Mittwoch, 19. März 2014

Charles M. Russell


My heroes have always been cowboys, hat Waylon Jennings gesungen. Und an dieser Stelle möchte ich mal eben daran erinnern, dass es in diesem Blog natürlich schon einen Post ➱Waylon Jennings gibt. Und ich habe ➱hier auch noch eine schöne Waylon Jennings Dokumentation für C&W Fans, die auch My heroes have always been cowboys heißt. Leider gibt es nur Cover Versionen von dem Song im Netz, ich habe mir eine davon herausgepickt, die Magie des Originals ist irgendwie immer noch da. Klicken Sie doch mal ➱hier.

I grew up a-dreamin' of bein' a cowboy
And lovin' the cowboy ways
Pursuin' the life of my high-ridin' heroes
I burned up my childhood days
I learned of all the rules of the modern-day drifter
Don't you hold on to nothin' too long
Just take what you need from the ladies, then leave them
With the words of a sad country song
My heroes have always been cowboys
And they still are, it seems
Sadly, in search of, but one step in back of
Themselves and their slow-movin' dreams


My heroes have always been cowboys, hätte Charles Marion Russell, der heute vor 150 Jahren geboren wurde, auch von sich sagen können. Dies hier ist ein Detail aus dem obigen Bild, das Charles M. Russell and his Friends heißt. Hier ist der Maler des amerikanischen Westens besser zu sehen. Mehr als zweitausend Bilder hat er gemalt, wenn Sie einen kleinen Eindruck von seinem Werk bekommen wollen, dann klicken Sie ➱hier. Sein großer Konkurrent in dieser Zeit ist der Maler und Bildhauer ➱Frederic Remington, dessen Werke sicherlich künstlerisch besser als die von Russell sind. Ich habe ➱hier eine interessante Museumsseite, wo sie Werke beider Künstler sehen können.

Bilder und Geschichten vom Westen haben am Ende des 19. Jahrhunderts Konjunktur. Ned Buntline schreibt seine Groschenhefte über Buffalo Bill. ➱Buffalo Bill zieht seinen Westernzirkus auf, und Owen Wister schreibt den ersten Westernroman The Virginian (Remington wird eine Ausgabe des Romans illustrieren). Der ➱Roman The Virginian, diese romantische Verherrlichung des Westernhelden, ist Theodore Roosevelt gewidmet. Einem Mann, der lieber Cowboy als Präsident gewesen wäre. Und der mit seinem Buch The Winning of the West (1889-96) eine mehrbändige Geschichte des amerikanischen Westens geschrieben hatte.

Dies ist die Zeit, in der der amerikanische Mythos vom Westen gemacht wird. Der so wenig mit der historischen Wirklichkeit zu tun hat. Der amerikanische Literaturprofessor Leslie A. Fiedler hat gesagt: The American writer inhabits a country at once the dream of Europe and a fact of history; he lives on the last horizon of an endlessly retreating vision of innocence — on the “frontier”, which is to say the margin where the theory of original goodness and the fact of original sin come face to face. Und an einer anderen Stelle sagt Fiedler: To be an American (unlike being English or French or whatever) is precisely to imagine a destiny rather than to inherit one; since we have always been, insofar as we are Americans at all, inhabitants of myth rather than history. Besser kann man es wohl nicht formulieren: inhabitants of myth rather than history. Außer man singt: My heroes have always been cowboys And they still are, it seems Sadly, in search of, but one step in back of Themselves and their slow-movin' dreams.

Als Roosevelt und sein Freund Owen Wister schreiben, hat gerade Frederick Jackson Turner mit The Significance of the Frontier in American History eine historisch zweifelhafte Zauberformel für die Geburt der amerikanischen Nation aus dem Kampf um den Westen geliefert (lesen Sie ➱hier mehr dazu). Jeder amerikanische Präsident in den kommenden hundert Jahren nach Turner wird die frontier in seine Reden hineinschreiben. Na ja, amerikanische Präsidenten schreiben ihre Reden nicht selbst, Woodrow Wilson war der letzte, der das tat. Das Photo hier ist in dem Parlamentssaal des Montana State Capitol gemacht worden, es zeigt die Abgeordneten vor dem Bild Lewis and Clark Meet the Flathead Indians at Ross' Hole von Charles M. Russell. Politik und Wilder Westen gehen immer noch zusammen.

Es ist nur passend, dass das Bild dort hängt, denn in Montana hat Russell den größten Teil seines Lebens verbracht. Und da ich schon bei Montana bin, sollte ich einen Artikel von Leslie A. Fiedler zitieren, der Montana; or The End of Jean-Jacques Rousseau heißt (➱hier im Volltext). Das ist ein Klassiker der Wissenschaft, geschrieben von einem genialischen Freak der Kulturwissenschaft. Saul Bellow hat über ihn gesagt: Leslie Fiedler is the "BEST" thing that ever happened to American literature. Man sollte es fett drucken. In Montana erhielt Leslie Fiedler seine erste Professur, später bekam er Angebote aus der ganzen Welt, aber er ist Montana treu geblieben.

Ich wollte mal zu einer Tagung, auf der Leslie Fiedler sprechen sollte. Aber dann hieß, er komme nicht. Er war ja wie eine Diva - oder wie ein Starpianist (obgleich ➱Glenn Gould und ➱Arturo Benedetti Michelangeli vielleicht gar nicht so viele Konzerte abgesagt haben, wie ihnen nachgesagt wurde). Also habe ich meine Anmeldung rückgängig gemacht. Und was ist passiert? Zur großen Überraschung der Veranstalter kam Leslie Fiedler doch. Soll sogar Tischtennis mit den Tagungsteilnehmern gespielt haben. Ich ärgere mich noch heute, dass ich nicht zur Tagung gefahren bin.

Ich habe mit Waylon Jennings angefangen, ich höre mit ihm auf. Genauer gesagt mit einem Gedicht von Red Shuttleworth, das Waylon Jennings (1974) heißt und sich in dem chapbook Brief Lives findet:

The guitar skitters, jumps. It's a pounding
bad-ass surly song: Take your sorry chances.
'cause gloom is what we all deserve,
for this is Pay Later Day, but if you can
battle past it, finally truth your way around
the cactus, she'll be there in a black Cadillac,
Love. It's a Wednesday, probably, sweat and dread.
He takes a pull off a bottle of whiskey,
can't seem to sleep on the ebony Silver Eagle
somewhere between Chickasha and Mineral Wells.
It's a gambler's soup and losers end at sixty
in furnished rooms feeding D-Con to rats.
He laughs, jots down some lines on a girl
with a nest of vultures in her topaz eyes.


Für den Fall, dass Sie noch nie von Red Shuttleworth gehört haben sollten: das ist der Dichter des heutigen amerikanischen Westens. Ich habe ihn in meinem Blog schon häufiger erwähnt. Habe auch eine kleine Würdigung seines Werkes geschrieben (klicken Sie ➱hier), die als Einführung in die Welt des Dichters dienen kann. Aber das Beste ist: gehen Sie zu dem ➱Blog von Red und fangen Sie an zu lesen. Es lohnt sich.

Montag, 17. März 2014

Farbsymbolik


Es geht hier heute um nationale Farbsymbolik. Der Anlaß für diesen Post ist das patriotische Gedicht Schwarz-Rot-Gold von Ferdinand Freiligrath, geschrieben am 17. März 1848. Aber natürlich weiß ich auch, dass der 17. März der St Patrick's Day ist. Da nehme ich doch einmal diese patriotische junge Dame, die es ➱hier vor Jahren schon einmal zu sehen gab. Honi soit qui mal y pense, es muss doch noch erlaubt sein, die nationalen Farben und Symbole zu tragen. Die Iren sind eine der wenigen Nationen, die mit ihrer Flagge nie Probleme hatten. Wir hatten in der Weimarer Republik einen Flaggenstreit mit Straßenkämpfen. Es ging um Schwarz-Weiß-Rot und Schwarz-Rot-Gold.

Die Bremer Speckflagge ist rot und weiß. Die Flagge Preußens ist schwarz und weiß. Also wurde die Flagge des Norddeutschen Bundes ab 1867 schwarz-weiß-rot. Das waren von 1871 bis 1919 sowie von 1933 bis 1945 die Reichsfarben des Deutschen Reiches. Im Kaiserreich war Schwarz-Weiß-Rot ab 1892 die offizielle Nationalflagge. Es gab auch eine Reichskriegsflagge, die sieht man heute manchmal (wie die Flagge der rebellischen amerikanischen Südstaaten) in Fußballstadien. Und bei Rechtsradikalen. Diese schwarz-weiß-rote Flagge hat aber nichts zu tun mit der Reichskriegsflagge, die der Kapitän zur See Brommy 1849 an seinem Flaggschiff Barbarossa führte (lesen Sie ➱hier mehr über den Admiral Brommy).

Das mit den Farben Schwarz und Weiß in der Flagge Preußens weiß ich, seit ich ein Kind war. Wir hatten einmal an einem Wochenende die Verwandten in Cloppenburg besucht, und mein Vater drängte uns zu einem frühen Aufbruch. Fuhr mit der Familie aber nicht Richtung Bremen sondern Richtung Münster. Und verriet uns auf dem Weg, dass er gerne Fiffi Gerritzen sehen wollte. Fiffi Gerritzen spielte damals für Preußen Münster und war der berühmteste Fußballspieler in Norddeutschland. Also damals, bevor uns Uwe kam (Fußball Fans lesen jetzt mal eben ➱Uns Uwe und ➱Hannover 96).

Am Ortsausgang von Cloppenburg gerieten wir in eine große Menschenmenge, mein Vater musste halten und stellte den Motor ab. Ich fragte ihn, warum wir nicht weiterfahren, und er sagte, dass dies eine Prozession sei. Wenn man aus Bremen kommt, kennt man keine katholischen Prozessionen. Wir schafften es gerade noch, zur zweiten Halbzeit in Münster zu sein. Und ich habe Fiffi Gerritzen noch gesehen. Der spielte natürlich in schwarz-weißem Trikot, weil sein Verein Preußen Münster hieß. Gut, ein büschen Grün war auch dabei. Heute laufen sie ja in schwarz-grün herum. Dafür sind sie auch in der Dritten Liga, damals spielten sie ganz oben mit. Wenn Werder Bremen nur seine alten Vereinsfarben tragen würde und nicht auf der Brust Werbung von so zweifelhaften Unternehmen wie KiK oder Wiesenhof tragen würde, dann stünden sie auch weiter oben in der Tabelle. Und vielleicht sollte sich Borussia Dortmund einmal daran erinnern, dass Borussia ja Preußen heißt, dann brauchten sie diese ➱Biene Maja Trikots nicht mehr zu tragen.

Die Nationalmannschaft, in der Gerritzen auch mal spielte, trug früher die Farben Preußens. Heute ist sie Werbeträger für Adidas, Daimler Benz und ich weiß nicht wen. Offensichtlich kann man nationale Symbolik und Werbung miteinander leicht verbinden. Vor allem im Fußball, der ja immer mehr kommerzialisiert wird. Da ist der Firma Adidas nichts mehr heilig. Dieses Trikot für die Weltmeisterschaft in Brasilien mussten sie allerdings wegen sexueller Zweideutigkeit vom Markt nehmen.

Ich bin in der Woche nach dem Fall der Mauer in Mecklenburg-Vorpommern gewesen und habe da in einem halbverfallenen kleinen Kaff an einem abbruchreifen Haus eine meterhohe Werbung gesehen: WEST. In den Farben Schwarz, Weiß und Rot. Das war ein Bild schöner Symbolik, jetzt war der Westen in Gestalt der Zigarettenwerbung (lesen Sie ➱hier mehr zur Werbung, das ist ein Post, der über zehntausend Mal angeklickt wurde) und in den Farben des Deutschen Reiches in den Osten gekommen. War das das, wovon man im Osten geträumt hatte? Noch bevor die Mauer fiel, hatte Coca Cola den Weg in die DDR gefunden, wurde tatsächlich für zwei Mark fünfzig (Ost) in Läden gesehen. Eine Studentin, die in den Semesterferien bei Coca Cola arbeitete, schenkte mir damals einen Coca Cola Anstecker und prophezeite mir, der wäre eines Tages sehr viel wert. Der rote Anstecker zeigte das geeinte Deutschland, mit dem Schriftzug Coca Cola in der Mitte. So, als ob Coca Cola Deutschland geeint hätte. Coca Cola und Kommunismus haben die gleiche symbolische Farbe. Ich weiß nicht, was der kleine Anstecker heute wert ist. Ich habe ihn aber immer noch, er liegt gerade vor mir auf dem Schreibtisch.

Manche Symbole einstiger Macht und Stärke konnte man damals billig bekommen. Überall auf den Straßen vertickten Russen bunte russische Komandirskie-, Generalskie- und Admiralskie-Uhren. Beinahe ein halbes Jahrhundert zuvor hatten Russen mit dem Schlachtruf Uri, Uri hier Uhren eingesammelt. Jetzt begann der Ausverkauf, auf Berliner Flohmärkten wurden sogar Kalaschnikows angeboten. Und die Flagge der DDR, die man im Westen, als sie 1959 zum ersten Mal gehisst wurde, nur Spalterflagge nannte, brachte überhaupt keine Preise. Es ist ein wenig in Vergessenheit geraten, aber bis zum Jahre 1959 hatten beide Teile Deutschlands eine Flagge. Also die, die in unserem Grundgesetz in Art. 22 Abs. 2 beschrieben wird als Die Bundesflagge ist schwarz-rot-gold.

Die Dänen sind stolz auf ihr Dannebrog, an jedem Wochenende ziehen sie die Flagge auf, man sieht sie an Wochenendhäusern und auf Campingplätzen. Ohne großes Zeremoniell, also ohne etwas wie das Trooping the Colour am ➱Geburtstag der Queen. Wir in Deutschland schmücken bestenfalls unsere Autos mit der Flagge, wenn wir bei einer Fußballweltmeisterschaft ins Halbfinale kommen. Dann singen wir auch Schland o Schland, aber nicht mehr Deutschland, Deutschland über alles. Das hat man früher einmal gesungen. Mit der Nationalhymne haben wir immer Schwierigkeiten. Fußballer sowieso.

Ich zitiere dazu mal eben einen Absatz aus dem Post ➱God Save the King: God Save the King/Queen ist eine englische Nationalhymne, es gibt aber keine offizielle Nationalhymne. Bei uns wird so etwas gesetzlich geregelt, hat sogar schon das Bundesverfassungsgericht beschäftigt. Und so ist die dritte Strophe des Deutschlandliedes als Nationalhymne gemäß § 90a StGB gegen Verunglimpfung geschützt. Vor einem halben Jahrhundert, in den Kindertagen der Bundesrepublik war das alles nicht so eindeutig. So soll der Bundeskanzler Konrad Adenauer in Amerika einmal mit dem Lied Heidewitzka, Herr Kapitän begrüßt worden sein und auch der ➱Karnevalsschlager Wir sind die Eingeborenen von Trizonesien (als Anspielung auf die drei Westzonen) wurde schon mal als Hymnenersatz gespielt. Aber heute haben wir natürlich eine Hymne, und wie die geht, macht uns Sarah Connor vor. Brüh' im Lichte dieses Glückes, ist das schon eine Verunglimpfung gemäß § 90a StGB?

Die deutsche Flagge ist im Paragraphen 90 a auch gegen Verunglimpfung geschützt: Ebenso wird bestraft, wer eine öffentlich gezeigte Flagge der Bundesrepublik Deutschland oder eines ihrer Länder oder ein von einer Behörde öffentlich angebrachtes Hoheitszeichen der Bundesrepublik Deutschland oder eines ihrer Länder entfernt, zerstört, beschädigt, unbrauchbar oder unkenntlich macht oder beschimpfenden Unfug daran verübt. Der Versuch ist strafbar. In Amerika darf der freie Bürger seine Flagge verbrennen, es sei denn, er wäre gerade bei der Army. Wenn bei einer Flaggenparade der US Army die Flagge zufällig den Erdboden berührt, gibt es für die Wachsoldaten einige Tage Bau. Bei der Bundeswehr putzt sich die Wache vor der Flaggenparade mit dem schwarzen Teil der Flagge die Stiefel. Nichts ist mehr heilig.

Unsere Bundesflagge ist eine Trikolore (die Revolutionäre von 1848 nannten sie Dreifarb), aber nur in Frankreich gibt es eine tricolore. Unsere Flagge hat keinen Namen. Heißt nicht Dannebrog, Union Jack oder Jolly Roger. Segler sollen sie manchmal als Adenauer bezeichnen, aber das ist nicht offiziell. Die Farbsymbolik der Bundesflagge reicht bis ins Mittelalter zurück, in der Manessischen Handschrift finden sich schon die Farben Schwarz, Rot und Gold. Ihre große Bedeutung erhält die Flagge erst im 19. Jahrhundert, da wird sie die Flagge der Revolution. Denn beim Hambacher Fest 1832, da wehte sie über dem Schloss ➱Hambach.

Am 17. März 1848 hat der Dichter Ferdinand Freiligrath in London das später auch vertonte Gedicht Schwarz-Rot-Gold geschrieben (es findet sich ➱hier im Volltext). Das patriotische und politisch folgenreiche Gedicht beginnt mit den Versen:

In Kümmernis und Dunkelheit,
Da mußten wir sie bergen!
Nun haben wir sie doch befreit,
Befreit aus ihren Särgen!
Ha, wie das blitzt und rauscht und rollt!
Hurra, du Schwarz, du Rot, du Gold!
Pulver ist schwarz,
Blut ist rot,
Golden flackert die Flamme!


Eine Woche zuvor hatte der Bundestag des Deutschen Bundes dekretiert: Eben so werden die Bundesfarben der deutschen Vorzeit zu entnehmen seyn. Da war der Wunsch des Dichters Hoffmann von Fallersleben, der später ein Trinklied schreibt, das heute unsere Nationalhymne ist (lesen Sie mehr in dem Post ➱Kurgäste), Wirklichkeit geworden. Denn schon 1843 dichtete der:

Immer unerfüllt noch stehen 
Schwarz, Rot, Gold im Reichspanier:
Alles läßt sich schwarz nur sehen, 
Rot und Gold, wo bleibet ihr?
Ach wann erglänzt aus dem Dunkel der Nacht
unsere Hoffnung in funkelnder Pracht?

Aber sind Schwarz, Rot, Gold im Reichspanier wirklich die Farben des Bürgertums? Sie kommen doch eher aus dem Malkasten der Heraldik der deutschen Fürsten. Und so teilten nicht alle deutschen Dichter diese Begeisterung für die neuen alten Farben. So schrieb ➱Heinrich Heine in Michel nach dem März:

Doch als die schwarz-rot-goldene Fahn,
Der altgermanische Plunder,
Aufs neue erschien, da schwand mein Wahn
Und die süßen Märchenwunder.
Ich kannte die Farben in diesem Panier
Und ihre Vorbedeutung:
Von deutscher Freiheit brachten sie mir
Die schlimmste Hiobszeitung.


Vor der Revolution klang das bei Harry Heine allerdings ein klein wenig anders: Pflanzt die schwarz-rot-goldene Fahne auf die Höhe des deutschen Gedankens, macht sie zur Standarte des freien Menschentums und ich will mein bestes Herzblut für sie hingeben. Flaggen spielen für uns heute kaum noch eine Rolle, 1931 war das anders, da konnte Tucholsky noch schreiben: Jeder Mensch hat 1 Leber, 1 Milz, 1 Lunge und 1 Fahne; sämtliche vier Organe sind lebenswichtiger Natur. Es soll Menschen ohne Leber, ohne Milz und mit halber Lunge geben; Menschen ohne Fahne gibt es nicht. Und dann kamen noch mehr Fahnen. Das Ende dieser Flaggenparade hat Kurt Tucholsky (dem Heinrich Heine ein großes Vorbild war) nicht mehr erlebt. So konnte er die Genugtuung nicht mehr haben, dass der letzte Satz aus ➱Die Frau mit dem Fähnchen - dies, im Jahre 1945 nachgelesen, wird sehr wahr sein - wirklich sehr wahr war.

Niemand wird heute mehr schwimmend in der Tropen Duft; von deutschen Kolonieen träumen, wo die deutsche Flagge weht, und ein Reich, in dessen Grenzen nie die Sonne untergeht sehen wollen. Wir sind nüchterner geworden. Als Gustav Heinemann vor der Wahl zum Bundespräsidenten gefragt wurde, ob er denn diesen Staat nicht liebe, antwortete er: Ach was, ich liebe keine Staaten, ich liebe meine Frau; fertig! Als Bundespräsident musste er mit dieser häßlichen Standarte herumfahren, den Reichsadler des Reichspräsidenten der Weimarer Republik führen die Bundespräsidenten immer noch immer Schilde. Das ist die moderne Designversion des Reichsadlers auf dem Bild von Heinrich VI in der Manessischen Handschrift (oben). Da hat sich in achthundert Jahren wenig verändert. Doch als die schwarz-rot-goldene Fahn, Der altgermanische Plunder, Aufs neue erschien, da schwand mein Wahn Und die süßen Märchenwunder.

Das Gedicht, das Freiligrath am 17. März 1848 schrieb, diente ein Jahr nach dem Ersten Weltkrieg einem anderen deutschen Dichter, der unter dem Pseudonym ➱Theobald Tiger schrieb, als Vorlage. Aber da klingt es nicht mehr so patriotisch und begeistert:

Das war damals, als Freiligrath
sang in die deutschen Ohren:
Was auch ein König für euch tat,
Toren bleibt ihr, Toren!
Sitzt so getreu in der Obrigkeit Hut,
artig, ein Kind bei der Amme --
Schwarz ist der Stahl,
rot ist das Blut.
Golden flackert die Flamme!


Samstag, 15. März 2014

John Quincy Adams


Das ist natürlich nicht John Quincy Adams, das ist der englische Schauspieler Anthony Hopkins, der John Quincy Adams in dem Film Amistad spielt. Und die schwarzen Sklaven des Schiffes vor dem amerikanischen Supreme Court in dem berühmten Fall United States v. The Amistad Africans verteidigt. John Quincy Adams ist wie sein Vater John Adams (der hat ➱hier schon einen Post) Präsident der Vereinigten Staaten gewesen. Und er hielt sich einen Alligator im Badezimmer, den ihm der Marquis de Lafayette geschenkt hat. Ich musste dieses kleine nutzlose Detail mal eben einfügen. Mein Blog lebt von diesen Dingen.

Es ist eine berühmte Familie. 1930 hat der Historiker James Truslow Adams die Familiengeschichte aufgeschrieben: The Adams Family. Hat natürlich nichts, aber auch gar nichts, mit der gleichzeitig in Amerika berühmt werdenden Addams Family zu tun. Die ist eine Erfindung des wunderbaren Zeichners Charles Addams. Der sollte hier im Blog irgendwann auch mal einen Post bekommen. Der letzte berühmte Adams ist der Historiker und Kulturphilosoph Henry Adams, dessen Buch The Education of Henry Adams früher einmal Pflichtlektüre für Amerikanisten war. Was die heute lesen, weiß ich nicht. Wahrscheinlich die Addams Family.

Aber da ist noch ein mehr oder weniger berühmter Adams, nämlich jener John Quincy Adams, der am 15. März 1933 in Wien starb. Zwei Jahrzehnte zuvor hatte er hier im Wiener Künstlerhaus neben dem Kaiser Franz Joseph gestanden. Der Vater dieses John Quincy Adams war ein gefeierter Heldentenor, der an der Wiener Oper sang. Opernsänger bedeuten damals etwas in Wien, so schreibt Stefan Zweig in Die Welt von Gestern: Der Ministerpräsident, der reichste Magnat konnte in Wien durch die Straßen gehen, ohne daß jemand sich umwandte; aber ein Hofschauspieler, eine Opernsängerin erkannte jede Verkäuferin und jeder Fiaker; stolz erzählten wir Knaben es uns einander, wenn wir einen von ihnen (deren Bilder, deren Autographen jeder sammelte) im Vorübergehen gesehen, und dieser fast religiöse Personenkult ging so weit, daß er sich sogar auf seine Umwelt übertrug.

Sein Vater war noch Amerikaner, John Quincy Adams, der kein Opernsänger, sondern ein Maler werden wird, ist Österreicher. Adams malt die feine Welt von gestern, wie hier Luise Eisner, die spätere Fürstin Odescalchi. Das ist die Welt, die ein anderer Österreicher in dieser Zeit, der auch gerne Maler geworden wäre, niemals sehen wird. Und die Welt jenes verhinderten Malers braucht John Quincy Adams nicht mehr zu sehen, weil er dann schon tot ist.

Adams hat an der Wiener Akademie studiert, danach ist er nach München gegangen, wo er unter anderem Schüler von dem Deutschamerikaner Carl Marr war (Carl Marr wird in dem Post ➱Frank Duveneck schon einmal erwähnt). Nach München kommt Paris, zuerst die Académie Julian (wo Edward Hoppers Lehrer ➱Robert Henri auch gewesen ist), aber dann lernte er ➱Whistler kennen. Und wollte malen wie der. Aber hätte Whistler Katinka Andrássy, die junge Gattin des Grafen Michael Károlyi, so zweidimensional plakativ gemalt?

Bei diesem Bild von 1901 könnte man schon eher einen Einfluss von Whistler annehmen. Ich bin mir mit dem Einfluss von Whistler nicht so sicher. Im Wikipedia Artikel von Adams steht zwar: Prägend wurde aber der Einfluss von James McNeill Whistler in London auf seine Malerei, doch ist das wirklich wahr? Stanley Weintraubs Whistler Biographie erwähnt Adams nicht. Lediglich Margarethe Poch-Kalous betont in ihrem Aufsatz John Quincy Adams – ein vergessener Wiener Maler in Alte und moderne Kunst (1975) diesen Einfluss.

Die Gräfin Katinka Andrássy, die man eines Tages im Londoner Exil The Red Countess nennen wird, ist sicherlich eine schöne Frau gewesen. Manche Zeitgenossen hielten sie für die schönste Frau Europas. Hier ist sie von Andre Kertesz photographiert (der sie mehrfach photographiert hat), da sind wir schon in einem anderen Jahrzehnt. Das k.u.k. Reich ist zerbrochen, ihr Gatte ist nicht mehr Präsident von Ungarn. Das Kennzeichen des Aristokraten ist vor allem anderen der Gleichmut, wie es so schön in Joseph Roths Kapuzinergruft heißt. Sie hat lange gelebt (und sah auch auf allen Photos, die im Alter von ihr gemacht wurden, noch gut aus), vielleicht hat sie sogar 1985 noch den Film gesehen, der über sie gedreht worden war.

Da wird sie von der ungarischen Schauspielerin Juli Básti (Bild) gespielt. Für einen Film ist das Leben der Stieftochter des Grafen Tivadar Andrássy reich genug. Aus der k.u.k. Monarchie in die Zirkel von Vita Sackville-West und Violet Trefusis, dann nach dem Zweiten Weltkrieg wieder kurz in den Károly Palast in Budapest (ich lasse, hier mal ein Bild weg, da ich nicht weiß, welcher der drei Paläste der Károlys in Budapest das war). Die Kommunisten hatten den ersten ungarischen Präsidenten nicht vergessen, der 1918 in der Landreform die ungarischen Magnaten enteignet hatte. Also stellt man dem Ehepaar die Paläste der Károlys und Andrássys wieder zur Verfügung, angeblich sollen sogar die alten Bediensteten zurückgekommen sein.

Es wäre ja nicht nur genügend Stoff für einen Film, die Geschichte von Michael Károlyi und Katinka Andrássy würde sicher auch für einen dicken Roman reichen. Joseph Roth wäre der richtige Autor für diesen Roman gewesen. Manchmal hat man bei der Betrachtung von Biographien aus dem k.u.k Österreich-Ungarn das Gefühl, das alle Aristokraten sich so inszenieren, als seien sie die Hauptfiguren eines Joseph Roth Romans. Österreich-Ungarn, das war jenes Stück Land, das der liebe Gott Kaiser Franz Joseph anvertraut hatte, heißt es in Radetzkymarsch.

Wenn Sie jetzt das Gefühl haben, dass ich eine gewisse Sympathie für diese Welt und ihre Maler habe, kann ich das nicht leugnen. Ich hatte einmal eine schwere Joseph Roth Phase (die ➱Schnitzler Phase gar nicht zu erwähnen), und ich liebe Joseph Roth immer noch. Er ist einer von denen, die eine Gesellschaft im Sterben beschreiben - was häufig zu den großartigsten Romanen der Weltliteratur führt. Meine Beispiele (ohne Joseph Roth) für diese kleine Theorie des Untergangs in der Literatur wären ➱Joseph Conrad, der die sterbende Welt der Segelschiffe beschreibt, ➱Marcel Proust, der uns die untergehende Pariser Gesellschaft vor Augen führt. Und natürlich ➱William Faulkner, der uns die zum Untergang bestimmte Welt der Südstaaten Großgrundbesitzer zeigt.

Das Bild oben ist nicht von John Quincy Adams, es ist Lady Helen Vincent, die Viscountess D'Abernon, gemalt von John Singer Sargent. Und da ist malerisch doch schon ein Unterschied zu der Kunst von John Quincy Adams. Dies Photo zeigt den Maler der Wiener Gesellschaft in seinem Atelier, wir können an der Innenarchitektur sehen, dass die Moderne schon ihren Einzug in sein Studio gehalten hat. Obwohl er einen Teil seiner Jugend in Amerika verbracht hatte, liebte dieser Österreicher mit dem amerikanischen Namen sein Österreich. Österreich ist kein Staat, keine Heimat, keine Nation. Es ist eine Religion, sagt der Graf Chojnicki in der Kapuzinergruft. Das könnte auch von Adams, diesem Österreicher der ersten Generation sein. Während des Ersten Weltkrieges gehört Adams der Kunstgruppe des k.u.k. Kriegspressequartiers an, er malt Generäle wie Eduard Freiherr von Böhm-Ermolli oder Ignaz von Korda, malt patriotische Plakate und malt auf allen Kriegsschauplätzen der österreichischen Armee.

Die Sommer verbrachte der Maler im Salzkammergut, wo er auch eine Segelyacht an einem See liegen hatte (ich weiß jetzt nicht, ob er seinem Bostoner Namensvetter, der ein berühmter Yachtsegler war, nacheifern will). Er malte auch - für einen Salonmaler eigentlich untypisch - Alpenlandschaften. Dafür habe ich leider kein Beispiel, da nehmen wir mal eben diese Photographie und nehmen an, dass auf dem Bild von dieser Nixe am Fluss auch die Alpen mit drauf sein werden. Und da ich schon bei kaum bekleideten jungen Frauen in Wassernähe bin, sollte ich vielleicht sagen: Sie könnten jetzt mal eben den Post ➱Meerjungfrauen+Waldnixen lesen.

Ich weiß nicht, ob der Maler John Quincy Adams wirklich so werden wollte wie Whistler. Vielleicht wollte er eher so werden wie die Maler ➱John Singer Sargent, ➱Anders Zorn oder ➱William Merritt Chase (um einmal seine berühmteren Konkurrenten zu nennen). Die Klientele aus der Welt der Schönen und Reichen hat er wie sie - oder wie einst Franz Xaver Winterhalter (der hat ➱hier einen Post) - auf jeden Fall gehabt. Dafür klebt man ihm heute das Etikett Salonmaler auf, an Whistler, Sargent oder Zorn bleibt das nicht kleben. Adams malt nicht nur die feine Gesellschaft von Wien und Budapest. 1908 malt er den Fürsten Johann II von Liechtenstein und er portraitiert den Kaiser Franz Joseph, als der fünfundachtzig wird. Adams' Tochter Harrriet wird einen Grafen Walderdorff heiraten, mit dem zusammen sie 1939 das Hotel Goldener Hirsch in Salzburg kauft.

Ab 1948 leitet sie das ➱Hotel selbst und macht es zu der ersten Adresse von Österreich. 1954 kam noch das Schloss Fuschl (in dem einst Ribbentrop residierte) dazu, in dem sie ein ein Restaurant einrichtete. Sie hat ihr Leben mit dem Hotel Goldener Hirsch aufgeschrieben, erfreulicherweise ganz ohne name-dropping. Kein Geringerer als Herbert von Karajan hat dann das Vorwort zu dem charmanten Buch geschrieben.

Mit diesem Bild verlassen wir Wien, bleiben aber in der Welt der Reichen. Dies ist das Haus von William Stuart Spaulding in Beverly (Massachusetts). Der Harvard Absolvent aus Boston hatte zusammen mit seinem Bruder John ein Zuckerimperium geerbt. Er ist nicht nur Geschäftsmann, er ist auch Kunstsammler. Und dank seiner Zuwendungen kann das Museum of Fine Arts in Boston Degas, Cezanne, Van Gogh und Matisse kaufen. Und amerikanische Maler wie ➱Edward Hopper und ➱Winslow Homer.

Und von wem lässt sich der Millionär malen? Natürlich von niemand anderem als John Quincy Adams. Der malt ihn in dem schicken Blazer des Boston Tennis and Racquet Club. Vielleicht neben dem Bild von Louise Eisner eins der besten Bilder von Adams. Es ist vor Jahren auf der Auktion von Sothebys für 9.000 Euro verkauft worden. Da kam die ganze Kunstsammlung des Sohns von William Stuart Spaulding (der eine Erbin aus dem Maggi Imperium geheiratet hatte), unter dem ➱Hammer. Der schöne Satz von Bismarck stimmt beinahe immer: Die erste Generation schafft Vermögen, die zweite verwaltet Vermögen, die dritte studiert Kunstgeschichte, und die vierte verkommt vollends.

Von dem gefeierten Salonmaler mit dem Namen eines amerikanischen Präsidenten ist außer dem imposanten Grabmal auf dem Wiener Zentralfriedhof nicht viel geblieben. Seine Gemälde stoßen auf Auktionen auf keine große Begeisterung, für drei- bis viertausend Euro kann man einen John Quincy Adams bekommen. Was man wohl nicht mehr bekommt, ist der Katalog Wiener Gesellschaft im Portrait: Der Maler John Quincy Adams der Wiener Akademie der Künste aus dem Jahre 1986. Es genügt ja, dass ich ihn habe. Wie man an die 930-seitige Wiener Diplomarbeit von Alexandra Peyrer-Heimstätt Der Wiener Maler John Quincy Adams herankommt, das weiß ich allerdings auch nicht.



Mittwoch, 12. März 2014

New York


Das ist mal wieder eins von diesen Bildern, die ich liebe. Ich bin mit diesen Scheußlichkeiten aufgewachsen. Historienbilder zeigen immer entscheidende Augenblicke der Geschichte, sie suggerieren uns, dass wir dabei gewesen sind. Versichern uns: Genauso hat es ausgesehen.   Dieses Bild haben Generationen von Amerikanern gekannt, dies ist eine Version der Geschichte, mit der die aufgewachsen sind. Amerikas Geschichte in achtundsiebzig Bildern.

Und so fängt alles an, die Pilgerväter feiern mit den amerikanischen Einwohnern das Erntedankfest. Feiert man noch immer jedes Jahr in Amerika. Die Speisefolge scheint seit dem 17. Jahrhundert die gleiche zu sein - das ist bei der ➱Bremer Schaffermahlzeit ähnlich. Allerdings feiert man heute kaum noch mit den Indianern. Der Maler - und das erkennen wir unschwer, dass es derselbe Künstler ist - dieser schönen Bilder heißt Jean Leon Gerome Ferris. Die Bilder sind einem Werk entnommen, das The pageant of a nation heißt und 1932 in Amerika erschien. Ein bibliothekarischer Eintrag auf einer Karteikarte gibt den Inhalt in Kürze wieder: Depicts important moments in U.S. history. For elementary grades.

Hier wird gerade die Declaration of Independence geschrieben. Wir können die verworfenen ➱Entwürfe auf dem Fußboden sehen. Und bewundern die eleganten Klamotten von Thomas Jefferson. Die Founding Fathers kommen schon eleganter daher als die Pilgrim Fathers (lesen Sie ➱hier alles über die Kleidung von George Washington). Das Schulbuch The pageant of a nation erscheint in der Great Depression, Amerika ist auf Sinnsuche. Auf der Suche nach einer usable past, ein Begriff, den Van Wyck Brooks 1915 geprägt hatte. Schlagwörter wie American Dream und grassroots America machen die Runde.

Und da kommt der Maler Jean Leon Gerome Ferris (der mit den Malern Edward Moran und Thomas Moran (der hat ➱hier schon einen Post) zwei berühmte Verwandte hat, gerade recht. Seine Bilder erscheinen nicht nur in dem Schulbuch, sondern werden auch als Postkarten verkauft. Aber welcher Moment der Geschichte ist hier dargestellt? Mit ein wenig Kenntnis der amerikanischen Geschichte, können wir alles aus dem Bild heraus erklären. Wir sind im 17. Jahrhundert. Am 12. März 1664 hat der englische König Charles II seinem Bruder, dem Herzog von York die gesamte Atlantikküste Nordamerikas geschenkt. Allerdings gehört die ihm gar nicht, das ist die Kolonie Nieuw Nederland der  Niederlande. Wir sehen die holländische Flagge auf dem Bild (und die Windmühle im Hintergrund signalisiert uns auch: ➱Holland). Das Pulverfass rechts ist Nieuw Amsterdam beschriftet. Die Engländer haben natürlich einen Grund, um im Hafen von Nieuw Amsterdam aufzutauchen. Invasoren haben immer irgendeinen Grund, das erfahren wir in diesen Tagen wieder einmal. Angeblich haben die Holländer gegen den Navigation Act verstoßen, schon sind die Limeys da. Da ist es natürlich praktisch, dass der Duke of York auch der Oberbefehlshaber der Royal Navy ist.

Der Ort Nieuw Amsterdam (hier eine Ansicht aus dem Jahre 1664) wird nicht mehr lange so heißen. Denn der englische Colonel Richard Nicolls, der die kleine Flotte im Hafen befehligt, wird ihn nach dem Duke of York benennen. Seitdem heißt Nieuw Amsterdam New York. Bis heute. 1673 haben die Holländer mal für kurze Zeit New York zurückerobert und den Ort New Orange genannt, aber das war schnell vorbei.

Der Herr, der seinen Hut im Zorn zu Boden geworfen hat, ist natürlich niemand anderer als Peter Stuyvesant. Man erkennt ihn an seinem schön gedrechselten Holzbein. Stuyvesant (den man hierzulande nur als Zigarettenmarke kennt), möchte kämpfen. Aber seine Landsleute wollen nicht. Sie flehen ihn an, der Aufforderung zur Kapitulation (die er in der Hand hält) nachzugeben. Er wird nachgeben. Kehrt nach Holland zurück. Aber kommt eines Tages wieder und lebt auf seinem Bauernhof in Manhattan bis zu seinem Tod im Jahre 1672. Ein Bauernhof heißt im Holländischen bouwerij. Der Name hat sich erhalten, in New York gibt es immer noch eine Straße namens Bowery.

Richard Nicholls ist im gleichen Jahr wie Stuyvesant gestorben. Von einer Kanonenkugel in der Seeschlacht von Solebay getroffen. Die Kanonenkugel (oben in dem kleinen Tympanon) ziert immer noch sein Prunkgrab in der Kirche von Ampthill in Bedfordshire. Unter der Kanonenkugel findet sich die Inschrift instrumentum mortis et immortalitatis, das kann man auch mit ein wenig Küchenlatein leicht übersetzen. Die Kugel ist die Ursache für seinen Tod, aber auch für seine Unsterblichkeit. Und dann gibt es noch eine amerikanische und eine englische Flagge, keine holländische. Für die Holländer finden sich auf dem Gedenkstein nur die Worte belgis expulsit.

Die Holländer, die hier als Belgier bezeichnet werden, sind über den Verlust ihrer amerikanischen Kolonie nicht wirklich böse. Obgleich sie gerade mal wieder in einem Seekrieg mit den Engländern sind. Wir kennen das, ich schrieb schon in dem Post über ➱Samuel Pepys: seit der Admiral Tromp einen Besen an dem Großmast seines Schlachtschiffs befestigt hatte, um den Engländern zu zeigen, dass er sie aus dem Ärmelkanal fegen wollte, ist es mit der englischen Seeherrschaft nicht so weit her. Rule Britannia! Britannia rule the waves! kann man erst im nächsten Jahrhundert singen. Und ganz still und unauffällig, sozusagen hinter den Kulissen haben sich Holland und England dann geeinigt - die einen behalten Amerika, die anderen bekommen Surinam.

Der Duke of York kommandiert nicht nur die Royal Navy, er steht auch der Royal African Company vor, die wunderbar am Transatlantischen Sklavenhandel verdient. James wird unter dem Namen James II nach dem Tod seines Bruders König werden. Seine Stellung ist vom ersten Tag an unsicher. Denn da gibt es gleich die Monmouth Rebellion (lesen Sie dazu doch die Posts ➱Stuarts und ➱Monmouth, Theodor Fontanes Lied des James Monmouth wird da natürlich auch zitiert), und wenig später ist seine Herrschaft (die Macaulay als tyranny which approached to insanity bezeichnete) in England auch schon zu Ende. Man wirft ihn aus dem Land. Er verbringt den Rest seines Lebens in Frankreich. Frankieboys ➱New York, New York mit der Zeile If I can make it there, I'll make it anywhere, hat er natürlich nicht gekannt. Er war nie in New York, er könnte bestenfalls mit Udo Jürgens singen: Ich war noch niemals in New York.

Sie wollen noch ein wenig Literatur zu dem Thema? Bitteschön: Robert C. Ritchie, The Duke's Province: A Study of New York Politics and Society, 1664-1691 und Kenneth T. Jackson (ed), The Encyclopedia of New York City wären meine Empfehlungen. Das erste Buch ist etwas langweilig, aber der zweite Titel ist mit seinen 1.350 Seiten eine Fundgrube.

Montag, 10. März 2014

Laon 1814


Um Mitternacht hat man ihn am 9. März noch gesehen, danach ist er für Tage verschwunden. Da ist er nur noch ein zitterndes Häufchen Elend, hat nichts mehr von diesem Blücher, wie wir ihn von dem Bild von Thomas Lawrence kennen. Die Schlacht von Laon am 10. März 1814 findet ohne ihn statt. Spekulationen machen die Runde, der Feldmarschall sei geistig umnachtet. Der russische General Alexandre Langeron soll gesagt haben: Au nom de Dieu, transportons ce cadavre avec nous, das sagt auf jeden Fall der General Carl von Müffling (ein Intimfeind von Gneisenau) in Aus meinem Leben. Leider ein Werk, das mit größter Vorsicht zu betrachten ist.

Mit schöner Süffisanz schreibt der preußische Oberst Bernhard von Poten in der Allgemeinen Deutschen Biographie über Müffling: In seinen Denkwürdigkeiten aber beansprucht er das Verdienst eines weit größeren Antheils an den Erfolgen; er will Gneisenau, welchem er Vortrag hielt, wie dieser wieder dem Feldmarschall Blücher vortrug, in ähnlicher Weise beeinflußt haben, wie Gneisenau es bei Blücher that. Die Rathschläge zu allen gelungenen Unternehmungen will er selbst gegeben, die Mißerfolge der fehlgeschlagenen Maßregeln will er vorausgesehen haben. Das Verhältniß zwischen M. und Gneisenau war kein erfreuliches; Letzterer nennt ihn in einem Briefe an Clausewitz aus späterer Zeit „übermüthig im Glück, verzagt im Unglück; wenn es gut ging, wollte er Alles an sich reißen, wenn es schlecht ging, ward er so hinfällig, daß er keine Arbeit mehr verrichten konnte.“ Wenn man sich die Mühe macht, Müfflings Aus meinem Leben (➱hier im Volltext) zu lesen, wird man sehen, dass er die Rathschläge zu allen gelungenen Unternehmungen selbst gegeben hat. Wenn Blücher und Wellington Napoleon besiegen, dann nur, weil sie nach den Plänen des miles gloriosus von Müffling handeln. Das ist wirklich sehr komisch.

Der Comte de Langeron, der schon mit der französischen Armee in Haiti war und unter Rochambeau mit den Amerikanern gegen die Engländer kämpfte, war während der Französischen Revolution nach Rußland geflohen. Jetzt ist er russischer General. Aber der dienstälteste Korpskommandeur weigert sich, den ihm angetragenen Oberbefehl zu übernehmen. Er weiß, dass Yorck und Bülow ihm nie gehorchen würden. Gneisenau soll es machen, der will eigentlich auch nicht. Er kann das auch nicht, er kann Theorie und Planung, er ist niemand, der eine ganze Armee im Felde führen kann. Er genießt auch kein Ansehen unter den Generälen der Armee, weil er nie eine größere Armeeeinheit im Kampf kommandiert hat. Ein Jahr später wird er bei Ligny für einen Tag wieder den Oberbefehl haben, wenn Blücher unter sein Pferd gekommen ist. Vielleicht hätte man jemand anderen als Gneisenau nehmen sollen, aber die Führer der einzelnen Korps sind untereinander zerstritten. Die Kommandoebene der Schlesischen Armee ist genau so fragil wie die heutige GroKo in Berlin.

Der General Hans David Yorck von Wartenburg zum Beispiel kann den russischen General von der Osten-Sacken nicht ausstehen, wenn er ihn nicht bei Montmirail rausgehauen hätte, dann hätte Fabian Gottlieb von der Osten-Sacken wohl kein Korps mehr. Aber eigentlich versteht von der Osten sein Handwerk, der Infanterist ist einer der wenigen, der sich ganz von unten nach oben gedient hat. Das respektiert Blücher. Hier im Bild ist er von George Dawe gemalt, der ja alle russischen Generäle des Freiheitskrieges gemalt hat (lesen Sie dazu mehr in dem Post ➱Kutusow). Aber die Frage ist, wen kann der Graf Yorck von Wartenburg überhaupt ausstehen? Der Mann hat das Benehmen einer Primadonna. Historiker schreiben an dieser Stelle höflich, dass er ein schwierigen Untergebener gewesen sei. So sagt Dominic Lieven in Russia against Napoleon: Lieutenant-General Hans David von Yorck, the commander of the Prussian corps on the left flank of Napoleon's forces, was a very difficult man even by comparison with senior Russian generals of the era. Arrogant, prickly and hypercritical, he was a nightmare as a subordinate.

Yorck hatte mit den Russen die Konvention von Tauroggen besiegelt, was für seinen Vorgesetzten, den französischen Marschall Jacques MacDonald (Bild) nur Verrat war: Ce général préparait une trahison qui n’a aucun exemple dans l’histoire. Yorcks Brief an MacDonald endet mit dem Satz: Indem ich Ihnen, gnädiger Herr, diese Erklärung mache, entledige ich mich der Verpflichtung gegen Sie und bitte Sie, die Versicherung der tiefsten Hochachtung zu genehmigen. York. Und das ist letztlich der Beginn des deutschen Freiheitskrieges, auch wenn der preußische König ihn seines Kommandos enthebt und einen Offizier schickt (der nie ankommt), um den Vaterlandsverräter (denn noch sind die Preußen französische Alliierte) festnehmen zu lassen. Yorck hat mit Stein, Hardenberg und den anderen preußischen Reformern nichts im Sinn, Gneisenau mit seinen Reformideen hält er für einen radikalen Spinner. Yorck läuft jetzt nicht zu den Russen über, er steigt nur für einen Augenblick aus der Geschichte aus. Und macht dadurch Geschichte. Jetzt ist er Blüchers Untergebener, er hält Blücher für einen Idioten. Er kann es auch nicht vergessen, dass man Blücher ihm vorgezogen hat, als es um das Kommando der Schlesischen Armee ging.

Aber der 9. März 1814 ist der Tag des Grafen Yorck von Wartenburg gewesen, der zusammen mit Kleist den Angriff auf Napoleon schon vor dem eigentlichen Plan begonnen hat. Blücher schreibt ihm um Mitternacht einen Brief: Euer Exzellenz haben auf neue bewiesen, was Einsicht mit Entschlossenheit verbunden vermag. Ich wünsche Hochdenselben Glück zu den brillanten Resultat dieses Tages, und vermag in beiliegender Disposition nur das zu verfolgen, was Euer Exzellenz so schön begonnen haben. Das heißt, er billigt Yorcks Pläne für den 10. März. Aber an diesem Tag geht, obwohl Napoleon die Schlacht verliert und das Schlachtfeld räumt, alles schief für die Schlesische Armee: Doch am folgenden Morgen erkrankte Blücher an einem Fieberanfall und einer Augenentzündung, und Napoleon blieb in provokatorischer Haltung weiterhin in derselben Stellung. Dadurch wurden die Männer, die jetzt die Operationen leiteten, so eingeschüchtert, daß sie nicht nur den bereits begonnenen Vormarsch ihrer eigenen Truppen stoppten, sondern Napoleon auch ermöglichten, sich bei Nachteinbruch ruhig nach Soissons zurückzuziehen, schreiben Karl Marx und Friedrich Engels. Yorck will zu Blücher, aber Gneisenau läßt ihn nicht vor. Yorck ist tödlich beleidigt, reicht seinen Rücktritt ein (nicht zum ersten Mal) und besteigt die Kutsche nach Brüssel. Aber Blücher schreibt ihm am 12. März: Alter Waffengefährte, verlassen Sie die Armee nicht, da wir am Ziel sind; ich bin sehr krank und gehe selbst, sobald der Kampf beendet. Yorck kommt zurück.

Ist es wirklich wahr, dass Blücher geisteskrank ist und die Schlesische Armee ohne Führung ist? Zugeben, er ist krank. Er hat hohes Fieber, Schmerzen im Unterleib, seine Augen sind so entzündet, dass er kaum noch etwas sehen kann. Sein Geist verwirrt sich, er hat eine schwere Depression. Die hat er in Schüben schon immer gehabt, das sollte sein Umfeld wissen. Schon 1808 hatte ihn sein Leibarzt namens Johann Karl von Horlacher (Bild) über den er später sagen wird: Ja, Horlacher! Ihr seid ein braver Kerl! Ich werde in meinem ganzen Leben nicht vergessen, was Ihr an mir gethan habt, wegen der gleichen Symptome behandelt. Prostatabeschwerden, eine Verengung der Harnröhre und eine trübe und hypochondrische Gemüthsstimmung. Und bei seinem Leibarzt Bieske können wir über den 10. März lesen: oft mußten der Graf v. Nostritz und ich ihm die Hand darauf geben: 'ihn nicht eher zu verlassen, bis er todt sei, denn er wisse gewiß, daß er den künftigen Morgen nicht mehr erlebte'.

Jetzt kommen auch noch die Wahnvorstellungen, in seinen Fieberphantasien bildet er sich ein, von einem französischen Grenadier vergewaltigt worden zu sein und mit einem Elefanten schwanger zu sein. Sein Adjutant Graf Nostritz schreibt in sein Tagebuch: Wenn man ihn in diesem Zustand sah, wie er mit ängstlicher Besorgnis andauernd an den Tod dachte, mit Kleinmut jeden Schmerz wahrnahm, wie er seine Phantasie mit der Auffindung neuer Krankheitssymptome quälte und, nur mit sich selbst beschäftigt, gleichgültig gegen alles war, was außer ihm war, selbst gegen das Größte und Wichtigste, …. so musste man über die Gewalt staunen, welche das physische Befinden über die geistigen Kräfte ausübte. Wir müssen bedenken, der Mann ist zweiundsiebzig. Er hat in den vergangenen Monaten keinen Augenblick Ruhe gehabt. Im Februar hat er mehrmals gegen Napoleon verloren. Er hat große Teile seiner Armee verloren, jetzt will er den Mann, der ihn einen besoffenen Husaren genannt hat, endlich besiegen.

Sein Leibarzt Dr. Carl Ludwig Bieske tut das einzig Richtige. Verordnet viel Schlaf und einen abgedunkelten Raum, bekämpft das Fieber und die Augenentzündung. Mit den Todesgedanken und dem Elefanten muss der Patient selbst fertig werden. Trotz seiner Krankheit schreibt er am 10. März drei Briefe, an seine Frau und an seine Freunde Otto Friedrich von Bonin und Anton Wilhelm von L’Estocq. In allen Briefen wird sein Zustand nicht erwähnt. Solch nette Worte, die er über Horlacher gesagt hat, sind von ihm über Bieske nicht überliefert, aber er weiß, was er an dem hat. Bieske wird bis zu seinem Tod sein Arzt bleiben. Ein Jahr nach der Schlacht von Laon, als er bei Ligny unter sein Pferd gekommen war und der brave Nostritz seinen Mantel über ihn geworfen hatte, damit die Franzosen ihn nicht erkennen, wird es Bieske sein, der wahre medizinische Wunder verbringt. Und Blücher wieder auf das Pferd bekommt, damit er in Waterloo dabei sein kann (lesen Sie mehr dazu in dem Post ➱Waterloo). Schließlich muss er auf dem Pferd sitzen, wenn er Wellington in der Nacht begrüsst.

Die Schlacht von Laon am 10. März 1814 wird gewonnen, mit oder ohne Blücher. Es wird die letzte Schlacht des Feldmarschalls in diesem Feldzug sein. Seiner Frau schreibt er am 21. März: Aus dem vorstehenden [das leider nicht erhalten ist] ersiehst Du, daß ich gesund. Freilich hab' ich viel ausgestanden, aber ich bin ohne Fieber und Tag und Nacht zu Pferde. Das letzte ist wohl etwas übertrieben. Nach Paris fährt er mit der Kutsche, auf dem Kopf einen grünseidenen Damenhut mit Schleier. Die Augen sind immer noch nicht in Ordnung. Und dem preußischen König schreibt er im April 1814 aus Paris, dass er den Oberbefehl niederlegt: Mein hohes Alter, meine von den Fatigen des Krieges zerrüttete Gesundheit läßt mich vielleicht nur noch kurze Zeit das Glück hoffen, mich der so herrlich erkämpften Gegenwart freuen zu können. Die Armee betrachte ich wie meine Familie und es würde mir schmerzhaft sein, sie auf ewig verlassen zu müssen, ohne sie im Besitze des Erbtheils zu sehen, welches ihr zu verschaffen, für mich heilige Verpflichtung ist. Ein Jahr später wird man ihn wieder brauchen. Denn Napoleon kommt wieder.

Auch von Müffling wird man noch brauchen. Nach dem gewonnenen Krieg wird er als Gouverneur von Paris die von dem Pferdedieb von Berlin entführte Quadriga des Brandenburger Tors wieder nach Berlin zurückbringen (und Venedig bekommt seinen Marcuslöwen zurück): Nachdem ich den Auftrag dazu, durch den Beschluß der alliirten Minister in Paris, (an welche ich in den politischen Angelegenheiten gewiesen war,) erhalten hatte, beschloß ich zuerst, die Quadriga im Hofe der Tuillerien abzunehmen. Die Berliner sprachen damals von einer Retourkutsche (es gibt hier einen gleichnamigen Post), heute hat das Wort allerdings eine andere Bedeutung.

Der Freiherr von Müffling scheint auch eine neue Bedeutung durch revisionistische Amateurhistoriker und halb-akademische Biertischstrategen zu bekommen, so liest man in einer Buchrezension: Zu seinem lange Zeit in der älteren borussianischen Geschichtsschreibung vorherrschenden negativen Image haben nicht zuletzt seine erstmals 1851 posthum unter dem Titel “Aus meinem Leben” veröffentlichten Erinnerungen beigetragen, die nach ihrem Erscheinen durch August Varnhagen von Ense als ein “Zankbuch” charakterisiert wurden. Die Kritik entzündete sich hierbei in erster Linie an seiner Beschreibung der Feldzüge von 1813/14 und 1815, bei der dem Autor einige sachliche Fehler und Irrtümer nachgewiesen wurden. Im Kern richtete sie sich aber gegen Müfflings Charakterisierungen der preußischen “Heroen” der Freiheitskriege Blücher und Gneisenau. Die allmähliche Revision dieser Position in der historischen Forschung führte schließlich so weit, dass Peter Hofschröer Müffling als einen der fähigsten Generalstabsoffiziere der preußischen Armee charakterisierte, der einer der Architekten des alliierten Sieges von Waterloo gewesen sei.

Die Geschichte muss also umgeschrieben werden, weil dieser Herr Hofschroer, der den akademischen Grad eines B.A. besitzt und für die Firma Osprey Publishing schreibt, das so sagt. Das Internet macht's möglich. Hofschroers einzige Publikation bei einem seriösen Verlag, die allerdings auch als controversial bezeichnet wurde, handelt von der Schlacht von Waterloo. Allerdings eigentlich nicht von der wirklichen Schlacht, sondern von dem Diorama, das ein Captain namens William Siborne von der Schlacht angefertigt hat. Mit 75.000 Zinnsoldaten. Toll. Einer unserer fähigsten Generalstabsoffiziere der preußischen Armee muss inzwischen geschützt werden. Nachdem sein Grabmal in Erfurt vor Jahren verunziert wurde, hat man ihn mit einem eisernen Käfig geschützt (oben). Sic transit gloria mundi.