Donnerstag, 19. März 2015

Jugendkultur


Heute vor sechzig Jahren hatte der Film The Blackboard Jungle in New York Premiere. Interessant ist bei dem Film der deutsche Titel, Saat der Gewalt klingt irgendwie nach Bibel. Auch für den Film Rebel without a Cause fand der deutsche Verleih einen biblischen Titel: Denn sie wissen nicht, was sie tun. Biblische Titel gehen in den fünfziger Jahren immer gut, manchmal muss man allerdings das Bibelzitat verändern. Thornton Wilders Theaterstück The Skin of Our Teeth wäre wohl nicht zum Bestseller auf deutschen Bühnen in der Nachkriegszeit geworden, hätte es nicht Wir sind noch einmal davongekommen geheißen.

Der Film The Blackboard Jungle war die Verfilmung eines Romans von Evan Hunter, den wir auch als den Verfasser des Drehbuchs von Hitchcocks The Birds kennen. Und den wir noch besser als den Krimiautor Ed McBain kennen. Der Film wurde nicht wegen des pädagogischen Heldenmuts eines Lehrers berühmt, er wurde berühmt weil darin ✺Bill Haleys Rock Around The Clock vorkam, was angeblich weltweit zur Marseillaise der Teenager Revolution wurde. Hat Lillian Roxon in ihrer Rock Encyclopedia gesagt. Der Song war gar nicht von Bill Haley, er war von Max C. Freedman und James E. Myers. Wurde zuerst von einem Amerikaner italienischer Abstammung namens Pascal Vennitti gesungen, der sich als Musiker Sonny Dae nannte. Sie können ihn ✺hier hören.

Der Song war der absolute Flop (schaffte es allerdings in die Cashbox Charts). Weshalb er dann ein Jahr später in dem Film, gesungen von einem leicht übergewichtigen Country Sänger mit Schmalzlocke, zu einem Sensationshit wurde, das weiß ich nicht. Es war für den Regisseur Richard Brooks kein finanzielles Risiko gewesen, die Rechte des Songs zu kaufen - er hatte sie für einen Dollar bekommen. Man kann Rock Around The Clock  offensichtlich heute immer noch spielen (ob man es hören mag, ist eine andere Sache), klicken Sie doch einmal diesen ✺Auftritt von Peter Kraus mit der Rentnerband Bill Haleys Original Comets im Jahre 2009 an.

Hollywood hatte ein neues Thema, man konnte eine neue Jugendkultur vermarkten. Die in James Dean einen neuen Helden gefunden hatte, diesem jungen Amerikaner, der auch noch Byron mit Vornamen hieß und sich mit seinem Porsche zu Tode bretterte. Ich habe bis heute nicht verstanden, was an dem Film Rebel Without a Cause von Nicholas Ray so toll sein soll. Ich könnte natürlich jetzt den Aufsatz von meinem Freund Volker Behrens lesen, der Rebellen, Jeans und Rock 'n' Roll. Neue Formen von Jugendprotest und Sozialkritik: Denn sie wissen nicht, was sie tun (1955) heißt. Ist in Faulstichs und Kortes Fischer Filmgeschichte Band 3 erschienen. Ich habe damals die Korrekturen vom Manuskript gelesen, das weiß ich noch.

Aber ein anderer - etwas perverserer - Aspekt der Jugendkultur geht mir bei dem Ganzen nicht aus dem Sinn. Das Schnuckelchen Natalie Wood (sie hat hier einen Post) war erst siebzehn, als sie den Film drehte, war aber gleich mit dem Regisseur im Bett. War das Nicholas Rays Rache an der Welt dafür, dass er 1950 seinen dreizehnjährigen Sohn im Bett mit seiner neuen Frau Gloria Grahame erwischte? Gloria Graham kommt schon in dem Post Operation Mincemeat vor, und das dort erwähnte Buch Filmstars Don't Die in Liverpool von Peter Turner ist immer noch ein Lesetip.

Es hat sicher zu dem Erfolg von Rebel without a Cause beigetragen, dass wenige Jahre zuvor der Roman The Catcher in the Rye von J.D. Salinger Furore gemacht hatte. Und dass nach den Bobby Soxers (erkennbar an den weißen Socken), die in den vierziger Jahren Frankieboy Sinatra verfolgten, eine Jugendkultur nach der anderen entstand. Nicht nur in Amerika, auch England trug mit den Teddy Boys und den Mods seinen Teil dazu bei. Die Teddy Boys haben auch ihren Teil dazu beigetragen, um den Film Blackboard Jungle berühmt zu machen. Als der in London im Stadtteil Elephant and Castle (der Stadtteil, aus dem Michael Caine kommt) 1956 gezeigt wurde, zerlegten sie das Kino.

Nathalie Wood mag nackt im Bett von Nicholas Ray liegen, auf der Leinwand ist sie es nicht. Die Zensurbestimmungen sind streng, und die werden erst Ende der fünfziger Jahre wirklich aufgeweicht. Sex, drugs and Rock'n Roll steckte noch in den Kinderschuhen. Wenn man nackte Haut sehen wollte, dann musste man sich Schwedenfilme oder Brigitte Bardot ansehen. Hollywood blieb erst einmal züchtig. Bis Marilyn Monroe kam. Oder diese Dame. Sie kennen sie nicht nicht? Das ist Linda Christian, das erste Bond Girl. Auf jeden Fall ist sie in der amerikanischen TV Version von Jimmy Bond zu sehen.

Das Kleidungsstück, das man jetzt brauchte, waren Jeans. Die damals noch Nietenhosen hießen, das sagt heute niemand mehr. Natürlich waren das nicht die Röhrlihosen mit Nieten, die Albert Sefranek als erster in Deutschland offerierte. Wenn man wie ich im amerikanisch besetzten Bremen aufwuchs, dann hatte man Beziehungen, und kriegte eine Levis 501 aus einem PX Laden mitgebracht. Die man zuerst in der Badewanne (die schrubbst Du aber hinterher sauber!) körpergerecht machen musste und dann im Wasser der Nordsee farblich auf den gewünschten Look bringen musste. Man mochte die Jeans nicht überall, wie dieses Photo aus den fünfziger Jahren zeigt.

Die Antwort des deutschen Films auf James Dean und Marlon Brando in Jeans und Lederjacke hieß Die Halbstarken (einen Film wie Die Frühreifen lassen wir lieber aus). Die Zeit urteilte 1956: Auf dem Nährboden von „Saat der Gewalt“ erwuchs als deutscher Filmbeitrag zu einem internationalen aktuellen Thema unter der Regie Georg Tresslers ein Bildstreifen, für dessen jugendliche Darsteller – darunter die neuentdeckte Karin Baal und der mit dem Bundesfilmpreis ausgezeichnete Horst Buchholz in den Hauptrollen – die Berliner Großstadtwirklichkeit einen guten Hintergrund abgibt. Freilich entspricht die Handlung nicht ganz der realen Bedeutung des Titels. Aber die gut gezeichneten Typen (hervorragend ist hier Buchholz) und die realistische Regie deuten manches von dem eigentlichen Urgrund des Problems an.

Ich muss gestehen, ich habe den Film nicht gesehen. Ich bin auch nicht in Thomas Valentins Die Unberatenen gewesen, wahrscheinlich war ich der einzige in Bremen, der das Problemstück über Jugendliche nicht gesehen hat (lesen Sie mehr in dem Post Rickie Lee Jones). Man brauchte dafür nicht ins Theater zu gehen, das eigentliche Problem sah so aus. Definitiv nicht wie Glenn Ford in The Blackboard Jungle (und ja, Sie haben Recht, wenn Sie glauben, hier das Lehrerkollegium meiner Schule zu sehen). Und diese Wirklichkeit vor Augen, wer wollte sich auf der Bühne oder der Leinwand Lehrer angucken? Wenn ich ins Kino ging, wollte ich richtiges Kino sehen.

Richtiges Kino, das waren John Wayne, Truffaut die Nouvelle Vague und Antonioni. Probleme hatte man als Jugendlicher genug, dafür brauchte man kein Geld an der Kinokasse zu lassen. Und als ich endlich so aussah, dass ich ins Kino kam, ohne nach dem Alter gefragt zu werden, da war ich auch schon Exi. Trug die Kleidung der Mods, ohne zu wissen, dass es die gab. Oder dunkle Rollis, ein Tweedjackett und ein Buch von Sartre oder Camus unter dem Arm. Erwachsenwerden ist Inszenierung.

Amerika hat eine lange und große Tradition in der Literatur, die vom Erwachsenwerden handelt. Böse Zungen sagen immer, dass das daran liegt, dass Amerika als Nation nie erwachsen geworden ist. Peter Freese hat das Thema der amerikanischen story of initiation in seinem Buch Die Initiationsreise: Studien zum jugendlichen Helden im modernen amerikanischen Roman erschöpfend behandelt. Es ist eine lange Entwicklungslinie, die von Mark Twains Huckleberry Finn über Hemingways Nick Adam Stories zu, sagen wir, Updikes Pigeon Feathers reicht.

Manches von den coming of age Kurzgeschichten und Romanen ist mehr schlecht als recht verfilmt worden, viele Texte wehren sich gegen eine Verfilmung. Wie Salingers Catcher in the Rye. Oder Padgett Powells Edisto. Oder Carson McCullers' The Member of the Wedding. Hannes Hansen hat mich letztens auf eine Verfilmung von Hemingways The Killers aufmerksam gemacht. Da die weithin unbekannt ist, gibt es sie ✺hier einmal zum Anschauen. Andrei Tarkowski war damals noch Student, als er den kurzen Film drehte.

Ich weiß nicht, ob das Filmgenre des coming of age in Amerika besonders gut aufgehoben ist. Unter den mehr als fünfhundert Filmen, die Wikipedia listet, sind nur wenige Filmkunstwerke. Ich mag natürlich The Graduate. Schon wegen der Filmmusik (The PTA, Mrs. Robinson Won't OK the way you do your thing Ding, ding, ding), wegen des Cordjacketts und wegen Katherine Ross (die hier einen viel gelesenen Post hat). Ich mag auch American Graffiti (ebenso, wie ich Two-Lane Blacktop mag). The Breakfast Club muss erwähnt werden. American Pie auf keinen Fall, das ist wohl Amerikas Antwort auf die israelische Produktion Lemon Popsicle, die bei uns als Eis am Stiel lief.

Aber ein einen Film aus Amerika muss ich unbedingt noch erwähnen, und das ist Ferris Bueller's Day Off (Ferris macht blau). Wenn es schon die Form der Komödie sein muss, dann aber richtig. Dann braucht man auch mal einen roten Ferrari. Der Film ist etwas anderes als unsere Schülerfilme wie Die Lümmel von der ersten Bank oder Der Pauker.

Das Auto muss natürlich im amerikanischen Film sein. Wenn es schon keinen Sex gibt, dann gibt es Autos. Schließlich ist das Automobil the great American love affair. Dieses Filmphoto stammt aus American Graffiti, einem Film, der die Themen car culture und Jugend miteinander verknüpfte. Das muss an dieser Stelle ein Ford Edsel sein, wir wissen ja, weshalb der vom Markt genommen wurde. Time schrieb so nett: Cultural critics speculated that the car was a flop because the vertical grill looked like a vagina. Maybe. America in the '50s was certainly phobic about the female business.

Wir sehen mit unserer deutschen Filmproduktion zu dem Thema ein wenig arm aus, wenn wir einen Blick auf unsere französischen Nachbarn werfen. Zum Beispiel auf Marie-France Pisier (die einmal die kirgisenäugige Clawdia Chauchat spielen wird) in Truffauts Antoine et Colette (Teil des Episodenfilms L'amour à vingt ans).  Oder Truffauts Film Sie küssten und sie schlugen ihn.

Der wurde selbst bei uns in der Schule gezeigt, weil der Direx den pädagogisch wertvoll fand. Marie-France Pisier gab es natürlich nicht zu sehen. Truffauts schlimme Kindheit hat ihn zu einem Regisseur werden lassen, der sich besonders einfühlsam der Probleme von Kindern und Heranwachsenden annahm. Was Filme wie die frühen Filme des Antoine Doinel Zyklus, Der Wolfsjunge und Taschengeld zeigen. Es ist schade, dass Truffaut so wenig Englisch konnte, Philip Larkins Gedicht This Be The Verse mit der Zeile They fuck you up, your mum and dad hätte ihm bestimmt gefallen.

Ein anderer Regisseur, der Jugend und Kindheit behandelt, ist Louis Malle mit Filmen wie Herzflimmern und Lacombe, Lucien oder dem autobiographischen Film Auf Wiedersehen, Kinder. Louis Malle war wohl nicht der einzige, der bei der Premiere des Films Auf Wiedersehen, Kinder geweint hat. Über seinen Film Herzflimmern (hier Lea Massari), der unter anderem das Thema Inzest behandelt, urteilte das der katholischen Kirche nahestehende Lexikon des internationalen Films 1971:

Die pubertäre Entwicklung eines 15-jährigen im Zeichen sexueller Erlebnisse und ihrer Prägung durch die Umwelt. Im Mittelpunkt steht die Beziehung des Jungen zu seiner noch jungen, erotisch attraktiven Mutter, die zu einem Inzest führt. Die Tabuverletzung wird jedoch konsequent und nahezu selbstverständlich aus der Entwicklung und dem Lebensmilieu des jugendlichen Helden abgeleitet. In der glaubhaften und unaufdringlichen Gestaltung und vor allem in der Führung des jugendlichen Hauptdarstellers ist der Film durch außerordentliches Können gekennzeichnet. Das können die Franzosen bei dieser Sorte Film: sie lassen den Sex nicht aus. Selbst eine Komödie wie La Boum (deutsch: La Boum – Die Fete – Eltern unerwünscht) mit der jungen Sophie Marceau hatte für Teenager (und Eltern) durchaus einen pädagogischen Anspruch.

Das 1961 von Joe Hembus (dem wir auch ein vorzügliches Western-Lexikon verdanken, das hier schon häufig erwähnt wurde) verfasste Pamphlet Der deutsche Film kann gar nicht besser sein beschrieb vor dem Hintergrund der französischen Nouvelle Vague die Misere des deutschen Nachkriegsfilms. Das Buch wurde 1981 mit dem Titel Der deutsche Film kann gar nicht besser sein. Ein Pamphlet von gestern, eine Abrechnung von heute bei Rogner und Bernhard wieder neu aufgelegt. Was das Buch leider auslässt, ist der unheilige Einfluss der katholischen Kirche als Zensurinstanz des deutschen Films.

Wenn man bedenkt, dass schwedische Filme wie Sie tanzte nur einen Sommer und Das Schweigen (die hier in Schwedinnen und Schweigen einen Post haben) in Deutschland verdammt und als Skandal gebrandmarkt wurden, dann wird man in den deutschen coming of age Filmen kein aufklärerisches Potential suchen. Bergmans Film Die Zeit mit Monika (Sommaren med Monika) bekam nur schlechte Kritiken. In Frankreich nannte Jean-Luc Godard den Film den originellsten Film dieses originellsten aller Regisseure und François Truffaut erklärte ihn zu seinem Lieblingsfilm. In Amerika fügte man zusätzliche Nacktaufnahmen hinzu und kürzte die Handlung. Und verkaufte das Ganze dann als Monika, the Story of a Bad Girl.

Was eines Tages sexuelle Revolution heißen wird, von dem diese Filme ein kleiner Teil waren, wurde von der katholischen Kirche, die sich wie eine Neuauflage der spanischen Inquisition verstand, in den Anfängen bekämpft. Le cinéma c'est de l'art de faire faire de jolies choses à de jolies femmes, hat Truffaut gesagt. Der amerikanische und der deutsche Film kriegen das selten hin. Weil wir uns mit Filmen wie Wenn die Conny mit dem Peter begnügen. Im gleichen Jahre wie dieser Film erschien Bonjour Tristesse. Wurde von der FSK als jugendgefährdend eingestuft, das gilt bis heute.


Lesen Sie auch: Kulturwandel, Teddy Boys, Notting Hill, Lederjacken

Dienstag, 17. März 2015

St Patrick's Day


Ich bin kein Ire und ich mag kein Guinness, aber ich weiß, dass heute der St Patrick's Day ist. Vor Jahren gab es zu diesem Thema schon mal den Post ➱Schlangenfreie Zone. Und dass ich mit dem irischen Dichter Seamus Heaney einmal Guinness getrunken habe, das steht auch schon in diesem Blog (in den Posts ➱Seamus Heaney und ➱Moorleichen). Und dass die englische Krimiautorin ➱Dorothy Sayers mal die Werbung für Guinness gemacht hat, habe ich auch schon erwähnt. Dass der ➱Bloomsday hier häufiger gefeiert wurde als der St Patrick's Day, das wissen meine Leser.

Aber ein bisschen gefeiert soll heute natürlich werden. Wenn Sie wissen wollen, wie Iren feiern, dann sollten Sie die schöne kleine Geschichte lesen, die mir mein Freund Dommi erzählt hat. Sie findet sich am Ende von dem Post ➱Harry Graf Kessler. Dommi weiß alles über Irland. Er hatte vor einem halben Jahrhundert mal eine Band, die Beda Folk hieß. Dommi ist der zweite von links auf dem Cover dieser LP, der Typ rechts konnte herzergreifend schön auf der tin whistle spielen. Bei Amazon kann man ihre LP I Will Go noch als MP3 Version bekommen, und man kann ihre Platten manchmal noch bei ebay finden.

Ein wenig irische Musik muss her. Die Dubliners kann man nicht mehr spielen, zu abgegriffen. Ob man diese Damen den ganzen Tag aushält, weiß ich nicht. Sie heißen ➱Celtic Woman und verdienen viel Geld mit dem Mythos Irland. Sie können ➱hier einmal in ihr Danny Boy hinein hören. Und dann gleich die ➱Version von ➱Harry Belafonte hören, ist viel besser. Ich lege bei mir heute mal die Platten von einer Gruppe auf, die ich lange nicht mehr gespielt habe. Sie heißt ➱Planxty, vor Jahrzehnten fand ich die mal gut.

Ein wenig Literatur sollte es heute auch sein. Da darf das Gedicht The Lake Isle of Innisfree von William Butler Yeats nicht fehlen:

I will arise and go now, and go to Innisfree,
And a small cabin build there, of clay and wattles made;
Nine bean rows will I have there, a hive for the honey bee,
And live alone in the bee loud glade.

And I shall have some peace there, for peace comes dropping slow,
Dropping from the veils of the morning to where the cricket sings;
There midnight's all a glimmer, and noon a purple glow,
And evening full of the linnet's wings.

I will arise and go now, for always night and day
I hear lake water lapping with low sounds by the shore;
While I stand on the roadway, or on the pavements grey,
I hear it in the deep heart's core.


Und heute Abend wird John Fords The Quiet Man mit ➱Maureen O'Hara in den DVD Player gelegt. Ich glaube, da ist noch ein kleiner Rest vom irischen Whiskey in der Speisekammer.

Sonntag, 15. März 2015

Et tu, Brute?


I could be well mov’d if I were as you;
If I could pray to move, prayers would move me;
But I am constant as the northern star,
Of whose true-fix’d and resting quality
There is no fellow in the firmament.
The skies are painted with unnumber’d sparks,
They are all fire and every one doth shine,
But there’s but one in all doth hold his place:
So, in the world; ’tis furnish’d well with men,
And men are flesh and blood, and apprehensive;
Yet in the number I do know but one
That unassailable holds on his rank,
Unshak’d of motion: and that I am he,
Let me a little show it, even in this,
That I was constant Cimber should be banish’d,
And constant do remain to keep him so.

Das ist das letzte, was er sagen kann, bevor die Senatoren die Küchenmesser aus der Toga holen. Er sagt dann noch Et tu, Brute? Then fall, Cæsar! Hat er das wirklich gesagt? Auf jeden Fall steht es so bei Shakespeare. Keiner der römischen Historiker weiß etwas von diesem Et tu, Brute? Sie offerieren uns stattdessen die griechischen Worte καὶ σύ, τέκνον, was so viel wie Du auch, mein Kind? bedeutet. Nein, diese Sache mit Et tu, Brute?, die hat Shakespeare erfunden. Ein Mann, über den sein Kollege Ben Jonson sagte: and though thou hadst small Latin and less Greek, hat das Zitat geprägt, das wir immer verwenden. Die Sache mit der Ermordung musste ja kommen, Calpurnia hatte schlimme Träume gehabt. Was auch unseren Caesar (ebenso wie das Gewitter draußen) um den Schlaf bringt: Nor heaven nor earth have been at peace to-night: Thrice hath Calpurnia in her sleep cried out, 'Help, ho! they murder Caesar!'. Das sagt er, wenn er im Nachthemd auf die Bühne kommt.

Jedes Jahr am 15. März erinnert mich mein bildungsbürgerliches Gewissen an den Tod Caesars. Erinnert mich daran, dass man Shakespeares Julius Caesar mal wieder lesen könnte. Tue ich nie, es gibt bessere Stücke von ➱William Shakespeare als seine Römerdramen. Ich musste in der Schule in der Oberstufe einen Monolog von Shakespeare auswendig lernen. Unser Englischlehrer Dr James Tröbs (der schon in den Posts ➱Ruderverein, ➱Ostern und ganz vielen anderen vorkommt) bestand darauf. Da ich Hamlets To be or not to be sowieso schon drauf hatte, nahm ich den des Antonius:

Friends, Romans, countrymen, lend me your ears;
I come to bury Caesar, not to praise him.
The evil that men do lives after them;
The good is oft interred with their bones;
So let it be with Caesar. The noble Brutus
Hath told you Caesar was ambitious:
If it were so, it was a grievous fault,
And grievously hath Caesar answer'd it.
Here, under leave of Brutus and the rest--
For Brutus is an honourable man;
So are they all, all honourable men--
Come I to speak in Caesar's funeral.
He was my friend, faithful and just to me:
But Brutus says he was ambitious;
And Brutus is an honourable man.


Ich kann das bis heute auswendig. Immer wenn das Rad an seines Vaters Mühle lustig braust und rauscht und der Schnee emsig vom Dache tröpfelt, zieht es den ➱Taugenichts in die Welt hinaus. Immer wenn sich die Iden des März nähern juckt es mir in den Fingern, mal einen Post über Gaius Julius Caesar zu schreiben, über Billy Shakespeare und Thornton Wilders The Ides of March. Und all diesen Bildungsballast. Dann könnte ich noch das neue Buch The Death of Caesar: The Story of History’s Most Famous Assassination von Barry Strauss erwähnen, das gerade passend zum Datum von Caesars Ermordung erschienen ist. Also begann ich gestern, munter drauflos zu schreiben. Und dann kam der Schock. Ich gab Suetons Zitat Spurinnamque irridens et ut falsum arguens, quod sine ulla sua noxa Idus Martiae adessent: quamquam is venisse quidem eas diceret, sed non praeterisse bei Google ein. Und was sehe ich da? Es gab in SILVAE schon mal einen ➱Post zu dem Thema.

Wir wissen nicht wirklich, wer Caesar umgebracht hat. Ich habe da immer noch eine Bande von Lateinschülern im Verdacht, denen es zum Hals heraus hing, dieses Gallia est omnis divisa in partes tres, quarum unam incolunt Belgae, aliam Aquitani, tertiam, qui ipsorum lingua Celtae, nostra Galli appellantur zu lesen.

Samstag, 14. März 2015

Walter Crane


In der ITV Serie Lewis (die ➱hier natürlich einen Post hat) zitiert Sergeant Hathaway eine Zeile aus Tennysons Lady of Shalott: Out flew the web and floated wide. James Hathaway hat in Cambridge studiert, er ist ein gebildeter Mann. Robbie Lewis kommt aus Newcastle, er war nie auf einer Universität. Als er noch der Sergeant von Chief Inspector Morse war, konnte er von dessen Bildung profitieren. In der Serie, die Morse heißt (die irgendwann auch mal hier einen Post bekommt), war Lewis viel lebendiger und witziger als in Lewis. Inspector Morse zitiert Tennyson auch einmal, wenn er seinem Chief Superintendent Strange die letzten Zeilen aus Ulysses vorträgt:

Tho' much is taken, much abides; and tho'
We are not now that strength which in old days
Moved earth and heaven, that which we are, we are ...


Tennysons Lady von Shalott, die die viktorianischen ➱Maler immer wieder gereizt hat, trieb in dem Post ➱bêtes noires schon einmal durch diesen Blog. Wenn Sie die Verse dazu haben wollen, bitte sehr:

And at the closing of the day
She loosed the chain, and down she lay;
The broad stream bore her far away,
The Lady of Shalott.

Lying, robed in snowy white
That loosely flew to left and right –
The leaves upon her falling light –
Thro' the noises of the night
She floated down to Camelot:
And as the boat-head wound along
The willowy hills and fields among,
They heard her singing her last song,
The Lady of Shalott.


Wenn Sie noch mehr über die nach Camelot treibende Dame (die der Karrierestart von Walter Crane war) in der populären Kultur wissen wollen, schauen Sie doch einmal in den interessanten ➱Artikel Floating down beyond Camelot: The lady of Shalott and the audio-visual imagination. Walter Crane starb heute vor hundert Jahren, er war ein Künstler des Arts and Crafts Movements, der von den Präraffaeliten beeinflusst war. Die Jay nun überhaupt nicht mag. Es war sicher nett von Professor ➱Wolfgang J. Müller gemeint, dass er mir als drittes Thema für das Rigorosum im Fach Kunstgeschichte die englischen Präraffaeliten offerierte. Ich konnte ihm in dem Augenblick schlecht sagen, dass ich die überhaupt nicht ausstehen konnte.

Ich habe meiner Abneigung gegen die Präraffaeliten schon in dem Post ➱Dante Gabriel Rossetti Ausdruck verliehen. Vor allem, wenn sie auch noch eine Art sozialistischer Philosophie entwickeln: We want a vernacular in art. No mere verbal or formal agreement, or dead level of uniformity but that comprehensive and harmonizing unity with individual variety which can be developed among people politically and socially free, hat er geschrieben. Das mit dem politically and socially free und der Stellung des Künstlers in der Gesellschaft ist ihm wichtig. Er bietet uns zwar keine wirkliche Philosophie wie sein Kollege William Morris (den er 1870 kennenlernt), aber er wird Mitglied der Social Democratic Federation und Fabian Society werden. Und wird eines Tages für die zum Tode verurteilten Chicagoer Anarchisten eintreten. 

Aber der Mann, der gerne Samtjacken trägt (lesen Sie hier mehr über die Mode des ➱Aesthetic Movement) und grauenhaft kitschig Grimms Märchen illustriert (hier seine Abbildung zu Dornröschen), hat noch ein zweites Leben. Das nichts mit der Lage der arbeitenden Klasse in England und der amerikanischen Anarchisten gemein hat. Er ist gerne in Gesellschaft, sein Haus in der Holland Street in Kensington wird zu einem Treffpunkt von Künstlern und feiner Gesellschaft. Auch die englische Aristokratie mag den Mann, der nebenbei ein bisschen Sozialist ist.

Yea, on the strand they stood, the Sirens three — 
No More, and golden Now, and dark To Be, 
Whose vocal harps are love, and hope, and grief; 
To these they sang, and waved their hands to me. 
Who thence, unto the shore, escaping, clung. 
As from the dread insatiate ocean's tongue 
That lapped the barren sand, and evermore. 
Above its vain recoil, the Sisters sung. 
Prone on that unknown land, outcast, forlorn. 
My soul lay ; watching for the eyes of morn ; 
As from a dying universe adrift, 
A naked life — to what dim world new born ?

Das ist auch Walter Crane, er dichtet auch ein bisschen, wie zum Beispiel The Sirens Three, einem Werk (hier im Volltext), das er auch selbst illustriert hat. Wenn Sie noch mehr Sirenen und Nymphen haben wollen, lesen Sie dich den Post ➱Meerjungfrauen und Waldnixen. Der Kunsthistoriker Otto Grautoff fand 1901 in seinem Buch Die Entwicklung der modernen Buchkunst in Deutschland (hier im Volltext) die Buchillustrationen des Mannes, dessen künstlerischer Anfang im Holzschnitt (den er bei William James Linton erlernt) liegt, ganz großartig: 

Wie in einem reichen Garten nach einem warmen Nachtregen unter den Sonnenstrahlen des aufgehenden Morgens plötzlich alle duftenden Blumen sich entfalten, also bewährte sich unter den flammenden Reden John Ruskins die Blüh-Willigkeit der englischen Kunst und trieb eine wundersame Blüte in dem Dreigestirn des Edward Burne-Jones, William Morris und Walter Crane. Die Präraphaeliten betrieben die Kunst wie einen heiligen Gottesdienst und trachteten danach, alles mit Schönheit zu beleben; ihnen und ihrem grossen Agitator Ruskin, der mit sittlichem Ernst und ungeheuerem Eifer seine social-politischen Ideale zu verwirklichen trachtete, haben wir es zu danken, dass der erlösende Frühlingssturm über alle Fährten der Kunst strich; denn sie waren die Ersten, die sich nicht mehr zu vornehm dünkten, ihre Schaffenskraft in den Dienst des Kunstgewerbes zu stellen; sie predigten ,,die Kunst für das Volk und durch das Volk". Mit einer Wünschelrute scheinen sie Alle Zeit ihres Lebens gearbeitet zu haben.

Die Engländer nennen so etwas purple passages, das würde heute niemand mehr schreiben. Ich glaube, die etwas verfremdende Illustration zu The Beauty and the Beast war an dieser Stelle angebracht. Das hier ist auch aus der Illustration des Märchens The Beauty and the Beast. Wenn sie genau hinschauen, können Sie auf dem Fächer der Schönen die schaumgeborene Venus von Botticelli erkennen. Ich weiß nicht, ob man das jetzt mit sophisticated oder corny bezeichnet. Durch die Vielzahl seiner Illustrationen für Märchen- und Kinderbücher hatte Walter Crane mittlerweile den Titel the artist of the nursery bekommen.

Weshalb weiß ich nicht. Denn Illustratoren von ➱Kinderbüchern gibt es in England genug, John Tenniel zum Beispiel, der Lewis Carrolls Alice in Wonderland illustrierte. Oder Arthur Rackham (der mit seinen letzten Ilustrationen für The Wind in the Willows in dem Post ➱Hosenumschlag zu sehen war). Und dann wollen wir die unvergleichliche Beatrix Potter natürlich nicht vergessen. Die meisten Illustrationen anderer Zeichner sind viel fröhlicher und kindgerechter als die Arts and Crafts Tristesse von Crane. So viel Fröhlichkeit wie hier auf George Henry Thompsons The Animals Jump the Stream strahlen seine Illustrationen nie aus.

Aber eine Venus wie Botticelli wollte Crane doch auch einmal malen (wahrscheinlich hatte er dessen Bild 1871 auf seiner Hochzeitsreise in Italien gesehen), ich bilde sie gerne einmal ab. Glücklicherweise findet sich auf der Seite der Tate Gallery der Zusatz not on display, das heißt, dass diese viktorianische Scheußlichkeit im Keller verschwunden ist. Wenn sie noch mehr Bilder von der schaumgeborenen Venus sehen wollen, dann klicken Sie ➱George Spencer Watson an.

Walter Crane war mit Sir Edward Burne-Jones befreundet (der der Onkel von ➱Rudyard Kipling war), er erscheint in seinen ➱Bildern wie ein schlechter Imitator von Burne-Jones. Aber er hat sich hauptsächlich als Maler gesehen. Wenn er im Rückblick auf sein Leben sagt: I exhibited chiefly in the First Water-Color Dudley Gallery from 1866 onwards, my work meeting ready acceptance by the juries, dann ist das nicht die ganze Wahrheit. Die Royal Academy lehnt die Ausstellung seiner Bilder konsequent ab. Diesen Kitsch, der Love's Altar heißt, hat er gar nicht bei der Akademie einzureichen versucht, es wurde 1870 in der Old Bond Street Gallery gezeigt.

Es blieb ihm gar nichts anderes übrig als die Old Bond Street Gallery oder die Dudley Gallery. Und ein loser Zusammenschluss mit Künstlern, die alle Edward Burne-Jones bewunderten. Und die die Kritiker etwas gehässig als die poetry-without-grammar-school bezeichneten. Das poetry bezieht sich darauf, dass die Themen aller Bilder aus der Literatur kommen, das without grammar meint die Zurückweisung akademischer Konventionen. Und dann kommt so etwas dabei heraus. Auf den Gedanken, Walter Crane hauptsächlich als Maler zu sehen, würde heute niemand mehr kommen. Wenn man bedenkt, dass es längst die Schule von Barbizon, die Maler in ➱Skagen und ➱Edouard Manet gibt, ist diese Belle Dame sans Merci malerisch doch ein Rückschritt. Aber das Mittelalter ist es ja, zu dem die englische Kunst des viktorianischen Zeitalters strebt. Ich möchte an dieser Stelle die Lektüre der Posts ➱Ritter, ➱Shakespeare oder ➱Mark Girouard empfehlen.

Nein, ein Maler ist Walter Crane wirklich nicht, er ist gut in manchen seiner Illustrationen. Von denen viele auch vom Japonismus beeinflusst sind; es ist eine Kunst der Linie, die ihn auszeichnet. Maler müssen mehr können als die Linie. Er ist sicher auch ein Vorläufer dessen, was man Art Nouveau oder Jugendstil nennen wird. Im Mittelalter hätte er sicher einen guten Mönch abgegeben, der Bücher mit seinem filigranen Blattwerk illuminiert. Heinrich Vogeler (der ➱hier einen Post hat) wirkt manchmal wie ein Imitator von Crane. Wenn wir nett sind, könnten wir sagen, dass die beiden Geistesverwandte sind. Ich mag aber diese Schwäne, die hatte ich mal auf einem englischen Tablett, weiß nicht, wo das geblieben ist.

Man kann sie aber immer noch auf Teebechern bekommen, ebenso wie sein Gemälde Neptun's Horses. Den Becher könnte man auch als Zahnputzbecher nehmen. Wenn Sie den Post ➱Abstraktion gelesen haben, wissen Sie, weshalb ich auf diesen Gedanken komme. Zum Ende des Jahrhunderts kommt die große Zeit von Walter Crane. Er bekommt 1891 eine Ausstellung des Gesamtwerks, die auch nach Amerika und Europa wandert. Und die belgische Künstlergruppe Les XX wird ihn 1891 einladen, er ist neben Ford Madox Ford der einzige Engländer, der eine Einladung nach Belgien bekommt.

Der Maler Sir William Rothenstein sagte 1931 über Crane: He was illustrator, painter, designer, craftsman, and sculptor by turn; he poured out designs for books, tapestries, stained glass, wall-papers, damask, and cotton fabrics . . . he could do anything he wanted, or anyone else wanted. Ist das wirklich ein Lob? In Deutschland war man von ihm begeistert, wie das Zitat weiter oben von Otto Grautoff zeigen kann. Justus Brinckmann, Direktor des Hamburger Museums für Kunst und Gewerbe, kaufte schon früh von  Crane illustrierte Bücher für das Museum, Alfred Lichtwark erwähnt das in einem Aufsatz.

Ich bin nicht der einzige, der Walter Crane nicht so großartig findet. John Fleming und Hugh Honour tun das in ihrem hervorragenden Penguin Dictionary of Decorative Arts auch, wenn sie schreiben: He was at best as a designer of textiles and wallpapers, especially those intended for nurseries, in a pale-coloured rather wispy version of the Morris style, tinged with enough Art Nouveau influence to win him European renown. Tapeten fürs Kinderzimmer, das ist von dem Ruhm des Sozialisten und Salonlöwen geblieben. Sein Ruhm schläft wie sein Dornröschen. Küssen wir es nicht wach.

P.S. Ich kannte Loreena McKennitt nicht, aber ein Leser sandte mir dieses Video. Schauen Sie mal hinein.

Donnerstag, 12. März 2015

Kingsman


Vergessen Sie James Bond. So sieht ein englischer Geheimagent aus, nicht anders. Wenn Sie auch so aussehen wollen, kein Problem. Alles aus dem Film Kingsman: The Secret Service, was ein gentleman spy braucht, kann man kaufen. Der Film läuft heute in den deutschen Kinos an. Das Ganze ist nicht unbedingt billig, aber es war ja schon immer etwas teurer, einen besonderen Geschmack zu haben. Selbst wenn James Bond jetzt Heineken Bier trinken muss. Falls Sie viel Geld ausgeben wollen, um wie Colin Firth auszusehen, klicken Sie bitte ➱hier.

Der Film basiert auf einem Comic. Die Welt der meisten Spionageromane ist von der Welt der Comics nicht so weit entfernt. Vielleicht ist auch die wirkliche Welt der Spionage von den Comics nicht so weit entfernt. It sounds like a thriller, doesn't it, but the thrillers are like life... The world has been remade by William Le Queux, läßt Graham Greene eine Romanfigur in seinem Roman The Ministry of Fear sagen. Wenn Sie endlich einmal einen geradezu enzyklopädischen Post zum Thema Spionageroman lesen wollen, sollten Sie ➱Secret Agents anklicken.

Matthew Vaughn, der Regisseur des Films Kingsman, hatte die Idee mit dem Schneideratelier und dem Secret Service, als er sich in der Savile Row einen Anzug machen ließ: I was having a suit made at Huntsman, where all the rich and powerful have had their suits made since Queen Victoria, and I got bored and started imagining what would happen if I pressed a secret button and the whole room became an elevated lift going down into a secret lair. And this idea of the tailor being the shopfront of a spy organisation was moulded.

Wenn Sie mich jetzt fragen, was dieses Bild hier soll, habe ich darauf natürlich eine Antwort. Der Typ neben der langen Blonden, der aussieht als hätte Mammi ihn gerade auf dem Spielplatz abgeholt, ist niemand anders als der Regisseur Matthew Vaughn. Und die leicht unterernährte Blondine ist natürlich unsere Claudia Schiffer. Wenn Matthew Vaughn nicht seine Spielplatzklamotten trägt, lässt er sich offensichtlich seine Anzüge bei Huntsman machen. Und hat da die Idee, dass man alle im Film getragenen Klamotten auch vermarkten könne. Ich nehme mal an, er brauchte seinen Anzug bei Huntsman nicht zu bezahlen, weil die Firma das Ganze jetzt auch gut vermarktet.

Ja, die Welt der ➱Savile Row bricht peu à peu zusammen. Der amerikanische Dichter Frederick Seidel hatte schon recht, wenn er in seinem ➱Gedicht Kill Poem dichtet: Huntsman indeed is gone from Savile Row. Natürlich ist Huntsman noch in der Savile Row, aber Seidel beklagt den Weggang des head cutter Brian Hall. Dessen Nachfolger war Richard Anderson, der aber irgendwann die Schere hinwarf und seinen eigenen Laden aufmachte. Er nahm den größten Teil der Angestellten und viele Kunden mit. Und beschrieb alles süffisant in seinem Buch Bespoke: Savile Row Ripped and Smoothed. Wo er auch auf Seite 187 die erste Strophe von Frederick Seidels Gedicht abdruckte:

Huntsman indeed is gone from Savile Row,
And Mr. Hall, the head cutter.
The red hunt coat cut for me was utter
Red melton cloth thick as a carpet, cut just so.
One time I wore it riding my red Ducati racer—what a show!—
Matched exotics like a pair of lovely red egrets.
London once seemed the epitome of no regrets
And the old excellence one used to know
Of the chased-down fox bleeding its stink across the snow.


Wenn Sie also einen solchen Zweireiher wie Colin Firth (der im Film sagt: A suit is a modern gentleman’s armor) haben wollen, brauchen Sie nur ➱Mr Porter zu kontaktieren, und für 2.495 Dollar gehört der Ihnen. Garantiert Savile Row. Oder Hongkong und Shanghai. Vielleicht Huntsman, das weiß niemand so genau. Die Anzüge, die Colin Firth in dem Film trägt, stammen alle von Martin Nicholls aus der Savile Row. Bei ihm sind die Anzüge allerdings etwas teurer als bei Mr Porter.

Martin Nicholls hat bei Huntsman angefangen (wo er bei Frederick Seidels Lieblingsschneider Brian Hall lernte), war dann bei Gieves und Norton and Sons und entwirft jetzt die MTM Anzüge von Dunhill. Also so etwas, was Daniel Craig hier trägt. Es ist immer gut für das Geschäft, wenn Filmstars Werbung für einen Schneider machen. Film und Mode ist sowieso ein unerschöpfliches Thema (Sie könnten jetzt natürlich die Posts ➱Cinecittà und die Mode und ➱Film und Mode lesen). Film und Werbung ist ein noch größeres Thema als Film und Mode. Und das hat nicht mit Skyfall angefangen, einem Film, den der Berliner Tagesspiegel als Warenhaus bezeichnete.

Als Clark Gable in It Happened One Night sein Hemd auszog und kein Unterhemd darunter trug, sanken die Verkäufe von U-Hemden in den USA drastisch. In den dreißiger Jahren offerierten Friseure und Friseurketten ihren Kundinnen den gleichen Haarschnitt, den ihre Hollywood Idole trugen. Davon abgesehen bewarben die Stars (mit Genehmigung ihres Studios) alle möglichen Produkte, wie zum Beispiel Carole Lombard, die für Lux Seife Werbung machte. Und die ➱Bemberg Strümpfe verkauften sich natürlich viel besser, wenn Marlene Dietrich für sie warb.

Aber das product placement im großen Stil begann mit der Verfilmung von The Great Gatsby 1974 (lesen Sie ➱hier mehr dazu). Die Firma Glemby International (die fünfhundert Friseursalons besaß) hatte ja schon Haarnetze für Damen hergestellt, als Fitzgerald seinen Roman schrieb, jetzt offerierte sie den Haarschnitt von Daisy und Gatsby. Es gab Oberhemden von Turnbull & Asser, Whisky von Ballantine und gatsby-weiße Teflon Bratpfannen. Fitzgeralds Tochter Scottie Lanahan Smith klagte damals: You have turned 'The Great Gatsby' into pots and pans. Petra Kipphoff sprach in der Zeit von dem maßlosen Rummel, der den Film zum Werbespot seiner selbst pervertierte. Was würde sie heute zu Kingsman sagen?

Wenn uns Kingsman: The Secret Service englische Schneider im Geheimdienst offeriert, dann muss man sagen: die sind nun auch nichts Neues. Das hier ist Harry Pendel (gespielt von Geoffrey Rush) in dem Film The Tailor of Panama. ➱John Le Carré hatte seinen Schneider Douglas Hayward in diese Figur hineingeschrieben. Wenn heute Martin Nicholls damit wirbt, wie viele Hollywood Stars er schon eingekleidet hat, dann ist das gar nichts gegen Douglas Hayward. Früher war man nur etwas stiller. Doug Hayward kommt in diesem ➱Blog natürlich auch schon vor, so etwas lassen wir nicht aus.

Ich habe seit Jahren das unbestimmte Gefühl, dass viele Filme nur gedreht werden, um Platz für product placement zu schaffen. Kingsman: The Secret Service ist ein ehrlicher Film, er will nichts anderes als ein Vehikel für Mr Porter sein. Der Kommerz hat den Film als Werbeträger entdeckt, es rechnet sich sogar. Ein paar hunderttausend Dollar, die in einen Film gesteckt werden, sind nichts gegen die Kosten eines 30 Sekunden Spots zur Prime Time. Manche Firmen haben das noch nicht so richtig begriffen. Was hätte Beate Uhse für ein Reklameinstrument gehabt, wenn sie ein bisschen Geld in die Dreharbeiten des ➱Films Fifty Shades of Grey gesteckt hätten!

Wenn Sie nun nicht wie Colin Firth aussehen wollen, sondern lieber wie dieser Herr, dann ist das auch kein Problem. Denn seit Jahren sucht Til Schweiger mit Leidenschaft nach Lieblingsstücken, die in seinen Filmen und Häusern einen Platz finden. Und so kann er uns sagen: Ich trage seit Jahren am liebsten Kaschmirpullover. Meistens sind die Pullis aber mit engem Ausschnitt und engen Bündchen. Ich mag es lieber lässig und weiter. Und deshalb habe ich mir jetzt meine eigenen Lieblingspullis designt. Klicken Sie doch einfach mal seinen ➱Online Shop an. Oder lassen Sie es lieber. Ein Opel Manta mit Fuchsschwanz an der Antenne ist sowieso nicht im Angebot.

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