Sonntag, 22. Juni 2014

WM


Ich kann den Opdenhövel ja nicht ausstehen. Allerdings bin ich wahrscheinlich ungerecht. Ich habe das literarische Hauptwerk des Stefan Raab Schützlings, Die Schnellficker-Schuhe und andere Geschichten, nämlich gar nicht gelesen. Es wird ja auch leider schon verramscht. Dafür ist seine Karriere bei der ARD, wie man so sagt, meteorisch. Früher kommentierte er Stefan Raabs Wok WM, jetzt kommentiert er die Fußball WM. Wer Wok kann, kann auch Fußball. Vor allem, wenn er die Schnellficker Schuhe anhat.

Richard Weber nannte Opdenhövel im Tagesspiegel jüngst einen verkrampften Witzstreber. Diesem Journalisten sollte man sowieso die Fernsehkritik verbieten. Schreibt der doch: Vor dem Spiel, Schalten zum Reporter, Nachbetrachtungen und das übliche Fußball-Nachrichten-Grundrauschen. Man bemüht sich, aber gefühlt werden da lauter kleine Lüftchen zum Orkan hochgejubelt. Unerreichter Höhepunkt - Sängerin Fernanda Brandao. Der personalisierte Alptraum, der von ARD-Programmdirektor Herres versprochenen „brasilianischen Leichtfüßigkeit“. Zuerst findet sie ganz leichtfüßig ein paar Kinder, die ihr ins Mikrofon sagen, dass Brasilien Weltmeister wird. Und dann kommt ihr Opa vor die Kamera. Er war 1950 wie rund 200.000 andere Zuschauer auch bei der Fußball-Schande im Maracanã mit dabei. Und er orakelt: Brasilien wird sicher Weltmeister. Super! Und morgen berichtet ein einheimischer Sack Kaffee von seinem Unfall. Schreibt man so über eine Expertin, die gerade ihren Weg von Dieter Bohlen zu Matthias Opdenhövel gefunden hat?

In einer Zeit, in der die Intendanten der Sendeanstalten mehr verdienen als die Bundeskanzlerin und das Programm immer flacher wird, kann das alles nicht überraschen. Als der kommerzielle Sender RSH 1986 in Schleswig-Holstein auf Sendung ging, zitierte die ➱Zeit Adolf Hitlers Satz Durch den Rundfunk wird der Gemeinde vorgesetzt, was ihr zuträglich ist: Musik unbegrenzt. Und ein satirischer Hörer schlug den Slogan Flach wie das Land für den Sender vor. Inzwischen ist das wahrscheinlich schon der Wahlspruch der sogenannten öffentlich-rechtlichen Sender. ARD und ZDF stehen sich da in nichts nach. Ich habe vor zwei Jahren hier in dem Post ➱Notting Hill Kritik an diesem Herrn Poschmann und seiner Berichterstattung von der Eröffnung der Olympischen Spiele in London geäußert. Heute muss ich sagen, ich war viel zu nett.

Aber was soll ich sagen? Der Fußball meiner Jugend liegt lange zurück. Es ist lange her, dass aus dem Radio die Stimme von Herbert Zimmermann klang: Aus dem Hintergrund müsste Rahn schießen, Rahn schießt und Tor, Tor Tor. Deutschland ist Weltmeister! Früher hatten wir einmal ➱Kurt Brumme im Radio. Oder Werner Hansch! Heute müssen wir Katrin Müller-Hohenstein, Matthias Opdenhövel und Fernanda Brandao ertragen.

Wir werden alt, die Helden unserer Jugend sind tot. Meine Fußballschuhe liegen gut geputzt im Keller, ich habe beim letzten Mal sogar die Schnürbänder gebügelt. Aber ich werde die Schuhe kaum noch anziehen, die Tage sind vorbei. Ich denke voller Nostalgie an all die Jahre auf den Stehplätzen der Stadien Norddeutschlands zurück. Ich denke auch gerne an all diese Freitagnachmittage auf dem Uniplatz zurück. Es war ein anderer Fußball. Dieser Satz von Albert Camus: Alles, was ich schließlich am sichersten über Moral und menschliche Verpflichtung weiß, verdanke ich dem Fußball, den habe ich damals verstanden. Könnte der Wok WM Kommentator den heute verstehen?

Als ich am ➱Bloomsday nicht über James Joyce, sondern über ➱1954 schrieb, beklagte sich ein Freund per Mail: schade: bloomsday gegen diese groehlfatzkes aus den stadien, besoffen von nationalismus: ekelig; der fussball ist verdorben von kopf bis zu den fuessen: die einschlaegigen namen kennst du besser als ich; ich freue mich schon jetzt auf den tag danach, nach dem kostspieligen, aufmerksamkeit besetzenden, spektakel ( brasilien bezahlt, die fifa sackt ein; was fuer schiessbudenfiguren!), das is eine andre kulturstufe ( insofern man da ueberhaupt von kultur sprechen kann), auch schimpansen kann man jenen sport beibringen. Ich hätte ihm antworten sollen, dass die Klagen über den Verfall und die Sitten sehr alt sind. Schon 1531 sprach Sir Thomas Elyot von: Foote balle wherin is nothinge but beastly furie and exstreme violence.

In diesem Blog hat es ja immer wieder etwas über das Spiel der beastly furie and exstreme violence gegeben, ich konnte es nicht lassen, meinen Vorlieben und Vorurteilen Ausdruck zu verleihen (bemühen Sie doch mal das kleine Suchfeld). Ich war gerade mal drei Monate im Internet, da schrieb ich einen Post, der ➱Fußballpoesie hieß. Und für den Fall, dass Sie mich damals noch nicht kannten, stelle ich den heute noch einmal ein:








Als Rudyard Kipling in seinem Gedicht The Islanders von den flannelled fools at the wicket or the muddied oafs at the goal schreibt, nimmt ihm das die Nation, die gerade die neuen Sportarten ➱Cricket und Fußball verinnerlicht hat, ein bisschen übel. Aber richtig tolle Fußballgedichte von richtigen Dichtern gibt es auch nicht. Also auf einer literarisch etwas höheren Ebene als Was ist grün und stinkt nach Fisch? Wärdär Breeeeemen. So wirklich schöne Gesänge fallen den deutschen Fans (reimt sich auf Hooligans) auch nicht ein. Englischen Fans schon, die haben ein breites Repertoire von Liedern. Singen Vereinshymnen zur Melodie von Rule Britannia und Land of Hope and Glory, oder singen ganz ohne Hilfe von Gotthilf Fischer You'll never walk Alone.

Irgendwie scheinen die Musen der Dichtung wie Melpomene, Euterpe und Polyhymnia den Ball nicht so zu mögen. Die größten Dichter dieses Genres heißen Sportreporter, die ständig neue Bilder und Metaphern prägen, wenn Netzer aus der Tiefe des Raumes kommt und das runde ins Eckige muss, weil das Spiel, auch das Spiel ohne Ball, neunzig Minuten dauert. Leider sieht man manche dieser Wort- und Gedankenkünstler, wie den unvergessenen Heribert Faßbender, heute selten auf dem Bildschirm. Das einmal verliehene epitheton ornans blieb damals auch ewig mit dem Namen des Spielers verbunden, Eisenfuß Hoettges, Sense Ackerschott. Eilts, der Ostfriesen-Alemao. Libuda, der Flankengott vom Kohlenpott. Der Begriff Schwabenschwuchtel für Klinsmann ist Harald Schmidt gerichtlich verboten worden, es gibt offensichtlich Grenzen der Metaphorik. Die Bildlichkeit der Sportreporter erreicht der Fußballer selber nicht, obgleich aber manche seiner Sätze von elementarer Wucht sein können. Wie Lothar Emmerichs Gib mich die Kirsche! Oder Sätze, die von einem Titanen gesprochen wurden.

Am Anfang seiner Karriere schrieb ein junger deutscher Dichter Gedichte wie:

     Die Aufstellung des 1. FC Nürnberg vom 27.1.1968

                                     Wabra
                           Leupold      Popp
         Ludwig Müller   Wenauer   Blankenburg
   Starek   Strehl   Brungs   Heinz Müller    Volkert
                                Spielbeginn
                                   15 Uhr

Als er das damals in dem Audimax meiner Universität vorlas, merkte der Autor der Publikumsbeschimpfung, dass das Wort Publikumsbeschimpfung ein doppelte Bedeutung haben kann. Und was ist mit den Ersatzspielern? gellte es von den Rängen. Dies Gedicht, das am Anfang der Dichterlesung von Peter Handke stand, markierte auch seinen Untergang an diesem Abend. Der Gesellschaftsschreck schreckte die studentische 68er Gesellschaft nicht, das Publikum war mit seinen Zwischenrufen witziger als Handke. Er hat sich dann auch der epischen Form zugewendet. Obgleich da auch noch Fußball vorkommt, wie in Die Angst des Tormanns beim Elfmeter. Der einzige poetische Gewinn, den wir aus dem Gedicht mitnehmen können, ist, dass damals noch nicht mit einer Viererkette gespielt wurde.

Und man muss natürlich auch festhalten, dass der österreichische Autor natürlich nicht im geringsten an an die dichterische Pracht der Hymne auf Bum Kun Cha von Eckhard Henscheid herankommt:

Schön ist, Mutter Natur, deiner Erfindung Pracht,
die den großen Gedanken vermochte, den
Knaben zu träumen, zu denken - und dann auch zu
bilden mit den schnellen, beseelten, jauchzenden
Füßen des Jünglings: Flink und flitzend,
flirrend und flackernd - nicht lange fackelnd,
doch feuernd und feiernd; den fühlenden Herzen
Frankfurts zur Freude.
Bum Kun Cha! Freund aus dem Osten! Fremdling bist
Du nicht länger - nicht bittres Los ist Exil
Dir. Heimat, die zweite, du fandst sie.

Also, ich höre hier mal auf, das geht jetzt noch über hundert Verse so weiter (➱hier im Volltext). Aber es zeigt auch, dass die große dichterische Form der Hymne hier die einzige Form für den Gegenstand ist. Man wird sie nicht für alle gebrauchen können. Einzeiler wie Schiri! Wir wissen wo dein Auto steht sind in ihrer Form unübertrefflich. Manchmal ist ein Vierzeiler auch schon genug, wie in dem Gedicht Nächtliches Stadion von Günter Grass

Langsam ging der Fußball am Himmel auf.
Nun sah man, daß die Tribüne besetzt war.
Einsam stand der Dichter im Tor,
Doch der Schiedsrichter pfiff: Abseits.

Nicht immer haben Dichter im Abseits gestanden. Joachim Ringelnatz dichtete seine Verse über den Fußballwahn ganz selbstverständlich. Aber der wollte ja mit dem Gedicht auch keine tiefere Bedeutung haben, obgleich die beiden letzten Verse durchaus bedenkenswert sind: Ich warne euch, ihr Brüder Jahns/vor dem Gebrauch des Fußballwahns.

Fußballer selbst dichten kaum. Sie können auch meistens nicht singen, wie die zahlreichen Aufnahmen von deutschen Nationalmannschaften beweisen. Meistens können sie nicht mal die Nationalhymne. Das ist vielleicht keine Schande. Deutsche Politiker haben das selbst beim Fall der Mauer nicht hingekriegt, und Hillary Clinton kann die amerikanische Nationalhymne auch nicht. Aber selbst, wenn man sich professionelle Sängerinnen für die Nationalhymne holt, kann das schiefgehen. Wie bei der ➱Sirene aus Delmenhorst (die mit ihrer kleinen Schwester immer eine Gefahr für Spieler von Werder Bremen wie Diego und Özil gewesen ist), die so schön Brüh' im Lichte dieses Glückes gesungen hat. Nur ein Lied, das für eine Nationalmannschaft geschrieben wurde, hat sich wirklich durchgesetzt. Nicht 1974 Fußball ist unser Leben, sondern 1996 Football's Coming Home.

Der Lorbeerkranz für ein unvergängliches Fußballgedicht gebührt sicherlich dem großen Dichter Kurt Feltz, denn den Refrain seines Liedes, den kennt jeder:

Der Theodor, der Theodor,
der steht bei uns im Fußballtor,
wie der Ball auch kommt,
wie der Schuß auch fällt,
der Theodor, der hält!
Die Männeraugen werden wach,
die Mädchenherzen werden schwach,
wie der Ball auch kommt,
wie der Schuß auch fällt,
der Theodor, der hält!
Und rollt der Angriff in unsern Strafraum,
dann kommt die Flanke und Schuß hinein!
Aber nein, aber nein, aber nein:
der Theodor, der Theodor
steht unbesiegt im Fußballtor,
wie der Ball auch kommt,
wie der Schuß auch fällt,
der Theodor, der hält, der hält,
ja unser Theodor, der hält, der hält!

Samstag, 21. Juni 2014

18th century: Georgian Era


Auf dem Umschlagtext von The Pleasures of the Imagination: English Culture in the Eighteenth Century lobt Simon Schama das Buch seines Kollegen John Brewer als brilliant und als eine Art Vauxhall Gardens of a book: an exuberant festival of ideas and incidents. Ganz so weit sollte man mit dem Lob vielleicht nicht gehen. Obgleich dieses Buch eines der besten und belesensten Werke zur Kultur Englands im 18. Jahrhundert und zur Entstehung der bürgerlichen Gesellschaft ist, wünscht man sich bei der Lektüre, dass Simon Schama das Buch und nicht den Klappentext geschrieben hätte. Brewer hat die Gelehrsamkeit und die Recherche von Schama, aber nicht unbedingt dessen leichte Hand der Präsentation.

Es fehlt diese sprezzatura, wie Graf Baldassare Castiglione (dem wir das Buch Il Cortegiano verdanken) es genannt hat. Aber das wäre auch schon die einzige Kritik an diesem Buch, denn ansonsten ist es eine Fundgrube. Oder, um im Bilde von Schama zu bleiben, ein Vergnügungspark aller Ideen und Strömungen, die das 18. Jahrhundert in England ausmachen.

Und bei allem, was man hier über Schriftsteller (dies ist das Jahrhundert, in dem die Engländer den Roman erfinden), den Literaturmarkt, die Malerei, das Theater, die Londoner Musikszene und die Herausbildung des englischen Nationalgefühls (erstaunlicherweise unter Königen aus Hannover) liest, hat man das Gefühl, dass sich heute wenig geändert hat.

Denn vieles, was jetzt im 18. Jahrhundert entsteht, prägt (wenn auch in variierter Form) die middle class in England heute immer noch. The Pleasures of the Imagination ist sicher ein hervorragendes Buch. Wenn es jetzt noch den zusätzlichen Pep hätte, diesen Schama touch, dann würde es von mir fünf Sterne bekommen. Ich habe es vor Jahren im Urlaub gelesen, und mich beim Lesen eigentlich immer geärgert. War wenig später aber dankbar, dass ich es gelesen hatte. Vielleicht war das Urlaubswetter damals zu schön. Wie gut, dass ich damals nicht Jeremy Blacks A Subject for Taste: Culture in Eighteenth-Century England mitgenommen hatte.

Das hätte ich wohl nicht zu Ende gelesen. Man hat Jeremy Black, der über neunzig Bücher geschrieben haben soll, the most prolific historical scholar of our age genannt. Doch Masse ist nicht Klasse. In der Liga von Simon Schama und John Brewer ist er nicht, da kann er schreiben, was er will. Jeremy Black hat mit George III: America’s Last King auch eine Biographie von George III geschrieben, aber die habe ich leider nicht gelesen. Dies Bild von ➱Richard Wilson zeigt den jungen George (rechts).

Gute Historiker sind in der englischsprachigen Welt nicht unbedingt rar. Gute Monster sind rar, wie Tolkien einmal sagte, aber an guten Historikern haben die Engländer keinen Mangel. Seit den Tagen von Thomas Carlyle, Thomas Babington Macaulay und G.M. Trevelyan beweisen sie der Welt, dass man kein Fachchinesisch schreiben muss. Dass man sich in gutem klaren Englisch ausdrücken kann. Und es ist für sie auch nie eine Schwierigkeit gewesen, selbsterfundene Grenzen des Faches zu überspringen, und sich in der Ideengeschichte (wie ➱Isaiah Berlin) zu bewegen. Oder bewusst auch für ein nicht-akademisches Publikum zu schreiben wie Arthur Bryant, Christopher Hibbert und Simon Schama. Von dem hätte ich hier eine wunderbare kleine Leseprobe, ➱Clio at the Multiplex, in der er auch eine ganze Menge über Historiker sagt. Das stand hier schon einmal in dem Post über ➱Eric Hobsbawm, ich wiederhole mich da gerne. Und Clio at the Multiplex sollten Sie unbedingt lesen. Das Bild hier zeigt Georg III, gemalt von seinem Lieblingsmaler Benjamin West.

Von den vier hannöverschen Georgs auf dem englischen Thron ist George III menschlich wohl der netteste und der gebildetste (er gibt sehr viel Geld für Bücher aus). Manche seiner Vorgänger aus Hannover konnten noch nicht einmal Englisch, er kann Latein (Deutsch und Französisch hatte er auch gelernt). In einer berühmten Anekdote, die uns von Sir Joshua Reynolds überliefert ist, ist der König in der Lage, mit einem Blick zu sehen, dass Poussins berühmtes Bild der Hirten von Arkadien etwas mit dem Tod zu tun hat. Dass das berühmte Et in Arcadia Ego, wie der König sagt, nichts anderes als ay, ay, death is even in Arcadia bedeutet. Erwin Panofsky hat diese Anekdote an den Beginn seines berühmten Aufsatzes Et in Arcadia Ego and the Elegiac Tradition gestellt. Lohnenswerte Lektüre.

Aber leider kommt das alles bei Christopher Hibbert in George III: A Personal History nicht so richtig herüber. Denn für ein Ekelpaket wie seinen Sohn George IV hat Hibbert in seiner zweiteiliger Biographie 300 Seiten mehr übrig. Seine Biographie über George IV und die Zeit der Regency ist wahrscheinlich das Netteste, was je über diesen Prinzen von Wales gesagt wurde. Ich gebe gerne zu, dass ich Christopher Hibbert Fan bin; aber je ne sais quoi: die Biographie von George III wirkt etwas blutleer, hat nicht den typischen Hibbert Touch.

Die Biographie verlässt auch kaum den Palast, konzentriert sich auf den Menschen, die Familie und die Höflinge. Und dennoch wird Georg nie so lebendig wie in Alan Bennetts The Madness of King George (Sie können übrigens den ganzen Film ➱hier sehen). George Washington, sein großer Gegenspieler, wird nur dreimal erwähnt, der amerikanische Revolutionskrieg findet auf wenigen Seiten statt. Die unter George III gegründete Royal Academy bekommt gerade mal zwei Seiten zugestanden, sein Lieblingsmaler ➱Benjamin West, mit dem er freundschaftlich verkehrt, wird nur dreimal erwähnt.

In seinem Buch The Court at Windsor: A Domestic History (1964) hatte Hibbert ein fünfzigseitiges Portrait von George III, das viel lebendiger war als George III: A Personal History. Dennoch, unter dem Strich bleibt George III: A Personal History eine faire und ausgewogene Biographie des Mannes, der der letzte König von Amerika war; aber es ist zweifellos nicht das beste Buch des Autors. Kommt nicht an Hibberts Buch über die Grand Tour heran, das ich an anderer Stelle hier noch besprechen werde. Weil es für die englische Grand Tour hier noch einen Post geben wird. Diese Grand Tour hat George übrigens nie gemacht, er hat die britische Insel nie verlassen. Er ist wenig gereist, von seinem Königreich kannte er eigentlich nur den Süden. Dennoch hatte er von seinem Reich mehr gesehen als seine Vorgänger.

Eine von Hibberts Quellen ist natürlich die Schriftstellerin Fanny Burney (die Jane Austen sehr schätzte), die einige Jahre Hofdame der Königin ist und in der ganzen Zeit am Hof ihr Tagebuch führt. Wir verdanken ihr eine Vielzahl von wunderbaren Anekdoten. Eine davon habe ich schon in dem Post ➱Fanny Burney wiedergegeben. Fannys Vater ist der Musikhistoriker Dr Charles Burney gewesen, den der König gut kannte. Der zu seinem Leidwesen keinen Posten am Hof bekommt, aber wenn Fanny Burney ihre Stelle erhält, ist dieses benefitting Dr Burney through his daughter ein Gunstbeweis. Das Bild hier zeigt die ältesten Töchter Georgs, gemalt von Gainsboroughs Neffen Gainsborough Dupont.

Der König, der sogar Kopisten beschäftigt, die ihm Noten abschreiben, verehrt ➱Georg Friedrich Händel. Und Bachs Sohn Johann Christian ist der Gesanglehrer der Königin. Wenn der achtjährige Mozart in London weilt, wird er selbstverständlich auch im Palast spielen. Als das Wunderkind mit seinem Vater draußen auf den Straßen vom Volk bejubelt wird, lässt der König, der gerade zufällig in seiner Kutsche vorbeifährt, das Kutschenfenster herunter und winkt dem kleinen Mozart fröhlich zu. Und wenn der König im Sommer 1789 aus einem in die See gerollten Badewagen steigt, dann steht da schon eine kleine Kapelle im Wasser und spielt God Save the King. Dass er den Verlust der amerikanischen Kolonien mit einer Parodie von Viva la Vida beklagt hat, das ist allerdings nicht wahr, das gibt es nur in diesem pädagogischen ➱Video.

Nach unseren drei Georgs aus Hannover wird ein ganzes Zeitalter als Georgian bezeichnet (der Staat Georgia in den USA natürlich auch), ein Zeitalter, das in George III wohl seinen Höhepunkt findet. Seine sechzigjährige Regierungszeit ist auch Gegenstand des Prunkbandes George III & Queen Charlotte: Patronage, Collecting and Court Taste von Jane Roberts. Erschienen bei einem Verlag, der Royal Collection Enterprises heißt. Gedruckt witzigerweise mit finanzieller Unterstützung der Deutschen Bank. Im Vorwort erzählt Queen Elizabeth, dass auch sie mit dieser simplen Vorstellung vom einfältigen, wahnsinnigen König aufgewachsen sei: Brought up as most people then were on the stereotypical view of George, I myself only gradually came to appreciate the full extent of the King's achievements.

Aber dann habe die Lektüre des Buches King George III von John Brooke alles für sie geändert. Ein Buch im übrigen, das antiquarisch noch preiswert zu finden ist. Das Buch wurde damals von der Presse gefeiert: Deserves to rank for many years as the standard life (Sunday Times), Indispensable... likely to become the standard biography (Sunday Telegraph), An important book calculated to please the scholar and general reader (Times Literary Supplement). Meine 640-seitige Paperback Ausgabe von 1974 hat sogar ein Vorwort vom Prince of Wales. Das Bild, das einen beinahe privaten George III zeigt, wurde von Peter Edward Stroehling gemalt.

Das Buch ist vielleicht ein klein wenig dröge, aber keinesfalls schlechter als die Biographie von Hibbert, der Schwerpunkt liegt allerdings im Gegensatz zu Hibbert auf der politischen Person George III. Erstaunlicherweise wird der Name ➱George Washington im Index nicht erwähnt, die Engländer haben immer noch eine seltsame Art auf die Welt zu blicken. Vielleicht so wie hier. Diese Karikatur, die Napoleon als Gulliver und George III als König von Brobdingnag zeigt, ist natürlich von ➱James Gillray.

Bei Amazon habe ich zu dem Buch von Brooke die Rezension eines amerikanischen Kunden gelesen, die mich ein klein wenig erschütterte: As a U.S. high-school history teacher, I was looking for a mid-level biography / story of the Hanoverian kings to compliment my more "American" sources. Got through only the portion of this book on King George III, but found it to be dense and hard to comprehend. I can't say I have a strong knowledge of nobility system in Britain, and only a marginal understanding of British political history, which may have detracted from my enjoyment of this volume, but I found it almost incomprehensible. And rather than build my knowledge base, it left me zoning out every couple of paragraphs or so. Ja, vielleicht ist es schon gut so, dass George die amerikanischen Kolonien verloren hat und zum scapegoat for the act of rebellion (so Brooke) geworden ist.

Die Rezension passt natürlich wunderbar zu einer Stelle, die sich in Alan Bennetts Writing Home findet: The title of the stage play is 'The Madness of King George III'. This was a marketing decision: the American backers somewhat shamefacedly explained that the audience might think, seeing 'The Madness of King George III', that they had missed out on 'The Madness of King George II', a survey having apparently shown that there were many moviegoers, who came away from Kenneth Branagh's film of 'Henry V' wishing they had seen its four predecessors. Where this leaves 'The Third Man' (or 'The Second Mrs Tanqueray') I'm not sure. Dies Bild des Königs oben ist von dem Schotten Allan Ramsay. Der erstaunlicherweise noch keinen Post in diesem Blog hat. Er wird aber in dem Post ➱David Hume erwähnt, weil er ein Freund des Philosophen war (und ihn natürlich auch gemalt hat). Und auf dem Bild hier sind Nigel Hawthorne und Helen Mirren in The Madness of King George.

Und um zu beweisen, dass Georgie ein kunstsinniger Monarch gewesen sei, veranstaltete der Palast 1974 eine große Ausstellung. George III & Queen Charlotte: Patronage, Collecting and Court Taste ist der Katalog einer ebensolchen Ausstellung aus dem Jahre 2004. Hier stellt der Palast alles aus, was die weitreichenden Interessen von George III beweist. Hatte ich schon erwähnt, dass der König, den seine Untertanen Farmer George nennen, Uhrensammler ist? Dies ist eine Repetieruhr (wahrscheinlich aus dem Jahre 1802) des in London lebenden Schweizers Louis Recordon. Sie ist über die Jahrhunderte in der königlichen Familie weitergegeben worden.

Eine Repetieruhr (hier eine alte Breguet) erkennt man an dieser seltsamen Krone mit dem langen Hals, wenn man den Knopf hineindrückte, schlug Recordons Uhr die abgelaufenen Viertelstunden. George III wird nicht nur Uhren sammeln, er gründet auch das Observatorium von Kew (wo Hans Wilsdorf seine ➱Rolex Uhren testen lässt), und er verhilft den armen George Harrison endlich zu der Preissumme des Longitude Wettbewerbs. Lesen Sie ➱hier und ➱hier mehr dazu.

George III ist stolz auf seine Sammlung und zeigte sie gerne seinen Besuchern. Er kennt auch viele Uhrmacher in London. Den Meisteruhrmacher Thomas Mudge wird er 1776 zum Royal Watchmaker mit einem Gehalt von £150 im Jahr ernennen. Der hat für die Königin Charlotte eine Uhr gefertigt, die nur einmal im Jahr aufgezogen werden muss. Und für den König hat er diese Taschenuhr gebaut: die erste Uhr in der Geschichte der Menschheit mit einem lever escapement, einer Ankerhemmung. So etwas hat heute jede Uhr, im Jahre 1770 ist es eine Sensation.

Die Uhr ist ein Geschenk des Königs für seine Gattin, die sie auf ihrem Nachttisch aufbewahrt. Aber natürlich in einem (nachträglich angefertigten) königlichen Behältnis, schließlich sind wir bei Königs. Die Wertschätzung, die Uhrmacher damals genießen - Harrison wird am Ende ja seine 20.000 Pfund (Millionen nach heutigem Kurs) für seine Uhr bekommen - entspricht ihrer Bedeutung. Ohne genau gehende Chronometer kann die Flotte nicht navigieren. Denn dies ist die Zeit des Britiannia rule the waves.

Die Zeit, in der Captain Cook die Welt umsegelt (mit einer Uhr von ➱Larcum Kendall), die Zeit, in der sich die kleine Insel England in den Besitz eines großen Teils der Welt setzt. Und so heißen Englands Helden ➱John Harrison, Graham Mudge, Thomas Earnshaw, John Arnold (hier einer seiner Marinechronometer), Josiah Emery und William Fordsham. Der König scheint das geahnt zu haben, dass die Londoner ➱Uhrmacher wichtiger sind als die ➱Generäle, die seine Kolonien verlieren.

Es sind nicht nur die Uhrmacher, denen sein Interesse gilt. Wilhelm Herschel bekommt von ihm eine jährliche Pension und 4.000 Pfund für sein Teleskop in Slough, das er mit seiner Schwester Caroline gebaut hat (die hat ➱hier schon einen Post). Es blieb für ein halbes Jahrhundert das größte Teleskop der Welt. Der Herr auf dem Portrait von Benjamin West ist nicht William Herschel, das ist der Forscher und Entdecker Sir Joseph Banks, in einen Maori ➱Mantel gehüllt. Er war auch der wissenschaftliche Berater des Königs und kauft für ihn 1787 die ersten Merinoschafe. Farmer George ist auf seinen Farmen in Richmond und Windsor - auch dank der Beratung durch den Agrarreformer Arthur Young - wissenschaftlich ganz auf der Höhe der Zeit. Es wäre nun schön, wenn der Mantel von Sir Joseph aus der Wolle neuseeländischer Merinoschafe wäre, aber er ist nur aus ➱Flachs.

Sir Nathaniel William Wraxall hat nach Georges Tod über ihn gesagt: Never, I believe, did any prince — not even Elizabeth — leave behind him a memory more cherished by his subjects! Confined as he was to his apartments at Windsor, unseen except by his medical attendants, having long ceased to live in a moral and in a political sense; deprived of sight as well of intellect; and oppressed under the weight of old age; yet his people have clung to his memory with a sort of superstitious reverence; as if, while he still continued an inhabitant of the earth, his existence suspended or averted national calamities. Der König hatte dem jungen Benjamin West einst gesagt, als er hörte, dass West und er gleich alt seien: Ah! Then when I die, West, you will shake in your shoes! Die Söhne von West versuchen, ihrem Vater den Tod des Monarchen zu verheimlichen, aber er wird sagen: I am sure that the King is dead and I have lost the best friend I ever had in life. Wir nehmen das einmal als Schlußwort. Dieses Portrait von George III aus dem Jahre 1800 ist von Sir William Beechey gemalt worden, Sie könnten jetzt natürlich noch diesen ➱Post lesen.

Die Reihe zum 18. Jahrhundert geht hier demnächst mit dem Thema Grand Tour weiter.

Mittwoch, 18. Juni 2014

Gustav Christian Schwabe


Das Bild Friends at Yewden von Henry Tanworth Wells, das 1882 in der Royal Academy ausgestellt wurde, habe ich leider nicht in Farbe. Außer dem Herrn mit Hut, der eine Zeitung hält, sind diese Gentlemen beim zwanglosen Wochenendtreffen an der Themse alle Maler. Und sie sind alle Mitglieder der Royal Academy (von links nach rechts): George Dunlop Leslie, George Adolphus Storey, John Evan Hodgson, William Frederick Yeames und (auf dem Zaun lehnend) Philip Hermogenes Calderon. Manche der Herren gehören auch zu der sogenannten St. John's Wood Clique, zu der sie ➱hier mehr lesen können.

Henry Tanworth Wells ist natürlich auch Mitglied der Royal Academy, das hier ist ein Portrait seiner Tochter. Wells war in ganz England durch ein Bild bekannt geworden, das Victoria Regina heißt und das ich uns hier heute erspare. Sie klicken bitte ➱hier, um in die Tate Gallery zu gelangen (wo es zur Zeit auch nur im Magazin lagert). Wells hat den älteren Herrn mit dem Hut auch portraitiert, und dies Bild von Wells' Tochter hing auch in der Kunstsammlung des Gentleman, dessen Namen ich bisher verschwiegen habe. Der Mann, der sich mit all den englischen Malern umgibt und Bilder sammelt, heißt Gustav Christian Schwabe, er kommt aus Hamburg. Mit Sir John Henry von Schroder hat er viel gemeinsam: er sammelt Kunst und hat auch viel Geld. Und er schenkt seine Sammlung (die doppelt so groß wie die ➱Schrodersche Sammlung ist) eines Tages der Hamburger Kunsthalle.

Die Nichte seines Freundes William Frederick Yeames hat über ihn geschrieben: His great hobby was pictures, and he at last collected so many that he told me he really had to stop buying them because he had had to put the last one under a bed, as there was not a spare bit of wall left in the house! His taste was excellent, and he never bought what was in fashion, but what he saw was really good, and therefore appealed to him personally; for he lived with his pictures, and positively loved them. When his collection went to Hamburg, he had engravings of them hung in their places.

Das Bild des Kunstsammlers mit seiner Gattin oben wurde von seinem Freund Philip Hermogenes Calderon gemalt, von dem der Sammler auch eine Vielzahl von Bildern besitzt. Dies nicht, aber ich muss es mal eben abbilden. Ich habe seit 1978 davon eine wunderbare Kunstpostkarte, die mir Götz zum Geburtstag schenkte. Weil ich damals ja noch Cricket spielte. Heute nicht mehr, aber die Karte habe ich noch. Und deshalb weiß ich auch, dass die Seifenfirma ➱Pears Calderons Captain of the Eleven (wie so viele andere berühmte Bilder aus der viktorianischen Zeit) einmal zu Werbezwecken verwendet hat. Und wenn Sie alles über Cricket wissen wollen, dann lesen Sie doch mal eben ➱dies hier.

Der englische Hamburger mit dem Landhaus ➱Yewden Manor in Themsenähe kauft übrigens nicht nur die Bilder seiner Freunde, er kauft auch diesen Bonington. Das macht ihn mir richtig sympathisch. Bonington hat natürlich ➱hier längst einen Post. Bei dem Bonington ist man sich heute (ebenso wie dem Bild der Landschaft an der Loire von William Turner) nicht so ganz sicher, ob die Zuschreibung richtig ist. Die erste Beschreibung der Schwabeschen Sammlung von  Johann Theodor Schultz (Die Gemälde der Schwabe-Stiftung in der Hamburger Kunsthalle) erkennt sehr richtig, dass seine kleinen Landschaften und Seestücke erst den rechten Ausdruck seiner genialen Künstlernatur besitzen.

Johann Theodor Schultz, der seinen historisch-kritischen Gang durch die Sammlung Schwabe 1888 dem großzügiger Mäzen als ein Zeichen dankbarer Anerkennung aus der Vaterstadt widmete, ist für seine Aufgabe sehr begabt gewesen. Der Pädagoge, Kunstmaler und Kunstkritiker hat ein gutes Auge und besitzt bei seiner Beschreibung der ersten größeren Sammlung englischer Oelbilder auf dem Continent eine sehr gute Kenntnis der Malerei des 19. Jahrhunderts. Und er findet sogar für Edward Thompson Davis' Beggar on its path einige nette Worte. Der ➱Maler ist heute so gut wie vergessen, allerdings kann man seine Bilder überall als Kunstdruck kaufen. Kitsch hat etwas Beharrliches über Jahrhunderte.

Schwabe schenkt seiner Heimatstadt Hamburg nicht nur 128 Gemälde, sondern finanziert auch noch mit 120.000 Mark einen Erweiterungsbau der Kunsthalle. Es sind hauptsächlich englische Bilder, so etwas besaß man in Hamburg noch nicht. Die englische Kunst, insbesondere die Kunst der Malerei, war bis auf unsere Tage auf dem Festland so gut wie unbekannt. Keins der angesehenen Museen, mit Ausnahme der hannöverschen Sammlung und der Sammlung des Louvre, verfügte über Bildwerke englischer Maler, heißt es 1886 im Deutschen Literaturblatt angesichts der Ausstellung. Die Hansestadt bedankt sich für die Schenkung, in dem sie Schwabe zum Ehrenbürger macht. Den Ehrenbürgerbrief entwirft kein Geringerer als ➱Adolph Menzel. Die Hamburger Tageszeitung Reform feiert Schwabe mit der Schlagzeile Ein wahrer Kunstfreund. Einen deutschen Wikipedia Artikel besitzt Schwabe allerdings nicht, einen ➱englischen schon.

Calderon und Yeames sind auch auf Schwabes Bitte hin nach Hamburg gereist, um die Hängung der Bilder zu beaufsichtigen. Als alles eingerichtet war, gab der Senat ein opulentes Festbankett. Yeames' Nichte schreibt dazu: for my uncle said that the banquets given them by the Burghers of Hamburg to show their appreciation were the most wonderful he had ever experienced. They were hours in length, marvels of gastronomy, and most thoroughly appreciated by the givers themselves, who would spend these hours (literally) in sheer joyous concentration and absorption (in more ways than one). In the end, the two honoured guests confided to each other that they would  almost be thankful to return to the cold mutton of domesticity. Das Bild hier zeigt Thomas Moore mit seiner Tochter. Das Bild war damals in England so berühmt, dass der Maler John Rogers Herbert es mehrmals malen musste, auch die ➱Tate Gallery besitzt eine Version davon.

William Frederick Yeames, dessen ➱Erinnerungen seine Nichte aufgezeichnet hat (die hier im weißen Kleid auch auf dem Bild ist), ist durch dieses Bild in England berühmt geworden. Es heißt And When Did You Last See Your Father? Es ist eine Szene aus dem englischen Bürgerkrieg. Soll der kleine Junge (bei dem ➱Gainsboroughs Blue Boy wohl Pate gestanden hat) den Offizier Cromwells anlügen?

Bilder wie And When Did You Last See Your Father? und Sir Edwin Landseers Der Wilderer (das Schwabe besaß) treffen den viktorianischen Zeitgeschmack. Von And When Did You Last See Your Father? gab es unzählige Reproduktionen und bei Madame Tussauds in London konnte man sich die Szene als ➱Tableau nachgestellt ansehen. Das gefühlsselige Historienbild von Yeames ist natürlich nicht das Eigentum von Schwabe gewesen, es hängt seit 1878 in ➱Liverpool (wo Schwabe mit ➱Broughton Hall auch einen fürstlichen Landsitz hatte). Erstaunlich bleibt, dass Schwabe überhaupt keine Bilder von seinem Freund Yeames besessen hat.

Aber das Bild von George Dunlop Leslie In the Walled Garden, das hat er besessen. Er kauft seine Bilder übrigens selbst, lässt nicht von Agenten kaufen, wie John Pierpont Morgan das tut. Er lässt sich natürlich von seinen Künstlerfreunden beraten. ➱Lichtwark war hin und hergerissen von der Sammlung, ihm fehlten lediglich die Präraffaeliten, aber die mochte Schwabe einfach nicht. Ich auch nicht, das habe ich ➱hier schon einmal gesagt. Gegen schönen viktorianischen Gefühlskitsch wie In the Walled Garden habe ich nichts.

Schwabe besitzt nicht nur Engländer, er besitzt auch einige Bilder von Franzosen. Zum Beispiel diesen schönen Horace Vernet, der Napoleon bei Bassano zeigt. Doch Franzosen bleiben Ausnahmen in der Sammlung. Deutsche Maler gibt es bei dem 1813 in Hamburg geborenen Schwabe, der seit den 1830er Jahren in England ist, kaum. Es sei denn, man zählte den in Bristol geborenen William James Müller dazu, dessen Vater aus Danzig nach England gekommen war. So bleiben dann Carl Heinrich Hoff, Wilhelm Wider und der Hamburger Ascan Lutteroth die einzigen deutschen Maler in der Sammlung.

An einer Stelle von ➱Fitzgeralds The Great Gatsby heißt es: She sat down, glanced searchingly at Miss Baker and then at me and continued: "I looked outdoors for a minute and it's very romantic outdoors. There's a bird on the lawn that I think must be a nightingale come over on the Cunard or White Star Line. He's singing away----" her voice sang "----It's romantic, isn't it, Tom?" Als Leser sind wir gewarnt, es steht mit der Ehe der Buchanans nicht zum Besten, wir wissen, was mit dem berühmtesten Schiff der White Star Line passiert ist.

Die Geschichte dieser Reederei beginnt 1869 mit einem Billardspiel. Bei welchem Gustav Schwabe den jungen Thomas Henry Ismay überredet, die gerade pleite gegangene White Star Line zu kaufen. Das Geld würde er geben, Ismay müsste nur in Zukunft alle Schiffe bei Harland and Wolff bauen lassen. Die Werft in Belfast gehört Schwabe schon. Genauer gesagt: sein Neffe Gustav Wilhelm Wolff ist da dank des Geldes seines Onkels Teilhaber. Wolff hat über seine Tätigkeit gesagt: Sir Edward Harland builds the ships, Mr Pirrie makes the speeches, and, as for me, I smoke the cigars.

Das Billardspiel war der Beginn der White Star Line. Den Untergang der Titanic werden beide Herren nicht mehr erleben. Die White Star Line ist nicht das einzige Unternehmen, in dem Schwabe Geld plaziert. Auch bei Albert Ballin ist er ganz still ein wenig beteiligt. Dafür, dass er ein Vermögen mit Schiffen macht, hängen bei ihm sehr wenig Bilder von Schiffen zu Hause (er kaufte lieber so etwas wie George Dunlop Leslies Roses). Zwei seascapes habe ich abgebildet, ganz oben ist Edward William Cooke und dem Absatz darunter Patrick Nasmyth.

Das Bild hier ist Walter Fields Windy Day on the Thames. Es erinnert uns daran, dass Gustav Schwabe eine Handvoll Boote auf der Themse liegen hat. J. Theodor Schultz feiert es als eins der köstlichsten Erzeugnisse englischer Landschaftsmalerei. Der Hamburger Maler Ascan Lutteroth (den der Senat zur Begutachtung der Sammlung geschickt hatte) schreibt 1883 in sein Tagebuch: Nach Henley/a. Thames ... ln Henley empfing mich Herr Schwabe - ruderten 1 Std. - Themse zu seinem Landsitz Yewden. Ein Haus, echt alt englischen Stils, Cromwell hat in dem Haus gewohnt. 

Das mit Cromwell lassen wir mal dahingestellt. Ein lebendiges Bild vom Leben in Yewden Manor vermittelt uns George D. Leslie in seinen ➱Erinnerungen: In the spring of the year 1878 I renewed my acquaintance with the river by spending a week at my friend Mr. Schwabe's house, called Yewden, at Hambleden. Here were also Messrs. Calderon, Wells, Storey, Hodgson and Yeames, and as we had all just got rid of our works for the Academy, our spirits were high. 

Mr. Schwabe's house is a very old one, with some modern additions to it of his own. These are executed in great taste, as it is almost impossible to distinguish which of the gables are old and which new. The house takes its name from a very remarkable old clipped yew avenue, with a sort of nave and transept in it. The garden, lawns and flowerbeds are most admirably managed. Instead of the ordinary stripes of red, yellow, grey, and beet-root colour with which the thickheaded Scotch gardener usually decorates the flower borders of the wealthy, here, at Mr. Schwabe's own direction, patchwork and ribbon borders are unknown, and two large sloping banks are planted in glorious profusion and irregularity with every sort of hardy English flower. Pansies of every shade, masses of wallflowers, peonies, polyanthuses, poppies, campanulas, lilies, and a host of others all growing and blowing in the greatest beauty, and filling the air with delicious perfume. The little Hamble brook flows through the lawn in front of the house, reminding me a good deal of the one at Ewelme. It is not, however, quite as large as the Ewelme one, and has a nasty trick of running dry in some years. 

I had some punting in Mr. Schwabe's punt, amusing myself by trying my skill in the eddies below the weir; and as there was a good stream on, found it most invigorating work. The river is not, however, very inviting in the early spring, especially when a backward one as this was; the weeds and flowers having scarcely begun to show at all. Mr. Schwabe was very fond of sailing boats, and had quite a little fleet of cutters moored off his boat-house; the reach from Hambleden to Henley is very well adapted for sailing, and in the summer time he got up a sailing regatta here, which was a very pretty sight, especially when the wind blew fresh.

Unter dem Titel Ein Geschmack wird untersucht: Die G.C. Schwabe Stiftung stellte man in Hamburg 1970 zum letzten Mal die Sammlung aus, die der Finanzier der White Star Line 1886 seiner Heimatstadt schenkte. Vielleicht hätte er sie besser der Londoner National Gallery vermacht. Ewig sollte die Sammlung gezeigt werden. Die Ewigkeit währte bis 1970, dann verschwand der größte Teil der noch übrig gebliebenen Bilder im Keller. Musste man nur die Hamburger Verfassung ein bisschen für ändern. War alles nicht mehr zeitgemäß. Ich möchte mal wissen, was in hundert Jahren ein Publikum über die zum Teil völlig absurden Anschaffungen von durchgeknallten jungen Museumsdirektoren sagen wird, die es mit ihrer musealen Krawallpolitik mal gerade bis in die RTL Regionalberichterstattung schaffen.

Ich zitiere noch einmal das Deutsches Literaturblatt, das 1886 die Sammlung bekannt macht. Da wird auf die ➱Berliner Jubiläumsausstellung von 1886 hingewiesen, wo schon zahlreiche englische Bilder ausgestellt waren. Die aber alle nach England zurück wanderten: Keins ihrer in Berlin zur Schau gestellten Bilder ist unseren Wissens festländisches Eigentum geworden. Selbstverständlich zu größtem Bedauern aller derer unter den deutschen Kunstfreunden, die nicht ahnten, daß Hamburg mittlerweile einen kostbaren Schatz gehoben, daß es im Südflügel seiner Kunsthalle, in fünf neuhergerichteten, prächtigen Gelassen, eine Galerie englischer Meister aufgestellt hatte, die, der britischen Abteilung der Jubiläumssammlung an Kunstwert teils ebenbürtig, teils überlegen, zu dem Bedeutendsten gehört, was die neuere Kunst auf dem Gebiet der Malerei überhaupt geschaffen hat.

Man wird es nicht lange als Schatz empfinden, schon ➱Gustav Pauli verkauft fünfzig Bilder. Jetzt hat man noch sechsundsiebzig, aber siebzig davon sind im Magazin (dieser William Dyce auch). Es fährt sich gar bequem auf dieser Straße - doch der Weg ist weit und die Straße ist breit, die in den Orkus der Vergessenheit führt, hat Gustav Pauli 1912 in Die Aufgaben des modernen Kunstmuseums gesagt. Dagegen steht Lichtwarks Satz Aber ein Museum hat es ja zum Glück nicht mit dem Tagesgeschmack zu tun. Was soll man ausstellen, was im Magazin verschwinden lassen? In der Ausstellung von 1970 konnte man alles noch einmal sehen. Zum letzten Mal. Ich bin damals viermal nach Hamburg gefahren, es war immer wieder schön.

Im Zeit Magazin wird Tilman Osterwold, der die Ausstellung organisierte, schnodderig gehässige Bemerkungen über diese Sammlung machen, was ihm einen bösen Leserbrief von mir einträgt. Ich lasse mir meine Vorliebe für die Engländer nicht nehmen. Man kann ja zu Sir Edwin Landseer, Sir Lawrence Alma-Tadema, Lord Frederick Leighton (von dem Schwabe diese Biondina besaß) und Sir John Everett Millais stehen wie man will (die National Gallery in London steht zu ihnen), es ist wunderbarer Kitsch. Schwabe hat alles gekauft, was englisch ist.

Hamburg hat die Chance verpasst, durch konsequente Zukäufe diese Sammlung zu mehren. Sonst hätten sie nach dem Louvre die größte Sammlung englischer Kunst in Europa. Two separate gifts - that of C.G. Schwabe, a Hamburg businesman in London, who presented 128 pictures in 1886, and Baron von Schroder's coll., aquired in 1910 - combine to make this the largest coll. of British 19th c. painting outside the English-speaking world, heißt es in David Bindmans Dictionary of British Art. Ist nur leider alles im Keller. Auch Paul F. Pooles The Emigrant von 1858.

Das ist bei der Anglomanie der Hamburger etwas erstaunlich. Denn schon das Prunkstück der Hamburger Kunsthalle, ein ➱Altar von Meister Francke, hat etwas mit England zu tun. Es ist der Englandfahrer Altar. Wenn ich nicht anglomaner Bremer wäre, sondern anglomaner Hamburger, hätte ich es auch als Schande empfunden, dass ausgerechnet die Münchener 1980 eine Ausstellung Zwei Jahrhunderte englische Malerei organisieren. Der Katalog ist übrigens hervorragend. Er läßt sich antiquarisch heute noch finden. Der oben erwähnte David Bindman hat in dem Katalog ein ganzes Kapitel zur Rezeption der englischen Malerei in Deutschland im 19. Jahrhundert geschrieben.

Dies Bild zeigt den Mount St Michael vor Cornwall, Clarkson Frederick Stanfield hat es mehrfach gemalt (für eine dramatischere Version klicken Sie bitte ➱hier. Stanfield, der als Matrose begann, dann Theatermaler wurde, ist einer der beliebstesten Maler der viktorianischen Zeit gewesen. Der Geschmack hat sich gewandelt. Den Geschmack zu untersuchen hatte sich der Katalog der Hamburger Ausstellung von 1970 damals vorgenommen. Ich weiß nicht, ob das gelungen ist.

Der Direktor Werner Hofmann wäre besser beraten gewesen, diese Ausstellung seinem Stellvertreter Helmut R. Leppien anzuvertrauen (der dann später die John Henry von Schroder Ausstellung machte). Man hätte auch das kleine Buch von Johann Theodor Schultz mit kritischem Kommentar neu drucken können, es ist besser als der Katalog von 1970. Der wird bei Amazon Marketplace ab 97 Cent antiquarisch verramscht. O quam cito transit gloria mundi. Und da ich bei ➱Antiquariaten bin, möchte ich dem Hamburger ➱Antiquariat Reinhold Pabel (das 1948 in ➱Chicago gegründet wurde!) meinen herzlichen Dank aussprechen. Weil sie mir das einzige Exemplar von Johann Theodor Schultz' Die Gemälde der Schwabe-Stiftung, das sich weit und breit im Internet fand, in Windeseile zugeschickt haben. War etwas teurer als 87 Cent, aber hielt sich im Rahmen. Dies Bild von William Dyce habe ich mir bis zum Schluss aufgehoben. Als ich zum ersten Mal das ➱Bild Pegwell Bay von Dyce sah, war ich begeistert. Später nichts mehr. Irgendwo gibt es Grenzen des Geschmacks. Selbst für einen anglophilen Blogger wie mich.