Donnerstag, 18. Februar 2016

Max Klinger


Max Klinger gehört zu den markantesten Künstlerpersönlichkeiten des Fin de Siecle. Aus Anlass seines 150. Geburtstages zeigt die Kunsthalle zu Kiel eine Auswahl seiner grafischen Zyklen, die zwischen Tag und Traum angesiedelt sind. In ihnen gelingt es dem Künstler die reale und die geträumt-fantastische Bildebene souverän miteinander zu verbinden. Ein wesentliches Kompositionselement seiner Bilderfolgen ist der 'Schnitt', der später auch für das Medium Film charakteristisch wird und es dem Betrachter ermöglicht, einzelne Bilder assoziativ miteinander zu verknüpfen. 'Max Klinger und der Film' untersucht erstmals Klingers Nähe zum Film und kombiniert die grafischen Zyklen mit ausgewählten 'bewegten Bildern' der Filmgeschichte. So stand es 2007 auf der Seite der Kunsthalle Kiel als Ankündigung der Ausstellung Max Klinger und der Film. Ich finde die dort abgebildete Radierung Der Schwanenprinz (aus der Reihe Das Zelt) furchtbar.

Ich finde vieles von Max Klinger, der am 18. Februar 1857 in Leipzig geboren wurde, einfach schrecklich. Ich bin da wohl nicht allein. Sein Werk hat immer wieder für Skandale gesorgt, wie zum Beispiel der pinkelnde Tod (Bild) oder der nackte Christus mit nacktem Penis. Wenn wir uns mal eben den Tod aus diesem Bild wegdenken, wäre es ja ein nettes Landschaftsbild im Stil seines Zeitgenossen ➱Leistikow. Mit dem Sensenmann ist es ein weiterer Beleg für das Thema ➱Et in Arcadia Ego. Das Bild hängt heute in Leipzig, der Heimatstadt des Künstlers. Man hatte für den Ankauf 700.000 Euro locker gemacht. Überhaupt nichts hatte der erste Besitzer des Bildes für das Bild bezahlt. Dem norwegischen Maler Christian Krohg, der Mitglied der Skagener Malerkolonie war (und großen Einfluss auf ➱Anne Ancher hatte), hatte es Klinger geschenkt.

Christian Krohgs Frau Oda hat übrigens ➱hier schon einen Post. Die ➱Skagener Maler auch, für die brauche ich keine Werbung zu machen, die wurden schon x-tausendmal angeklickt. Klinger kann sehr witzig sein, wie hier auf der Tuschzeichnung Klinger und Krohg wollen die Zeit totschlagen. Aber häufig ist er mit seiner verzweifelten Suche nach Originalität nicht witzig, sondern nur peinlich. Wie bei dem pinkelnden Tod (mit dem er zum Vorreiter des Surrealismus wird) oder diesem furchtbaren ➱Wandbild in der Villa Albers. Da ist ja ➱George Spencer Watson besser (das ist ein Post, den meine Leser lieben, ich weiß nicht weshalb), und der ist schon schlimm.

Der deutsche Kunsthistoriker Georg Bussmann hat 1992 von dem mörderisch schlechten Geschmack ➱Klingers gesprochen. Das sitzt, das kann man sich merken. Und dass der Pariser Figaro nach seinem Tod einen Artikel mit der Überschrift Un grand barbare brachte, das vergessen wir auch nicht wieder. Der berühmte Kunstkritiker Julius Meier-Graefe hat Klinger als Kunstgewerbler geringen Umfangs bezeichnet und für seine Plastiken die Bewertung lächerliches Produkt bürgerlichen Geistes gefunden. Julius Meier-Graefes Urteil ist beinahe neunzig Jahre alt, aber hat sich etwas geändert?

Klinger's foray into theatricality has often appeared to posterity to teeter precariously on the edge of kitsch, a word whispered discreetly about Klinger's later work, especially his seemingly embarrassing final Orientalist fairy-tale cycle 'Tent', sagt die Professorin Marsha Morton in ihrem Buch Max Klinger and Wilhelmine Culture: On the Threshold of German Modernism (2014). Die Amerikaner sind höfliche Leute. Wenn der Leipziger Freundeskreis Max Klinger ein Buch mit dem Titel Wege zur Neubewertung herausbringt, dann scheint das doch verlorene Liebesmüh zu sein.

Klinger und sein Studienfreund Krohg mögen gemeinsam die Zeit totschlagen, beeinflusst haben sie sich gegenseitig wohl kaum. Oder hat Krogh etwa Klinger gesagt, dass das Thema der l'heure bleue in Skagen im Augenblick angesagt sei? Was Klinger dazu bringt, seine Version der blauen Stunde zu malen? Die kläglich ausschaut gegen die Bilder von Peder Severin Krøyer, Marie Krøyer oder Oda Krohg. Die Zeitgenossen aus Skagen sind definitiv nicht sein Vorbild. Die Vorbilder Klingers sind ➱Adolph Menzel und ➱Arnold Böcklin. Es beruhigt mich sehr, dass der Post zu Menzel doppelt so häufig angeklickt wurde, wie der zu Böcklin.

Ich hätte in der Kieler Kunsthalle beinahe mal einen Max Klinger gekauft. Damals hatte man bei der Inventur in der graphischen Sammlung einige Radierungen gefunden, die man doppelt hatte, die bot man jetzt den Mitgliedern des Kunstvereins als Jahresgabe an. Ich weiß nicht mehr, welche Blätter es waren, aber sie sahen ungefähr so aus wie diese ➱Brahmsphantasie. Ich hatte die falsche Losnummer und bekam den Kitsch nicht, auf den ich mich kapriziert hatte. Aber ein halbes Jahr später hätte ich das Blatt zum Festpreis haben können, weil der Lotteriegewinner offensichtlich verzichtet hatte. Doch da war meine Begeisterung für Klinger, die eh nur lauwarm war, vorbei.

Dies ist das erste Ölgemälde, das Klinger ausstellt. Es heißt Der Spaziergänger (oder Der Überfall oder auch Die rote Mauer). Es ist wie viele Werke von Klinger ein irritierendes Bild. Wenn in der Kunst Menschen an einer Mauer stehen, dann werden sie meistens erschossen (lesen Sie dazu die Posts ➱Ney und ➱Edouard Manet), hier weiß man nicht so recht, was geschieht.

Glücklicherweise hat uns Paul Kühn im Jahre 1907 eine Interpretation zu dem Bild geliefert: Es ist, von einigen Porträtstudien abgesehen, das erste Gemälde Klingers (1877 entstanden). Inhaltlich ist es ein charakteristisches Berliner Vorstadtmotiv jener Zeit, in seiner Fassung aber etwas ganz Persönliches, Klingersches. Ein junger Mensch ist auf einsamem Spaziergang plötzlich von drei Strolchen gestellt worden. An einer langen, sich quer in die Tiefe des Bildes hinziehenden roten Ziegelmauer steht er, von den dreien eingeschlossen, die mit ihren Knüppeln spielen; einer ist im Begriff, einen Stein zu erheben. Der junge Mensch, die drei mit spannendem Auge beobachtend, hält den Revolver gefaßt. 

Dieser 'spannende Moment' ist mit unheimlicher Wahrheit gegeben; die suggestive Wirkung ist so außerordentlich, daß man sich dem Zwang dieses Bildes gar. nicht entziehen kann. Servaes hat es symbolisch gedeutet als eine Art 'Künstlers Erdenwallen', 'das junge Genie mit den leidlichen und vielleicht unwirksamen Waffen und die pöbelhaften Fäuste und Stöcke'. An dem Bilde war alles neu, verblüffend neu, der Gegenstand der Darstellung, die unbekümmerte Kühnheit der Farbengebung, am meisten aber die Komposition, die isolierte Stellung der Figuren, eine Raumillusion, wie man sie bisher kaum kannte, und eine 'Nüchternheit', in der doch ein so starkes, heißes Leben pulste. Eine solche Verbindung konnte man nicht recht begreifen. Es fehlte jeder Idealismus und jede akademische Schönheit; es war ein 'Realismus', der noch über Menzel ging; es fehlte ihm für das oberflächliche Auge das Geistvolle und Sprühende. Das Bild zeigt, daß Klinger bei Gussow gelernt hatte, das Leben scharf und rücksichtslos zu fassen; es lehrt noch mehr, daß er Menzel studiert hatte wie wenige.

Größer als der Ruhm des Malers Klinger ist vielleicht der Ruhm des Bildhauers Klinger. Die Kunst der Plastik ist nun nicht meine Sache, das habe ich schon häufig in diesem Blog gesagt. Ohne dass das ein fishing for compliments ist. Ich mag einen Onkel haben, der ➱Bildhauer ist (und mit der Bildhauerin Margret Middell verheiratet ist), deshalb verstehe ich noch nichts von der Bildhauerei. Wenn ich in der Kunsthalle Kiel mal wieder eine schlechte Ausstellung gesehen habe - und schlechte Ausstellungen kriegen die Nachfolger von ➱Jens Christian Jensen immer leicht und locker hin - dann schaue ich mir eine halbe Stunde die Gipsnachbildungen berühmter Statuen in der Antikensammlung an (lesen Sie mehr in ➱Griechen), das beruhigt ungemein. Dies hier ist nicht griechisch, das ist Max Klinger. Gehört den Staatlichen Kunstsammlungen Dresden (➱SKD), die haben viel Klinger.

Die haben sogar einen Klingersaal, ein Herzstück der SKD, eine Art Weihesaal des Fin de Siècle. Da mag man in Leipzig Gemälde von Klinger aufkaufen, Dresden hat schon lange die Skulpturen Klingers (Leipzig besitzt allerdings auch 47). Und man plaziert sie in Dresden an prominenter Stelle. Zusammen mit Werken Arnold Böcklin, Franz von Stuck und Sascha Schneider. Falls Sie den nicht kennen, sind Sie kein ➱Karl May Fan, denn Schneider hat einst den Einband der Karl May Ausgabe konzipiert.

Ich bin im Augenblick ganz fit beim Thema Fin de Siècle. Weil mir die ➱Astrid (hier auf dem Bild mit dem goldblonden Haar im Rembrandtschen Licht) zu Weihnachten den Katalog ihrer neuesten Ausstellung August Hudler in Dresden geschenkt hat. Hier zeigt sie gerade im Rahmen des ➱Museum Experts Exchange Program (MEEP) chinesischen Wissenschaftlern die Ausstellung, die sie kuratiert hat. Manche von den Gästen kennt sie, denn sie war in den letzten Jahren zweimal in Peking, um dort die Sammlungen aus Dresden vorzustellen.

Der bayrische Bildhauer August Hudler (ein großer Unbekannter und unbekannter Großer) war 1900 nach Dresden gezogen, wo er bis zu seinem Tode lebte. Die Staatlichen Kunstsammlungen haben schon um die Jahrhundertwende Werke von ihm gekauft und besitzen heute die größte Sammlung seiner Werke. Und so schien es an der Zeit, 110 Jahre nach seinem Tod einmal eine Ausstellung für den heute wenig beachteten Bildhauer zu machen. Wobei man sein Werk durch eine Vielzahl seiner Zeitgenossen ergänzte (Robert Diez, der schon in ➱Meerjungfrauen + Waldnixen vorkommt, war auch dabei). Die Ausstellung gab dem Museum auch die Möglichkeit, ganz viel von Klinger zu zeigen.

Wie zum Beispiel hier Die neue Salome, frisch restauriert und hübscher als zuvor. Die August Hudler Ausstellung war die letzte Ausstellung, die der Generaldirektor ➱Hartwig Fischer in seinen Häusern erlebte. Er ist jetzt weg. Nach London. Da folgt er seinem Vorgänger Martin Roth, der 2011 Direktor des Victoria und Albert Museums wurde (und der ➱hier einen Post hat). Fischer ist jetzt Direktor des British Museum. Warum hauen die alle ab? Ist es der schlechte Ruf, den das Elbflorenz mittlerweile bekommen hat? Lockt das große Geld? Oder fliehen sie, weil sie Klinger nicht mehr ertragen können?

Wenn ein Spieler von Dynamo Dresden zu Chelsea gehen würde (das ist ein sehr theoretischer Gedanke), dann würde man sagen, dass die Premier League eine große Anziehungskraft hat. Aber was bringt die Engländer dazu, dem SKD die Generaldirektoren abzuwerben? Zur Zeit von Max Klinger blieben Direktoren häufig ein Leben lang ihrem Museum verbunden, ➱Alfred Lichtwark (der Klinger immer protegierte) und ➱Wilhelm von Bode wären Beispiele. Aber das ist heute nicht mehr so, offensichtlich orientiert man sich heutzutage eher an der Welt des Fußballs als an der Pflege der Kunst. Es gab schon einmal einen Deutschen, den man mit dem British Museum verbindet. Das war ➱Karl Marx, der dort sein Kapital schrieb. Ich weiß nicht, wie geläufig die Welt der Engländer dem neuen Direktor des BM ist, aber ich hätte da eine schöne Empfehlung (die von Gerard Hoffnung stammt): Have you tried the famous echo in the Reading Room of the British Museum?

Ist die Abwanderung von zwei Generaldirektoren in fünf Jahren Zeichen einer Krise des SKD? Irgendwie fällt mir dazu die wunderbar bösartige Erzählung ➱Kammermusik über die Dresdner Musikszene von Klaus Funke ein, wo es heißt: Dresden sei keine Kunststadt, hatte mein Freund Bosel gesagt. Hier sei nichts als kleinbürgerlicher Mief und eingebildete Tradition. Seit ihrem August, dem Starken, diesem Sonnenköniganbeter, hätte sich die Stadt nicht mehr weiterentwickelt, alles wäre stehen geblieben. Am Schlimmsten aber wäre die Dresdner Luft, sagte er, sie würde ständig von diesen Stadtbewohnern eingeatmet und führe zur allmählichen Verblödung. Der durchschnittliche Dresdner ist dümmer, als der durchschnittliche Leipziger, und noch um einiges dümmer als der Berliner, Hamburger, Münchner oder Frankfurter. Die Dresdner sind von allen Großstadtbewohnern Deutschlands, wie Bosel zu mir gesagt hatte, wahrscheinlich die ungebildetsten und am wenigsten kunstinteressierten.

Das ist weit entfernt von Herder, der seinen Bericht über die ➱Kunstsammlungen in Dresden mit den Distichen beendete:

Blühe, deutsches Florenz, mit deinen Schätzen der Kunstwelt! 
Stille gesichert sei Dresden Olympia uns, 
Phidias-Winckelmann erwacht' an deinen Gebilden, 
Und an deinem Altar sprossete Raphael-Mengs.

Dienstag, 16. Februar 2016

Vaterlandsstolz


Du bist ein Deutscher. Wohlan, sei stolz auf deinen Hermann, auf den Helden Friedrich, auf Katharina, die Wohltäterin der Menschen! Nenne Leibniz, Klopstock und Lessing der Nachwelt! Nenne Deutschlands Erfinder, wenn England seine Darsteller neben Königen begräbt und Gallien seine Dekorateurs unter die Vierziger setzt! Uns fehlen zwar Geschichtschreiber und Redner, aber weder Dichter noch Taten. Dennoch laßt uns gerecht sein und nicht vergessen, daß kaum vor dreißig Jahren noch Gottsched der deutsche Addison war, daß itzt noch Laune, Witz und Grazie im deutschen Boden nur mühsam gedeihen und daß Vaterland und Freiheit in unsrer Sprache nicht viel mehr als Töne ohne Meinung sind. Wenn die Abenakis und die Mikimakis, die Chawanesen und die Cherokesen bei jedem Krieg ihrer Nachbarn die Axt gegen ihre Brüder erheben, kämpfen sie fürs Vaterland?
     Wo ist der lebendige Geist, der uns allgewaltig, und zu einem Endzweck, ergreifen, der uns an einer Kette halten sollte, wie Jupiter die Schicksale hält? Wo ist Regulus' Tugend, Leidenschaft, ein Opfer zu werden fürs Vaterland?
     Sprich den Fürsten nicht hohn, freiheittrunkner Jüngling, der du vielleicht als Mann zu ihren Füßen kniest! Und sie verdienen auch deinen Bardeneifer nicht, denn viele unter ihnen sind freundlich und gut und verleihen selbst den Fürstenhassern Brot. Aber träume nicht von Freiheit, solange noch an jedem Hof jeder Laut des Muts verstummt, solang unser Eigentum nur von einer Schatzverordnung zur andern sicher ist, solang unser Blut eine Lands- und Domänenware bleibt, solang wir auf jeden Wink wie Cäsars Kriegsknechte ausrufen:

     »Pectora si fratrum, gravidave in viscera matris
      Imperat, invita peragam tamen omnia dextra.«

Tröste dich damit, daß Freie nicht immer glücklich sind, daß es Sokrates und Phokion nicht waren und daß es Sklaven sein können unter Antoninen.

Dieser Text ist schon etwas älter, genauer gesagt wurde der Essay Über den Vaterlandsstolz des deutschen Aufklärers Helfrich Peter Sturz im Jahre 1782 in Bremen bei Cramer gedruckt (er war zuvor 1776 in der Zeitschrift Deutsches Museum veröffentlicht). In der Hansestadt Bremen ist der Verfasser dieses Textes (der heute vor 280 Jahren geboren wurde) auch gestorben. Literaturhistoriker haben ihn den ersten deutschen Essayisten genannt. Der Verlag des Buchhändlers Johann Heinrich (Hinrich) Cramer (1736-1804), in Bremen und Hamburg beheimatet, ist der Wikipedia keinen Eintrag wert, Dieter Bohlen schon. Sagen wir mal so: der Verlag war nicht unbedeutend. Er zählte ➱Lessing und ➱Johann Heinrich Voss zu seinen Autoren. Hier erschien ➱Laurence Sternes Yoricks empfindsame Reise durch Frankreich und Italien (übersetzt von Johann Joachim Christoph Bode). Und hier erschienen auch die Briefe über die Merkwürdigkeiten der Litteratur von Heinrich Wilhelm Gerstenberg, einem Freund von Sturz.

Das Buch Geistiges Bremen, herausgegeben von ➱Alfred Faust, kennt Cramer, der einst Lessings Hamburgische Dramaturgie herausgab, natürlich. Vielleicht sollte ich an dieser Stelle einmal sagen, dass wir uns täuschen, wenn wir glauben, dass alles im Internet steht. In Büchern steht noch viel mehr. Wenn Helfrich Peter Sturz in Bremen stirbt, dann heißt das nicht, dass er da lebte, er hatte nur in der Hansestadt einen Freund besucht. Die Hansestadt scheint den Vertretern der deutschen Aufklärung nicht gut zu bekommen, drei Jahre vor Sturz war ➱Adolph Knigge in Bremen gestorben. Sturz war jetzt in den Diensten des Oldenburger Herzogs Peter Friedrich Ludwig (Bild), das ist der Landesherr, der Oldenburg ➱klassizistisch umbaut. Zuvor war Sturz in den Diensten des dänischen Königs Christian VII gewesen. Das ist der König, der ein klein wenig geisteskrank ist. Er kommt mehrfach in diesem Blog vor, unter anderem in dem Post ➱Kiel Frieden, aber da ist er schon tot.

Er wird immer wieder erwähnt. Wegen dem Dr Struensee (der auf diesem Bild ein wenig anders aussieht als Mads Mikkelsen im Film Die Königin und der Leibarzt). Struensee und die Liebesaffaire erwähne ich immer wieder (wie zum Beispiel in dem Post ➱Henning Mankell), weil ich immer wieder den Roman von Per Olov Enquist Der Besuch des Leibarztes anpreise. Nicht, weil ich den Übersetzer kenne, sondern weil das ein schöner Roman ist. Für den dänischen Legationsrat Helfrich Peter Sturz ist es eine schöne Zeit, wenn er (zusammen mit Struensee) den König auf dessen ➱Grand Tour nach Frankreich und England begleitet. Struensee und er fahren in derselben Kutsche, aber sie können sich nicht ausstehen. Obgleich sie beide Männer der Aufklärung sind.

Sturz wird sich in London der Malerin Angelika Kauffmann (hier auf dem Selbstportrait, zerrissen zwischen den Musen der Malerei und der Dichtung) in ihrem Atelier vorstellen. Die brauche ich Ihnen jetzt nicht vorzustellen, die hat schon lange einen ➱Post. Sturz ist selbst Amateurmaler, er hat die Königin Caroline Mathilde (die schon in dem Post ➱Hannover erwähnt wird) gemalt.

Deren Tochter Louise Augusta hat er auch portraitiert. Sturz wird auch den Schauspieler David Garrick (den dieser ➱Blog auch schon kennt) kennenlernen. Sturz versteht etwas vom Theater, er hat selbst ein ➱Theaterstück geschrieben und mit Lessing gefachsimpelt. Man wird in den Salons von London und Paris noch lange über diesen angenehmen Mann reden. Sturz wird in Heinrich Christian Boies Zeitschrift Deutsches Museum noch seine Briefe eines Reisenden vom Jahre 1768 veröffentlichen, die einen interessanten Blick auf England und Frankreich werfen (auch die englische ➱Ossian Begeisterung wird in ihnen erwähnt). Seine Schriften sind 1976 unter dem Titel Die Reise nach dem Deister: Prosa und Briefe von Rütten und Loening herausgebracht worden. Man kann diesen Band ganz billig im Antiquariat finden (mein Exemplar hat einen Cent gekostet), lohnt sich unbedingt.

Wenn Struensee stürzt, fällt auch der Weltmann, Essayist und Künstler Helfrich Peter Sturz. Man hält ihn für einen Komplizen von Struensee, verhaftet ihn im Hause seiner Braut und inhaftiert ihn für Monate. Wenn er freigelassen wird, kann er endlich seine Braut heiraten, aber, wie es 1894 in der Allgemeinen Deutschen Biographie heißt: der Lebensmuth des sonst so heiteren Gesellschafters war durch die Verfolgungen in Hypochondrie verkehrt, seine Gesundheit durch die Gefängnißhaft und Kummer gebrochen. Doch die Tristesse des piffeligen Oldenburgs bringt den ➱Schriftsteller in Sturz hervor. Kurz vor seinem Tod entschließt sich Sturz auf Anraten seines Freundes Dr Johann Georg Zimmermann zur Publikation seiner Schriften. Sturz hat berühmte Freunde, Zimmermann ist nicht nur ein Gesprächsparter von Friedrich dem Großen und Goethe, er hat seine Dissertation über die Einsamkeit geschrieben. Dissertationen werden normalerweise kaum gelesen, diese schon.

Wir kehren noch einmal nach Bremen zurück. Nicht wegen des Verlegers Johann Hinrich Cramer, sondern wegen des Bremer Postmeisters Dr Albert Schumacher. Der hat auch noch den Titel eines Hofrats, was für Bremer sehr untypisch ist. Aber Schumacher ist der Interessenvertreter des Oldenburger Herzogs im Lande Bremen, deshalb der Titel Hofrat. Zeitweise ist er auch dänischer Gesandter in Bremen gewesen. Er ist ein alter Freund von Sturz, und ihn wird Sturz im Herbst 1779 besuchen. Schumacher (dessen Sohn Bremer Bürgermeister wird) wohnt seinem Titel entsprechend auf einem Landgut (das Gut Landruhe besitzt er übrigens auch noch). Dieses hübsche klassizistische Gebäude ist nicht das Landhaus, das ist nur die Straßenseite des Hofmeierhauses von 1790.

Das Haus, in dem Sturz sterben wird, ist heute nicht mehr in dem schönen Originalzustand, in dem das Hofmeierhaus ist. Aber der Park, in dem es steht, den gibt es noch. Er heißt heute nach einem späteren Besitzer Heinekens Park, und er ist einer der schönsten ➱Parks der an öffentlichen Gärten sicherlich nicht armen Stadt. Der ➱Park war ursprünglich im französischen Stil angelegt worden, nicht im Stil des englischen ➱Landschaftsgartens. Ihn zieren Nachbildungen von Statuen aus dem Schloss Fredensborg, das war Schumacher seinen Verbindungen zu Kopenhagen schuldig. Dies ist der Eingang zum Park. Das Tor habe ich auch schon einmal photographiert, aber damals stand dies blöde Schild noch nicht da.

Lassen Sie mich vom Ende zum Anfang kommen, zu Sturzens Über den Vaterlandsstolz. Für den Aufklärer Helfrich Peter Sturz bedeutet Vaterland: Dichter, Denker und Freiheit. Auch wenn er klagt, dass Vaterland und Freiheit in unsrer Sprache nicht viel mehr als Töne ohne Meinung sind. Für Frau Frauke Petry, die ihr Vaterland mit geladener Waffe verteidigen möchte, bedeutet Vaterland offensichtlich etwas anderes. Für den im schwedischen Groß Schoritz geborenen und im preußischen Bonn gestorbenen Ernst Moritz Arndt sollte es das ganze Deutschland sein. Zu dem Essay Über den Vaterlandsstolz findet sich eine Interpretation in der 86-seitigen Habilitation Helferich Peter Sturz: ein Kapitel aus der Schrifttumsgeschichte zwischen Aufklärung und Sturm und Drang von einem gewissen Adalbert Schmidt. Klingt interessant, ist aber leider 1939 erschienen. Im Jahr zuvor war der Verfasser in die NSDAP eingetreten, nach 1945 wurde im die Habilitation aberkannt. Es ist eine schwierige Sache mit dem Vaterlandsstolz.

Was ist des Deutschen Vaterland? Ist’s Preußenland? Ist’s Schwabenland? Ist’s, wo am Rhein die Rebe blüht? Ist’s, wo am Belt die Möwe zieht? O nein, nein, nein! Sein Vaterland muss größer sein! Arndts Frage nach dem deutschen Vaterland hat der Bundespräsident Gustav Heinemann bei seinem Amtsantritt 1969 ganz einfach beantwortet: Es gibt schwierige Vaterländer. Eines davon ist Deutschland. Aber es ist unser Vaterland. Hier leben und arbeiten wir. Darum wollen wir unseren Beitrag für die eine Menschheit mit diesem und durch dieses unser Land leisten.

Sonntag, 14. Februar 2016

Kieler Chic


Kieler Chic? Gibt es so etwas? Ostfriesennerz und Prinz Heinrich Mütze oder was? Es gibt auf jeden Fall im ➱Warleberger Hof eine Ausstellung die Kieler Chic – Textilproduktion und Mode: 1945 – 1975 heißt. Und warum nicht, Schleswig-Holstein hatte ja einmal etwas zu bieten, was die Konfektion betraf. Von Flensburg (Herrenkleiderfabrik Anders Matthiesen) bis Lübeck (Hermann Rieckmanns Firma Rikson) gab es in den fünfziger Jahren ein halbes Dutzend Fabriken, die Herrenanzüge herstellten. Die Hela Kleiderwerke (Rendsburger Landstraße 206-208), die zuvor die deutsche Marine mit Uniformen beliefert hatten, stellten jetzt Hosen (und Sakkos) her, die zu den besten Produkten in Deutschland gehörten.

Hermann Marsian (Neumünster) produzierte Mäntel, die unter dem Namen Maris verkauft wurden. Die bürgten für Qualität, ebenso wie die Mäntel aus der Damenmantelfabrik von Arthur A. Erlhof in Ellerau. Dessen Produkte hießen erle zf , das Kürzel zf stand für zierliche Frau. Neumünster war damals noch ein deutsches Zentrum des Wollhandels, englische Wörterbücher kannten den Begriff Neumunster Tweed (lesen Sie mehr in dem Post ➱Made in Germany). Von der großen Zeit Neumünsters (wo es sogar in den dreißiger Jahren einen Rolls-Royce gab, die Leser von Hans Fallada wissen das) kündet heute nur noch ein Textilmuseum. Das alles könnte in der Ausstellung Kieler Chic erwähnt werden. Wird es aber nicht.

Die Ausstellung beleuchtet thematisch die Nachkriegszeit in Kiel. Dabei geht es um neue Wirtschaftskonzepte der Jahre nach Kriegsende, in denen auch die Konsumwarenherstellung wie die Textilbranche in Kiel eine Rolle spielte, etwa mit Schneidereien, Bekleidungsgeschäften, einem Modeverlag oder der Stumpffabrik Tilly. Zahlreiche Kleider und Textilwaren belegen den Wandel von der Nachkriegsnot zum Wirtschaftswunder, als die Pariser Mode mit ihren eleganten Silhouetten auch bei der Kieler Damenwelt zum Vorbild wurde. 

Adrette Kleidung gehörte aber auch für Männer zu den gesellschaftlichen Statussymbolen in der aufstrebenden Bundesrepublik. Die Ausstellung zeigt eine Fülle von Alltags- und Festmode wie Ballkleider mit weitem Tüllrock, Cocktailkleider, Reisemode, Bade- und Freizeitmode wie die Caprihose, Sonnenbrillen, Hüte nebst zugehörigen Hutschachteln, Strümpfe, Schuhe und Wäsche der 1950er Jahre; dazu zeitgenössische Werbung und zahlreiche Fotos, etwa von den Modeschauen anlässlich der Kieler Woche oder die Schaufensterauslagen der hiesigen Kaufhäuser und Modegeschäfte.

Das steht in dem Flyer, den es zur Ausstellung gibt. Der Flyer mit dem Plakat der Tilly Strümpfe ist das Beste der Ausstellung, viel mehr ist nicht. Die Photos von Modenschauen und Geschäften und Kaufhäusern sind beinahe alle von Fritz (Fiete) Magnussen (das hier von der Weihnachtsfeier eines Kieler Schuhgeschäfts allerdings nicht), der der Photograph der Kieler Nachrichten war. Magnussen hat aus der Zeit von 1945 bis 1977 eine halbe Million Negative hinterlassen, die heute vom Kieler Stadtarchiv archiviert werden. 34.000 Bilder hat man schon digital erfasst. Aber so nett Fiete Magnussen für die Dokumentation des Alltagsgeschehens ist, er ist kein ➱Federico Patellani (lesen Sie dazu ➱Cinecittà und die Mode), kein ➱F.C. Gundlach.

Er mag bei Karstadt im Jahre 1964 eine Modenschau photographieren, aber sagt uns das Bild viel über die Mode? Auf den Photos, die die angereiste ➱Prominenz (einschließlich der Callas) bei Stapelläufen zeigen, kommt ein wenig internationales Flair ins Spiel. Stapelläufe in den fünfziger Jahren waren auch gesellschaftliche Ereignisse, ich habe in meinem Heimatort beim Bremer Vulkan und bei Abeking & Rasmussen viele davon beobachtet. Die Mode war einfach: die Damen trugen Nerz, die Herren weiße Burberrys. Ich trug noch Lederhosen.

Das hübsche Plakat der Ausstellung kommt von der Firma Tilly (dies hier ist das Original), die auf dem Kieler Ostufer saß. Und nach wenigen Jahren pleite war und von Elbeo geschluckt wurde. Dann gab es in Kiel noch eine Modezeitschrift namens Elsa; und die Firma ELAC, die heute erstklassige Lautsprecher baut, stellte Nähmaschinen mehr. Mehr habe ich in der Ausstellung, deren Vorbereitung anderthalb Jahre dauerte, nicht erfahren. Es gibt keinen Katalog. Was sollte auch da drinstehen? Dass man fünf (!) Brigitte Hefte in einer Vitrine zeigt und dass Photos aus den Kieler Nachrichten an der Wand sind? Wollte man die Ausstellung, die noch bis zum 3. April läuft, mit nur einem Wort beschreiben, dann wäre das: armselig.

Der ehemalige Direktor des Warleberger Hofs Dr Jürgen Jensen hätte die Türen des Hauses für eine solche Ausstellung nicht geöffnet. Seine Nachfolgerin präsentiert hier stolz einen Krawattenbügler der fünfziger Jahre. Der Krawattenbügler Fasson, der immer ein willkommenes Geschenk war (steht auf der Verpackung), liegt in der Ausstellung neben weißen Oberhemden, die die Original Banderole der Kieler Wäscherei Frauenlob tragen. Die Oberhemden, der Krawattenbügler und der billige Smoking mit Schalkragen von der Firma Blohm sind übrigens die einzigen Objekte der Herrenmode. Diese Ausstellung widmet sich ganz der Damenmode. Vielleicht, weil bei den Damen der berühmte Kieler Chic vermutet werden kann.

Zu den weißen Oberhemden weiß die Direktorin zu sagen: Mit weißen Hemden sollten auch die dunklen Flecken der Vergangenheit getilgt werden. Wow. Beeindruckend. Ist allerdings völliger Unsinn. Die weißen ➱Oberhemden sind in den fünfziger Jahren die Standardbekleidung des Herrn. Auch in den Ländern, die keinen Grund haben, mit Lady Macbeth Out, damned spot! zu rufen, weil da gar keine dunklen Flecken der Vergangenheit getilgt werden müssen.

Zu den dunklen Flecken in der Kieler Geschichte, zu der 'Arisierung' einer ganzen Branche, schweigt sich die Ausstellung aus. In der Firmengeschichte der Firma Meislahn (Spezialgeschäft für die deutsche Frau), die sich 1937 einen riesigen Bau im schönsten Monumentalstil des Nationalsozialismus gönnte, heißt es, dass der Besitzer Wilhelm Hacker (der Meislahn 1933 übernommen hatte) versuchte, den Stil des Hauses so gut es ging gegen die Tendenzen von draußen abzuschirmen. Über solche Dinge hätte man gerne mehr gewusst.

Aber die Kieler Nachrichten (das ist die Zeitung, die ihre ➱Kulturabteilung aufgegeben hat) waren von der Ausstellung begeistert: Ach, was waren die Kieler doch schick! Zum Beispiel Marie Luise Westphal, die Gattin des HDW-Werftdirektors, die Anfang der 1960er Jahre immer wieder ihre Auftritte hatte: Neben ihr sah selbst Operndiva Maria Callas, die zu einem Stapellauf nach Kiel gekommen war, blass aus. Stets mit extravagantem Hut, oft mit fünfreihiger Perlenkette und Pelzmantel gekleidet, gab sie den wichtigsten gesellschaftlichen Ereignissen den nötigen Glanz. „Sie war die Kieler Mode-Ikone schlechthin“, erzählt Museumsdirektorin Dr. Doris Tillmann und zeigt auf eine Fotocollage an der Wand. Doch lieber eines nach dem anderen. „Malu“ Westphal stammt ja schon aus der Blütezeit des Wirtschaftswunders. Kein Wunder, dass sie so schön war.

Das lassen wir mal so stehen, das kann man nicht überbieten. Und während uns die Direktorin hier zwei Hüte zeigt (im Hintergrund die schon erwähnten Pressephotos), denken wir mal einen Augenblick darüber nach, weshalb die Ausstellung so kläglich ist. Die erste Antwort wäre: die Ausstellung spiegelt nur den Kieler Chic wider, und der ist nun mal kläglich.

Und woher soll es kommen? Nehmen wir einmal die Herrenmode. Zwei halbwegs akzeptable ➱Herrenausstatter im Ort, von den Herren- und ➱Marineschneidern, die es vor fünfzig Jahren noch gab, ist keiner mehr übrig geblieben. Es war wahrscheinlich symbolisch, dass Kelly sein ➱Geschäft in dem Laden eines Uniformschneiders eröffnete.

Die kleinen Geschäfte haben aufgegeben. Michael Jung, bei dem man früher Regent kaufen konnte, widmet sich heute seinem Verlag, der plattdeutsche Literatur herausbringt. Aber auch die Großen, die die Kleinen plattgemacht haben, sehen hier nicht besser aus. Die P+C Tochter Ansons scheint vor dem Untergang zu stehen, so erschütternd ist das Angebot. Und die Konzernmutter P+C, die in Kiel in einer Phase des trading up begann, sind längst in der trading down Phase. Dieses Bild kann zeigen, wie schön Kiel ist. Das wird jetzt alles anders, weil wir ➱der echte Norden sind und ein neues ➱Logo für Kiel haben. Und alles, was in dem Post ➱Franco Costa steht, ist nicht wahr.

Antwort zwei auf die Frage, warum die Ausstellung so armselig ist, wäre: man wusste in Kiel nicht, dass es in der Textilstadt Neumünster (hier ein Gemälde aus den zwanziger Jahren) ein Textilmuseum gibt. Wo man vielleicht etwas mehr zu dem Thema gewusst hätte. Der Warleberger Hof ist nicht das ➱Victoria und Albert Museum. Die können in London solche Ausstellungen aus dem Hut zaubern wie Made In Britain: Tradition and Style in Contemporary British Fashion oder The Glamour of Italian Fashion since 1945 (lesen Sie mehr dazu in den Posts ➱Raffaele Caruso und ➱Cinecittà und die Mode). Dass man das in Kiel nicht kann, das weiß ich auch. Aber eine Bibliographie zur Mode, wie sie das V&A ins Netz stellt, das hätte man schon hinkriegen können.

Anderthalb Jahre Vorbereitung und dann so etwas? Die fünfziger Jahre sind ja kulturgeschichtlich nicht unerforscht. Meine Freundin ➱Gabi hätte diese Ausstellung mit ihrem Leistungskurs wahrscheinlich in vier Wochen fertig bekommen. Auf diesem Plakat können wir lesen: ... und immer richtig angezogen! Dies Plakat ist von ➱René Gruau, hat aber nichts mit Kiel zu tun. Es stammt aus der Zeit, als der berühmteste Modezeichner seiner Generation Werbung für Diolen und Trevira lieferte. Diolen, Trevira, Dralon, Nylon, Petticoat (ich habe keinen in der Ausstellung gesehen) und Nierentisch kennzeichnen die Zeit. Ich besaß damals auch ein Nyltest Hemd, war modern, aber ganz furchtbar.

René Gruau wird auf einem dieser mit Platitüden gefüllten Kärtchen neben dem Exponat als Italiener bezeichnet. Gut, er ist in Italien geboren, aber der Sohn eines italienischen Grafen, der den Namen seiner Mutter angenommen hatte, hat den größten Teil seines Lebens in Frankreich gelebt. Genau gesagt, seit er fünfzehn war. Und die Sache mit René Gruau hätte man besser wissen können, zeigte man doch in diesen Räumen zwölf Jahre zuvor Modezeichnungen der letzten 100 Jahre aus der Sammlung Zahm. Damals widmete man Gruau einen ganzen Raum mit dreißig Plakten.

Es gibt zu der Ausstellung ein ambitioniertes Beiprogramm. Man kann sich in einem Nähkurs ein Cocktail Hütchen à la ➱Audrey Hepburn nähen, die nackte Hildegard Knef in Die Sünderin sehen oder einem Vortrag über Modeplakate lauschen. Man kann sich aber auch die drei Euro für den Eintritt sparen. So etwas, was auch zu den Fifties gehört, gab es natürlich leider auch nicht zu sehen. Wenn Sie einen Blick auf die Zeitschriften der fünfziger Jahre werfen wollen, dann klicken Sie doch einmal die Seite vom ➱Wirtschaftswundermuseum an.

Was in der Ausstellung nicht erwähnt wird, ist ein Kleidungsstück, das den Namen Kiel trägt und das weltweit (von ➱Prinz Albert bis ➱Donald Duck) Furore gemacht hat: der Kieler Matrosenanzug. Der junge Herr rechts auf dem Photos ahnt im Jahre 1928 noch nicht, dass er einmal Kanzler der Bundesrepublik Deutschland werden würde. Die drei Euro, die Sie gespart haben, könnten Sie natürlich in das Buch Der Matrosenanzug: Kulturgeschichte eines Kleidungsstücks von Robert Kuhn und Bernd Kreutz investieren. Hervorragend gemacht, bei Amazon Marketplace ab 0,01€.

Es gibt in meinem Blog sehr viel Mode. Soviel, dass ich die Post schon in den Themenblog ➱Kleiderschrank gepackt habe. Meistens geht es um die Herrenmode, aber ich muss doch einmal sagen: es gibt hier auch Damenmode. Zum Beispiel in den Posts: Charles Frederick Worth, Damenmode, Dior, Haute Couture, Wilfrid Israel, Weihnachtsgeschenke, Cinecittà und die Mode, Pierre Cardin, Coco Chanel, Mary Quant, Made in Germany, Jil Sander, Joan Didion, Breakfast at Tiffany's, Sommermode, Brioni, Cardigan, Ruth Leuwerik

Donnerstag, 11. Februar 2016

Capriccio


Was war das? Das gehörte doch gar nicht dahin. Ich hörte plötzlich auf der CD etwas, was ich noch nie gehört zu haben glaubte. Ich ging zum CD Player zurück und schaute mir die CD Hülle an. Die CD hatte ich eingelegt, weil J.S. Bach Partitas drauf stand. Die ➱Partitas höre ich im Augenblick gerne (sie helfen ebenso wie ➱Mozart gegen den Tinnitus). Ich bin durch Igor Levit auf den Geschmack gekommen, höre im Augenblick aber lieber den New Yorker Richard Goode. Der ja noch von Mieczysław Horszowski unterrichtet wurde. Sie können ihn ➱hier hören, der ➱Frack passt ihm an keiner Stelle, aber das macht nichts.

Was gerade im CD Player lag, war Wolfgang Rübsam. Niedrigpreisangebot von Naxos. Rübsam (der eine Meisterprüfung als Friseur abgelegt hat und in Amerika einen barbershop besitzt) sieht zwar mit seiner Haartracht etwas seltsam aus, aber er spielt einen wunderbaren Bach. Ohne Einschränkung zum Kauf empfohlen. Und das, was mich hatte aufhorchen lassen, ist auf dieser abgebildeten CD mit drauf. Sozusagen als Beigabe zu den Partitas No 1 und No 2. Ein Musikstück, das etwa zehn Minuten lang und ganz erstaunlich ist. Es hat einen langen italienischen Titel: Capriccio sopra la lontananza de il fratro dilettissimo, was auf deutsch soviel wie Capriccio über die Abreise des sehr beliebten Bruders.

Das Capriccio hat die Nummer 992 des BWV. Und es hat einen Wikipedia Artikel von schöner Klarheit. In dem wir erfahren, dass wir nicht sehr viel über dies Capriccio wissen. Nicht einmal, was mit der Abreise des sehr beliebten Bruders gemeint ist. Das erstaunliche an diesem Stück sind die programmatischen Titel der einzelnen Sätze. Wie Ist ein allgemeines Lamento der Freunde oder Ist eine Schmeichelung der Freunde, um denselben von seiner Reise abzuhalten. So etwas hat Bach nie wieder gemacht.

Das Capriccio ist sehr klangschön, geradezu romantisch. Ich bin sentimental, mich haut eine schöne Melodie um. Das habe ich schon über ➱I skovens dybe stille ro (einem meiner ersten Posts) oder ➱Visa i backa gesagt. Nicht alle Pianisten haben das Capriccio 992 gespielt; und die, die es spielen, spielen es alle ein wenig anders. ➱Svjatoslav Richter spielt es anders als ➱Rosalyn Tureck. Glenn Gould hat es nicht gespielt. Es stand auf der Liste der Bach Kompositionen, die er noch spielen musste, wenn er das Gesamtwerk einspielen wollte. Sein Vertrag mit Columbia lief noch bis 1983, die hofften natürlich, dass es noch der ganze Bach werden würde. Sein ➱Haydn Projekt hatte er abgeschlossen, mit Bruno Monsaigneon hatte er eine dreiteilige Reihe Glenn Gould plays Bach verabredet. Dann spielte er die Goldberg Variationen noch einmal ein. Langsamer als in den fünfziger und sechziger Jahren. Dann kam der Tod. Keine Zeit mehr für das Capriccio. Den Welterfolg der Goldberg Variationen hat er nicht mehr erlebt.

Aus den vielen Aufnahmen des Capriccio, die sich bei YouTube finden, habe ich heute die von Galila Rübner (oder Galila Izreeli-Rübner) ausgesucht. Sie können sie ➱hier hören. Man kann das nicht kaufen, man kann (wenn ich es recht sehe) überhaupt keine Aufnahmen von der 84-jährigen in Israel geborenen Pianistin kaufen. Aber wenn man ihren Namen bei YouTube eingibt, dann wird man überrascht sein, was man da alles von ihr hören kann. Es ist das Schicksal von Galila Rübner, dass sie ein wenig das Anhängsel ihres Gatten ist, denn der in Preßburg geborene Tuvia Rübner, der 1941 nach Palestina emigrierte, ist ein berühmter Dichter.

Er ist in Deutschland nicht so bekannt, obgleich er 1999 den Paul Celan Preis erhalten hat. Und in die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung aufgenommen wurde. Sie können auf dieser ➱Seite eine schöne Würdigung seines Werkes lesen. Tuvia Rübner (hier mit seiner Gattin Galila) ist gerade zweiundneunzig geworden. So alt wird mein Onkel Karl (der manchmal auch Gedichte schreibt) am Ende dieses Monats übrigens auch. Der ➱Post, den ich ihm zum neunzigsten Geburtstag schrieb, hat ihn ein wenig berühmter gemacht. Vielleicht macht dieser Post ja ➱Galila und Tuvia Rübner hierzulande etwas berühmter. Das wäre schön. Und vielleicht fangen Sie jeden Tag mit dem Arioso des Capriccio 992 an. Sie brauchen nur ➱hier zu klicken. Machen Sie sich doch einfach ein Lesezeichen.

Bis 1954 hat Tuvia Rübner seine Gedichte auf deutsch geschrieben, danach auf hebräisch. Seine neuesten Gedichte (und beinahe alle seine Werke) sind beim Rimbaud Verlag erschienen, diese ➱Seite sollten Sie unbedingt einmal anklicken. Wunderbarer Wahn sei sein letztes Buch, hat er vor zwei Jahren gesagt. Aber man weiß ja nie. Ich habe den Verlag von Bernhard Albers schon in dem Post über den deutschen Dichter ➱Gerhard Neumann hervorgehoben, was aber leider die ➱Auflagezahlen von Gerhard Neumann nicht wesentlich angehoben hat (hat mir Herr Albers geschrieben). Man kann die deutschen Kleinverlage ja nicht genügend loben, weil man sonst das Gefühl bekommt, die deutsche Kultur bestände nur aus Til Schweiger, Dieter Bohlen und Helene Fischer.

Inzwischen ist ➱Tuvia Hübner auch von den Engländern und Amerikanern entdeckt worden, ich hätte ➱hier eine interessante Seite des jüdischen Kulturmagazins Tablet. Und auf einer englischen Seite fand ich ein Gedicht von Rübner, das mir sehr gefallen hat. Es heißt Postcard from Vienna:

A raised arm may be lowered
a salute – withdrawn.
A mouth filled with shrieks is also capable of speaking.
Wild shouts may turn into laughter.
It isn’t absolutely necessary to clean sidewalks with toothbrushes.
Yet Vienna is beautiful, a spotlessly clean city
with a rich past. Many musicians
lived there, actors, a lot of authors.
A city with much to be proud of.
On the Heldenplatz the sparrows chatter,
the traffic hums.
A hangman doesn’t have to be ashamed because he was
a hangman. And the Danube
is not really blue.
In a certain sense goodness is boring, Kafka wrote,
without consolations. Be seeing you.

Letztes Jahr war ein Bachjahr, der 330. Geburtstag des Komponisten. Leider von mir im Blog unbemerkt. Feiertage sind mir egal, Bach gehört bei mir zum Alltag und liegt eh immer im ➱CD Player. Und die Noten vom Capriccio habe ich mir auch schon gekauft. Komme aber über die erste Seite, die Schmeichelung der Freunde, um denselben von seiner Reise abzuhalten, noch nicht hinaus. In diesem Blog gibt es viel Johann Sebastian Bach, und wenn Ihnen der Sinn danach steht, könnten Sie noch lesen: Bach: Partitas, Glenn Gould, Gouldberg Variations, Linkshänder, Play Bach, Andante ma non troppo, Bachs Cellosuiten, Myra Hess, Friedrich Gulda, Gulda, Arturo Benedetti Michelangeli, Hans Matthison-Hansen