüssig. Seine Wahl fiel in anbetracht der Trostlosigkeit des Tages und des düstern Graus seines Anzuges, sowie im Hinblick auf sein Ziel auf ein Paar in mattgrüner Seide. Er zog ein Paar Halbstiefel darüber und den mausgrauen karierten Anzug an, setzte sich einen kleinen runden Hut auf und hüllte sich in einen dunkelblauen Wettermantel. Von seinem Diener gefolgt, der unter dem Gewicht eines Koffers, einer Reisetasche, einer Hutschachtel und einer Reisedecke, in die Schirme und Spazierstöcke gewickelt waren, fast zusammenbrach, kam er auf dem Bahnhof an.


Er wird den Bahnhof nicht verlassen. Er träumt sich im elften Kapitel des Romans in der Bahnhofsgaststätte sein eigenes London herbei. Falls sie jetzt keine mattgrüne Seidensocken für den Besuch der Metropole haben sollten, holen Sie sich doch die Jermyn Street virtuell ins Haus. Und hier können Sie alle Läden der Straße (➯Nordseite und ➯Südseite) nebeneinander sehen.

Und die architekturgeschichtliche Betrachtung der Jermyn Street kann eigentlich ganz kurz ausfallen. Von den ursprünglichen Gebäuden, die hier ab 1684 entstanden sind, steht nichts mehr. Das Hübscheste ist vielleicht noch die viktorianische Fassade von No. 93, dem Käsehändler Paxton & Whitfield. Teile der Straße sind durch den Abriss bedroht. Der so genannte ➯St. James's Gateway Plan wird auch die Jermyn Street verändern. Wenn man etwas architektonisch Schönes sucht, wo man auch einkaufen kann, dann sollte man in die Burlington Arcade gehen. Sieht aus wie Ihre Mall zuhause, ist aber aus dem London der Regency Zeit.

Henry Jermyn, erster Baron Jermyn of St Edmundsbury und erster Earl von St. Albans, hatte das ganze Ensemble mit Platz und Straßen geplant. Das Land dazu hatte der Höfling und Spieler 1664 kurz vor dem großen Feuer von London erworben. Er wird nichts davon verkaufen, nur für 99 Jahre verpachten. Dann kann jeder mit seinem eigenen Architekten bauen, und dennoch besitzt der Grundbesitzer gewisse Kontrollen über die Planungsanlage und die Bauweise. Zwanzig Jahre danach wird Jermyn dort sterben, wo er den St. James Square geplant hat. Das Ganze ist ein Ensemble gewesen, von dem man skelettartig noch die Planung sehen kann. Es ist das, was die Franzosen einen faubourg nennen würden, Jermyn ist ja als Günstling von Charles II lange in Frankreich gewesen, sodass man schon einen französischen Einfluss bei der Planung annehmen kann. Es ist natürlich eine feine Gegend gewesen, weil es in der Nähe zu St. James Palast lag, der heute immer noch der Verwaltungssitz des englischen Monarchen ist. Diplomaten werden am Hof von St. James akkreditiert, da hat sich seit Jahrhunderten nicht geändert.

Neben dem Earl von St. Albans gibt es einen zweiten Adligen, der sich ein Sahnestück aus dem Stadtplan des sich im 17. Jahrhundert ständig vergrößernden Londons herausgeschnitten hat. Und das ist  Thomas Wriothesley, der vierte Earl von Southampton. Der wird mit dem Bloomsbury Square, der zuerst Southampton Square hieß, den ersten Londoner Platz im 17. Jahrhundert bauen (obgleich da St. Albans schon seinen St. James Square in der Planung fertig hatte). Es wird jetzt nach dem großen Feuer von 1666 viel in London gebaut. Die Stadt verlagert sich immer weiter vom Fluss weg, immer mehr in den Westen. Da, wo heute Harrods ist, sind damals noch Dörfer. Wir sind dank zahlreicher Illustrationen, zum Beispiel die von Wenzeslaus Hollar, über das London in dieser Zeit sehr gut informiert, auf seiner Zeichnung oben sind die hellen Teile in der Mitte übrigens die Teile von London, die durch das Feuer zerstört wurden.

Kaum war das Feuer gelöscht, standen bei Charles II schon zwei Herren vor der Tür, um ihm Pläne für den Wiederaufbau vorzulegen. Der eine war ➯Sir Christopher Wren, der andere John Evelyn. Und dann gibt es auch noch Wrens Assistenten Robert Hooke, der für London einen ähnlichen Plan entwickelt, wie ihn der Baron Haussmann Jahrhunderte später in Paris in die Tat umsetzt. Charles hat sich für keinen der Pläne interessiert. Damit ist natürlich eine stadtplanerische Chance vergeben worden, aber Wren hat ja immerhin die Chance gehabt, alle Kirchen neu zu bauen. An dieser Stelle muss ich mal eben einen wunderbar bescheuerten Clerihew einfügen:

Sir Christopher Wren
Went to dine with some men
He said, "If anyone calls,
Say I'm designing Saint Paul's

Clerihews sind so etwas wie Limericks, erfunden von Edmund Clerihew Bentley, der auch tolle detective novels geschrieben hat. Vielleicht konnte Wren auch glücklich sein, dass sich der König seinen Plan gar nicht erst angeguckt hat, so hatte er genügend Zeit, seine Kirchen zu bauen. Der Earl von St. Albans bittet Wren auch, ihm eine Kirche zu bauen. Die Sir Christopher später als seine würdigste Gemeindekirche bezeichnen wird. In diesem Punkt unterscheiden sich die faubourgs von Southampton und St. Albans: St. James hatte schon in der Planung eine eigene Kirche, Bloomsbury nicht. Aber in die schöne Kirche gehen natürlich all die Leute nicht hinein, die diesen Teil Londons nur wegen der Tempel des Konsums in der Jermyn Street besuchen.

Mittwoch, 16. Februar 2011

Stephen Decatur


Right or wrong, my country! hat er nicht gesagt. Er hat gesagt: Our Country! In her intercourse with foreign nations may she always be in the right; but right or wrong, our country! Er war der jüngste Captain in der Geschichte der US Navy, Horatio Nelson hat das, was Decatur heute vor 207 Jahren vollbracht hat, the most bold and daring act of the age genannt. Da hat Decatur im Hafen von Tripolis die von den Barbary Pirates entführte amerikanische Fregatte Philadelphia mit einer Handvoll Marinesoldaten vernichtet. Amerika, gerade gegründet, ist im Krieg. Den es nicht selbst angefangen hat, am 14. Mai 1801 hat Yussuf Karamanli, der Pascha von Tripolis, Amerika den Krieg erklärt, nachdem man Wochen vorher den Fahnenmast vor dem US Konsulat abgehackt hatte. Die Piraten hatten sich auf das Kapern von amerikanischen Schiffen verlegt, weil sie vor der Royal Navy (und auch der französischen Marine) Angst hatten. Die hatte ja auch die amerikanischen Schiffe geschützt, solange das noch englische Kolonien waren. Aber mit dem Vertrag von Paris im Jahre 1783 ist dieser Schutz formell zu Ende. Prompt kapert Marokko im nächsten Jahr das erste amerikanische Schiff, Algier 1785 das zweite. John Adams hat als amerikanischer Präsident der nordafrikanischen Piratenmafia noch Schutzgelder gezahlt, aber nachdem der Kongress 1794 den Naval Act beschlossen hat, werden die ersten sechs amerikanischen Fregatten gebaut. Und die schickt Thomas Jefferson jetzt ins Mittelmeer.

Wegen des Tripolis Abenteuers singen die US Marines in ihrer Hymne heute immer noch:

From the Halls of Montezuma
To the Shores of Tripoli,
We fight our country's battles
In the air, on land, and sea.
First to fight for right and freedom,
And to keep our honor clean,
We are proud to claim the title
Of United States Marines

Das Ganze zur Musik von Jacques Offenbach.

In seinem neunbändigen Roman Hundert Jahre lässt Heinrich Albert Oppermann (heute vor 141 Jahren gestorben) eine Romanfigur bei der amerikanischen Marine anheuern und bei dieser Aktion dabei sein:

Indessen wurde Karl als Freiwilliger auf einem Kanonenboote aufgenommen und erlernte den schwierigen Seemannsdienst. So groß sein Enthusiasmus war, so oft er von Vernichtung von Tripolis träumte und in den wenigen Mußestunden, die ihm blieben, die Amerikaner antrieb, zu rüsten und zu rüsten, so sehr er sich abmühte, selbst in geharnischten Sonetten, wie wir heute sagen würden, die Kriegswuth gegen die Barbaresken zu steigern, je mehr ernüchterte ihn sein Dienst und die Langsamkeit, in welcher die Dinge vorwärts schritten, selbst nachdem Präsident und Congreß sich für die Ausrüstung eines Geschwaders entschieden hatten.
   Endlich konnte er als Seecadet auf einem Schoner, den der Seelieutenant Stephan Decatur, ein Bruder des Kauffahrteikapitäns, führte, Stellung finden und nach dem Mittelmeere absegeln.
   Hier war ein neues Unglück eingetreten. Die Fregatte Philadelphia, geführt vom Kapitän Bainbridge, mit 365 Mann und 44 Kanonen, war am 31. October 1803 in der Nähe von Tripolis bei Verfolgung eines Küstenfahrzeugs gestrandet und von den Tripolitanern genommen, welche die ganze Mannschaft in Gefangenschaft nahmen.
   Die Amerikaner dürsteten nach Rache, und Commodore Preble, der jetzt den Oberbefehl führte, willigte in einen von Bainbridge in seiner Gefangenschaft selbst ausgesonnenen, von Stephan Decatur vervollständigten Plan, die in halber Schußweite von den Hafenbatterien von Tripolis umringt von Kreuzern und Kanonenbooten liegende Philadelphia zu entführen oder zu vernichten.
   Nur letzteres gelang am 3. Februar 1804, und es bleibt die glänzendste That der jungen amerikanischen Marine.

Also, ein wenig ausführlicher hätten wir uns das im 10. Kapitel des Dritten Buches des ➱Romans schon gewünscht. Aber der Erzähler hatte gerade schon seine ganze dramatische Energie auf den Überfall der Piraten auf ein amerikanisches Handelsschiff (nach dem unsere Romanfiguren in der Sklaverei landen) verwandt, da reichte es wohl nicht mehr für eine ausführliche Schilderung des Abenteuer von Tripolis. Dieses Bild zeigt Decatur ein halbes Jahr später in einem Kampf (bei dem sein Bruder James zu Tode kommt) gegen die Piraten. Decatur liegt hier auf dem Bootsdeck und hat gerade einen Gegner getötet, der weiß gekleidete Bootsmann wirft sich in den tödlichen Säbelhieb des nächsten Piraten. Er wird erstaunlicherweise den Säbelhieb überleben und als Veteran seine Pension beziehen. Stephen Decatur wird noch viele Kampfhandlungen und Kriege überleben. Er stirbt 1820 nach einem völlig sinnlosen Duell mit dem Commodore James Barron. Seit er ein kleiner Junge war, ist Amerikas erste John Wayne Figur keinem Streit aus dem Weg gegangen. Irgendwie ist das ja auch ein passender Abgang.

Duelle sind damals in der Marine eine regelrechte Seuche. 21 Jahre vor seinem Tod hatte Decatur sein erstes Duell bestritten, es sollte nicht sein letztes bleiben. Aber nicht nur schnell beleidigte Marineoffiziere duellieren sich. Das Duell 1804, in dem der Vizepräsident Aaron Burr den ehemaligen Finanzminister Alexander Hamilton erschießt, erschütterte die junge Republik. Änderte aber nichts an dem Duellunwesen. Denn damals war zwar schon in New York das Duellieren verboten, deshalb trafen sich Burr und Hamilton im Wald von Weehawken auf der anderen Seite des Hudson. Heute bekämpfen sich amerikanische Politiker glücklicherweise nur noch in TV-Duellen.

Als Stephen Decatur nach dem Tripolis Abenteuer als Held nach Amerika zurückkehrte, hat ein junger Jurist namens Francis Scott Key zu der Melodie eines englischen Trinklieds aus dem 18. Jahrhundert gedichtet:

When the warrior returns, from the battle afar,
To the home and the country he nobly defended,
O! warm be the welcome to gladden his ear,
And loud be the joy that his perils are ended:
In the full tide of song let his fame roll along,
To the feast-flowing board let us gratefully throng,
Where, mixed with the olive, the laurel shall wave,
And form a bright wreath for the brows of the brave

Die Melodie von dem Lied Anacreon in Heaven hatte Key im Kopf behalten, als er sieben Jahre später ein Gelegenheitsgedicht schrieb, das mit den Zeilen O! say can you see by the dawn's early light, What so proudly we hailed at the twilight's last gleaming anfängt.

Dienstag, 15. Februar 2011

['bɜ:bərᴗi]


Sieht etwas gewöhnungsbedürftig aus, ist aber nichts anderes als Burberry in phonetischer Lautschrift. Dafür gibt es im Englischen diese Pronunciation Dictionaries, seit der gute alte Daniel Jones vor hundert Jahren das erste auf den Markt gebracht hat. Denn die Aussprache von englischen Wörtern ist ja häufig eine Glückssache. Nicht nur für Ausländer. Das beste Aussprachewörterbuch ist zur Zeit wahrscheinlich das von J.C. Wells (Langenscheidt/Longman), obgleich man den guten alten Daniel Jones (Cambridge UP) auch immer noch kaufen kann. Erfunden hat das Ganze der Professor Henry Sweet, der die Gabe hatte, jeden englischen Sprecher auf der Landkarte Englands zu plazieren. Shaw hat ihn als Professor Henry Higgins in Pygmalion verewigt. Ich erwähne das Ganze, weil ich ein einziges Mal in meinem Leben vor vielen Jahren eine Sendung von Wetten, dass? gesehen habe. Und da gab es jemanden, der in der Lage war, jeden, der einen Text am Telephon vorlas, genau geographisch einzuordnen. Amazing, isn't it? Die Sendung Wetten, dass? gibt es ja nun leider nicht mehr, da wird uns allen etwas fehlen. Nicht die Sendung, aber die seltsamen Klamotten, die Thomas Gottschalk immer getragen hat.

Burberry war einer der ersten Markennamen, der als Synonym für Regenmäntel in das Oxford English Dictionary aufgenommen wurde. Das ist sicherlich auch berechtigt, denn kaum ein Markenname neben Rolly-Royce wird so mit England assoziiert wie die Firma von Thomas Burberry. Vor über hundert Jahren waren sie für die neuen Armeeuniformen (die es im Prinzip heute noch unverändert gibt) zuständig, und im Ersten Weltkrieg haben sie den Trenchcoat kreiert. Den mit den Metallösen am Gürtel, wo man die Handgranaten einhaken konnte. Eigentlich war das nichts anderes als das Modell Tielocken, das sie sowieso schon im Programm hatten. Aber sie verkauften natürlich auch die Geschichte, dass Lord Kitchener (der bei seinem Tod übrigens einen Burberry trug) das Modell entworfen hätte. In den achtziger Jahren hatte Michael Bywater von dem Magazin Punch kritisiert, dass es mit der Qualität des berühmten Trenchcoats nicht mehr weit her sei, woraufhin ihm die Firma ein Modell nach den Originalspezifikationen von 1915 lieferte.

Mit der Kritik an der Qualität der Produkte hatte Bywater nicht Unrecht, in den Thatcher Jahren hatte Burbery unkontrolliert expandiert, vor allem in den Vereinigten Staaten. Und schon zuvor hatten sie Lizenzen in einem Maße vergeben, als wollten sie ihren Ruf ebenso schnell ruinieren wie das Pierre Cardin mit seinen Lizenzen getan hatte. Wobei man als rühmliche Ausnahme die deutsche Firma Eduard Dressler nennen muss, die seit 1971 Burberry Jacketts, Anzüge und Hosen in seriöser Qualität lieferte. Als Burberry vor Jahren begann, die Lizenzen zu widerrufen, war das ein weiterer Sargnagel für Eduard Dressler. Jetzt will Burberry offensichtlich das Hauptgeschäft in Eigenregie abwickeln. Was nicht bedeutet, dass der englische Arbeitsmarkt davon profitiert, große Teile der Produktion sind längst nach China verlagert worden. Womit wir dann wieder mit chinesischer Kinderarbeit bei den menschenunwürdigen Bedingungen der britischen sweatshops zur Zeit des Manchester Kapitalismus angekommen sind. Als Burberry 2007 seine Fabrik in Treorchy schloss, gab es nicht nur in Wales einen Aufstand. Auf einer BBC Wales Seite kommentierte jemand das mit den schlichten Sätzen: Burberry along with a lot of other brands have moved overseas. I think the best way to treat these companies is simply not to buy their products anymore. Vielleicht sollten sich die Königin und Prince Charles das mit dem Royal Warrant noch einmal überlegen. Der Fürst von Wales hat sich immerhin besorgt gezeigt. Tom Jones war als echter Waliser sofort auf der Seite der Protestierer. Witzigerweise auch Kate Moss, durch die Burberry in den letzten Jahren erst den Durchbruch zu einer jugendlichen Szene bekommen hatte.

Dass die Produkte von Burberry mit diesem schönen Royal Warrant verziert sind - für sowas legt man als Kunde beim Kauf ja gerne noch ein paar Mark drauf - müsste dem Buckingham Palast schon peinlich sein. Nicht weil die Burberry Handtasche den tödlichen Beinamen Camilla chic bekommen hat, da könnte die Queen ja drüber grinsen. Nein, weil Burberry längst in die hooligan und chav Szene gewandert ist. Die Proteste gegen die Auslagerung der Produktion nach China interessieren Burberry kein bisschen, aber vor dem dumbing down haben sie Angst. Als die englische Polizei eine Großaktion gegen die Hooligans Operation Burberry taufen wollte, da standen die Firmenanwälte doch gleich protestierend auf der Matte.

Die Verlagerung der Produktion hatte natürlich schon viel früher angefangen. In den siebziger Jahren gab es eine kuriose Situation, weil die Produktion still lag, als sich französische Schneider weigerten Burberry Hosen nach den Vorgaben der Firma zu schneidern. Unmöglicher Schnitt, überhaupt nicht sexy, keinem französischen Schneider zuzumuten, so etwas zu schneidern. Die mit Süffisanz geführte Debatte hatte natürlich Untertöne von No sex please, we're British! Für manche Kommentatoren war das die Fortsetzung des Hundertjährigen Krieges zwischen England und Frankreich, aber vielen wurde damals zum ersten Mal klar, dass man die Buy British Kampagne (die die Regierung Heath ausgegeben hatte) nicht ganz zu Ende gedacht hatte.

Mein erster Burberry hat seinen fünfzigsten Geburtstag nicht erlebt, aber er hat sehr lange gehalten. Er war dunkelblau und hatte nicht das grässliche Karofutter, sondern besaß den gleichen blauen Stoff als Futter. Von solcher Qualität kann die Firma heute nur träumen. Es war ein praktischer Mantel, in dessen riesigen Taschen man eine kleine Bibliothek von Taschenbüchern unterbringen konnte. Abgesehen von seiner Qualität und seinen praktischen Eigenschaften hat er mir nicht viel bedeutet. Er war für mich kein Kleidungsstück eines Iconic British luxury brand, wie man es heute auf der Burberry Homepage lesen kann. Aber für manche meiner Mitschüler, die ständig mit ihrem Burberry prahlten, war er das. Doch das waren Schönlinge mit schlechten schulischen Leistungen, die aus armen Familien kamen. Ich habe mich schon vor einem halben Jahrhundert für diese beaux geschämt - da legen sich die Eltern krumm, damit das Früchtchen in der Schule herumprahlen kann, dass er einen Burberry trägt!

Vor einem halben Jahrhundert war ein Burberry Regenmantel in den Hansestädten Bremen und Hamburg vielleicht noch eine große Sache. Weil er exklusiv war. Man kaufte ihn allerdings meistens in Helgoland, weil er da nur die Hälfte kostete (und billiger als in London war). Dennoch hatte das Karo, das in der Folgezeit bis zum Gehtnichtmehr vermarktet wurde (in Japan war es ja schon mal Mode, Burberry Trenchcoats umgedreht zu tragen), damals schon einen gewissen prolligen touch. Heute erst recht. Trotz oder wegen des Bikinis von Kate Moss.

Feine Leute kauften damals lieber einen Mantel von Aquascutum oder Rodex. Wobei letztere Firma zwar eine eigene Adresse in London hatte (21a Hanover Square), aber letztlich nur Aquascutum in disguise war (der Markenname gehört noch heute zu Aquascutum). Und dann gab es auch immer noch die Firma Grenfell, die unverwüstliche Mäntel herstellte. Und es gab, ein wenig preisgünstiger, die Marke Driway, von denen hatte ich mal einen short mac. Der hat länger gehalten als alle meine Burberrys. Wie man es dreht und wendet, man braucht eigentlich keinen Burberry. Sollen die sich doch Bulbelly 巴寶莉 nennen und ihre chinesischen Produkte mit dem galoppierenden Ritter und dem lateinischen prorsum an die Chinesen verkaufen!

Wahrscheinlich braucht man auch überhaupt keine Regenmäntel. So sagte der Herzog von Bedford in seinem Book of Snobs: Regenmäntel kann man auf dem Land tragen, aber nur auf dem Land. In der Tat hat Mr. Wilson dem Regenmantel einen tödlichen Schlag versetzt. Er hat Regenmäntel unmöglich gemacht, weil sie jetzt als Labour gelten, und das geht natürlich nicht. Mit seiner Erwähnung des Premierministers Harold Wilson spielt der Herzog darauf an, dass Wilson immer Gannex Mäntel getragen hat. Hat sogar den Besitzer von Gannex von der Königin adeln lassen. Wenig später saß der Lord im Gefängnis und die Firma war pleite. Sieht heute so aus wie auf dem Photo, und hier gibt es noch mehr Photos die zeigen, was aus Gannex the saviour of the Yorkshire textile industry geworden ist. Man fragt sich, ob solcherlei Wirtschaftspolitik die übliche britische Arroganz ist oder ob es nicht irgendein Modell geben könnte, das zwischen den vor sich hin rottenden textile mills von Yorkshire oder der Produktion in China existieren könnte.

Dem Merchandise Marks Act von 1887 verdanken wir das berühmte Made in Germany, das ursprünglich dazu diente, Importe zu klassifizieren. Die natürlich nach englischer Vorstellung nur minderwertig sein konnten. Doch das Made in Germany ist zu einem Gütesiegel geworden. Und was ist mit Made in Britain? Es gibt interessante Ansätze, den Begriff ethical fashion hört man immer häufiger. Ein Unternehmen wie Frank & Faith scheint auf dem richtigen Weg. Mulberry war ja mit seinem Konzept der regionalen handwerklichen Produktion mal auf dem richtigen Weg. Aber dann blieben sie nicht mehr bei ihren Leisten, mussten unbedingt größer und größer werden. Ja, und 2008 haben sie dann ihren letzten Shop in Deutschland dichtgemacht.

Und die Firma Burberry scheint außer bei ihren eigenen Flagship Stores (die jahrhundertalte Firmenadresse am Haymarket wurde inzwischen aufgegeben) auch nicht mehr bei den wirklich feinen Adressen vertreten zu sein. Auf jeden Fall nicht in Deutschland, da sind sie eher bei Anson's (ich möchte mal wissen, woher die ihren englischen Namen haben?) und im Internet. Und natürlich überall auf der Welt. Früher war dieses Rot ja das Symbol auf der Weltkarte für das englische Empire, das ja in Uniformen von Burberry erobert wurde (die Offiziere im Krimkrieg hatten noch Mäntel von Aquascutum getragen), jetzt suggeriert die Firma Burberry, dass ihnen die ganze Welt gehört.

Und nicht nur die Welt, auch die Sprache. So wusste der Spiegel im Jahre 2001 zu vermelden: Nun schlägt Burberry in Anzeigen zurück: Wer das "eindeutige und unverwechselbare Markenzeichen", also das Karo, verwende, der müsse mit Gegenmaßnahmen der Anwälte rechnen. Damit nicht genug: Burberry hat auch die Sprache zum firmeneigenen Territorium erklärt. Ein Rundbrief an Redaktionen droht, wer die Wörter "Burberry-Stil", "Burberry-inspiriert", "Burberryesk" oder Ähnliches verwende, dem werde man ebenfalls die Anwälte auf den Hals hetzen. Dafür gibt es im deutschen Markenrecht zwar keine Grundlage, doch es entspricht dem Burberry-Image: kleinkariert.

In den siebziger und achtziger Jahren, als Burberry im großen Stil den Wandel vom Regenmantelhersteller zur Modemarke vollzog, warb die Firma mit dem adligen Photographen Patrick Anson, dem fünften Lord Lichfield, der sich und seine Familie per Selbstauslöser in Burberry Produkten ablichtete. So fand man unter dem wiederkehrenden Slogan The Burbery Look ein Äquivalent zum amerikanischen Marlboro Man.
Die Anzeigen zeigten die englische Oberschicht in einer pittoresken englischen Landschaft. Häufig auch mit der ikonischen Beigabe eines Wauwis. So wie auf mittelalterlichen englischen Grabplatten immer ein Hund zu Füssen des Ritters liegt, so gab es auch hier immer einen Golden Retriever oder Labrador dazu. Aber natürlich war die Idylle des rural England eine Fälschung der Werbewelt wie das ploughman's lunch in dem gleichnamigen Film. A propos Film, das ist ja die einzige Stelle, wo man die Burberrys ertragen kann. Also zum Beispiel an Joel MCrea in Hitchcocks Foreign Correspondent oder an Alain Delon in Le Samurai.

Vor Jahren sah ich in einem secondhand Laden eine ganze Stange voller Burberry Regenmäntel. Die hatten alle ein Label von Ladage und Oelke und stammten aus dem Brandschaden des Jahres 1989, als man ein Chinarestaurant neben Ladage abgefackelt hatte. Sie rochen weder nach Rauch noch nach Peking Ente. Sie waren nagelneu (und noch nicht Made in China) und kosteten pro Stück 39 Mark. Trotz des verlockenden Preises habe ich keinen gekauft. Ich bin längst immun gegen die Verlockungen der Werbewelt.

Lesen Sie auch: ➱Trenchcoats

Montag, 14. Februar 2011

Dick Francis


Hunde mögen mich. Pferde nicht. Ich mag auch keine Pferde, aber trotzdem habe ich Dick Francis immer gerne gelesen. An den möchte ich an seinem ersten Todestag doch einmal erinnern. Dick Francis ist Jockey gewesen, er hat die Pferde von Queen Mum geritten. Er hätte beinahe einmal das Grand National Rennen in Aintree gewonnen, wenn sich sein Pferd Devon Loch nicht fünfzig Meter vor dem Ziel auf den Boden gelegt hätte. Platsch! To do a Devon Loch ist inzwischen schon in die Sprache der Sportreporter gewandert. Ich habe das Unglück damals in der Wochenschau gesehen, das sah sehr komisch aus. Man kann es heute immer noch auf ➱You Tube sehen (in der Kurz- oder Langfassung). Man hat das Pferd aber nicht gleich erschossen, und die Queen Mum hat ungerührt über ihr Pferd gesagt Oh, that's racing. Und wahrscheinlich einen ihrer berühmten Pink Gins geschlürft. Wenn man die Dinge so nimmt, wird man über hundert Jahre alt.

Ganz so alt ist der Jockey von Queen Mum nicht geworden, er hat knapp den neunzigsten Geburtstag verfehlt.  Er hat die letzten Jahrzehnte in der Karibik gewohnt, da wo es Millionäre im Alter hinzieht, die dann babyblaue oder babyrosa Klamotten und Golduhren tragen. Nach einem schweren Sturz ein Jahr nach dem Grand National hatte er als Jockey aufgehört und hat seine Autobiographie The Sport of Queens geschrieben. Damals hatte er über 350 Rennen gewonnen und war 1953-54 Champion Jockey gewesen. 1957 wurde er Korrespondent beim Sunday Express und blieb das für die nächsten 16 Jahre. Obgleich er da längst andere Dinge schrieb.

Nämlich Krimis. Wenn die Engländer eins lieben, dann sind es Krimis, schließlich haben sie diese literarische Gattung erfunden. Und dann lieben sie natürlich Pferde und Pferderennen. Und die Royals. Wenn dann ein Jockey von Queen Mum anfängt, Krimis über Pferderennen zu schreiben, dann kann eigentlich nichts mehr schiefgehen. Da könnte er als Autor so schlecht sein wie Jeffrey Archer, die Leute würden es kaufen. Er ist aber nicht so schlecht wie Jeffrey Archer, er ist erstaunlich gut.

Oder seine Frau Mary. Die hatte sogar studiert. Er war mit 15 von der Schule, um Jockey zu werden. War mit zwanzig in der Royal Air Force und hat seine Vorgesetzten solange genervt, bis sie ihn zur Pilotenausbildung zugelassen haben und er zu Kriegsende noch Pilot Officer wurde. Normalerweise war das ja etwas für Gentlemen mit Public School Hintergrund. Aber der kleine Waliser hat sich durchgebissen. Dass in Wirklichkeit seine Frau Mary seine Romane geschrieben hätte, hat Graham Lord in seinem Buch Dick Francis: A racing life behauptet. Das Ehepaar hat vornehm dazu geschwiegen. Graham Lord ist beim Sunday Express und schreibt nebenbei Biographien. Seine Biographie über Joan Collins ist bei Amazon Marketplace für 1 Cent erhältlich. Die Dick Francis Biographie auch. Das zeugt nicht gerade von großer Begeisterung der Leser.

Dick Francis hatte nie wirklich ein Geheimnis daraus gemacht, dass die Romane eine Gemeinschaftsarbeit waren. Er machte die Recherche, Mary gab dem Ganzen den literarischen touch. Sie wollte ihren Namen aber nicht auf dem Buchdeckel haben, obgleich ihr Mann ihr das häufig genug angeboten hatte, seit Dead Cert 1962 erschienen war. Von da an haben die beiden bis zu Marys Tod (danach hat sein Sohn mitgearbeitet) beinahe jedes Jahr einen Krimi geschrieben. Seinen ersten Roman hat Dick Francis natürlich Queen Mum überreicht, die bekam bis zu ihrem Tod immer ein signiertes Exemplar vom Autor. Ich nehme mal an, dass die Pferdenarren Elizabeth und Philip auch seine Romane gelesen haben, denn bei seinem Tod ließ der Buckingham Palast verlauten, dass auch die Königin den Tod von Dick Francis betrauere.

Für den deutschen Markt hatte sich Daniel Keel vom Diogenes Verlag 1990 die Rechte gesichert. Der erste Roman war Unbestechlich, die anderen erschienen dann in rascher Folge. 1993 waren es allein sieben Titel, und 1996 hatte man alles von 1962 bis 1996 im Programm. Damit steht Dick Francis neben Georges Simenon und ➱Eric Ambler fest mit seinem Gesamtwerk im Diogenes Programm. Die Romane von Dick Francis sind vielleicht nichts für den verwöhnten Intellektuellen, der ➱Michael Innes oder Edmund Crispin bevorzugt, aber es lohnt sich trotzdem sie zu lesen. Auch wenn man keine Pferde mag.

Sonntag, 13. Februar 2011

Massaker


You are hereby ordered to fall upon the rebels, the McDonalds of Glenco, and put all to the sword under seventy. You are to have a special care that the old Fox and his sons doe upon no account escape your hands, you are to secure all the avenues that no man escape. This you are to putt in execution at fyve of the clock precisely; and by that time, or very shortly after it, I'll strive to be att you with a stronger party: if I doe not come to you att fyve, you are not to tarry for me, but to fall on. This is by the Kings speciall command, for the good & safety of the Country, that these miscreants be cutt off root and branch. See that this be putt in execution without feud or favour, else you may expect to be dealt with as one not true to King nor Government, nor a man fitt to carry Commissione in the Kings service. Expecting you will not faill in the fulfilling hereof, as you love your selfe, 

I subscribe these with my hand att Balicholis Feb: 12, 1692  (signed) R. Duncanson

Dieser Brief, den der schottische Captain Robert Campbell of Glenlyon von seinem Vorgesetzten, dem Major Robert Duncanson of Fassokie erhält, lässt keine Fragen offen. Es ist ein Mordauftrag, das Massaker von Glencoe. Duncanson selbst hatte einen ähnlichen Befehl von seinem Vorgesetzen, dem Oberstleutnant James Hamilton erhalten. Dieser Brief war allgemeiner gehalten, denn Duncanson war seit Tagen in den Mordplan eingeweiht. Hamilton ist der Stellvertreter von Colonel John Hill, der die englischen Truppen in Fort William kommandiert. Schweren Herzens hatte der den Mordbefehl unterschrieben: to march straight to Glencoe, and there put in due executions the orders you have received from the Commander-in-Chief. Denn der Befehl kommt von ganz oben, nicht nur von dem Commander-in-Chief, sondern von Sir John Dalrymple. Und der König hat ihn unterschrieben. William III ist jetzt auch König von Schottland, er will seinen Willen gegen die aufsässigen Clan Chiefs durchsetzen, die immer noch seinem nach Frankreich geflohenen Vorgänger James nachtrauern.

Der alte Colonel John Hill, der einer der wenigen Ehrenmänner in dieser Geschichte ist, hat die Unterschrift immer wieder hinausgeschoben. Aber er weiß auch, dass er, der von allen Clan Chiefs respektiert wird, der Regierung in London längst verdächtig ist. Sir John Dalrymple verhandelt längst hinter seinem Rücken mit dem Oberstleutnant Hamilton. Wenn er nicht unterschreibt, wird Hamilton von sich aus handeln. Die Truppen, die den Clan der MacDonalds in Glencoe umbringen sollen, sind seit Wochen bei den MacDonalds zu Gast, offiziell sind sie da, um die Steuern einzutreiben. Captain Robert Duncanson wohnt im Hause des Chiefs. Dass sie ihre Gastgeber umbringen, macht den Mord nach schottischem Recht (murder under trust) zu einem noch schlimmeren Verbrechen.

Die schottische Geschichte besteht aus Jahrhunderten von Kämpfen einzelner Clans gegeneinander, es hat in diesen Kämpfen schon ein schlimmeres Blutbad gegeben als das am 13. Februar 1692. Aber dies ist kein weiteres Kapitel aus dem Kampf der Campbells gegen die MacDonalds von Glencoe, in dem sich die MacDonalds ihren Ruf als Viehdiebe und Mörder redlich erarbeitet haben. Diese Version, die die Regierung später verbreitet überzeugt niemanden, es wird Kommissionen geben, die das Ganze untersuchen. Sir John Dalrymple wird von seinem Posten zurücktreten, wenn das schottische Parlament verkündet the killing of the Glencoe men was murder. Aber der König, den niemand anzuklagen wagt, hält seine schützende Hand über ihn. Dalrymples Günstling Hamilton wird nicht versuchen, sich auf einen Befehlsnotstand zu berufen, er wird nach Flandern fliehen. Colonel Hill wird nach nach langen Verhandlungen erreichen, dass die im Schneesturm geflohenen Überlebenden des Massakers in ihre Tal zurückkehren dürfen.

Wie kaum ein anderes Ereignis der schottischen Geschichte - mit Ausnahme der Schlacht von Culloden - wird Glencoe in der nationalen Imagination lebendig bleiben. Dichter und Historiker werden über den Februartag schreiben, Sänger darüber singen. Die beste Beschreibung ist John Prebbles Glencoe aus dem Jahre 1966, man wird das Buch nicht lesen können, ohne Tränen in den Augen zu haben.

Auf den Tag genau 261 Jahre nach dem Massaker von Glencoe fällt ein französisches Gericht die Urteile in einem Prozess, in dem es auch um ein Massaker ging, das Massaker von Oradour-sur-Glane Der Hauptschuldige, der SS General Heinz Lammerding wird in absentia zum Tode verurteilt, aber die Bundesrepublik liefert ihn nicht aus. Im Internet finden sich heute noch hunderte von Seiten, die eine entstellte Version der Geschichte liefern oder die Taten der SS verherrlichen.

Samstag, 12. Februar 2011

Grant Wood


Ein seltsames Bild. Eine nächtliche Landschaft wie aus einem Traum, geheimnisvoll. In den Häusern rechts von der Kirche ist das Licht angegangen, Leute sind in die Tür getreten und blicken aus dem Fenster. Warum? Die Antwort liegt in dem kleinen schwarzen Reiter vor der Kirche, der gerade aus dem Licht in das Dunkel galoppiert. Das ist der berühmte Paul Revere, der jetzt in in der Nacht durch die Dörfer reitet und The British are coming! ruft. In der Wirklichkeit ist es wahrscheinlich etwas anders gewesen als in der schönen Geschichte, die in jedem amerikanischen Schulbuch steht. Das Bild ist von dem amerikanischen Maler Grant Wood, der heute, einen Tag vor seinem 52. Geburtstag im Jahre 1942 starb.

Ein Bild von ihm ist in jedermanns Bildergedächtnis, da wo wir unseren Bilderspeicher haben, der nicht auf eine Festplatte angewiesen ist. Es heißt American Gothic und zeigt die Schwester des Malers und seinen Zahnarzt vor einem Holzhaus im einem Stil, den man in Amerika Carpenter Gothic nennt. Das Haus sieht ein wenig so aus wie das Haus, in dem Grant Wood aufwuchs, aber es ist ein anderes Haus, das Wood durch Zufall entdeckte. Es steht noch, und man kann sich davor photographieren lassen.

Im Ersten Weltkrieg hat er Tarnfarbe auf Militärfahrzeuge gemalt, das ist für einen angehenden Maler sicher auch eine interessante berufliche Erfahrung. Ich meine das gar nicht mal ironisch. Wenn man große Flächen bemalt, erwirbt man sich Fähigkeiten für die Wandmalerei. Und die wird in den dreißiger Jahren in Amerika wichtig, da durch die Regierungshilfsprogramme beinahe alle Maler öffentliche Gebäude mit Wandgemälden verzieren. Nicht nur der berühmte Diego Rivera.

Paul Klee hat übrigens im Ersten Weltkrieg Tarnfarbe auf Flugzeuge gemalt, aber bei seiner Art der Malerei war das wohl kein berufliches Training. Auf die Idee, einen Eiswagen mit einer Rocky Mountains Landschaft zu bemalen, wäre Klee wohl nicht gekommen. Grant Wood schon. Landschaften sind der wichtigste Gegenstand seiner Malerei. Mal jetzt von American Gothic und dem ebenso bekannten Daughters of the Revolution oder dem kleinen Washington (Parson Weem's Fable) beim Kirschbaumfällen abgesehen. Ich bleibe mal bei den Landschaften, ich könnte sonst die ganze Woche über Grant Wood schreiben, das ist ein interessanter Mann. Wir sind uns sicher darüber einig, dass er ein Realist ist. Wenn auch nicht diese Sorte Realist wie ➱Norman Rockwell.

Und dass Sie hier jetzt nicht auf falsche Gedanken kommen: das da links ist kein Missbrauchsopfer. Die sitzt vor der Tür des Direktors, weil sie die Klopperei gewonnen hat. Norman Rockwell ist witzig, deshalb lieben ihn die Amerikaner. Und weil das ein Maler ist, den man leicht verstehen kann. Doch Grant Wood ist mehr, er ist hintergründig und satirisch. Wenn er über sich und seine Kunst behauptet I am the plainest kind of fellow you can find. There isn’t a single thing I’ve done, or experienced that’s been even the least bit exciting, dann dürfen wir das nicht für bare Münze nehmen. Seine Bilder geben häufig Rätsel auf, das tun die Bilder von Norman Rockwell nicht.

Grant Wood ist nach dem Krieg in Paris gewesen, wie Hemingway und Fitzgerald und so viele Amerikaner, für die man den Begriff Lost Generation verwendet. Er hat sich da auch verkleidet, so wie man sich einen Künstler der Boheme vorstellt: roter Bart, schwarze James Joyce Brille, schwarzes Samtjackett und Schillerkragen. Damals hat er auch noch im Stil der Impressionisten gearbeitet, wie man an dem ➱Bild dieser Pariser Straßenecke sehen kann. Aber so wirklich hat ihn das nicht interessiert, seine Inspirationen kamen zwar aus Europa aber nicht aus der Gegenwartskunst. Was ihn beeinflusste war der mittelalterliche Realismus von Jan van Eyck. Und der kalte Realismus von Lucas Cranach.

In München hatte er auch die Neue Sachlichkeit kennengelernt, und dieser altmeisterliche Realismus eines Christian Schad (links) erschien ihm nachahmenswert. Falls Sie bei dem Bild vom nächtlichen Ritt des Silberschmieds Paul Revere an Franz Radziwill (zum Beispiel in der Behandlung des Lichtes) erinnert fühlten, dann haben Sie natürlich Recht. Und falls Sie den kleinen Radziwill Artikel in diesem Blog verpasst haben sollten, dann lesen Sie ihn doch einfach ➱hier nach. Auf den bin ich ganz stolz, weil ich der erste bin, der den richtigen Namen des Piloten herausgefunden hat. Und falls Sie jetzt von der Malerei der Neuen Sachlichkeit fasziniert sind, dann sollten Sie unbedingt diesen ➱Blog besuchen. Viel mehr geht zur Bilderwelt dieser Zeit nicht.

Zurückgekehrt nach Iowa wird Grant Wood jetzt Landschaften malen, seltsame geheimnisvolle Landschaften. Man nennte diese Malerei auch Regionalismus. Regionalismus ist jetzt das große Ding in der amerikanischen Kunst. Wenn man so will, ist Faulkner auch ein Regionalist. Denn Sherwood Anderson hatte ihm gesagt You have to have somewhere to start from: then you begin to learn. It don't matter where it was, just so you remember it and ain't ashamed of it. Because one place to start from is just as important as any other. You’re a country boy; all you know is that little patch up there in Mississippi where you started from. Und so fängt ➱Faulkner an, über seinen little patch zu schreiben. Grant Woods Bilder der Landwirtschaft stehen in einem Gegensatz zur Wirklichkeit der dreißiger Jahre, wenn wir an einen Roman wie The Grapes of Wrath, die FSA Photographie oder einen Dokumentarfilm wie ➱The Plow that Broke the Plains denken (dazu gibt es mittlerweile ➱hier einen Posr).

Obwohl Grant Wood als Kind von Quäkern auf einer Farm in Iowa aufgewachsen ist, und obwohl er sich jetzt als Landwirt inszeniert und ein ganzes Pamphlet gegen die Großstädte schreibt, er hat das Landleben und die Arbeit auf der Farm immer gehasst. Vor allem den Gestank der Kühe und Schweine, er fürchtete, er würde den nie wieder los. Und andererseits erzählt uns der gleiche Mann, dass er das Bohemeleben in Paris im Café du Dome nicht ausgehalten hat: Da wurde mir klar, daß mir die besten Ideen, die ich jemals hatte, beim Melken einer Kuh kamen. Daher ging ich zurück nach Iowa. In das Bild, das den notorischen Lügner Parson Weems in einer ähnlichen Pose wie Charles Willson ➱Charles Willson Peale zeigt, könnte man genügend Doppelbödiges hineinlesen. Ich lasse das mal, weil ich wieder zu einer Landschaft zurückkommen will. Zumal man ➱hier eine exzellente Interpretation von Steven Biel lesen kann. Der Harvard Professor Steven Biel hat mit American Gothic: A Life of America's Most Famous Painting auch ein sehr, sehr gutes Buch über Woods Bild American Gothic geschrieben.

Was mich von den Bildern Grant Woods am meisten fasziniert hat, ist das hier: Death on the Ridge Road. Eins der wenigen Bilder von ihm, in dem Maschinen zu sehen sind. Er ist einer der wenigen Maler in dieser Zeit, dessen Bilder maschinenleer sind. Selbst sein Freund Thomas Hart Benton, der ihm in vielem ähnlich ist, hat Trecker und Eisenbahnen auf seinen Bildern. Von Charles Demuth oder Charles Sheelers kalter Technikwelt wollen wir jetzt gar nicht reden. 1934 hatte Alfred H. Barr im MoMA schon die erste Ausstellung zum Thema Machine Art organisiert. Von all dem lässt sich Grant Wood nicht anstecken, er scheint sich an Rilkes Alles Erworbne bedroht die Maschine zu halten.

Auch ohne den Titel des Bildes scheint das kommende Verhängnis für jedermann sichtbar, die große Limousine, die da den Hügel hinauf schleudert, hat etwas von einem Sarg an sich, dazu passt der Telephonmast, der einem Grabkreuz ähnelt. Wenn man genau hinschaut und ganz links im Hintergrund den Telephonmast mitzählt sind es sogar drei. Was manche Interpreten des Bildes an Golgatha erinnert, ich weiß aber nicht ganz weshalb. Grant Wood hat das Bild gemalt, als sein Freund Jay Sigmund einen Unfall auf der Straße nach Stone City hatte. Jay Sigmund war neben seinem Beruf als Versicherungsdirektor auch noch Dichter, und wir verdanken ihm das kleine Gedicht:

Death used to ride a white-maned horse 
Before these gray roads lined the sod 
But now he travels on his course 
Astride a sleek thing, rubber-shod.

Sigmund, der (wie der Maler Edward Hopper) nicht gut Autofahren konnte, hat den Unfall überlebt (er stirbt wenige Jahre später bei einem Jagdunfall), aber Grant Wood, der überhaupt keine Autos mag und der ein klein wenig morbide ist, nimmt den Unfall als Anlass, seine et in Arcadio ego Variante zu malen. Mit dem klein wenig morbide meine ich die Tatsache, dass Grant Wood einmal einen Sargdeckel als Tür seines Studios verwendet hat. Cole Porter hatte das Bild gekauft, hat es aber später dem Williams College Museum of Art geschenkt, so ist es seit 1947 in Massachusetts und nicht mehr in Iowa, wo es eigentlich hingehörte.

Neueren Kritikern bedeutet das Bild etwas ganz anderes. Bei denen ist Grant Wood natürlich schwul, und so heißt es dann über die Straßenzäune: As a homosexual living in Depression-era Iowa, Wood would have constantly felt himself fenced in, or out, trapped, excluded or isolated from the people on Main Street whose nature it was to feel threatened by persons or orientations foreign to themselves. Und der Interpret findet dann so schöne Sätze wie: In the enigmatic Death on the Ridge Road, 1935, Wood anticipates the fate of those luckless souls whose path through life lies not in the lush, green meadows but on the steep, perilous curves running between the fences, a path starkly delineated by dark, foreboding storm clouds and silhouetted ominously with crosses. Crosses serve as reminders of the power of repressive institutions like the church, the state and the family. Death can, of course, be figural as well as literal: 1935 was, not coincidentally and prophetically, the same year he was married.

Ja, was soll man da noch sagen? Seit die amerikanische Literaturkritik das symbol hunting erfunden hat, wo alles, was länger als breit ist, ein Penissymbol ist, ist ja vieles möglich geworden. Was mich immer wieder fasziniert, ist, dass dieser Schwachsinn auch noch gedruckt wird. Ich habe vor Jahren im Feuilleton der Frankfurter Rundschau einen Artikel gelesen, in dem bewiesen wurde, dass Schubert schwul war. Der Beweis wurde folgendermassen geführt: 1. Karl May war schwul, das hat Arno Schmidt in Sitara und der Weg dorthin bewiesen. 2. James Fenimore Cooper war schwul, weil Karl May von ihm abgeschrieben hat und seine Helden Lederstrumpf und Chingachgook ein Verhältnis miteinander haben. 3. Franz Schubert hat gerne Cooper gelesen - also war Schubert schwul. Ich habe erstmal geguckt, ob das die Ausgabe vom 1. April war, aber das war todernst gemeint.

Ich möchte jetzt lieber nicht wissen, was Kritiker dieser couleur in das Bild von Norman Rockwell ganz oben hineinlesen werden. Aber wenn wir bei einer ernstzunehmenden Interpretation bleiben wollen, kann ich nur die Lektüre von Eckart Gillens Das Bild Amerikas: Ein verlorenes Paradies. Zur Malerei der Regionalisten und magischen Realisten empfehlen. Der lange Artikel findet sich in dem Katalog Amerika: Traum und Depression 1920/40, welches der Katalog der groß angelegten Ausstellung in Berlin (1980) und Hamburg (1981) war. Es gibt nach dreißig Jahren nichts Besseres zur Kunst dieser Zeit, und man kann den Katalog beim ZVAB noch preiswert finden.

Manchmal glaube ich, dass Kritiker der Tod von Büchern und Bildern sind. Es gehört zum Wesen des Magischen Realismus - zu dem Grant Wood ebenso wie Edward Hopper gezählt werden kann - dass die Bilder Rätsel aufgeben. Aber muss jedes Rätsel gelöst werden? Kann man nicht einfach ein Bild betrachten, staunen und träumen? Ich möchte an dieser Stelle eine kleine Episode zitieren (die ich in meinem ➱Hopper Post schon einmal zitiert habe, aber zweimal kann nicht schaden), die sich in Carl Seeligs Wanderungen mit Robert Walser findet. Da sehen Walser und Seelig in Jakobsbad ein klosterähnliches, barockartiges Gebäude. Und Seelig fragt Wollen wir hineinschauen? Worauf Robert Walser erwidert: Das ist alles viel hübscher von außen. Man muss nicht hinter alle Geheimnisse kommen wollen: Das habe ich mein ganzes Leben so gehalten: Ist es nicht schön, dass in unserem Dasein so manches fremd und seltsam bleibt, wie hinter Efeumauern? Das gibt ihm einen unsäglichen Reiz, der immer mehr verloren geht.