Mittwoch, 19. August 2015

Constellation de Luxe


Ich habe sie wieder, die kommt jetzt wochenlang nicht mehr von meinem Arm. Sie war beim Uhrmacher, es ist eine lange Geschichte. Die Uhr in der Abbildung ist natürlich eine alte Omega Constellation, das erste Modell, das Omega nur als Chronometer baute. Steht auch auf dem Zifferblatt: Chronometre Officially Certified. Bis 1951 durften Uhrenfabriken die Prüfung noch im eigenen Hause vornehmen, aber dann mussten alle Uhren eine Prüfung beim COSC (Contrôle officiel suisse des chronomètres) über sich ergehen lassen, damit die Aufschrift Chronometre Officially Certified ihr Zifferblatt zieren durfte. Viele Hersteller von Präzisionsuhren fanden diesen etwas angeberischen Schriftzug (mit dem Rolex penetrant warb) eh prollig und kamen nicht auf die Idee, Chronometer auf ihre Uhren zu schreiben. Obgleich sie es sicher waren.

Omega hatte schon vorher Chronometer gebaut, aber die waren nicht für den Handel, sondern nur für die jährlichen Wettbewerbe vorgesehen. Welche Omega nach dem Zweiten Weltkrieg neben Zenith beinahe immer gewann. Rolex stieg da irgendwann aus, weil sie die nie mehr gewannen. Das Werk, das den guten Ruf von Omega festigte, hieß 30T2, die Zahl dreißig bedeutet schlicht, dass das Werk dreißig Millimeter groß ist. Kleiner sollte ein Werk nicht sein, Sie könnten jetzt mal eben den Post Precision Class lesen, dann wissen Sie weshalb. Die Abkürzung T2 bezieht sich auf die Weiterentwicklung des Werkes (T steht für transformation). Später bekam das Werk eine schlichte Kalibernummer wie zum Beispiel 260, Sammler haben aber lieber eins, auf dem noch 30 T2 steht.

Omega hatte zur Hundertjahrfeier der Firma im Jahre 1948 einen Chronometer herausgebracht (Eterna sollte in den fünfziger Jahren seine Centenaire auf den Markt bringen), es gab allerdings nur 1.948 Exemplare. Die Uhr besaß einen automatischen Aufzug vom Typ Hammerautomatik, allerdings noch keine Zentralsekunde. Automatikuhren mit kleiner Sekunde sind heute relativ selten. Das IWC Kaliber 81 hat leider niemand je photographiert, deshalb gibt es auch kein Bild von dem Werk. Am preiswertesten wird eine Automatik mit kleiner Sekunde (wenn man als so etwas sucht) bei der Firma Bifora zu finden sein, ihr Kaliber 103 war 1950 das erste deutsche Automatikwerk.

Das Omega Kaliber 28.10T1 RA PC RG wurde 1949 in Kaliber 343 umbenannt, die Kaliberfamilie 330 wurde noch lange gebaut. Später natürlich auch mit Zentralsekunde. Omega hat lange an seinen Hammerautomaten festgehalten (die Schwesterfirma Tissot auch), zu der Zeit bauten die IWC oder Eterna längst Uhren mit Rotorautomatik. Die übrigens, technisch gesehen, die besten Automatikwerke waren, die in der Schweiz je gebaut wurden.

Das Werk der Eterna-Matic Centenaire steckt heute noch als ETA Kaliber in den meisten Automatikuhren, die in der Schweiz hergestellt werden. An diese Werke reichte nur Omegas Kaliberfamilie 550 (Bild) heran, mit der die Firma in den sechziger Jahren die sagenhafte Zahl von 100.000 geprüften Chronometern in direkter Reihenfolge erreichte. Damit wurde Omega bei den geprüften Chronometern die Nummer Eins der Schweiz und ließ Rolex hinter sich.

Das Gehäuse der ersten Constellation tendiert zu einem Stil, den Uhrensammler gerne etwas ironisch als Genfer Barock bezeichnen. An den Bandanstößen konnte man noch die Reste einer Ende der vierziger Jahre sehr beliebten Form erkennen, die man gemeinhin als ➱Fuchsohren bezeichnet. Ich illustriere das mal eben mit einer Certina Labora aus dieser Zeit. Das ist nicht jedermanns Sache, aber erstaunlicherweise tauchen diese Fuchsohren (englisch: fancy lugs) auch später noch auf. Ich habe eine IWC Automatik aus Edelstahl von 1962, die bauhausmäßig cool ausschaut. Bis auf die Fuchsohren.

Die seltsamen Bandanstöße der Jubiläumsuhr wurden auch für die Constellation verwendet, die Omega 1952 einführte, sie sind über die Jahre etwas modifiziert worden. Sammler schätzen jedoch die Gehäuse des ersten Jahre höher ein als die designmäßig kalten Constellations der siebziger Jahre. Amerikanische Sammler sind wie wild hinter den Modellen her, die ein Zifferblatt haben, das wie ein umgedrehtes Kuchenblech aussieht. Heißt im Englischen pie pan dial und verteuert den Preis der Omega sofort. Die Constellation gab es in den ersten Jahren immer im gleichen Gehäuse. Immer als Chronometer. Immer als Automatik, zuerst mit der Pendelschwungmasse, dann ab mit Rotoraufzug.

Den Boden des Gehäuses ziert immer das Genfer Observatorium. Und acht Sterne (ein neunter Stern ist immer auf dem Zifferblatt). Man kann hierbei auch etwas aus den Sternen lesen, wenn alle acht mit ihren Umrissen scharf zu erkennen sind, spricht das für den Zustand des Gehäuses. Wenn da weniger als acht Sterne sind, dann ist der Gehäuseboden zu oft an die Schwabbelscheibe gehalten worden. Aber es wird immer den Flohmarkthändler geben, der Ihnen versichert, eine Omega mit nur vier Sternen sei etwa ganz Besonderes.

Omega hat, wie schon oben gesagt, länger als die Konkurrenz an der Pendelautomatik festgehalten. Die ja auch generell gesehen recht zuverlässig ist. Morgens umbinden, Kaffee (oder Tee) eingießen und in der Zeitung blättern - und schon läuft sie. So etwas Ähnliches bekam der englische Feldmarschall Montgomery auch zu hören, als er nach dem Krieg die Omega Fabriken in Biel besuchte und eine Hammerautomatik geschenkt bekam: Il faut se lever de bon heure et bien se secouer. Monty, der den ganzen Krieg über eine Omega (mit einem Omega Kaliber 30T2) trug, wollte mit seinem Besuch 1947 (den er übrigens 1949 wiederholte) anerkennen, dass die Firma Omega (die die Wehrmacht nie mit Uhren belieferte) der zuverlässigste Uhrenlieferant für die Engländer im Zweiten Weltkrieg gewesen war.

Dieses Kaliber 352 ist eine Weiterentwicklung des 28.10T1 RA PC RG. Man kann die simple Konstruktion der mit einer Schraube festgehaltenen Feder (die zum schnellen Bruch neigte) nicht mehr erkennen. Die Feder ist jetzt unverschraubt in eine Art Tunnel eingelegt. Das Werk ist mit der Aufschrift adjusted five (5) positions and temperatures verziert, die sich zusammen mit der Zahl der Steine auf allen Constellation Werken findet. Wie man an eine solch luxuriöse Uhr ein billiges Russenband schrauben kann, das weiß ich wirklich nicht.

Der kleine Türke hat 'ne goldene Omega, will er zum Goldpreis verkaufen, sagte mir mein Uhrmacher vor Jahren. Der Uhrmacher mag den kleinen Türken, der einen Laden für Gold und Geschmeide aller Art hat, überhaupt nicht. Der hatte schon mehrfach versucht, ihn über den Tisch zu ziehen, aber als er Weihnachten eine nicht funktionierende Omega für lau reparieren sollte, war es zu Ende mit jeder Freundlichkeit. Ich habe ihm gesagt, dass man die nicht mehr reparieren kann, sagte mir der Uhrmacher, in Wirklichkeit ist da nichts dran. Ich wusste, dass wenn ich jetzt bleiben würde, ich ein weiteres Kapitel aus dem Epos des Kleinkriegs zwischen ihm und dem Türken hören würde und sagte, dass goldene Omegas nicht mein Ding sind. Ich hatte schon die Ladentür in der Hand, als ich den Satz hörte: Die hat so seltsame Bandanstöße.

Seltsame Bandanstöße? Sollte es eine der ersten Constellations sein? Eine Viertelstunde später war ich bei dem Türken. Ich kaufte die goldene Connie (18 Karat) zum Goldpreis von dreihundert Euro. Es war übrigens keine einfache Constellation, es war eine Constellation de Luxe, bei der sind Zifferblatt und Zeiger auch aus Gold. Aber das habe ich erst später gemerkt, als sie mir gehörte und ich alle Zahlen im Gehäuseboden (einem wasserdichten Druckboden) lesen konnte. Wie zum Beispiel den Herstellercode, der einem verrät, dass das Gehäuse von Antoine Gerlach in Genf hergestellt wurde. Seit 1934 müssen Schweizer Golduhren mit dem poinçon de maître markiert sein, Sammler können sie heute leicht über eine Tabelle wie ➱diese identifizieren. Omega besaß zwar Aktienanteile an Gehäusefabriken wie Maeder-Leschot, aber bei diesem Modell vertraute man bei den Golduhren doch auf den Spezialisten, der in den vierziger und fünfziger Jahren beinahe alle goldenen Calatravas für Patek gebaut hat.

Leider stand Omega nicht zu dem originalen Gehäuse der Constellation, dem angeblichen Zeitgeschmack folgend veränderte sich das Gehäuse laufend. Man konnte der Uhr nichts mehr ansehen, dass sie ein Chronometer war. Vielleicht war das ein Fehler, denn viele Uhren leben durch den Wiedererkennungswert. Wie Rolex, die Junghans Max Bill oder Jaeger-LeCoultres Reverso. Oder die Uhr von Nomos, die eine schamlose Kopie einer alten Uhr von Lange aus den dreißiger Jahren ist. Als Omega diese Uhr hier auf den Markt brachte, war der Tiefpunkt des industriellen Designs erreicht. Aber diese Constellation war eh eine Quarzuhr, und in der Zeit der Quarzuhren gab es ja bekanntlich sowieso keinen guten Geschmack mehr.

Das Werk in meiner Uhr ist das Kaliber 501, das erste Rotorwerk von Omega. Es hat 19 Steine und eine Glucydur Unruh noch mit Schrauben, die modernere glatte vierschenklige Unruh sollte erst mit dem Kaliber 551 kommen. Sie können das Werk ➱hier bei der Arbeit sehen, die Unruh schwingt allerdings nicht ideal. Das Werk hat eine Schwanenhals Feinregulierung, nicht mehr diese Feinregulierung, die das Kaliber 352 und das 30 T2 der Jubiläumsausgabe hatten. Irgendwann gab es die Connies auch mit Datumsanzeige, aber das ist etwas, was diese Uhr wirklich nicht braucht.

Mein Uhrmacher hat die Uhr damals im Handumdrehen wieder zum Leben erweckt. Und hat ihr auch ein neues Originalglas (mit dem winzigen eingeschliffenen Ω in der Glasmitte) und eine neue Originalkrone besorgt. Er wurde damals noch von Omega mit Ersatzteilen beliefert, auf die Idee käme Omega heute nicht mehr. Die binden jetzt eiskalt - wie Rolex das vorgemacht hat - den ganzen Service an das Werk in Biel. Selbst Omega Konzessionäre klagen darüber, dass sie kaum Ersatzteile bekommen. Auch Furniturenhändler wie Rudolf Flume (deren Kataloge für den Uhrensammler unverzichtbar sind) können dem kleinen Uhrmacher kaum noch helfen. Natürlich gibt es einen grauen Markt, auf dem man beinahe alles bekommen kann (sogar ganze Rolex Werke), aber das kostet.

Ich weiß nicht, was mich bewogen hatte, die Uhr zu Mahlberg zum Service zu bringen. Ich wollte ihr mal was gönnen, obwohl sie gut ging. In den fünfziger Jahren empfahlen die Präzisionsuhrenfabriken einen zweijährigen Service, aber es gibt heute Öle, die nicht so schnell verharzen. Mein Uhrmacher hatte seinen Laden dicht gemacht, er war es leid, immer nur Batterien für Quarzuhren einzubauen. Früher hatten sie bei Mahlberg einen Meister aus Sachsen, der Burkhard Weißflog hieß. Er war ein Verwandter von dem Skispringer, jeder fragte ihn das. Er war ein hervorragender Uhrmacher, der auch den Kontakt zum Kunden liebte. Man konnte mit ihm alles besprechen. Und wunderbaren Gesprächen mit Kunden zuhören. Wenn er den sonnengebräunten Sugardaddies mit ihren Goldkettchen und ihren Thailand Rolexes höflich erklärte, dass er vielleicht nicht mehr in der Lage sei, den Boden der Uhr nach dem Batteriewechsel wieder zu verschließen. Weil dies ein ganz billiges Imitat einer Rolex sei. Wenn man das Ego eines Thailandtouristen zerstören will, dann macht man das so.

Heute redet kein Uhrmacher mehr mit dem Kunden. Heute ist alles anders. Weißflog ist nicht mehr da, der hat jetzt einen kleinen Laden und graviert Pokale. Die Uhrmacher, die man auf der Homepage bewirbt, werden jetzt im ersten Stock versteckt, denen kann man nicht mehr sein Leid klagen. Das ist wie bei den Autowerkstätten. Da kriegte man morgens die ölverschmierte Pfote vom Meister und sagte ihm, was dem Auto fehlte. Heute sitzen da Sekretärinnen, die mit manikürten Fingern irgendwelche Dinge in den Computer tippen. Das funktioniert nach dem bekannten Prinzip der Stillen Post, der Meister wird sich schon irgendwas dabei denken, was er zu reparieren hat.

Ich bekam meine Constellation zurück, erfuhr dabei, dass sie für die Revision den gleichen Preis nehmen, den Omega in Biel nimmt (müssen sie angeblich, weil sie Omega Händler sind). Alles war gut. Aber nicht lange, ein halbes Jahr später war die Constellation wieder beim Uhrmacher. Sie bekam ein neues Räderwerk, ein neues Federhaus, aber sie ging nach wenigen Monaten schlechter und schlechter. Und so ging das Jahr für Jahr. Der Uhrmacher (vorausgesetzt, es ist immer derselbe) kann ja Uhren reparieren, meine alte Zenith Defy (Bild) zum Beispiel, läuft nach fünf Jahren noch wie eine Neuuhr. Die Zenith AF/P, der Schnellschwinger mit 36.000 Halbschwingungen, läuft perfekt. Nur der Omega Chronometer nicht, der schwächelte vor sich hin. Irgendwann legte ich die Omega in eine Schublade.

Wo ich sie im Frühjahr wiederfand. Ich zog sie auf und trug sie einen Tag. Vielleicht hatte sie sich in der Dunkelheit der Schublade ja erholt? Nichts davon, sie verlor in 24 Stunden zwanzig Minuten. Eine billige alte Junghans aus den fünfziger Jahren geht besser. Ich guckte mir das chronometrische Desaster zwei Tage lang an, dann ging ich zu Mahlberg. Wo ich mit diesem Herrn ein längeres Gespräch hatte. Das ist Tim Kleinfeld, der Geschäftsführer, der liest sogar manchmal meinen Blog. Heute bestimmt. Unser Gespräch über alte Uhren im allgemeinen und diese Omega im besonderen dauerte länger als eine halbe Stunde, Tim Kleinfeld nimmt sich Zeit für die Kunden. Auch wenn sie Meckerer wie ich sind.

Ich bekam die Omega sechs Wochen später wieder. Kostete nix. Konziliant und kulant sind sie da schon. Auf dem Auftragezettel, mit dem die Uhr vom Uhrmacher nach unten gekommen war, stand Läuft von Freitag bis Montag. Den Rest der Woche nicht? fragte ich Herrn Kleinfeld. Der war genauso irritiert wie ich. Nahm erstmal Rücksprache mit dem Uhrmacher, und erklärte mit dann, was sich hinter dem kryptischen Satz verbarg. Der Uhrmacher hatte die Uhr auf dem Uhrbeweger gehabt und den am Freitagabend abgestellt. Danach war die Uhr bis zum Montagmorgen gelaufen, was bedeutet, dass das Federhaus in Ordnung ist und die Uhr auch ordnungsgemäß aufzieht. Ich bekam auch noch gesagt, dass die Amplitiude der Unruh 280 Grad sei. 280 Grad ist ein sehr guter Wert für eine Uhr, die beinahe sechzig Jahre alt ist. Wäre natürlich auch schön, wenn man dem Kunden mal das Gangprotokoll der Zeitwaage (das ist für die Uhr so etwas wie das EKG fürs Herz) ausdrucken würde.

Fünf Wochen ist sie jetzt an meinem Arm, sie hat in dieser Zeit knapp eine Minute gewonnen. Mit einem solchen Ergebnis würde sie heute in der Schweiz jederzeit ein Chronometerzeugnis bekommen. Mein Dank geht an den Uhrmacher. Die irritierende Frage aber bleibt: warum ging das nicht vorher? Ach ja, wie der Dichter sagt: Des Menschen Engel ist die Zeit.

Noch mehr Omega finden Sie in den Posts: ➱Officially Certified, ➱Groschmann dägi, ➱Armbänder, ➱Militäruhren, ➱Made in England, ➱Precision Class, ➱Kurtz, ➱Charles Fasoldt, ➱Elgin Automatic, ➱Elgin, Rolex, ➱Max Bill, ➱Hemmungen, Sommerzeit, ➱Eterna KonTiki, ➱Secret Agents, ➱Goldfinger, ➱Die Doxa von Dirk Pitt, ➱Schneewittchensarg, ➱CD Player, ➱Black Watch, ➱Des Königs Jaguar, ➱Bertrand Tavernier

Sonntag, 16. August 2015

Le grand blond


Pierre Richard hat heute Geburtstag. Eigentlich ist Pierre Richard sein Künstlername, in Wirklichkeit heißt er Pierre Richard Maurice Charles Léopold Defays. Er kommt - wie so viele im französischen Film: Louis Malle, Brigitte Bardot, Catherine Deneuve - aus der französischen Bourgeoisie. Die Familie hat in der Stahlindustrie ihr Geld gemacht, für ein kleines Schloss und einen Park hat es gereicht. Aber das war nicht das, was Pierre Richard wollte. Seine Stationen nach dem Abitur hießen Cabaret, Oper, Theater und Film.

Wir kennen ihn als liebenswerten Tollpatsch. Aber wenn wir ehrlich sind, dann müssen wir sagen, dass wir Der große Blonde mit dem schwarzen Schuh eigentlich nur deshalb gesehen haben, weil Mireille Darc da dieses dunkle Kleid trug. Das in der Rückenpartie ein klein wenig ausgeschnitten war. Ich hatte das Bild schon in dem Post, der Mireille Darc heißt. Es ist ein Post, der viel gelesen wurde. Sehr viel häufiger als der über Brigitte Bardot.

Wenn man als Tollpatsch berühmt wird (und le grand blond schon eine Art Markenzeichen ist), dann ist es für einen ➱Schauspieler nicht so leicht, aus der Rolle jemals herauszukommen. Der Komiker Bourvil, der als Clown begonnen hat, hat das geschafft, das können wir in Melvilles Film Vier im roten Kreis sehen. Und Pierre Richard hat später auch viele Rollen gespielt, in denen er nicht der etwas bescheuerte Tollpatsch war, die Filme (wie hier Mes Hérossind aber in Deutschland nicht so bekannt geworden.

Weil wir ihn natürlich so sehen wollen, mit Mireille Darc an seiner Seite. Und weil wir diesen Satz Mach mir den Hengst! von Mireille hören wollen (wenn Sie den auch hören wollen, klicken Sie hier). Mach mir den Hengst! ist auf jeden Fall besser als Heiaha! Die Stute stösst mir der Hengst! Der Satz findet sich in Wagners Walküre. Wenn Sie hier ein wenig vom Text der Walküre lesen, werden Sie feststellen, dass Wagner ebenso komisch sein kann wie ein Pierre Richard Film.

Dass der Film so erfolgreich wurde, verdankt er übrigens einem Deutschen namens Rainer Brandt, der den Film für den Tobis Verleih ein klein wenig umschnitt und völlig neu synchronisierte: Ich weiß nur soviel, dass meine deutsche Fassung sehr vom französischen Original abwich. Der Verleiher wollte es komischer haben, als es im Original war. - Soweit ich mich recht erinnern kann, habe ich von den Bildern nichts rausgeschnitten, sondern nur umgeschnitten. Ich habe also die Bilderfolge in einer oder zwei Sequenzen umgestellt, weil es für die Komik in der Dramaturgie von Vorteil war. Angeblich soll der französische Produzent diese Schnitte übernommen haben. Ob das stimmt, vermag ich nicht zu sagen. Der Film (und seine Nachfolger) wurde ein Welterfolg, irgendwann drehte Hollywood sogar Remakes von diesen Filmen.

Als die Süddeutsche ihn im Interview fragte: Ihr Komiker-Kollege Louis de Funès war privat ein ziemlich ernsthafter Mensch. Ein anderer, Jacques Villeret, war depressiv und beging Selbstmord. Sind Sie auch manchmal trübsinnig? antwortete Richard: Ich kannte Jacques gut, er war ziemlich unglücklich in seinem Leben. Er hatte Depressionen und soff. Aber ich bin anders. Ich bin nicht sehr melancholisch, im Gegenteil. Ich habe ein Händchen für das Glück. Es schmeckt mir. Ich liebe das Leben. Natürlich kenne ich Anflüge von Tristesse, wenn ich ein Chanson von Barbara höre. Aber die dauern nur wenige Minuten, ich vertreibe sie schnell. Ich bin eher ein Träumer. Auf diesem Bild sehen wir ihn in dem Film Paris, Paris - Monsieur Pigoil auf dem Weg zum Glück.

Wenn französische Schauspieler Erfolg haben, kaufen sie sich Rennpferde (wie Philippe Noiret und Eddie Constantine) oder ein Weingut. Wie Depardieu und Pierre Richard. 1986 hat er bei einem Besuch im Languedoc das heruntergekommene Weingut Château Bel Évêque gekauft, das im Weinbaugebiet Corbières liegt. Jetzt  besitzt er 20 Hektar Weinberge, und sein Spitzenwein Cuvée Cardinal verkauft sich besonders gut.

Er hat sich gut gehalten, Depardieu, mit dem er mehrfach zusammen spielte, sieht älter aus. Obgleich er viel jünger ist. Pierre Richard wird heute einundachtzig. Letztes Jahre hat er noch im Olympia gefeiert, ich weiß nicht, was er heute macht. Vielleicht sitzt er in seiner eigenen Kneipe. Denn neben dem Weingut hat er noch ein Restaurant in Paris. Und eine Weinbar, die Le P'tit comptoir du Grand Blond heißt. Seine beiden Söhne sind Musiker geworden; und Pierre Richard, der 2006 einen César d'Honneur und in diesem Jahre den Magritte d'Honneur erhielt, ist stolz auf seine Enkelkinder: Ich habe sechs Enkel, alle unterschiedlich alt. Bei meinen Enkeln hole ich ein bisschen nach, was ich als Vater versäumt habe. Damals hatte ich kaum Zeit, habe immer gearbeitet, bin um die Welt gereist. Das bedaure ich. Mittlerweile drehe ich weniger, habe mehr Freizeit. Die verbringe ich am liebsten mit ihnen.

Er war lange verheiratet, aber er ist auch schon mehrfach geschieden. Er weiß, dass es für Frauen nicht leicht ist, mit ihm zu leben. Den liebenswerten Tölpel spielt er wohl nur im Film: Ich glaube, für die Frauen war es nicht immer leicht, mit mir zu leben. Ich war eigensinnig. Ich mag keinen Alltag. Ich möchte überrascht werden. Das Leben zu zweit ist anstrengend, aber das darf man natürlich nicht spüren. Er ist jetzt gerade frisch verheiratet, mit Ceyla Lacerda, einem Mannequin aus Brasilien. In dem Land ist er häufig, weil er da seit zwanzig Jahren eine kleine Konfektionsfabrik hat (wir wollen mal hoffen, dass da faire Löhne bezahlt werden). Er kann sich auch vorstellen, dort zu leben: Si le cinéma revient, très bien. Sinon, j'irai vivre au Brésil. Ich weiß nicht, ob wir ihm die Schuhe durchgehen lassen können. Einen braunen und einen schwarzen Schuh (wie in Der große Blonde mit dem schwarzen Schuh) zu tragen, das geht ja noch an, aber dies hier geht definitiv nicht.

Freitag, 14. August 2015

Frederic Raphael


Das hätte ich nicht gewusst, dass er Amerikaner ist. Aber Frederic Raphael wurde tatsächlich am 14. August 1931 in Chicago geboren. Seine Eltern zogen allerdings 1938 nach England, und so bekam er mit den Stationen Charterhouse und St John's College, Cambridge die Erziehung eines englischen Gentleman. In dieser Rolle musste er sich erst zurechtfinden, der Antisemitismus seiner Mitschüler machte ihm das Leben schwer. Er fühlte sich, als sei er fallen among savages whose rites and language were beyond easy comprehension. Und: I had no sense of belonging to a society. I was a so-called Jew parked among so-called Christians ... I claimed no friends.

Vor fünfzig Jahren kannte ihn jeder, da bekam er einen Oscar für den Film Darling, den John Schlesinger nach Raphaels Drehbuch mit ➱Julie Christie und ➱Dirk Bogarde gedreht hatte. I was very lucky – and quite clever, hat er gesagt. Es ist sicher sehr schön, wenn man sein Berufsleben gleich mit einer solchen Auszeichnung beginnt. Aber er selbst sieht das kritisch: Of course I am delighted to be handed bits of metal and stuff – why not? – but don't we all know it's farcical? And the more successful you are, the more farcical you should realise it is. Nach dem ersten Erfolg (der auch einen Oscar für Julie Christie bedeutete) kam zwei Jahre später der Erfolg von Far from the Madding Crowd, wieder mit Julie Christie und ➱John Schlesinger.

Den Raphael nicht unbedingt mochte. Er konnte wunderbar bösartig sein: Actors like to be treated as intellectuals, so long as it doesn't entail having to be intelligent. Wir sollten nicht vergessen, dass hier ein Drehbuchautor spricht, der Klassische Sprachen und Philosophie in Cambridge studiert und Catull, Aischylos, Petronius und Euripides übersetzt hat. Es hat ihn verletzt, dass Schlesinger sein Drehbuch für Far from the Madding Crowd nie gelobt hat (He has never offered one word of appreciation), und so ist sein Urteil über den Regisseur  voller Schärfe: the Schlesinger method of seeming to be concerned with uncompromising truth while really caring only for the approval of his audience. He has no wish to change anything. Das findet sich in Personal Terms: The 1950s and 1960s, seinen Tagebüchern aus dieser Zeit.

Der nächste Film scheint ihm mehr Vergnügen bereitet zu haben, er hieß Two for the Road. Eine leichte Komödie mit Audrey Hepburn und Albert Finney, an den sich Modefans wegen der schönen ➱Klamotten von Paco Rabanne erinnern. Und natürlich wegen des Songs von Henry Mancini. Der ja schon Moon River für einen anderen ➱Audrey Hepburn Film geschrieben hatte. Es gab eine Oscar Nomierung in der Kategorie Bestes Drehbuch für Raphael (und die gleiche Nominierung bei der British Film Academy). Das Bild von Audrey Hepburn in dem Paco Rabanne Kleid war schon in dem Post ➱Pierre Cardin zu sehen. Außer ihr konnte niemand dieses Kleid tragen.

Zwei auf gleichem Weg erschien als Taschenbuch bei Rowohlt, wo auch schon Darling erschienen war. So erfolgreich Frederic Raphael, der neben Drehbüchern auch Romane und Essays (und eine Byron Biographie) schrieb, mit seinen Drehbüchern war, so kritisch stand er dem gegenüber: Film-writing is like solving puzzles; it's not like art. The novel is like art – a bit. All the rest is what I shouldn't be doing. The fun of journalism is the fun of promiscuity: very, very quick pleasure. Since I don't do promiscuity in the sexual sense, I suppose I do it in the literary sense. But I take absurdly too much trouble over everything I do.

Häufig funktionierte das Verhältnis zwischen Drehbuchautor und Regisseur nicht. Ich zitiere dazu einmal Peter Bogdanovich über seine Henry James Verfilmung Daisy Miller mit Cybill Shepherd (die ➱hier einen Post hat): They thought it was a kind of a vanity production to show Cybill off. If I'd wanted to do that I would have done something else. That was a pretty difficult role, and I thought she was awfully good in it. What some people didn't realize is that that was the way a girl like that would have been in 1875. She was from New York, she was a provincial girl. If you read the story that's what she is. 

If you read the original novel we hardly added anything. The movie is exactly the book. I added one sequence that I wrote that Freddy Raphael had nothing to do with. In fact Freddy Raphael had nothing to do with that script, it was so funny. There's two things he wrote. One idea was the little miniature painter and the other thing was having that scene play in the baths... Everything else was the book and I couldn't use his script cause it was really way over the top. Anyway, that's another story. We went to arbitration in England cause Freddy's English and so they were a little partial to him. They said I could have billing but it would have to say "Additional Dialogue by", and I said I'm not going to give myself that.

Vielleicht hätte Bogdanovich das lieber gelassen, an dem Drehbuch von Raphael herumzudoktern, der Film wurde ein Flop. Es hat Raphael nicht so sehr bekümmert, auch wenn Bogdanovich über ihn sagte, dass Raphael a name-dropper who drops his own name sei. Bosheit gehört zum Filmgeschäft. Dass Lewis Jones im Telegraph über ihn sagte: He is, roughly speaking, a British heterosexual Gore Vidal, whose equal he is in vanity and prickliness wird ihm vielleicht sogar gefallen haben. Man kann nicht der schlechteste Schriftsteller sein, wenn man mit Gore Vidal (der ➱hier einen Post hat) verglichen wird. Frederic Raphaels ➱Autobiographie Going Up: To Cambridge and Beyond - A Writer's Memoir ist gerade erschienen. Und ich möchte mit diesem Post mal eben dem Ausnahmetalent unter den Drehbuchautoren (der auch Fellow der Royal Society of Literature ist) zum Geburtstag gratulieren.

Donnerstag, 13. August 2015

Bauarbeiten


Am 13. August 1961 begann der Bau der Berliner Mauer, obgleich ja niemand die Absicht hatte, eine Mauer zu errichten. Jetzt wird die Teilung der Stadt zementiert. Irgendjemand muss den Satz Good fences make good neighbors aus Robert Frosts Gedicht Mending Wall falsch verstanden haben, denn in dem Gedicht steht auch Something there is that doesn't love a wall. Ich war damals in dieser Augustwoche in Berlin. Allerdings ohne ➱Photoapparat. Doch was man gesehen hat, vergisst man nicht, diese Bilder sind gespeichert. Mein Gedächtnis lebt von Bildern.

Und außerdem war ich mit meiner neuen Freundin in Berlin und musste ihr die Stadt zeigen, da kommt man nicht zum photographieren. Wenn man achtzehn ist und mit einer schönen jungen Frau in einer Großstadt ist, dann interessiert einen die Weltpolitik um einen herum nicht so sehr. Die wunderbare kleine (vielleicht nicht ganz unpolitische) Geschichte aus dem August 1961, wie ich Traute die Alte Nationalgalerie zeige, habe ich schon in dem Post ➱Franz Krüger hinein geschrieben. Während wir uns Berlin (Ost und West erobern), wird überall die Mauer gebaut, an manchen Stellen wechseln in den ersten Tagen Menschen noch durch die Bauarbeiten von Ost nach West und West nach Ost. Auch das gibt es, die Mauer wird nicht an einem Tag fertig, und Berlin ist groß. In der Berichterstattung ist dann eines Tages alles reduziert auf den Tod von Peter Fechter, die Bernauer Straße und die Panzer am Checkpoint Charlie.

Im Oktober war ich wieder in Berlin, da war die Mauer schon fast fertig. Diesmal war ich mit unserer ➱Malgruppe aus dem Jugendheim Alt-Aumund unterwegs. Alle von der Gruppe haben später Kunst studiert und sind Kunstprofessoren wie der ➱Uwe oder Kunsterzieher geworden, nur ich nicht. Aber immerhin habe ich Kunstgeschichte studiert. Ich nutzte damals jede Möglichkeit, um in die geteilte Stadt zu kommen. Diese einwöchigen Berlinreisen in den fünfziger und sechziger Jahren waren staatlich gefördert, man zahlte für eine Woche Berlin fünfzig Mark. Man wollte die Jugend an die Stadt binden, die nur noch durch Subventionen am Leben erhalten wurde. Es gab Klassenfahrten der Schulen, und Jugendgruppen jeder Couleur machten Fahrten nach Berlin. Man bekam für eine Berlinfahrt immer eine Woche schulfrei. Als ich begriffen hatte, wie das System funktionierte, meldete ich mich bei den unterschiedlichsten Gruppen an. Sogar einmal bei den Roten Falken. Die Lehrer haben mich damals schon etwas scheel angeguckt. Durften aber nichts sagen, war ja alles zu einem staatsbürgerlichen Zweck.

Ein staatsbürgerlicher Vortrag im Schöneberger Rathaus gehört zum Pflichtprogramm. Der wird immer von dem demselben gelangweilten Referenten gehalten. Er raucht während er redet, aber die Asche fällt nie von seiner Zigarette. Niemand hört auf seinen Vortrag (nach dem ersten Berlin Besuch kennt den jeder), alle beobachten das Anwachsen der Asche. Die Stadt Berlin hat aber auch an die Zuhörer gedacht, auf den kleinen Tischen liegen Zigarettenschachteln zur Selbstbedienung aus. Kristallaschenbecher gibt es auch.

Und dann gibt es noch die obligatorische Stadtrundfahrt, die muss sein, den Rest der Woche können die Klassenlehrer, Diakone (ich bin mehrfach mit der Evangelischen Jugend in Berlin) oder Gruppenleiter ausfüllen, wie sie wollen. Die Busfahrer erzählen gerne Berliner Witze, auch gerne Witze über Walter Ulbricht. In diesem August ist plötzlich etwas anders. Der Busfahrer sagt über sein Mikrophon, dass wir hier nicht weiterfahren könnten, weil hier alles abgesperrt sei. Billy Wilder drehe hier einen Film. Es war aber nichts von Billy Wilder zu sehen, und von einem Film aus Berlin habe ich damals auch nichts gehört. Ich hielt es für eine dieser Geschichten, die Berliner Busfahrer den Jugendlichen aus der Provinz erzählen, weil die alles glauben, was man ihnen in der Großstadt erzählt. Aber ich muss dem Mann Abbitte tun. Billy Wilder drehte da wirklich einen Film. Der hieß Eins, Zwei, Drei, war aber damals an den Kinokassen ein Flop.

Als meine Freundin und ich im Oktober mit der S-Bahn in den Bahnhof Friedrichstraße rollen, sehen wir überall auf den Gleisen schon weit vor dem Bahnhof Volksarmisten in ihren schäbigen Mänteln. Manche haben sich zwischen den Gleisen kleine Feuer angemacht, reiben sich die Hände über dem Feuer. Es ist früh kalt geworden in diesem Herbst. Meteorologisch wie politisch. Die Soldaten sollen wohl verhindern, dass jemand auf den Zug springt und in den Westen fährt. Der Zug hält im Osten nur noch in der Friedrichstraße, die anderen Bahnhöfe sind zu ➱Geisterbahnhöfen geworden. Die Züge sind verlassen, sie werden jetzt von den Westberlinern boykottiert, alle Abteile sind leer. Man fühlt sich wie ein russischer Großfürst, ein ganzer Zug für zwei Personen. Deutschland im Herbst.

Ich hatte schon mehrfach am 13. August einen Post zu den Thema hier stehen, das soll auch heute nicht anders sein. Mit einem kleinen Gedicht von Peter Hacks, das Mein Dörfchen heißt:

Mein Dörfchen, das heißt DDR,
Hier kennt jeder jeden.
Wenn Sie in Rostock flüstern,
Hört Leipzig, was Sie reden.

Das Mädchen, das zu lieben lohnt,
Kennt auch mein Freund genauer.
Es gibt nichts Neues unterm Mond,
Nicht dieserseits der Mauer.

Egon Linde, der Udo Lindenberg der DDR, hat Mein Dörfchen mit seiner Gruppe Transit gesungen. Wenn Sie ihn hören wollen, klicken Sie ➱hier. Und einige Zeilen aus Frosts Mending Wall möchte ich doch noch zum Schluss zitieren:

Before I built a wall I’d ask to know
What I was walling in or walling out,
And to whom I was like to give offense.
Something there is that doesn’t love a wall,
That wants it down.


Die Berliner Mauer wird auch den folgenden Posts erwähnt: ➱Mauer, ➱Brandenburger Tor, ➱Karl Lemke, ➱3. Oktober, ➱Mauern, ➱Bachs Cellosuiten, ➱Günter de Bruyn, ➱Chris Barber, ➱Berliner Mauer, ➱Farbsymbolik. Und viele englischsprachige Gedichte zur Berliner Mauer finden Sie ➱hier.

Mittwoch, 12. August 2015

Utta Danella


Die deutsche Schriftstellerin Utta Danella ist im Juli im Alter von 95 Jahren gestorben. Das meldeten gestern Spiegel Online und das Fernsehen. Ich habe nie einen Roman von ihr gelesen, aber die Autorin hat in meinem Leben einmal eine Rolle gespielt. Das war vor fünfzig Jahren, ich war im Bundeswehrlazarett Hamburg-Wandsbek und hatte die Halswirbelsäule in Gips. Manöverunfall bei einer Wehrübung, das Semester an der Uni konnte ich abschreiben. Ich hatte ein Erster Klasse Zimmer, weil ich Leutnant der Reserve war, und zum Weihnachtsfest durfte mir die Schwester einen Piccolo Sekt einflößen. Hatte der Generalarzt generös angeordnet. Ich langweilte mich, also besuchte ich die Leihbücherei des Lazaretts, wo ich auf eine reizende ältere Dame stieß, die am Wochenanfang dabei war, einen riesigen Stapel von Büchern zurückzustellen. Ich nahm das oberste Buch vom Stapel, es war ein Roman von Utta Danella. Ich hatte noch nie im Leben von dieser Frau gehört. Wollen Sie es ausleihen, das wird sehr gern gelesen? fragte mich die Bibliothekarin. Ich hatte unterdessen die erste Seite des Romans gelesen (das mache ich bei unbekannten Büchern immer) und verneinte energisch. Aber wir kamen ins Gespräch, wir verstanden uns prächtig. Ich erfuhr von ihr, was die Qualitäten von Utta Danella waren und weshalb sie beim Leser so beliebt war. Auch außerhalb von Krankenhäusern. Mich interessierte allerdings viel mehr, nach welchem System die Bücher hier katalogisiert wurden. Die hatten da natürlich keine Ecke in den Räumen, die ein Schild Trivialliteratur hatte. Das war alles streng wissenschaftlich geordnet. Preußische Instruktionen, sagte Rosemarie Funke, alle Bibliotheken verwenden das System. Nur für die Titelaufnahme, nicht für die Aufstellung, das hatte ich in wenigen Semestern an zwei Unis schon gemerkt. Die Anglisten in Kiel ordneten die Bücher nach dem Dewey System, ein System, mit dem alle amerikanischen Bibliotheken arbeiten. Die Germanisten stellten nach dem Geburtsdatum des Autor auf, was sehr unpraktisch ist. Ich lieh mir bei Rosemarie Funke ihr Exemplar der Preußischen Instruktionen aus, ich hatte ja sonst nichts zu tun. Es ist ein Riesenwerk, die Bibel der Bibliothekare. Inzwischen ist es veraltet und durch RAK und anderes ersetzt worden. Ich las nur das Wichtigste. Und dann wurde ich Hilfsarbeiter in der Bücherei des Lazaretts. Und lernte schnell, die Werke von Utta Danella an den richtigen Platz zurückzustellen. Ich habe Alle Sterne vom HimmelRegina auf den StufenDie Frauen der TalliensAlles Töchter aus guter Familie und Stella Termogen in der Hand gehabt, aber keinen der Romane gelesen. Das Zurückstellen von Büchern ist eine Sache für sich. Manche Bibliotheken, die eine Freihandaufstellung haben, lassen das von der Bibliothekarin oder von Hilfskräften erledigen, weil sie nicht glauben, dass ein Student das Buch an die richtige Systemstelle zurückstellen kann. Kann der Student auch meistens nicht, das weiß ich aus Erfahrung. Ich bin jahrzehntelang einer der Wissenschaftlichen Leiter der Institutsbibliothek meines Seminars gewesen. Ich kenne alle Probleme einer Bibliothek. Dank Utta Danella.

Dienstag, 11. August 2015

Landesverrat


Einen Post mit dem Titel ➱Verrat gab es in diesem Blog schon (der Verrat des Generals Benedict Arnold taucht auch in den Posts ➱West Point und ➱Saratoga auf). Es muss jetzt etwas Dramatischeres her. Verrat reicht da nicht aus, das muss schon Landesverrat oder Hochverrat sein. Ich nehme heute mal Landesverrat. Klingt gut. Vor sechzig Jahren wurde der Film Verrat an Deutschland einen Tag nach der Uraufführung abgesetzt und verboten. Zwei Jahre später erschienen bei Rowohlt zwei Bücher von Margret Boveri, die den Titel Der Verrat im XX. Jahrhundert hatten. Die wurden aber nicht verboten. Ich habe gewisse Erfahrungen mit Geheimnissen, ich hatte einmal durch Zufall eine relativ hohe Nato Geheimhaltungsstufe. Der Bundesnachrichtendienst wollte mich mal anwerben, und mit dem Militärischen Abschirmdienst hatte ich auch zu tun. Das alles steht schon in dem Post ➱Aufklärung, der seit dem 15. August 2013 nichts von seiner Aktualität verloren hat.

Juristen sind nicht gleich Juristen. Die Bandbreite reicht da von Ronald Schill bis zu Uwe Wesel, Rudolf Wassermann oder ➱Heinrich Hannover. Und wenn Dick the Butcher in Henry VI sagt: The first thing we do, let's kill all the lawyers, dann meint Shakespeare das nicht so. Obgleich uns allen der Satz irgendwie gefällt. Und da sind wir schon bei dem Thema der Fehlinterpretationen. Nur Philosophen können philosophische Texte verstehen, und nur Juristen können juristische Texte verstehen. Das ist nun mal so. Da ist mit gesundem Menschenverstand nichts zu machen. In der Politik schon mal gar nicht.

Es ist schön, dass jetzt solch hochqualifizierte Starjuristen wie Harald Range (der wirklich mal zum Friseur gehen könnte) und Hans-Georg Maaßen (der schon Edward Snowden als Verräter brandmarkte) Aufklärung in einem erschreckenden Fall von Landesverrat betreiben: man spricht viel von aufklärung und wünscht mehr licht. mein gott, was hilft aber alles licht, wenn die leute entweder keine augen haben, oder die, welche sie haben, vorsätzlich verschlieszen. Ich weiß jetzt nicht, wie der letzte Satz dahin geraten konnte.

Wehe dem, der sein Geheimnis
Dem Papier anvertraut, ja, wehe
Tausendmal ihm! Denn die Schrift
Ist ein Stein, den aus den Händen
Auf's Geratewohl man schleudert,
Und nicht weiß, wen er kann treffen.


Ein geschriebenes Geheimnis legt man nicht in einen versiegelten Umschlag, den man mit dem Stempel Geheim abstempelt. Nein, man tut es in einen Umschlag und lässt den offen unter anderen Briefen liegen. Nur der Chevalier Auguste Dupin in Edgar Allan Poes Purloined Letter kann den verschwundenen Brief finden, aber Dupin ist schon lange tot. Mit ihm stirbt allerdings nicht die Literatur über Geheimnisse und Verrat: das ganze Genre des Detektiv- und ➱Spionageromans lebt natürlich von diesen Themen, the thrillers are like life.

Vor 275 Jahren hat Friedrich der Große dekretiert: Seine Koenigliche Majestaet in Preussen haben aus bewegenden Ursachen resolviret, in Dero Landen bey denen Inquistionen die Tortur gaenzlich abzuschaffen. Es gibt allerdings kleine Ausnahmen, bei denen der König sie doch zulassen kann: bei Majestätsverbrechen (crimen laesae maiestatis), großen Mordtaten, wo viele Menschen ums Leben gebracht und Landesverrat. Aber selbst bei den großen Mordtaten will Friedrich sie nicht angewendet wissen. So schreibt er 1754 an den Großkanzler Samuel von Cocceji in dem Strafverfahren gegen eine schlesische Räuberbande, dass die Tortur nicht anzuwenden sei, weil ich das grausame, und zugleich zur Herausbringung der Wahrheit sehr ungewisse Mittel der Tortur, in dergleichen Fällen gänzlich abgeschafft habe, es also auch dabey sein Bewenden haben muss. Friedrich weiß, wovon er redet, sein eigener Vater hatte ihm die Folter angedroht, und er hatte gesehen, wie sein Freund Katte gefoltert und hingerichtet worden war.

Aber der Landesverrat, das ist etwas ganz Schlimmes, schlimmer als schlesische Räuberbanden. Den haben wir noch immer im Strafgesetzbuch. Stand schon als §100 im preußischen Landrecht als ein Unternehmen, wodurch der Staat gegen fremde Mächte in äussere Gefahr und Unsicherheit gesetzt wird. Der Alliierte Kontrollrat setzte zwar 1946 die Landesverratsbestimmungen des Strafgesetzbuches aus dem Dritten Reich außer Kraft, aber 1951 waren sie wieder da (man brauchte sie wenig später für den Prozess gegen Otto John):

Wer ein Staatsgeheimnis einer fremden Macht oder einem ihrer Mittelsmänner mitteilt oder sonst an einen Unbefugten gelangen läßt oder öffentlich bekanntmacht, um die Bundesrepublik Deutschland zu benachteiligen oder eine fremde Macht zu begünstigen, und dadurch die Gefahr eines schweren Nachteils für die äußere Sicherheit der Bundesrepublik Deutschland herbeiführt, wird mit Freiheitsstrafe nicht unter einem Jahr bestraft. In besonders schweren Fällen ist die Strafe lebenslange Freiheitsstrafe oder Freiheitsstrafe nicht unter fünf Jahren. Ein besonders schwerer Fall liegt in der Regel vor, wenn der Täter eine verantwortliche Stellung mißbraucht, die ihn zur Wahrung von Staatsgeheimnissen besonders verpflichtet, oder durch die Tat die Gefahr eines besonders schweren Nachteils für die äußere Sicherheit der Bundesrepublik Deutschland herbeiführt.

Staatsgeheimnisse, die der Landesverräter einer fremden Macht mitteilt, werden gemeinhin in einem Mäppchen aufbewahrt, auf dem die sehr niedrige Geheimhaltungsstufe Verschlußsache Vertraulich steht. Das ist so. Das weiß man. Das sind die Mäppchen, in die der Landesverräter guckt. Dokumente auf denen Geheim oder Streng Geheim steht, interessieren ihn nicht. Es gibt so Sätze, die sind immer gut und wahr. Wie Ein Gespenst geht um in Europa, Die Rente ist sicher oder Wir haben einen Abgrund von Landesverrat im Lande. Der letzte Satz ist in den letzten Wochen immer wieder zitiert worden. Man meint damit nicht die Tätigkeit der NSA, gegen die der Generalbundesanwalt und der Präsident des Bundesamts für Verfassungsschutz natürlich bienenfleißig ermitteln, nein, das ist ein Satz aus Deutschlands jüngster Geschichte.

Was ist ein Staatsgeheimnis? Der Paragraph 93 des Strafgesetzbuches definiert das mit einem Satz: Staatsgeheimnisse sind Tatsachen, Gegenstände oder Erkenntnisse, die nur einem begrenzten Personenkreis zugänglich sind und vor einer fremden Macht geheimgehalten werden müssen, um die Gefahr eines schweren Nachteils für die äußere Sicherheit der Bundesrepublik Deutschland abzuwenden. Allerdings gab der ehemalige Generalbundesanwalt Dr. Max Güde in der ➱Spiegel Affäre zu bedenken: Der Begriff des Staatsgeheimnisses ist situationsbedingt und infolgedessen nicht ohne weiteres abstrakt zu umschreiben und nicht ohne weiteres konkret zu erkennen. Es hängt immer von den Umständen und von der Situation ab.

Bei der Landesverrats Affäre, die man die ➱Spiegel Affäre nennt, stand am Ende nicht die Kerkerhaft für die Landesverräter, sondern der Sturz der Regierung Adenauer und der Rücktritt von Strauß. Die Bundesanwaltschaft ermittelte damals auch gegen den damaligen Hamburger Innensenator ➱Helmut Schmidt wegen Beihilfe zum Landesverrat, stellte das Verfahren aber nach zwei Jahren ein. Interessant war, dass wir zur Zeit der Spiegel Affäre zwar eine Bundesanwaltschaft, aber keinen Generalbundesanwalt hatten. Der Herr Wolfgang Fränkel war wegen seiner Nazivergangenheit nur vier Monate im Amt und sein Nachfolger Ludwig Martin, der auch keine blütenweiße Weste hatte, trat das Amt erst im April 1963 an.

Eine der schönsten juristischen Konstruktionen in der Affäre war die Mosaik Theorie. Ich zitiere dazu einmal den Generalstaatsanwalt Dr Fritz Bauer: Der nächste Schritt zur Ausdehnung des Tatbestandes war dann die sogenannte Mosaik-Theorie: Selbst wenn alle mitgeteilten Tatsachen einzeln längst veröffentlicht sind, so kann die zusammenfassende Darstellung doch als Landesverrat verfolgt werden. Begründung für diese kühne Konstruktion, die offenkundig von der Unfähigkeit fremder Nachrichtendienste ausgeht: Das Gesamtbild könne dem fremden Staat neue Aspekte bieten. Schließlich entschied sich das Reichsgericht für den sogenannten "materiellen Geheimnisbegriff". Das bedeutet, daß Aussagen und Gegenstände durchaus geheim sein können, auch wenn sie nicht als geheim gekennzeichnet sind; und umgekehrt besagen die üblichen Stempel - "Geheim", "Verschlußsache" "Geheime Kommandosache" - nicht zwingend, daß der bezeichnete Gegenstand wirklich geheim ist. Auf dem Höhepunkt der Spiegel Affäre schrieb Theodor Eschenburg (der Bruder des Kieler Schriftstellers und Buchhändlers ➱Harald Eschenburg): Wir sollten die Dinge nicht ad acta legen, sondern sollten tief in unser Gedächtnis hineinschreiben: Wiedervorlage.

Was etwas weniger als die Spiegel Affäre in den letzten Wochen zur Wiedervolage kam, ist ein anderer Prozess, in dem auch Journalisten des Landesverrats angeklagt wurden - wir haben darin offensichtlich eine schöne deutsche Tradition. Im sogenannten Weltbühne-Prozess wurden 1931 der Herausgeber der Zeitschrift Die Weltbühne, Carl von Ossietzky, und der Journalist Walter Kreiser wegen Landesverrats zu je 18 Monaten Freiheitsstrafe verurteilt. Der Prozess gilt als Musterbeispiel politischer Justiz, ein Wiederaufnahmeverfahren - und das ist jetzt ein wenig pikant - scheiterte 1992.

Der Reichstagspräsident Paul Löbe schrieb damals zu dem Prozess gegen die Weltbühne: Ich habe selten ein Urteil als einen solchen Fehlschlag nicht nur in juristischer, sondern auch in politischer Hinsicht empfunden als dieses […] Meiner Kenntnis nach ist auch nichts geschrieben worden, was dem Ausland verborgen sein oder nützen konnte, so daß mir das Urteil vollkommen unverständlich erscheint. Das sind Sätze, die den Herren Range und Maaßen sicherlich bekannt sind. Und der geschasste Harald Range kann sich einen Satz von Konrad Adenauer aus der Spiegel Affäre zum Trost nehmen: Ich bin auch einmal Staatsanwalt gewesen, früher war das aber ganz anders. Da hatte Adenauer des Präsidenten des BND festnehmen lassen wollen, aber man hatte ihm das ausgeredet. Ich habe es immer symbolisch gefunden, dass eins der wenigen Photos, das den General Gehlen in Zivil zeigt, vor einem Friedhof aufgenommen wurde. Da kann man schöne symbolische Bedeutungen konstruieren.

In dubio pro libertate! hat der Juraprofessor Ulrich Klug zum Thema Landesverrat gesagt. Und so wollen wir einmal hoffen, dass die Blogger Andre Meister und Markus Beckedahl von netzpolitik.org vor der Tortur der Folter gewahrt. Ihr ➱Artikel vom 20. Februar, der einer fremden Macht oder einem ihrer Mittelsmänner Staatsgeheimnisse aus dem Mäppchen Verschlußsache ausplauderte, steht immer noch im Netz. Auch im Netz zu finden ist der Artikel ➱Was ist Landesverrat, den Dr Fritz Bauer im November 1962 geschrieben hat. Ich kann nur empfehlen, den einmal zu lesen. Der weiter oben zitierte Satz man spricht viel von aufklärung und wünscht mehr licht. mein gott, was hilft aber alles licht, wenn die leute entweder keine augen haben, oder die, welche sie haben, vorsätzlich verschlieszen, ist übrigens von Immanuel Kant.

Viele waren in der Aufklärung weiter, als wir es heute in dieser duckmäuserischen Republik sind. Wir haben keine Leute mehr wie ➱August Ludwig von Schlözer, über den Heinrich Döring 1836 voller Verwunderung schrieb: Merkwürdig wird es immer bleiben, wie ein Privatmann es wagen durfte, öffentlich ohne Ansehen der Person, jeden Missbrauch, jede Handlung der Willkür aufs schärfste zu rügen, unbekümmert darum. ob diese Rüge einzelne Beamten oder ganze Regierungen und selbst Fürsten traf. Sein Biograph Ferdinand Frensdorff schreibt 1890: Er verbreitet liberale und patriotische Gesinnung im Staate, er hilft zur Bildung einer öffentlichen Meinung, aber man wird bei Betrachtung seines Lebens den Eindruck nicht los, als sei er ein Bürger derer, die da kommen werden, gewesen: ein Journalist vor der Zeit der Journale, ein Reisender vor der der Reisen, ein Culturhistoriker vor der der Culturgeschichte, vielleicht auch ein Oppositionsmann vor der Existenz einer politischen Opposition.

So einen brauchten wir heute, dann wäre es überhaupt nicht zu dieser Landesverrats Affäre gekommen. Die der neue Generalbundesanwalt gestern beendet hat. Aber was heißt hier beendet? Die silly season ist noch nicht zu Ende, da gibt es noch viele ungelöste juristische Fragen zu beantworten. Bis zum 11. September muss aber Schluss sein. Da ist die Sommerpause der heute-show zu Ende, dann kann man die einzige Stimme der Opposition wieder hören.

Lesen Sie auch: ➱Politische Bildung, ➱Aufklärung