Sonntag, 22. September 2013

Wahlmüdigkeit


Zu den bekannten politischen Kommentatoren hat sich vor der Bundestagswahl noch ein weiterer Kommentator gesellt. Er heißt Udo Martens. Der arbeitslose Profischnorrer und Lebenskünstler wohnt bei seiner Mutter, hat keinen Führerschein mehr und überall Hausverbot. Man kennt ihn aus der morgendlichen Sendung Frühstück bei Stefanie bei NDR2. Musste Udo Martens sein? Ach, wir haben schon so viel politische Kommentatoren, da kommt es auf einen mehr oder weniger auch nicht an. Was Stefan Raab kann, das kann Udo Martens allemal.

Alle machen sich Sorgen, dass sich immer weniger Bürger an der Wahl beteiligen. Die Bild Zeitung verteilt unentgeltlich 41 Millionen Exemplare einer Sondernummer. In der unter anderem Helmut Kohl und Gerhard Schröder zur Wahl auffordern. Das lassen wir jetzt besser unkommentiert, den Rat dieser Herren braucht wohl keiner. Den der Bild Zeitung auch nicht. Aber neben dem Boulevardblatt macht sich auch die seriöse Presse Sorgen wegen der Wahlmüdigkeit. Die macht sich Udo Martens natürlich auch. Wenn bei irgendeiner Gelegenheit, wo das allgemeine Stimmrecht gebraucht, kaum zwei Drittel, ja vielleicht nicht einmal die Majorität der Stimmberechtigten an die Stimmurne kommt, so ist dies ein Votum gegen das ganze System überhaupt. Nein, das ist nicht von Udo Martens, das ist von Heinrich von Treitschke. Sie verstehen's einfach nicht! Da investiert man Millionen für eine Werbekampagne mit Promis, dabei müsste man den Wählern nur geben, was sie wollen: Bonuspunkte oder eine Wundertüte. Das ist nun Udo Martens. Klicken Sie unbedingt dies ➱hier an.

Generationen von Deutschen mussten sich das Stimmrecht langsam erkämpfen. Im 19. Jahrhundert konnte Friedrich Julius Stahl, der zu seiner Zeit einer der angesehensten Rechtsphilosophen war, noch sagen: Das allgemeine Stimmrecht ist nach der Natur der Sache wie nach allen Erfahrungen der Untergang der vernünftigen und gesicherten Ordnung. Durch dasselbe kommt eben die Staatsgewalt in die Masse derjenigen, die abhängig und einsichtslos jeder Bestechung und Verführung ausgesetzt ist. Das kommt uns heute wie eine Ungeheuerlichkeit vor. Aber was ist aus unseren Rechten geworden? Man nimmt sie nicht mehr in Anspruch. Das muss ein Ende haben. Gehen wir wählen.

Das Gute ist bei der Wahl ist, dass dies das Ende der ➱Wahlplakate ist. Und dass wir uns ➱so etwas auch nicht mehr anzuschauen brauchen. Wir glauben ja längst an nichts mehr. Denn schon Bismarck wusste Es wird niemals so viel gelogen wie vor der Wahl, während des Krieges und nach der Jagd. Wenn Sie meinen, dass ein high-brow Blog wie Silvae nicht unbedingt jemanden wie Udo Martens zitieren sollte, dann gebe ich Ihnen gerne Recht. Und ich habe natürlich noch etwas ganz Besonderes. Nämlich einen Film von Robert Benchley, dem Freund von ➱Dorothy Parker. Der Film heißt How to Vote. Klicken Sie ➱hier. Und gehen Sie unbedingt wählen.

Freitag, 20. September 2013

Dubslav von Stechlin


In einem Waldwinkel der Grafschaft Ruppin liegt ein See, der Stechlin. Dieser See, klein und unbedeutend, hat die Besonderheit, mit der weiten Welt draußen in einer halb rätselhaften Verbindung zu stehen. Und wenn in der Welt draußen was los ist, wenn auf Island oder Java ein Berg Feuer speit und die Erde bebt, so macht der Stechlin die große Weltbewegung mit und sprudelt und wirft Strahlen und bildet Trichter. Um dies - so ungefähr fängt der Roman - und um das Thema dreht sich die ganze Geschichte. Das schreibt Theodor Fontane im Frühsommer 1897 dem Herausgeber der Stuttgarter Wochenschrift Über Land und Meer, der seinen Roman abdrucken will. Der druckt natürlich und sendet ein bewunderndes Telegramm: Hochverehrter Herr Doktor, intensiv mit allen ihren Menschen mitlebend, vor allem mit dem alten Freiherrn, am Schluße im Innersten erschüttert, danken wir Ihnen dafür, daß 'Über Land und Meer' ein solches Werk veröffentlichen darf.

Zum Schluß stirbt ein Alter und zwei Junge heiraten sich; – das ist so ziemlich alles, was auf 500 Seiten geschieht, hat Theodor Fontane über seinen letzten Roman Der Stechlin gesagt. Der da zum Schluß stirbt ist Dubslav von Stechlin, Major a.D. und Schlossherr auf Stechlin, eine Romanfigur voller Vernunft und Altersweisheit. Dass es ans Sterben ging, wusste Fontane selbst, er hatte der Redaktion von Über Land und Meer zurück telegraphiert: Ihr Telegramm hat mich sehr beglückt. 'Verweile doch, Du bist so schön'- ich darf es sagen, denn ich sehe in den Sonnenuntergang. Herzlichen Dank. Und er zieht in zwei kleinen ironischen Gedichten zu seinem Lebensende eine Bilanz:

Summa Summarum.

Eine kleine Stellung, ein kleiner Orden
(Fast wär’ ich auch mal Hofrat geworden),
Ein bißchen Namen, ein bißchen Ehre,
Eine Tochter „geprüft“, ein Sohn im Heere,
Mit siebzig ’ne Jubiläumsfeier,
Artikel im Brockhaus und im Meyer ...
Altpreußischer Durchschnitt. Summa Summarum,
Es drehte sich immer um Lirum Larum,
Um Lirum Larum Löffelstiel.
Alles in allem – es war nicht viel.


Das zweite Gedicht fand man nach seinem Tode auf seinem Schreibtisch. Neben einer Liste derer, die die Buchausgabe im Verlag seines Sohnes (die Fontane nicht mehr erlebte) zugeschickt bekommen sollten:

"Zwölfhundert Seiten auf einmal,
Und mit achtundsiebzig! beinah' ein Skandal.
Konntest es doch auf viermal verteilen."
Ihr könnt es, - aber bei mir heißt es eilen.
Allerorten umklingt mich wie Rauschen im Wald:
'Was du tun willst, tue bald!'


Dass der alte Dubslav von Stechlin in vielem Ähnlichkeiten mit dem alten Fontane hat, war den Kritikern schon früh aufgefallen. Man setzt an Stelle von Theodor Fontane irgendeinen anderen vornehmen Märker, z. B. den Krautjunker Dubslav von Stechlin und läßt ihn von 1848 bis in die Gegenwart hinein innerlich erleben und Fontanesch aussprechen, was Theodor Fontane im eigenen Namen zu verkünden keine Lust hat, schrieb Theodor Mauthner schon 1898. Fontane hat lange gebraucht, um das zu schreiben, was er wollte. Als er seinen ersten Roman Vor dem Sturm schreibt, ist er beinahe sechzig Jahre alt, als er den Stechlin beginnt, ist er sechsundsiebzig. Scheint es nicht, dass er alt, sehr alt werden musste, um ganz er selbst zu werden? hat Thomas Mann gefragt.

In seiner Autobiographie Meine Kinderjahre sagt Fontane im 16. Kapitel, das Vierzig Jahre später (Ein Intermezzo) betitelt ist, über seinen Vater denn wie er ganz zuletzt war, so war er eigentlich. Wahrscheinlich gilt der Satz auch für ihn. Er ist in seinem letzten Romanen immer subjektiver geworden, Hauptfiguren und Nebenfiguren (Nebenfiguren sind immer das Beste, sagt er in einem Widmungsgedicht für Stine) reden jetzt wie Theodor Fontane. Das hatten sie eigentlich schon immer getan, doch jetzt gibt Fontane die schützende Rolleneinkleidung auf, jetzt ist er ganz er selbst. Der damalige Papst der deutschen Germanistik Julius Petersen hat den Altersstil von Fontane in seinem Aufsatz Fontanes Altersroman im Euphorion 1928 einer feinfühligen Analyse unterzogen. Da war er noch ein hervorragender Philologe. Aber er hat von Fontanes Altersweisheit nichts gelernt, fünf Jahre später schreibt er in einem Aufsatz Die Sehnsucht nach dem Dritten Reich in deutscher Sage und Dichtung so bescheuertes Zeug wie Der Glaube an die gottgewollte Sendung eines Heilsbringers und Führers zum Guten wird religiöse Gewißheit.

Schon gleich am Anfang des Romans steht der märkische Landedelmann vor uns: Dubslav von Stechlin, Major a. D. und schon ein gut Stück über Sechzig hinaus, war der Typus eines Märkischen von Adel, aber von der milderen Observanz, eines jener erquicklichen Originale, bei denen sich selbst die Schwächen in Vorzüge verwandeln. Er hatte noch ganz das eigentümlich sympathisch berührende Selbstgefühl all derer, die „schon vor den Hohenzollern da waren“, aber er hegte dieses Selbstgefühl nur ganz im stillen, und wenn es dennoch zum Ausdruck kam, so kleidete sich’s in Humor, auch wohl in Selbstironie, weil er seinem ganzen Wesen nach überhaupt hinter alles ein Fragezeichen machte. Sein schönster Zug war eine tiefe, so recht aus dem Herzen kommende Humanität, und Dünkel und Überheblichkeit (während er sonst eine Neigung hatte, fünf gerade sein zu lassen) waren so ziemlich die einzigen Dinge, die ihn empörten. Er hörte gern eine freie Meinung, je drastischer und extremer, desto besser. Daß sich diese Meinung mit der seinigen deckte, lag ihm fern zu wünschen. Beinah das Gegenteil. Paradoxen waren seine Passion. „Ich bin nicht klug genug, selber welche zu machen, aber ich freue mich, wenn’s andre thun; es ist doch immer was drin. Unanfechtbare Wahrheiten giebt es überhaupt nicht, und wenn es welche giebt, so sind sie langweilig.“ Er ließ sich gern was vorplaudern und plauderte selber gern.

Es wird in Der Stechlin viel geplaudert, über den christlichen Glauben, über das Alte und das Neue, über Berlin und die Politik. Mein neuer dickleibiger Roman, dessen Sie so freundlich erwähnen, beschäftigt sich fast ausschließlich mit dieser Frage; Dynastie, Regierung, Adel, Armee, Gelehrtentum, alle sind ganz aufrichtig davon überzeugt, daß speziell wir Deutsche eine hohe Kultur repräsentieren; ich bestreite das; Heer und Polizei bedeuten freilich auch eine Kultur, aber doch einen niedrigeren Grad, und ein Volk und Staatsleben, das durch diese zwei Mächte bestimmt wird, ist weitab von einer wirklichen Hochstufe, schreibt Fontane an 1898 an Gustav Keyssner. Und er lässt seinen Major a.d. Stechlin auch so ganz en passant eine wunderbar bösartige Bemerkung gegen Friedrich Nietzsche machen: Jetzt hat man statt des wirklichen Menschen den sogenannten Übermenschen etabliert; eigentlich gibt es aber bloß noch Untermenschen, und mitunter sind es gerade die, die man durchaus zu einem „Über“ machen will. Ich habe von solchen Leuten gelesen und auch welche gesehn. Ein Glück, daß es, nach meiner Wahrnehmung, immer entschieden komische Figuren sind, sonst könnte man verzweifeln. Vielleicht hätte Julius Petersen mal darüber nachdenken sollen, bevor er die deutsche Germanistik zu den Nazis führte.

Am Ende sagt der Pastor Lorenzen, der sich den ganzen Roman über mit dem alten Dubslav kabbelt, in seiner Totenrede: ›Wer seinen Weg richtig wandelt, kommt zu seiner Ruhe in der Kammer.‹ Diesen Weg zu wandeln, war das Bestreben dessen, an dessen Sarge wir hier stehn. Ich gebe kein Bild seines Lebens, denn wie dies Leben war, es wissen's alle, die hier erschienen sind. Sein Leben lag aufgeschlagen da, nichts verbarg sich, weil sich nichts zu verbergen brauchte. Sah man ihn, so schien er ein Alter, auch in dem, wie er Zeit und Leben ansah; aber für die, die sein wahres Wesen kannten,war er kein Alter, freilich auch kein Neuer. Er hatte vielmehr das, was über alles Zeitliche hinaus liegt, was immer gilt und immer gelten wird: ein Herz. Er war kein Programmedelmann, kein Edelmann nach der Schablone, wohl aber ein Edelmann nach jenem alles Beste umschließenden Etwas, das Gesinnung heißt. Er war recht eigentlich frei. Wußt' es auch, wenn er's auch oft bestritt. Das Goldene Kalb anbeten war nicht seine Sache. Daher kam es auch, daß er vor dem,was das Leben so vieler andrer verdirbt und unglücklich macht, bewahrt blieb, vor Neid und bösem Leumund. Er hatte keine Feinde, weil er selber keines Menschen Feind war. Er war die Güte selbst, die Verkörperung des alten Weisheitssatzes: ›Was du nicht willst, daß man dir tu'.‹

Theodor Fontane ist heute vor 115 Jahren gestorben. Er wird immer noch gelesen. Und er ist immer noch aktuell. Er ist in diesem Blog immer wieder erwähnt worden; ich kann es nicht leugnen, ich bin Fontane Leser. Obgleich ich ein halbes Dutzend Fontane Biographien gelesen habe, bleibt mir vieles an ihm immer noch rätselhaft. Aber das ist auch gut so, man muss nicht alles wissen. Vor genau zwei Jahren habe ich über Vor dem Sturm geschrieben. Das war ein ➱Post, den ich meinem alten Pastor Klaus Nebelung, einem großen Fontane Liebhaber, gewidmet hatte, der ein Mensch wie der Dubslav von Stechlin war. Er ist leider wenig später im gesegneten Alter von siebenundachtzig Jahren gestorben, aber mein kleines Geburtstagsgeschenk hat er noch mit Vergnügen gelesen.

Vor Jahren habe ich im Spiegel einen kurzen Essay von Peter Härtling über Fontanes Altersroman gelesen, den ich dank des Internets (und dank des Spiegel Archivs) gleich wiedergefunden habe. Er heißt Das Buch meines Lebens, ich finde den Essay sehr schön. Deshalb zitiere ich ihn hier einmal:

Mit 20 las ich zum ersten Mal Fontanes letzten Roman, doch seine Weitschweifigkeit machte mich ungeduldig, und ich erinnerte mich nur an den bewegten Anfang: an die Schilderung des Sees Stechlin, der mit Strudeln und Fontänen auf Unruhen in der Welt reagiert, und an Woldemar, den einzigen Sohn des alten Stechlin, der mit seinen Freunden Rex und Czako von Cremmen über Wutz, durch die angestammte Fontane-Gegend, zum Alten nach Hause reitet. Mit 30 entdeckte ich den Roman von Neuem, kannte inzwischen schon einige Werke Fontanes, verliebte mich, wie Dubslav, in Melusine Barby, die Schwester von Woldemars Verlobter Armgard, und fand noch keinen Zugang zu dem alten Grafen, der sich hinter politisch doppeldeutigen Sätzen verschanzte. Mit 40 (etwa) las ich mit wachsendem Vergnügen, wie Dubslav seine Halbschwester Adelheid, Domina des Damenstifts von Wutz, besucht, wie dabei unverrückbare Ansichten zu verrückten mutieren und Ironie die Fontanesche Erzählung aufhellt. Mit 50 schaffte ich den "Stechlin" von Anfang bis Ende, schlich mich in die Gespräche rund um Dubslav, genoss die Wortwechsel zwischen ihm und Pastor Lorenzen, litt, als er sich entschloss, sich für die Konservativen zur Wahl zu stellen, und atmete auf, als dieser Kelch an ihm vorüberging, denn "mein" Stechlin passte nicht in den politischen Alltag; ihn, der Verlogenheit und Unwissen verachtete, zeichneten großzügige Neugier und standfeste Freundlichkeit aus. Jetzt, mit 74, wage ich es, lese ich von seinem Sterben, wiederholt Tränen zu vergießen, ihm mit der kleinen Agnes, der Enkelin der von den Dorfbewohnern gemiedenen Kräuterhexe, zum Abschied einen Strauß Schneeglöckchen zu bringen und mir als Nachruf den Satz zu wünschen, mit dem der Pastor die Grabrede schließt: "Er war das Beste, was wir sein können, ein Mann und ein Kind."

Lesen Sie auch: ➱Geburtstag, ➱Vor dem Sturm,

Donnerstag, 19. September 2013

Trenchcoats


Braucht man ihn, den Trenchcoat? Irgendwie scheint seine große Zeit in der Mode vorbei zu sein. Braucht man überhaupt Regenmäntel? Schon 1966 konnte der Herzog von Bedford (lesen Sie doch einmal diesen ➱Post) in The Duke of Bedford's book of snobs über Regenmäntel sagen: The truth is that Mr Wilson has delivered a deadly blow to the mac. He has ruined macs because now they are regarded as labour and that, of course, just will not do. Only straight coats, made to measure, should be worn. Macintoshes — if I come to think of it — are unnecessary also in principle: a proper member of the Snobocracy — a man with money and social ambitions — is not supposed to stay out in out in the rain or even be exposed to it. Der Todesstoß, den der Premierminister Harold Wilson dem Regenmantel versetzte, bestand ihm Tragen des ➱Gannex Coats, der zu seinem Markenzeichen und zu einer Art Kultgegenstand in England wurde. Selbst die Königin trug ihn. Der dankbare Harold Wilson machte den Besitzer der Fabrik zum Lord, aber wenig später war der im Gefängnis. Das war dann auch modisch gesehen das Ende des Gannex Coats. Und die Sache mit Joseph Kagan war ewig ein Fleck auf der weißen Weste von Harold Wilson, seine ➱weißen Socken lassen wir lieber mal unerwähnt.

Ich besaß 1966 einen blauen Burberry Regenmantel. Raglan, einreihig. Hatte natürlich keinen Gürtel, einreihige Raglanmäntel dürfen keine Gürtel haben, zweireihige Trenchcoats gehen nicht ihne Gürtel. ➱Steve McQueen trug mal einen ➱Trench ohne Gürtel, aber wie sieht das aus? Trintignant trug einen in Le mouton enragé, das sah sehr elegant aus. Mein Mantel war eine gedoppelte Qualität, die Burberry nie wieder hergestellt hat. Das war mein famous blue raincoat. Der famous blue raincoat von ➱Leonard Cohen ist übrigens auch ein Burberry gewesen. Einen dunkelblauen Burberry Regenmantel musste man in Bremen ja einfach haben (ich habe immer noch einen). Mein Vater wurde nie von der Burberry Krankheit befallen, der trug seinen alten dunkelblauen Aquascutum Regenmantel, bis der sich auflöste und heimlich von meiner Mutter durch einen ähnlichen ersetzt wurde.

Burberry und Aquascutum waren nicht die einzigen Hersteller von dem Kleidungsstück, das im englischen Lexikon immer noch nach seinem Erfinder Mackintosh benannt ist. Denn da gab es noch Firmen wie Rodex, Baracuta, Grenfell, Invertere und Driway (so einen hatte ich mal: Driway Monarch Weathercoats - Yes indeed, something she's proud of - a man in a Driway Monarch! He reigns over the rain in his princely Weathercoat - so faultlessly fashioned and styled..). Und viele andere. Das Unglück vieler englischer Firmen war, dass sie schon seit den fünfziger Jahren nicht mehr auf erstklassige Gabardine aus bester ägyptischer Baumwolle setzten, sondern seltsame Plastikmischungen mit Namen wie ➱Terylene produzierten. Das war die gleiche Zeit, in der uns die chemische Industrie versicherte, dass das ➱Nyltest Hemd (Wer Nyltest kauft, kauft nie verkehrt) die großartigste Erfindung seit Adams Feigenblatt war.

Das Wetter war damals wahrscheinlich genauso wie jetzt, aber die fünfziger und sechziger Jahre waren irgendwie Regenmanteljahre. Man brauchte einfach einen Regenmantel. Gut, Gene Kelly in ➱Singin' in the Rain nicht, aber das war die Ausnahme. So sehr mich in dieser Zeit der Markenname und das Firmenzeichen mit dem galoppierenden Ritter und dem lateinischen Prorsum  faszinierten, so war ich doch nicht taub gegenüber den Stimmen aus dem Freundeskreis meiner Eltern, die die Burberry Qualität einfach schedderig fanden. Ein schönes norddeutsches Wort, von dem ich annehme, dass es irgendwie mit dem englischen shoddy zusammenhängt. Anstelle von einem blauen Burberry konnte man natürlich ein Blau-Rot Modell von Ernst Gabler in Hamburg-Flottbek tragen. Viel bessere Qualität.

Es war ja nicht so, dass deutsche Regenmäntel keine Qualität boten, schon in den zwanziger, dreißiger Jahren wurden Aquastrella Regenmäntel (Die deutsche Weltmarke) der Firma Paul Engelmann in vornehmen Geschäften neben den Burberry Mänteln plaziert. Viele deutsche Firmen gaben sich jetzt einen international klingenden Namen (sie tun das noch, wie die Marke Darebridge von F.W. Brinkmann zeigt), um in dem Kampf um den großen Kuchen Regenmantelmarkt mitzuhalten. So wurde aus Straehle in Konstanz Strellson und aus Wisolek in Berlin Wiscoat. Ich hatte mal einen Falcon von der holländischen Firma Hollandia Kattenburg, der hat länger gehalten als jeder Burberry. Man konnte eigentlich alles tragen, was wie ein klassischer englischer Regenmantel aussah. Was man aber niemals tragen durfte, das war ein dunkelblauer (oder schwarzer) Trenchcoat. Das kann man nur machen, wenn man Dirk Bogarde (er trägt ➱den in Viscontis La caduta degli dei) oder ➱Michael Caine (oben in ➱Get Carter) heißt. Sonst nicht.

Außer dem Burberry besaß ich damals noch diesen tollen italienischen Trenchcoat. Der Trenchcoat kam aus dem Laden von Hans Kalich in der Böttcherstraße, dem einzigen Geschäft in Bremen, das schon in den sechziger Jahren konsequent auf die Italiener setzte. Mein Mantel sah ein wenig so aus, wie der Mantel auf diesem Filmplakat - ja, das ist natürlich Lucia Bosé im Hintergrund. Ich war sofort verliebt in den Mantel bei Hans Kalich. Ich war natürlich auch verliebt in Lucia Bosé. Obgleich es ein Ausverkaufsangebot war, war der Trenchcoat noch sehr teuer, aber meine Eltern hatten ein großes Herz. Der Trenchcoat hatte kein kariertes Innenfutter wie die Burberrys, er war vollständig gedoppelt. Alle Knopflöcher und Taschenkanten waren mit Leder umsäumt. Niemand hatte einen Mantel wie diesen. Junge Frauen konnten sich an ihm ausheulen. Allerdings hatte sich die Firma Burberry damals schon den Spruch gesichert: Cry on baby, it's a Burberry.

Mein Mantel hatte keinen Namen. Mein Mantel war einfach nur vornehm. Es gab bei Kalich natürlich auch italienische Regenmäntel mit Marken: Duca di Bard (die Marke wurde von Herno gekauft), Valstar, Maduson (Vienna), Caesar Confezini di Lusso, Sealup (auch Confezini di Lusso). Manche Marken sind vom Markt verschwunden, aber Herno und Valstar stellen auch heute noch Qualität her. Dafür muss man heutzutage ja schon dankbar sein.

Natürlich wurde mein Mantel von jungen Frauen bewundert. Die alle ein wenig so aussahen wie ➱Lucia Bosé, aber das lag wohl daran, dass sich damals viele junge Frauen auch bei uns an den Schönheiten des italienischen und französischen Films orientierten. Mein italienischer Trench machte aus einem schüchternen jungen Mann, der ein wenig wie der junge ➱Tony Perkins oder der junge ➱Jean Louis Trintignant aussah, einen dieser toughen Typen des französischen Gangsterfilms (gleichgültig, ob sie Gangster oder Kommissare waren, sie trugen immer Trenchcoats), lange bevor Alain Delon das Teil zu seinem filmischen Markenzeichen machte. Sie kennen diesen Imitationseffekt. Wenn man früher die Zuschauer beobachtete, die aus einem John Wayne Film kamen, die gingen die ersten fünfzig Meter immer genau wie ➱John Wayne.

Zwischen dem italienischen Teil, das außer Hans Kalich Bremen Juist keinen Namen hatte und dem, was auf dem deutschen Markt als Trenchcoats (meist aus Nino-Flex oder Valmeline, die deutschen ➱Edgar Wallace Filme zeigten ihre ➱Auswirkungen) angeboten wurde, lagen Welten. Ich hatte ➱John Braines Room at the Top noch nicht gelesen, aber ich hatte instinktiv das begriffen, was der Held des Romans erst lernen muss: My clothes were my Sunday best: a light grey suit that had cost fourteen guineas, a plain grey tie, plain grey socks, and brown shoes. The shoes were the most expensive I' d ever possessed, with a deep, rich, nearly black lustre. My trench coat and my hat, though, weren't up to the same standard .... Later I learned, among other things, never to buy cheap raincoats.

Irgendwann gab es das Geschäft von Hans Kalich nicht mehr. Er war gestorben, seine Schwester versuchte es noch mit einem Laden für exklusive Damenmode, dann kauften die Hesterbergs, denen ➱Stiesing gehört, den Markennamen Hans Kalich Bremen Juist. Kennt heute eh niemand mehr, die einzigen Verweise im Internet führen zu meinem Blog. Was blieb mir übrig, als mir einen Burberry Trench zu kaufen? Mit dem war ich nie glücklich, den hatte jeder. Man will nicht das haben, was jeder hat. Auch war eben die Qualität längst nicht mehr das, was man einmal mit dem Markennamen assoziierte. Sozusagen schedderig.

Ich erinnere mich noch daran, dass der Herausgeber des Punch die Firma Burberry öffentlich kritisierte, die ihm daraufhin einen Trenchcoat nach den Originalvorgaben anfertigte: Michael Bywater, 30-year old Punch columnist and former trendy who once worked in films, made bold to criticise Burberrys for the inferior quality of their product - the trench coats are not what they were in the days of the trenches. Burberrys riposted that indeed they could live up to their past, and made Bywater a coat to the 1915 design devised by Kitchener and Burberry - complete with camel hair lining to protect a gentleman officer's flesh on the field.

So ist es im Young Fogey Handbook von Suzanne Lowry zu lesen. Ich habe die obige Anzeige von Aquasctum aus den fünfziger Jahren zum Vergleich mit der Burberry Anzeige (Maxium Protection Tielocken Burberry) aus dem Ersten Weltkrieg da oben hin gestellt. Der Mantel ist im Prinzip der gleiche, er wird nur etwas weniger martialisch präsentiert. Ein genaues Studium der Modeanzeigen sagt einem mehr als jede Sozialgeschichte. Der französische Historiker ➱Lucien Febvre hat seinen Kollegen gesagt, dass es wichtiger sei, sich mit Knöpfen zu beschäftigen, als mit den Heldentaten großer Persönlichkeiten. Was ein Kulturhistoriker aber zu diesem Bild in Vogue in den 1920er Jahren sagen soll, das weiß ich aber wirklich nicht.

Während die Firma Simpson (Piccadilly) unter dem Namen Padak (registered for topcoats, overcoats and raincoats) in den dreißiger Jahren einen cotton gaberdine belted trench coat for town ganz zivil präsentiert, sieht die Aquascutum Anzeige vom Ende der dreißiger Jahre ganz anders aus. Hier wird der Aquascutum storm coat an einem englischen Offizier  genauso dargeboten wie bei Burberry Jahrzehnte zuvor. Oder in ihrer eigenen ➱Anzeige aus dem Ersten Weltkrieg (the most reliable military waterproofed coat produced), die der Burberry Werbung sehr ähnlich war. Denn Aquascutum lieferte der Armee damals ein beinahe identisches Modell wie den Burberry Tielocken. Man hat das Gefühl, dass die Firma angesichts des kommenden Krieges schon auf einen Großauftrag des Verteidigungsministeriums schielt. Wahrscheinlich hätte dieser Offizier des Ersten Weltkriegs, dem man bei aller stiff upper lip Haltung die Erschöpfung ansieht, nicht so recht für die Werbung getaugt. Es ist sicher kein Zufall, dass der Trenchcoat als modisches Kleidungsstück in England erst in den dreißiger Jahren wieder in Erscheinung tritt - vorher war die Erinnerung an den Krieg wohl noch zu frisch.

Der Krieg ist der Vater aller Dinge, für ihn wurde der Trenchcoat geschaffen. Das finden manche Trenchcoatträger so toll. Und erzählen einem, dass ein Trenchcoat nur echt ist, wenn er die Metallringe zum Einhaken der Handgranaten am Gürtel hat. Und dass im Ersten Weltkrieg die Trenchcoats für die Kavallerie teurer waren als für die Infanterie, ich kann das alles nicht mehr hören. Das mit den Preisen stimmt übrigens. Aquascutum nahm für das Infantriemodell fünfeinhalb guineas, für die Kavallerie kostete er eine halbe guinea mehr. Wahrscheinlich deshalb, weil das Modell innen Strapse hatte, die die Mantelschöße hielten. Aber natürlich ist der Trenchcoat auch noch im Zweiten Weltkrieg getragen worden. Zumindest von diesem Herren, der ein wenig modeverrückt war und ständig für seine Panzertruppe neue Uniformen entwarf. Hier auf dem Bild ist übrigens nicht der echte General Patton (zu dem es ➱hier, ➱da und ➱dort drei wirklich interessante Posts gibt), das ist George C. Scott in dem Film Patton.

Ich habe eines Tages meinen Burberry Trench verschenkt, trug fortan helle, beinahe weiße Allegri Mäntel und Mäntel von Valstar. Allerdings habe ich noch einen tollen Rodex Regenmantel aus den achtziger Jahren, hundert Prozent dicke Seide, oyster white. In Country Life war in den siebziger Jahren zu lesen: And there you will find Rodex: superbly styled raincoats, sports jackets, blazers and topcoats. All with that meticulous finish so characteristic of Rodex of London, makers of fine clothing for men who really care about looking their best. 

Ich trug keine Trenchcoats mehr. Auch in den französischen Filmen wurden sie seltener. Obgleich manche Schauspieler wie Michael Caine natürlich immer gut in einem Trenchcoat aussehen. Manchmal glaube ich, dass der Trenchcoat sowieso nur für die Gangsterfilme erfunden worden ist. Täuschen wir uns nicht, im wirklichen Leben hat der Trenchcoat in der englischen Mode niemals die Rolle gespielt (wir sehen mal von seiner kurzen Blütephase bei den ➱Mods ab), die ihm der Film und die aggressive Burberry Werbung eingeräumt haben.

Im Gangsterfilm ist der Trenchcoat ein doppelt codiertes Symbol: Gangster und Detektive tragen ihn, meistens noch Schlapphüte dazu. Auf diesem Photo haben sich einige Herren im Jahre 1966 vor dem Maigret Denkmal im holländischen Delfzijl versammelt. Der Mann in der Mitte kann so viel Trenchcoats anziehen, wie er will, er wird nie Kommissar Maigret sein. Auch kein Gangster, er ist immer Heinz Rühmann. Der Schöpfer der Romanfigur steht links neben ihm, und ganz links ist Rupert Davies, einer der wenigen überzeugenden Maigrets. Jean Gabin, der im Trenchcoat immer gut aussah, ist nicht auf dem Bild. Wollte der Panzerkommandant der Forces françaises libres nicht neben dem Mann stehen, der auf Hitlers Gottbegnadeten Liste gestanden hatte? Dem ehemaligen Royal Air Force Leutnant Davies, der den größten Teil des Krieges in einem deutschen Stalag verbrachte, scheint das nicht auszumachen.

Heinz Rühmann ist ein trauriger Beweis dafür, dass nicht jedermann einen Trench tragen kann. Lino Ventura kann das natürlich. Wahrscheinlich ist in den Filmen von Jean-Pierre Melville der Trenchcoat sowieso de rigueur. Melville selbst sah im ➱Trenchcoat ziemlich peinlich aus, da war es schon besser, dass seine Filmhelden ➱Montand, Ventura, Belmondo und Delon den trugen. Wo seine Filme doch sowieso nichts mit der Wirklichkeit der Unterwelt von Paris zu tun hatten und nur die Realisierungen seiner Träume waren. Der Trenchcoat war für viele Schauspieler das perfekte Kleidungsstück. Sah ➱Alan Delon jemals wieder so gut aus wie in ➱Der eiskalte Engel? Verdankt nicht ➱Humphrey Bogart seinen Mythos seinem Regenmantel? Er hat es selbst gesagt: The role doesn't bother me. I've been doing the role for years. I've worn that trench coat of mine in half the pictures I've been in.

Wenn ich auch einen großen Teil meines Lebens wie ein imitierter Engländer herumgelaufen bin, so hatte ich mit meinem tollen italienischen Trenchcoat damals nicht das Gefühl, diese Englishness der Bremer und Hamburger zu verraten. Die ja letztlich immer ein fake ist, wie all die Dinge im Schaufenster von Ladage & Oelke. Das wusste ich schon früh. Die Engländerin Kennedy Fraser, die lange für den New Yorker schrieb und einen Teil ihrer ➱Kolumnen in ihrem Buch The Fashionable Mind veröffentlichte, hatte das schon 1977 ganz klar formuliert:

Englishness or Americanness is as accessible to the French, the Italians, or the Japanese as it is to the fashion designers or the inhabitants of its country of origin. Fashionable British young people approach the idea of generalized and international Englishness with almost as much detachment as if it had grown out of some country other than their own, which in a way it has. This Englishness is once removed from the modern, postwar Britain they grew up in. It is a confident, insular, countrified style filtered down through nostalgic films, television programs, and advertisements. It is only one of the styles that British fashion designers work in, and it is not necessarily their most colloquial or their most authentic. They examine Englishness partly in response to foreign enthusiasm for it. Just as the French or the Italians give anglophilia their particular signature, the British regard it in their own way, with an attitude that is inevitably tinged with irony. Sometimes fashionable young British people see Englishness as a purely foreign idea and prefer to buy it in a French or Italian Version.

Es regnete und regnete und regnete, ein Satz, der mir in Jahrzehnten nie aus dem Kopf gegangen ist. Er muss irgendwo in Winnie-the Pooh stehen. Endlich habe ich einmal nachgeforscht. Es steht in Winnie-the-Pooh (es gibt hier natürlich einen ➱Post zu dem Buch): Es regnete und regnete und regnete. Ferkel sagte sich, daß es in seinem ganzen Leben noch nie - und es, Ferkel, war nun wirklich weiß Gott wie alt - drei, oder ? Oder vier? soviel Regen gesehen hatte. Tage-, tage-, tagelang. Das musste mal eben zitiert werden, das Wetter lädt dazu ein. Richtiges Trenchcoat Wetter. Ich habe nach Jahrzehnten nämlich wieder einen. Hätte ich nicht gebraucht, war ein Kauf aus Daffke. Hat mich bei Ebay 15 Euro gekostet. Vintage, aber ansonsten nagelneu. Das Label innen sagt: Dietl München. Das Teil sieht aus wie der von Michael Caine da oben. Also ein Trenchoat  von Max Dietl für 15 Euro, so etwas kann man tragen. Ich ziehe den jetzt mal an.


Noch mehr Trenchcoats in den Posts ➱Burberry, ➱Overcoat, ➱Lino Ventura.

Dienstag, 17. September 2013

Hank Williams


Es gibt Filme, die tauchen einmal auf, bekommen einige hervorragende Kritiken und verschwinden dann auf ewig. Zu denen gehört leider Daryl Dukes Payday (1973), ein Film über einen Country Sänger (hervorragend gespielt von Rip Torn), der am Ende seiner Karriere angekommen ist. The musician’s name is Maury Dann and he’s perhaps on the edge of stardom and certainly on the edge of an abyss, schrieb ➱Roger Ebert in der New York Times. Ein Road Movie, das auf der Straße ins Verderben spielt. Das gnadenlos die Kommerzialisierung der Country Music (noch vor Robert Altmans Nashville) aufzeigte. Nicht nur Roger Ebert lobte den Film, der Engländer Tom Milne schrieb im Monthly Film Journal: the excellent camerawork ... makes dazzlingly unshowy use of the Alabama landscapes in this odyssey through endless highways bounded on the one hand by plastic motels and sweaty night-spots, and on the other by idyllic green pastures schrieb. ➱Pauline Kael besprach den Film positiv (das will etwas heißen): An exceptionally functional script, by the novelist Don Carpenter, makes it possible for the director, Daryl Duke, to cover the grimy country music scene of a small-time recording star -- a goaty, rancidly unromantic third-rate Johnny Cash. Stanley Kauffmann hielt Payday für einen der zehn besten Filme des Jahrzehnts.

Es war damals jedem Filmkritiker in Amerika klar, dass Payday die Geschichte von ➱Hank Williams erzählte. Hank Williams wurde heute vor neunzig Jahren geboren, da muss man natürlich eine Hank Williams CD auflegen. Oder zumindest in ➱I'm so lonesome I could cry hinein hören. Die ➱Hank Williams Story wäre es auch wert, dass man sie sich anschaut. Und was gibt es Passenderes zur Feier des Tages, als ein Gedicht von Red Shuttleworth?

Hank Williams (1952 / 1953)

for Tom Russell

They never tell you each road is a way
to meet shrill women who make you lonelier.
They never say the next train is short of seats.
When you bang your head on the inside of a back seat
car door, there's never a trim angel there,
just the devil disguised as radio music.
Morphined, chloraled, boozed: the snow
out on the highway is the color of watered down whiskey.
The last time he saw his star-wobbling soul in a mirror
it whispered, Every child is born to scare its momma.
At least there's no factory grindstone,
no Detroit hotel room with a concrete floor.
As two bottles clink on the floor below his jaw,
Hank can't find a way to turn around.

Falls Sie den amerikanischen Dichter Red Shuttleworth nicht kennen sollten, dann sollten Sie unbedingt diesen ➱Post lesen (und vielleicht auch ➱diesen). Auf jeden Fall sollten Sie in den ➱Blog von Red Shuttleworth hineinschauen. Über tausend Gedichte von einem der interessantesten Dichter, den Amerika zur Zeit zu bieten hat.

Sonntag, 15. September 2013

Tränenregen


Dies war die erste Mühle, die ich kannte. Sie steht in Bad Essen, wo ich als Kind nach dem Krieg wunderschöne Sommer bei Tante Margret verbrachte. Die Mühle ist oben am Berg, unterhalb des Waldhotels (das ich hier schon einmal erwähnt habe). Es war ein langer Weg von Tante Margrets Haus, das das letzte Haus im Ort auf der Straße nach Rabber war, bis zu der Wassermühle. Vor allem, wenn man fünf ist. Sind das jetzt frühkindliche Schädigungen, die einen dazu bringen, über Schuberts Schöne Müllerin zu schreiben? Ich weiß es nicht. Die Mühle im Wald und das Waldhotel tauchen manchmal noch in meinen Träumen auf. Je älter man wird, desto mehr träumt man von der Welt der Jugend. Die Mühle aus der Welt von Wilhelm Müller ist nie in meinen Träumen.

Wie Müllers (und Schuberts) Mühle aussehen könnte, darüber habe ich mir nie Gedanken gemacht. Die Romantik erschafft sich ihre eigene Wirklichkeit, Mimesis ist nicht unbedingt ihre starke Seite. Bei Wilhelm Müller heißt es über die Mühle, sie blicke aus den Erlen heraus, das Haus sei so traulich. Und die Fenster, wie blank! Sie ist ein Bausatz aus dem Wörterbaukasten der Romantik, so wie der Bausatz der Oehler Mühle, wie ihn heute die Firma Faller anbietet. Die Mühlen in der Literatur, von Eichendorffs Taugenichts bis Wilhelm Raabes Pfisters Mühle haben nichts mit dem sprudelnden Wasser auf dem Mühlrad da oben am Berg in Bad Essen zu tun. Die Mühlen der Literatur, der Musik und der Träume finden sich eh nicht in der Wirklichkeit. Wenn es Das Rad an meines Vaters Mühle brauste und rauschte schon wieder recht lustig heißt, dann wissen wir, in welcher Welt wir sind.

Allzu häufig habe ich in diesem Blog angekündigt, dass ich mal über ein bestimmtes Thema schreiben wollte. Bis der in Aussicht gestellte Post über den Luminismus zum Beispiel erschien, war lange Zeit vergangen. Doch jetzt habe ich beschlossen, dass ich den in dem Post Peter Schreier avisierten (und in dem Hans Peter Blochwitz Post bekräftigten) Vorsatz, etwas Ausführliches über Die schöne Müllerin zu schreiben, etwas schneller in die Tat umsetzen will. Ich werde das auch nicht in einem Stück schreiben, sondern werde es in kleinen Häppchen servieren. Vieles ist in meinem Kopf schon geschrieben (da ist es immer gut aufgehoben), es muss nur noch in die Tasten getippt werden. Das sagt sich so leicht.

Ich mache heute schon mal einige Fingerübungen und interpretiere einmal Wilhelm Müllers Gedicht Tränenregen. Auf seiner Internetseite sagt ein Komponist namens Hans-Udo Kreuels über Schuberts Winterreise: Es hat sich jedoch, durch 170 Jahre "Winterreise"-Rezeption hindurch, ein uneingestandenes Ambivalenzdenken in der Wertigkeit von Musik und Dichtung herausgebildet, welches - in Anbetracht eines bekannten und häufig auftretenden "Splitting"-Vorgangs dieser Art, und zwar in Richtung polarer Bewertungsstandpunkte - das musikalisch Geniale durch eine Herabsetzung der dichterischen Vorlage zu heben und zu apostrophieren sucht. Das ist die Art und Weise, wie ich nicht schreiben will. Man kann das einfacher sagen: wir achten zuwenig auf den Text des Gedichtzyklus. Das ist heute hier anders.

Wilhelm Müllers Gedichtzyklus (es gibt hier einen interessanten Einführungsartikel von →Malaika Eschbaumer) hat seine Keimzelle im Salon des preußischen Diplomaten Friedrich August von Staegemann. Da wurde nämlich 1816 ein ✺Singspiel namens Rose, die Müllerin aufgeführt. Die Musik dazu hatte der Komponist Ludwig Berger geschrieben, Texte steuerten Wilhelm Müller und andere bei. Im Mittelpunkt des Spiels steht natürlich eine untreue Müllerin (gespielt von Hedwig von Staegemann), die dem Müller, dem Gärtnerburschen und dem Jäger schöne Augen macht. Und am Ende mit dem Jäger (gespielt Wilhelm Hensel, dessen Schwester Luise den Gärtnerburschen spielte) davon zieht. Wilhelm Müller spielte natürlich den Müllerburschen. Das Ganze wurde 1818 unter dem Titel Gesänge aus einem gesellschaftlichen Liederspiele 'Die schöne Müllerin' gedruckt. Zu dem Zeitpunkt hatte Wilhelm Müller schon eine erste Version der Schönen Müllerin fertig, die aus fünfzehn Gedicht bestand.

Das Gedicht Tränenregen steht ziemlich in der Mitte von Schuberts Schöner Müllerin. Im folgenden  Gedicht mit dem Titel Mein! brüllt der neurotische Liebeskasper (die Formulierung stammt von Hannes Wader, ich liebe sie) Die geliebte Müllerin ist mein! durch Gottes freie Natur. Ein kurzes Leben in Übertreibungen. Schubert und Müller haben auch nur ein kurzes Leben gehabt, Schubert wurde einunddreißig Jahre alt, Müller nur zwei Jahre älter. Die Schöne Müllerin ist ein romantischer Mikrokosmos, archetypische Liebes- und Todessehnsucht. Und das alles in einer Stunde durchlebt, viel mehr Zeit braucht der Sänger nicht. Vielleicht ist es Wilhelm Müllers eigene Liebesgeschichte, vielleicht auch nicht.

Ungetreue Müllerinnen sind damals in der Literatur ja schon ein ausgelutschtes Thema. Als Eichendorff sein In einem kühlen Grunde schreibt (lange vor Müllers Schöner Müllerin), ist das Thema nicht mehr neu. Schon 1793 wurde in Berlin ein Singspiel mit dem Titel Die schöne Müllerin (nach der italienischen ✺Oper La Molinara von Giovanni Païsiello) aufgeführt. Schöne Müllerinnen sind in der Romantik offensichtlich wohlfeil zu haben (dies ist natürlich Sophia Loren in dem italienischen Film La Bella Mugnaia). So berichtet Bettina von Arnim von Ludwig dem Schönen, Herzog in Bayern, dessen sonderliche Lust war, in Nebel und Abenddämmerung herumzuschweifen, da war er einstmals abwärts gegangen und hatte ihn die Dunkelheit heimlich noch an eine Mühle geführt, das Wasser hörte er brausen und das Mühlenrad gehen, sonst war alles still, er rief, ob ihn niemand höre, die Müllerin, die gar schön war, wachte auf, zündete ein Kienholz an und kam vor die Tür gegangen, da war der Herzog gleich verliebt, da er sie beim Schein der Flamme sehen konnte, und ging mit ihr ein, blieb auch bis am frühen Morgen. Die Romantiker können nicht anders, da muss das Wasser brausen und das Mühlenrad gehen und sonst war alles still. Und die Müllerin muss natürlich gar schön sein.

Goethe wollen wir in dieser Motivreihe gar nicht erst erwähnen, bei dem die Müllerin den Edelknaben abweist (Denn wer die artige Müllerin küßt, Auf der Stelle verraten ist) und sich lieber an den Müllerburschen hält.

Gleich und gleich! so allein ist's recht!
Darauf will ich leben und sterben.
Ich liebe mir den Müllerknecht;
An dem ist nichts zu verderben.


Solche Meinungsäußerungen der Müllerin finden wir bei bei Wilhelm Müller nicht, denn der ganze Zyklus ist aus der Perspektive des Müllerburschen geschrieben. Ihm müssen wir glauben, mit ihm müssen wir die Welt sehen, mit ihm müssen wir leiden. Tränenregen folgt auf ein Gedicht, das Des Müllers Blumen heißt. Da ist der junge Müller in seinem Liebeswahn schon ziemlich in seine Träume abgedriftet, aber jetzt in Tränenregen, da sitzt er endlich neben seiner Liebsten:

Wir saßen so traulich beisammen
Im kühlen Erlendach,
Wir schauten so traulich zusammen
Hinab in den rieselnden Bach.

Traulich zusammensitzen ist immer gut, vor allem, wenn das Wort traulich zweimal vorkommt (traulich war ja im vierten Lied auch das Haus). Beisammen, zusammen, Nähe, die heraufbeschworen wird. Ist sie, die Namenlose auch glücklich mit dieser Nähe? Wir erfahren nichts über ihre Gefühle. Es muss Sommer sein (Wilhelm Müller hatte übrigens seinen Zyklus mit dem Untertitel Im Winter zu lesen versehen), man kann in der beginnenden Nacht noch draußen sitzen, unter dem kühlen Erlendach. Die Hervorhebung der Kühle finden wir in der Romantik immer wieder, so in Eichendorffs Taugenichts, wo es heißt: und alles in der Luft und auf der weiten Fläche so leer und schwül und still wurde über den leise wogenden Kornfeldern, da fiel mir erst wieder mein Dorf ein und mein Vater und unsere Mühle, wie es da so heimlich kühl war an dem schattigen Weiher, und dass nun alles so weit, weit hinter mir lag. Mir war dabei so kurios zumute, als müsst ich wieder umkehren; ich steckte meine Geige zwischen Rock und Weste, setzte mich voller Gedanken auf den Wagentritt hin und schlief ein. Und in einem Gedicht Eichendorffs geht das Mühlenrad auch in einem kühlen Grunde. Der an ein kühles Grab erinnert. Wenn es in der letzten Strophe heißt; Hör ich das Mühlrad gehen, Ich weiß nicht, was ich will, Ich möcht am liebsten sterben, Da wär's auf einmal still.

Die Erwähnung der Erle sollte uns in diesem Scheinidyll schon eine erste Warnung sein, denn die Erle wird in einer Vielzahl von →Sagen und Legenden (der Link führt zu einem hervorragenden Aufsatz) assoziiert mit Tod und Trennung, mit Trauer und dem Trügerischen. Das geht jetzt schon eher in diese Richtung der Romantik, die in Meerjungfrauen + Waldnixen vorkommt. Der deutsche Wald beherbergt in der Romantik seltsame Lebewesen. Und erinnern wir uns, im zweiten Lied des Zyklus wird der Müllersbursche, der gerade sein Arbeitsverhältnis gekündigt hat, vom Bach verführt: Ist das denn meine Straße? O Bächlein, sprich, wohin? Du hast mit deinem Rauschen Mir ganz berauscht den Sinn.  Und er erkennt: Was sag ich denn vom Rauschen? Das kann kein Rauschen sein: Es singen wohl die Nixen Tief unten ihren Reihn. Aber kehren wir zu unserem Paar im kühlen Erlendach zurück.

Der Mond war auch gekommen,
Die Sternlein hintendrein,
Und schauten so traulich zusammen
In den silbernen Spiegel hinein.

Das musste ja jetzt kommen. Wir sind in der Romantik, da geht es nicht ohne Mond. Der Mond kommt nicht mit Sternen, sondern mit Sternlein. Wir befinden uns in einer Welt des Diminutivs. Da haben wir Sternlein. Und Äugelein, Bächlein, Blümlein und Waldvögelein. Und Mägdelein. Ich erspare uns einmal weitere Ausführungen zum Mond, da es hier schon einen Post mit dem Titel Vollmond gibt. Am Ende des Zyklus, wenn der Müllergeselle wie Ophelia in Shakespeares Hamlet im Bach treibt, scheint natürlich der Vollmond. Im Prolog des Dichters hatte sich Müller schon ironisch von dem lunaren Topos distanziert: Und auch der Mond blickt aus der Wolken Flor Schwermütig, wie's die Mode will, hervor.

Ich sah nach keinem Monde,
Nach keinem Sternenschein,
Ich schaute nach ihrem Bilde,
Nach ihren Augen allein.

Und sahe sie nicken und blicken
Herauf aus dem seligen Bach,
Die Blümlein am Ufer, die blauen,
Sie nickten und blickten ihr nach.

Mond und Sternlein schauen jetzt traulich zusammen in einen silbernen Spiegel. Und dieses Bild des Baches als Spiegel wird die nächsten Strophen beherrschen. Er guckt ihr nicht in die Augen, den Spiegel der Seele. Er ist glücklich mit dem Abbild im seligen Bach. Die trauliche Nähe ist keine wirkliche Nähe, das Mägdelein ist weit weg von ihm. Das hat vor mir schon jemand anderes gemerkt, die Schweizerin Madeleine Haefeli-Rasi hat in ihrer Dissertation Wilhelm Müller: Die schöne Müllerin. Eine Interpretation als Beitrag zum Thema Stilwandel im Übergang von der Spätromantik zum Realismus das gleiche etwas komplizierter gesagt: In anderer Hinsicht als dort verbietet es sich aber auch im «Tränenregen», lyrische Stimmung zu erwarten, Traulichkeit, wie Mörike sie gibt. Umso lächerlicher wirkt es deshalb, dass gerade der eine, den es ja angeht, in seinem schwärmerischen Gefühlsüberschwang die tatsächliche Situation verkennt! Der Müllerbursche realisiert keineswegs, dass er in Traulichkeit schwelgt, welche nicht existiert. Traulichkeit wäre die unnennbar fließende Stimmung des Übergangs, Dämmerung, welche die Kontraste löst, die verbindend wirkt, Menschen und Natur eint und Innigkeit schafft. Müllerin und Gesell dagegen sitzen nebeneinander nicht miteinander am Bach. Was sie erleben ist mitnichten lyrisches Zusammensein. Wie wäre es sonst möglich, dass der Müllerknecht einmal mehr fein säuberlich trennt, was in echtem Traulichsein eins ist : "Ich sah nach keinem Monde, Nach keinem Sternenschein, Ich schaute nach ihrem Bilde, Nach ihren Augen allein." 

Da ich schon akademische Quellen zitiere, muss ich natürlich das Buch der renommierten amerikanischen Professorin Susan Youens erwähnen: Franz Schubert, Müller and Die schöne Müllerin (Cambridge University Press 1997). Kostet bei Amazon 98,44 (das Paperback kostet die Hälfte), aber man kann wesentliche Teile des Buches dankenswerterweise →hier lesen. Und es gibt von Professor Youens auch noch ein Buch zu dem Zyklus (Schubert: Die schöne Müllerin) in der Reihe der Cambridge Music Handbooks (Paperback), das sehr preisgünstig ist.

Die Blümlein am Ufer können natürlich nur blau sein. Da ist sie, die blaue Blume der Romantik. Das Symbol der Sehnsucht. Ich suche die blaue Blume, Ich suche und finde sie nie, Mir träumt, dass in der Blume Mein gutes Glück mir blüh, heißt es bei Eichendorff. In dem Gedicht Das Blümlein Vergißmein des Zyklus, das Schubert wohlweislich nicht vertont hat, ist der Müllergeselle in seiner Liebesverzweiflung auf der Suche nach einer schwarzen Blume. Das Wächst auch an einem Ufer, Doch unten fließt kein Bach, Und willst das Blümlein pflücken, Dich zieht der Abgrund nach. Der Abgrund, die Gefährdung der Tod. Die blauen Blumen waren schon zuvor aufgetaucht, so steht in Des Müllers Blumen: Am Bach viel kleine Blumen stehn, Aus hellen blauen Augen sehn, Der Bach, der ist des Müllers Freund, Und hellblau Liebchens Auge scheint, Drum sind es meine Blumen. Da heißt es noch Der Bach, der ist des Müllers Freund. Das wird sich ändern. Denn der Bach, den der Müller am Anfang besingt (Du hast mit deinem Rauschen Mir ganz berauscht den Sinn) ist der große Verführer.

Und in den Bach versunken
Der ganze Himmel schien,
Und wollte mich mit hinunter
In seine Tiefe ziehn.

Und über den Wolken und Sternen
Da rieselte munter der Bach,
Und rief mit Singen und Klingen:
»Geselle, Geselle, mir nach!«

Der Himmel ist nicht der Himmel da oben, wie ist er so weit! wie in der letzten Zeile des Zyklus. Der Himmel ist jetzt im Bach versunken, und dahin will er den Verliebten ziehen. Orchestriert von den Klängen des Baches: Geselle, Geselle, mir nach! Im Spiegel des Wassers schaut der Liebende jetzt nicht mehr nach ihrem Bilde, Nach ihren Augen allein. In der Tiefe lauert der Tod. O Bächlein meiner Liebe hatte er noch in Der Neugierige gesungen. Mein Bächlein will ich fragen, Ob mich mein Herz belog, da ist der Bach noch sein Orakel. Aber das Der Bach, der ist des Müllers Freund gilt längst nicht mehr, der Bach ist wankelmütig wie die Liebe. L'amour est un oiseau rebelle.

Da gingen die Augen mir über,
Da ward es im Spiegel so kraus;
Sie sprach: »Es kommt ein Regen,
Ade, ich geh nach Haus.«

Bevor der Regen kommt, kommt der Tränenregen, er macht das Bild der Geliebten und Mond und Sterne auf dem den Wasserspiegel kraus. Und verhindert, dass er jetzt schon klar in der Tiefe sein Schicksal sieht. Plaisir d'amour ne dure qu'un moment, chagrin d'amour dure toute la vie. Die schöne Müllerin interessiert das alles nicht. Sie hat Angst um ihre Frisur, sie verlässt die Szene. So sind die Frauen. Die Angebetete bleibt in dem ganzen Zyklus blass. Sie ist blond und hat blaue Augen, ansonsten wissen wir nicht, wie sie aussieht. Wissen nicht, was sie denkt. Der neurotische Liebeskasper textet uns mit seinen Liebesbeteuerungen so zu, dass wir nicht zu fragen wagen. Schubert hat das Gedicht →Das Mühlenleben wohl bewusst nicht vertont, aber es steht nun mal in Müllers Zyklus. Und da heißt es über das liebe Mädchen:

Keiner wünscht, sie möchte gehen,
Steht sie auch als Herrin da,
Und fast wie das Auge Gottes
Ist ihr Bild uns immer nah. –

Eine Herrin, ein Bild, fast wie das Auge Gottes. Wenn man Frauen soweit überhöht, dann kann man nur noch Angst vor ihnen haben. Und man redet auch nicht mehr mit ihnen, sondern braucht einen Vermittler Geh, Bächlein, hin und sag ihr das. Dann kann man nur Ach, unten, da unten, Die kühle Ruh! suchen.

Als ich vor Jahren im Urlaub bei meinem Bruder Haus und Haustiere hütete, hatte ich Noten mitgenommen, weil ich wusste, dass es da ein Klavier gab. Das besser als meines war (das hat sich geändert, ich habe ein neues Klavier, dazu demnächst mehr). Und da saß ich vor den Noten von Tränenregen (was ein Zufall war, dass sich das Notenheft an dieser Stelle geteilt hatte) und stocherte mich durch die Takte. Und plötzlich hatte ich so etwas wie eine Art Eingebung. Ich begriff das Gedicht, ich begriff die Noten. Ich konnte es, wie mein Musiklehrer Hanns Eckerle (der einzige Musiklehrer, dem ich etwas verdanke) am Klavier demonstrieren, dass jeder es begreifen konnte. Ich kann das noch immer, aber Sie sitzen nicht bei mir im Wohnzimmer, und so müssen wir darauf verzichten. Es ist Schuberts Genialität, einem Text, der völlig lapidar und ironisch sein kann, neue Dimensionen zu geben. Der Sänger braucht vier Minuten und dreißig Sekunden, um Tränenregen zu singen. Ein ganzes Leben in seiner Brüchigkeit in dieser kurzen Zeit.

Ich kann weder spielen noch singen und wenn ich dichte, so singe ich doch und spiele auch. Wenn ich die Weisen von mir geben könnte, so würden meine Lieder besser gefallen als jetzt. Aber getrost, es kann sich ja eine gleichgesinnte Seele finden, die die Weisen aus den Worten heraushorcht und sie mir zurückgibt, hatte Wilhelm Müller 1815 geschrieben. Er hat die gleichgesinnte Seele in Schubert gefunden, er hat es nur nicht mehr erlebt, seine Zyklen aufgeführt zu sehen. Ich lasse Schuberts Musik, die filigran die Singstimme umwindet, heute einmal draußen vor. Ich weiß, das geht nicht ganz. Sie können natürlich in die Interpretationen von ✺Fritz Wunderlich und ✺Peter Schreier hinein hören. Und Sie könnten sich auch noch Des Müllers Blumen in der Version von ✺Hans Peter Blochwitz anhören und mit der Vertonung durch Ludwig Berger vergleichen (das ist die neue Aufnahme von →Markus Schäfer und Tobias Koch). Sie werden sehen, es liegen Welten dazwischen. Als Gesamtaufnahme ist meine Empfehlung, die wunderbare ✺Aufnahme von Werner Krenn und Rudolf Buchbinder zu hören.


Dies ist der erste Teil von mehreren Posts zur Schönen Müllerin. Der nächste wird den beeindruckenden Titel Die schöne Müllerin (Prolegomena) haben. Danach kommen Die schöne Müllerin (Helle Stimmen) und Die schöne Müllerin (Fremde Zungen). Weiter bin ich im Kopf noch nicht. Und außerdem kämpfe ich damit, dass Schubert beinahe jedes Lied in einer anderen Tonart geschrieben hat.

Samstag, 14. September 2013

Steuerschulden


Also, dieses Video müssen Sie sich ansehen [das Video ist leider aus dem Netz verschwunden. Das hat seinen Grund]. Wie der Mann mit seiner Harley auf die Bühne rauscht. Natürlich stilecht mit schwarzer Lederjacke. Vor sechzig Jahren lief Johnny Hallyday so rum, der war aber nicht so fett. Angekündigt wurde der Künstler als Tony Uthoff und Big Band: Ein musikalisches Feuerwerk einer Fusion von Rock & Roll, Boogie Woogie und Modern Bigband Swing. Der Mann, dessen Stimme angeblich wie die der Callas über drei Oktaven reicht, ist seit Gary Glitter der bedeutendste Sänger aus Kiel. Die schlecht sitzende Perücke des Rentners stört ein wenig, aber was tut man nicht alles, wenn man sich dem Rock'n Roll verschrieben hat. Wie ✺Kevin Johnson damals sang: Rock'n Roll I gave you all the best years of my life. 

Der Dieter Bohlen Verschnitt (oder ist David Hasselhoff sein Ideal?) ist schon lange auf der Bühne. Ich kenne jemanden, der war mal vor vierzig Jahren in seiner Band, der kann den Kerl aber nicht ausstehen. Ist zu verstehen, wenn man sich seine Verhunzungen von ➱Love me tender und ➱Blue Moon of Kentucky anschaut. Wir hören mal eben zum Vergleich in das ✺Original von Elvis hinein. Und in Bill Monroes ➱Blue Moon of Kentucky. Was Tony Uthoff tut (auf jeden Fall das, was er auf der Bühne tut), darf man offensichtlich - genauso wie André Rieu alles verhunzen darf. Es ist leider nicht strafbar, wir sind ein freies Land.

Aber der Tony ist wegen einer anderen Sache gerade jeden Tag in der Zeitung. Und da kommen diese beiden Herren ins Spiel, die wir aus den Hägar Cartoons als die Steuereintreiber des Königs kennen. Der ➱Tony Uthoff ist nämlich Millionär, wahrscheinlich Multimillionär. Nee, iss klar, nich' mit seiner Sangeskunst. Unter seinem richtigen Namen Prof. Dr. Detlef Uthoff gehört ihm eine ➱Augenklinik in Kiel. Und immobilienmäßig gehören ihm ganze Straßenzüge in Kiel und Eutin. Und damit sind wir bei einem etwas delikaten Punkt, der den Doktor zu einem Medienereignis gemacht hat. Er hat nämlich aus seiner Nebentätigkeit als Immobilienhändler ➱Steuerschulden, die er leider seit Jahren nicht begleichen konnte. Weil er in Wirklichkeit ganz arm ist. Und sonst auf der Straße singen muss.

Bei Hägar dem Schrecklichen wissen wir, was jetzt geschieht. Da kommen die Männer mit den schwarzen Gesichtsmasken und hinterher hängen Hägar und Sven Glückspilz an Daumenschrauben im Kerker des Königs. Aber der Dr. Uthoff hängt an keinen Daumenschrauben im Keller vom Finanzamt Kiel-Nord. Dem hat nämlich gerade die Oberbürgermeisterin (hier auf einer Photomontage) von Kiel in einer Eilentscheidung (die Presse spricht von einer Nacht- und Nebelaktion) 3,7 Millionen Euro Verzugszinsen und Mahngebühren erlassen. Hat er ihr schöne Augen gemacht? Hat er ihr ein schönes Lied vorgesungen, wie ➱dies hier? Oder hat er geweint? Angeblich hat er beteuert, dass er sonst pleite gehe. Und natürlich die Arbeitsplätze in Gefahr seien. Das ist ja immer die gleiche Masche, man kennt das. Bei den Vorgängern von Susanne Gaschke hat er das wohl auch schon versucht. Aber die waren da nicht drauf reingefallen. Diesen Trick mit der Armut und dem Verlust der Arbeitsplätze hat der bayrische Wurstwarenfabrikant, der früher mal Fußballer war und keine ➱Elfmeter schießen konnte (achten Sie auf die Nummer 8), nicht versucht, der hat gleich gezahlt, als man ihn an den Hammelbeinen hatte.

Und nun haben wir hier in der Provinz einen richtigen kleinen Skandal, der schon bis Brüssel schwappt. Ach, ist das schön. Da können die ➱Kabarettisten über Steuern witzeln, wie sie wollen, es bleibt ein schönes Thema. Sind die Filmrechte schon verkauft? Aber die Oberbürgermeisterin, die sich inzwischen wahrscheinlich heimlich überlegt, dass sie bei der Zeit doch wohl besser aufgehoben war, hat eine weise Entscheidung getroffen. Sie wollte nicht, dass der Doktor seine Villa im Düsternbrook, die Villa in Kampen und seinen Privatjet verkaufen muss. Denn was wäre die Alternative gewesen? Richtig: der Dr. Uthoff sitzt in der Holstenstraße und singt Love me tender. Das ist wirklich niemandem zuzumuten.

Kurz nachdem dieser Post im Netz stand, hat der Dr Uthoff alle seine Spuren im Internet gelöscht. Auf das Spuren löschen versteht er sich ja. Leider können Sie so wenig von ihm singen und hören. Aber ✺hier ist doch noch eins.