Montag, 22. August 2011

Cathy Gale


Kennen Sie nicht? Das war die Vorläuferin von Emma Peel. Sie wurde gespielt von Honor Blackman. Und deshalb bekam Honor Blackman die Rolle der Pussy Galore - was für ein Name! Als James Bond ihn in der Verfilmung von Goldfinger zum ersten Mal hört, sagt er I must be dreaming. Obgleich Albert R. Broccoli und Harry Saltzman da so ihre Bedenken hatten. Zwar kannte jeder in England die Serie The Avengers, aber in Amerika kannte die kein Schwein, The Avengers kamen erst zwei Jahre nach dem Film nach Amerika. Aber Broccoli soll gesagt haben: The Brits would love her because they knew her as Mrs. Gale, the Yanks would like her because she was so good, it was a perfect combination.

Bevor sie in ihren seltsamen schwarzen Lederoutfits eine ständige sexuelle Bedrohung für den Gentleman-Agenten John Peel war (der an der Seite von Cathy Gale von einem Trenchcoat tragenden Agenten zu einem dressman der Savile Row mutierte), hatte sie einen Vertrag bei Rank. Wie Dirk Bogarde. Mit dem sie in einem Film zusammen vor der Kamera stand. Damals war sie noch für das Rollenstereotyp der English rose gebucht, jetzt bei den Avengers durfte sie etwas ganz anderes spielen. Ich weiß jetzt nicht, ob sie diese Sado-Maso Outfits für Cathy Gale (die nicht nur eine einfache Cathy Gale war, sondern auch noch einen Doktortitel hatte) auf der der Reeperbahn kauften. Bei Easy Rider auf der Reeperbahn, wo sie hervorragende Lederjacken im Antiklook hatten, gab es auch noch dies ganze Angebot, das aussah wie die abgelegten Klamotten von Honor Blackman. Ich gebe ja gerne zu, dass ich in den sixties in St Pauli gewohnt habe, war billiger Wohnraum. Und wenn man quer durch Planten und Blomen ging, kam man schnell zur Uni. Obgleich es damals kulturelle Beziehungen zwischen England und St Pauli gab (man denke nur an die Beatles), glaube ich aber nicht, dass Michael Whittaker, der costume designer von The Avengers, zum Klamottenkauf nach St Pauli kam.

Die Engländer haben ja eine lange Tradition in allen Variationen der vice anglaise, die hatten bestimmt auch Spezialgeschäfte. Zumal man das ja auch noch alles vermarkten konnte, wie die kinky boots. Cathy Gale und John Peel besangen sogar eine Schallplatte gleichen Namens. Es hielt sich damals hartnäckig das Gerücht, dass John Sutcliffe die Sachen für Cathy Gale entwarf, aber ich glaube, das stimmt nicht. Obgleich er als Designer einen nicht unterschätzenden Einfluss auf eine gewissen Mode hatte. Wenn Sie das interessiert - also, das ist jetzt ein klein wenig abseits der Mode der Savile Row - dann lesen Sie doch einmal diesen Artikel im Guardian.

Honor Blackman, die heute Geburtstag hat, war das älteste Bond Girl. Sie war so alt wie Miss Moneypenny, die aber immer älter wirkt. Blackman war sogar älter als Sean Connery (aber jünger als Patrick Macnee), aber das merkte keiner. Sie sieht keinen Tag älter aus als Shirley Eaton (das ist die Lady mit dem Goldüberzug), obgleich sie zehn Jahre älter ist als sie (sie ist auch zehn Jahre älter als das Bikini-Girl aus Dr. No). Shirley Eaton war schon früh im Filmgeschäft, wer die frühen Doctor Filme mit Dirk Bogarde wie Doctor in the House oder die späteren Carry On Filme - Höhepunkte des britischen Kinos der fünfziger Jahre - kennt, wird sich an sie erinnern. Aber seien wir ehrlich: sie ist in dem Kostüm einer Krankenschwester gut aufgehoben (oder in dem Goldlack), aber sie trägt keinen ganzen Film so wie Honor Blackman das vermag.

Das Berufsbild Bond Girl hat es in den ersten Verfilmungen noch nicht gegeben, auch nicht diesen perversen Hang der Filme, das Publikum mit immer jüngerem Frischfleisch zu füttern. Gemma Arterton war zwanzig, als sie in A Quantum of Solace zu sehen war. Das erste Bond Girl hieß Sylvia Trench, gespielt von Eunice Gayson. Allerdings wurde dieser runnning gag (Geheimagent muss schöne Frau verlassen, weil er mal eben die Welt retten muss) nach den ersten beiden Filmen aufgegeben. Eunice Gayson war genauso alt wie Honor Blackman. Und sie hatte auch in Bond-ähnlichen TV Serien wie The Avengers und The Saint mitgewirkt, wo sich damals Roger Moore als Simon Templar auf seine Rolle als James Bond Nummer Zwei vorbereitete.

Die Helden des Spionageromans sind - ebenso wie die Welten des Detektivromans und des Western - selten treusorgende Ehemänner. Das gilt für James Bond genauso wie für Philip Marlowe oder den Lone Ranger. Das galt schon für die Helden des Artusromans, dessen Struktur hinter allen spy novels steckt, der Held sollte sich auf seiner quest nicht verliegen: Êrec wente sînen lîp grôzes gemaches durch sîn wîp. die minnete er sô sêre daz er aller êre durch si einen verphlac, unz daz er sich sô gar verlac daz niemen dehein ahte ûf in gehaben mahte. Das ist jetzt nicht Ian Fleming sondern Hartmann von der Aue. Wenn sich sein Held Erec verliegt, achtet ihn niemand mehr, er verliert seine ritterliche Ehre. Diese Falle vermeidet unser James Bond geschickt. Und wenn er einmal heiratet, wird seine Frau auch umgehend gekillt. Was wahrscheinlich daran liegt, dass er mit Diana Rigg die Nachfolgerin von Honor Blackman in der Serie The Avengers geheiratet hat. Eine solche intermarriage zwischen verschiedenen Serien kann ja nicht gut gehen. Da waren die Macher von Goldfinger schlauer, denn James Bond und Pussy Galore heiraten natürlich nie, obgleich sie auf dem Bild wie ein altes Ehepaar aussehen.

James Chapman fand in seinem Buch Licence to Thrill: A Cultural History of the James Bond Films (2007) Graham Ryes Behauptung, dass Pussy Galore was a reflection of the more liberated and self-sufficient women of the Sixties etwas übertrieben sei. Finde ich eigentlich auch, und das nicht, weil mir James Chapman dies originelle Buch geschenkt hat. Aber was ist nicht alles zu dem Thema Bond und die Frauen geschrieben worden, seit Laura Mulvey ihren Aufsatz Visual Pleasure and Narrative Cinema veröffentlicht hat! Im Internet kann man niveaulose Proseminararbeiten über den Wandel des dargestellten Frauenbildes in James-Bond-Filmen lesen, andere Studis offerieren feministische Analysen (James Bond 007 "Goldfinger" - Eine Analyse anhand der feministischen Filmtheorie - Die Inzenierung und narrative Funktion der Bond-Girls) für 5.99 €. Für sechzehn Seiten ein stolzer Preis.

Ich sage dazu lieber nichts, aber Sie können natürlich Toby Millers Cultural Imperialism and James Bond's Penis (aus seinem Buch Spyscreen; Espionage on Film and TV from the 1930s to the 1960s) lesen. Toby Miller hat auch ein Buch über die Serie The Avengers geschrieben, das die Rezensentin vom New York Times Book Review folgendermaßen beschrieb: No scholarly book is complete without academic exegesis (.....) But (Miller) has enough humor to see the absurdity of submitting such a fanciful subject to turgid critique. Mostly, he lets the Avengers sell themselves, as they have done before and continue to do, renarrating choice episodes like a tireless but confident joke reteller. He knows his readers will exult no matter what he writes, because they're as smitten with the series as he is -- and have their own private fantasies about it that no theory can touch. Es beruhigt mich sehr, dass man diese Sorte Kulturkritik noch mit Humor betreiben kann. Auf jeden Fall können die Engländer das. Auch James Chapman, der mit Saints and Avengers: British Adventure Series of the 1960s auch ein schönes Buch zu diesem Thema vorgelegt hat (das man in Teilen bei Google Books lesen kann).

Am Ende des Filmes Goldfinger fragt Felix Leiter seinen Freund James Bond, wo Pussy Galore sei. Und der antwortet She is where she ought to be... at the controls. Pussy! So müssen Filme aufhören. Männer mögen die Welt retten, aber Frauen sind at the controls. Happy Birthday, Honor Blackman!



Und zum Thema Bond Girls gibt es hier noch einen netten Post.

Sonntag, 21. August 2011

Asher B. Durand


I am free to confess I shall enjoy a sight of the sign-boards in the streets of New York more than all the pictures in Europe; and for real and unalloyed enjoyment of scenery, the rocks, trees, and green meadows of Hoboken will have a charm that all Switzerland cannot boast. Was sind das doch für Banausen, diese amerikanischen Maler. Da können sie sich auf ihrer Europareise alle Bilder in London, Paris und Rom angucken und wonach sehnen sie sich? Nach den sign-boards in the streets of New York und den green meadows of Hoboken. Unser heimwehkranker Maler Asher B. Durand ist wenigstens ehrlich. Und patriotisch. Denn die amerikanische Malerei ist in einer Phase, wo sie sich von Europa abgrenzen will. Das Buch von Barbara Novak über die Malerei dieser Zeit heißt nicht aus Zufall Nature and Culture: American Landscape and Painting, 1825-1875. Landschaftsmalerei ist in Amerika plötzlich zu einer Sache geworden, die von nationaler Bedeutung ist, die Nation definiert ihre eigene Kultur durch die Natur.

Die ureigenst amerikanische Natur natürlich, God's Own Paradise, diese Natur, die niemand sonst hat. Europa erst recht nicht. Wir finden das als wiederkehrendes Thema in der Malerei bei ➱Thomas Cole, in der Dichtung bei ➱William Cullen Bryant, im Roman bei James Fenimore Cooper und in der Philosophie bei Ralph Waldo Emerson. In dem ➱Home Book of the Picturesque: or, American Scenery, Art, and Literature singen die amerikanischen Künstler 1852 beinahe unisono das gleiche Lied. Wir haben in diesem Chor aber auch schon die ersten warnenden Stimmen, die vor dem Raubbau und der Vernichtung der amerikanischen Natur warnen (auf diese Stimmen hat Amerika allerdings nie gehört). James Fenimore Coopers The Pioneers ist, wenn man so will, der erste Öko-Roman. Und auch für den Maler Cole ist die fortschreitende Vernichtung der Natur ein aktuelles Problem.

Diese Verquickung der Künste, die jetzt gemeinsam an der Schaffung einer kulturellen Identität arbeiten, ist ein hochinteressantes kulturelles Phänomen. Die Frage bleibt nur, wie amerikanisch ist diese amerikanische Vision? Gibt es wirklich eine Landschaftsmalerei, die nicht den bildlichen Konventionen Europas folgt? Thomas Cole hatte das in seinen ersten Bildern ja vorgemacht, dass es ein earlier, wilder image geben könnte. Als er aus Europa zurückkommt, ist auf seiner Leinwand davon nichts mehr zu sehen. Thomas Cole hat den Kupferstecher Asher B. Durand mitgenommen in die wilde Natur der Adirondacks und hat ihn zur Landschaftsmalerei gebracht. Von da an hat Durand nur noch Landschaften gemalt und hat nur noch vor der Natur gearbeitet, obgleich man das seinen Landschaften nicht ansieht. Irgendwie scheinen die Franzosen unter plein air Malerei etwas anderes zu verstehen. Denn man muss leider sagen, so ehrlich bemüht Durand ist, seine Landschaften sind konventionell und todlangweilig. Und die Europareise, die ihm einige Mäzene spendiert haben, benutzt Durand nur, um sich möglichst viele Bilder von Claude Lorrain anzugucken.

Durand hat sich theoretisch über die Landschaftsmalerei (wie er sie verstand) in neun Briefen geäußert, die an einen fiktiven jungen Landschaftsmaler gerichtet waren. Er betont dabei, die Notwendigkeit der Zeichnung, die sorgfältige Beobachtung, aber sieht auch die plein air Malerei als quasi religiöses Erlebnis: There is yet another motive to referring you to the study of Nature early—its influence on the mind and heart. The external appearance of this our dwelling-place, apart from its wondrous structure and functions that minister to our well-being, is fraught with lessons of high and holy meaning, only surpassed by the light of Revelation. It is impossible to contemplate with right-minded, reverent feeling, its inexpressible beauty and grandeur, for ever assuming now forms of impressiveness under the varying phases of cloud and sunshine, time and season, without arriving at the conviction, “That all of which we behold is full of blessings,” that the Great Designer of these glorious pictures has placed them before us as types of the Divine attributes, and we were insensibly, as it were, in our daily contemplations, “To the beautiful order of his works learn to conform the order of our lives.”

Ralph Waldo Emerson mit seiner verquasten Naturreligion hätte seine Freude daran gehabt. John Ruskin, den Durand ständig zitiert, sicherlich auch. Denn das Penible der Zeichnung, das Durand von den Landschaftsmalern einfordert (draw with scrupulous fidelity the outline or contour of such objects as you shall select), war immer das Forte des malenden Kunstkritikers Ruskin. Der einmal einen Monat darauf verwendet hatte, alle Dachziegeln korrekt gezählt auf das Dach eines Schweizer Hauses zu zeichnen. Das Einfangen von Farben im wechselnden Licht interessiert Asher B. Durand in seinen Gemälden kaum. Außer in seinen Skizzen, da ist er überraschend gut.

Der Herausgeber von Putnam's New Monthly Magazine war 1853 bei der Besichtigung der Ausstellung der National Academy of Design gelangweilt: There is still the 'Landscape-Durand'. The same birch tree, the same yellow sky, the same mild trees and quiet water. What a mild, quiet, and amiable world is this to Durand! Irgendwie hat er bei der Ausstellung nicht so genau hingeschaut, denn das wichtigste Bild von Durand (das auch an prominenter Stelle hing) erwähnt er nicht. Es hieß Progress, und es ist eins der wenigen Bilder von Durand, die eine symbolische Aussage haben. Ein dunkler Vordergrund, ein heller Hintergrund. Der erhöhte Vordergrund wird durch eine Art Schlucht von dem in der besten Claude Lorrain Manier lichtdurchfluteten Mittel- und Hintergrund getrennt. Die diagonale Kluft, die auf diesem Bild einen Sinn macht, verwendet Durand immer ➱wieder. Der Vordergrund zeigt Amerikas unberührte Natur, der Rest des Bildes zeigt die Segnungen der Zivilisation. Sogar eine kleine Eisenbahn ist auf dem Bild zu erkennen. the landscape of investment hat Linda S. Ferber vom Brooklyn Museum diesen Teil des Bildes genannt. Die Indianer im Dunkel (man muss genau hinschauen, um sie zu erblicken) betrachten den Fortschritt der Zivilisation, der zu ihrer Vernichtung führen wird, mit einer philosophischen Attitüde. Denn das, was sie sehen, sieht in Coopers Roman The Pioneers der Richter Marmaduke Temple (der ein Abbild von Coopers Vater ist) auch vor seinem inneren Auge where others saw nothing but a wilderness, towns, manufactories, bridges, canals, mines, and all the other resources of an old country, were constantly presenting themselves.

Nichts auf dem Bild ist wirklich neu, Indianer, die den Fortschritt der Zivilisation betrachten, und auch Eisenbahnen hat es schon vor Durand auf amerikanischen Bildern gegeben. Neu und irritierend ist an diesem Bild, dass es alles im Licht Claude Lorrains wiedergibt, und dass dies Amerika eher wie eine italienische Ideallandschaft aussieht. Und Durand keinerlei Stellung zum Thema Vernichtung der Natur bezieht. The true province of Landscape Art is the representation of the work of God in the visible creation, independent of man, or not dependent on human action, hatte Durand vier Jahre vor diesem Bild geschrieben. Aber wo ist Gott? In der dunklen Zone des Bildes bei den Indianern? Oder sitzt er in der Eisenbahn? Das Bild ist für einen Börsenhändler und Eisenbahnunternehmer gemalt worden. Diejenigen, die Amerikas Landschaft zerstören, kaufen sich jetzt ein wenig unberührte Natur auf Leinwand. Gleichzeitig mit dem Höhepunkt der amerikanischen Romantik ist Amerika unter dem Präsidenten Andrew Jackson zu einem Selbstbedienungsladen geworden, die Manifest Destiny zur Staatsreligion.

Asher Brown Durand wurde heute vor 215 Jahren geboren. Er ist neunzig Jahre alt geworden, hat sich aber in all den Jahren nicht wirklich künstlerisch entwickelt. Ein typisches Durand-Bild sieht aus wie ➱dieses hier. Aber da ich keine Lust habe solch langweilige Bilder abzubilden, habe ich mir für die Illustration des Post außer dem Bild Progress einige interessante Skizzen des Malers herausgepickt. Und hier zum Schluss mit In the Woods ein ziemlich untypisches Bild. Der Ausstellungkatalog The American Landscapes of Asher B. Durand (1796-1886) von Linda S. Ferber, der 140 Bilder von Durand abbildet, ist die neueste Publikation zu Durand.

Als das Bild Progress fertig war, gab es einen längeren Streit um die Bezahlung zwischen dem Auftraggeber Charles Gould und dem Künstler. Heute ist das Bild mehr wert als im Jahre 1853, es ist vor wenigen Monaten an die Wal-Mart Erbin Alice Walton verkauft worden. Der Verkaufspreis dürfte bei 40 Millionen Dollar gelegen haben. Für beinahe den gleichen Preis hatte Walton vor sechs Jahren Durands ikonisches Bild ➱Kindred Spirits gekauft. Der Dichter William Cullen Bryant war sehr stolz auf das Bild gewesen, das ihn und den Maler Thomas Cole im Zwiegespräch über die amerikanische Natur zeigte. Seine Tochter hatte es 1904 der New York Public Library geschenkt. Die hundert Jahre später nichts anderes im Kopf hatte, als es an die Wal-Mart Erbin zu verscherbeln. disgraceful und distasteful waren die Adjektive, die die Presse für diesen Verkauf fand. Irgendwie sind die Amerikaner doch kulturelle Barbaren.

Samstag, 20. August 2011

Martin Opitz


Die deutsche Barockforschung begann für die Germanistik mit dem berühmten Seminar von Julius Petersen im Wintersemester 1927/1928, aus dem eine ganze Generation von Germanisten hervorgegangen ist. Leute wie Wolfgang Kayser, Hans Pyritz, Richard Alewyn, Benno von Wiese, Erich Trunz. Mein erstes Barockseminar war in den sechziger Jahren ein Proseminar Das europäische Drama und Theater des Barock bei dem Hamburger Theaterwissenschaftler Dr. Diedrich Diederichsen. Der war auch der Leiter der 1940 gegründeten Theatersammlung, die zu dem Lehrstuhl für Germanistik in Hamburg gehörte. Es hatten sich in dem Sommer nur wenige Studenten in sein Seminar verirrt, was sicher ein Fehler war, denn es war ein hervorragendes Seminar. Bei dem der Schwerpunkt nicht auf der Literatur des Barock, sondern auf dem Theater und der Aufführungspraxis lag.

Einen Aspekt davon hatten ja wenige Jahre zuvor Alewyn und Sälzle in ihrem Rowohlt Band Das große Welttheater behandelt, der schnell zu einem Standardwerk geworden ist: Ein jedes Zeitalter schafft sich ein Gleichnis, durch das es im Bild seine Antwort gibt auf die Frage nach dem Sinn des Lebens und in dem es den Schlüssel ausliefert zu seinem Geheimnis. Die Antwort des Barock lautet: Die Welt ist ein Theater. Großartiger kann man vielleicht von der Welt, aber schwerlich von Theater denken. Kein Zeitalter hat sich mit dem Theater tiefer eingelassen als das Barock, keines hat es tiefer verstanden. In keinem Stoff aber auch hat das Barock sich völliger offenbart als im Theater. Es hat das Theater zum vollständigen Abbild und zum vollkommenen Sinnbild der Welt gemacht. Ich las mich in jenem Sommer durch das deutsche Drama des 17. Jahrhunderts. Das hat keinerlei Schäden hinterlassen, so richtig fetzig ist das aber auch nicht. Und nicht in jedem Stück kommt ein Pickelhäring vor, der für comic relief sorgt. Ich möchte auch davon absehen, dem geneigten Leser Leseempfehlungen zu geben. Denn wenn wir ehrlich sind: mit William Shakespeare und seinen Zeitgenossen können unsere deutschen Dramatiker nicht mithalten.

Mit den Gedichten unserer Barockschriftsteller, die Günter Grass in einem Roman 1647 in dem kleinen Kaff Telgte zusammenkommen lässt, ist das eine ganz andere Sache. Da haben wir schon etwas vorzuzeigen. Und da heute der Todestag von Martin Opitz ist, dachte ich mir, ich stelle hier einmal ein Gedicht von Opitz ein. Das hat vor zwei Jahren am 20. August MartininBroda in seinem Blog auch gemacht, und das hat mir gefallen. Das Gedicht, das keinen Titel hat, ist eine Art Vorzeigestück aus dem Buch von der Deutschen Poeterey, wo Opitz es im 7. Capitel zitiert, wenn er das Sonett behandelt:

Ihr / Himmel / Lufft vnd Wind / jhr Hügel voll von Schatten /
Ihr Hainen / jhr Gepüsch' / vnd du / du edler Wein /
Ihr frischen Brunnen jhr so reich am Wasser seyn /
Ihr Wüsten die jhr stets müßt an der Sonnen braten /
Ihr durch den weissen Thaw bereifften schönen Saaten /
Ihr Hölen voller Moß / jhr auffgeritzten Stein' /
Ihr Felder welche ziert der zarten Blumen Schein /
Ihr Felsen wo die Reim' am besten mir gerathen /
Weil ich ja Flavien / das ich noch nie thun können /
Muß geben gute Nacht / vnd gleichwol Muth vnd Sinnen
Sich förchten allezeit / vnd weichen hinter sich /
So bitt' ich Himmel / Lüfft / Wind / Hügel / Hainen / Wälder /
Wein / Brunnen / Wüsteney / Saat / Hölen / Steine / Felder
Vnd Felsen sagt es jhr / sagt / sagt es jhr vor mich.

Und da er ein ehrlicher Mann ist, hat er vor das Sonett noch den Satz Oder / im fall dieses jemanden angenemer sein möchte; Welches zum theil von dem Ronsardt entlehnet ist vorangestellt. Immature poets imitate; mature poets steal; bad poets deface what they take, and good poets make it into something better, or at least something different, hat T.S. Eliot gesagt. Der Hinweis auf den Dichter Ronsard ist wichtig, Opitz entlehnet in seiner Poeterey eine ganze Menge von dem französischen Hofdichter. Ohne darauf hinzuweisen. Aber hier konnte er auch nicht anders, das Gedicht aus den Amours von 1552 war einfach zu bekannt:

Ciel, air et vents, plains et monts découverts,
Tertres vineux et forêts verdoyantes,
Rivages torts et sources ondoyantes,
Taillis rasés et vous bocages verts,
   Antres moussus à demi-front ouverts,
Prés, boutons, fleurs et herbes roussoyantes,
Vallons bossus et plages blondoyantes,
Et vous rochers, les hôtes de mes vers,
   Puis qu'au partir, rongé de soin et d'ire,
A ce bel oeil Adieu je n'ai su dire,
Qui près et loin me détient en émoi,
   Je vous supplie, Ciel, air, vents, monts et plaines,
Taillis, forêts, rivages et fontaines,
Antres, prés, fleurs, dites-le-lui pour moi.

Ich hätte das ja auch gerne in diesem altertümlichen Französisch gedruckt (Ciel, air & vents, plains & montz descouvers...), habe ich aber nicht im Netz gefunden, und zum Abtippen hatte ich keine Lust Obgleich es gleich ganz anders wirkt, man kann das an Opitz' Sonett sehen. Und da ich gerade bei Ronsard bin, den jeder (auch William Shakespeare) beklaut hat - so wie Ronsard Petrarca beklaut hat - hätte ich noch ein kleines Schmankerl. Nämlich ein Gedicht von Ronsard, in dem er prophetisch ein halbes Jahrhundert zuvor den Höhepunkt der englischen Lyrik in der elisabethanischen Zeit vorhergesagt hat:

Bien tost verra la Tamise superbe
Maint Cygne blanc loger dessus son herbe,
Hostes sacrez, puis eslevez aux cieux,
Tout à l'entour des bords delicieux
Jetter un chant, pour signe manifeste
Que meint Poëte, & la troupe celeste
Des Muses sœurs y feront quelque jour,
Laissant Parnasse, un gracieux sejour,
Pour envoyer aux nations estranges
Des Roys Anglois les fameuses louanges.


Was in einer zeitgenössischen englischen Übersetzung dann so heißt:

Soon the proud Thames shall see
A flock of white swans nesting on his grass,
his holy guests, they mount to the heavens
in circles over those delightful banks
uttering song which is the certain sign
that many a Poet, and the heavenly troop
of sister Muses quitting Parnassus
shall take it for their gracious dwelling place,
and tell the famous praise of England's Kings
unto the crowded nations of the world.

Ja, Willie Shakespeare, wenn Du das gewusst hättest, dass Pierre de Ronsard Dich vorausgesagt hat, hättste ihn dann auch beklaut?

Ich gebe zu, dass ist jetzt ein bisschen mager, was ich über Opitz geschrieben habe. Aber ich habe beim Schreiben gemerkt, dass ich eigentlich stundenlang über unsere deutschen Barockdichter schreiben könnte. Das werde ich eines Tages noch tun, also halte ich mein Pulver heute trocken. Einen Literaturtip habe ich aber doch. Es ist das Buch Martin Opitz von Marian Szyrocki. Das Buch des Breslauer Ordinarius war 1956 in Ost-Berlin erschienen; man nahm es nicht so richtig zur Kenntnis, weil man damals ungern durch den Eisernen Vorhang guckte. Das Buch (das man heute antiquarisch noch spottbillig bekommen kann) galt in den sechziger Jahren als Geheimtip. 1974 brachte C.H. Beck dann die zweite Auflage heraus, man wollte sich den polnischen Barock-Spezialisten (dessen Die deutsche Literatur des Barock: Eine Einführung immer noch bei Reclam lieferbar ist) doch nicht entgehen lassen. Marian Szyrocki hat zwar keinen Wikipedia Eintrag, aber wenn man diesen kurzen Nachruf des Spiegel liest, kann man erahnen, wie wichtig und bedeutend er gewesen ist.

Diedrich Diederichsen, mein Wegführer in die Barockliteratur, hat auch keinen Wikipedia Eintrag. Dafür hat sein Sohn, der Jahrzehnte später noch berühmt wurde, einen langen Artikel. Von den Schülern des berühmten Julius Petersen habe ich zwei noch kennengelernt. Bei Erich Trunz habe ich eine Handvoll Vorlesungen gehört und später habe ich einmal Richard Alewyn gesehen. Ich begleitete damals einen emeritierten Professor, der mir die Universität Bonn zeigte, als er einen Herrn auf der anderen Straßenseite grüßte und mir dann sagte: Das war Richard Alewyn. Ich sagte Professor X., dass ich Alewyns Buch über das Barocktheater gelesen hätte, worauf er mir sagte: Sie müssen seine Schriften mit Vorsicht geniessen. Er ist kein guter Lateiner, und er fährt einen grünen DKW. Kein Wort über die wissenschaftliche Leistung von Alewyn, nur dieser Schmäh mit dem grünen DKW. Was hätte Martin Opitz zu solchem Quatsch gesagt? Das enge Meer der Eitelkeit käme mir in den Sinn, aber Opitz hat das anders gemeint.

An den Schluss seines Buches über die Deutsche Poeterey setzt Martin Opitz eine Erklärung, die - wenn man die gesellschaftlichen Verhältnisse des Jahres 1624 bedenkt - geradezu revolutionär ist. Und irgendwie heute noch aktuell: Nebenst dieser hoheit des gueten namens / ist auch die vnvergleichliche ergetzung / welche wir bey vns selbst empfinden / wenn wir der Poeterey halben so viel bücher vnnd schrifften durchsuchen: wenn wir die meinungen der weisen erkündigen / vnser gemüte wieder die zuefälle dieses lebens außhärten / vnd alle künste vnnd wissenschafften durchwandern? So war ich dieses für meine grösseste frewde vnd lust auff der Welt halte / so war wündsche ich / das die die in ansehung jhres reichthumbs vnnd vermeineter vberflüssigkeit aller notdurfft jhren stand weit vber den vnserigen erheben / die genüge vnd rhue / welche wir schöpffen auß dem geheimen gespreche vnd gemeinschafft der grossen hohen Seelen / die von so viel hundert ja tausendt Jharen her mit vns reden / empfinden solten; ich weiß / sie würden bekennen / das es weit besser sey / viel wissen vnd wenig besitzen / als alles besitzen vnd nichts wissen. Vber dieser vnglaublichen ergetzung haben jhrer viel hunger vnd durst erlitten / jhr gantze vermögen auffgesetzt / vnd fast jhrer selbst vergessen. Zoroaster / welcher / wie oben erwehnet / alle seine gedancken Poetisch auffgesetzt /soll zwantzig Jhar in höchster einsamkeit zuegebracht haben / damit er in erforschung der dinge nicht geirret würde. Vnd da alle andere wollüsten vns vnter den händen zuegehen / auch offtermals nichts von sich vbrig lassen als blosse rewe vnd eckel; so begleitet vns diese vnsere durch alle staffeln des alters / ist eine ziehr im wolstande / vnd in wiederwertigkeit ein sicherer hafen. Derentwegen wolle vns ja niemandt verargen / das wir die zeit / welche viel durch Fressereyen / Bretspiel / vnnütze geschwätze / verleumbdung ehrlicher leute / vnd sonderlich die lustige vberrechnung des vermögens hinbringen / mit anmutigkeit vnsers studierens / vnd denen sachen verschliessen /welche die armen offte haben / vnd die reichen nicht erkauffen können. Wir folgen dem / an welches vns Gott vnd die natur leitet / vnd auß dieser zueversicht hoffen wir / es werde vns an vornemer leute gunst vnd liebe / welche wir / nebenst dem gemüte vnserem Vaterlande zue dienen / einig hierdurch suchen / nicht mangeln. Den verächtern aber dieser göttlichen wissenschafft / damit sie nicht gantz leer außgehen / wollen wir in den Tragedien so wir künfftig schreiben möchten die Personen derer geben / welche in dem Chore nach erzehlung trawriger sachen weinen vnd heulen mussen: da sie sich denn vber jhren vnverstand vnd grobheit nach der lenge beklagen mögen.

Freitag, 19. August 2011

Gustave Caillebotte


Wer kennt Herrn Caillebotte? Woher kommt er und wo erhielt er seine Ausbildung? fragte 1876 der Kritiker Maurice Chaumelin. Und er sagt auch: ich bin sicher, dass er früher oder später seinen Platz neben den Großen einnimmt. Heute erscheint uns das auch so, Gustave Caillebotte hat gerade Konjunktur, wird vermarktet wie Edward Hopper (mit dem er ja manches gemeinsam hat). Es gibt Poster und Postkarten seiner Gemälde. Man kann sogar einen Taschenschirm kaufen, auf dem eine Straßenszene von Paris im Regen abgebildet ist. Das Bild aus dem Jahre 1877, hier auf einer Photographie von Thomas Struth, kennen wir inzwischen alle.

Viele der Künstler des Impressionismus wussten im Gegensatz zu Maurice Chaumelin, wer der Monsieur Caillebotte war. Der malte zwar Bilder, aber er besaß auch ein großes Vermögen. Kaufte ihre Bilder, unterstützte sie. Monet zahlt er die Miete für dessen Studio in Paris. Mit dem Kaufen von Bildern der Impressionisten hat er 1875 angefangen, da hatte er gerade das väterliche Vermögen geerbt. Und sein erstes beim Salon eingereichtes Bild (oben) war abgelehnt worden. Man findet diesen Realismus schrecklich. Sogar Zola, der es ja sonst mit dem Realismus hat, lehnt das bourgeoise Gemälde auf Grund seiner Genauigkeit ab: Cependant c'est une peinture anti-artistique, une peinture bourgeoise, en raison de la précision de la copie. La photographie de la realité qui n'est par marquée du sceau original du talent du peintre - c'est une piètre chose. Der Bourgeois Caillebotte hat keine Botschaft. Wenn Courbet, Millet oder van Gogh Bauern oder Arbeiter malen, haben sie eine soziale Botschaft. Caillebotte will nur realistisch eine Szene wiedergeben. Und die Sonne anhalten, um das Licht einzufangen. Eigentlich hat er hundert Jahre vor dem Photorealismus diese Richtung der Kunst erfunden. Hat ihm nur niemand gesagt.

Obgleich Zola mit dieser Formulierung La photographie de la realité schon in die richtige Richtung denkt. Er hat in Briefen vom Mai 1876 diesen letzten Satz immer wieder variiert: La photographie de la réalité, lorsqu'elle n'est pas rehaussée par l'empreinte originale du talent artistique, est une chose pitoyable. Wenn man die Wirklichkeit realistisch malt, muss man ihr seinen eigenen Stempel aufdrücken, sonst ist man kein Künstler. Es ist eine interessante Position. Ein Jahr später hat Zola seine Haltung gegenüber Caillebotte geändert und hält ihn für einen bedeutenden Maler: Enfin, je nommerai M. Caillebotte, un jeune peintre du plus beau courage et qui ne recule pas devant les sujets modernes grandeur nature. Sa Rue de Paris par un temps de pluie montre des passants, surtout un monsieur et une dame au premier plan qui sont d'une belle vérité. Lorsque son talent se sera un peu assoupli encore, M.Caillebotte sera certainement un des plus hardis du groupe. Fragen Sie mich jetzt nicht, woher der Sinneswandel kommt.

Caillebotte ist in dieser Zeit nicht der einzige, der so hyper-realistisch malt. James Tissot (links), immer zwischen Kitsch und Großartigkeit oszillierend, malt manchmal ähnlich. Und wir sollten uns auch ins Gedächtnis rufen, dass Caillebottes Bruder Martial Photograph ist. Und auch Caillebotte selbst ein Photoamateur ist. Und von der Photographie her kommen sicherlich auch die ungewöhnlichen Perspektiven von Caillebottes Bildern, das ungewohnte Abschneiden der Bildränder (auf der regnerischen Straße von Paris fehlen die Füße des Paares unter dem Schirm) und eine Sehweise, die einem Teleobjektiv ähnelt. Vieles von diesen Elementen finden wir bei Edward Hopper wieder. Klicken Sie doch mal eben das ➱American Village von ➱Hopper an: das ist geradezu eine Caillebottesche Sehweise! Die Originalität der ungewohnten Perspektiven finden wir hauptsächlich bei Caillebottes Stadtansichten des neuen Paris, also des Paris, das der ➱Baron Haussmann neu erschaffen hat. Le vieux Paris n'est plus, dichtete Baudelaire in Le cygneParis change! mais rien dans ma mélancolie N'a bougé! palais neufs, échafaudages, blocs,  Vieux faubourgs, tout pour moi devient allégorie  Et mes chers souvenirs sont plus lourds que des rocs. Die neue Stadt erfordert offensichtlich eine neue Sehweise. Das Land nicht. Wenn Caillebotte Landschaften malt draußen vor den Toren von Paris malt (was er irgendwann tut), sind die relativ konventionell.

Warum hat man ihn vergessen? Es ist ja nicht so, dass die Pariser Presse in den 1870er Jahren nicht über ihn berichtet hätte. Man hat ihn nach seinem frühen Tod immer nur als Mäzen und Wegbereiter der Impressionisten dargestellt, dass er selbst einer von ihnen war, wurde nicht mehr erwähnt. Sechs Jahre, nachdem er zum ersten Mal im Salon ausgestellt hatte, hat er keine Bilder mehr ausgestellt. Er hat wohl noch gemalt, aber sein Herz hing nicht mehr an der Malerei. Seine Freunde, die er finanziell und als Organisator von Ausstellungen gefördert hatte, waren untereinander zerstritten. Caillebotte zieht sich aus der Welt der Pariser Kunst zurück.

1876, als sein erstes Bild öffentlich ausgestellt wird, hat er zu segeln begonnen. Zuerst auf der Seine, später an der Küste der Normandie. Da wo ➱Eugène Boudin seine Strandbilder malt. 1882, als er aufhört, seine Bilder in Ausstellungen zu schicken, beginnt er mit dem Bau von Segelbooten. Das ist eine erstaunliche Wendung in einem ungewöhnlichen Leben. Im Gegensatz zu den anderen Malern seiner Zeit war er nie auf den Verkauf seiner Bilder angewiesen. Seine Bilder bleiben über mehr als ein halbes Jahrhundert im Privatbesitz - und werden deshalb einer größeren Öffentlichkeit nicht bekannt.

Die Caillebotte Renaissance beginnt wahrscheinlich in Amerika. Das Geschenk von Rue de Paris, temps de pluie aus der Charles H. und Mary F. S. Worcester Collection an das Art Institute of Chicago im Jahre 1964 bewirkt ein großes Interesse an dem bis dahin unbekannten französischen Maler. Und zehn Jahre später setzt der Ausstellungskatalog des Museum of Fine Art in Houston (Gustave Caillebotte: A Retrospective Exhibition) die Maßstäbe dafür, wie eine Gustave Caillebotte Ausstellung und ein Caillebotte Katalog aussehen sollen. Hinter der Ausstellung stand als treibende Kraft der junge Professor J. Kirk T. Varnedoe. Von ihm gibt es auch ein schönes Buch über Caillebotte, das bei der Yale University Press erschienen ist. Varnedoe, der den berühmten Adam Gopnik zu seinen Studenten zählen konnte, ist leider sehr früh gestorben. Er ist aber nicht vergessen, dafür hat sein Schüler und Freund Adam ➱Gopnik gesorgt.

Sehr schön und originell ist auch Pierre Wittmers Buch über Caillebottes Landsitz in Yerres, Caillebotte and his Garden in Yerres (Abrams 1991). Natürlich ist das Buch zuerst in Paris erschienen, aber da ich die englische Übersetzung geschenkt bekommen (und natürlich gelesen) habe, zitiere ich mal die. Es gibt von Pierre Wittmer auch ein charmantes kleines Kinderbuch (My Summer in Caillebotte's Garden) über den ➱Landsitz in Yerres, den Caillebotte und sein Bruder nach dem Tod der Mutter verkauften. Aber Caillebotte gibt das Landleben nicht auf und kauft sich einen Landsitz in Petit Gennevilliers an der Seine. Da, wo Monet dieses ➱Segelboot gemalt hat. Und Berthe Morisot das schöne ➱gelbe Weizenfeld.

Der Katalog von Houston, das Buch von Pierre Wittmer und die Bücher von Kirk Varnedoe sind heute leider vergriffen, aber es gibt seit 2009 eine deutschsprachige Monographie, Katrin Sagners Gustave Caillebotte: Neue Perspektiven des Impressionismus (Hirmer 2009). 200 Seiten, großformatig und reich illustriert. Bereits bestehende Erkenntnisse zu Caillebottes Stadtbildern werden damit entweder ignoriert oder nicht angemessen zitiert. Aus der fehlenden Berücksichtigung der aktuellen kunsthistorischen Forschung resultiert, dass dieser Band wissenschaftlich betrachtet für den informierten Leser wenig Neues enthält und mit seinen zahlreichen Farbabbildungen eher als Überblickswerk für die breite Öffentlichkeit geeignet ist, nörgelt stutenbissig die Rezensentin ➱Barbara Palmbach (die über Paris und den Impressionismus promoviert hat). Ja, schön, das Buch kommt auch nicht an den Katalog von Houston heran, aber die breite Öffentlichkeit wird Katrin Sagner sicherlich für das Buch dankbar sein. Wer keine 69 Euro für das Buch ausgeben will, kann sich ➱hier die Bilder von Caillebotte anschauen.

Sein erstes Testament hat Gustave Caillebotte (der heute vor 163 Jahren geboren wurde) 1876 gemacht, als sein Bruder René im Alter von 25 Jahren gestorben war. In diesem Testament bestimmt er eine große Summe dafür, dass die Impressionisten ihre nächste Jahresschau abhalten können. In seinem endgültigen Testament hat er seine Sammlung der Impressionisten dem Staat vermacht. Der sie nur zögernd und auch nur zum Teil angenommen hat, heute würden sich die Pariser Museen die Finger danach lecken.

Donnerstag, 18. August 2011

Robbe-Grillet


Ich hatte mich in letzter Minute noch in den vollen Saal geschummelt. Man hatte mich nur reingelassen, weil ich jemandem am Eingang zugeflüstert hatte, dass ich unbedingt den Helden meiner Jugend sehen müsste. Und das stimmte auch, ich hatte mal eine schwere Robbe-Grillet Phase. Da war er nun auf der kleinen Bühne des Auditoriums. Er wirkte leicht gelangweilt, als fragte er sich: was mache ich hier eigentlich? Er trug ein Cordjackett und einen Rollkragenpullover. Beide hatten schon bessere Zeiten gesehen, aber er trug sie mit einer gewissen grandezza.

Wahrscheinlich hatte er Jahre später die Absicht, die selben Sachen bei der Aufnahme in die Académie Française zu tragen. Er hatte sich ja geweigert, den grünen Frack (der in Wirklichkeit ein dunkelblauer Frack mit grüner Stickerei ist) zu tragen. Offensichtlich trägt den in der Académie auch nicht jeder, wie man dieser amüsanten Skizze von Kurt Tucholsky aus dem Jahre 1928 entnehmen kann. Als Pierre Cardin in die Académie des Beaux-Arts aufgenommen wurde, hat er sich seinen eigenen grünen Frack entworfen. Offiziell ist also Robbe-Grillet niemals aufgenommen worden. Weil er nicht den mit grünen Palmzweigen bestickten Frack des habit vert tragen wollte und seine Lobrede auf seinen Vorgänger (die laut der Statuten vorgeschrieben ist) nicht vorher abliefern wollte. Wahrscheinlich war ihm das mit dem Frack zu teuer. Für Pierre Cardin war der Frack, den Napoleon der Academie am 23. floréal des Jahres IX verordnet hatte, sicherlich billiger, weil er ihn in seinem Haute Couture Haus hatte anfertigen lassen.

Aber die Ernennung zu einem Unsterblichen stand an jenem Tag, als ich mich in den Saal hinein geschummelt hatte, noch in den Sternen. Ich bin dann aber vorzeitig gegangen. Der Vortrag, den er hielt, hatte er schon hundertmal gehalten. Er trug seine Ansichten über den Roman, die einmal die französische Literatur bewegt und aus dem roman den nouveau roman gemacht hatten, ohne jede Beteiligung vor. Allerdings will ich auch gerne zugeben, dass ich nach Les gommes, Le voyeur und La Jalousie nichts mehr von ihm gelesen habe. Ich fand irgendwann Michel Butor interessanter.

Natürlich hatte ich Letztes Jahr in Marienbad gesehen, sogar mehrfach, weil wir kleinen Cinéasten damals in jedem französischen Film verborgene großartige Botschaften vermuteten. Wenn man diesen unverständlichen Film nur lange genug anguckte, entdeckte man vielleicht unter der Oberfläche des Dekors geheime Bedeutung. Also etwas mehr als die Staffage für die erotische Photographie von Helmut Newton, Jeff Dunas und Roy Stuart. Ich habe letzten Woche wieder in den Film hineingeschaut, zu dem Robbe-Grillet das Drehbuch geliefert hatte. Lief ja auf Arte. Und was passierte? Ich war das französische Sabbelkino (wie mein Freund Georg das genannt hat) nach zehn Minuten leid. Habe dann Der letzte Bulle geguckt und hinterher auf Inspector Barnaby umgeschaltet. Wir Cinéasten wissen schon, was wir tun.

Aber ich hatte das Wichtigste gesehen (und wenn Sie sich den Trailer anschauen, haben Sie den ganzen Film gesehen), und das war natürlich das Streichholzspiel und die eleganten Klamotten. Wie hatte ich das Streichholzspiel vergessen können? Die eleganten Klamotten hatte ich natürlich nicht vergessen. Damals ging man ins Kino, um sich in den französischen und italienischen Filmen die modischen Leitbilder zu suchen. Jeder wollte so aussehen wie Giorgio Albertazzi (der X aus dem Film Letztes Jahr in Marienbad) oder Marcello Mastroianni in La notte. Elegante weiße Hemden und enggeschnittene, möglichst italienische, dunkle Anzüge.

Mein guter blauer englischer Anzug von Charly Hespen war für solche Inszenierung nicht so recht geeignet. Er hat lange gehalten, ich trug ihn zum Abitur und noch viele Jahre später zur Doktorprüfung (und mein Freund Götz hat ihn später auch noch zu seiner Doktorprüfung getragen). Englische Anzüge sind O.K. und sind für die Ewigkeit, aber damals waren scharfe italienische Anzüge gefragt. An so etwas war bei Charly Hespen am Wall, in dessen Laden alle guten Marken Englands zu finden waren, nicht zu denken. Aber Albert Dahle von der Firma Kass, über den ich schon einmal geschrieben habe, der hatte damals modischen Wagemut und hatte solche Teile von der italienischen Firma SIDI im Angebot. Und ich überredete meine Eltern, dass ich unbedingt so etwas haben müsste - dann könnte ich den guten englischen Anzug auch schonen. Ich bin Albert Dahle immer noch dankbar, dass ich zu einem Marcello Mastroianni look-alike werden konnte.

Alain Robbe-Grillet schrieb nicht nur Filmdrehbücher, er begann irgendwann auch als Regisseur. Und da zeigte der Theoretiker des nouveau roman sein zweites Gesicht. Anlässlich der deutschen Premiere von Just Jaeckins Softporno Die Geschichte der O. schrieb der Spiegel: Sogar Alain Robbe-Grillet, Veteran des eher unsinnlichen Nouveau roman, dreht Filme, die mit feiner Ästhetik unfeine Sexualgewohnheiten ausstellen und den Zuschauer zum Voyeur sadistischer Veranstaltungen machen: Sein "Spiel mit dem Feuer" zeigt bevorzugt blutjunge Mädchen in Ketten und an Betten gefesselt

Leute, wenn ihr ein wenig aufgepasst hättet, hättet ihr gemerkt: der machte schon seit Jahren nix anderes mehr. Denn gleichzeitig mit dem nouveau roman (und ein Jahrzehnt vor Arsans Emmanuelle) entstand in Frankreich eine neue Form des Roman, die nichts mit Robbe-Grillet, Michel Butor et.al. zu tun hatte, sondern ein Rückgriff auf den guten alten Marquis de Sade war. Also so etwas wie Die Geschichte der O.. Das Pikante ist, dass Robbe-Grillets Gattin ein Jahr vor ihrer Ehe auch solch einen Roman, L'imagegeschrieben hatte. Oder hat er sie vielleicht deswegen geheiratet?

Als die Verfilmung von L'Image gedreht wurde, drehte Robbe-Grillet gerade Glissements progressifs du plaisir und Le Jeu avec le feu, auch wieder Filme, auf die das gerade frisch erfundene Wort Porno Chic zutrifft. Der Unterschied zwischen Robbe-Grillet und Jess Franco war nur der zwischen softcore und hardcore. Der französische Pornofilm nahm diese Nobilitierung durch die Literatur gerne auf und produziert Filme wie Je suis à prendre mit Brigitte Lahaie. Das muss man den Franzosen lassen: zu der Zeit, wo wir den Schulmädchen Report haben, haben sie Pornos mit Stil.

Aber es ist ja, seit der Gothic Novel, wo die verfolgte Unschuld im déshabillé von dem Bösewicht durch das Schloss gejagt wird, immer wieder die gleiche Geschichte. Da fällt den Franzosen seit de Sade nichts ein. Erinnern Sie sich an die Szene in Belle de Jour, wo Séverine (Catherine Deneuve) nackt in einem Sarg liegt? Die ganzen Zutaten - das Schloss, der reiche, aber leicht debile Adlige, die schöne Blondine - das sind doch alles abgeschmackte Versatzstücke aus der Welt des Marquis de Sade. An der Szene mit dem Auspeitschen im Wald hätte der Marquis seine Freude gehabt.

Nun sagen uns natürlich die französischen Filmkritiker: das ist kein Porno. Das ist ein ironisches Spiel mit diesen Elementen. C'est bien joli, mais... ich mag's nicht so ganz glauben. Denn Ähnliches hat schon Robbe-Grillet 1966 für sich in Anspruch genommen (was der Spiegel ein Jahrzehnt später immer noch nicht gemerkt hatte), als er Trans-Europ Express drehte. Die Herausgeber von Pioniere und Prominente des modernen Sexfilms (Citadel-Goldmann. Vorwort von Laurens Straub) wussten 1983 schon, was sie taten, als sie Alain Robbe-Grillet in den Band aufnahmen. Da kam er gleich hinter unserem deutschen Nackedei Schnuckelchen Andrea Rau.

Nach seinem kurzen Beginn in der ernstzunehmenden französischen Literatur ist Alain Robbe-Grillet sehr schnell in die französische Pornographie gewechselt. Wenn Sie nicht wissen sollten, worüber ich rede, lesen Sie doch mal eben diese Rezension im Spiegel. Und das hat sich dann auch nie geändert. Zu seinem Alterswerk Die Wiederholung schrieb die FAZSeine erotischen Obsessionen Sadomasochismus, Voyeurismus und blutjunge Mädchen - sind im Roman präsent, der die besten Seiten von Robbe-Grillets umfangreicher Aktliteratur enthält: hier ist alles mehr Parodie als Pornographie. So kann man das natürlich verkaufen, aber ich glaube nicht an die Parodie. Ich glaube, der hatte nix anderes mehr im Kopf als das Recycling des schmuddeligen Charmes der Bourgeoisie.

So, diese hundert Zeilen Hass wollten mal eben geschrieben werden. Das war mir klar, als ich den Namen Alain Robbe-Grillet auf dem immerwährenden Geburtstagskalender des Arche Verlags entdeckte.

Mittwoch, 17. August 2011

Sempé


Wenn ich auf das blicke, was Wikipedia am 229. Tag des Jahres als denkwürdig erscheint, dann gibt es für mich nur zwei Ereignisse, die man herausheben sollte: die Veröffentlichung von Miles Davis Kind of Blue Album 1959 und der Geburtstag von Jean-Jacques Sempé. Und so werde ich den Tag damit verbringen, Kind of Blue zu hören und Bücher mit den wunderbaren Zeichnungen von Sempé durchzublättern.

Eigentlich wollte ich nach diesem Satz aufhören. Aber dann wären Sie wahrscheinlich enttäuscht, weil Sie von diesem Blogger mehr gewöhnt sind. Also gut. Zuerst muss ich bekennen, dass ich kein großer Miles Davis Fan bin. Weil ich vor vierzig Jahren den Fehler gemacht habe, und mir Bitches Brew gekauft hatte. Habe ich mich nie dran gewöhnt. Ich finde auch die Filmmusik von Fahrstuhl zum Schafott (Ascenseur pour l’échafaud) viel besser als Kind of Blue. Denn es war diese Platte, die Miles Davis dazu gebracht hat, Kind of Blue aufzunehmen. Und da wir gerade bei musikalischen Bekenntnissen sind, möchte ich noch At Last! Miles Davis and the Lighthouse All-Stars von 1953 empfehlen. Konnte man jahrzehntelang nicht bekommen, aber ich war immer stolz, die Platte zu haben. Jetzt habe ich bestimmt alle Miles Davis Fans vergrellt.

Ascenseur pour l’échafaud ist 1957 in Paris aufgenommen worden, mit der Band von René Urtreger, der auch in der schönen Jazz in Paris Reihe von Gitanes mit einer CD (No. 67) vertreten ist. Und Paris bringt mich natürlich zu unserem Geburtstagskind Jean-Jacques Sempé. Der im gleichen Jahr seinen großen Durchbruch hatte und von dem Jahr an regelmäßig mit seinen Zeichnungen in Paris-Match, Punch, L'Express, der New York Times und dem New Yorker zu sehen war. Ein Jahr später hatte er schon einen Vertrag von Diogenes. Wenn man als Karikaturist vor einem halben Jahrhundert einen Vertrag mit Daniel Keel hatte, war man in den Olymp aufgenommen worden. Denn da waren sie alle: Edward Gorey, Gerard Hoffnung, Norman Thelwell, Shel Silverstein, Sam Cobain, Chas Addams, Saul Steinberg, Ronald Searle. Und die Franzosen wie Chaval, Bosc, Siné und Topor. Loriot (dessen Tochter der Diogenes Lektor Gerd Haffmanns geheiratet hat) und Paul Flora waren da seit ihren Anfängen, Tomi Ungerer nicht zu vergessen. Später kamen aus Deutschland noch Waechter, Traxler, Deix und Franziska Becker dazu.

Sehr gehrter Herr Sempé, Bosc hat uns freundlicherweise Ihre Adresse gegeben. Zur Zeit bereiten wir unseren vierten Sammelband Cartoons 1959 vor. Wenn Sie Lust haben, schicken Sie uns doch etwa zwanzig Ihrer besten Zeichnungen, hatte Daniel Keel 1958 nach Paris geschrieben. Das war der Beginn einer jahrzehntelangen Freundschaft. Die nicht immer ungetrübt war, irgendwann hatten sich Sempé und Keel gründlich verkracht.  So dass der Schöpfer des kleinen Nick ihm schrieb: Entweder entscheiden wir, daß ich nicht mehr für Diogenes arbeite. Oder ich arbeite weiter für Diogenes, aber wir, Du und ich, haben keinen Kontakt mehr. So ist es auch gekommen, die nächsten Jahre lief alles über Keels Freund und Teilhaber Rudolf C. Bettschart. Der schickte immer seine Assistentin nach Paris, damit sie die Cartoons abholte und Sempé sein Geld brachte. Aber irgendwann haben sich die beiden Streithähne in einer Pariser Brasserie wieder versöhnt. Als Verleger von Leuten, die witzig Geschichten zeichnen, hat man es nicht immer leicht.

Denn auch die Welt von Sempé ist nicht lustig, wie vor Jahren Patrick Süskind in einem kleinen Essay über unser Geburtstagskind schrieb: Darum genügt es nicht, ein Album von Sempé rasch im Stehen in der Buchhandlung wie ein Daumenkino durchzublättern - ach wie nett, schau wie lustig! -, nein, man muss es mit nach Hause nehmen, den günstigen Moment abwarten, wo man für eine gute Weile ungestört ist, sich in eine Ecke damit setzen, am besten auf den Boden, und es Seite für Seite anschauen, darin lesen (auch wenn es keinen Text hat) und es langsam dechiffrieren. Was für ein Gewinn, was für ein Vergnügen!

Dienstag, 16. August 2011

Cowpens


Heute ist der Jahrestag der Schlacht von Camden, wo die Amerikaner unter Führung von General Horatio Gates so fürchterlich verloren haben. Und der feige Gates sicherheitshalber erst einmal getürmt ist. Ich hatte das schon erwähnt, als ich über ➱Nathanael Greene schrieb. Und ich nehme das Datum einmal zum Anlass, das Versprechen einzulösen, über die denkwürdige Schlacht von Cowpens und den General Daniel Morgan zu schreiben.

Die ➱Baronin Riedesel, die ihrem Gatten nach Amerika gefolgt war, hat uns in ihrem Buch Die Berufs-Reise nach America. Briefe der Generalin Riedesel auf dieser Reise und während ihres siebenjährigen Aufenthaltes in America zur Zeit des dortigen Krieges in den Jahren 1777 bis 1783 nach Deutschland geschrieben ein lebendiges Bild von ihrer Zeit in Amerika während des Unabhängigkeitskrieges hinterlassen. Sie mokiert sich darin auch über amerikanische Offiziere, die vor dem Krieg einfache Handwerker waren. Das kann man sich in deutschen Adelskreisen einfach nicht vorstellen. Allerdings hat auch Washington ähnliche Vorstellungen von einem Offizier. Er feuert einen Captain, der vorher Friseur war und jetzt seiner Kompanie die Haare schneidet. Irgendwo sind Grenzen. Ganz bestimmt hat Daniel Morgan der Baronin Riedesel nicht gefallen, denn der grobschlächtige ungebildete Mann begann sein Berufsleben als Fuhrunternehmer, den Spitznamen Old Waggoner hat er sein Leben lang getragen. Er kann immerhin lesen und schreiben, wir sollten aus der Orthographie der wenigen erhaltenen Briefe nicht auf seine Intelligenz schliessen. Amerikaner können keine Rechtschreibung! Das sieht in den Manuskripten von Hemingway und Fitzgerald nicht anders aus als bei dem Old Waggoner. Die Baronin Riedesel hat in Saratoga ja noch mal Glück gehabt, dass sie nach der für die Engländer (und ihren Gatten) schmähliche Kapitulation nicht mit dem Colonel Morgan am Tisch sitzen musste, weil sie der nette General Schuyler in sein Zelt eingeladen hatte.

Wenn wir John Trumbull trauen dürfen, dann hat Daniel Morgan in Saratoga (einer Schlacht, die seine Elitetruppe aus Virginia mitentschieden hat) so ausgesehen, wie auf diesem Bild. Es ist nicht die Uniform, die die amerikanischen Generäle Schuyler, Glover und Whipple neben ihm tragen. Oder Horatio Gates in der Bildmitte. Der mit der Schlacht wenig zu tun hat, sich aber als Sieger feiern lässt. Daniel Morgan trägt wie sein berühmtes 11. Virginia Regiment ein hunting shirt (dies ist allerdings die Gala-Ausführung). Das wird ➱Mode machen. Auch Washington (der so etwas natürlich nie trägt) und der Kongress sind von dem Teil begeistert. Weil es viel preiswerter in der Herstellung (sei es Leinen oder Hirschleder) ist als eine richtige Uniform. Was durch James Fenimore Coopers Lederstrumpf eines Tages berühmt wird, tragen die Scharfschützen von Morgan jetzt schon.

Sie sind bei den Engländern gefürchtet. Morgan hat nur Leute in seinem Regiment aufgenommen, die mit dem ersten Schuss ein Ziel von der Größe eines Kopfes auf 100 Yards trafen. Der Fama noch soll die Zielscheibe ein Abbild von König Georg gewesen sein. So etwas finden die Engländer schlichtweg not fair, man schießt nicht aus der Ferne auf Offiziere. Die Engländer haben auch eine Truppe von Scharfschützen, kommandiert von Major Patrick Ferguson, in Amerika. Der hat auch ein Gewehr erfunden, das seiner Zeit hundert Jahre voraus ist. Kein Vergleich mit der Brown Bess Muskete der Army. Aber man wird dieses Gewehr nicht in großen Zahlen bauen und einsetzen, Patrick Fergusons sharp shooters spielen nur eine marginale Rolle in dem Krieg. Und dabei hätte er George Washington (er wusste nicht, dass es Washington war) erschiessen können, aber er hat es gelassen. Er fand es disgustingAs I was with the distance, at which in the quickest firing, I could have lodged a half dozen balls in or about him before he was out of my reach, I had only to determine, but it was not pleasant to fire at the back of an unoffending individual who was acquitting himself coolly of his duty, and so I let him alone. Morgan hat keine Schwierigkeiten, seinen Leuten zu befehlen, auf die Offiziere und die Sergeanten zuerst zu schießen.

Der Krieg in Amerika hat, vor allem seit er sich in den Süden verlagert hat, andere Formen angenommen als es die Engländer von ihren Kriegen in Europa gewöhnt sind. Da führt man noch (auf jeden Fall bis zu Napoleons levée en masse) das, was Historiker den Kabinettskrieg nennen. Feste Regeln und Reglementierungen. Hatte es schon seit dem Mittelalter gegeben, da gab es schon Schiedsrichter, deren Hauptaufgabe es war, sich auf den Namen der Schlacht (nach dem nächsten Adelssitz) zu einigen. Und zu erklären, wer gewonnen hatte. Es war festgelegt, wer wen gefangen nehmen durfte, wer wen erschlagen durfte. Aber Gesetze sind offensichtlich dafür da, um gebrochen zu werden. Die Frucht vom Baum der Erkenntnis wird unerlaubt gegessen. Der Sündenfall des "zivilisierten" Krieges findet spätestens in der Schlacht von Azincourt statt, als die walisischen Bogenschützen anfangen, die adligen französischen Ritter zu erschlagen.

Die Europäer hatten schon vor dem Revolutionskrieg den Krieg einmal nach Amerika getragen. Was bei uns Siebenjähriger Krieg heißt, heißt in den Kolonien French and Indian War, und da bekommt der Krieg eine neue Dimension der Grausamkeit. James Fenimore Coopers ➱Version von dem massacre of Fort William Henry ist ja noch eine nette Version von dem, was in Amerika in diesen neun Jahren geschieht. Der junge Daniel Morgan ist (wie der junge George Washington) dabei gewesen. Er hat einmal einen englischen Offizier verprügelt, was ihm 499 Peitschenhiebe einbringt. Normalerweise ist der Delinquent dann tot, Morgan wird das überleben. Und die Engländer ewig hassen. Die Narben wird er sein Leben lang zeigen. Auch in der Nacht vor der Schlacht von Cowpens.

Daniel Morgans Gegner ➱Banastre Tarleton heißt bei den Amerikaner nur Bloody Ban, er soll Amerikaner niedergemetzelt haben, die sich längst ergeben hatten. Tarleton's quarter wird daraufhin das Umbringen wehrloser Gegner heißen. Beide Seiten betreiben das, der French and Indian War und viele kleine Indianerkriege (an denen Morgan auch teilgenommen hat) haben eine neue Dimension der Grausamkeit in die Kolonien gebracht. Francis Marion, den man den swamp fox nennt, erfindet den Guerrilakrieg. Der Kabinettskrieg ist eine Sache der Vergangenheit.

In der Nacht vor der Schlacht von Cowpens schläft Daniel Morgan nicht, er schleppt sich mit seinen kaputten Bandscheiben (ein Ergebnis des Kanadafeldzuges, das er als a glimmering glimpse of eternity bezeichnete) von Lagerfeuer zu Lagerfeuer und redet mit jedem. Besonders den jungen Freiwilligen von der Miliz, die keinerlei militärische Erfahrung haben. Er hat einen einfachen Plan, und er will, dass ihn jeder versteht. Kein General in Europa käme in diesem Jahrhundert auf die Idee, einen einfachen Plan zu haben und ihn in der Nacht vor der Schlacht seinen Soldaten zu erklären. Morgan baut seinen Plan darauf auf, dass sein Gegner Tarleton heißt, und der hat einen one track mind. Der beau sabreur der Engländer kann nur angreifen, Nachdenken ist bei ihm nicht.

Tarleton ist mit seinen Truppen unweit der Kuhpferche des Herrn Hannah, nach denen die Schlacht heißt. In der Eiseskälte der Dunkelheit (wir haben Januar) hetzt er sie, manchmal im Laufschritt, zum Schlachtfeld. Er weiß von seinen Spionen, dass der größte Teil von Morgans Truppen aus Milizsoldaten besteht. Für die hat er nur Verachtung übrig, sie waren ja auch bei Camden gleich weggelaufen - aber da hatte auch niemand die ganze Nacht mit ihnen geredet. Sie können auch nicht weglaufen. Auf jeden Fall, nicht sehr weit. Hinter ihnen ist der Broad River, das hat General Morgan so ausgesucht. Die Engländer haben bestenfalls vier Stunden in den letzten vierundzwanzig Stunden geschlafen, sie sind durch den Gewaltmarsch fix und fertig, als ihnen Tarleton bei Sonnenaufgang um 6.45 den Angriff befiehlt. Sie brauchen sich nicht mehr lange zu plagen, eine Stunde später ist alles vorbei, und beinahe die ganze Truppe von Tarleton ist tot oder in Gefangenschaft. The most serious calamity since Saratoga, wird einer der Offiziere aus Lord Cornwallis' Stab sagen. Es ist der Anfang vom Untergang der englischen Armee von Lord Cornwallis. Seldom has a battle, in which greater numbers were not engaged, been so important in its consequences as that of Cowpens, hat John Marshall gesagt.

Der Hergang der Schlacht ist schnell erzählt, jeder Stammtischstratege kann das. Fünftklässler einer amerikanischen High School stellen ihre Cowpens ➱Videos ins Netz (wenn Sie eine visuelle Hilfe brauchen, nehmen Sie ➱dieses Video). Auch der deutsche Wikipedia Artikel ist brauchbar, wenn auch in der Terminologie etwas seltsam (auf einer Heeresoffiziersschule war der Verfasser wohl nicht).

Daniel Morgan ist der archetypische amerikanische Held der frontier Gesellschaft (obwohl Daniel Boone bekannter geworden ist als er). Er scheint aus dem Nichts zu kommen, man weiß nichts über seine Herkunft und seine Familie. Er ist tough, stärker als all die Helden, die John Wayne gespielt hat. Er ist schnell beleidigt, und quittiert irgendwann den Dienst, weil man ihn bei der Beförderung zum General immer wieder übergangen hat. Aber als Horatio Gates die Schlacht von Camden verloren hat und die Continental Army im Süden vor ihrer Auflösung steht, da schleppt er sich mit seinem kaputten Rücken wieder auf das Schlachtfeld. Und schlägt die verhassten Briten in einer Stunde. Danach ➱schreibt er an seinen Vorgesetzten Nathanel Greene: Dear Sir, The Troops I had the Honor to command have been so fortunate as to obtain a compleat Victory over a Detachment from the British Army commanded by Lt Colonel Tarlton. The Action happened on the 17th Instant about Sunrise at the Cowpens. It perhaps would be well to remark, for the Honour of the American Arms, that Altho the Progress of this Corps was marked with Burnings and Devastations & altho’ they have waged the most cruel Warfare, not a man was killed, wounded or even insulted after he surrendered. Had not Britons during this Contest received so many Lessons of Humanity, I should flatter myself that this might teach them a little, but I fear they are incorrigible.

Und er beendet den Brief mit den Sätzen From our Force being composed of such a Variety of Corps, a wrong Judgment may be formed of our Numbers. We fought only 800 men, two thirds of which were Militia. The British with their Baggage Guard, were not less than 1150, & these Veteran Troops. Their own Officers confess, that they fought 1037. Such was the Inferiority of our Numbers that our Success must be attributed to the Justice of our Cause & the Bravery of our Troops. My Wishes would induce me to mention the Name of every private Centinel in the Corps I have the honor to Command. In Justice to their Bravery & good Conduct, I have taken the Liberty to enclose you a List of their officers from a Conviction that you will be pleased to introduce such Characters to the World.

Hätte er Shakespeares Henry V gekannt, hätte er sagen können: We few, we happy few, we band of brothers.