Dienstag, 5. Juli 2011

Literaturgeschichte


Fritz Martini ist heute vor 20 Jahren gestorben. Seine Deutsche Literaturgeschichte von den Anfängen bis zur Gegenwart begleitete seit 1949 Germanistikstudenten durch das Studium. Sie war bei Kröner in Stuttgart erschienen, wo ja eine Vielzahl von guten Nachschlagewerken verlegt worden sind, man denke an die nützlichen Bücher von Gero von Wilpert. Das Werk war weltweit verbreitet und kam im Laufe der Jahre in italienischer, englischer, spanischer, portugiesischer, polnischer, japanischer und jugoslawischer Übersetzung heraus. 2003 erschien die Literaturgeschichte in der 19. Auflage im Komet Verlag (Köln). Der Komet Verlag ist ein Resteverwurster, der vergriffene Bücher in einer billigen Aufmachung wieder auf den Markt bringt. Ich will da nicht zu kritisch sein, weil ich mal für 10 Euro Winfried Englers Lexikon der französischen Literatur (ursprünglich auch ein Kröner Titel) gekauft habe. Ein erstklassiges Buch! Da nehme ich den Einband und die schlechte Papierqualität in Kauf.

Ich besitze die Deutsche Literaturgeschichte von Martini nicht. Ich habe sie mir mal während meines Studiums von einem Freund geliehen, habe sie ihm aber nach zwei Tagen zurückgegeben. Unerträglich, kann man nicht lesen. Das passagenweise recht wolkige Werk, so der Spiegel in seinem Nachruf auf Martini, blieb trotz oder wegen seines schlichten Konzepts, jede Dichtung als Spiegel ihrer Zeit zu lesen, ... bis heute brauchbar. Weil wir offensichtlich nichts Besseres hatten.

Fritz Martini war schon 1933 in der NSDAP und in der SA, seine Habilitation Das Bauerntum im deutschen Schrifttum. Von den Anfängen bis zum 16. Jahrhundert hat die Machthaber sicherlich auch erfreut. Martini hat über Wilhelm Raabe promoviert und galt seitdem als Raabe Spezialist. Das ist mir ein klein wenig unheimlich. Denn es gibt da noch einen anderen Raabe Spezialisten, der Hans Oppermann heißt. Der hat auch den Wilhelm Raabe Band in der Reihe der Rowohlt Monographien geschrieben, war Mitherausgeber des Jahrbuches der Raabe Gesellschaft und hat an vielen Bänden der Werkausgabe mitgearbeitet. Es ist erstaunlich - oder vielleicht auch nicht - dass die Propagandisten der Nazi Ideologie wie Benno von WieseElisabeth Frenzel (auch Kröner Autorin), Hans Schwerte und Fritz Martini nach dem Krieg wieder Konjunktur haben. Erst mit der so genannten 68er Revolution wird man die Karrieren unserer Vorzeigegermanisten kritisch hinterfragen

Da ist Martini (links) ja noch gut davongekommen, wenn man die Elogen auf ➱dieser Seite liest. Aber warum haben wir keine gute einbändige Literaturgeschichte der deutschen Literatur? Also außer ➱Klabunds Deutsche Literaturgeschichte in einer Stunde? Für die englische und amerikanische Literatur fallen mir gleich mehrere ein. Gut, wir haben eine von Wolfgang Beutin herausgegebene Literaturgeschichte, die zuerst 1979 bei Metzler erschien und seitdem immer wieder überarbeitet worden ist. Und deren Fehlerhaftigkeit von Rezensenten immer wieder mitleidlos besprochen wurde. Besser als die von Martini ist sie wahrscheinlich, aber ihr Schwergewicht (immerhin ein Drittel des Buches) liegt zu sehr auf der deutschsprachigen Literatur nach 1945.

Dann haben wir natürlich noch das voluminöse Werk von Helmut de Boor und Richard Newald. Die Geschichte der deutschen Literatur von den Anfängen bis zur Gegenwart, die ab 1949 in zwölf Bänden bei Beck in München erschienen ist. Und wir haben die Deutsche Philologie im Aufriß von Wolfgang Stammler, nach einem halben Jahrhundert immer noch eine Fundgrube. Das Gute an dem Standardwerk von de Boor und Newald ist, dass der C.H. Beck Verlag sich zu Neubearbeitungen bereit gefunden hat. Und in einem Fall sogar einen ganzen Band (Band VI) durch einen völlig neuen ersetzt hat. Und den vertraute man zwei Dänen (Sven Aage Jørgensen, Per Øhrgaard) und einem in Dänemark lehrenden Deutschen (Klaus Bohnen) an. Das Ergebnis, Geschichte der deutschen Literatur 1740-1789: Aufklärung, Sturm und Drang, frühe Klassik, ist wahrscheinlich der beste Band der ganzen Reihe.

Da müssen die Ausländer kommen, um der deutschen Germanistik zu zeigen, wie man das richtig macht. Das gilt auch für den wunderbaren kleinen Band German Literature: A Very Short Introduction der Oxford University Press. Die hat eine ganze Reihe von Very Short Introductions, die Boyd Tonkin im Independent als: Expert, concise but far from bland, Oxford's 'Very Short Introductions' series must rank by now as a thinking reader's Wikipedia bezeichnete. Die 170-seitige Übersicht über die deutsche Literatur wurde von keinem Geringeren als Nicholas Boyle geschrieben, dem wir auch eine höchst originelle Goethe Biographie verdanken. Auf jeden Fall die ersten beiden Bände derselben. Auf den dritten Band warten Leser und Fachwelt immer noch. Die deutsche Übersetzung (die leider nicht sehr gut ist) ist bei Beck erschienen, und der Beck Verlag hat sich auch die Very Short Introduction gegriffen und sie vor zwei Jahren auf Deutsch herausgebracht. Damit machen sie natürlich ihrem großen de Boor-Newald selbst Konkurrenz. Wer will heute noch etwas in zwölf Bänden lesen, wenn er es auf 170 Seiten haben kann?

Die Franzosen waren da mal die Vorreiter bei der Präsentation des kompakten Wissens. 1941, während der deutschen Okkupation, hatte Paul Angoulvent die Reihe Que sais-je? bei der Presses Universitaires de France begründet. Billigdruck, immer die gleiche Länge (ca. 120 Seiten), aber das Wissen der ganzen Welt war in diesen kleinen Bänden mit dem Reihentitel des berühmten Satzes von Montaigne. In Deutschland gab es ab 1957 beim Hamburger Verlag Johannes Maria Hoeppner Übersetzungen davon, aber es sind nur zwanzig von fünfzig angekündigten Bänden erschienen. Ich weiß nicht, ob die die deutsche Literatur im Programm hatten, die chinesische und die russische schon. Ich besitze auch die Bände zur englischen und amerikanischen Literatur, die mir schon zu Schülerzeiten ein schönes Wissen bescherten. Wenn auch der Hamburger Hoeppner Verlag irgendwie untergegangen ist, die einmalige französische Reihe Que sais je? gibt es siebzig Jahre nach ihrer Gründung noch immer.

In meinem irgendwann aufgegeben Germanistikstudium (ich hatte genügend Studienfächer) kam die deutsche Literatur nach 1945 nicht vor, dafür aber viel Mittelalter und Barock. In Die kurze Geschichte der deutschen Literatur von Heinz Schlaffer kommt die deutsche Literatur nach 1945 auch nicht vor, allerdings die vor Goethe auch nicht. Was schade ist, denn ich mag Walter von der Vogelweide und Gottfried von Straßburg. Und die Barockdichtung. Auch wenn ich nach der Lektüre von Lohensteins Sophonisbe sagen muss, dass man das nicht unbedingt zu lesen braucht. Aber Schlaffer hat mit seinem Essay in Buchlänge Furore gemacht, "Minima Banalia" oder essayistisches Meisterwerk? fragte die Seite TourLiteratur. Bevor Sie jetzt vier Euro und acht Cent locker machen (der billigste Preis bei Amazon Marketplace), lesen Sie doch erstmal all die Rezensionen auf der TourLiteratur Seite. Oder lesen Sie einfach alles, was ich von Zeit zu Zeit empfehle.

Denn das ist das Problem aller Literaturgeschichten: um kommensurabel zu sein und zwischen zwei Buchdeckel zu passen, präsentieren sie immer nur den Mainstream. Die interessanten Sachen bleiben auf der Strecke. Für so schöne Dinge wie Der schwarze Herr Bahßetup von Albert Vigoleis Thelen oder Der blaue Kammerherr von Wolf von Niebelschütz ist meist kein Platz. Bei mir wird Albert Vigoleis Thelen irgendwann mal vorkommen (Wolf von Niebelschütz habe ich ja immerhin schon einmal gestreift).

Wenn ich bei den ganz kurzen Literaturgeschichten schon einen englischen Gelehrten wie Nicholas Boyle empfohlen habe, dann lohnt bei längeren Werken auch ein Blick über die deutschen Grenzen. Denn immerhin hat die Cambridge University Press seit 1997 für einen Fuffi (Paperback edition) auch einen respektablen Band, The Cambridge History of German Literature, im Programm. Herausgegeben von der Professorin Helen Watanabe-O'Kelly. Die von David E. Wellbery (und anderen) herausgegebene Literaturgeschichte der Harvard University Press ist mittlerweile als Eine Neue Geschichte der deutschen Literatur auch in deutscher Sprache erschienen. 1219 Seiten, Berlin University Press, ist ein wenig teurer. Falls ich Sie jetzt mit dem Angebot ein wenig verwirrt haben sollte, fangen Sie doch einfach mal mit der vergnüglichen Literaturgeschichte von Klabund an, kostet 10,90 € und lohnt unbedingt die Lektüre.

Montag, 4. Juli 2011

Alice


It seems very pretty", she said when she had finished it, "but it´s rather hard to understand!" (You see, she didn´t like to confess, even to herself, that she couldn´t make it out at all.) "Somehow it seems to fill my head with ideas - only I don´t exactly know what they are! Das sagt Lewis Carrolls Alice in Through the Looking-Glass, nachdem sie ein schwer verständliches Gedicht gelesen hat. Man sollte sich den Satz It seems very pretty but it´s rather hard to understand! mal merken, den kann man jederzeit für schwer verständliche Gedichte gebrauchen. Auf den ersten Blick sah das Gedicht so aus:

YKCOWREBBAJ

sevot yhtils eht dna, gillirb sawT' 
ebaw eht ni elbmig dna eryg diD,
sevogorob eht erew ysmim llA 
.ebargtuo shtar emom eht dnA

Aber das schlaue Kind, das uns da oben auf einem Photo des Reverend Charles Lutwidge Dodgson so lasziv anschaut, begriff sehr schnell, dass das Gedicht in Spiegelschrift geschrieben war und so aussehen musste:

JABBERWOCKY

'Twas brillig, and the slithy toves
Did gyre and gimble in the wabe;
All mimsy were the borogoves,
And the mome raths outgrabe.

'Beware the Jabberwock, my son!
The jaws that bite, the claws that catch!
Beware the Jubjub bird, and shun
The frumious Bandersnatch!

Macht das jetzt mehr Sinn für Sie? In diesem Augenblick wäre es natürlich schön, wenn Sie die von Martin Gardner kommentierte Ausgabe von Alice's Adventures in Wonderland und Through the Looking-Glass hätten. Die sollte man unbedingt benutzen, wenn man Lewis Carroll verstehen will. Heute vor 146 Jahren ist Alice erschienen, mit den Illustrationen von John Tenniel. Die sind glücklicherweise auch in der Ausgabe von Martin Gardner drin.

Diese Illustration ist nicht von John Tenniel, die ist aus dem New Yorker. Darunter steht: Excuse me, may I see your invitation? Das Gedicht Jabberwocky ist schwer zu verstehen, gleichgültig wie herum man die Verse druckt. Das Gedicht erzielt seine Wirkung durch Lautmalereien, Kofferworte und Wort-Assoziationen, steht im Wikipedia Artikel. Ich weiß nicht, wer sich den bescheuerten Terminus Kofferworte ausgedacht hat, früher hieß das portmanteau words. Denn schließlich kommt dieser Begriff aus Through the Looking-Glass, wo Humpty Dumpty der kleinen Alice die Bedeutung dieser Wörter erklärt: You see it's like a portmanteau -- there are two meanings packed up into one word.

Lewis Carroll Bücher sind ein Spiel mit Wörtern und Bedeutungen. Hinter scheinbar einfachen Dingen tun sich Abgründe auf. Und deshalb sind wir gut beraten, uns Martin Gardner anzuvertrauen, damit wir bei all den Bedeutungen nicht ins Straucheln geraten. Denn bei dem ist Lewis Carrolls Text gut aufgehoben, dichtete er doch für The Annotated Alice:

   Said Gardner to
  Carroll, 'Come
let us not
quarrel 'bout
 Wonderland logic
             Or Looking
                    Glass lore.
                          I'm a man
                  without malice:
                 I'll annotate
           Alice. Yes, I'll
        wake up the
          dormouse
            And tell it
               the score. I'll
                    translate the
                          Jabberwock,
                             Show why the
                                 turtles mock,
                                    Tame the
                                 Mad Hatter,
                          And analyse chess.
                             I'll garnish
                          and season
                     your rhyme
                        with my reason,
                              And we
                                       two'll
                                     give Alice
                                  a new party
                                dress.

Lesen Sie auch: Charles Lutwidge Dodgson, Go ask Alice

Sonntag, 3. Juli 2011

Robert Adam


Ich weiß jetzt nicht, ob das das richtige Ambiente zum Lesen von Büchern ist. Selbst wenn Sie dürften, würden Sie sich hier hinsetzen und Jane Austens Emma lesen? Teile des Filmes Emma wurden hier gedreht. Eine Vielzahl von Filmen wurden in den Räumen von Syon House gedreht, zum Beispiel Joseph Loseys Accident, The Wings of the Dove und The Madness of King George. Syon House ist von Robert Adam für den Herzog von Northumberland im neuen klassizistischen Stil umgebaut worden. Inklusive der Innendekorationen. Für die ist Adams berühmt, vielleicht sogar berühmter als für seine Häuser. Während er drinnen arbeitet, baut der berühmte Capability Brown draußen einen seiner berühmten Landschaftgärten. Ein paar Jahrzehnte später, und wir wären in dem Theaterstück Arcadia von Tom Stoppard.

Was hier ein wenig aussieht wie der Blick in die Antikensammlung eines Museums, das sich Ludwig II. ausgedacht hat, ist lediglich die große Halle von Syon Hall. Wer Loseys ➱Accident gesehen hat, wird sich an den Fußboden erinnern. Und wenn wir nicht an ➱Dirk Bogarde und ➱Michael York denken, werden wir natürlich sagen: neo-classicism. Als dessen wichtigster Vertreter in England in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts gilt der Schotte Robert Adam ja gemeinhin. Aber so ganz einfach ist das auch nicht, Adam ist ein genialer Eklektiker, und wir finden beinahe alle Stilrichtungen des 18. Jahrhunderts (gothic revival inklusive) in seinem Werk.

Denn das hier sieht ja nun nicht gerade nach dem kühlen Klassizismus aus, hier könnte man Edgar Wallace Filme drin drehen. Man muss bei den Schlössern, die Robert Adam baut, allerdings bedenken, dass er häufig nur beauftragt wurde, ein älteres Gebäude umzubauen. Oxenfoord Castle ist kein Einzelfall, Wedderburn Castle sieht auch ganz schön mittelalterlich aus. Und dann sei noch daran erinnert, dass Teile der Innenarchitektur von dem neogotischen Vorzeigegebäude ➱Strawberry Hill auch von Robert Adam sind. Wir müssen immer bedenken, dass Palladianism und neo-classicism nur Modeströmungen sind. Neben denen sich auch noch Chinoiserien und neugotische Einflüsse breitmachen. Die holländischen Einflüsse auf den Georgian Style lassen wir mal draussen vor. Es gibt keinen einheitlichen und einigenden Stil mehr, anything goes. Wenn ich es noch pointierter sagen sollte: eigentlich fängt der Historismus des 19. Jahrhunderts jetzt schon an. Wenn wir die architektonische Postmoderne dahingehend definieren, dass sie sich hemmungslos aus dem Baukasten aller existierenden Stile bedient, dann ist vielleicht Robert Adam der erste postmoderne Architekt.

Robert Adam (der heute Geburtstag hat) ist eigentlich keine Einzelperson, er ist eine ganze Firma, eine Familie. Seine Brüder James und John sind auch Architekten. Sein Vater William war Schottlands berühmtester Architekt (und gleichzeitig ein Bauunternehmer), da bleibt einem ja berufsmäßig nichts anderes. Zumal Architekten jetzt Konjunktur haben, in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts scheint ganz England und Schottland zu bauen. Es gibt allerdings für die Adams auch genügend Konkurrenz. Zum Beispiel William Chambers, der Somerset House gebaut hat. Robert Adam mag seinen erfolgreichen schottischen Landsmann überhaupt nicht, diese Antipathie der Rivalen ist aber durchaus gegenseitig. William Chambers ist weit in der Welt herumgekommen, er hat die Architektur Italiens und Frankreichs studiert, und er er war mehrmals in China. Was man der zehnstöckigen Pagoda in Kew Gardens ansehen kann. Das englische Weltreich wächst in diesem Jahrhundert, und von den entferntesten Ecken der Welt findet allerlei seinen Weg nach England: Nankinghosen, Paisley Shawls und chinesische Kunst.

Als Robert Adam 1794 stirbt, wird sein Sarg von einer illustren Gesellschaft in die Westminster Abbey getragen: der Duke of Buccleuch, die Earls von Coventry und Lauderdale, Lord Stormont, Lord Frederick Campbell und Mr Pulteney. Mr Pulteney ist nicht wirklich ein Bürgerlicher, wenige Monate ist er (nach dem Tod seines Bruders) der fünfte Baronet Pulteney. Für seine Gattin hatte Adam Pulteney Bridge (oben) in Bath gebaut. Alle Sargträger sind Auftraggeber von Robert Adam gewesen, viele von ihnen haben architektonische Interessen - Robert Adam baut nicht für sie, er baut mit ihnen. Und natürlich folgt er den Wünschen seiner Auftraggeber. Obgleich er nichts für die Palladio Verehrung des Hobbyarchitekten Lord Burlington, für Architekten wie William Kent und seinen Landsmann Colen Campbell übrig hat und zurück zu den antiken Vorbildern will, die er in Rom studiert hat, unterscheiden sich seine Bauwerke nur unwesentlich von den Bauten des Palladianismus. Sagt auch ➱Nikolaus Pevsner in seinem Buch Europäische Architektur.

Innen ist natürlich alles anders, da tobt sich der Innenarchitekt Adam mit verspielten Dekorationen (die eine Art englisches Rokoko sind), Möbel und Kaminen aus. Seine Kamine sind ganz besonders berühmt, die möchte jetzt jeder haben. Kann auch jeder, da die zweibändigen Works in Architecture der Brüder Adam die Möglichkeit für stilvolle Kopien bieten. Noch heute bieten englische Firmen Kaminummantelungen im Stil von Adam für das Wohnzimmer an (oben). Und wenn Sie ➱hier hineinschauen, können Sie bei der Restaurierung des Robert Adam Kamins in Strawberry Hill zuschauen.

Man sagt über die Designer des Arts and Crafts Movement, des Jugendstils bis zum Bauhaus, dass sie nicht nur Häuser entworfen haben, sondern bis zur Türklinke auch die ganze Inneneinrichtung konzipierten. William Morris, Peter Behrens oder Adolf Loos werden immer genannt. Die Liste ließe sich beliebig verlängern. In diesem Punkt werden die Adam Brüder sicher zu Vorreitern, denn bei ihnen bekommt man das Haus komplett. Mit Möbeln von Adam&Adam, Kronleuchter an der Decke inklusive. Und dieser Stil, den man auch Adamesque nennt, wird sich lange halten und in der Regency Epoche nur leicht modifiziert werden.

Das größte eigene Bauprojekt, die ⟶Adelphi Terrace werden für die Adams zum finanziellen Desaster. Das beginnt schon mal mit dem Baugrund an der Themse, uneben und hochwassergefährdet. Der Grundbesitzer, der Herzog von St. Albans verpachtet ihnen den Grund auf die in England üblichen 90 Jahre. Robert Adam kennt George Beauclerk, den dritten Herzog von St Albans, weil er ihm Roxburghe House am Hanover Square umgebaut hat. Allerdings gibt es keinen schriftlichen Vertrag und keine Baugenehmigung, und wenig später sitzt George Beauclerk auch noch in Brüssel im Schuldgefängnis. Er ist ein großer Büchersammler gewesen, aber daran kann es wohl nicht liegen, dass er jetzt pleite ist.

Und so geht das weiter mit den kleineren und größeren Katastrophen bei diesem luxurösen Großprojekt von elf nebeneinanderliegenden Häusern, die einen geschlossenen Komplex bilden. Irgendwann haben die Adam Brüder kein Geld mehr, da verkaufen sie alles mögliche auf einer Auktion (kaufen sich aber dabei heimlich vieles selbst zurück). Danach soll das Geld durch eine Lotterie hereinkommen. Es gibt auch nicht genügend prominente ➱Mieter, obgleich viele Berühmtheiten wie der Schauspieler David Garrick hier einziehen werden. Zwar ist die Adelphi Terrace das erste klassizistisch Gebäude in London, aber es ist nicht das erste Großprojekt in London. Größere werden kommen, wie zum Beispiel John Nashs Cumberland Terrace oder Carlton House Terrace. Überall in London - und in fashionablen Orten wie Bath - werden in der Regency Zeit Terraces, Crescents und Squares (oben Adams ➱Charlotte Square in Edinburgh) entstehen.

Einer der ersten, der in London auf die Idee gekommen ist, auf eigenem Grund und Boden kleine faubourgs entstehen zu lassen, war auch ein St Albans. Allerdings nicht der Herzog von St Albans sondern Henry Jermyn, der Graf von St Albans. Ich habe ihn ja schon einmal erwähnt, als ich über die ➱Jermyn Street schrieb. Henry Jermyn hatte das Land von Charles II bekommen, auf dem eines Tages der St James's Square, die Jermyn Street und die Regent Street sein würden. Charles Beauclerk bekam von Charles II auch etwas, nämlich den Herzogtitel von St Albans kurz nachdem der Graf von St Albans gestorben war. Damit erkannte Charles an, dass Charles Beauclerk sein Sohn war. Seine Mutter, die Schauspielerin Nell Gwynn, ist darüber sehr glücklich gewesen. Wenn Ihnen die Bibliothek da oben in Syon House nicht gefällt, wie wäre es mit dieser in Osterley Park? So richtig gemütlich ist das ja auch nicht.

Über Osterley Park schreibt Horace Walpole an die Gräfin von Upper Ossory: There is a hall, library, breakfast- room, eating-room, all chefs-d'oeuvre of Adam, a gallery 130 feet long, and a drawing-room worthy of Eve before the Fall. Mrs Child's dressing-room is full of pictures, gold filigree, china, or japan. So is all the house und so weiter. Walpole ist bei seinem Besuch von Osterley im Jahre 1773 (das Haus ist noch nicht fertig) hin- und hergerissen. Bei seinem zweiten Besuch 1778 klingt das nicht mehr so begeistert.

The first chamber, a drawing-room, not a large one, is the most superb and beautiful that can be conceived, and hung with Gobelin tapestry, and enriched by Adam in his best taste, except that he has stuck diminutive heads in bronze, no bigger than a half-crown, into the chimney-piece's hair. The next is a light plain green velvet bedchamber. The bed is of green satin richly embroidered with colours, and with eight columns; too theatric, and too like a modern head-dress, for round the outside of the dome are festoons of artificial flowers. What would Vitruvius think of a dome decorated by a milliner? The last chamber, after these two proud rooms, chills you : it is called the Etniscan, and is painted all over like Wedgwood's ware, with black and yellow small grotesques. Even the chairs are of painted wood. It would be a pretty waiting-room in a garden. I never saw such a profound tumble into the Bathos. It is going out of a palace into a potter's field. Tapestry, carpets, glass, velvet, satin, are all attributes of winter. There could be no excuse for such a cold termination, but its containing a cold bath next to the bedchamber: — and it is called taste to join these incongruities!

Den letzten gehässigen Satz - it is called taste to join these incongruities! - hätte er mal lieber über die Eingangstür seines Hauses Strawberry Hill schreiben sollen.

Das beste deutschsprachige Buch zu den Adams ist Robert und Anne Rykwert: Robert und James Adam: Die Künstler und der Stil, 1987 bei der Deutschen Verlags-Anstalt in Stuttgart erschienen. Es ist die deutsche Übersetzung von Brothers Adam: Men and the Style. Man kann das Buch (zum Beispiel im ZVAB) noch antiquarisch finden. Der Thames&Hudson Verlag hat in seiner vorzüglichen Reihe World of Art einen sehr schönen Band Scottish Architecture von Miles Glendenning und Aonghus MacKechnie.

Samstag, 2. Juli 2011

James Stewart, Westernheld


John Wayne und James Stewart begegnen sich im Western in The Man Who Shot Liberty Valance als Inkarnationen des alten und des neuen Westens, sie begegnen sich in The Shootist, dem Abgesang auf den "wilden" Westen. Sie könnten sich in How the West Was Won begegnen, aber da ist der Captain (Stewart) schon tot, bevor ihn der General (Wayne) kennenlernen kann. Im wirklichen Krieg begegnen sie sich nicht, da ist Stewart Bomberpilot, John Wayne war niemals Soldat, obwohl unzählige Hollywood-Filme den Eindruck vermitteln, daß er ebenso heldenhaft war wie Audie Murphy.

James Stewart war schon früh in seiner Karriere zu "Jimmy" geworden (an actor so beloved by the movie-going public that they call him "Jimmy", just like a member of the family), dem schlaksigen Burschen von nebenan, den jedermann liebt. Sein Tod am 2. Juli 1997 wurde in seinem Heimatland mit gelassener Würde zur Kenntnis genommen, Nachrufe, Wiederholungen seiner Filme im Fernsehen (der American Movie Classics Channel sendete 24 Stunden Jimmy Stewart-Filme). Die Trauer Amerikas um "Our Jimmy" hatte nichts von der disneylandhaften Hysterie eines neuen Marienkultes, der wenig später England erschüttern sollte. Für viele Amerikaner gehört sein Film It's a Wonderful Life seit einem halben Jahrhundert zu Weihnachten wie der Truthahn zu Thanksgiving. Und auch Harvey (auf den einige Cartoons in den Nachrufen anspielten) gehört mit Stewart als Elwood P. Dowd zur nationalen TV-Kultur. Seinen ersten Oscar hatte Stewart 1940 für eine screwball comedy (The Philadelphia Story) bekommen, vierzig Jahre später erhielt er einen Life Achievement Award vom American Film Institute. In der Würdigung hieß es:

In a career of extraordinary range and depth, Jimmy Stewart has come to embody on the screen the very image of the typical American. Whether flying the ocean as Charles Lindbergh, going to Washington as Senator Jefferson Smith, or playing ordinary men who somehow never got around to leaving their home towns, Stewart has captured the essence of American hopes, doubts, and aspirations. His idealism, his determination, his vulnerability, and above all, his basic decency shine through every role he plays.

Der Mann, der sich weigerte, für die Swimmingpool-Szene von The Philadelphia Story einen Badeanzug anzuziehen, weil er dünnere Beine hatte als Katherine Hepburn, ist nicht jedermanns erste Wahl, wenn es gilt, einen Westernhelden zu spielen. Allerdings käme auch niemand, der Stewarts Westernhelden aus den 50er und 60er Jahren kennt, auf die Idee, ihn als bisexuell zu bezeichnen wie das ein gewisser Dennis Bingham in seinem Artikel James Stewart: Our Average Bisexual tut. Das ist wieder dieser typische amerikanische Schwachsinn fehlgeleiteter gender studies, der einen Hautgout auf die Wissenschaftlichkeit dessen wirft, was in der Nachfolge von Laura Mulvey geschrieben wurde.

James Maitland Stewart (ein anderer James Stewart mußte seinetwegen in Hollywood seinen Namen ändern und trat danach als Stewart Granger auf) wurde am 20. Mai 1908 in Indiana (Pennsylvania) geboren, und diese Kleinstadt hat sicherlich sein Leben geprägt (Indiana means home to me. It is a town for me to cling to, because my mother and father are here. I was born and reared here. I have a great love and pride for Indiana. I love every bit of it). Das Jimmy Stewart Museum unterhält im Internet ganze Seiten, die die rührende Verbindung des Filmstars zu seinem Heimatort, die sicherlich etwas von einem Frank Capra-Film hat, dokumentieren. Seine erste Theatererfahrung war eine Rolle als Froschkönig an der örtlichen Schule.

Stewart studierte in Princeton (wie schon sein Vater), irgendwie rutscht er danach ins Filmgeschäft (diese Karriere ist ihm, trotz der Erfahrungen als Froschkönig, nicht vorgezeichnet). Und seit Mitte der 30er Jahre ist er auf der Leinwand zu sehen - gleichzeitig mit Henry Fonda, seinem lebenslangen Freund, mit dem er in New York ein Apartment teilte. Diese ersten Filmrollen sind nichts Großartiges. Er darf sympathische, ungeschickte junge Männer in den obligatorischen Kreidestreifen-Zweireihern und Tweedanzügen spielen, die lebende Illustration der Maxime just remember your lines and don't bump into the furniture (man denke da an seine Auftritte in After the Thin Man). Wenige Jahre später ist er schon groß im Geschäft, in seinem ersten Western (Destry Rides Again) darf er schon neben Marlene Dietrich auftreten - gleichzeitig sind Henry Fonda mit Jesse James und John Wayne mit Stagecoach auch in Western zu sehen, allerdings in richtigen Western, keinem Pastiche wie Destry Rides Again. Doch es sollte noch lange dauern, bis Stewart zu einem amerikanischen Westernhelden werden sollte, zuerst wird er einmal (wie auch Fonda und Wayne) zu einer Ikone des cinema of populism der 30er und 40er Jahre.

Der Krieg unterbricht seine Karriere. Aber es ist Stewarts eigener Wunsch, in den Krieg zu ziehen: seine Großväter haben am Bürgerkrieg teilgenommen, sein Vater hatte sich in Princeton beurlauben lassen, um am Spanisch-Amerikanischen Krieg teilnehmen zu können und war mit 46 noch Soldat im Ersten Weltkrieg. Der Junge aus Pennsylvania zweifelt die Familientradition nicht an und geht zur Luftwaffe (Fonda geht zur Marine, John Wayne bleibt im Studio). Bei Kriegsende ist er Colonel und dekorierter Kriegsheld und ziert das Titelbild von Life drei Monate nach Audie Murphy, vierzehn Jahre später wird er zum Brigadegeneral ernannt. Der Mann, den wir als liebenswerten jungen Mann aus der Philadelphia Story kennen, der schüchtern im Smoking (neben Bob Hope im Frack) seinen ersten Oscar entgegennimmt, bombardiert Deutschland und geht danach wieder zu Frank Capra zurück, um It's a Wonderful Life (1947) zu drehen.

Die 50er Jahre sind die Zeit, in denen Stewart zum Westernhelden wird - alle jungen Schauspieler der 30er Jahre werden jetzt zu Westernhelden, obgleich sie eigentlich zu alt für ihre Rollen sind. Aber Western versprechen in dieser Zeit des ökonomischen Niedergangs von Hollywood viel Geld. Stewart ist daneben auch noch in "richtigen" Filmen zu sehen, Harvey (1950), The Glenn Miller Story (1953) und die Hitchcock-Filme (Rope, Rear Window, The Man Who Knew Too Much, Vertigo) können die Vielfalt seines Rollenrepertoires illustrieren. Gewiß gibt es hervorragende Rollen bei dem, was Stewart seit 1947 gespielt hat, aber für einen guten Schauspieler müßte es doch enttäuschend sein, acht Jahre nach The Man Who Shot Liberty Valance einen Zelluloidschrott wie The Cheyenne Social Club (Co-starring Shirley Jones and Rigor Mortis, who enters early and stays through the very last scene, so Halliwell's Film Guide) drehen zu müssen. Fonda und Wayne haben in dieser Zeit eindeutig die besseren Rollen. Und sie haben am Ende ihrer Karriere Filme, die einen würdigen Schlußpunkt markieren: John Wayne mit The Shootist, Henry Fonda mit On Golden Pond. Stewart ist nur noch die Stimme in dem Zeichentrickfilm An American Tail: Fievel Goes West (1991) und die Stimme der Campbell Soup-Werbespots.

Die Regisseure des cinema of populism, das von Jeffrey Richards in Visions of Yesterday so mustergültig beschrieben wurde, sind in den 30er Jahren Franklin Delano Roosevelts stärkste Verbündete. Im Angesicht der wirtschaftlichen Depression entwerfen sie die Utopie einer mitmenschlichen Gesellschaft, die auf die inalienable rights der Unabhängigkeitserklärung vertraut und life, liberty, and the pursuit of happiness mit neuem Leben erfüllt. Bezeichnenderweise sind es Neu-Amerikaner wie John Ford und Frank Capra, die die ihnen aus Irland und Italien vertrauten Ideale des Zusammenlebens auf die amerikanische Gesellschaft übertragen und den Mythos des American Dream in ihren Filmhelden wieder auferstehen lassen. Man kann diese Helden, etwas bösartig, auf die Formel reduzieren: They are perfect Lincoln-Christ figures, hailing from Small Town, U.S.A. (Richards, 236), aber man muß doch die filmische Effektivität bewundern, die von Figuren wie Mr. Smith, George Bailey (Stewart), Willoughby und Mr. Deeds (Cooper) ausgeht. Bei Ford heißen die John Doe-Figuren Young Mr. Lincoln, Tom Joad (The Grapes of Wrath) oder Ringo (➱Stagecoach), aber sie haben die gleiche ideologische Basis.

James Stewart, Henry Fonda, Gary Cooper und John Wayne werden zur perfekten Verkörperung amerikanischer Werte: If ever a country got the film heroes it needed, it was the USA in the decade up to the Second World War (Walker, 289). Small Town, USA ist Bedford Falls (It's a Wonderful Life), Mandrake Falls (Mr. Deeds Goes to Town), Grover's Corners bei Thornton Wilder oder eben Stewarts Heimatort Indiana (PA), eine sentimentale arkadische Vision eines Amerikas jenseits der Großstädte - deren Scheitern 50 Jahre später, wenn Stewarts Heimatstadt Indiana dank der Massenarbeitslosigkeit beinahe zur ghost town geworden ist, angesichts der traurigen Realität noch mehr schmerzt: Throughout Capra's work, the tone is unashamedly sentimental, a fact which many critics decry and which calls for some comment. The only comment that one can make is that it is simply not possible to eliminate the sentimentality for it is at the root of his vision. It is this which links him to John Ford. The work of both is permeated by nostalgia for a vanished America, an idealized pre-urban America where a purer, better, freer life was lived. Sentimentality is an integral part of nostalgia and so there is simply no point in decrying it. (Richards, 252)

Mr. Smith (links) und John Bailey waren Jimmy Stewart auf den Leib geschneidert, und er wird für den Rest seines Lebens mit diesen Figuren identifiziert werden. Aber sie sind auch eine schwere Bürde für einen Schauspieler, der allmählich sein Image wechseln will, wenn er erkennen muß, daß diese Helden nicht mehr en vogue sind (viele Schauspieler waren in den 30er Jahren durch Vertrag mit dem Studio auf ein bestimmtes Image in ihren Filmen festgelegt). Der Colonel Stewart kehrt in ein anderes Amerika zurück, der Film Noir hat das cinema of populism abgelöst. Skeptische, desillusionierte Helden sind gefragt, keine Idealisten mit Ivy League-Background. Eine Presseerklärung vom Ende der 30er Jahre wie: The rule is simple but inflexible. A James Stewart picture must have two vital ingredients: it will be clean and it will involve the triumph of the underdog over the bully, die wie ein Heiligenschein auf Stewart lastet, würde zehn Jahre später zu einem Karrierehemmnis werden, zumal sich Stewart über seine eigene Rolle in Hollywood nicht länger im klaren war: I felt when I got back to movies that I had lost all sense of judgment, I couldn't tell if I was good or bad.

Stewarts Übergang zum Genre des Western ist auf einer höheren Ebene durchaus logisch, es ist das einzige Filmgenre, das noch eine Botschaft zu verkünden hat. Michael T. Marsden hat die Westernfilme als America's secularized religion bezeichnet, und wenn man ihm in vielem nicht folgen kann, ist doch seine Überzeichnung instruktiv:

The transformation of the American Western hero of popular nineteeth-century romance into the twentieth-century hero of Westerns required a two-pronged development: one prong involved his attitudes towards his environment, and the other concerned his modified Christianity which combined the New Testament Messiah with the qualities of the wrathful God of the Old Testament. As the loving and forgiving and merciful Christ of the New Testament, the Western hero could not survive West of the Mississippi. The essential lawlessness of the West required a hero with a strong sense of divine justice at times untempered with mercy. The coming of the Western hero is a kind of second coming of Christ, but this time, he wears a gun instead of carrying a cross, and he wears the garb of a gunfighter, not a carpenter. (Marsden, 108)

Die Botschaft vom idealen Amerika kann auch im Western gepredigt werden, und es ist sicher kein Zufall, wenn ➱Michael Wood in seinem wunderbar lesbaren Buch America in the Movies in diesem Zusammenhang James Stewart erwähnt: How can a justice which is founded on the heroic action of an individual become the justice of an invariably cowardly group of townsfolk or settlers? Westerns regularly end on this question, which leaves us with society seemingly ordered, but owing everything to the lonely character it now has no room for. Sometimes this state of affairs is rubbed in by a sermon, ideally delivered by James Stewart: democracy is praised, isolated deeds of valor played down. (Wood, 48)

James Stewarts Karriere in Westernfilmen ist seit Winchester '73 (1950) untrennbar mit dem Regisseur Anthony Mann verbunden (obgleich sie nur in fünf Western zusammenarbeiteten: Winchester '73, Bend of the River, The Naked Spur, The Far Country und The Man from Laramie), so wie man John Wayne mit John Ford verbindet, Randolph Scott mit Budd Boetticher, Clint Eastwood mit Sergio Leone. Man könnte die Frage stellen, wie Stewarts Karriere als Westernheld verlaufen wäre, wenn er mit einem anderen Regisseur zusammengearbeitet hätte, denn Anthony Mann ist niemals der Liebling der Filmkritiker gewesen, never found favor among the more cultivated critics of the medium (Sarris, 98). Pauline Kael ist in allen Bänden ihrer gesammelten Filmkritiken völlig indiferrent gegenüber Stewart und Mann, und fragt nur an einer Stelle: why should you go and see another picture with James Stewart? (Going Steady, 119). Die geschmackssichere Engländerin Dilys Powell nimmt keinerlei Notiz von Anthony Mann. Andrew Sarris, der in The American Cinema (1965) Anthony Mann als underrated stylist in der Nähe von Nicholas Ray, Robert Aldrich und Joseph Losey sieht (Sarris, 84), beklagt: Unfortunately, Universal Pictures were seldom taken seriously during this period by anyone except Manny Farber and the French critics, and Mann, like Sirk, was overlooked by the American establishment until it was too late for his career to find a firmer lodging than obscure cult interest. (Sarris, 99)

In den Zirkeln französischer Cinéasten verlief die Rezeption ganz anders, André Bazin hatte schon in den 50er Jahren geurteilt: Anthony Mann could be considered the most classical of the young novelistic directors. We owe the most beautifully true Westerns of recent years to him (Bazin II, 156). Und sein oben erwähnter amerikanischer Kollege Manny Farber, der immer für vom mainstream der Kritik abweichende Meinungen gut ist (um es zurückhaltend zu sagen, wahrscheinlich war er Amerikas originellster Filmkritiker), bespricht Mann in seinem Artikel Underground Film (1957). Allerdings ist sein Urteil nicht ganz so positiv, wie Andrew Sarris glauben machen möchte. Denn Zitate wie The films of this tin-can de Sade have a Germanic rigor, caterpillar intimacy, and an original dictionary of ways in which to punish the human body (Farber, 13) und postcard Westerns with Jimmy Stewart and his harrassed Adam's apple approach to gutty acting (Farber, 23) klingen nicht allzu enthusiastisch. Obgleich da natürlich etwas dran ist.

In den 40er Jahren hatte Mann, dem das Studio nur unbedeutende Produktionen anvertraute, kleine solide Noir-Filme gedreht (Desperate, T-Men, Raw Deal, Side Street), die durchaus ein originelles Talent erkennen ließen. Gewaltdarstellungen und psychologische Charakterzeichnung (charakteristische Elemente des Film Noir) werden nun von Mann in den Western transportiert. Dem nach dem Zweiten Weltkrieg für Gewaltdarstellungen empfänglichen Publikum genügte die von Robert Warshow festgeschriebene "klassische" Westernformel nicht mehr. Der Film Noir bietet sich für den Genre-Transfer zum Western geradezu an: Such inter-genre borrowing was made possible by the increasing sophistication of the once-innocent Western. Themes introduced at this time and extended in the 50s reveal the expanded capacity of aging stars (who needed more complex vehicles), intelligent writers, and conscientious directors, all of whom were supported by an audience that had acquired as a result of war and/or college a knowingness about motivation and violence. After World War I there was a recoil from violence that seems to have no equivalent in the aftermath of World War II. (Alloway, 54)

Lawrence Alloway hat in seinem Katalogbuch für die Ausstellung des Museum of Modern Art, Violent America: The Movies 1946-1964 (1971), diesen Aspekt des amerikanischen Films am genauesten nachgezeichnet, und James Stewart kann hier als Illustration seiner Thesen einer neurotischen Gewaltbessenheit des amerikanischen Films dienen. Nachdem die New York Times Ende der 40er Jahre über das Ende seiner Karriere spekuliert hatte, erkannte Stewart, daß eine Anpassung an die Zeit erforderlich war: I knew right then and there I was going to have to do something. I knew I had to toughen up. Drei Jahre nach It's a Wonderful Life - mit der Zwischenstufe von Call Northside 777 (1948) - ist Stewart der Westernheld in Winchester '73, wobei hier die neurotische Komponente des "neuen" Helden noch durch den Rückgriff auf das Rachemotiv der griechischen Tragödie gemildert wird: Mann's films are not psychological so much as they are neurotic. His hero is perfectly embodied in James Stewart. Their five films in five years literally created a new Western type, nearly as compelling as John Wayne, but possessed of obsessions, self-doubt and emotional eccentricity. (Silver, 87)

Stewart kann in diesen Filmen die Fassade seiner Grundanständigkeit bewahren, aber tief in ihm ist sein neues (Hollywood-) Ich: In Mann's westerns the madness at the heart of the James Stewart character only occasionally breaks through an otherwise calm and controlled surface, like a strong subterranean current suddenly appearing above ground as an inhuman and yet somehow poetically apt thirst for vengeance and primitive biblical justice, where the will to survive is linked to certain old-fashioned cultural and moral values of dignity, honor, and respect. (Elsaesser, 295)

Winchester '73 (noch in Schwarzweiß gedreht und Western Klassikern der vorangehenden Jahre wie Red River und Wagonmaster verpflichtet) wird Manns bester Western bleiben (wenn man den in der Kritik sehr unterschiedlich beurteilten Film Devil's Doorway einmal ausnimmt), in der Wertschätzung gefolgt von Man of the West mit Gary Cooper. Mann hatte mit James Stewart einen glaubwürdigen, "realistischen" Helden gefunden: The James Stewart hero is a lean Westerner whose relaxed, unruffled exterior, aided by Stewart's superbly laconic croak, belies his guts and determination. This hero is a committed, single-minded man with no frills. The West he rides in is uneasy and threatening. Mann's wandering men are products of this uneasiness. 'The man from Laramie', or the hero of 'Winchester '73', are average men in the saddle with just that little extra needed to stamp them as exceptional. It is possible to identify them as the real Westerners, not the glossy exotics who ease the lives of more ordinary mortals, but men of the West capable of acting as real men of the West ought to act. If Mann's Westerns are labelled 'realistic' it is because the distance between hero and common man is not so great, and yet we are not denied the satisfaction of seeing a man of more than ordinary courage and skill in action. (Calder, 179-180)

Daneben bedeutet der neue Realismus von Mann auch, daß dieser Held in eine realistische, häufig feindliche Naturkulisse versetzt wird. Anthony Mann hat in Interviews mit den Cahiers du Cinéma (Juni 1966) und Positif (September 1968) ausgeführt, daß die Strapazen der Filmfiguren im Kampf mit den Naturgewalten für seinen Realismus notwendig sind. Und er hat dabei auch auf etwas gänzlich Unbekanntes im Charakter von Stewart hingewiesen, daß nämlich Stewart diese Extremsituationen beinahe masochistisch gesucht hat (Hembus, 411). Und Jim Kitses, dessen ➱Horizons West (eine Abhandlung über Mann, Boetticher und Peckinpah) sehr gute Interpretationen der Filme Manns enthält, hat diesen Aspekt des "neuen" James Stewart in Manns Konzept von einer ritualisierten Initiation, der die Helden gnadenlos ausgesetzt werden, eine Art von regeneration through violence, verdeutlicht. In dieser neuartigen, graphisch expliziten Darstellung von Gewalt, die man aus dem Film Noir herleiten kann, liegt die Keimzelle für Sam Peckinpah und die Italo-Western. Von Manns künstlerischem Primitivismus könnte man in direkter Linie zu der frontier experience zurückgehen. Hollywoods make-believe bietet - und das ist Stewarts und Manns Verdienst in der Geschichte des Western - zum ersten Male eine realistische, nicht-romantische Version des Lebens im Westen.

Es ist zu einem Gemeinplatz geworden, die Landschaft des Western nicht nur als eine Bühne, sondern als emotionale Ergänzung des Helden und der Aktion zu sehen. Hier bedeuten Manns Western (wie auch gleichzeitig die Western von Budd Boetticher mit Randolph Scott) einen wichtigen Schritt in der Westerngeschichte: Mann continually uses the Western terrain in this precise and specific way. It becomes a part of the action. The final fight in Winchester '73 (1950) owes its harsh integrality to its location on barren rock, which is a crucial influence on the fight's outcome. The two bitterly intense rivals, brothers whose mutual hatred has been unequivocally established in the opening sequences, face each other at last in a battle that is devoid of all extraneous features. This really is naked conflict, the naked rock contributes to our sense of it. The entire movies has been moving towards it. (Calder, 14)

Die Diskrepanz zwischen der hervorragend photographierten elementaren Gebirgsnatur und dem extensiven Einsatz von Studiokulissen sollte den nächsten Western, Bend of the River, künstlerisch ruinieren. In The Far Country wird Mann allerdings wieder zu seinem hohen Abstraktionsgrad zurückfinden, Raymond Bellour (in Le Western, 1966) und J.H. Fenwick in seiner Besprechung in Sight and Sound haben diesen Aspekt hervorgehoben.

James Stewart hat im gleichen Jahr wie Winchester '73 noch einen anderen Western gedreht, der heute weniger Aufmerksamkeit auf sich zieht, Broken Arrow (Regie: Delmer Daves) nach dem Roman Blood Brother von Elliot Arnold. Stewart spielt hier (den historischen) Thomas Jeffords, der eine indianische Prinzessin heiratet. Dieser Film, über den Pauline Kael nette Wort gefunden hat (I've never heard of anybody - man or child - who didn't enjoy this movie, Not that it's film art. But it's full of legend, romance, and action, Kiss Kiss Bang Bang, 298 - an anderer Stelle des Buches ordnet sie den Film jedoch unter Movies for Children ein, 218-219), stellt sicherlich eine Wegmarke in der Darstellung des Indianers im Film dar. Der Regisseur hat 1965 in Cinema erklärt, daß es ein Fehler war, die historische Vorlage zu einem lyrisch-poetischem Film umzuformen. Müßte er ihn noch einmal drehen, so würde er sich um mehr Realismus bemühen. Um diesen Realismus hatte sich Anthony Mann in seinem ersten Western, Devil's Doorway, bemüht, ein Film, der gleichzeitig mit Broken Arrow in die Kinos kam und dank des Publikumserfolges von Broken Arrow und Manns eigenem Winchester '73 in der Versenkung verschwand. Devil's Doorway ist ein bitterer, eindringlicher Film, dessen Botschaft allerdings 1950 niemand hören mochte. Und mit einem Star wie Stewart, der das Image (oder das Stigma) des Abraham Lincoln/Jesus Christus-Helden des cinema of populism trug, hätte Mann niemals solch kompromißlos bittere Western realisieren können. Neben der Frage, was wäre Stewart als Westernheld ohne Anthony Mann geworden, muß auch die Frage gestellt werden, was hätte aus dem Westernregisseur Anthony Mann ohne James Stewart werden können.

The Man from Laramie beendet die Zusammenarbeit zwischen Stewart und Mann. Stewart wird als Schauspieler danach zwar noch gute Rollen bekommen (The Man Who Knew too Much, The Spirit of St. Louis, Vertigo, Anatomy of a Murder, Mr Hobbs Takes a Vacation, Shenandoah, The Flight of the Phoenix, The Big Sleep), aber es sollten kaum noch gute Western dabei sein. Die Ausnahmen wären der John Ford-Klassiker The Man Who Shot Liberty Valance (1962), How the West Was Won (1962), wo die James Stewart-Episode den Film dominiert, und sein Cameo-Auftritt als Dr. Hostetler in dem larmoyanten ➱Spätwestern The Shootist. Bandolero (den Joe Hembus als Aus der Abteilung 'letzte Auftritte der müden Helden' mit viel Geschwätz und Anleihen beim Italo-Western charakterisierte) wäre noch diskutabel. Firecreek hätte ein guter kleiner Film werden können, wenn er einen besseren Regisseur gehabt hätte. Sein Freund Henry Fonda (mit dem der konservative Stewart nie über Politik diskutierte) darf hier einen Bösewicht spielen, eine Vorübung für seine Rolle in Spiel mir das Lied vom Tod. Stewart darf nur Stewart spielen, und er wirkt hier schon wie eine Persiflage auf die James Stewart-persona (Sometimes I wonder if I'm doing a Jimmy Stewart imitation myself). Vier Jahre nach dem Life Achievement Award des American Film Institute erhält Stewart einen Ehren-Oscar for 50 years of meaningful performances, for his high ideals, both on and off the screen, with the respect and affection of his colleagues. Den ersten Oscar hatte er nach Indiana geschickt, wo ihn sein Vater in ein Regal des Stewartschen Haushaltswarenladens gestellt hatte.

Jimmy Stewart war zeitlebens die verkörperte amerikanische Tugend. Er war Pfadfinder, unterstützte das Rote Kreuz und unzählige charities, ging (wie John Updike) jeden Sonntag zur Kirche. Er war die Bescheidenheit in Person, ließ in seine Verträge eine Klausel aufnehmen, daß das Studio niemals für Werbezwecke seine Kriegskarriere erwähnen dürfe. Bei der Aufzählung seiner guten Taten wird meist unterschlagen, daß er auch ein kalkulierender Geschäftsmann und in den 30er und 40er Jahren ein großer Frauenheld war. 1989 überraschte er die Öffentlichkeit mit einem kleinen Gedichtsband (nachdem er zuvor in der Johnny Carson Show daraus vorgelesen hatte). Das charmante Gedicht auf seinen Hund Beau erhielt eine Art Kultstatus, ein Verehrer brachte es nach seinem Tod unter Mißachtung aller Copyright-Regeln in das ➱Internet, wo es Millionen Amerikaner erfreuen wird. He gave people a lot of pleasure, hatte Stewart einmal auf die Frage geantwortet, welches Epitaph er sich wünsche. Wir können nur zustimmen.

Aber ist das der gleiche Stewart, der als Kopfgeldjäger Howard Kemp in The Naked Spur diesen beklemmenden Ausbruch der Verzweiflung darüber zeigt, daß er sein Opfer begraben soll, statt die Prämie für den toten Mörder (Robert Ryan) zu kassieren? Rebelliert Stewart in diesen neurotischen Ausbrüchen gegen seine lebenslange Angepaßtheit an seinen Vater und die Wertwelt von Small Town, USA? Rebelliert er gegen das eigene Image, immer gut und edel sein zu müssen? Anläßlich von Shenandoah hat Dilys Powell bemerkt, daß Stewart hier jemand spiele, den man mit all den edlen Zügen zwar im Film hinnehmen mag, den man im wirklichen Leben aber nicht ertragen könne. Oder ist das alles nur eine weitere Maske? Seine Schauspielerei war nicht natürlich, er mußte sich seine Rollen hart erarbeiten, hat John Ford gesagt. Aber er hat perfekt gespielt, was der Drehbuchautor Philip Yordan in einer Art Komplementärstück zu Raymond Chandlers Definition seines Helden in ➱The Simple Art of  Murder als Helden von Anthony Manns Western entworfen hat - und ich lasse das mal als famous last words stehen:

Ich verabscheue eine bestimmte Kategorie von modernen Helden, oder besser einen bestimmt Typ Mann, aus dem man Helden machen will. Nehmen Sie Gregory Peck in 'Der Mann im grauen Flanell': ihn beschäftigt nur ein einziges Problem, sein Monatseinkommen. Ich wollte etwas gegen diese kleinbürgerliche Mentalität unternehmen und habe versucht, die Reinheit der Helden der antiken Tragödie, der griechischen Tragödie wiederzufinden, und in dieser Absicht bin ich mit Anthony Mann ganz einig. Ich wollte eine neue tragische Mythologie schaffen, in der das Schicksal, die Einsamkeit und die Noblesse eine große Rolle spielen. Einen Mann, der irgendwoher kommt und irgendwohin geht, der von den Furien gejagt wird und verzweifelt seinen inneren Frieden sucht. Diesen Typ Helden wollte ich verbinden mit einer typischen amerikanischen, ganz alltäglichen Figur. Mit jemandem, von dem man sagt, wenn man ihn auf der Straße sieht: "Das ist der Mann". Man weiß nicht recht, warum man das sagt, aber man hat recht. Im allgemeinen lebt dieser Mann für sich, bittet niemanden um irgendetwas, versucht nie, etwas abzustauben, bewahrt seine Würde. Er verachtet die Menschen nicht und fürchtet sie nicht und wenn man ihn angreift, wird er gefährlich. Und wenn er Angst hat, hat alle Welt Angst. Er stellt für niemanden eine Gefahr dar. Er ist kein Faschist. Er hat Würde und sucht Würde. Er schlägt sich nie, außer wenn er dazu gezwungen wird; dann aber ist er schrecklich. Ich habe also versucht, diese beiden Heldentypen miteinander zu verbinden, und dank Anthony Mann ist 'The Man from Laramie'...daraus geworden. Wir waren immer bemüht, die physische Verletzbarkeit dieser Helden zu betonen, um nicht in den gefährlichen Manichäismus des Helden zu fallen, der sich für unfehlbar und mächtig hält, sich ein abschließendes Urteil über seine Mitmenschen erlaubt und sich das Recht über Leben und Tod anmaßt. Die Stärke Stewarts ist moralischer Art.

Als James Stewart 1997 starb, hatte mich die Redaktion von Studies in the Western mehr oder weniger gezwungen, einen Artikel über James Stewart zu schreiben. Obgleich sie wußten, dass ich James Stewart eigentlich gar nicht mag, ich schreibe lieber über John Wayne oder Tommy Lee Jones. Aber dann habe ich mir damals gedacht: mach' was Ordentliches draus. Und als ich den Artikel jetzt auf einer alten Diskette wiederfand, fand ich ihn immer noch ganz ordentlich. Deshalb ich ihn zu dem heutigen Todestag von James Stewart ein wenig überarbeitet (mit Dank an die Redaktion von Studies in the Western) und stelle ihn hier ins Netz. Das habe ich mit Somewhere West of Laramie und Spätwestern auch schon gemacht, der erste ist der unschlagbare Bestseller in diesem Blog geworden und Spätwestern wurde auch schon gut gelesen. Diese Resonanz hat mich ermutigt, den James Stewart Artikel auch hier zu plazieren. Diesmal habe ich die Quellennachweise und das Literaturverzeichnis drin gelassen, vielleicht gibt es ja Jimmy Stewart Fans unter den Lesern, die noch mehr lesen wollen.

    Literatur:
Lawrence Alloway, Violent America: The Movies 1946-1964. New York, 1971.
André Bazin,
What is Cinema. 2 vols. Berkeley, 1972.
Dennis Bingham,
Acting Male: Masculinities in the Films of James Stewart, Jack Nicholson, and Clint Eastwood. New Brunswick, 1994.
Jenni Calder,
There Must Be a Lone Ranger. London, 1976.
Thomas Elsaesser, "Tales of Sound and Fury", in: Barry Keith Grant (ed.), Film Genre Reader. Austin, 1986, 278-308.
Manny Farber,
Movies. New York, 1971.
Tag Gallagher,
John Ford. Berkeley, 1988.
Joe Hembus, Western-Lexikon. München, 1976.
Pauline Kael, Kiss Kiss Bang Bang. New York, 1969.
----,
Going Steady. New York, 1970.
Jim Kitses,
Horizons West. Bloomington, 1970.
Michael T. Marsden, "Western Films: America's Secularized Religion", in: Michael T. Marsden et.al. (eds),
Movies as Artifacts. Chicago, 1982, 105-114.
Jeffrey Richards,
Visions of Yesterday. London, 1973.
Andrew Sarris,
The American Cinema. New York, 1968.
Charles Silver,
The Western Film. New York, 1976.
Jon Tuska,
The American West in Film. Westport (CT), 1985.
Alexander Walker,
Stardom. Harmondsworth, 1974.
Garry Wills,
John Wayne's America. New York, 1997.
Michael Wood,
America in the Movies. London, 1975.
     Bücher über James Stewart:
Jonathan Coe,
JS: A Wonderful Life. Arcade 1994, deutsch: Heyne 1994.
----,
JS: Leading Man. Bloomsbury n.d.
Donald Dewy,
JS: A Biography. Turner 1996, deutsch: Henschel 1997.
Marc Eliot,
Jimmy Stewart: A Biography. Harmony 2006.
Allan Eyles,
JS. Thorndike 1985.
Garry Fishgall,
Pieces of Time: The Life of J.S. Scribner 1997.
Ken D. Jones,
The films of JS. Barnes n.d.
Helene McGowan,
JS. Crescent Books 1992.
Gerard Molyneux,
JS: A Bio-Bibliography. Greenwood 1992.
Roy Pickard,
JS: A Life in Film. St Martins 1993.
----,
JS: The Hollywood Years. Robert Hale 1997, Little Brown 1997.
Lawrence Quirk,
JS: Behind the Scenes of a Wonderful Life. Applause Theatre Books 1997.
Jhan Robbins,
Everybody's Man: A Biography of JS. Putnam 1985.
Tony Thomas,
A Wonderful Life: The films and career of JS. Citadel 1988, Citadel 1997.
Howard Thompson,
JS. Pyramid Publications n.d., deutsch: Heyne 1981.

Freitag, 1. Juli 2011

Seeschlacht


Irgendwie scheint der erste Juli der perfekte Tag zu sein, um Schlachten zu beginnen: La Higueruela (1431), die Seeschlacht auf der Kolberger Heide (1644), Fleurus (1690), die Sieben-Tage-Schlacht im amerikanischen Bürgerkrieg 1862, Gettysburg 1863, El-Alamein 1942. Die Kolberger Heide fällt da ein wenig heraus; der Name ist etwas irreführend, denn es ist eine Seeschlacht. Es hat einmal eine Kolberger Heide gegeben, aber das Land ist im frühen 17. Jahrhundert versunken. So wie Rungholt. Aber mit der groten Mandränke von 1362 kann man das Wegrutschen der Salzwiesen der Probstei nicht vergleichen.

Nicht einmal mit der so genannten zweiten Mandränke von 1634. 1625 ist die Heide vergangen, steht lapidar in einer alten Chronik, eine andere Quelle kennt das Datum mit dem 10. Februar 1625 etwas genauer. Und natürlich gibt es da auch noch allerlei Sagen und Erzählungen. Eine findet sich bei Karl Müllenhoff in seinen Sagen, Märchen und Lieder der Herzogthümer Schleswig, Holstein und Lauenburg. Das Wasser der Ostsee nördlich von dem kleinen Ort Heidkate (der neben  kleinen Orten wie Kalifornien und Brasilien liegt) ist dort verhältnismäßig flach, aber es reicht für das Navigieren von Kriegsschiffen. Auf jeden Fall im Jahre 1644. Oder auch nicht, hier kann man die gestrandeten schwedischen Kriegsschiffe sehen.

Heute meiden Schiffe die Gegend. Die Route der Fähre Kiel-Klaipeda verläuft nördlich von dem Gebiet, das heute nur dafür berühmt ist, weil man die ganze Munition des Zweiten Weltkriegs hier in die Ostsee gekippt hat. Das bot sich an, weil da, wo heute Campingplätze (und viele Mücken) sind, ein Teil des Reichkriegshafens Kiel war, Flakbatterien und all so'n Zeug. Davon kann man noch Reste entdecken. Die ganze Gegend ist da noch voll von militärischem Müll. Das heißt aber heute auf dem Truppenübungsplatz Putlos-Todendorf Hartziele, weil da drauf geballert wird. Wir haben früher in Todendorf versucht, mit den 20mm Kanonen des ➱HS-30 die Drohnen vom Himmel zu holen, die das Luftziel für das Schießen schleppten. War streng verboten, gelang aber manchmal.Vielleicht liegt da im Seegebiet Kolberger Heide auch nicht nur Munition im Wasser. Die Schweden sollen in der Seeschlacht angeblich ihre Kriegskasse über Bord geschmissen haben, aber man hat sie nie gefunden, obgleich es viele Geschichten von Fischern gibt, die versucht haben, den Schatz zu finden.Vielleicht sollten sie ➱Clive Cussler da mal ran lassen.

Eigentlich wäre die Seeschlacht, in der die Dänen die Schweden irgendwie besiegen, nicht besonders erwähnenswert. Sowohl die Dänen als auch die Schweden haben hinterher noch alle Schiffe, die Verluste an Menschenleben sind marginal klein. Aber der dänische König geht als ein Held aus der Schlacht hervor. Weil er ein Auge einbüßt. Aber weiterkämpft. Und sich das berühmte Taschentuch umbindet, das im Schloss ➱Rosenborg in dem Glaskasten ausgestellt ist. Und deshalb singen die Dänen heute immer noch als offizielle ➱Hymne Kong Christian stod ved højen mast i røg og damp. Das Bild ganz oben kennt in Dänemark jedes Schulkind, es stammt aus dem 19. Jahrhundert. Vilhelm Marstrand (oben in dem wunderbaren Portrait von Kristen Köbke) hat es gemalt. Er konnte andere Dinge und bessere Bilder malen, aber man wird ihn immer mit dem Bild von Christian IV auf seinem Schlachtschiff assoziieren.

Das Schlachtschiff heißt Trefoldighed (links, noch nicht ganz fertig), ein anderes Patientia. Und die Dänen haben auch zwei Schiffe dabei, die Oldenborg und Delmenhorst heißen. Weil die dänischen Könige immer auch die Herzöge von Oldenburg und Grafen von Delmenhorst sind. Ich glaube, Königin Margrethe führt diese Titel nicht mehr. Wer möchte schon Gräfin von einem Kaff wie Delmenhorst sein? Die Schweden geben sogar dem halben Dutzend Brander, die sie mitführen, Namen. Wie Meerman, Meerweib und Caritas. Caritas finde ich für einen Brander besonders komisch.

Der Krieg, in dem wir uns da gerade befinden, ist der so genannte Torstenssonkrieg. Der heißt nach dem  schwedischen Feldmarschall Lennart Torstensson (links), der gerade ohne Kriegserklärung das dänische Schleswig-Holstein überfallen hat. Er wird im Dreißigjährigen Krieg noch eine große Rolle spielen - und er kommt in dem Kinderbuch Das kleine Gespenst vor. Jetzt ist er erstmal der Schrecken der Dänen. Der Torstenssonkrieg geht für die Dänen nicht so siegreich aus wie die Schlacht auf der Kolberger Heide. Zumal diese so berühmte Seeschlacht überhaupt nichts bedeutet. Denn eine zweite Seeschlacht, vier Monate später, entscheidet den Krieg für die Schweden. Die Seeschlacht, in der die dänische Flotte von den Schweden (und angemieteten Holländern) so gut wie vernichtet wird, findet beinahe an der gleichen Stelle, nämlich vor Fehmarn statt. Denen fällt ja nix ein, immer wieder die gleichen Orte.

Denn 71 Jahre später (23.-24. Juli 1715) gibt es wieder eine Seeschlacht vor Fehmarn. Diesmal gewinnen die Dänen. Die Schweden fliehen in die Kieler Förde - das hatten sie 1644 auch schon gemacht. Funktioniert diesmal nicht, und die Schweden versuchen, ihre Schiffe und Kanonen vor Strande zu versenken. Hat auch nicht so ganz geklappt. Die Gegend da oben heißt heute immer noch Schwedeneck. Und sogar diese ZDF Sendung ➱Terra X - das ist für den archäologischen Film ungefähr das gleiche, was Guido Knopp für die Geschichtswissenschaft ist - hat sich des Themas angenommen. Wenn Sie die Walt Disney Version des Nordischen Krieges sehen wollen, klicken Sie den Link an. Der große Held ist der Däne Peter Wessel, der als Adelsnamen den Namen Tordenskiold wählen wird. Wir Pfeifenraucher lieben den dänischen Seehelden noch immer, weil sein Konterfei auf jeder Packung der dänischen Streichhölzer prangt. Die haben sogar eine spezielle Sorte für den Pfeifenraucher, die sind etwas länger. Anglomane Pfeifenraucher verbrennen sich da lieber die Finger mit den kurzen ➱Swan Vestas.

Der Admiral Hans Wachtmeister (nicht der berühmte Generaladmiral Hans Wachtmeister sondern sein Neffe) soll stinkewütend seinen Degen über Bord geschleudert haben, als er merkte, dass das mit der Selbstversenkung nicht geklappt hatte. Nachdem du mir solches Unglück bereitet hast, sollst du weder von mir noch jemand anderem getragen werden, soll er dabei gerufen haben. Den Degen hat man vor kurzem gefunden. Vielleicht. Auf jeden Fall hat man den vergoldeten Griff eines Degen gefunden. Und Teile des schwedischen Flaggschiffs Prinsessan Hedvig Sophia. Im Schiet von Bülk, da wo die Fäkalien von Kiel in die Ostsee gepumpt werden. Der Erfinder und Erbauer der Abwasserleitung wurde damals vom Kaiser geadelt. Die schwedische Kriegskasse aus der Schlacht auf der Kolberger Heide hat man noch nicht gefunden. Was man so alles in der Ostsee finden kann. Schwedische Kanonen von 1715 und deutsche Munition aus dem Zweiten Weltkrieg. Teile derselben hat man übrigens vor Monaten mit einer ➱Unterwassersprengung vernichtet.

Ich zünde mir erstmal mit einem Tordenskiold Sikkerhedstændstikker die Pfeife an. Das sind nicht die Streichhölzer, die von ➱Hans Christian Andersens kleinem Mädchen mit den Schwefelhölzern verkauft wurden. Diese Sicherheitsstreichhölzer sind eine schwedische Erfindung (auch wenn der Name des dänischen Nationalhelden auf der Packung steht). Schließlich hatten die Schweden mal das Zündholzmonopol. Da hatten sie den Dänen etwas voraus.