Donnerstag, 19. Mai 2016

ächt deutsch


Es wäre gut wenn man anfinge jedesmal wo mit Naserümpfen gesagt wird: das ist ächt deutsch, zu erwiedern: Nun dann müssen wir freilich dabei bleiben, denn das wird man doch nicht von uns verlangen, daß wir unächt deutsch oder ächt undeutsch handeln. Sagt Johann Eduard Erdmann in seinem Vortrag über Das Nationalitätsprinzip im Bremer Künstlerverein. Er sagt aber auch noch: Eine von den Trägern deutscher Bildung immer hochgehaltene Meinung ist die, daß das wahre, das beste deutsche Nationalgefühl auch das weltbürgerliche Ideal einer übernationalen Humanität mit einschließe, daß es undeutsch sei, bloß deutsch zu sein. Solche Sätze kommen 1862 in der Hansestadt gut an. AfD oder Pegida würden nicht auf solche Sätze verfallen.

Ich las letztens in der Süddeutschen Zeitung in einem Artikel von Gustav Seibt die Sätze: Noch bizarrer ist die Sorge der AfD um die deutsche Literatur. Sie soll künftig nur noch in Deutschland digitalisiert werden. Nur die eigene Bevölkerung und „deutsche Literaturfachleute“ könnten deutsche Literaturwerke gewichten. Wissen die belesenen Leute, die die AfD doch auch hat, nicht, dass es zwischen Wolfram von Eschenbachs „Parzival“ und Thomas Manns Josephs-Romanen praktisch keinen deutschen Klassiker gibt, der nicht unmittelbar ausländische Vorlagen aufgreift? Die AfD macht sich Sorgen um die deutsche Literatur. Das bereitet Anlass zur Sorge.

Im Original des Parteiprogramms der AfD steht: Die Digitalisierung der Deutschen Literatur ist eine von Deutschland zu leistende Aufgabe. Nur die eigene Bevölkerung und deutsche Literaturfachleute können deutsche Literaturwerke gewichten. Möglichen Lizenzzahlungen an ausländische Unternehmen zum Lesen digitaler deutscher Literatur ist durch Gesetzgebung vorzubeugen. Ich weiß nicht, ob die Digitalisierung der deutschen Literatur unbedingt sein muss. Wer diesen Blog liest, weiß, dass ich ➱Büchern den Vorzug gebe. Muss man die deutsche Literatur gewichten? Das ist sehr fraglich. Dass nur deutsche Literaturfachleute so etwas können, ist natürlich vollständiger Quatsch. Der Holländer Herman Meyer, der nach dem Krieg für eine Versöhnung zwischen Holland und Deutschland eintrat, hatte sehr viel zur deutschen Literatur zu sagen. Dem Engländer ➱Nicholas Boyle müssen wir für seine Goethe Biographie (kriegt er sie noch fertig?) dankbar sein. Die Liste berühmter ausländischer Germanisten lässt sich beliebig verlängern. Das Buch des französischen Germanisten Robert Minder Die Entdeckung deutscher Mentalität sollte man unbedingt in dieser Debatte erwähnen.

Vielleicht sollte man auch auf den deutschen Gelehrten Joseph Hillebrand hinweisen, der 1845 das Buch Die deutsche Nationalliteratur seit dem Anfange des achtzehnten Jahrhunderts, besonders seit Lessing, bis auf die Gegenwart, historisch und ästhetisch-kritisch dargestellt veröffentlichte. Wo er über die deutsche Literatur des 18. Jahrhunderts schrieb: Zweierlei aber bedrückte die deutsche Sprachdarstellung, die geschmacklose metaphorische Prunkhaftigkeit und das Übermaß der Ausländerei. Das Übermaß der Ausländerei war auch etwas, was Herder beklagt hatte. In seiner ➱Abhandlung über den Ursprung der Sprache wünscht er sich eine eigenständige deutsche Literatur, frei von Einflüssen der damals vorherrschenden englischen und französischen Literatur. Obgleich er gegen die Franzosen eigentlich nichts hat. Und große Gemeinsamkeiten zwischen deutscher und englischer ➱Dichtkunst sieht.

Aber ist es wirklich wahr, dass es zwischen Wolfram von Eschenbachs „Parzival“ und Thomas Manns Josephs-Romanen praktisch keinen deutschen Klassiker gibt, der nicht unmittelbar ausländische Vorlagen aufgreift? Da setzen wir doch noch mal ein paar Fragezeichen dahinter. Wir lassen mal die Definition eines Klassikers weg, das führt zu nichts. Goethe ist nicht immer klassisch (lesen Sie doch einmal den Post ➱Schmutzige Lyrik). Lassen Sie uns bei der deutschen Literatur bleiben, Klassiker oder nicht. Wenn man dem Internet die Frage stellt Was ist deutsch an der deutschen Literatur, stößt man auf eine sehr schöne und kluge ➱Rede von Navid Kermani (die 2006 in der Süddeutschen Zeitung gedruckt wurde). Navid Kermani ist ein deutsch-iranischer Schriftsteller und habilitierter Orientalist. Er wird von Frau Petry und Herrn Gauland wohl nicht zu den deutschen Literaturfachleuten gezählt werden, die die deutsche Literatur gewichten können. Ich muss an dieser Stelle einmal erwähnen, dass Alexander Gauland schon selbst zur deutschen Literatur gehört. Er ist (unter anderem Namen) eine Romanfigur in Martin Walsers Roman Finks Krieg, lügend und verlogen seine Macht missbrauchend. Wie der wirkliche Alexander Gauland in der Affäre Gauland.

Literatur kommt von Literatur. Der oben erwähnte Holländer ➱Herman Meyer hat mit seinem Buch Das Zitat in der Erzählkunst die Dimensionen des gegenseitigen literarischen Beklauens, das wir heute vornehm Intertextualität nennen, aufgezeigt. Aber wenn auch der deutsche Minnesang sich bei den Franzosen bedient, es macht mir nichts aus. Wolframs ➱Parzival und Gottfried von Straßburgs Tristan und Isolde sind mir lieber als das Nibelungenlied, das ganz ächt deutsch ist. Aber niemals an die Meisterwerke der europäischen ➱Artusepik heranreicht (auch das deutsche ➱Rolandslied ist im altfranzösischen Original besser).

Das Nibelungenlied (das Goethe kaum kannte) wird, wenn Karl Lachmann Der Nibelunge Noth und die Klage fertig rekonstruiert hat, zum deutschen Mythos. Siegfried wird zum Nationalhelden, eines Tages gibt es eine Siegfried Linie. Und englische Soldaten singen We`re gonna hang out our washing on the Siegfried Line. Als Christian Heinrich Myller seine erste Version des Nibelungenliedes an den preußischen König geschickt hatte, schrieb ihm Friedrich der Große: Hochgelahrter, lieber getreuer! Ihr urtheilt viel zu vorteilhafft von denen Gedichten aus dem 12., 13. und 14. Seculo, deren Druck Ihr befördert habet, und zur Bereicherung der Teutschen Sprache so brauchbar haltet. Meiner Einsicht nach sind solche nicht einen Schuß Pulver werth; und verdienten nicht aus dem Staube der Vergessenheit gezogen zu werden. In meiner Bücher-Sammlung wenigstens würde Ich dergleichen elendes Zeug nicht dulten; sondern herausschmeißen. Das Mir davon eingesandte Exemplar mag dahero sein Schicksal in der dortigen großen Bibliothek abwarten. Viele Nachfrage verspricht aber solchem nicht,  Euer sonst gnädiger König Frch.

Wir haben keinen Kanon mehr. Von der Leseliste, die ➱
Karl Otto Conrady 1966 seinem Buch Einführung in die Neuere deutsche Literaturwissenschaft anfügte, ist in den Leselisten deutscher Universitäten nur ein marginaler Rest von deutscher Literatur übrig geblieben. Und an der Uni Köln schafft man es in einem Fundamentum: Obligatorische Lektüre Goethes Roman Die Leiden des jungen Werther als Die Leiden des jungen Werthers zu zitieren. Viele Amerikanische Universitäten halten immer noch an einem Great Books Programm fest, und die Leselisten amerikanischer Germanistikstudenten sind länger als die ihrer deutscher Kollegen, die durch dieses BaMa Studium verblödet werden. Im 19. Jahrhundert, als Deutschland nur ein Flickenteppich von Ländchen und Fürstentümern war, sehnte man sich ein einziges, einiges Deutschland herbei. Und eine Nationalliteratur. Ein einiges Deutschland haben wir jetzt, aber die Bildung ist Ländersache. Und was da an Kenntnis der deutschen Literatur im Abitur oder im Staatsexamen verlangt wird, ist sehr, sehr verschieden.

Es hat immer wieder unsinnige Reformversuche an den Schulen gegeben: Matte lernen mit der Mengenlehre, Latein mit der generativen Transformationsgrammatik und solche Sachen. In den angeblich so progressiven sechziger Jahren machte der Bremer Heinz Ide mit der Fachzeitschrift Diskussion Deutsch, die für viele jüngere Deutschlehrer eine Art Bibelersatz wurde, von sich reden. Statt Romanen wurden jetzt im Deutschunterricht Todesanzeigen analysiert, was auch ziemlicher Quatsch war (ich habe das schon in dem Post ➱Heinrich Hannover geschrieben). Es wird immer wieder Jungtürken und Bilderstürmer geben, die gegen einen Kanon opponieren, kaum dass man sich auf einen verständigt hat (lesen Sie ➱hier einmal die Stellungnahmen jüngerer Autoren zum Thema Kanon). Wir haben kein Äquivalent zur Académie Française, die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung ist ein zahnloser Tiger. Aber was wir ganz bestimmt nicht brauchen ist die AfD als Retterin der deutschen Literatur. Wenn Parteien bestimmen, was deutsche Literatur ist (von deutschen Literaturfachleuten gewichtet), dann geht das nicht gut aus.

Die Nazis haben die deutsche Literatur gewichtet. Sie haben Bücher verbrannt, wir empfinden das als einen Akt der Barbarei (lesen Sie mehr in dem Post ➱Feuer). Wir sind das Volk der Dichter und Denker. Irgendwann vielleicht einmal gewesen. Auch mein Mitschüler ➱Bernd Neumann wollte Bücher verbrannt sehen, das war 1977. Als Henning Scherf ihm wegen seiner Kritik an Erich Fried vorwarf, dass er in der Tradition nationalsozialistischer Bücherverbrenner stehe und sich der Abgeordnete Konrad Kunick dem anschloss, sagte Bernd Neumann: Ja, Herr Kunick, so etwas würde ich lieber verbrannt sehen, das will ich Ihnen einmal ganz eindeutig sagen. Wird nun der Quetschkommode spielende Volksschullehrer Bernd Neumann als Radikaler aus dem öffentlichen Dienst entfernt? Nein, nix passiert. Der Bernd lehnt alle Forderungen ab, seine Sätze zurückzunehmen und wird eines Tages ➱Kulturstaatsminister der Bundesrepublik Deutschland.

Mit dem Thema Bücherverbrennung komme ich auf zwei Schriften zurück, die zweihundert Jahre alt sind, die aber das Problem mit dem Deutschtum (oder der Deutschheit wie Friedrich Ludwig Jahn sagen würde) klar fokussieren. Der erste Text ist eine Streitschrift aus dem Jahre 1815 mit dem schönen Titel Germanomanie (➱hier im Volltext). Ihr Verfasser Saul Ascher ist auch einer der ersten, der den Begriff Dichter und Denker verwendet, wenn er die Dichter und Denker, welche Deutschlands Kultur im achtzehnten Jahrhundert auf eine hohe Stufe der Bildung emporhoben erwähnt. Aschers Schrift über die übertriebene Deutschtümelei wird bei der Bücherverbrennung auf dem Wartburgfest 1817 verbrannt.

Es war eine Aktion, die Friedrich Ludwig Jahn (den ➱Karl Marx den Turnwüterich Jahn nannte) angeregt hatte. Er hatte schon 1808 in seiner Schrift Deutsches Volksthum (➱hier im Volltext) geschrieben: Es giebt Bücher genug, die von Henkershand sammt ihren Verfassern verbrannt zu werden verdienen. ➱Heinrich Heine kommentierte das Spektakel so: Auf der Wartburg krächzte die Vergangenheit ihren obskuren Rabengesang, und bei Fackellicht wurden Dummheiten gesagt und getan, die des blödsinnigsten Mittelalters würdig waren! […] Auf der Wartburg herrschte jener beschränkte Teutomanismus, der viel von Liebe und Glaube greinte, dessen Liebe aber nichts anderes war als Haß des Fremden und dessen Glaube nur in der Unvernunft bestand, und der in seiner Unwissenheit nichts Besseres zu erfinden wußte als Bücher zu verbrennen! […] Eben derjenige, welcher das Bücherverbrennen auf der Wartburg in Vorschlag brachte, war auch zugleich das unwissendste Geschöpf, das je auf Erden turnte und altdeutsche Lesarten herausgab: wahrhaftig, dieses Subjekt hätte auch Bröders lateinische Grammatik ins Feuer werfen sollen! 

Wir sind mit der von Pegida und AfD geführten Diskussion um Begriffe wie Volk und Deutschtum wieder da angekommen, wo Deutschland vor zweihundert Jahren war. Schon damals war die Fremdenfeindlichkeit (und der Antisemitismus) ein fester Bestandteil der Nationalbewegung. Schon damals musste die Sprache vor dem Fremden gerettet werden: Rechnet man zur Vollkommenheit einer Sprache, wenn sie viel Fremdes hat und immerfort welschen kann, so muss die Rede des schabigen Betteljuden über Luther und Klopstock, über Schiller und Goethe stehen, und wir müssen alle noch in die polnische Judenschule, um Plapperdeutsch zu lernen. Das war wieder Jahn. Ich war als Kind im Turnverein, da hat man mir von dieser Seite unseres Turnvaters nichts erzählt.

Kommentare:

  1. Ganz herzlichen Dank für diesen Beitrag, den ich umgehend verlinken werde, ich nehme mal an, dass ich das darf.

    Persönlich fällt mir dazu Neil MacGregor ein, der mit seinen "deutschen Erinnerungen" auch der deutschen Literatur ein Denkmal setzte, wie ich finde.

    http://litterae-artesque.blogspot.de/2015/11/deutschland-erinnerungen-einer-nation.html

    Viele Grüße in den Mai.

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  2. Wir haben sogar zwei mal über MacGregor geschrieben:

    http://litterae-artesque.blogspot.de/2016/02/macgregor-neil-deutschland.html

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