Donnerstag, 22. August 2013

Dorothy Parker


Men seldom make passes At girls who wear glasses von Dorothy Parker klingt ein wenig wie A girl who is bespectacled Don't even get her nectacled von Ogden Nash. Aber wir wissen, dass das nicht wahr ist, wir brauchen uns nur Marilyn Monroe anzuschauen. Ogden Nash hat eine Brille getragen, Dorothy Parker auch. Weil sie stark kurzsichtig war. Aber wenn sie in der Öffentlichkeit war, hat sie ihre Brille nie getragen. Ich habe das Photo hier mit Bedacht gewählt. Natürlich ist ein Photo von Marilyn Monroe immer gut, doch Marilyn hat natürlich auch die Lorelei Lee in Gentlemen Prefer Blondes gespielt. Einer Verfilmung des herrlich komischen Romans von Anita Loos, die man auch einmal die Dorothy Parker von Hollywood genannt hat.

Dorothy Parker beherrschte den berühmten Round Table des Algonquin Hotels, eine Ansammlung von Geist und Witz, eine Art von Camelot des Geistes. Mit Dorothy Parker als Guinevere of the Round Table. Der Algonquin Round Table (auch The Vicious Circle genannt) hat inzwischen schon einen Wikipedia Artikel. Dorothy Parker natürlich auch. Als sie 1967 starb, war sie beinahe vergessen.
I'm never going to accomplish anything; that's perfectly clear to me. I'm never going to be famous. My name will never be writ large on the roster of Those Who Do Things. I don't do anything. Not one single thing. I used to bite my nails, but I don't even do that any more, hat sie einmal gesagt. Hat es aber wohl so nicht unbedingt gemeint.

1988 hat die National Association for the Advancement of Colored People, die sie in ihrem Testament als Haupterben eingesetzt hatte, sie mit einem Memorial Garden geehrt. Auf einer Plakette steht: Here lie the ashes of Dorothy Parker (1893–1967) humorist, writer, critic. Defender of human and civil rights. For her epitaph she suggested, 'Excuse my dust'. This memorial garden is dedicated to her noble spirit which celebrated the oneness of humankind and to the bonds of everlasting friendship between black and Jewish people. Dedicated by the National Association for the Advancement of Colored People. October 28, 1988. Sie selbst hatte sich das wohl nicht so vorgestellt. Sie hatte sich Excuse My Dust als Epitaph gewünscht. Aber man weiß nicht, ob sie das wirklich so gemeint hat.

I don't care what is written about me so long as it isn't true, hat sie einmal gesagt. Sie hat viele witzige Dinge gesagt, wenn man im Internet Dorothy Parker Quotes eingibt, gibt es ➱hunderte von geistreichen Sätzen. Viele haben kein Verfallsdatum. Viele sollte man häufiger benutzen. I hate writing, I love having written, könnte ich ganz oben auf meine Blogseite schreiben. Und warum ist keinem Rezensenten von Uwe Tellkamps Roman Der Turm diese schöne Buchbesprechung eingefallen: This is not a novel to be tossed aside lightly. It should be thrown with great force?

Vieles ist witzig, aber vieles ist auch sehr geistreich, Parker hat gesagt, dass es a hell of a distance between wisecracking and wit gäbe. Wit has truth in it; wisecracking is simply calisthenics with words. Aber geistreicher table talk, wisecracks, gehässige Buchbesprechungen, dirty jokes und Aphorismen sind nicht das Einzige, das die amerikanische Literatur ihr verdankt. Sie ist eine bedeutende Lyrikerin gewesen. Sie hat hervorragende Kurzgeschichten geschrieben, die Story Big Blonde hat 1929 den O.Henry Award für die beste Kurzgeschichte gewonnen. Somerset Maugham, selbst ein Meister der Kurzgeschichte, hat über Dorothy Parker gesagt: If you are going to judge an author at all, he has the right to demand that you shall judge him by his best. 'Big Blonde' has all the earmarks of a masterpiece. Und an anderer Stelle bemerkte er: what gives her writing its peculiar tang is her gift for seeing something to laugh at in the bitterest tragedies of the human animal. Er besitze alle ihre Bücher, gebunden in rotem Leder, versicherte Maugham Dorothy Parker, als er sie 1941 in Los Angeles traf. Und er war sich nicht zu schade, eine enthusiastische Einleitung zu The Portable Dorothy Parker zu schreiben.

The Portable Dorothy Parker wäre auch mein Lesetip. Und natürlich die Biographie What Fresh Hell Is This? (der Titel ist natürlich ein Zitat) von Marion Meade, die im gleichen Jahr erschien, in dem die National Association for the Advancement of Colored People ihr den Memorial Garden zueignete. Dorothy Parker wurde heute vor 120 Jahren geboren. Die Short Story Big Blonde ist ➱hier im Volltext. Und ich habe hier noch ein interessantes Interview, das der ➱Paris Review mit Dorothy Parker geführt hat. Den Film ➱Mrs Parker and her Vicious Circle möchte ich eigentlich nicht empfehlen. Dafür aber den Oscar prämiierten Film ➱How to Sleep von Robert Benchley, ihrem Mitstreiter der Tafelrunde. Ist wirklich komisch.

Mittwoch, 21. August 2013

Zahlenspielereien


Irgendwann gestern hat Besucher Nummer 900.000 diese Seite angeklickt. 900.000 Klicks in drei Jahren sind für einen Newcomer, der nie richtig gelernt hat, mit seinem Computer umzugehen, gar nicht so schlecht. Ich dachte, ich feiere das mit einem kleinen Minipost. Gab 900.000 bei Google Bilder ein, in der Hoffnung, irgendein hübsches Bild zu finden, das sich mit der Zahl verbindet, aber das war nix. Auf den ersten Plätzen rangierte eine Dame, die ihren Arbeitgeber erfolglos auf 900.000 Euro verklagt hatte. Das einzig Hübsche bei dem ganzen Bildermüll war das Photo dieser Leica. In dem dazugehörigen ➱Artikel ging es um drei Leicas, die für 3,6 Millionen Euro verkauft worden waren. Ein M3 Prototyp hatte bei einem Startpreis von 80.000 Euro am Ende 900.000 erbracht.

Wenn mir jemand für meine alte Leica aus den vierziger Jahren (die ich ➱hier schon einmal erwähnt habe) 900.000 Euro zahlen würde, verkaufte ich sie vielleicht. Sie hat ein Summitar 1:2,0, und ich habe sie mit dem tollen Leuchtrahmensucher ausgerüstet, der auf das ➱Leica Modell Ig gehört. Denn durch den stecknadelkopfgroßen Leica Sucher sieht man bekanntlich nichts. So wie diese hier sieht meine alte Leica aus. Der Unterschied zu dem Modell da oben sind offensichtlich eine Million Euro. Aber was ist das schon, wenn man irgendwann - Deo volente nobis viventibus - eine Million Leser hat?

Ich bin jetzt versucht, einen wunderbaren Leica Post zu schreiben, mit einer wirklich komischen Leica Geschichte, doch ich verschiebe das einmal. Kommt aber irgendwann. Und Sammler von alten Photoapparaten könnten ja mal den Post ➱Werra I lesen.

Und bleiben Sie mir als Leser gewogen.

Dienstag, 20. August 2013

Fundsachen


Als ich im August 2012 über den ➱Duke of Bedford schrieb und für diesen Zweck seine Autobiographie A Silver-Plated Spoon noch einmal las, dachte ich mir, dass dieses Buch auch ein schönes Geschenk sei. Also habe ich bei Amazon Marketplace danach gesucht. Ich fand bei einem deutschen Händler (der wahrscheinlich nicht wusste, was er da hatte) gleich eins, sogar ein gebundenes Exemplar mit Schutzumschlag. Laut Beschreibung des Händlers: Zustand: Gebraucht - Akzeptabel. Kostete einen Cent. Unglaublich. Und natürlich drei Euro Porto. Habe ich sofort bestellt. Das kam auch schnell an, aber als ich es in der Hand hielt, konnte ich es leider nicht verschenken. Ich musste es unbedingt behalten.

Der Zustand war nicht nur akzeptabel, das Buch war neuwertig. Und dann war es noch innen signiert: schlicht und einfach Bedford. Könige und Prinzen unterschreiben in England nur mit ihrem Vornamen, Herzöge und Bischöfe nehmen den Nachnamen. Sonst nichts. Es lag noch ein Brief in dem Buch, auf herzoglichem Briefpapier. Mit einem kleinen Krönchen drauf und der Adresse Woburn Abbey Bletchley. Geschrieben und unterschrieben von der Secretary to His Grace the Duke of Bedford. So etwas nimmt man doch gerne für einen Cent. Wenn die Welt doch immer so wäre. Den Brief auf herzoglichem Briefpapier nehme ich jetzt als Lesezeichen. So fängt der Snobismus an.

Sonntag, 18. August 2013

Roman Polanski


Roman Polanski feiert heute seinen achtzigsten Geburtstag, da muss hier natürlich ein kleiner Geburtstagspost stehen. Falls Sie Roman Polanski Fan sind, lesen Sie jetzt nicht weiter. Ich mag ihn nicht wirklich. Irgendwie halte ich ihn für einen Verräter an der Filmkunst. Als er anfing, da habe ich ihn bewundert. Zwei Männer und ein Schrank (hier ein Szenenbild) war der erste Film, den ich von ihm sah. Dann kam natürlich Das Messer im Wasser. Da hätte er aufhören können. Er hätte sowieso nur Schwarzweißfilme drehen sollen.

Das ist um 1960 die große Stunde des polnischen Kinos, denn neben dem Debüt von Polanski war da noch Andrzej Wajda mit seiner Warschau Trilogie (Eine Generation, Der Kanal, Asche und Diamant). Asche und Diamant machte ➱Zbigniew Cybulski zum Idol einer ganzen Generation. Er wurde zu einer Art von polnischem James Dean. Die ➱Sonnenbrille, die er im Film trug, hat sicherlich ihren Teil dazu beigetragen. Dieser Erfolg war Polanski als Schauspieler nicht vergönnt, obgleich er in Wajdas Eine Generation mitgespielt hatte. Nach der Warschau Trilogie kam Lotna (in dem Polanski auch eine kleine Rolle hatte), ein Film, der auf der großen Leinwand besser wirkt als auf dem Fernsehbildschirm. Das war nicht so mein Ding. Auf dem Schlachtfeld herumirrende Pferde sind nicht unbedingt mein Thema, aber diese ➱Parabel auf Polen war schon eindrucksvoll. Als ich - eigentlich nur weil die Filmmusik von Glenn Gould war - den kanadischen Film The Wars (auch wieder mit vielen Pferden) zum ersten Mal sah, hat der mich an Wajdas Lotna erinnert.

Die Filme von Wajda und Polanski zeigten auch, dass der polnische Film neben hervorragender Kameraarbeit auch eine Vielzahl schöner Frauen bieten konnte. Und in dem Punkt mit den französischen Filmen der Zeit leicht mithalten konnte. Ich habe es ja schon mehrfach gestanden, dass ich damals nur wegen der schönen Frauen und der schönen Autos ins Kino ging. Schöne Autos hatten sie in Polen nicht so viele. In diesem Film haben wir immerhin einen ➱Peugeot. Der vorher ein Mercedes war. Aber dann veröffentlichte die Filmzeitschrift Ekran einen negativen Bericht über das angebliche kapitalistische Lotterleben bei den Dreharbeiten, und der Mercedes verschwand auf Anordnung von Jerzy Bossak, dem Leiter der staatlich finanzierten Filmgesellschaft Kamera aus dem Film. Nicht ganz, nicht alle Szenen hat man nachdrehen können. Filmfreaks, die bei Filmen nur auf goofs und Anschlussfehler aus sind, haben hier ihre Freude. Der Peugeot gehörte übrigens Jerzy Stefan Stawiński, der einst das Drehbuch für Andrzej Wajdas Der Kanal geschrieben hatte.

Polanski hatte am Anfang seiner Karriere das Glück, dass er auf Jerzy Skolimowski gestossen war, der auch das Drehbuch zu Das Messer im Wasser schrieb. Und später selbst sehr beachtliche Filme drehte, wie zum Beispiel Der Start (➱Le Départ) mit Truffauts Lieblingsschauspieler Jean-Pierre Léaud. Oder  drei Jahre später Deep End. Skolimowski bekam für Der Start in Berlin den Golden Bären, und Enno Patalas präsentierte Skolimowskis Drehbuch mit Filmphotos in seiner Cinemathek Reihe als Band 21 (Polanskis Ekel war Band 14 gewesen). Wenn man in diese Reihe, in der nur die besten Filme der sechziger Jahre waren, aufgenommen wurde, dann war man in der Welt der Cineasten weiter oben, als wenn man einen Oscar gewonnen hätte. Den hatte Polanski mit Das Messer im Wasser knapp verpasst, der Film war zwar nominiert, unterlag aber Fellinis Otto e mezzo.

Polanskis Messer im Wasser habe ich dreimal gesehen. Natürlich wegen der schnuckeligen Jolanta Umecka. Sie erinnerte mich ein wenig an ➱Ulla Jacobsen in Sie tanzte nur einen Sommer. Aber Ulla Jacobsen war eine Schauspielerin, Jolanta Umecka war vielleicht nur schön. Ob im Pullover oder im Bikini. Das reicht für den Film aus, denn wie schon Truffaut wusste: Le cinéma c'est de l'art de faire faire de jolies choses à de jolies femmes. Diese polnische Schönheit war eine Musikstudentin ohne jede Schauspielausbildung, Polanski hatte sie in einem Freibad entdeckt. Sie hat wohl noch einige Filme gedreht, aber ich habe nie wieder von ihr gehört. Wäre sie Pariserin gewesen, was hätte aus ihr werden können!

Angeblich war sie unfähig, Emotionen zu zeigen, very difficult to get emotions out of, hat er dem Independent eines Tages erzählt. Polanski hat bei den Dreharbeiten mit einer Signalpistole über ihren Kopf geschossen und sie ständig provoziert, damit er Gesichtsregungen auf das Bild bekam. Polanski spricht von einer Manifestation einer wahren Ausgeburt emotionaler Trägheit. Auch soll sie sich während der Dreharbeiten mit Cookies und Schoko vollgefressen haben, sodass sie nicht mehr in ihren Bikini passte. Polanski hat sie dann angeblich an einem Seil beim Joggen hinter sich hergezogen, weil sie ihm zu langsam war.

Man sollte solche Geschichten immer mit einem gewissen Zweifel betrachten, aber die Sache mit der Signalpistole und dem Seil bin ich ich bereit zu glauben. Manche Regisseure leben davon, dass sie ihre Hauptdarstellerinnen quälen, über Hitchcock und Tippi Hedren gibt es genügend ➱Geschichten. He lived in the land of kink. Perverse sex, kinky sex, that fascinated him... essentially he was a voyeur, hat der Schriftsteller und Drehbuchautor Arthur Laurents über Hitchcock gesagt. Man könnte das wahrscheinlich auch über Polanski sagen. Barbara Leamings Polanski Biographie hat nicht zu Unrecht den Untertitel The Filmmaker as Voyeur. Polanski ist immer jemand gewesen, bei dem das Adjektiv sadistisch (ebenso wie bei Hitchcock) nie falsch am Platz war. Viele seiner Filme scheinen nur ausgelebte Phantasien zu sein, die man sicher psychoanalytisch betrachten kann. Sein nächster Film Ekel (Repulsion) wäre da ein schönes Beispiel. Wenn ich böse wäre, würde ich sagen, dass das Beste an dem Film der weiße Triumph TR 4 ist (sehen Sie ihn ➱hier). Den hatte mein Bruder auch mal. Englische Starrachse, knallharte Federung.

Obgleich Polanski klein und hässlich ist (Kenneth Tynan, der Meister der geschliffen formulierten Beleidigung hatte für ihn das Bonmot parat: the four-foot Pole you wouldn't want to touch with a ten-foot pole), hatte er sein Leben lang keine Schwierigkeiten, schöne Frauen zu finden und seine Phantasien in ➱Bilder umzusetzen. Wie er Catherine Deneuve dazu gekriegt hat, diese Rolle zu übernehmen, weiß ich nicht. Dass sie nach Die Regenschirme von Cherbourg etwas anderes drehen wollte, ist verständlich. Aber musste es dieser in London gedrehte Film sein? Sie hätte gleich mit Jean-Paul-Rappeneau den wirklich guten Film ➱La vie de chateau drehen sollen.

Wenn Franzosen den Männerhass schöner Frauen zeigen wollen, machen sie das anders. Zum Beispiel so wie Pierre Granier-Deferre in Cours Privée, wo ➱Elisabeth Bourgine (die übrigens in Death in Paradise Catherine, die Mutter von Camille Bordey spielt) die Lehrer einer Schule in den Wahnsinn treibt. In dem Film spielt auch
die junge Emmanuelle Seigner mit, der Polanski im nächsten Jahr die Hauptrolle in Frantic gab (und die er kurz darauf heiratete).

Ekel mag als pathologische Studie ja vielleicht eindrucksvoll sein, aber wenn man an filmische Vorbilder wie Luis Buñuels Un chien Andalou, Jean Cocteaus The Blood of a Poet, Henri-Georges Clouzots Diabolique oder Alfred Hitchcocks Psycho denkt, fehlt Polanski doch die tiefere Dimension. Er wird eines Tages über seine französischen Kollegen sagen: People like Truffaut, Lelouch and Godard are like little kids playing at being revolutionaries. I've passed through this stage. I lived in a country where these things happened seriously. Da kann man nur sagen: rede dir die Welt schön, die drehen aber viel bessere Filme als du. Er hatte am Anfang seine Chance, in den filmischen Olymp zu kommen, aber heute wird ihn niemand ernsthaft in der Kategorie sehen, in der Fellini, ➱Antonioni, Robert Altman, ➱Truffaut etc. sind.

Ein Jahr nach Ekel dreht Polanski mit Catherine Deneuves Schwester Françoise Dorléac den Film Wenn Katelbach kommt (Cul-de-Sac). Françoise Dorléac war ja viel interessanter als Catherine, weil ihr Gesicht immer lebte und nicht diese Marzipan Maske war. Leider hat sie sich ein Jahr nach Katelbach mit dem Auto totgefahren, aber Filmfreaks werden sie wegen ihrer Rolle in La Peau Douce an der Seite von ➱Jean Desailly nie vergessen. Wenn Katelbach kommt war nett. Wegen Françoise Dorléac und Ronald Pleasance. Aber es war nicht das, was man von dem Mann erwartete, der Das Messer im Wasser gedreht hatte.

Ekel war wie Wenn Katelbach kommt wiederum in England gedreht, von nun an sind all seine Filme in englischer Sprache gedreht. Polanski will kein polnischer Filmkünstler mehr sein, er will an das große Geld. Als erstes lässt er sich von der schönen Polin Barbara Lass scheiden. Weil er gerade bei den Dreharbeiten des etwas bescheuerten Films Tanz der Vampire die Amerikanerin Sharon Tate kennengelernt hatte. Und was vielleicht noch wichtiger war, den Paramount Produzenten Robert Evans.

Der Präsident von Paramount Pictures war in den sechziger und siebziger Jahren der wichtigste Mann in Hollywood, unter seiner Herrschaft kam Paramount an die Spitze der finanziell erfolgreichsten Studios in Hollywood. Er war verantwortlich für Blockbuster wie Rosemaries Baby (1968), Ein seltsames Paar (1968), Love Story (1970), Harold und Maude (1971), Der Pate (1972), Serpico (1973), Der große Gatsby (1974), Chinatown (1974) und Der Marathon-Mann (1976). An denen er auch immer finanziell beteiligt war. Das wirkliche Kino findet allerdings in dem New Hollywood statt, daran hat Robbert Evans keinen Anteil. Sein Kino (und das von Polanski) ist Kommerzkino. Ich bin mit dem Wort Blockbuster nicht so glücklich. Blockbuster hießen jene Bomben, die die Engländer vor siebzig Jahren bei der Operation Gomorrah auf Hamburg warfen.

Plüschige Produktionen in Farbe, für die er viel Geld zur Verfügung hat, zeichnen ihn jetzt aus. Erst Tanz der Vampire, dann Rosemaries Baby. Als er jung war, als er kein Geld hatte, als er Filme in Schwarzweiß drehte, da war er gut. Jetzt ist er es nicht mehr. Ephraim Katz sagt in seiner wunderbaren Film Encyclopedia: Since the mid-60s, all his films have been made in English and have been characterized by technical virtuosity, a deep sense of alienation explicit violence, and a personal fascination with various aspects of horror and aberrations of the human mind. Mehr braucht man eigenlich nicht zu sagen. Die Ermordung seiner Frau Sharon Tate warf Polanski aus der Bahn und ließ ihn für zwei Jahre pausieren.

Es war sicherlich mehr als unglücklich, dass er dann den Breitwandfilm Macbeth drehte. Der vom Playboy Chef Hugh Hefner produzierte Film hatte wenig mit Shakespeares Theaterstück zu tun. ➱Pauline Kael fand (wie viele andere Kritiker) in ihrer Rezension Killers and Thieves den Film nur eine blutige Rekreation des grauenhaftes Mordes an seiner Frau Sharon Tate. Was bei Shakespeare eine Sache der Wörter ist, wenn Lady Macbeth sagt Here's the smell of the blood still. All the perfumes of Arabia will not sweeten this little hand. O, O, O! wird bei Polanski zur Blutorgie in Todd-AO Breitwand. Da kann Lady Macbeth verzweifelt wünschen Out, damned spot! out, I say!, soviel Blut kriegt keiner wieder weg. Polanski wäre nicht Polanski, wenn Lady Macbeth das alles nicht ➱splitterfasernackt aufsagen würde.

Polanski konnte gar nicht verstehen, wie die Kritiker auf die Idee gekommen waren, die Morde in seinem Haus mit seiner Macbeth Inszenierung zu verbinden. I don't know that you can speak of shock … Nothing is too shocking for me. I don't really know what is shocking. When you tell the story of a man who is beheaded, you have to show how they cut off his head. If you don't, it's like telling a dirty joke and leaving out the punch line. Polanski hat für jeden Zweck den richtigen Satz parat. So schrecklich der Gedanke ist, aber es gibt doch eine Verbindung zwischen dem Horrorfilm Rosemaries Baby, dem Teufelskult der Charles Manson Gang und den Blutorgien in Macbeth. You have to show violence the way it is. If you don't show it realistically, then that's immoral and harmful. If you don't upset people, then that's obscenity.

In Chinatown spielt Polanski jemanden, der Jack Nicholson mit dem Messer die Nase aufschlitzt. Das ist sicherlich morbide, aber Polanski kann wohl nicht anders. Der blutleere Neo-Noir Film Chinatown, der sein bisschen Lebenssaft aus den Romanen von Raymond Chandler zieht, ist sicherlich sehr schön. Aber auch sehr kalt. ➱Robert Altmans The Long Goodbye atmet mehr vom Geist Raymond Chandlers und zeigt ein pulsierendes Leben. Dieser Film ist irgendwie tot. Weil er letzten Endes aus der Retorte kommt. Ich zitiere dazu einmal den Drehbuchautor über die Entstehung des Filmes:

Then I saw a copy of Old West Magazine that was part of the L.A. Times, this was about 1969. In it, was an article called “Raymond Chandler’s L.A.” I don’t remember the copy that well, but the part that got me were about half a dozen photographs taken in 1969 meant to represent L.A. in the ‘30s. There was a shot of a Plymouth convertible under one of those old streetlamps outside of Bullock’s Wilshire. There was a shot of a beautiful Packard outside of a home in Pasadena. There was another shot of the old railway station downtown. I looked at them, and realized ‘My God, with a selective eye, you could recreate the L.A. of the ‘30s.’ Then owing to a number of other experiences—walking on the Palisades and things like that which brought back a lot via sense memory, I began to realize and reflect upon how much I felt had been lost about the city in the intervening 30-35 years. ’37 was just beyond my recall, but the ‘40s weren’t, and pre-1945 they were basically the same thing. 

So I thought about that, and then, since we were stuck in limbo on The Last Detail, I went to Jack (Nicholson) and said ‘What if I wrote a detective story set in L.A. of the ‘30s?’ He said “Great.” The one feeling I had was a desire to try and recreate the city. But that was just the beginning. Then owing to a building project near where I lived, I got a chance to see the corruption of city hall first-hand, which is where that element of the plot got into Chinatown. I then had to go to Oregon where Jack was filming Drive, He Said. I hadn’t really read Raymond Chandler at that point, so I started reading Chandler. While I was there at University of Oregon, I checked out a book from the library called “Southern California Country: Island on the Land.” In it was a chapter called “Water, water, water,” which was a revelation to me. And I thought ‘Why not do a picture about a crime that’s right out in front of everybody. Instead of a jewel-encrusted falcon, make it something as prevalent as water faucets, and make a conspiracy out of that. And after reading about what they were doing, dumping water and starving the farmers out of their land, I realized the visual and dramatic possibilities were enormous. So that was really the beginning of it.

In Chinatown gibt es jetzt auch mal mit Faye Dunaway eine richtige Frau und nicht diese stereotypen magersüchtigen blonden Kindfrauen. Aber mit Nasti Kinski in Tess kehrt Polanski wieder zu seinem Frauentyp zurück. Es ist der erste große Erfolg (drei Oscars und der César) nach dem Skandal von 1977. Polanski floh aus den USA, weil er der Verurteilung wegen Vergewaltidung einer Minderjährigen entgehen wollte. Zwei Jahre später wusste er in einem Interview mit Martin Amis dazu nur zu sagen: If I had killed somebody, it wouldn’t have had so much appeal to the press, you see? But… f—ing, you see, and the young girls. Judges want to f— young girls. Juries want to f— young girls. Everyone wants to f— young girls! Ich glaube, das bedarf keines weiteren Kommentars. Hätte Nabokovs Humbert Humbert das gleiche gesagt? Und natürlich ist Polanski immer ein ➱Opfer der Justiz gewesen.

Tess ist die Verfilmung des Romans Tess of the d'Urbervilles von Thomas Hardy, der den Untertitel A Pure Woman hat. Für diesen Film ist der Vergewaltiger Polanski ja bestens qualifiziert. Angeblich ist Hardys Roman der Lieblingsroman seiner Frau Sharon Tategewesen (der Polanski den Film auch widmete). Ein wenig abgeschmackt ist das Ganze schon. Es lohnt sich, Tess of the D'Urbervilles zu lesen, es lohnt sich nicht, die DVD zu kaufen. Dies ist ein Ausstattungsfilm mit der Ästhetik des Werbefilms, Visconti für Arme. Wenn Sie eine gute Hardy Verfilmung sehen wollen, schauen Sie sich Schlesingers Far from the Madding Crowd an.

Ich glaube, ich höre jetzt mal auf, es wird nicht besser. Ich brauche jetzt nur noch einen schönen Schluss. Bei dem Film Das Messer im Wasser konnte Polanski nur mit Mühe davon abgebracht werden, die Rolle des Jungen zu spielen, die dann Zygmunt Malanowicz bekam. Am Ende des Films sagt Jolanta Umecka zu dem Jungen: Du bist wie er, nur halb so alt und doppelt so dumm. Das wäre dann ein schöner Satz für Polanski gewesen. Aber Scherz beiseite, so kann man mit Achtzigjährigen nicht umgehen, so gebe ich dem Geburtstagskind noch etwas aus Shakespeares Macbeth mit auf dem Weg:

Tomorrow, and tomorrow, and tomorrow
Creeps in this petty pace from day to day
To the last syllable of recorded time;
And all our yesterdays have lighted fools
The way to dusty death. Out, out, brief candle!
Life's but a walking shadow, a poor player
That struts and frets his hour upon the stage,
And then is heard no more. It is a tale
Told by an idiot, full of sound and fury,
Signifying nothing.

Donnerstag, 15. August 2013

Aufklärung


Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines andern zu bedienen. Sapere aude! Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! ist also der Wahlspruch der Aufklärung.

Sagt Immanuel Kant. So steht es auch im Wörterbuch der Brüder Grimm unter dem Stichwort Aufklärung. Dem Zitat war noch ein zweites Zitat von Kant (in der typischen grimmschen kleinschreibung) vorangegangen: die aufklärung ist die maxime jederzeit selbst zu denken und befreiung vom aberglauben heiszt aufklärung, weil, obschon diese benennung auch der befreiung von vorurtheilen überhaupt zukommt, jener doch vorzugsweise ein vorurtheil genannt zu werden verdient. Und dann folgte ein Zitat von Lichtenberg: man spricht viel von aufklärung und wünscht mehr licht. mein gott, was hilft aber alles licht, wenn die leute entweder keine augen haben, oder die, welche sie haben, vorsätzlich verschlieszen. Wir sollten diese Sätze nicht ganz vergessen, denn Aufklärung wird heute nicht mehr als philosophischer Begriff gehandelt, er scheint nur noch etwas mit dem Militärischen zu tun zu haben.

Also mit Schlagzeilen wie Pofalla verspricht vollständige Aufklärung der NSA-Affäre. Eine Zeile, die von einem Spiegel Redakteur geschrieben wurde, der offensichtlich einen feinen Sinn für das Absurde hat. Aufklärungsbedarf allerorten, aber wird jemals etwas aufgeklärt? Was macht die NSA mit den riesigen Datenmengen, die sie tagsüber gesammelt haben? Lesen die das abends? Wahrscheinlich kommen sie sich dann so vor wie in diesem wunderbaren ➱Sketch von Bob Newhart, der das berühmte infinite monkey theorem schön illustriert.

George Orwell hat sich mit seinem Romantitel 1984 nur ein wenig im Datum vertan. Ignorance is Strength ist eine der Parteimaximen in seinem Roman. Das reklamiert auch die Bundeskanzlerin für sich. Weil das Internet Neuland ist, was weiß denn ich? Es hat lange gedauert, dass in der Diskussion erste Verfassungsrechtler darauf hinwiesen, dass die Souveränität der Bundesrepublik eh eingeschränkt sei. Letztlich können die Amis machen was sie wollen. Steht im Zusatzabkommen zum Nato-Truppenstatut vom 3. August 1959, was nichts als die Fortschreibung der Besatzungsrechte der Alllierten ist. Und dann haben wir da noch ein Gesetz, bei dem der § 21 lautet: Einschränkung von Grundrechten. Das Grundrecht des Brief-, Post- und Fernmeldegeheimnisses (Artikel 10 des Grundgesetzes) wird durch dieses Gesetz eingeschränkt. Sie können das ganze Gesetz dazu ➱hier lesen. Vielleicht sollte man den Satz von Lichtenberg Dinge zu bezweifeln, die ganz ohne weitere Untersuchung geglaubt werden, das ist die wichtigste Hauptsache allüberall darüber schreiben.

Der Verrat ist keine Sache des 20. Jahrhunderts, wie der Buchtitel von ➱Margret Boveri suggeriert. Das Böse ist immer und überall. Es geht immer darum, dass irgendjemand spioniert. Für irgendeinen Zweck, und wenn es ad maiorem Dei gloriam ist. In der Spionage heiligt der Zweck ja sowieso die Mittel. Ein Tyrann ist durch seine Spione und Kreaturen überall, wusste schon Seume. Spion ist ein altes Wort, im Mittelhochdeutschen (auch so eine nutzlose Sprache, die ich mal lernen musste) heißt das Verb spehôn. Im Englischen heißt es spy, das ist der gleiche Wortstamm. Der erste Beleg für das Wort spy im Englischen findet sich übrigens in der Bibel, das Alte Testament ist voll von Spionen und Spionage. Die Geschichte auch, Geheimdienstnetze kennt man seit den alten Ägyptern. Der Geheimdienst von Sir Francis Walsingham zur Zeit Elizabeths I war vielleicht besser organisiert als MI 5 und MI 6 heute. Von unseren Diensten gar nicht zu reden. Mir gefällt dieses Wort Dienste immer so gut. Dienstleistungen der besonderen Art.

Ich hatte mal ein Angebot aus Pullach. Ich hatte gerade meinen Doktortitel und meine erste Stelle an einer Uni, da bekam ich Besuch von einem geheimnisvollen Herrn. Er hatte sich zuvor schriftlich und telephonisch angekündigt. Er kannte offensichtlich meine ganze Bundeswehr Dienstakte und wusste, welche Nato Geheimhaltungsstufe ich als S 3 Offizier des Bataillons gehabt hatte. Ich habe seine Visitenkarte immer noch. Finanziell war das Angebot vielleicht verlockend, die zahlten mehr als die Uni, aber ich sah mich weder als James Bond noch als Schreibtischtäter. Und so sagte ich dem BND dankend ab. Ich hielt schon damals diese ganzen Dienste für schlichtweg unfähig. Chef des BND wäre ich eh nicht geworden.Wenn ich mich damals auch für einen kurzen Augenblick gebauchpinselt fühlte, dass man mir dieses Angebot machte, weiß ich inzwischen, dass meine Universität damals die Namen aller frisch gekürten doctores mit Adressen an den BND weitergab. Ich weiß inzwischen auch, dass der BND damals dringend Leute brauchte. weil in den sechziger Jahren das große Saubermachen begonnen hatte und man sich langsam von den alten Nazis zu trennen begann, mit denen Reinhard Gehlen diesen Dienst aufgebaut hatte.

Jahre vor dem Treffen mit dem Herrn aus München-Pullach hatte ich schon einmal etwas mit einem Geheimdienst zu tun. Diese Geschichte ist so schreiend komisch, dass ich sie unbedingt mal eben erzählen muss. Ich war junger Soldat, noch in der Grundausbildung, als ich eines Tages zu meinem Kompaniechef befohlen wurde. Der Kompaniefeldwebel (es ist derselbe, den ich in dem Post ➱Beinkleider erwähnte) geleitet mich zum Chef mit dem mitleidigen Lächeln, das man für einen Todgeweihten hat. Mein Kompaniechef sagte mir, dass im Nebenzimmer zwei Herren säßen. Die kämen vom Militärischen Abschirmdienst aus Köln, ich müsse alle ihre Fragen wahrheitsgemäß beantworten. Die beiden Männer (Herren wäre jetzt nicht der richtige Ausdruck) im Nebenzimmer sahen genauso aus, wie man sich Agenten in einem B-Picture vorstellt. Sie trugen billige Trenchcoats, die sich nicht ablegten, hatten abgeschabte Aktentaschen. Einer hatte einen Cordhut, der andere einen Luis Trenker Hut. Sie saßen auf dem Sofa, auf dem der Chef manchmal seine Mittagspause machte, boten mir aber nicht an, Platz zu nehmen. Sie konfrontierten mich mit der Behauptung, ich hätte bei meiner Einstellung als Offiziersanwärter falsche Angaben gemacht.

Man schüchtert mich nicht leicht ein, ich bin immer ein frecher Hund gewesen. Vor diesen beiden Karikaturen von Geheimagenten hatte ich keine Angst, ich verlangte forsch Näheres. Und dann kam es: ich hätte verschwiegen, dass mein Onkel in Italien geboren wäre. Italien? fragte ich. Ja, sagten sie, steht hier, Mogilno. Es fiel mir sehr, sehr schwer, an dieser Stelle keinen Lachanfall zu bekommen. Mogilno liegt nicht in Italien, es liegt heute in Polen. Damals war es noch Deutschland, denn seit der Ersten Polnischen Teilung 1772 gehörte es zu Preußen. Man muss sich das einmal vorstellen, da machen zwei Beamte eines Geheimdienstes eine Dienstreise durch die halbe Republik, um sich zu blamieren. Um etwas herauszufinden, was ihnen ein Blick in ein Lexikon oder auf eine Landkarte hätte sagen können. Die Herren in den Trenchcoats hatten es jetzt schwer, einen geordneten Rückzug anzutreten. Sie raschelten mit ihren Akten und sagten mir in verschwörerischem Ton, ich dürfe niemandem, auch meinem Chef nicht, vom Inhalt dieser Unterredung ein Wort erzählen. Ich nehme mal an, dass die militärische Geheimhaltung dieses Vorfalls nach einem halben Jahrhundert aufgehoben ist. Gegenüber meinem Chef hatte ich keinerlei Bedenken, ihm die Geschichte in allen Details zu erzählen, kaum dass der Besuch aus Köln aus dem Haus war. man spricht viel von aufklärung und wünscht mehr licht. mein gott, was hilft aber alles licht, wenn die leute entweder keine augen haben, oder die, welche sie haben, vorsätzlich verschlieszen.

Ich besitze noch ein kleines Erinnerungsstück an diese Geschichte. Diesmal keine Visitenkarte wie von dem soignierten Herren aus Pullach. Nein, ein billiger Aufkleber, auf dem steht Spionage ist ein Teufelskreis. Wir helfen Ihnen raus. Rufen Sie uns an: Köln 4713. So etwas ist heute schon in der ➱Objektdatenbank des DHM, rubriziert als Aufkleber mit einem Hilfsangebot an Spionage-Opfer und -Täter aus der Zeit des Kalten Krieges. Was ich damals nicht wußte: der Chef des MAD war ein Brigadegeneral namens Josef Selmayr, 1945 als Kriegsverbrecher zu fünfzehn Jahren Gefängnis verurteilt, aber schon nach fünf Jahren freigelassen. Und dann sogleich, wie hunderte von Leuten aus SS, SD und Gestapo im Amt des ehemaligen Generalmajors Reinhard Gehlen. In der Spiegel Affäre spielte er auch eine unrühmliche ➱Rolle. Es findet immer zusammen, was zusammengehört. Mein Kompaniechef ist übrigens irgendwann noch Oberst im Generalstab geworden, so gute Leute wie er wurden nie General. Ich habe mit der Bundeswehr heute nichts mehr im Sinn, vor einem halben Jahrhundert, in der Restphase des Kalten Kriegs, war es das große Abenteuer. Ich habe von meinem Kompaniechef (aber auch von vielen anderen) viel für das Leben gelernt. Ich mache keinen Hehl daraus, dass ich Glück mit dem Offizierskorps meines Bataillons hatte. Ich habe das schon einmal in dem Post ➱Winston Churchill gesagt, der im Augenblick bei den Lesern ein Bestseller ist.

Gehlen konnte auf einer gutgeölten Maschinerie aufbauen, wer nicht bei ihm unterschlüpfen konnte, fand vielleicht Beschäftigung auf der anderen Seite der Grenze. Die hatten ein ganzes Ministerium unter der Leitung des Genossen Generaloberst Erich Mielke, wir hatten nur Dienste. Dienste klingt immer harmlos. Die da drüben bespitzelten ihre ganze Bevölkerung, wir taten das natürlich nicht. Wir hatten nur diese Dienste, die gegen die ermittelten, die wenn die Sonne, bezeichnenderweise im Osten und rot hinter Wolken aufgeht ihre Unterwanderstiefel anzogen und an ihr illegales Untertagwerk ran gingen.

In der DDR hatten sie unter dem Genossen Generalleutnant Markus Wolf (hier in weißer Uniform) natürlich noch nicht die technischen Möglichkeiten der NSA, aber sie wussten viel, sehr viel. Als ich bei der Bundeswehr war, hörten wir immer den Sender, der sich durch bum, bom, bu-bu-bom – Deutscher Soldatensender – Mittelwelle 935 kHz ankündigte. Und der schon wusste, wann der nächste Nato-Alarm war, wenn Kompaniechef und Bataillonskommandeur noch keine Ahnung davon hatten. Die hätten vielleicht auch herausgekriegt, wo Mogilno liegt.

Seit jenem Tag im Nebenzimmer des Büros meines Kompaniechefs habe ich ein unerschütterliches Vertrauen in die Geheimdienste. Und natürlich auch in Herrn Pofalla, der die Geheimdienste koordiniert. Ist denn die Geschichte mit Mr Wormold, dem Staubsaugervertreter in Havanna in Graham Greenes Our Man in Havana so verschieden von meinen beiden Geheimdienstkomikern? Graham Greene läßt eine Romanfigur in seinem Roman The Ministry of Fear in einem Traum sagen: It sounds like a thriller, doesn't it, but the thrillers are like life – more like life than you are, this lawn, your sandwiches, that pine. You used to laugh at the books Miss Savage read — about spies, and murders, and violence, and wild motor-car chases, but, dear, that's real life...The world has been remade by William Le Queux.

The thrillers are like life: Das ist ein Motiv, das viele Autoren von Spionageromanen verwenden, manche haben vielleicht sogar an den Satz geglaubt. Angeblich soll der sowjetische Geheimdienst alle Romane von Ian Fleming gelesen haben. Fiktion und Realität scheinen jederzeit beliebig austauschbar zu sein. Jeden Abend von 18 bis 20 Uhr rettet auf SAT 1 der Special Agent Jethro Gibbs vom NCIS die Welt vor der Al Kaida. Das können wir sehen, daran können wir glauben. Wir können daran glauben, dass James Bond (von wem auch immer er gespielt wird) jederzeit die Welt rettet. Jetzt haben Verschwörungstheorien Hochkonjunktur.

Wir richten unsere Augen auf diese spektakulären Figuren, aber wir denken keinen Augenblick an jene, die in der Wirklichkeit jeden Augenblick die Welt retten. Nämlich die vierzigtausend Mitarbeitern der NSA. Die sind die wahren global player in dem Great Game (ein Begriff, der übrigens in Rudyard Kiplings Roman Kim steht). Ich wollte den NSA Agenten einen Dankesgruß schicken und habe auf der ➱NSA Homepage auf Contact gedrückt. Und was passiert? Es kam eine Seite mit: Internal Server Error - Read The server encountered an internal error or misconfiguration and was unable to complete your request. Reference #3.cf4bf6d8.1376062885.a40b9a Muss ich mir jetzt Sorgen machen? man spricht viel von aufklärung und wünscht mehr licht. mein gott, was hilft aber alles licht, wenn die leute entweder keine augen haben, oder die, welche sie haben, vorsätzlich verschlieszen.

Es wird nie aufgeklärt werden, wer seit wann was aufklärt. Da bin ich sicher. Uns bleibt nichts anderes übrig, als zu warten, was uns Herr Pofalla erzählt. Wenn er sagt: Der Vorwurf der vermeintlichen Totalausspähung in Deutschland ist nach den Angaben der NSA, des britischen Dienstes und unserer Nachrichtendienste vom Tisch. Es gibt in Deutschland keine millionenfache Grundrechtsverletzung, wie immer wieder fälschlich behauptet wird, dann glaube ich das. Und wenn die Bundesliga erst richtig angefangen hat, interessieren wir uns sowieso nicht mehr für die NSA. Wenn dieser Edward Snowden nicht noch mehr mehr Geheimnisse auf seinem USB Stick hat und peu à peu an die Öffentlichkeit bringt. In der Zwischenzeit können wir uns natürlich eine DVD von Men in Black kaufen. Weil Men in Black die einzig passende Parabel für unsere Zeit ist. Weil nur diese Geheimagenten dieser geheimnisvollen Behörde einen Einblick auf die Welt haben, die wir nicht sehen können. Weil wir auch gar nicht ahnen, können, wie oft sie die Welt retten. Und welche Zeitungen liest Tommy Lee Jones, wenn er wissen will, was im Paralleluniversum los ist? Ja, die Weekly World News mit ihrem Untertitel The World's only reliable Newspaper die einzige Zeitung ist, die uns die Wahrheit sagt.

Lassen Sie uns einmal einen Blick auf die Bilder der Geheimdienstchefs werfen. Dies ist General Keith B. Alexander, das Gesicht der NSA. Der Herrscher über den Datenmüll. Der kann die deutsche Aufregung gar nicht verstehen. Er trägt hier die neue Operettenuniform der amerikanischen Armee. Die mit ihren Schulterstücken ein wenig nach der Uniform der Nordstaaten im Bürgerkrieg aussieht. Damals gab es natürlich auch schon Geheimdienste. Wenn Sie mal einen richtig guten Geheimdienstroman aus dem Civil War lesen wollen, dann kann ich American Falls von John Calvin Batchelor unbedingt empfehlen (wurde damals von Rezensenten mit ➱Michael Shaaras Killer Angels verglichen). Seit es die NSA gibt, haben die immer einen General als Direktor. Wenn er vorher noch keine vier Sterne auf der Schulter hatte, dann bekommt er die im Amt. Dass die neue Uniform jetzt dunkelblau ist, soll nicht an den Bürgerkrieg sondern an die Uniform von George Washington erinnern. Der hatte aber nicht soviel Generalsterne wie der NSA Chef.

Auf die Frage Does the NSA really keep a file on everyone? hat Alexander geantwortet No, we don’t. Absolutely no. And anybody who would tell you that we’re keeping files or dossiers on the American people knows that’s not true. Und bei anderer Gelegenheit sagte er Those who would want to weave the story that we have millions or hundreds of millions of dossiers on people, is absolutely false… From my perspective, this is absolute nonsense. Solche Sätze produziert er in den letzten Jahren ziemlich gebetsmühlenartig. Klingt wie Pofalla. Die gefährlichsten Unwahrheiten sind Wahrheiten, mäßig entstellt, sagt Lichtenberg.

In Deutschland haben wir gar keine Generäle mehr in den Diensten, selbst der Militärische Abschirmdienst hat neuerdings Zivilisten als Chefs. Und beim BND war Reinhard Gehlen (hier im typischen Zivil der Spione, dieser wunderbaren Eleganz des Kalten Krieges) der erste und letzte General. Wir sind eben ein friedliebendes Land. Der jetzige Chef des BND war mal Fallschirmjäger, dazu sage ich jetzt mal gar nichts. Wir waren vor einem halben Jahrhundert die einzige Infanteriebrigade der Bundeswehr, die ein Bataillon Fallschirmjäger besaß. Ich erzähl' da mal lieber nichts von, es gibt noch Geheimnisse. Bei mir sind die gut aufgehoben.

Von den Franzosen hört man in dem ganzen Trubel ja gar nichts. Entweder dürfen die beim Great Game nicht mitspielen, oder sie machen das so secrète, dass nichts davon nach außen dringt. Dieser Herr sieht eher wie ein Versicherungsvertreter aus, dem seine Frau das falsche Hemd und den falschen Schlips herausgelegt hat. Er ist aber Chef der Direction Générale de la Sécurité Extérieure. Wahrscheinlich nur, weil Hubert Bonisseur de La Bath (alias OSS 117) längst in Rente ist. Falls Sie diesen Geheimagenten (der vielleicht das Vorbild für James Bond war) nicht kennen, kann ich die Romane von Jean Bruce unbedingt empfehlen.

Der ehemalige Fallschirmjäger neben der deutschen Flagge (die Nähe zu einem solchen Symbol macht sich immer gut) ist der jetzige BND Chef. Ist natürlich nicht so elegant wie Reinhard Gehlen. Können wir solchen Leuten vertrauen? Also Männern, die Buttondown Hemden zu Anzügen tragen? Und dann offensichtlich noch Kurzarmhemden? Die beiden Jungs aus Köln, die nicht wussten, wo Mogilno war, waren ja auch keine Empfehlung für die Herrenmode. Große Dandies wie Ian Fleming und sein Geschöpf James Bond hätten sich für sie geschämt.

Das hier ist sein englischer Kollege Sir John Sawers. Schon etwas eleganter. Nicht so prollig gekleidet wie unser deutscher Geheimdienstchef. Aber er versagt letztlich auch völlig. Kein Gentleman steckt im Gespräch mit einer Dame die Hände in die Hosentaschen! Was ist das nur für ein Pack. Da sehnt man sich doch zu den fünfziger Jahren zurück, als James Bond in den Anzügen von ➱Anthony Sinclair die Welt rettete und M (immer ein Gentleman) elegant hinter seinem Schreibtisch saß.

Dass der englische Geheimdienstchef nur einen Buchstaben trägt, wissen wir, seit der Schriftsteller Compton Mackenzie das enthüllt hat. Hat ihn in Old Bailey eine Menge Geld gekostet, dass er gegen den ➱Official Secrets Act verstoßen hat. Mackenzie, der auch hervorragende Spionageromane wie The Three Couriers und Water on the Brain geschrieben hatte wusste, worüber er schrieb. Er war schließlich selbst Geheimdienstoffizier gewesen. Zwanzig Jahre nach seiner Verurteilung wurde er übrigens geadelt. Mackenzie ist nicht nicht der einzige Schriftsteller von Spionageromanen gewesen, der im Geheimdienst gewesen war. Auch John Buchan, Graham Greene, Ian Fleming und John le Carré (um nur einige zu nennen) können auf solche Erfahrungen zurückgreifen. In Water on the Brain hat sich Mackenzie dafür gerächt, dass die Geheimdienste seine Memoiren verboten haben. Der Geheimdienst muss in dem Roman seinen Sitz Pomona Lodge im Norden Londons aufgeben, weil ein Spionageromanautor in einem Roman den Ort enthüllt hat, und Mackenzie setzt noch eins drauf: Pomona Lodge is now an asylum for the servants of bureaucracy who have been driven mad in the service of their country.

Dies hier ist Sir George Mansfield Smith-Cumming, der erste englische Geheimdienstchef. Er pflegte alle Akten mit grüner Tinte mit dem Kürzel C abzuzeichnen, was seine Nachfolger übernahmen. Nur in den Romanen von Ian Fleming nicht, da heißt Sir Miles Messervy schlicht M. Und kann natürlich nur durch Bernard Lee dargestellt werden. Aber wenn die Geheimdienstchefs auch die Aura des Gentleman haben, sollen wir uns nicht täuschen lassen. Spionage ist ein schmutziges Geschäft, sagt man gemeinhin. Sie streitet sich mit der Prostitution um den Titel, das älteste Gewerbe der Welt zu sein.

Dass die Spione in Compton Mackenzies Roman in der Irrenanstalt landen, ist ein schöner Gedanke. Vielleicht ist die NSA Zentrale, die man Crypto City nennt, ja nichts anderes als Mackenzies Pomona Lodge. Eine Heimat für paranoide Computer nerds. Was wird aus all den Spionen? Also außer denen, die Spionageromane schreiben oder whistleblower werden? Man kann der Welt entkommen, der Amerikaner ➱Benjamin Thompson wäre da ein schönes Beispiel. Er beginnt im amerikanischen Unabhängigkeitskrieg als Spion der Engländer. Erfindet sogar eine unsichtbare Tinte. Und was wird aus ihm? Ein Mann der Aufklärung, der Wissenschaft, ein Wohltäter der Menschheit.

Er sollte all den Spionen mit Schlapphut oder den spionierenden nerds am Computer ein Vorbild sein. Werdet Aufklärer! Wagt zu denken! Bedenkt immer, dass der Präsidentschaftskandidat Obama vor fünf Jahren gefordert hat: Protect Whistleblowers: Often the best source of information about waste, fraud, and abuse in government is an existing government employee committed to public integrity and willing to speak out. Such acts of courage and patriotism, which can sometimes save lives and often save taxpayer dollars, should be encouraged rather than stifled. We need to empower federal employees as watchdogs of wrongdoing and partners in performance. Barack Obama will strengthen whistleblower laws to protect federal workers who expose waste, fraud, and abuse of authority in government. Obama will ensure that federal agencies expedite the process for reviewing whistleblower claims and whistleblowers have full access to courts and due process. Nein, das ist jetzt keine böse Satire, die ich mir eben ausgedacht habe, das steht in Obamas ➱Wahlkampfprogramm 2008. Was kümmert mich mein Geschwätz von gestern? Aber lassen wir uns nicht entmutigen, man spricht viel von aufklärung und wünscht mehr licht. mein gott, was hilft aber alles licht, wenn die leute entweder keine augen haben, oder die, welche sie haben, vorsätzlich verschlieszen. Es gibt viel zu tun, packen wir's an. Yes, we can.

Come, my friends, 'tis not too late,
For we are the movers and shakers
Of the world for ever, it seems;
To strive, to seek, to find and not to yield.

Und wenn Sie alles zum Spionageroman - der ja eine Art von ➱factifiction ist - wissen wollen, dann klicken Sie ➱hier. Ist amüsanter als die Erklärungen von Herrn Pofalla.

Mittwoch, 14. August 2013

cloak and dagger


Der Kern, die völkerrechtliche Verbindung, die ja Gesetzeskraft hat in der Bundesrepublik, das ist das Zusatzabkommen zum Nato-Truppenstatut vom 3. August 1959, das dann 1963 in Kraft getreten ist. Beide Seiten sind verpflichtet, alle Informationen, die der Sicherheit der einen oder der anderen oder der gemeinsamen Sicherheit dienen, unmittelbar zur Verfügung zu stellen. Und diese Informationen beziehen sich auf alle Überwachungsmaßnahmen, die durchgeführt werden, seien es Einzelüberwachungen, seien es strategische Überwachungen. Eine quantitative Begrenzung von Überwachungsvolumina gibt es nicht in diesem Zusammenhang. Und dieses ist weiter die rechtliche Grundlage. Hat der Historiker Professor Josef Foschepoth in der Badischen Zeitung am 3. August 2013 gesagt.

Hat dieser Pofalla etwas dazu gesagt? Wir verlieren langsam die Übersicht. Diese ➱Kolumne des Spiegel ist wahrscheinlich auch schon überholt. Die NSA ist bei ➱Facebook. Wo sonst? Auf der NSA Facebook Seite haben auch das Weiße Haus und die Princeton University auf den Gefällt mir Knopf gedrückt. Und ein gewisser ➱James R. Clapper (Regierungsbeamter). Dieser James R. Clapper ist kein einfacher Regierungsbeamter, er ist Director of National Intelligence. Er hat ihm Frühjahr den Kongress belogen, aber bislang ist ihm nichts passiert. Der Direktor der NSA hat gerade vor vierzehn Tagen bei der Black Hat Konferenz die Rolle der NSA allgemeinverständlich für die Amerikaner erklärt: hören Sie ihm ➱hier doch einmal zu. Auf der NSA Facebookseite schreibt irgendein Fan der NSA: The constitution was written before electricity. Had the founding fathers known that someday China could ruin our country with a cyber attack, they would definitely support the NSA. Ja, definitely. Und wenn ➱Benjamin Franklin statt des Blitzableiters den Computer erfunden hätte, hätten die Amerikaner mit ihrer nationalen Paranoia schon früher beginnen können.

Aber bleiben wir gelassen. Wir sagen mit Nina Ruge: Alles wird gut. Und damit Sie sich im Dschungel der Lüge besser zurechtfinden können, gibt es hier morgen den ultimativen Post, der Aufklärung heißt. Nichts bleibt verborgen. For your eyes only. Wenn Sie morgen diesen Blog anklicken, sind Sie wahrscheinlich direkt mit der NSA verbunden.