Dienstag, 3. November 2026

Adieu

Was soll man schreiben, was soll man sagen, wenn man plötzlich vom Tod einer Freundin erfährt, die man ein Leben lang gekannt und geliebt hat? All die schönen Sätze, die in den Todesanzeigen stehen, fallen einem ein. Also Sätze wie Tu n'es plus là où tu étais, mais tu es partout là où je suis là où nous sommes oder Death leaves a heartache no one can heal, love leaves a memory no one can steal. So schön die Sätze sind, diejenigen, denen sie gelten, können sie nicht mehr lesen. Je länger ich diesen Blog schreibe, desto häufiger muss ich Nachrufe schreiben, weil die Freunde um einen herum plötzlich wegsterben.

Ich hätte nicht gedacht, dass sie vor mir sterben würde, weil sie in meiner Erinnerung immer noch so jugendlich war. Weil sie in meinen Träumen, wo wir uns nachts immer wieder begegneten, noch immer vierzig war. Aber sie ist wie ich noch im Krieg geboren, wir sind jetzt weit über achtzig, da ist das Sterben nicht mehr so ganz weit weg. Mit achtzehn hat sie mich zum ersten Mal geküsst, mit fünfundzwanzig lagen wir zum ersten Mal im Bett. Und dann immer wieder, ein halbes Leben lang. Weil Sie mir diese Liebeserklärung als Gedicht geschickt hatte: Ich bin wie im Traum und kann den Windgeschenken kaum glauben. Wolken von Zärtlichkeit fangen mich ein,und das Glück beißt seinen kleinen Zahn in mein Herz. 

Es wäre schön, wenn sie jetzt mehr geschrieben und mehr geredet hätte. Sie war so still geworden, reserviert, stolz und unnahbar in den letzten Jahren. Tu te laisses aller, tu te laisses aller. Sie hat mir letztens zum Geburtstag gratuliert, wollte aber wegen der Grippe schnell wieder ins Bett. Ich ruf' Dich in den nächsten Tagen an, sagte sie. Darauf warte ich noch immer, wie auf das im letzten Jahr versprochene Photo. Wenn niemand anruft, dann ist sie das. Es ist alles so schwer geworden, stand in einem ihrer letzten Briefe. Heute träume ich nicht mehr von Windgeschenken, beinahe nur noch von der Vergangenheit. Häufig sind es Albträume, die Erinnerung ist nur in den seltensten Fällen ein Paradies. Aber manchmal sind es auch schöne Träume, in denen die schönen toten Frauen aus meinem Lebensfilm wieder lebendig sind. Und sie bei einer Sommerparty mit einem weißen Burberry Trenchcoat auftaucht, jung und schön wie immer, und mir zuflüstert, dass sie unter dem Trenchcoat nackt sei, ne me quitte pas.

Die Träume bleiben, die Erinnerungen, die Schubladen voller Photos und Liebesbriefen. All das, was Charles Trenet besingt: Que reste-t-il des billets doux Des mois d' avril, des rendez-vous Un souvenir qui me poursuit Sans cesse Bonheur fané, cheveux au vent Baisers volés, rêves mouvants Que reste-t-il de tout cela Dites-le-moi. Wir haben uns ein Leben lang mit Liebesgedichten bombardiert, meistens auf Französisch, weil sie das Land und die Sprache liebte. Und L'amour est un oiseau rebelle unter der Dusche und im Auto sang.

Au revoir, ma belle.