Montag, 8. März 2010

Piccadilly Circus


Ein halbes Jahr nach Wilhelm Lehmann, dem London nur Zeilen über einen chaplinesken Greis und eine Eule im Zoo entlocken kann, ist ein junger deutscher Dichter zu ersten Mal in London. Er heißt Rolf Dieter Brinkmann. Erste schmale Bände mit seinen Gedichten wie Ihr nennt es Sprache und Chant du Monde sind schon auf dem Markt, aber richtig berühmt ist er noch nicht. Dennoch setzt die Kulturredaktion des Westdeutschen Rundfunks auf ihn und schickt ihn nach London. Er soll für die Sendereihe Straßen und Plätze über den Piccadilly Circus schreiben. Dieser Platz, 1819 zur Zeit der großen Umbauten unter dem englischen Prinzregenten (deshalb haben wir auch eine Regent Street) angelegt, ist er immer wieder umgebaut worden, faszinierte aber immer wieder die Besucher Londons, denen er als das Herz der Metropole erschien. Zur Zeit von Königin Victoria hielt man ihn für den Mittelpunkt der Welt. Für D.H. Lawrence hatte er 1916 in dem Gedicht Piccadilly Circus at Night noch eine Verbindung mit der Natur:

All the birds are folded in a silent ball of sleep,
All the flowers are faded from the asphalt isle in the sea,
Only we hard-faced creatures go round and round, and keep
The shores of this innermost ocean alive and illusory.

Und auch für Jakov Lind hatte der Platz noch beinahe idyllische Qualitäten: Nachts malte die Neonreklame am Piccadilly Square die tiefhängenden Wolken orange und rosarot. Ehe der Tourismus auch London überschwemmte, war der Piccadilly Circus nach Mitternacht ziemlich menschenleer. Aber nun kommt unser Dichter aus Vechta, für den die größte Großstadt bisher Köln hieß. Offiziell studiert er noch an der PH, aber er weiß, dass Lehrer wie Wilhelm Lehmann zu sein, nichts für ihn ist. Der junge Dichter hat Augen wie die Kamera, die ihn immer begleiten wird. Später wird er Photos und Texte montieren, wie in Rom Worlds End. Das hat seinen Titel nach dem ersten Londonerlebnis: Als ich im Frühjahr 1965 zum 1. Mal in London war, kam ich am Ende eines längeren Spaziergangs eine lange Geschäftsstraße entlang in eine immer schäbiger werdende und zerfallenere Gegend und stand schließlich auf einer verödeten platzähnlichen Verbreiterung vor einem Gebäude, das mit viel Raum um sich isoliert in einem bleichen Londonfrühjahrsnachmittagslicht stand. Eine verblaßte bröckelige Fassade, ausgefahrenes Steinpflaster, rostende Karosserien, Gras, das zwischen den Steinfugen hervorsproß - das Gebäude war eine Wirtschaft, die Worlds End hieß. Dieser Dichter ist nicht als Tourist in London, er ist gekommen, um zu sehen.

Und so besteht sein Prosastück Piccadilly Circus aus optischen Eindrücken. Ein einziger Satz. Sechs Seiten lang in Der Film in Worten. 16 Minuten und 55 Sekunden lang, wenn es im Deutschlandfunk am 4.3.1966 vorgelesen wird. Der Film in Worten ist schon ein passender Titel für seine Prosastücke aus den Jahren 1964 bis 1974. Menschen kommen bei Brinkmann nicht vor, definitiv keine chaplinesken Greise mit Schallplatten. Dieses Stück Literatur versucht nicht mögliche Vorbilder aus den zwanziger Jahren wie Berlin, Alexanderplatz oder den Film  Berlin: Sinfonie der Großstadt zu zitieren. Dieser Kurzfilm in Worten beschreibt nur Häuser und Reklametafeln. Penetrant und repetitiv, aber doch angesichts der Steineinöde manchmal sehr lyrisch. Es ist ein sprachliches Experiment, das zwischen Langgedicht, Kurzprosa und Film steht. Es gibt in der deutschen Literatur nach 1945 nichts Vergleichbares.

Piccadilly Circus endet auf ausgebrannt, erloschen, leer, tot, tot, tot, tot. Wörter, die prophetisch sein werden. Zehn Jahre später, im Frühjahr 1975 wird Brinkmann wenige hundert Meter vom Piccadilly Circus in der Bayswater Street von einem Auto angefahren. Er ist sofort tot. Genau eine Woche vorher war er 35 Jahre alt geworden. Wenige Monate vor seinem Tod hatte er gesagt Mich kümmert einen Scheißdreck, wenn ich tot bin, der Tod oder der Begriff Tod ist ne blöde Erfindung. Ein eigentlich hier nicht zu nennender Kritiker hat mit Anspielung auf den Linksverkehr in England gesagt, dass Brinkmann immer nur nach links geguckt habe, er hätte nach rechts gucken müssen. Er hat später diese schäbige Formulierung abgeschwächt und von vermutlich hat er den Linksverkehr nicht beachtet gesprochen. Und da wird der unzurechnungsfähige Poet, der ihm 1968 gesagt hatte, wenn dieses Buch ein Maschinengewehr wäre, würde ich Sie jetzt über den Haufen schießen, in der Rückschau doch zu einem verlorenen Sohn. Er glaubte mir Dankbarkeit zu schulden, denn ich hatte ihn entdeckt, ihn mehrfach gelobt und gerühmt - und dem war er offensichtlich nicht gewachsen. Danke, Marcel Reich-Ranicki, dass Du die Welt so schön zurechtrückst. Westwärts 1& 2, ein grandioser Lyrikband, erscheint wenige Wochen nach dem Tod des Dichters und wird zu einem Kultbuch. Martin Walser wird einen dem Herrn Reich-Ranicki sehr ähnlichen Kritiker in einem Roman sterben lassen. Aber der schreibt ja nur schwache und misslungene Romane und befindet sich stilistisch und gedanklich auf einem erbärmlichen Niveau. So etwas ist Walser inzwischen von Reich-Ranicki gewohnt, aber im Jahr vor Brinkmanns Tod, da hat ihn die Kritik (belanglos, schlecht, miserabel) an Jenseits der Liebe von dem glatzköpfigen Lispler schon mitgenommen. Schreibhemmung und Existenzzweifel. Und das Trauma sitzt immer noch tief, wie er gerade anlässlich der Veröffentlichung seiner Tagebücher betont hat. Aber die Romane von Walser wird man noch lesen, wenn keiner mehr Herrn Reich-Ranicki kennt. Und Günter Grass' Ein weites Feld bleibt ein großartiger Fontane Roman, egal, was Reich-Ranicki damals im Spiegel gegeifert hat. Kritiker können Schriftsteller verletzen, aber sie können die Literatur nicht aufhalten. Was von Reich-Ranicki bleiben wird, ist wahrscheinlich die wunderbare Parodienummer, wenn Thomas Freitag als RR Wir versaufen unser Oma ihr klein Häuschen interpretiert. Die 4 Minuten und 22 Sekunden sollte man sich auf ✺YouTube unbedingt anschauen.

Samstag, 6. März 2010

London


Jahrhundertespät,
Novemberkühl.
Schallplatten dreht
Chaplinischer Greis
Im Citygewühl.

Die Schallplatte verspritzt
Quäkenden Jazz.
Er knöpft die Hemdbrust
Wie Kinde den Latz.

Er schiebt einen Pram,
die Schallplatten darin
Er gräbt nicht mehr
Nach einem Sinn.

Die Melone drückt er
Übers dünne Gesicht.
Den Kopf hält er schief,
London stört nicht.

Aus der wüsten Welt
Lande ich im Zoo:
Pagodeneule
Hält den Kopf auch so.

Aus Südostasien
Hergeweht
Zweihändehoch
Majestät.

Einsamer Schauer
Nimmt mich hin,
Mir glänzt ein Weg,
Mich streift ein Sinn.

Sie übersieht mich,
La belle Dame sans Merci,
Ich bin der Greis,
Die Göttin sie.

Wilhelm Lehmann hat dieses Gedicht 1964 geschrieben, da war er 82. Der in Berlin geborene englische Dichter und Übersetzer Michael Hamburger hat es in The Truth of Poetry (dem besten Buch über moderne Dichtung) erwähnt. Michael Hamburger hat Lehmann sehr geschätzt, weil der ein Naturdichter ist. Kennt jedes Tier und jede Pflanze rund um Eckernförde beim richtigen Namen. London interessiert ihn nicht wirklich, die Großstadt wird reduziert auf den chaplinesken Greis, der Schallplatten dudelnd durch die Straße zieht. Für den London, die wüste Welt, nicht stört, für den Naturdichter Lehmann offenbar schon. Die Eule im Zoo ist für ihn interessanter als ganz London. Hamburger hat damals Wilhelm Lehmann und Robert Graves (der in Deutschland immer Robert von Ranke-Graves heißt) miteinander bekannt gemacht. Den hatte Lehmann schon beinahe ein halbes Jahrhundert vorher übersetzt. Da war er im letzten Kriegsjahr desertiert, in englische Gefangenschaft geraten. Seitdem ist er anglophil. Graves hat Lehmann wie einen Schuljungen behandelt und ihn gefragt Are there any poets in Germany now? Hamburger, der Lehmann für eine Vortragsreise nach England eingeladen hatte, hat sich furchtbar dafür geschämt. Und war nachträglich froh, dass er sich schon ein Jahrzehnt vorher dem übermächtigen Einfluss von Graves entzogen hat. Dabei hätte Graves das wissen können, dass sein Gegenüber ein Dichter war. Schon 1945 hatte der Engländer John Manifold in der Zeitschrift Our Time einen Artikel, Meeting a German Poet, geschrieben.

Wilhelm Lehmann war 1933 aus Angst um seine berufliche Stellung in die NSDAP eingetreten, hat sich dafür aber immer geschämt. Es kam ihm vor, als hätte er seinen Freund Werner Kraft verraten, der 1933 nach London emigriert war. In einem Brief aus einem kurzen Englandaufenthalt schreibt er im Juli 1933 nach London Ich bin noch exilierter als Sie. In Lehmanns Heimatort Eckernförde wütet zu der Zeit Helmut Lemke in einer braunen SA-Uniform als Bürgermeister. Der wird später noch Ministerpräsident von Schleswig-Holstein, aber dann ist er in einer anderen Partei. Wilhelm Lehmann ist einer der ganz wenigen, für den der Begriff der Inneren Emigration wirklich passt. Sein Gedichtband Die Antwort des Schweigens erschien beim Berliner Widerstands Verlag kurz bevor der verboten wurde. Der Lektor Alexander Mitscherlich hatte das Manuskript angenommen. Den hat die Gestapo später eingesperrt. Nach dem Krieg ist Lehmann dann doch noch berühmt geworden. Seine naturmagische Dichtung galt vielen als ein Gegenentwurf zu der technokratisch kühlen Welt von Gottfried Benn. Leider ist er heute beinahe vergessen. Das ist sehr schade, denn er ist wirklich ein bedeutender Dichter. Man sollte ihn unbedingt lesen und wieder entdecken. Michael Hamburger hat sich später in Marsh Acres ein Haus mit einem riesigen Garten gekauft, wo er jeden Apfel von seinen Apfelbäumen kannte. Lehmann hat keinen so großen Garten gehabt, für ihn wird ganz Norddeutschland (und die geliebte Landschaft Jütlands) zu einem Garten der Dichtung (obgleich auch Marlene Dietrich und Claire Bloom in seiner Dichtung auftauchen). Ich konnte mein Leben nur mit Hilfe der Dichtung führen, hat Lehmann in einem Interview 1956 gesagt. Und das macht er wahr, sein letztes Gedicht, wenige Monate vor seinem Tod geschrieben, ist nicht so etwas Großartiges wie John Donnes Hymn to God, my God, in my Sickness. Wieder einmal ist es klein und still, aber die Natur ist noch da, wenn auch nur als Blumen, die ans Krankenbett gestellt werden.

Letzte Tage

Ausgelaufen ist der Krug.
Erde spricht, es ist genug.

Chrysanthemen hat ein Freund vors Bett gestellt,
Lockenhäupter, Würzgeruch der Welt.

Ehe meine Finger kalten,
Fühlen sie die Lust, die Stengel festzuhalten.

Halt ich so das letzte Stück noch aus,
Bringt das große Qualenlose mich nach Haus.

Das Gedicht London (1964) gehört nicht unbedingt zu den besten Gedichten von Lehmann, aber ich habe es abgetippt, weil Birte in London ist und morgen Geburtstag hat. Hi, Birdy, happy boifday!


Freitag, 5. März 2010

John Singleton Copley: sharks & squirrels


Er kann blitzsaubere Eichhörnchen malen, das muss Sir Joshua Reynolds zugeben, als man ihm ein Bild eines unbekannten Malers ins Studio bringt. So ein Eichhörnchen hat Sir Joshua noch nie gesehen. Kann er auch nicht, weil es ein amerikanisches Eichhörnchen ist, wie ihm Benjamin West am nächsten Tag versichert, der kommt aus Amerika und der kennt solche Eichhörnchen. Sir Joshua meinte eher die Malweise, völlig realistisch. Das Wort Photorealismus kennen die beiden Herren noch nicht, aber hier ist ein Bild, das den amerikanischen Photorealismus, der 1972 die documenta beherrscht, um 200 Jahre vorwegnimmt. Aber so gut sein Eichhörnchen auf dem Boy with a Squirrel (1765) ist (die Vorstudie zu dem Gemälde, eine Ölskizze seines Stiefbruders Henry Pelham [unten] ist noch viel besser).

Haie kann John Singleton Copley eigentlich überhaupt nicht malen. Wie man bei Watson and the Shark sehen kann. Er kann sowieso nichts malen, was er nicht vor sich sieht. Er hat niemals eine wirkliche Ausbildung gehabt, er ist malerisch ein self-made man, ein Photoapparat für Portraits der Bostoner Gesellschaft. Wenn die vor ihm sitzen oder stehen, dann fühlt er sich zu Hause. Er wird sie alle malen, auch die Revolutionäre wie Paul Revere, John Hancock und Samuel Adams. Dabei ist in den aufflammenden Streitigkeiten zwischen den Kolonien und der Krone sein Herz eher bei den Loyalisten, am liebsten wäre es ihm, er brauchte sich für keine Seite zu entscheiden. Als die Revolution ernsthaft ins Laufen kommt, reist Copley nach England und lässt Frau und Kinder erstmal in Boston zurück, die können später nachkommen. Irgendwie ist er ein Schisser.

Aber als dann eines Tages der König George (dessen ➱Töchter Copley so bezaubernd gemalt hat) die Unabhängigkeit Amerikas im Parlament verkündet, da geht Copley nach Hause und malt an den Mast eines Schiffes im Hintergrund des Portraits des amerikanischen Kaufmanns Elkanah Watson eine amerikanische Flagge. There with a bold hand, a master's touch, and I believe an American heart, he attached to the ship the Stars and Stripes. This, I imagine, was the first American flag hoisted in England, notiert Elkanah Watson in seinem Tagebuch. Das ist Copleys einziges politisches Statement.

Leute mit dem Namen Watson werden eine entscheidende Rolle im Leben von Copley spielen. Der englische Colonel George Watson, den Copley im April 1774 in Boston zu Gast hat, bringt den revolutionären Bostoner Mob beinahe dazu, Copleys Haus zu stürmen. What a spirit, schreibt Copley. What if Mr. Watson had stayed, as I had pressed him to, to spend the night! I must either have given up a friend to the insult of a mob, or had my house pulled down or perhaps my family murdered. Das Ereignis ist der Grund für Copley, dass er Amerika verlässt. Der nächste Watson heisst Brook Watson, ein Londoner Kaufmann, der Amerika verlassen hat, weil die Revolutionäre (wahrscheinlich zu Recht) vermuten, dass er ein englischer Spion ist. Brook Watson ist im Alter von vierzehn Jahren beim Schwimmen im Hafen von Havanna von einem Hai angegriffen worden und hat dabei ein Bein verloren. Die Szene möchte er jetzt auf einem Bild haben. Solche Szenen aus dem Alltag kommen normalerweise nicht auf die Leinwand. Wir sind im 18. Jahrhundert, der Klassizismus herrscht vor, da malt man griechische oder römische Helden oder Szenen aus der Bibel, keine Londoner Kaufleute, auch wenn die eines Tages im Parlament sitzen und Oberbürgermeister von London werden. Bilder sollen eine Botschaft haben, eine Transzendenz zu einer höheren Sphäre. Jonah und den Wal kann man malen, das ist durch die Bibel sanktioniert.

Haie im Hafen von Havanna? Wo bleibt da die moralische Botschaft. Aber für Brook Watson gibt es eine Botschaft. Das Bild soll sagen: Seht her, in der Unvernunft meiner Jugend habe ich ein Bein verloren, aber dennoch ist aus mir ein bedeutender Mann geworden! Es ist die Überzeugung eines self-made man aus dem Bürgertum, das jetzt im 18. Jahrhundert immer mehr an Bedeutung gewinnt. Und selbst wenn man im jugendlichen Leichtsinn das Schild Baden verboten nicht beachtet hat, man kann durch Fleiß und Arbeit etwas aus seinem Leben machen. Wie Robinson Crusoe auf seiner kleinen Insel mit kaufmännischem Fleiß ein kleines England erschafft. Kein anderer Maler hätte dem Brook Watson dieses Bild gemalt, Reynolds oder Gainsborough wären nicht auf die Idee gekommen. Aber das Genie aus der neuen Welt, dem die Konventionen der Malerei und die gesellschaftlichen Konventionen der alten Welt fremd sind (und dem die englische Gesellschaft zeitlebens ein Rätsel bleiben wird), macht sich daran, das Bild zu malen.

Es hat schon einmal einen Bruch mit den Konventionen gegeben, dass die Historienmalerei nur alte Römer in weißen Bettlaken malt. Copleys Landsmann Benjamin West hat den Tod des Generals Wolfe vor den Toren von Quebec gemalt, das lag mal gerade elf Jahre zurück. Sensationell. Copley wird den Tod von William Pitt, dem Lord Chatham, im Parlament malen, das Ereignis lag nur drei Jahre zurück. Copley wird das Bild in einem angemieteten Haus aufstellen und Eintritt verlangen, eine unbekannte Vermarktungsstrategie. Man nimmt das den amerikanischen Malern übel, dass sie sozusagen die malerische Sensationspresse der Zeit sind und dass sie damit viel Geld verdienen. Noch viele Jahre später dient es dem Morning Herald zu einer Satire, wenn er Copley und West zur Melodie vom Yankee Doodle in der Akademie singen und Hand in Hand tanzen lässt:

Let David paint for hungry fame
And Wilkie subjects funny;
Let Turner sit and study storms,
But we will paint for money.

Eine wunderbar komische Vorstellung.

Copleys Watson and the Shark (hier eine Variation von Sandow Birk) in der Nationalgalerie in Washington mit dem seltsamen Hai unten rechts im Bild ist ein rätselhaftes Bild. Im Hintergrund im Licht des frühen Morgens ist der Hafen von Havanna im leichten Morgennebel zu sehen, da ist Copley nie gewesen. Dafür hat er einen Kupferstich von Peter Canot genommen. Für den Aufbau der Gruppe von Männern in dem Boot, die dem hilflos unten links im Wasser treibenden Watson zur Hilfe eilt, haben Kunsthistoriker Vorbilder bei Raphael, Rubens und Guido Reni gefunden. Maler klauen immer bei anderen Malern, Kunsthistoriker finden das dann immer wieder in mühseliger Kleinarbeit heraus, woher ein Motiv und eine Körperdrehung kommt.

Aber die Gruppe wirkt seltsam eingefroren, niemand scheint wirklich etwas zu tun. Eher Resignation und Erwartung als zupackende Tatkraft. Der Lanzenstich erreicht den Hai nicht, die ausgestreckten Hände erreichen den Schwimmer nicht. Die Hand Watsons greift in einer dramatischen Geste ins Leere, nicht nach der Leine, die ihm der schwarze Seemann zugeworfen hat. Dessen Armbewegung wird so zu einer Geste, als ob er das Geschehen segnet.

Dieser schwarze Seemann prominent in der Bootsmitte bleibt sowieso ein Rätsel. Ein politischer Kommentar? Solche Interpretationen sind versucht worden, sind allerdings angesichts des politischen Desinteresses von Copley wenig glaubwürdig. Und dann ist da dieser schreckliche Hai im Bild. Der Körper des nackten Jünglings im durchsichtig liquiden Wasser (in dem man auch das Blut sehen kann, das auch der Wunde am rechten Bein fließt) scheint geradewegs in sein aufgerissenes Maul zu treiben. Die langen blonden Haare berühren schon beinahe den Hai. Das alles ist mit technisch gekonnter Brillanz gemalt. Und Copley scheint sich in Bezug auf den Hai über die Schwäche der Darstellung des Schreckens im klaren gewesen zu sein.

In der Kopie des Bildes, die er dann malt (es hängt heute in Boston) sieht der Hai schon aus, als käme er aus Jaws und nicht aus dem Theaterfundus. Vielleicht hat sich Copley mit diesem Bild von dem lebenslangen Schrecken befreien wollen, den das Meer ihm einflößte, ein Aspekt, den James Thomas Flexner herausgearbeitet hat. Erstaunlich für jemanden, der seine ganze Jugend am Hafen von Boston verbracht hat. Brook Watsons Aufstieg in der Gesellschaft wird unaufhaltsam sein (der künstlerische Abstieg von Copley leider auch). Obgleich die politische Presse mit ihm nicht zimperlich verfahren wird. Ein Journalist schreibt, dass es besser gewesen wäre, wenn ihm der Hai statt des Beines den Kopf abgebissen hätte. Denn mit einem Holzkopf anstelle des Holzbeins wäre er ein bedeutenderer Mann.

Das Bild sichert Copleys Erfolg als amerikanischer Maler in der englischen Gesellschaft. ist aber auch der Abschied von einer Malerei, die die Kunstgeschichte revolutioniert hat. Von nun an wird er konventionelle Portraits in der Art von Reynolds, Gainsborough, Romney und Hoppner (und wie die englischen Meister des 18. Jahrhunderts alle heißen) malen. Und graduell in Vergessenheit geraten. Selbst für die Amerikaner wird er Jahrhunderte später ein Unbekannter sein, wie John Updike in seiner Besprechung der großen Copley Ausstellung in New York 1995 feststellte. Ähnliches hatte ich schon vorher erlebt. Als ich 1988 einem amerikanischen Gastprofessor empfahl, sich die Ausstellung Bilder aus der Neuen Welt in Berlin anzuschauen, kam er mit dem Satz zurück: Gee, Jay, I didn't know we had all that art.

Donnerstag, 4. März 2010

Das Sloane Ranger Handbook


1884 erschien die erste Lieferung des New English Dictionary, eigentlich wollten die weißbärtigen Herren da längst fertig sein. Aber sie sind erst von A bis ant (Ameise) gekommen. Hundert Jahre nach der ersten Lieferung ist das Supplement des Oxford English Dictionary (die Basis für das heutige OED) fertig, von 1957 bis 1986 hat Robert Burchfield daran gearbeitet. Bei der Präsentation betonte man, wie up to date man sei und druckte den Begriff Sloane Ranger als Mustereintrag in den Katalog. Die Sloane Rangers sind jetzt in den Jahren von Mrs. Thatcher furchtbar en vogue. In Frankreich, wo sie keine Maggie Thatcher haben, gibt es ein ähnliches Phänomen. Da heißen sie BCBG (bon chic bon genre) und sind nicht nach dem Sloane Square in Chelsea und dem Lone Ranger benannt. Die Eintragung unter Sloane Ranger im OED definierte den SR als of, or pertaining to, or characteristic of, a fashionable, but upper class and conventional young woman in London. Aber wie es so mit neuen Wörtern aus einer bestimmten Szene ist, kaum war das neue OED gedruckt, da stimmte die Definition nicht mehr. Zum einen wurde der Begriff nicht mehr nur auf junge Frauen wie Lady Diana Spencer angewandt sondern auch auf männliche Sloanies. Und die Definition war schon im Kern falsch, Sloanes gehören (mit wenigen Ausnahmen) nicht zur upper class. Sie sind (upper) middle class und möchten gerne ganz weit oben sein im englischen Klassensystem. Sloanes sind status seekers, die mit Barbour Jacket, grünen Wellingtons und einem Range Rover durch Chelsea brettern und vorgaukeln, sie hätten auf dem Land riesigen Grundbesitz. Die teuren SUVs haben dann irgendwann auch den Namen Chelsea Tractor bekommen.

So sehr sich England ändert, das Klassensystem, das schon Karl Marx und Friedrich Engels zu ihren Schriften bewegt hatte, das bleibt. Über den Premierminister John Major, der das Ende des Klassensystems prophezeit hatte, lachen die Journalisten ja immer noch. Vielleicht auch, weil er seine Oberhemden in seine Unterhose stopfte, was definitiv nicht upper class ist. Wenn man einen Einblick in das Mysterium des englischen Klassensystem tun will, dann sollte man Jilly Coopers Buch Class lesen, das zeitgleich mit dem Official Sloane Ranger Handbook erschien. Und ebensolche Verkaufszahlen erreichte. Das Buch ist schreiend komisch, wie so vieles von Jilly Cooper. Es steht auch ein bisschen in der Tradition der Bücher von G.J. Renier The English : Are they human?, Pierre Daninos Major Thompson entdeckt die Franzosen und George Mikes How to be an alien. Diese drei Herren sind Ausländer gewesen, für die die Feinheiten der englischen Gesellschaft ein ewiger Grund zum Amüsement sind. Aber Jilly Cooper kommt aus der upper middle class (ihr Vater war Brigadegeneral), und sie war auch auf den richtigen Schulen, bevor sie Journalistin wurde und Liebesschmonzetten schrieb. Sie zitiert im Vorwort eine Szene, wo die Autorin Barbara Cartland von einer Reporterin gefragt wird, ob die englischen Klassenschranken nicht schon zusammengebrochen seien. Of course they have, sagt Barbara Cartland, or I wouldn't be sitting here talking to somenone like you. Barbara Cartland hat mehr als eine Milliarde von Liebesschmonzetten verkauft, aber ihre Tochter war die Stiefmutter von Diana. Dann ist man schon in der angeblich besseren Gesellschaft.

Die Tradition von Benimmbüchern, die uns Ratschläge geben, wie wir uns in der feinen Gesellschaft bewegen sollen, ist lang. Polonius gibt seinem Sohn im ersten Akt von Shakespeares Hamlet viele gute Ratschläge, ähnliche Dinge schreibt Lord Chesterfield seinem Sohn in den berühmt gewordenen Briefen. Und als John Debrett im 18. Jahrhundert sein Verlag mit den Adelsverzeichnissen und Büchern der Etikette aufmacht, da gibt es Baldassare Castigliones Il Cortegiano schon seit Jahrhunderten. War schon 1561 von Thomas Hoby ins Englisch übersetzt worden, Shakespeare hat es gekannt. In Deutschland gilt der Freiherr Adolph Knigge als der Erfinder der guten Manieren, aber da hat man den Schriftsteller der Aufklärung mit seinem Buch Über den Umgang mit Menschen wohl gründlich missverstanden. Das Deutschland der Adenauer Zeit bezieht seine Richtlinien von der Protokollchefin von Adenauer, einer gewissen Frau Pappritz. In deren Benimmratgeber wird geregelt, wie häufig man die Klospülung in Neubauwohnungen betätigen darf. Wir Deutschen sind schon gründlich. Heute haben wir gar keine Manieren mehr.

Neben den Sloane Rangers tauchen in den achtziger Jahren in England auch die Young Fogeys auf. Auch für die gibt es ein Handbuch, The Young Fogey Handbook. A guide to backward mobility. Young Fogeys sind den Sloanes sehr ähnlich, aber sie haben intellektuelle Interessen. Die hat ein Sloane Ranger nicht, im Sloane Ranger Handbook findet sich der schöne Satz: Anyone who has read Proust is not a Sloane Ranger. Young Fogeys sehen so aus, als seien sie aus der Verfilmung von Brideshead Revisited entlaufen, sie beschäftigen sich mit der englischen Architektur (wie Charles, der natürlich das Ideal, der Superfogey, ist), dem Herzog von Wellington und der englischen Geschichte. Und sie sprechen natürlich das richtige Englisch. Seit ein englischer Linguist namens Alan Ross den Begriff von U and Non-U Speech geprägt hat (wobei das U für Upper Class steht) und damit die Soziolinguistik erfand, ist die englische Aussprache zu einem Klassenindiz auch für den letzten geworden, der das bisher nicht gemerkt hatte. Im 18. und 19. Jahrhundert war das noch nicht so ausgeprägt, aber spätestens seit Professor Higgins in Shaws Pygmalion dem Blumenmädchen Eliza Doolittle den working class Akzent ausgetrieben hat, möchte jeder das sprechen, was die Linguisten received pronunciation nennen.

Dieser Verwandlungsvorgang, der jetzt nicht Kleider machen Leute, sondern Aussprache definiert die Klasse heißt, ist manchmal schon seltsam. Mrs. Thatcher, von ihrer Herkunft definitiv lower middle class, bemühte sich ihre Leben lang, königlicher als die Königin zu sprechen. Das ist ebenso komisch wie die Mrs. Malaprop in Sheridans Theaterstück The Rivals. Julie Burchill, die Königin der englischen Subkultur, hat 1985 (da war das Sloane Ranger Handbook in der 14. Auflage!) mit leichter Verzweiflung geschrieben: Dies ist immer noch das einzige Land in der englischsprechenden Welt oder Europa, in dem der Akzent eher von der sozialen Klasse als vom Landstrich abhängig ist - die Leute beurteilen Macht eher nach Akzent als nach Reichtum oder guter Bildung. Bildung zählt immer noch nichts in diesem Land, wenn man nicht so spricht wie die Bessergestellten; und wenn man so redet, kann man so doof sein, wie man will, und trotzdem aufsteigen...Aber solche Sätze von einer Frau, die in der Punk Szene angefangen hat und von der journalistischen Konkurrenz als "Trendnutte" bezeichnet wurde, können einen Sloane Ranger nicht rühren.

Der englische Dichter John Betjeman (der von den Young Fogeys verehrt wird) hat einmal in einem Gedicht geschrieben:

A single topic occupies our minds,
'Tis hinted at or boldly blazoned in
Our accents, clothes and ways of eating fish,
And being introduced and taking leave,
'Farewell', 'So long', 'Bunghosky', 'Cheeribye' -
That topic all-absorbing, as it was,
Is now and ever shall be, to us - CLASS.

Der englische Literaturwissenschaftler P.N. Furbank hat mit Unholy Pleasure: The Idea of Social Class ein Buch geschrieben, das Sloane Rangers, wenn sie lesen würden, nicht mögen können. Schon auf den ersten Seiten heißt es da über das class spotting: It is held to be amusing, when played as a parlour-game by Jilly Cooper or in the Official Sloane Ranger Handbook; but the game pretty soon becomes maladorous. I hardly need stress that what is involved is not a form of sociology, but rather a form of competitive social behaviour of the very kind it pretends to be studying. It is always, and of necessity, a sort of "wallowing", to be enjoyed with "unholy pleasure". Da können Sloanies nur spoilsport sagen.

Mittwoch, 3. März 2010

Eichendorff


Ich bewundere Menschen, die einen aufgeräumten Schreibtisch haben. Das weckt bei mir immer Gefühle des Neides. Mein Schreibtisch ist immer vollgemüllt. Natürlich kreativ vollgemüllt. In Amerika soll es mal eine wissenschaftliche Studie gegeben haben, die bewiesen hat, dass Leute mit vollgemüllten Schreibtischen kreative Menschen sind. Ich zitiere das immer, wenn sich jemand über meinen Schreibtisch mokiert. Ich schreibe sowieso nie am Schreibtisch, ich kuschle mich mit meinem Schreibbrett in einem Sessel. So wie Thomas Mann (unsere täglich Seite gieb uns heute) am Schreibtisch sitzen, im steifen Zweireiher mit sorgfältig gebundener Schleife, das könnte ich nicht. Ob ich wirkliche Literatur produziert hätte, wenn ich immer mit einem Zweireiher an einem aufgeräumten Schreibtisch gesessen hätte? Nein, ich muss in meinem Sessel sitzen und neben mir Bücherhäufchen auftürmen. Die werden mit der Zeit immer höher, werden dann mal umgeschichtet. Und dann in einem Anfall von Ordnungswut wieder peu à peu wieder ins Regal zurückgestellt. Das muss man auch tun, weil ich vermute, dass die Bücher untereinander irgendwelche sexuellen Beziehungen zu einander eingehen und sich dann vermehren, wenn man nicht hinguckt. Als ich am Sonntag wieder einmal Bücher ordnete, fielen mir drei Bücher in die Hand, die irgendwie mit Eichendorff zu tun hatten. Aber wie die amerikanischen Puritaner den Holzwurm in der Bibel als ein Zeichen dafür nehmen, dass diese Bibelstelle, durch die sich der Wurm gefressen hat, etwas Besonderes bedeutet, nahm ich dies auch als ein Zeichen. Eichendorff. Kann man den nicht einfach lesen und genießen, muss man für die Lektüre der Schriften des schlesischen Edelmanns unbedingt Bücher benutzen, die man so schön Sekundärliteratur nennt?

Das erste der Bücher war Georg Lukács' Deutsche Realisten des 19. Jahrhunderts, 1953 im Aufbau-Verlag Berlin erschienen. Es hatte einen Euro gekostet, lag im Grabbelkasten eines Antiquariats, und ich hatte es gekauft, weil ich die Kapitel über Wilhelm Raabe und Theodor Fontane lesen wollte. Dass es auch ein Kapitel über Eichendorff enthielt, hatte ich gar nicht gesehen. Der ungarische Adlige, den die Kommunistische Partei immer mit Argwohn betrachtet hat, lohnt ja immer die Lektüre. Auch wenn seine Verrenkungen, mit denen er die Literatur dem Klassenkampf anpasst, manchmal etwas bizarr sind. Sir Walter Scott wäre nicht auf die Idee gekommen, dass seine Romane vom Klassenkampf handeln, wie Lukács das in Der historische Roman behauptet. Aber Autoren wissen es ja sowieso nie, worüber sie schreiben. Dazu braucht man Literaturwissenschaftler. Auch in seinem Eichendorff Kapitel gibt der ungarische Literaturwissenschaftler, den Thomas Mann als dämonischen Naphta in den Zauberberg hineingeschrieben, eine politische Interpretation des Werkes von Eichendorff. Wenn man Lukács auch nicht immer folgen wird, weil man kein Kommunist ist, so muss man ihm doch lassen, dass das alles solide Werkkritik ist. Lukács kennt seinen Eichendorff, man hat den Eindruck, dass er ihn bei aller politischen Distanz sogar liebt.

Bei dem zweiten Titel, der mir beim Aufräumen in die Hände fiel, habe ich eher zweifelhafte Empfindungen. Es ist der Eichendorff Almanach Aurora aus dem Jahre 1959. Da wir nun spätestens seit Lukács wissen, das Kunstwerke zeitgebunden sind, können wir auch annehmen, dass die Literaturwissenschaft auch zeitgebunden ist. Truth is the daughter of time, ein Zitat, das vielen zugeschrieben wird. Brechts Galileo sagt etwas Ähnliches, aber seine schönste Form findet es natürlich in dem gleichnamigen Krimi von Josephine Tey aus dem Jahre 1951. Die deutsche Literaturwissenschaft in den fünfziger Jahren ist in einer desolaten Lage. Zum einen gibt es Leute wie Walter Rehm, die sich beim Anbruch der Zeit der Barbaren verbittert  in die innere Emigration zurückgezogen haben, zum anderen sind manche, die in die Emigration gezwungen wurden, wie Richard Alewyn, wieder in Deutschland. Wichtige Anstösse erhält das Fach durch Ausländer wie den Holländer Herman Meyer oder den Franzosen Robert Minder. Und natürlich durch all die Germanisten, die in England und Amerika geblieben sind. Aber die deutsche Szene wird beherrscht durch Großordinarien (eine schöne neue Wortprägung, wir lieben es in der Literatur ja gerne groß) wie Benno von Wiese. Der war ja 1933 sofort in der Partei, die mit ihm befreundete Hannah Arendt war so davon entsetzt, dass sie sofort emigrierte. Und jetzt in den Fifties wird der Altnazi von Wiese zum Schwafelkünstler, dessen Bücher in jedem bundesrepublikanischen Wohnzimmer stehen. Ein anderer ehemaliger Nazi wie Wolfgang Kayser stürzt sich immerhin wie ein gebranntes Kind auf die werkimmanente Interpretation. Da kann man ideologisch nix falsch machen. Und so ist die Jahresgabe der Eichendorff Stiftung (zwei Euro in meinem Lieblingsantiquariat) auch eine Tochter der Zeit. Viele tief empfundene Miszellen von Eichendorff Liebhabern. Aber auch Substantielles, wie der schöne lange Aufsatz Dichterglück von Robert Mülher, der Paul Stöcklein zueignet ist. Paul Stöcklein, der Eichendorff vielleicht deshalb geliebt hat, weil er wie er Katholik war, gehört sicher zu den seriösen Germanisten in dieser Zeit. Er hat auch 1966 unter dem Titel Eichendorff Heute bei der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft einen Band vorgelegt, der heute immer noch von Relevanz ist. Benno von Wiese ist nicht als Beiträger in diesem Buch.

Das dritte Buch auf dem Bücherstapel hatte ich wegen des Titels gekauft: Aus der Heimat hinter den Blitzen rot. Diese Zeile aus einem Eichendorff Gedicht verfehlt ja, wie das ganze Gedicht, nie ihre Wirkung.

Aus der Heimat hinter den Blitzen rot
Da kommen die Wolken her,
Aber Vater und Mutter sind lange tot,
Es kennt mich dort keiner mehr.
Wie bald, wie bald kommt die stille Zeit,
Da ruhe ich auch, und über mir
Rauschet die schöne Waldeinsamkeit
Und keiner mehr kennt mich auch hier.

Ich hatte beim Kauf des Hanser Bandes Bedenken, weil dieses Lesebuch von Eckhard Henscheid war. Den mag ich nicht so besonders. Als Mitglied der Neuen Frankfurter Schule mit Leuten wie Waechter, Traxler, Bernstein, Poth und Gernhardt ist er in der Titanic ja ganz witzig. Aber ansonsten hat er doch ein wenig von diesem netten Wort Klamaukschriftsteller an sich (was er wiederum dadurch konterte, er sei eher ein Klimbim- oder Krawallschriftsteller). Aber nach der Lektüre seines Eichendorff Lesebuchs muss ich ihm Abbitte tun, es ist ein wunderbares Buch. Manchmal too clever by half, wie der Engländer sagt. Aber von den stilistischen Sperenzchen abgesehen, ein philologisch fundierter 163 Seiten langer Essay, der Eichendorfs lyrisches Werk vorstellt. Con amore geschrieben, bei aller Ironie tief empfunden. So geht es also auch. Wenn man in den sechziger Jahren mit tausend anderen Germanistikstudenten in einem Audimax gesessen hat, nur um einen der damals Großen zu hören und unter dem Strich eigentlich nichts aus dieser Vorlesung mitgenommen hat, außer dass man den großen XYZ gehört hat, dann wirkt diese Büchlein wie ein literaturwissenschaftlicher Befreiungsschlag. Es kann auch allen empfohlen werden, die niemals Literaturwissenschaft studiert haben und diese Wissenschaft (wenn sie denn überhaupt eine ist) für überflüssig halten. Es ist ein Buch, das auch wie Stöckleins Band Eichendorff Heute heißen könnte. Das zu einer Reise in Eichendorffs Welt aufruft wie sein Gedicht Frische Fahrt:

Laue Luft kommt blau geflossen,
Frühling, Frühling soll es sein!
Waldwärts Hörnerklang geschossen,
Mutger Augen lichter Schein;
Und das Wirren bunt und bunter
Wird ein magisch wilder Fluß,
In die schöne Welt hinunter
Lockt dich dieses Stromes Gruß.

Und ich mag mich nicht bewahren!
Weit von euch treibt mich der Wind,
Auf dem Strome will ich fahren,
Von dem Glanze selig blind!
Tausend Stimmen lockend schlagen,
Hoch Aurora flammend weht,
Fahre zu! Ich mag nicht fragen, 
Wo die Fahrt zu Ende geht!

Schwimmen wir den magisch wilden Fluss hinunter, Henscheids Buch gibt uns dazu das Freischwimmer Abzeichen.

Lesen Sie auch: ➱Joseph von Eichendorff, ➱Deutsche Romantik.

Dienstag, 2. März 2010

Tom Wolfe


Herzliche Glückwünsche an das whizz kid aus Richmond! Thomas Kennerly Wolfe, Jr. wird heute 79. Er hat sich Tom genannt, weil er nicht mit dem anderen berühmten Thomas Wolfe verwechselt werden wollte. Der, der bei seinem Besuch in Berlin Ernst Rowohlt unter den Tisch getrunken hat. Und diesen Koffer voll Manuskriptseiten abgeliefert hat, aus denen Maxwell Perkins bei Scribners dann Look Homeward, Angel heraus sortieren durfte. Nein, dies ist der Tom Wolfe, der körperlich klein, aber geistig ganz groß ist. Der sich in den siebziger Jahren seinen ersten weißen Anzug bei Vincent Nicolosi in New York machen ließ und seitdem Nicolosis treuester Kunde ist. Die weißen Anzüge sind sein Markenzeichen geworden, schon Mark Twain hatte das erkannt, dass ein weißer Anzug einen großen Wiedererkennungswert hat. Er hat in Yale studiert, hat sogar einen PhD Titel. Begann als Journalist und hat den New Journalism erfunden. Heute assoziiert man ihn mit The Bonfire of Vanities, zu dessen theoretischer Untermauerung er einen langen Essay, Stalking the Billion-footed Beast, geschrieben hat. Rückkehr zum Roman des 19. Jahrhunderts, zu Dickens und (vor allem) Zola war das Rezept, das Dr. Wolfe den amerikanischen Schriftstellern verordnete.

Als er noch keinen weißen Anzug trug, hat er The Kandy-Kolored Tangerine-Flake Streamline Baby geschrieben und den Geist der Sixties eingefangen wie kein zweiter. Ein hypernervöser, vibrierender Stil, geeignet zur Beschreibung von hot rod cars, Las Vegas und Junior Johnson, dem last American Hero. Später werden die American heroes in The Right Stuff wieder auftauchen und Chuck Yeager et.al. heißen. Tom Wolfe hat den Begriff New Journalism erfunden und auch einen Sammelband mit einem intelligenten Vorwort über die Anreicherung der Reportage mit literarischen Mitteln versehen. Er war nicht der einzige, der damals so schrieb, auch Hunter S. Thompson hatte es drauf. Und Norman Mailer in The Armies of the Night. Oder die hierzulande weniger bekannte Joan Didion, die eigentlich immer gut ist. Truman Capote sprang auch noch in letzter Minute auf den Zug der non-fiction novel auf und schrieb In Cold Blood. Aufregende Zeiten für die amerikanische Literatur.

Nach den Erfolgen seiner ersten Bücher gab ihm sein Verlag eine carte blanche, und er durfte schreiben worüber er wollte. Er schrieb über Kunst, moderne Kunst und die Kunstkritiker, the kings of cultureburg. Sein Buch The Painted Word war eine Frontalattacke auf alles, was die amerikanische Kunst seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs produzierte. From Bauhaus to Our House demontiert süffisant die Idolatrie der Bauhaus Architektur: O Beautiful, for spacious skies, for amber waves of grain, has there ever been another place on earth where so many people of wealth and power have paid for and put up with so much architecture they detested as within thy blessed borders? Und er beantwortet die rhetorische Frage, in die er Katharine Bates' America the Beautiful eingebettet hat, mit einem lakonischen I doubt it seriously.

So lesenswert Romane wie Bonfire of the Vanities und A Man in Full sind, ich finde die Essays von The Kandy-Kolored Tangerine-Flake Streamline Baby und den nachfolgenden Büchern besser. Aber am besten gefällt mir der Tom Wolfe, der der Kunstkritiker und der Literaturkritiker ist. In The Painted Word, in From Bauhaus to Our House, dem Vorwort zu The New Journalism, dem Stalking the Billion-footed Beast und der Jefferson Lecture von 2006. Diese Institution des National Endowment for the Humanities gibt es seit 1972, die crème de la crème Amerikas hat da in Washington gesprochen. Und Tom Wolfe hatte da einen Höhepunkt, als er über La bête Humaine sprach. Ist besser als alles, was amerikanische Präsidenten in letzter Zeit gesagt haben.

Happy birthday, Tom, and many happy returns!

Montag, 1. März 2010

Benjamin Wests 'Thaddäus Kosciuszko'


Anfang Juni 1797 macht der Präsident der Royal Academy Benjamin West einen Höflichkeitsbesuch bei dem berühmtesten Mann Europas, der seit einer Woche in London weilt. Das Hotel im Leicester Square ist vorher das Haus des Malers William Hogarth gewesen, der Maler West kommt also in das Haus eines anderen Malers. Er möchte den berühmten Mann malen. West ist in Begleitung von zwei Amerikanern, Dr. Edward Bancroft und John Trumbull. John Trumbull ist auch Maler, er war ein Schüler von West gewesen, jetzt ist er amerikanischer Diplomat. Während des Unabhängigkeitskrieges war er einmal Adjutant von George Washington, er zieht es sein Leben lang vor, als Colonel Trumbull angesprochen zu werden. Der berühmteste Mann Europas ist ein Pole, der gerade aus der russischen Gefangenschaft kommt und nach Amerika weiter reisen will, wo er Frieden zu finden hofft und seine Wunden auskurieren will. Denn in Amerika ist der Pole auch berühmt. Als er das Land vor Jahrzehnten verließ, hat ihm der Kongress eine stattliche Pension bewilligt, riesige Ländereien geschenkt und ihm den Titel General verliehen. Amerikanischer Staatsbürger ist er auch und (neben Steuben und Lafayette) eins der wenigen ausländischen Mitglieder der Society of the Cincinnati. Deren Präsident ist kein Geringerer als George Washington.

Der polnische Edelmann, den West so gerne malen möchte, heißt Thaddäus Kosciuszko. Man scheint hierzulande den Oberfeldherrn Polens im Freiheitskampf gegen die Russen heute vergessen zu haben. Kosciuszko empfängt die kleine amerikanische Delegation mit der gebotenen Höflichkeit, plaudert auch mit Trumbull über die Tage, als sie beide Colonels in der Kontinentalarmee waren (obgleich sie sich wohl damals nicht getroffen haben), aber malen lassen möchte er sich nicht. Doch dazu ist West entschlossen, noch in der Hotelhalle fängt er mit ersten Skizzen an und zu Hause in der Newman Street beginnt er sofort zu malen. Er ist drei Tage später wieder bei Kosciuszko, um ihm ein Bild zu schenken. Wahrscheinlich auch, um sich den General und das Zimmer noch einmal genau einzuprägen. Das Bild von Hector und Andromache (Katalognummer 165 bei v.Erffa/Staley) wird Kosciuszko nicht behalten, er wird es eines Tages Thomas Jefferson schenken. Heute hängt es im Getty Museum in Malibu.

Für den amerikanischen Quäker Benjamin West ist der Pole ein amerikanischer Held. Und das ist er sicherlich auch gewesen. Er ist nach Amerika gekommen, weil er als Offizier in der polnischen Armee keine Zukunft hatte. Und die amerikanische Kontinentalarmee ist ja auch dankbar für gut ausgebildete Offiziere aus Europa, vor allem, wenn die adlig sind. Wenn auch in manchen Fällen, wie bei dem Baron von Steuben und dem Baron de Kalb, die Adelstitel reine Fiktion sind. Kosciuszko ist in Warschau und Paris ausgebildet worden, ein Ingenieur, der Festungsanlagen bauen kann. Solche Leute braucht man jetzt in Amerika, man macht ihn sofort zum Colonel und wird ihm im Laufe des Krieges auch kleine Armeen anvertrauen. Er rechtfertigt das Vertrauen. Er wird West Point so anlegen, dass die Engländer es nie einnehmen können. Da müssen wie schon darauf hoffen, dass der Verräter Benedict Arnold ihnen die Pläne verkauft. Die Schlacht von Saratoga, in der die Engländer eine ganze Armee unter Gentleman Johnny Burgoyne verlieren, wird auch deshalb gewonnen, weil der adlige Colonel aus Polen so geschickt Festungsanlagen um Bemis Heights plaziert hat. Burgoyne, der Lebemann, Dandy und Theaterautor, muss sich in die Kapitulation fügen. Eine Militärkapelle spielt The world turned upside down.

Das Bild, das West malen wird, ist erstaunlich. Kleinformatig (31,5 mal 44 Zentimeter) und intim, scheint es die romantische Malerei vorweg zu nehmen. Der von seinen bei der Schlacht von Maciejowice vor zwei Jahren erlittenen Verwundungen gezeichnete General, liegt auf einer Chaiselongue, ein Fenster gibt den Ausblick auf die St. Pauls Cathedral frei. Mit der linken Hand berührt er den schwarzen Seidenverband über seiner Stirn (eine Krücke neben dem Sofa deutet an, dass er durch eine Kanonenkugel halbseitig gelähmt ist). Aber diese Bewegung der Hand zum Kopf scheint hier auch eher eine Bewegung eines nachdenklichen Dichters zu sein. Zwei Jahrzehnte später werden Maler unter dem Einfluss von Lord Byrons Dichtung ihre Objekte so malen, voller Träumerei, Melancholie und Weltschmerz. Kosciuszko wird zu einem Byronic hero, obgleich es den noch gar nicht gibt. Die auf dem Boden verstreuten Skizzen (West fand den General bei Aquarellieren vor) zeigen, dass der Edelmann auch ein Künstler ist. Natürlich fehlen die militärischen Beigaben nicht, wie die polnische Offiziersmütze oder der gerade in London überreichte Prunksäbel. Die Aussicht aus dem Fenster auf St. Pauls und die Themse ist ein meisterhaftes kleines Bild im Bild. Für dieses Portrait, das den Beginn einer Sturm und Drang Phase in Wests Werk markiert, hat West seine etwas langweilige akademische Malerei in stumpfen Farben aufgegeben. Hier haben wir brillante Farben und eine ungekünstelte Spontanität der Darstellung, als hätten wir den jugendlich wirkenden General (der eigentlich schon fünfzig ist, hier aber eher wie ein Zwanzigjähriger aussieht) gerade in diesem nachdenklichen Moment überrascht.

Benjamin West wird das Bild behalten, er weiß, dass es vielleicht das Beste ist, was er gemacht hat. Sein Sohn wird es nach seinem Tode den Vereinigten Staaten anbieten (er hofft, dass es der Grundstock für eine amerikanische Nationalgalerie wird), aber diese Barbaren verkaufen es gleich weiter. Es hat danach verschiedene Besitzer, bis es 1946 in die Vereinigten Staaten zurückkehrt. Es ist heute Bestandteil der Kunstsammlung des Allen Memorial Art Museum des Oberlin College. Der Portraitierte ist bei seiner Ankunft in Amerika 1797 wie ein Nationalheld gefeiert worden. Sein Haus in Philadelphia ist heute noch Nationaldenkmal. Er wird seinen Lebensabend in der Schweiz verbringen. Aber zuvor hat der Mann, den die Polen einst zu ihrem König machen wollten und der die Worte Freiheit, Integrität und Unabhängigkeit auf seinem Wappenschild hatte, noch etwas Erstaunliches getan. Er hat seinen ganzen amerikanischen Besitz verkauft und mit dem Geld Sklaven gekauft. Und ihnen die Freiheit gegeben (seinen polnischen Leibeigenen hatte er schon vorher die Freiheit gegeben), ein einmaliger Akt. Zu dem die Amerikaner, die den schönen Satz that all men are created equal in ihrer Declaration of Indepedence hatten (wie zum Beispiel Thomas Jefferson), nicht fähig waren. Vielleicht sollten wir uns den Namen Thaddäus Kosciuszko doch einmal merken, auch wenn er schwer auszusprechen ist.