Sonntag, 10. Juli 2016

Bildbeschreibung


Gibt man den Begriff Bildbeschreibung bei Google ein, bekommt man hunderte von Anleitungen, wie man das richtig macht. Für Kunsthistoriker sind Bildbeschreibungen etwas Selbstverständliches, aber die Kunst der Beschreibung wird auch schon in der Schule geübt. Interessant wird das Ganze, wenn sich Schriftsteller diesem Thema widmen. Denn Prosa kann auch etwas mit dem Sehen zu tun haben. Sagt auf jeden Fall Joseph Conrad: My task which I am trying to achieve is, by the power of the written word, to make you hear, to make you feel — it is, before all, to make you see. That — and no more, and it is everything. If I succeed, you shall find there according to your deserts: encouragement, consolation, fear, charm — all you demand; and, perhaps, also that glimpse of truth for which you have forgotten to ask.

Ich habe heute eine Bildbeschreibung der besonderen Art. Sie ist von Horace Walpole, einem Mann, der in diesem Blog kein Unbekannter ist. Der Mann, der die ➱Gothic Novel erfunden hat, hat ➱hier schon einen Post, und er wird in einer Vielzahl von Posts erwähnt. Das Bild, das er beschreibt, ist von dem englischen Maler George Stubbs. Es heißt Horse Frightened by a Lion und hängt heute in der Tate Gallery. Englands berühmtester Pferdemaler hat die Begegnung von Pferd und Löwen immer wieder gemalt: The dramatic theme of a lion attacking a horse is one of the most important in Stubbs's art and one which preoccupied him for over thirty years. It admirably combined his legendary anatomical precision as an animal painter with the heroic action, drama and sentiment required of the elevated genre of History Painting. Das lassen wir mal weg, wir schauen uns nur dieses Bild an. Und lesen Walpoles On seeing the celebrated startled horse painted by the inimitable Mr Stubbs:

- And picture snatch the palm from life.

How weak are words the passions to display,
How artificial sounds are thrown away!
When startled nature rushes through the eyes,
In all the force of terror and surprise!
Look there, proud Sage, thy learned spleen repress,
Look there convinc'd - th' extorted strewth confess,
Convinc'd, transfix'd, repress thy learned spleen,
Is that an engine! that a mere machine!
Did ever terror through the senses look
With more astonish'd force! - fling down thy book,
Vain Man! read nature there by reason taught;
Nature and reason are together fraught
In that sublime essay - my blood runs back,
My fibres tremble, and my sinews slack;
I feel his feelings: how he stands transfix'd!
How all the passions in his mien are mix'd!
How apprehension, horror, hatred, fear,
In one expression are concenter'd there!
How pois'd betwixt the love of life and dread,
With yielding joints, with wild distended head,
With ears shot forward, with stiff projected mane,
That all the workings of his soul explain,
He trembling stands! and on the lyon nigh
With frighted visage and with fasten'd eye,
He stares bereft, unable to retire!
The furious beast with fascinating fire
Dissolves his faculties: he's root'd there.
How elegant, how tender, is his air;
His beauteous frame, in such convuls'd distress
Must all the anguish of his heart express:
In terms pathetic we peruse his pain,
And read his pang through each transparent vein.
Through that stretch'd nostril see each feeling fly,
And Garrick's self might study close that eye;
Holland and he with ardor here may dwell.
And copy nature, if they can, so well.
Thy pencil, Stubbs, no rival need to fear
Not mimic art, but life itself is here.

Ein Bild, ein Gedicht. Und das Wortgemälde von Walpole ist gleichzeitig eine Art Traktat über die Darstellbarkeit von Gefühlen des terror and surprise, die der Dichter nicht beschreiben kann: How weak are words the passions to display. Nur der Maler, und nur der inimitable Mr Stubbs (hier zu Pferde), ist in der Lage das wiederzugeben. Walpole, der den Essay A Philosophical Inquiry into the Origins of Our Ideas of The Sublime and Beautiful von ➱Edmund Burke kennt, gesteht Stubbs zu: life itself is here. Das hätte Simonides von Keos anders gesehen, über den Plutarch den Satz berichtet: Poema pictura loquens, pictura poema silens. 

Da ich mit Simonides von Keos einen Griechen zitiert habe, möchte ich noch einen anderen Griechen erwähnen. Der heißt Aris Sarafianos, und er hat zu dem Thema Stubbs, Walpole und Burke einen sehr interessanten ➱Aufsatz geschrieben, den die Tate Gallery auf ihrer Seite veröffentlicht hat. Die wissen, wie man so etwas macht. Die Museen von Aschaffenburg und Miltenberg sind nicht in der Lage, die Gemälde von ➱Philipp Wirth ins Internet zu stellen. Und auch viele große deutsche Kunsthallen bieten nicht die Informationen, die die Tate Gallery anbietet. Diese englische Standuhr ist hier nur als ein Beleg dafür, dass das Motiv von Löwe und Pferd, das Stubbs dreißig Jahre beschäftigt hat, auch in die populäre Kunst wandert. Das Bild über dem Zifferblatt wäre Walpole wahrscheinlich keine Zeile wert gewesen.

Der inimitable Mr Stubbs ist heute vor 210 Jahren gestorben. Er hat ➱hier natürlich längst einen Post. Er hat viele Pferde (aber auch anderes) gemalt. Pferde mögen mich nicht, das habe ich schon in dem Post ➱Derby geschrieben. Wo auch steht, dass mein Vater Pferde mochte und mich als ich klein war zu allen möglichen Pferdeschauen und Pferderennen mitgeschleppt hat. Selbst wenn ich keine Pferde mag, die Bilder von Stubbs habe ich immer gemocht. Einen Druck von diesem Bild hatte ich jahrzehntelang an der Wand. Es gefällt mir immer noch.

Wenn man mehr über Stubbs wissen will, dann gibt es nur einen Namen: Judy Egerton. Leider erwähnt der deutsche Wikipedia Artikel sie nicht unter der wichtigen Literatur. Judy Egerton war Assistant Keeper der British School in der Tate Gallery, 1984 hat sie die große Stubbs Ausstellung organisiert. Der Katalog ist bei Amazon zu Preisen zwischen 4,73 und 100 Euro zu bekommen. Sehr viel teurer ist das Buch, das sie fünf Jahre vor ihrem Tod vollendete. Es hat den schlichten Titel George Stubbs, Painter.

Und den Untertitel Catalogue Raisonné (man kann bei ➱Google Books Teile davon, aber nicht alles, lesen). Als das Buch 2007 auf den Markt kam, kostete es 95 Pfund, man kann froh sein, wenn man heute noch ein Exemplar für diesen Preis bekommt. Es ist der erste vollständige Werkskatalog, 700 Seiten voller Abbildungen. Das Paul Mellon Centre for Studies in British Art hat einige Millionen dazugegeben, sonst wäre ein Preis von unter hundert Pfund für das Buch nicht möglich gewesen. Vor einem halben Jahrhundert hätte man für 95 Pfund vielleicht noch einen Kupferstich von Stubbs bekommen, jetzt, wo seine Bilder zu zweistelligen Millionen gehandelt werden, nicht mehr.

Ich mag dieses Zebra. Das Tier gehörte der Königin Charlotte. Stubbs mochte das Bild offensichtlich auch, denn bis zu seinem Tode hatte das Bild sein Studio niemals verlassen. Der Hintergrund soll irgendwo in Afrika sein, sieht aber doch eher nach England aus. Und ein klein wenig nach dem Wald von ➱Georg Friedrich Kersting. Paul Mellon musste dafür 1960 zwanzigtausend Pfund auf den Tisch legen. Es war das teuerste Stück eines jumble sale bei Harrods, der Rest der Auktion waren alte Möbelstücke und Waschmaschinen.

Wenn ich zum Schluss noch ein Buch empfehlen darf, dann ist das Robin Blakes George Stubbs and the Wide Creation: Animals, People & Places in the Life of George Stubbs, 1724-1806. Im Gegensatz zu den beiden Titeln von Judy Egerton ist das Buch leicht zu finden und kostet nicht die Welt. Es ist eine gut lesbare Biographie und eine kleine Kulturgeschichte Londons und Englands im 18. Jahrhundert. Robin Blake schreibt eigentlich Romane, schreibt aber auch in der Financial Times über Kunst und hat eine Biographie über van Dyck geschrieben. Vieles in seinem Buch ist Spekulation, wir wissen nicht so viel über Stubbs. Also, außer dem, was sich in A Memoir of George Stubbs by Ozias Humphry und einem dreiteiligen Nachruf im Sporting Magazine findet.

Wo man im Mai 1808 über den kurzen Afrikaaufenthalt von Stubbs lesen konnte: One evening, while Stubbs and his friend were viewing the delightful scenery … a lion was observed at some distance, directing his way, with a slow pace, towards a white Barbary horse … the lion, finding him within his power, sprang in a moment, like a cat, on the back of the defenceless horse, threw him down, and instantly tore out his bowels. Es ist eine schöne Geschichte, aber sie ist wohl leider nicht wahr. Das ist immer so mit den schönen Geschichten.

Donnerstag, 7. Juli 2016

Miltenberg


Wenn man (Mann) in den sechziger Jahren chic war, dann sah man so aus. Wie ➱Peter Frankenfeld, hier einmal ohne seine großkarierten Jacken (bei karierten Jacken fällt mir immer Herr ➱Gauland ein, um den es so merkwürdig still geworden ist). Peter Frankenfeld - und viele andere Schauspieler wie zum Beispiel ➱Curd Jürgens - machte Werbung für die Miltenberger Kleiderwerke (MKW). Die gibt es heute noch, sie heißen allerdings heute Daniel Hechter. Das war mal ein berühmter französischer Modeschöpfer, der ein klein wenig fußballverrückt war.

Er war der größte Geldgeber für Paris Saint-Germain, für die er auch einen neuen Dress entwarf. Hier sitzt er als Präsident von PSG neben Robert Vicot und Just Fontaine im Stadion. Er trägt ein schlichtes ➱T Shirt (auf dem Daniel Hechter steht), wir sind im Jahre 1971, da ist das vielleicht revolutionär. Revolutionär sind sicher auch von einem Designer entworfene Jerseys. Auch die seltsamen Jerseys, die die gerade in Frankreich Fußball spielenden Millionäre tragen, zeigen ja viel Designwillen.

Hechter hat auch einmal die Kleider für ➱Brigitte Bardot entworfen. Was wohl keine so große Leistung ist, an Brigitte Bardot hätte in den fünfziger und sechziger Jahren auch ein Müllsack gut ausgesehen. Ja, Daniel Hechter war mal berühmt. Zuerst war er ein Couturier, dann erfand er das Prêt-à-porter (angeblich de luxe). Lizenzen bringen viel Geld. Macht ja heute jeder in Paris, ➱Lagerfeld auch. Ich hatte mal ein grünes Samtjackett von Hechter, dessen Revers und Taschen mit einem dünnen Lederrand paspeliert waren, sah toll aus. War aber schon etwas zu klein, als ich es in Paris kaufte. Wurde auch später leider nicht größer.

Solche Teile gab es wahrscheinlich in Deutschland nicht, weil hier die Firma von Otto Aulbach die Lizenz für Daniel Hechter hatte. Die hatten auch den Namen von ➱Christonette of Copenhagen gekauft hatte, allerdings sahen ihre Produkte den ehemaligen dänischen Luxusprodukten überhaupt nicht ähnlich. Auf diesem Photo aus dem Jahre 1972 trägt der Herr mit Sonnenbrille (it's never too dark to be cool) Daniel Hechter, der Mann daneben ➱Ralph Lauren. Als sich der Pariser Modeschöpfer, der wie ➱Pierre Cardin seinen Namen überall hin verkauft hatte, zur Ruhe setzte, kaufte die Miltenberger Otto Aulbach den Namen.

Auf die Wikipedia Seite von Miltenberg haben es die Firmenchefs von Daniel Hechter nicht geschafft. Er hier dagegen schon, es ist der Maler Philipp Wirth, der am 7. Juli 1808 in Miltenberg geboren wurde. Mit Mode hatte er auch ein klein wenig zu tun, er war Portraitmaler, da achtet man (vor allem die Kundschaft) schon mal auf die Mode. Was wäre aus ➱Thomas Lawrence geworden, wenn er kein Gespür für Mode gehabt hätte? Und ➱Anders Zorn wäre nichts ohne Otto Bobergh, dem Compagnon von ➱Charles Frederick Worth, geworden. In solch erlauchter Gesellschaft hat sich Philipp Wirth nicht bewegt, aber ein klein wenig Mode hat er von zu Hause mitbekommen: sein Vater war Hutmacher.

Wirth ist nicht nur in Miltenberg geboren (hier am Marktplatz hat er gewohnt), er ist dort auch siebzig Jahre später gestorben. Hoch begabt, unverstanden, arm verstorben, längst vergessen. Der Maler (und Photograph) Philipp Wirth, der sich auf Portraits spezialisierte (aber auch Landschaften malte), war jedoch nicht sein Leben lang in Miltenberg. Er hat in München und Wien Malerei studiert, Reisen führten ihn nach London und Paris. Die Reise nach Paris war dem Würzburger Abendblatt im November 1843 eine Notiz wert: Unser Landsmann, der tüchtige Porträtmaler Wirth, hat heute hiesige Stadt verlassen, um sich nach Paris zu begeben und dort längere Zeit der Kunst zu widmen. Bei der Reise nach England ist Wirth mit dem neuen Medium Photographie in Berührung kommen, er wird später mit seinem Bruder in Miltenberg ein Photostudio eröffnen, das aber keinen großen Erfolg hat. Wichtiger bei der Englandreise war, dass er in Windsor Castle Bilder von van Dyck kopiert hat, was für ihn zu einer Vorlage für seine Portraitmalerei wurde.

In Paris wird sich Wirth dem ➱Aktzeichnen widmen: Die Tatsache, daß sich Philipp Wirth in Paris noch einmal mit Aktzeichnen beschäftigt, liegt vielleicht darin begründet, daß seine Halb- oder Ganzfigurenporträts immer noch oft fehlerhafte Proportionen aufwiesen, schreibt Wolfgang Kimpflinger in seiner Dissertation Philipp Wirth, ein fränkischer Maler des 19. Jahrhunderts. Die hervorragende Dissertation (324 Seiten, 129 Abbildungen, 8 Farbabbildungen) wurde vom Geschichts- und Kunstverein Aschaffenburg gedruckt, um einem großen Miltenberger Maler des 19. Jahrhunderts Tribut zu zollen. Sie ist heute immer noch antiquarisch zu finden. Kostet um die zwanzig Euro. Dafür kann man natürlich auch bei ebay zwei Daniel Hechter Jacketts kaufen, aber die Dissertation ist die bessere Anlage. Bildung und Kunstgenuss ist immer wichtiger als Klamotten.

Paris bedeutete für die Familie von Otto Aulbach aus Miltenberg den geschäftlichen Erfolg, für Philipp Wirth ist es die große Enttäuschung. Nach kurzer Zeit kehrt er krank und depressiv nach Miltenberg in das Haus seiner Eltern zurück. Aber er hat in dieser Zeit ein Bild gemalt, für das er berühmt wurde. Allerdings sehr viel später. 1918 kaufte Gustav Pauli für die Kunsthalle Hamburg dieses Selbstportrait mit Zylinder an, die Arbeit eines Vergessenen. Das Dunkel, das die Person dieses Künstlers umhüllt, war bis vor kurzem sogar noch viel tiefer als das, in dem sich Rayski verbarg. Das schrieb Pauli, für den Wirth eine der tragischen Erscheinungen jener Zeit, in der so oft bedeutende Künstler an der Verständnislosigkeit erlahmen mußten war, später in einem Führer für die Kunsthalle. Und er brachte bei Wirths Bildern, deren Einfachheit und Glanz des Vortrages Eigenschaften aufweist, die längst vor Manets Auftreten an dessen Kunst erinnern, den Namen ➱Manet ins Spiel. Wahrscheinlich, weil das Selbstportrait von der Farbe schwarz lebt.

Der Direktor der Hamburger Kunsthalle Gustav Pauli ist eigentlich ein Bremer (und war zuvor Direktor der ➱Kunsthalle Bremen). Und weil Jay auch ein Bremer ist, hat er ihn schon in einer Vielzahl von Posts erwähnt. Nicht nur, weil Pauli der Gatte jener Frau war, die unter ihrem Pseudonym Marga Berck diese herzzereißende Liebesgeschichte ➱Sommer in Lesmona geschrieben hat. Pauli war 1918 nicht der einzige, der die Kunst von Philipp Wirth lobte. Auch der Kunsthistoriker Karl Lilienfeld pries 1918 in der Zeitschrift für bildende Kunst den Maler mit einem Aufsatz: Philipp Wirth, ein vergessener deutscher Meisterporträtist.

Vierzig Jahre nach seinem Tod war der Maler für einen Augenblick lang berühmt. Es währte nicht lange. Danach, schreibt Wolfgang Kimpflinger in seiner Dissertation, wird Philipp Wirth nur noch von der lokalen Forschung beachtet. Seinen Nachlaß rettete Ende des letzten Jahrhunderts der Miltenberger Sammler Oskar Winterhelt und bewahrte ihn später vor allzu großer Verstreuung. Der Architekt Oskar Winterhelt war ein notorischer, geradezu manischer Sammler; und da er aus Miltenberg kam, lag ihm der Miltenberger Maler Wirth natürlich am Herzen.

Den Grundstock seiner Sammlung bildete der Nachlass von Philipp Wirth. Der war im Besitz von dem Kaufmann Emanuel Lindheimer, bei dem der verarmte Maler die letzten acht Jahre seines Lebens gewohnt hat. Wirth hat seinen Wohltäter gezeichnet (Bild) - irgendwie sieht er ein wenig wie der Maler selbst aus. Winterhelt ordnete den Nachlass und versah die Rückseiten der Skizzen und Gemälde mit Notizen. Diese Notizen gehören heute beinahe zu den einzigen Quellen zum Werk von Philipp Wirth.

Oskar Winterhelt vermachte zu seinen Lebzeiten einen Teil der Sammlung an das Miltenberger Museum. Nach seinem Tod 1958 bot seine Witwe der Stadt die restlichen Werke zum Kauf an. Es war der Stadt zu teuer, stattdessen kaufte das Städtische Museum Aschaffenburg die Reste von Winterhelts Sammlung. Das ➱Miltenberger Museum, das 1978 eine Gedächtnisausstellung und 2008 eine große Ausstellung organisierte, besitzt heute circa 180 Gemälde, Zeichnungen, Skizzen und Aquarelle. In Aschaffenburg hat man etwa das Dreifache. Für die Ausstellung von 2008 hatte man sich aus Hamburg das Selbstportrait mit dem Zylinder ausgeliehen. Der Versicherungswert betrug 35.000 Euro, eigentlich zu wenig für ein Bild, das schon als Vorläufer des Impressionismus gefeiert worden ist.

Bilder von Philipp Wirth (hier das Portrait eines Holzfällers aus Großheubach) sucht man im Internet leider vergeblich. Gäbe es sie, dann hätte ich gerne noch das Bild seiner Braut Therese Prohaska und sein großartiges Selbstbildnis mit Zeichenmappe abgebildet. Das sieht ein wenig nach Thomas Lawrence aus, das wird aber nicht verwundern, denn den hatte Wirth bei seinem Englandaufenthalt immer wieder kopiert. Es wäre schön, wenn man in Miltenberg und Aschaffenburg mal auf die Idee käme, die besten Bilder der Sammlungen ins Netz zu stellen.

Wenn Sie mehr über die deutsche Herrenmode aus der Zeit, als Frankenfeld MKW trug, wissen wollen, kann ich die Post ➱Made in Germany, ➱Markenname Windsor und ➱Herrenausstatter empfehlen.

Dienstag, 5. Juli 2016

Bikini


Diese junge Dame vor der Kamera heißt Micheline Bernardini, sie ist neunzehn Jahre alt. Sie präsentiert hier am 5. Juli 1946 in einer Badeanstalt die neueste Kreation von Louis Réard. Der über die 194 Quadratzentimeter Stoff sagte: Der Bikini ist so klein, dass er alles über die Trägerin enthüllt bis auf den Geburtsnamen ihrer Mutter! Er ließ sich das Kleidungsstück, das es schon seit den alten Römern gegeben hatte, sogleich beim französischen Patentamt als Gebrauchsmuster schützen. Die Nackttänzerin (oder sollen wir Revuegirl sagen?) Micheline Bernardini erhielt viel Post aus aller Welt.

Aber sie wurde auf der Bühne des Casino de Paris nie so berühmt, wie es wenige Jahre später Rita Renoir im Crazy Horse Saloon wurde. Die schaffte es sogar, von der Schickeria und Intelligenzija akzeptiert zu werden. Kam auch zum Film. In etwas zweifelhafte Streifen wie hier in ➱Mono di Notte, aber sie durfte auch in ➱Michelangelo Antonionis Die Rote Wüste mitspielen. Die Königin des Pariser Striptease ist vor wenigen Monaten im Alter von 82 Jahren gestorben.

Die Photos von Mademoiselle Micheline Bernardini wurden im Pariser Bad Piscine Molitor gemacht, um zu demonstrieren, dass es sich hier um Badebekleidung handelte. Die sich - wenn wir dieses Photo von der Jahrhundertwende betrachten - nun freizügiger gibt. Damals verhüllte man sich noch. Als ich klein war, besaß ich keine Badehose, sondern einen Badeanzug (der kommt schon in dem Post ➱John Hoppner vor), die Sache mit den Pariser Zweiteilern brauchte einige Zeit, bis sie sich an den ➱Weserstrand herumsprach.

Modehistorisch war das Kleidungsstück nicht unbedingt neu, das Monsieur Réard der Welt (beziehungsweise der Presse) am Körper der einzigen Frau in Paris, die das anzuziehen wagte, präsentierte. Wenn Sie den Wikipedia Artikel lesen, können Sie sehen, dass schon die Römer so etwas kannten. Und dass ➱Eva Braun ihren germanischen Körper damit bedeckte. Und dass Hollywoodschönheiten wie hier Ava Gardner schon lange vor dem Jahr 1946 einen Zweiteiler trugen. Aber da gibt es Einschränkungen.

Für die Miss World Wahl im Jahre 1951 zum Beispiel war der Bikini nicht akzeptabel, der Vatikan wetterte auch gegen das Kleidungsstück. Und für das sittenstrenge puritanische Amerika war der kleine Bikini von Micheline Bernardini keineswegs annehmbar: der Bauchnabel musste in Amerika bedeckt sein. Man kann das sehr schön hier an Rita Hayworth sehen, auch die junge ➱Marilyn Monroe trug ein ähnliches Modell. ➱Ursula Andress durfte allerdings als schaumgeborene Venus in Dr No schon einen richtigen Bikini tragen.

Nach dem Bikini kam der Monokini von Rudi Gernreich, hier wiederum in einem Schwimmbad präsentiert. Wir wissen, dass sich dieses Bekleidungsstück in der Damenwelt nicht wirklich durchgesetzt hat. Erstens war es völlig unpraktisch und zweitens sahen selbst hübsche Frauen darin bescheuert aus: Although Gernreich believed he was freeing women from the bonds of fashion, the response to the Monokini was more witty entertainment than women's liberation—a freakish joke at women's expense.

Größeren Erfolg hatte da der von Margit Fellegi für die Firma Cole of California entworfene Scandal Suit. Hier wird er von der Schauspielerin Joan MacGowan getragen. Die Bildunterschrift lautet: Isn’t it time somebody created an absolutely wild scandal for nice girls? Mit Lycra zusammen gehalten, damit sich nicht zu viel öffnet, konnten sich auch nice girls und Californian blondes ein klein wenig skandalös fühlen. Gernreichs und Fellegis Entwürfe datieren aus den frühen sechziger Jahren, heute sind Monokini und Scandal Suit im Museum, der Bikini hat sich durchgesetzt.

Wahrscheinlich ist - auf jeden Fall für Europa - mal wieder ➱Brigitte Bardot an allem Schuld. Dieses 1953 am Strand von Cannes gemachte Photo war der Beginn ihrer Karriere. Niemand kannte sie in Cannes, nach diesem Photo kannte sie die Welt. Eine neue Bombe ist geplatzt, und am nächsten Tag spricht die ganze Welt nur vom Bikini von BB, schreiben Patrice Gaulupeau und Ghislaine Rayer in ihrem Buch Bikini, la Légende. Seit Louis Réard sein Kleidungsstück Bikini nannte und es als Die erste anatomische Bombe bezeichnete, ist die mit Frauen verbundene Bombenmetaphorik nicht wegzubekommen.

Der Bikini hat seinen Namen nach dem Bikini Atoll. Wo die Amerikaner ihre neuesten Atombomben testen. Und nun wird es ein klein wenig pervers. Die Atombombe, die die Amerikaner auf das Bikini Atoll werfen, heißt Gilda und trägt das Bild von ➱Rita Hayworth. Im Film Gilda geht es auch um böse Nazis und Atombomben. Es wäre ja verlockend, dazu etwas zu sagen, aber ich überlasse das Wort mal eben dem Princeton Professor Michael Wood, der in seinem Buch America in the Movies ein schönes Kapitel mit dem Titel Put the Blame on Mame hat:

The symbolism is enough to frighten off any but the most intrepid Freudians: the bomb dropped on Bikini was called 'Gilda' and had a picture of Rita Hayworth painted on it. The phallic agent of destruction underwent a sex change, and the delight and terror of our new power were channeled into an old and familiar story: our fear and love of women. We got rid of guilt, too: If women were always to blame, starting with Eve perhaps, or Mother Nature, then men can't be to blame. And in any case, as every steady moviegoer knows, women themselves aren't really to blame, because they can't help it. Sirens all, they sing men to their doom (sometimes doom is just domesticity), without meaning any harm.

Lesen Sie auch: Gilda

Freitag, 1. Juli 2016

Georg Friedrich Kersting


Er hat stille Bilder gemalt, der Georg Friedrich Kersting, der am 1. Juli 1847 starb. Dies hier hängt in der Kieler Kunsthalle (wie auch das Bild der Dame vor einem Spiegel), hängt da aber nicht immer, weil es häufig ausgeliehen wird. Es ist das perfekte Interieurbild des deutschen Biedermeier. Die Kunsthalle Kiel besitzt die beiden kleinen Kerstings (dies ist 47 mal 36 cm groß) seit 1856. Da hat eine Frau Becher, eine geborene von Binzer, sie der Kunsthalle geschenkt. Ich nehme an, dass das Marie Becher, die Tochter von August Daniel von Binzer gewesen ist. Das Gesicht der Frau am Stickrahmen ist von uns abgewandt, aber wir können es im Spiegel erkennen. Wir wissen, dass die Frau auf diesem Bild aus dem Jahre 1827 Kerstings Ehefrau ist. Und dass das Bild an der Wand den Maler selbst zeigt.

Aber nur bei dem Kieler Bild, denn die beiden anderen Versionen des Bildes zeigen Kerstings Malerkollegin Louise Seidler. Dies hier ist die zweite Fassung von 1817, die im Nationalmuseum Warschau hängt. Wir wissen, dass die junge Malerin, die bei Jakob Wilhelm Roux Pastellmalerei studierte, Stickarbeiten ausgeführt hat, um ihr Studium zu finanzieren: Obgleich ich bei Handarbeiten bei Weitem nicht so geschickt war, wie meine Schwester Wilhelmine, welche später ihre ganze Aussteuer selbst besorgte, so suchte ich doch durch Fleiß zu ersetzen, was mir fehlte. Ich nähte, strickte und stickte heimlich, oft bei Nacht, zu jämmerlichen Preisen, und erwarb mir auf diese Weise Geld genug, um den Unterricht bei Roux zu bezahlen.

Das erste dieser drei Bilder (1811), das die Weimarer Kunstsammlungen besitzen, zeigt ebenso wie das Kieler Bild ein Portrait im Spiegel, diesmal von Louise Seidler. Das hat sie selbst gesagt: Zwei andere Bilder, welche Kersting malte, kamen später durch Goethe nach Weimar. Das eine, „der elegante Leser“ genannt, stellt einen jungen Mann dar, welcher beim Schein einer Studirlampe eifrig liest; das andere ein in prunkloser Wohnung am Stickrahmen arbeitendes junges Mädchen, deren Gesicht man im gegenüberhängenden Spiegel erblickt. Es ist mein eigenes Porträt. 

Die Topfpflanzen am Fenster sind natürlich nicht irgendwelche Topfpflanzen. Kunsthistoriker versichern uns, dass die Hortensie für Entsagung steht, die Rose für erwachende Liebe. die Myrte für Vorfreude auf die Hochzeit und die Zwerg-Granate für Kindersegen. Bei den Gemälden der Romantik ist das symbol hunting der Kunsthistoriker immer von Erfolg gekrönt. Ich habe in dem Post ➱Kreidefelsen schon einige böse Dinge über Helmut Börsch-Supans Auslegetechnik bei den Bildern von Caspar David Friedrich gesagt. Das Bild an der Wand zeigt den Chirurgenmajor und Director über die Kranken Jean Baptist Paul Geoffroy aus Lisieux, einen Freund von Marschall Bernadotte, mit dem sich Louise Seidler 1806 verlobt hatte. Zwei Jahre später war er schon tot, im Spanienfeldzug am Fieber gestorben.

Für Louise Seidler brach die Welt zusammen: Das Leben des Lebens war für mich abgeschlossen; mein Dasein in dieser Zeit war nur noch ein dumpfes Hinbrüten. Die Eltern schicken sie nach Dresden, damit sie auf andere Gedanken kommt, das Elbflorenz hatte ja damals mehr als die Pegida zu bieten. Und angesichts der Bilderfülle der Dresdner Kunstgalerie (die übrigens seit kurzem mit Stephan Koja einen neuen Leiter hat) beschließt die junge Louise Seidler, Malerin werden zu wollen. Sie studiert bei Jakob Wilhelm Roux und dem berühmten Gerhard von Kügelgen.

Der hat ➱hier schon einen Post, er muss jedoch unbedingt im Zusammenhang mit den drei Bildern der Stickerin am Fenster genannt werden. Weil das so aufgeräumte Biedermeier Zimmer sein Studio ist. Und wahrscheinlich ist dieser Mann am Sekretär auch Kügelgen selbst. Man sieht dies Bild heute als ein Gegenstück zu der Stickerin an, das sagt auch der ➱Wikipedia Artikel, der glücklicherweise einmal hervorragend ist. Ist bei Wikipedia selten, kommt aber mal vor.

Wenn das Bild vom Mann am Sekretär als ein Gegenstück zur Frau am Stickrahmen gesehen wird, so ist das Kieler Bild ➱Vor dem Spiegel auch ein Gegenstück zur stickenden Gattin von Kersting. Leider wissen wir über die jugendliche weibliche Gestalt in weißem Kleid (so ➱Lilli Martius im Katalog der Kunsthalle von 1958) überhaupt nichts. Detailverliebt hat Kersting die Garderobe der jungen Dame gemalt, wir können den gelben Hut bewundern, der auf dem Tisch liegt. Und es gibt auch einen (nicht durch Topfpflanzen verstellten) Landschaftsausblick - dafür sind Fensterbilder ja eigentlich da. Das Bild ist sicherlich ein Prunkstück des deutschen Biedermeier, aber wir sollten den Interieurmaler Kersting nicht zu einem ➱Vermeer aus Mecklenburg machen.

Der Herausgeber der Lebenserinnerungen von Louise Seidel bezeichnet die beiden Kieler Bilder als äußerlich ziemlich unscheinbar. Dagegen ist dieses in Warschau gemalte Bild aus der Sammlung Schäfer beinahe spektakulär, interessanter als die junge Dame vor dem Spiegel ist es auf jeden Fall. Bei Kerstings Interieurs hat sich das Bürgertum in seine kleine private Welt zurückgezogen, die Aussenwelt dringt in diese Welt nicht ein. Es sei denn durch gelbe Hüte oder schwarze Zylinder.

Ich möchte noch einmal auf die Blumen am Fenster der Stickerin zurückkommen. Verweise auf die Blumensprache sind in der Romantik nicht selten. Kommen auch heute noch vor, ich zitiere mal eben die Berliner Zeitung: Auf Wunsch Kate Middletons hat der Hofflorist Shane Conolly sechs Bäume entlang des roten Teppichs aufgestellt: Feldahorn, ein Sinnbild für Demut und Zurückhaltung, und Hainbuchen, die als Zeichen für Ausdauer und Belastbarkeit gelten. Kate Middleton ist in der traditionellen, symbolhaften Blumensprache bewandert, heißt es, und sie hat das Kirchenschiff ausschließlich mit saisonalen Blüten schmücken lassen: Flieder für Treue und Ackerwinde für Verbundenheit. In den Brautstrauß sind Maiglöckchen als Symbole der Unschuld gebunden, dazu Hyazinthen für Beständigkeit, Myrthe für Liebe und Bartnelken, die auf Englisch Sweet William heißen, für Ritterlichkeit. Jetzt wissen wir es: Die Ackerwinde (deren Wurzeln so tief reichen, dass die Blume nie vergeht. So oft man sie ausreißt, immer wieder erblüht sie aufs Neue) steht für Verbundenheit. In unseren Gärten bezeichnen wir sie als ein hässliches Unkraut. Zwischen schöner Symbolik und trister Realität liegen Welten.

Und da wir bei Flora und Fauna sind, möchte ich mein Lieblingsbild von Kersting einmal abbilden, das das Kerstingsche Wohnzimmer in den deutschen Wald verlegt. Es ist schon in dem Post ➱Lützow zu sehen. Kersting war stolz darauf (er hat sich auch mit seinem ➱Eisernen Kreuz gemalt), als Freiwilliger im Lützowschen Freikorps am Krieg gegen Napoleon teilgenommen zu haben. Das Geld für seine Uniform musste er sich von seinen Malerfreunden Gustav Carus, ➱Caspar David Friedrich und Gerhard Kügelgen leihen, das können wir auch auf dem ➱Selbstportrait sehen, wo er einen Geldbeutel in der Hand hält. Später hat er selbst Geld verdient. Weniger mit seinen Bildern denn als Malervorsteher der Königlich-Sächsischen Porzellanmanufaktur in Meißen.

Georg Friedrich Kersting ist in diesem Blog kein Unbekannter. Lesen Sie auch: Lützow, Moritz von Schwind, Deutsche Romantik, Uniformen, Jungfrauen

Mittwoch, 29. Juni 2016

Engländer


The English are so nice
so awfully nice
they are the nicest people in the world.

And what's more, they're very nice about being nice
about your being nice as well!
If you're not nice they soon make you feel it.

Americans and French and Germans and so on
they're all very well
but they're not really nice, you know.
They're not nice in our sense of the word, are they now?

That's why one doesn't have to take them seriously.
We must be nice to them, of course,
of course, naturally.
But it doesn't really matter what you say to them,
they don't really understand
you can just say anything to them:
be nice, you know, just nice
but you must never take them seriously, they wouldn't understand,
just be nice, you know! Oh, fairly nice,
not too nice of course, they take advantage
but nice enough, just nice enough
to let them feel they're not quite as nice as they might be.


Sie werden es gemerkt haben, das Gedicht von D.H.Lawrence ist ein klein wenig sarkastisch. Sind die Limeys wirklich nice? Wir wollen heute einmal der Frage nachgehen, wer diese Engländer sind.

Just arrived in Scotland. Place is going wild over the vote. They took their country back, just like we will take America back. No games! twitterte ein gewisser Herr Trump am 24. Juni. Die Antwort liess nicht auf sich warten: Scotland voted IN you moron. Die Amerikaner verstehen Europa nicht. Vor Jahrzehnten haben sie bei einem Manöver Planspiel Kiel statt Kiew bombardiert, ist ja so ähnlich.

Nun ist er da, der Brexit. Ist aber schon abgelöst von einem anderen Portmanteau Wort: Bregret. Gebildet aus Britain und Regret. Portmanteau Wörter sind linguistisch eine interessante Sache (Blog ist übrigens auch eins), ➱Alice in Wonderland ist voll davon. Ich möchte dem Plakat im ersten Absatz dies hier entgegenstellen: ➱Keep Calm and Read Silvae, in diesem Blog herrscht keine Aufgeregtheit und kein Katzenjammer (ein deutsches Wort, das die Engländer adaptiert haben). Das kleine Problem dabei ist nur: die Engländer lesen mich nicht. Die sind in der Statistik meines Lesepublikums auf einem der letzten Plätze. Hinter Russland.

Kann man die Engländer verstehen? Das ist eine gute Frage, auf die man aber schwer eine Antwort finden wird. Ich möchte heute einmal eine Anzahl von Büchern aufzählen, in denen wir Anworten finden können, was denn die Bewohner des Vereinigten Königreichs im Innersten zusammen hält. Ich lasse dabei akademische Publikationen mit vielen Fremdwörtern, die schon auf der ersten Seite ➱Lucien Febvres outillage mental zitieren, einfach aus. Was ich zitiere, sind Bücher, die man lesen kann. Und die man antiquarisch (oder in Bibliotheken) finden kann. Dies Bild hier habe ich aus dem interessanten ICONS: A Portrait of England Projekt. Es ist eine interessante Sache, die Kultur eines Landes über ikonisch gewordene Bilder zu definieren. Die Spitfire, Henry VIII, den Tee, das können Sie leicht identifizieren. Aber das Schiff unten rechts? Wenn Sie den Post ➱Notting Hill lesen, dann wissen Sie, was die Empire Windrush für England bedeutet.

Fangen wir mal eben mit den Franzosen an: alles, was André Maurois (der im Ersten Weltkrieg Verbindungsoffizier zu den Engländern war) über ➱England schreibt, lohnt die Lektüre. Und die in diesem Blog schon mehrfach erwähnten Bücher von Pierre Daninos kommen unbedingt auf meine Liste. Wir haben hier auf dem Buchumschlag ja auch ein schönes Beispiel für ein nationales Stereotyp: der englische Gentleman mit kariertem Anzug, ➱Bowler auf dem Kopf, ➱Regenschirm in der Hand und die Times unter dem Arm. Aber nicht alle Engländer sind Gentlemen (Boris Johnson bestimmt nicht), und so wie hier sieht heute kaum noch ein Engländer aus. Leider. Und ➱Pfeife rauchen, das darf man längst nicht mehr, davon kann ich ein Lied singen.

Die Bücher von Pierre Daninos begegneten England mit einem Ton des Humors und der Ironie. Anders geht es offensichtlich nicht. Das hatte schon George Mikes erkannt (der Ghostwriter von ➱The Duke of Bedford's Book of Snobs des Herzogs von Bedford), als er 1946 How to Be An Alien veröffentlichte. Ein Buch, das schnell zu einem Klassiker wurde.

Der würdige Nachfolger von Mikes' Buch war 1989 für die ➱Zeit The English Companion: An Idiosyncratic A-Z of England and Englishness von Godfrey Smith, ein Buch, das auch nicht ohne Humor und Ironie auskam. Nicht nur die Hamburger Wochenzeitung mit dem ➱Bremer Stadtwappen mochte das Buch, auch die englischen Stimmen waren nahezu euphorisch: Evelyn Waugh: A most entertaining book, ➱Kingsley Amis: A mixture of eccentricity and scholarship, highly entertaining, A.J.P. Taylor: Godfrey Smith writes beautiful pithy English, he venerates the beauties of English towns and countryside, luxuriates in English freedoms, cherishes the riches of English civilisation, loves his country.

Zum Thema Europa findet sich bei Smith der Lexikoneintrag: Europe: To an Englishman, still the Continent. Thus one of the great political debates of the last decade was whether or not we should go into 'Europe'; the fact that we were for all other purposes already in it was ignored. To this day 'we' are in England; 'they' are in Europe. Man muss ein wenig über die Sätze nachdenken, sie gelten noch heute.

Ich habe in dem Post ➱Class, der vor vier Jahren (als das Zusammenleben mit den Engländern noch einfacher war) hier stand, geschrieben: Jilly Coopers Buch Class steht in einer Tradition von Büchern, die häufig sehr witzig das Wesen der Engländer zu verstehen suchten. Ich meine damit Bücher wie The English: Are They Human? (1931) von dem Holländer G.J. Renier, How to be an Alien (1946) von George Mikes oder Major Thompson entdeckt die Franzosen (1954) von Pierre Daninos. Und natürlich Nancy Mitfords Noblesse oblige (1956), ihr Buch über U und Non-U nicht zu vergessen. Beinahe all diese Bücher waren Bestseller, sie sind heute schon kleine Klassiker. Wenn ich mal viel Zeit habe, werde ich sie noch einmal besprechen.

Sie merken schon, dass jetzt endlich die Zeit gekommen ist, dass ich dieses Versprechen einmal wahr mache. Ich springe mal eben in die Zeit vor How to be an Alien zurück. 1931 erschienen mit The English: Are They Human? und John Bull at Home gleich zwei Bücher, die uns die Insel und ihre Bewohner mehr oder weniger kritisch beschrieben - wobei uns klar sein muss, dass all diese Bücher nur Momentaufnahmen sind. Sie sind gut für ein Jahrzehnt, wie zum Beispiel die Sozialgeschichte ➱The Long Week-End von Robert Graves und Alan Hodge für die dreißiger Jahre (es gibt nichts Besseres), eine Zeit, in der sich England entscheidend wandelt.

The English: Are they human? war das Werk eines Holländers namens Gustaaf Johannes Renier, der Professor in London war. Es war ein Buch, das die Engländer erschütterte. Lesen Sie doch einmal diesen ➱Leserbrief aus dem Jahre 1931 an den Spectator (wo Boris Johnson mal Herausgeber war, also damals, als er noch nicht durchgeknallt war), dann bekommen Sie einen Eindruck davon. Das Buch war von Montague Phillip Mendoza illustriert, schon der Buchumschlag zeigt, dass das alles vielleicht nicht so ernst war. In der Überschrift seiner Einleitung fragte der Verfasser etwas scheinheilig May a foreigner raise his voice? Is his distorted vision of 'reality' worth communicating? Wir sind heute noch für diese distorted vision of 'reality' dankbar.

Dagegen war John Bull at Home, das 1931 in London und 1932 bei Tauchnitz in Leipzig erschien (die Ausgabe habe ich), von dem Journalisten Karl Silex geradezu harmlos. Dennoch liefert das Buch (das schon in dem Post ➱Blazer erwähnt wird) eine Bestandsaufnahme der englischen Gesellschaft, die noch heute interessant ist. Aus den dreißiger Jahren haben wir auch den schönen Roman England, Their England eines Schotten namens A. G. Macdonell. Da der ➱hier aber schon einen langen Post hat, brauche ich zu diesem Klassiker nichts mehr zu sagen.

Wenn ich schon einen Roman erwähnt habe, möchte ich noch einen zweiten erwähnen. Anthony Powells ➱Dance to the Music of Time beschreibt uns beinahe ein ganzes Jahrhundert, wir könnten den Roman für ein Abbild Englands nehmen. Es wäre allerdings wohl besser, ➱Friedrich Engels Lage der arbeitenden Klasse in England zu lesen, Romane können ein gutes Bild eines Landes vermitteln, aber sie sind eben nur Romane. Und sie portraitieren allzu häufig nur die Upper und Upper Middle Class. Mr Warburton, der im Dschungel jeden Abend sein ➱Dinner Jacket anzieht, ist ein Geschöpf von ➱Somerset Maugham, in der Wirklichkeit ist er wohl ausgestorben. Wie der Gentleman im karierten Anzug auf dem Cover der Bücher von Pierre Daninos.

Es blieb jemandem wie Joseph Goebbels vorbehalten, eine Romanfigur aus einem satirischen ➱Roman für einen wirklichen Engländer zu halten: Kürzlich ist auch auf dem deutschen Buchmarkt unter dem Titel 'Selbstbildnis eines Gentleman' der Roman eines Engländers mit Namen Macdonell in Übersetzung erschienen, den man gelesen haben muß, wenn man das Wesen und die Seele der heute auf den britischen Inseln und im englischen Weltreich regierenden plutokratischen Herrenschicht ganz verstehen will. Man wird dieses Buch nicht aus der Hand legen, ohne auf das tiefste erschüttert zu sein.

Journalisten sind häufig eine schöne Quelle für das Englandbild einer gewissen Zeit. Da könnten wir mit Theodor Fontane anfangen. Seine Sammlung von Reportagen Aus England (aus der man ➱hier Ein Sommer in London lesen kann) kann man noch immer lesen. Und wird darin immer noch Dinge finden, die man im heutigen England wieder finden kann.

Fontane kann schreiben, das wissen wir. Nicht jeder Journalist und Auslandskorrespondent kann schreiben. Rolf Seelmann-Eggebert ist zwar immer ordentlich angezogen und kann für einen Engländer der Upper Middle Class durchgehen; er hat auch alle Orden, die die Königin einem Deutschen verleihen kann, aber er ist ein furchtbarer Langweiler. Er konnte niemals schreiben wie Heinz Ohff (➱Gebrauchsanweisung für England) oder Karl-Heinz Wocker. Der war für die Zeit, als sie seinen Nachruf schrieb ➱Die Stimme aus England, er (und auch Heinz Ohff) fehlen mir. Aber natürlich gibt es junge Leute, aus denen noch viel werden kann. Ich denke da an Christian Zaschke, der die schöne Kolumne ➱Little Britain in der Süddeutschen schreibt. Der liest auch manchmal meinen Blog. Nicht weil ich so berühmt bin, er war mal einer meiner Studenten.

Kann man Bill Bryson noch zu den Journalisten zählen? Sein Bücher Notes From A Small Island (deutsch: Reif für die Insel) und The Road to Little Dribbling: More Notes From a Small Island sind auf jeden Fall eine Leseempfehlung. Bryson ist inzwischen nicht nur Amerikaner, er besitzt jetzt auch die englische Staatsbürgerschaft. Und darf OBE hinter seinen Namen schreiben. Der Langweiler Seelmann-Eggebert hat einen CBE Orden, aber er darf das nicht hinter seinen Namen schreiben, das dürfen nur Engländer. Ich könnte jetzt noch viel mehr Bücher zum Thema England aufzählen, das ahnen Sie schon, aber ich möchte doch zum Ende kommen.

Nicht ohne Großbritannien von A bis Z, das der Brockhaus Verlag 1983 herausbrachte, zu erwähnen. Alle Artikel des Großen Brockhaus, die sich auf England bezogen, in einem Paperback versammelt. Und Hans-Dieter Gelferts Typisch englisch: wie die Briten wurden, was sie sind ist auch ganz nett. Das Buch Traurige Insulaner: Als Ethnologe bei den Engländern (Native Land) von Nigel Barley finde ich überschätzt. Jilly Coopers Class bietet eine bessere Beschreibung der englischen Gesellschaft als dieses Buch. Die Idee, als Ethnologe die eigenen Landsleute so zu beschreiben, wie man einen Südseestamm beschreiben würde, ist ja ganz nett. Aber leider ist Barley kein ➱Clifford Geertz, dem wäre das besser gelungen.

Doch ich habe noch zwei wirklich gute Dinge zum Schluss. Das eine ist Karl Heinz Bohrers Ein bißchen Lust am Untergang: Englische Ansichten. Der Autor sagt über seine Essays, die aus den sechziger und siebziger Jahren stammen, im Vorwort: Dieses Buch handelt von Untergängen. Von englischen Untergängen. Also doch nicht ganz so ernst gemeinten, gewiß nicht pathetischen. Die Ereignisse, die Personen, die Stimmungen, die hier geschildert sind, erklären, warum in der vielzitierten 'Englischen Krankheit' soviel Frivolität, Romantik und Anarchie steckt. 

Karl Heinz Bohrer ist einer der bedeutendsten Intellektuellen unseres Landes, er verlor seinen Posten als Feuilletonchef der Frankfurter Allgemeinen, weil man Reich-Ranicki auf der Position haben wollte. Es wäre besser für die deutsche Literaturkritik gewesen, wenn Bohrer den Posten behalten hätte. Die FAZ machte ihm aber das Angebot, Englandkorrespondent der Zeitung zu werden. Das nahm Bohrer, der seit seinem Abi im Jahre 1953 die grüne Insel immer wieder besucht hatte, dankend an. Seine Berichte aus England, die zuerst in der Frankfurter Allgemeinen und im Merkur abgedruckt wurden, erhielten 1978 den Johann Heinrich Merck Preis.

Solch schönen Preis hat Peter Nonnenmacher, der für die Frankfurter Rundschau arbeitete, nicht bekommen. Aber seine Bücher Das blau-rote Königreich: Nachrichten und Geschichten aus Britannien und Insel sucht Anschluss: Wohin treibt Grossbritannien? sind unbedingt die Lektüre wert. Peter Nonnenmacher sitzt immer noch in London, die FR gibt es nicht mehr, jetzt schreibt er für den Züricher ➱Tagesanzeiger. Für diese Seite sollten Sie sich ein Lesezeichen machen.

Engländer sind awfully nice, aber auch leicht beleidigt, das To this day 'we' are in England; 'they' are in Europe von Godfrey Smith ist nur zu wahr. Ich hätte da zum Schluss noch ein nettes Zitat: We judge the inhabitants of other European nations, it is said, from our own insular point of view, are very unjust, admire the wrong men, and adore or detest equally without foundation. In contrast with these shifting, confused, and ill- informed judgments, we are asked to compare, greatly to the disadvantage of our more democratic times, the steady purpose and definite aims of England when it was under the rule of a governing class, and was the soul of the coalition against Napoleon. Das stammt nicht etwa aus der Diskussion der letzten Woche. Das stand 1874 im Saturday Review.