Sonntag, 14. November 2010

Alfred Lichtwark


Alfred Lichtwark hat heute Geburtstag, das sollte uns einer Erwähnung wert sein. Es hat im 19. Jahrhundert, in der Anfangsphase der deutschen Kunstgeschichte und der organisierten Museumsarbeit bedeutende Figuren gegeben, aber kaum eine wie Lichtwark. Er war ein Museumsmann wie Hugo von Tschudi oder Wilhelm von Bode, aber wie diese beiden war er nicht nur ein manischer Sammler. Max Liebermann, der mit ihm befreundet war, hat über ihn gesagt: Im Gegensatz zum einseitigen Kunstgelehrten, der sich in sein Spezialfach vergräbt und sich für sonst nichts auf der Welt interessiert, gab es für Lichtwark nichts, was mit Kultur zusammenhängt, wofür er sich nicht interessierte. Kultur war ihm Veredelung des Menschen und das Streben nach Kultur das Ideal seines Lebens. Und nicht nur das, der Sohn mittelloser Eltern glaubt daran, dass die Kunst nicht einer intellektuellen oder gesellschaftlichen Schicht gehört, sondern dass sie Besitz der gesamten Nation sei. Und dass das Museum der Ort der Volksbildung sei. Und dass schon die Schule zum Sehen von Kunst erziehen müsse.

Schon Gottfried Semper hatte anlässlich der Londoner Weltausstellung 1851 die öffentlichen Sammlungen als die wahren Lehrer eines Volkes gepriesen. In dem Jahr ist der aus Sachsen geflohene Revolutionär Semper (der Haftbefehl gegen ihn wird erst 1863 aufgehoben, aber Semper wird niemals nach Dresden zurückkehren. Auch nicht, wenn nach seinen Plänen die zweite Semperoper gebaut wird) beim Aufbau des South Kensington Museum beschäftigt, für dessen Bau er auch einen Entwurf einreicht. Das South Kensington Museum heißt heute Victoria und Albert Museum. Und unter Henry Cole hat man in London schon längst das wahr gemacht, von dem Alfred Lichtwark Jahrzehnte später noch träumt. Die Engländer haben eben mehr Kultur. Sagt auch Lichtwark in einer programmatischen Schrift von 1887. Der Deutsche sei zwar  dem Franzosen und dem Engländer an Wissen nicht unterlegen, aber an der Lebenskultur. Das beginnt im Äußerlichen, schlecht sitzende Kleidung und ungehobelte Manieren (an dieser Stelle muss man natürlich fragen: hat sich da etwas geändert?), aber damit hält sich Lichtwark nicht lange auf. Die Bildung des Geschmacks und die Bildung des Auges sind sein Ziel. Richtiges Sehen lernen. Da muss schon die Schule Erziehungsarbeit leisten, damit man Kunstwerke richtig betrachten kann.

Er wird auf dieses Programm immer wieder zurückkommen, er ist der erste große Kunstpädagoge, den wir jetzt haben. Wilhelm von Bode sammelt die beste Kunst der Welt für das preußische Berlin, Lichtwark will alle für die Kunst begeistern. 1886 wird er Direktor der Hamburger Kunsthalle, und Hamburg hätte keinen Besseren wählen können. Er wird Hamburger Maler sammeln und als erstes den Thomasaltar von Meister Francke für die Kunsthalle kaufen. Den hatte die Kaufmannschaft der Englandfahrer-Gesellschaft damals in Auftrag gegeben. Ihr Schutzheiliger war Thomas von Canterbury, den wir auch als Thomas à Becket kennen. Der hat nicht nur ein großes Nachwirken als Heiliger. Was wäre die Literatur ohne ihn? Chaucers Canterbury Tales, T.S. Eliots Murder in the Cathedral und Anouilhs Becket wären nicht geschrieben worden. Die Anglophilie der Hamburger setzt offensichtlich schon im 15. Jahrhundert ein, für die Kaufleute der Englandfahrer Gesellschaft musste es eben ein englischer Heiliger sein.

Aber Lichtwark wird auch die zeitgenössische Moderne kaufen. Wie Wilhelm von Bode ist er jetzt ständig unterwegs. Darüber berichtet er der Kommission der Verwaltung der Kunsthalle in seinen Reisebriefen. Die sind, von seinem Nachfolger Gustav Pauli herausgegeben, auch heute noch eine wunderbare Lektüre. Man kann sie (zweibändig 1924 bei Georg Westermann erschienen) heute noch antiquarisch finden. Es gibt neben Wilhelm von Bodes Mein Leben (am besten in der exzellent kommentierten Ausgabe des Nicolai Verlages) nichts Besseres, das einem ein Bild der Kunstwelt der Belle Epoque vermittelt. Alfred Lichtwark ist kein wilhelminischer Bildungsspießer, in den Reisebriefen schreibt ein wacher, scharfer Geist. Nicht ohne Humor. So sein aus Berlin vom 16. Juni 1892 datierter Brief: Die Ausstellung ist diesmal sehr trist und infolgedessen wenig besucht. Aufseher und Katalogverkäuferinnen sehen aus, als wäre das Ganze für sie veranstaltet. Sie unterhalten sich über drei Säle hinweg und singen die goldene Abendsonne zweistimmig. Begegnen sich zwei Besucher - par impossible - so zuckt ihre Hand nach dem Hut, wie man in der Wüste Sahara mit jedem Landsmann fraternisieren würde. Aber trotzdem hat mir die Ausstellung im innersten Herzen nicht mißfallen. Sie hat etwas Beruhigendes, denn man sagt sich bei gutem Gewissen, 80 Procent gehen einen nichts an.

Wir wollen nicht ein Museum, das dasteht und wartet, sondern ein Institut, das tätig in die künstlerische Erziehung unserer Bevölkerung eingreift, hat Lichtwark erklärt. Und kämpferisch hat er seine Haltung vertreten, um die Stadt der reichen Pfeffersäcke zu einer Kunststadt zu machen. Schon bald hatte er den Spitznamen eines Kunstbürgermeisters, und sein Freund Liebermann nannte ihn gar den Praeceptor Germaniae. Er gründete auch eine Sammlung von Bildern aus Hamburg und vergab Aufträge mit Hamburger Motiven an Liebermann, Bonnard, Vuillard, Slevogt (oben) und Corinth. Wegen einer Vielzahl von Impressionisten bekam die Ausstellung im Volksmund die Bezeichnung Schreckenskammer. Das sind schon Banausen, da in Hamburg. Lichtwark war voller Zorn auf den Widerstand gegen seine Ankaufspolitik, so schrieb er 1911 an seinen Nachfolger Gustav Pauli: hier herrscht eine Horde von Kaisern und sie sehen alle nur das rote Tuch des Modernismus, das mir aus der Tasche hängt. Heute können sie in Hamburg nur ewig dankbar sein, dass sie einmal einen Kunstbürgermeister besessen haben, dem das rote Tuch des Modernismus aus der Tasche hing.


Lesen Sie auch: ➱Wilhelm von Bode

Samstag, 13. November 2010

Tusitala


Sargent has come and gone, schreibt Robert Louis Stevenson im Dezember 1884, we both lost our hearts to him: a person with a kind of exhibition manner and English accent, who proves on examination, simple, bashful, honest and enthusiastic and rude with a perfect (but quite inoffensive) English rudeness. Stevenson mag diesen Mann, nicht nur weil er weiß, dass Sargent mit seinem Lieblingscousin Robert Alan Mowbray Stevenson zusammen studiert hat.

Sargent hat Robert Louis Stevenson als the most intense creature I have ever met beschrieben, er hat ihn dreimal gemalt. Das wahrscheinlich berühmteste Bild ist nicht dies, obgleich ich persönlich es für das beste Bild halte. Das beste Bild von Stevenson, aber auch das beste Bild Sargents. Sargent hatte es für seinen Bankier in Boston gemalt hat, der es seiner Frau schenkte (die mit Stevenson befreundet war). Das berühmteste Bild ist das, das Stevenson mit seiner Frau zeigt.

Mrs Stevenson ist das farbige Kleiderbündel am rechten Bildrand, Robert Louis geht nervös durch den Raum und zupft an seinem Schnurrbart. Er hat das Bild als damn queer bezeichnet, und das ist es wohl auch. Sargent was down again and painted a portrait of me walking about in my own dining-room, in my own velveteen jacket, and twisting as I go my own moustache; at one corner a glimpse of my wife, in an Indian dress, and seated in a chair that was once my grandfather’s, schreibt Stevenson später und fügt hinzu: it is, I think, excellent, but is too eccentric to be exhibited. Sargent ist gerade in einer Phase, in der er informal portraits malt, zu denen sicher auch sein schönstes Bild zählt, das Gruppenbild der Töchter von Edward Boit.

Robert Louis Stevenson wurde heute vor 160 Jahren geboren. Tusitala hat man den Schotten in Samao genannt, den Geschichtenerzähler. Und Geschichten erzählen, das kann er. Fifteen men on the dead man's chest--...Yo-ho-ho, and a bottle of rum! Drink and the devil had done for the rest--...Yo-ho-ho, and a bottle of rum. Das kennen wir alle. Man mag den Inhalt vieler Romane vergessen, die man gelesen hat, aber den Inhalt von Treasure Island, den vergisst man nie.

Squire Trelawney, Dr. Livesey, and the rest of these gentlemen having asked me to write down the whole particulars about Treasure Island, from the beginning to the end, keeping nothing back but the bearings of the island, and that only because there is still treasure not yet lifted, I take up my pen in the year of grace 17-- and go back to the time when my father kept the Admiral Benbow inn and the brown old seaman with the sabre cut first took up his lodging under our roof.

I remember him as if it were yesterday, as he came plodding to the inn door, his sea-chest following behind him in a hand-barrow—a tall, strong, heavy, nut-brown man, his tarry pigtail falling over the shoulder of his soiled blue coat, his hands ragged and scarred, with black, broken nails, and the sabre cut across one cheek, a dirty, livid white. I remember him looking round the cover and whistling to himself as he did so, and then breaking out in that old sea-song that he sang so often afterwards: "Fifteen men on the dead man's chest— Yo-ho-ho, and a bottle of rum!" in the high, old tottering voice that seemed to have been tuned and broken at the capstan bars. Then he rapped on the door with a bit of stick like a handspike that he carried, and when my father appeared, called roughly for a glass of rum. This, when it was brought to him, he drank slowly, like a connoisseur, lingering on the taste and still looking about him at the cliffs and up at our signboard
.

I remember him as if it were yesterday, so geht es uns mit den Erzählungen von Stevenson. Weil wir von der ersten Seite an im Admiral Benbow zu Hause sind. Ich mag von seinen Romanen am liebsten Kidnapped (und den Folgeroman Catriona), schon wegen des geradezu barocken Titels: Kidnapped: Being Memoirs of the Adventures of David Balfour in the Year 1751: How he was Kidnapped and Cast away; his Sufferings in a Desert Isle; his Journey in the Wild Highlands; his acquaintance with Alan Breck Stewart and other notorious Highland Jacobites; with all that he Suffered at the hands of his Uncle, Ebenezer Balfour of Shaws, falsely so-called: Written by Himself and now set forth by Robert Louis Stevenson. Da weiß man doch gleich, in welche Romanwelt man jetzt beim Lesen eintaucht.

Und alles ist wahr, weil Davvie Balfour es ja selbst erzählt hat. Ich bin offensichtlich nicht der einzige, der diesen Roman mag, berühmtere Leute als ich mochten ihn auch, angefangen mit Henry James. Ich mag aber auch The Master of Ballantrae und Weir of Hermiston (an dem er noch schrieb, als ihn der Tod auf der Veranda seines Hauses auf Samoa ereilte). Viele Kritiker halten das Fragment für Stevensons bestes Werk. Seriöse Kritiker meine ich, nicht diese Spinner, die sich im Augenblick an allen Universitäten tummeln und sich nur noch mit Schlagwörtern wie gender und body beschäftigen. Die haben natürlich längst herausgefunden, dass Robert Louis Stevenson schwul ist. Weil keine Frauen in seinen Büchern vorkommen, und weil er angeblich schwule Freunde hat.

Dem normalen Stevenson Leser wird dieser Unsinn herzlich gleichgültig sein. Und die einzigen Bücher, die ich aus dem Bereich der Universität für den normalen Leser empfehlen möchte, sind David Daiches' Buch Robert Louis Stevenson and His World (Thames & Hudson, 1973 - reich bebildert) und Horst Dölvers Der Erzähler Robert Louis Stevenson (1969 beim Francke Verlag - das bürgte ja damals für Qualität). Den David Daiches, der immer gut ist, egal worüber er schreibt, gibt es bei Amazon ab 1,29 und Dölvers kann man beim ZVAB auch noch preiswert finden. Ich habe jetzt im Augenblick sicheren Boden unter den Füssen. Als ich gestern anfing, über Stevenson zu schreiben, wußte ich nicht mehr, wo ich ihn in meiner Bibliothek versteckt hatte. O.K., dachte ich mir, vertrau' auf dein Gedächtnis und die elektronischen Gutenberg Texte im Netz. Ist mir aber unheimlich, ich habe lieber ein richtiges Buch in der Hand. Aber dann wachte ich in der Nacht auf, nicht weil mir Long John Silver erschienen war, sondern weil mir eine innere Stimme sagte: Robert Louis Stevenson steht da, wo Henry Rider Haggard steht. Und Ouida und Anthony Hopes Prisoner of Zenda. Und Henty und Ballantyne. Da stand er dann auch, sogar sechs Bücher, die schon über hundert Jahre alt sind. Und die amerikanische Erstausgabe der Vailima Letters.

Die ist wahrscheinlich nicht so wertvoll wie eine Erstausgabe von The Pentland Rising: A page of history 1666, das erste gedruckte Buch von Stevenson (Pappi hatte den Druck bezahlt). Eine Art historischer Miniroman, schwer von Sir Walter Scott beeinflusst. Und dessen Einfluss wird er nie mehr los. Wie auch? Der Erfinder des historischen Romans wirft einen langen Schatten. Wenn er nur Waverley; or 'Tis Sixty Years Since geschrieben hätte, hätte das ja schon ausgereicht, um tausende von Nachahmern zu ernähren. Aber er hat diese Zauberformel erfunden, die in den richtigen Händen ähnlich einflussreich ist wie der Zaubertrank des Druiden in den Asterix Romanen. Also einen Sprung zurück in eine andere Zeit, möglichst eine Epoche, die sagenumwoben ist. Dann einen jugendlichen Helden, der noch unerfahren in den Läuften der Welt ist. Dazu eine Intrige, die den Helden zwischen zwei politische Lager wirft. Und ganz wichtig: das Motiv von Flight and Pursuit. Wenn man den Helden durch die Highlands und Lowlands jagt, dann braucht man nicht viel an Handlungsgerüst, dann braucht man nur Lokalkolorit. Landschaften und einige unvergessliche, gemäßigtes Gälisch sprechende, Charaktere. Viel Dialog, damit die Personen lebendig werden. Man kann einen love interest mit in die Suppe schmeißen, braucht aber nicht zu sein.

Und man muss natürlich als Autor Schotte sein, sonst funktioniert das nicht. Für diese Rezeptur der Zauberformel habe ich natürlich das Copyright ©. Aber probieren Sie es durch Lesen selbst aus, Waverley, Kidnapped und Catriona funktionieren nach diesem Muster. Andere Schotten können das auch, lesen Sie John Buchans The Thirty-Nine Steps. Oder Michael Innes' The Secret Vanguard. Der einzige Nicht-Schotte, der diese Formel überzeugend außerhalb Schottlands funktionieren lässt, ist James Fenimore Cooper (Gott, wie hat er das gehasst, immer als der amerikanische Scott bezeichnet zu werden) mit seinem The Last of the Mohicans. Es ist die Magie, eines Tusitala, Geschichten so zu erzählen, dass sie uns aus der Wirklichkeit entführen. Ins Admiral Benbow, zum Skeleton Island oder zu den Hebriden.

As from the house your mother sees 
You playing round the garden trees, 
So you may see, if you will look 
Through the windows of this book, 
Another child, far, far away, 
And in another garden, play. 
But do not think you can at all, 
By knocking on the window, call 
That child to hear you. He intent 
Is all on his play-business bent. 
He does not hear, he will not look, 
Nor yet be lured out of this book. 
For, long ago, the truth to say, 
He has grown up and gone away, 
And it is but a child of air 
That lingers in the garden there. 

To any reader hat Stevenson das Gedicht genannt. Er wusste schon, dass wir alle Leser im Garten der Kindheit sind, die durch das Klopfen am Fenster nicht gestört werden wollen.


Freitag, 12. November 2010

Heeresreform


Heute vor 255 Jahren wurde er geboren, der Heeresreformer Gerhard Scharnhorst. Ein halbes Jahrhundert später durfte er das von vor seinen Namen setzen. Heute vor 55 Jahren rückten die ersten Soldaten zur Bundeswehr ein. Das ist kein Zufall, man hatte bewusst Scharnhorsts Geburtstag als Gründungstag der neuen Armee gewählt. Von Sätzen wie Wer noch einmal ein Gewehr in die Hand nehmen will, dem soll die Hand abfallen, war plötzlich nicht mehr die Rede. Bei der Gründung der Verteidigungsarmee hätte niemand geahnt, dass eines Tages ein deutscher Verteidigungsminister sagen würde: Unsere Spur wird die Transformation der Truppe sein. Dafür stehen zwei Sätze. Erstens: Deutschland wird auch am Hindukusch verteidigt. Er ist akzeptiert, auch wenn mir zu wenig darüber diskutiert wird. Der zweite Satz lautet: Einsatzgebiet der Bundeswehr ist die ganze Welt. ... Grundsätzlich müssen deutsche Soldaten bereit sein, an Orten Verantwortung zu übernehmen, an die wir heute noch nicht denken. Ist das, was der ehemalige Stadtdirektor von Uelzen äußert, jetzt das, was die Engländer im Krieg mit German, German overalls verspotteten? Deutscher Größenwahn? Was Struck vor fünf Jahren sagte, scheint heute ja schon stillschweigend akzeptiert.

Allerdings konstatierte der DIHK Präsident Driftmann vor Monaten: Wir haben heute eine relativ große Armee; allerdings sind von den 250.000 Soldaten auf dem Papier faktisch nur maximal 8.000 einsatzbereit. Mehr kann man zum Beispiel gar nicht gleichzeitig in Auslandseinsätze schicken. Das ist bitter wenig. Der Struckschen Großmannssucht stehen also sehr kleine Zahlen entgegen. Und vielleicht auch der Artikel 26 des Grundgesetzes: Handlungen, die geeignet sind und in der Absicht vorgenommen werden, das friedliche Zusammenleben der Völker zu stören, insbesondere die Führung eines Angriffskrieges vorzubereiten, sind verfassungswidrig. Sie sind unter Strafe zu stellen. Fünf Jahre nach Struck kommt der bayrische Baron von und zu Guttenberg gerade rechtzeitig zum Geburtstag von Scharnhorst und Bundeswehr mit Thesen über den militärischen Schutz von Wirtschaftsinteressen in die Schlagzeilen, die sicher nicht durch die Verfassung gedeckt sind. Vielleicht sollten wir die Stärke der Bundeswehr doch lieber auf diese nach Driftmann maximal 8.000 einsatzbereiten Soldaten reduzieren und den Rest nach Hause schicken. Damit wir nicht auf die Idee kommen denn heute gehört uns Deutschland und morgen die ganze Welt zu singen.

8.000 Soldaten hatte auch der Oberst Scharnhorst, als er bei der Schlacht von Preußisch Eylau seinem hannöverschen Landsmann Levin August von Bennigsen (jetzt in russischen Diensten) zur Hilfe eilte. Im Jahr davor waren es 8.000 Soldaten, die nach der Schlacht von Lübeck mit Blücher und Scharnhorst in französische Gefangenschaft gingen. Die kamen aber nicht so schnell wieder nach Hause wie Blücher und Scharnhorst. Jena und Auerstedt, Lübeck, Preußisch Eylau, Preußen ist jetzt am Ende. Auf diesem Ponton in der Mitte der Memel schließen Napoleon und der russische Zar einen Friedenvertrag. Die Herunterstufung von einer Großmacht zu einer Art Kleinstaat ist für Preußen die Rettung, denn jetzt setzt die Zeit der Reformer ein. Stein und Hardenberg, und wie sie alle heißen. Und natürlich gibt es auch eine Heeresreform, bei der man sich jetzt mehr an Napoleons moderner Armee orientiert als an den Gedanken des Offiziercorps des Alten Fritz. Was sich Scharnhorst, Gneisenau, Boyen, Blücher und Clausewitz jetzt ausdenken, ist etwas, woran die neugegründete Bundeswehr 1955 anknüpfen möchte. Deshalb der symbolische 12. November. Ob unser Verteidigungsminister das alles weiß? Wahrscheinlich interessiert ihn das nicht, weil das ja alles Saupreißn sind. Denn als die sich gegen Napoleon erhoben, war Baiern gerade ein Königreich von Napoleons Gnaden geworden.

Mich juckt's in alle Finger, den Säbel zu ergreifen. Wenn jetzt nicht Sr Majestät unseres Königs und aller übrigen deutschen Fürsten uns der ganzen Nation Fürnehmen ist, alles Schelmfranzosenzeug mitsamt dem Bonaparte und all seinen ganzen Anhang vom deutschen Boden zu vertilgen: so scheint mich, daß kein deutscher Mann mehr des deutschen Namens wert sei. Jetzo ist es wiederum die Zeit zu tun, was ich schon Anno Neun angeraten, nämlich die ganze Nation zu den Waffen anzurufen, und wann die Fürsten nicht wollen und sich dem entgegensetzen, sie samt dem Bonaparte wegzujagen. Denn nicht nur Preußen allein, sondern das ganze deutsche Vaterland muß wiederum heraufgebracht, und die Nation hergestellt werden. Das schreibt Blücher im Januar 1813 an Scharnhorst. Und ein halbes Jahr später schreibt er an Theodor von Hippel (der dem preußischen König damals den Aufruf An mein Volk geschrieben hat): nun ist denn leider unser guter Scharnhorst auch tot. Glauben Sie mich,  eine verlorene Schlacht wäre kein größerer Verlust für uns gewesen. Nun ist Gneisenau noch da; geht der auch ab, so folge ich lebendig oder tot.

In der Schlacht von Großgörschen hatte Blücher den Napoleon beinahe gefangen. So schreibt er an seine Frau: Was vor Nachrichten Du auch erhältst, so sei ruhig; denn ob ich drei Kugeln erhalten, und noch ein Pferd erschossen, so ist doch alles nicht gefährlich, und ich bin und bleibe in voller Tätigkeit. Satisfaktion habe ich genug, denn ich habe den Herrn Napoleon zweimal angegriffen und beide Male geworfen. Und dann fügt er dem Brief noch ein Postkriptum bei: Ich habe einen Schuß im Rücken, der mich sehr schmerzt; die Kugel bringe ich Dich mit. Der Mann ist einundsiebzig, und er überlebt das alles. Scharnhorst bekommt auch eine Kugel ab, an sich eine harmlose Verletzung, wenn er sie in Ruhe auskurierte. Aber schon ist er in diplomatischer Mission nach Wien, wenig später ist er tot. Blücher wird seinen Weggefährten niemals vergessen. Im Augenblick seines größten Triumphs, des Sieges über Napoleon und das ganze Schelmfranzosenzeug, da erhebt er sich mit Tränen in den Augen bei einer Siegesfeier in Berlin, das Glas zu einem Trinkspruch in der Hand und sagt: Bist du zugegen, Geist meines Freundes, mein Scharnhorst? Dann sei mein Zeuge, daß ich ohne dich nichts hätte erreichen können.

Das Ölbild, das wir von Scharnhorst haben, ist von Friedrich Bury, einem Brieffreund Goethes, der als Portraitmaler überall in Deutschland beliebt war. Es folgt in der Anlage (und in der Frisur des Dargestellten) dem Bild des Franzosen François Gérard (der auch Madame Récamier gemalt hatte), der den Erbprinzen Friedrich Ludwig zu Mecklenburg-Schwerin ähnlich vor eine zerklüftete Wolkenkulisse gestellt hatte. Und ihm diesen typischen Gérard touch, das verträumte Gesicht, verpasst hatte. Scharnhorst tritt uns eher als ein Gelehrter, denn als ein Haudegen vom Typ des Marschall Vorwärts entgegen. Und ein Gelehrter ist er wohl auch gewesen. Seine Orden trägt er eher verhüllt (nur den preußischen Roten Adlerorden kann man klar erkennen), seinen verletzten Arm hält er vor seiner Brust (wenn man genau hinschaut, kann man die Schlinge sehen, die den Arm hält), irgendwie ist dem Maler das perspektivisch nicht so ganz gelungen. Man weiß bei all den Abbildungen im Internet sowieso nicht genau, welches das Original ist. Die meisten Bilder stammen nicht von Bury, sondern von einem Maler namens Paul Ernst Gebauer, der auch mit Bildern von Blücher und anderen Generälen des Freiheitskrieges im 19. Jahrhundert sein Auskommen hatte.

Dieser Gebauer ist die malerische Pest Preußens in der nach-napoleonischen Zeit. Seit er 1811 das Bild eines Christuskopfes an den König geschickt hatte, ist der von Gebauer begeistert. Zuerst Geldgeschenke, später Hofmaler. Und dann malt Gebauer in seiner breit bräsigen zweidimensionalen Art alle Helden des Freiheitskrieges, einer schlimmer als der andere. Aber alle Uniformen stimmen, und alle Orden sind drauf. Und mehr interessiert Friedrich Wilhelm III. eh nicht. Man vergleiche nur einmal sein Bild von Gneisenau mit diesem Bild von Franz Krüger.

Sieht zwar auch total bescheuert aus (ist das vielleicht schon eine Karikatur?), aber auf jeden Fall besser gemalt als das Bild von Gebauer. Die Berliner Malerei hätte gut ohne Gebauer auskommen können, aber da alle seine Bilder auf der Stelle in Kupfer gestochen werden und in alle Bücher der Zeit als Illustrationen hinein wandern, hat er doch einen erheblichen Einfluss auf unsere Vorstellung von den Helden des preußischen Freiheitskrieges. Wenn er doch nur bei der neugegründeten Stobwasserschen Lackierfabrik geblieben wäre, wo er eine gut bezahlte Stellung als Zeichner hatte. Die wurde damals schnell über Berlin berühmt, so dass sich sogar die Berliner Kunstakademie mit Überlegungen über Fortgewährung von Freiunterricht für alle Maler der Lackierfabrik Stobwassers, da diese inzwischen mit der Geschicklichkeit ihrer Maler bedeutende Gewinne erziehlt, beschäftigt. Immerhin hat Gebauer auf diese Weise auch Freiunterricht an der Akademie genossen.

Aber selbst wenn Burys Bild von Scharnhorst besser als die Kopie von Gebauer ist (das da links ist auch nicht das Original), es ist keine große Malerei. An die französischen Historienmaler wie David, Gros und Gérard kommt Bury nicht heran. Auch nicht an den eigentlich sehr guten Franz Krüger. Er ist ein rechtschaffener Maler, aber seiner Malerei fehlt jegliche historische grandeur. Während wir von englischen Helden aus dem Krieg gegen Napoleon grandiose Portraits haben, gibt es von diesem stillen Deutschen offenbar nur das eine Bild. Es irritiert mich ein wenig, dass bei einem berühmten Deutschen - und das ist unser Gerhard von Scharnhorst ja nun einmal  - nicht mal eine einzige seriöse Farbkopie des Bildes von Bury im Netz zu finden ist. Das alles sind Bilder aus zweiter und dritter Hand. Wir geben uns damit zufrieden, weil wir uns heute auch mit allerlei Bildern der Vergangenheit aus zweiter und dritter Hand zufrieden geben.

Aber damit wir die Frage mit dem Portrait zum Schluss noch klären, habe ich noch eine Schwarzweiß Abbildung, die Friedrich Burys Original am nächsten kommt.Wenn Sie damit nicht zufrieden sind, bleibt Ihnen nichts anderes übrig, als nach Hannover zu fahren und sich das Bild links dort in Farbe anzuschauen. Den geplanten Festakt im hannöverschen Bordenau, dem Heimatort Scharnhorsts, an dem Sie hätten heute teilnehmen können, werden Sie verpassen, den hat die Bundeswehr abgesagt.

Donnerstag, 11. November 2010

Kierkegaard


Something is rotten in the state of Denmark. Das steht zwar in Shakespeares Hamlet, aber es könnte auch über dem Werk von Kierkegaard stehen. Das geistige Klima Dänemarks ist nach Kierkegaard vergiftet, und die Kirche ist daran schuld. Sagt Kierkegaard, der Psychoanalytiker der dänischen Gesellschaft. Der den Blick des unschuldigen Kindes bewahrt hat: ich unterhalte mich am liebsten mit Kindern: denn von ihnen darf man doch hoffen, daß sie noch vernünftige Wesen werden. Der keine wirkliche Kindheit gehabt hat, nur die verquasten religiösen Lehren seines Vaters: er hat mich in jeder Hinsicht so unglücklich gemacht wie möglich, hat meine Jugend in eine endlose Qual verwandelt. Der ein Vermögen geerbt hat, und ein großer Dandy ist. Der im rotkohlfarbenen oder zitronengelben Mantel über seinem Buckel die Ströget entlang flaniert. Der auf seinen Storchenbeinen durch Kopenhagen stakst, verfolgt von den nicht so unschuldigen Kindern, die den Philosophen verlachen. Der seine Liebesgeschichte in seine Bücher schreibt, die seinen Namen nicht tragen. Die angeblich von einem Johannes Climacus oder einem Johannes de Silentio sind. Ein Verbalerotiker. Ein verhinderter Don Juan, der seine Empfindungen philosophisch sublimiert.

Reden kann er, der Disputierteufel aus dem Norden, wie sie ihn in Göttingen genannt haben. Und schreiben kann er auch, die Grenzen zwischen Phantasie und Wirklichkeit verwischen sich bei ihm. Die arme Regine Olsen weiß nicht, was sie von all der Schwärmerei halten soll. Immerhin treibt der melancholische Troubadour aus Kopenhagen seine Geliebte nicht in den Wahnsinn wie der melancholische Dänenprinz aus Helsingör die arme Ophelia. Regine wird die berühmteste Frau der Philosophiegeschichte werden. Von Xanthippe mal abgesehen. Verheirate dich, du wirst es bereuen; verheirate dich nicht, du wirst es auch bereuen. Heirate oder heirate nicht, du wirst beides bereuen. Verlache die Thorheiten der Welt, du wirst es bereuen; beweine sie, beides wirst du bereuen. Traue einem Mädchen, du wirst es bereuen; traue ihm nicht, du wirst auch dies bereuen. Wohin bringt einen diese Einstellung? Außer meinem sonstigen zahlreichen Umgangskreise habe ich noch einen intimen Vertrauten: meine Schwermut. Mitten, in meiner Freude, in meiner Arbeit, winkt er mir, ruft mich auf die Seite, auch wenn ich dem Leibe nach am selben Flecke bleibe. Meine Schwermut ist die treueste Geliebte, die ich kennen gelernt! Was Wunder, daß ich sie wieder liebe?

Chateubriands Satz Die großen Leidenschaften sind Einsiedler; sie in die Wüste schicken, heißt sie in ihr Reich zurückversetzen stellt er als Motto vor den zweiten Teil von Entweder - Oder. Von großen Leidenschaften und von der Einsamkeit handelt sein Werk. Das vielleicht das Werk eines Philosophen ist, aber auf jeden Fall das Werk eines Dichters. Was ist ein Dichter? Ein unglücklicher Mensch, der heiße Schmerzen in seinem Herzen trägt, dessen Lippen aber so geartet sind, daß, während Seufzer und Geschrei ihnen entströmen, diese dem fremden Ohr wie schöne Musik ertönen. Es geht ihm, wie einst jenen Unglücklichen, die in Phalaris' Stier durch ein sacht brennendes Feuer langsam gemartert wurden, deren Geschrei nicht bis zu den Ohren des Tyrannen dringen konnte, ihn zu erschrecken: ihm klangen sie wie heitere Musik. Und die Leute umschwirren den Dichter und sprechen zu ihm: »Sing uns bald wieder ein Lied;« das heißt: mögen neue Leiden deine Seele martern, und mögen deine Lippen bleiben, wie sie bisher gewesen; dein Schreien würde uns nur ängsten, aber die Musik, ja, die ist lieblich. Und die Rezensenten treten herzu und sprechen: So ist es richtig; so soll es gehen nach den Regeln der Ästhetik. Nun, das versteht sich, ein Rezensent gleicht einem Dichter auf ein Haar, nur daß er nicht die Pein im Herzen, nicht die Musik auf den Lippen hat. Siehe, darum will ich lieber Schweinehirte sein auf Amagerbro und von den Schweinen verstanden werden, als Dichter sein und von den Menschen mißverstanden werden. Er wird aber nicht Schweinehirte in Amagerbro, er wird Dichter sein und von den Menschen missverstanden werden.

Kurz vor seinem Tode hat Kierkegaards Vater seinen Kindern von der schweren Schuld erzählt, die ihn sein ganzes Leben zu Boden gedrückt hatte. Der Schrecken eines Mannes, der damals als kleiner Junge Schafe auf der jütländischen Heide hütete, unter Hunger und Kälte litt und Gott verfluchte - und dieser Mann war nicht imstande, es zu vergessen, als er 82 Jahre alt war, schreibt Kierkegaard in seinem Tagebuch. In dieser Welt des religiösen dänischen Kleinbürgertums wird nichts vergessen und nichts vergeben.

Man hat den Eindruck, daß der junge Theologiestudent eher Betrachter als Teilnehmer ist und selbst nicht soviel zu bereuen hat; man kann sich nicht ganz des Eindrucks erwehren, daß, während es den Vater ob seiner Jugendsünden, die er bitter bereut hat, gereute, der Sohn bereute, daß er niemals irgend etwas begangen habe, das zu bereuen sich lohnte. Das sagt Joakim Garff in seiner 958-seitigen Kierkegaard Biographie, die ein herausragendes Buch ist. Da gibt es gar nichts zu bemängeln. Ausser der Tatsache, dass er Harald von Mendelssohn nicht erwähnt. Ist das das kleinbürgerlich spießige Dänentum, das Harald von Mendelssohn in seinem Buch Kierkegaard: Ein Genie in einer Kleinstadt so geißelt? Wenn die Kritiker sich vor Jahren nicht mehr einholen konnten zu betonen, dass Garff in seiner Biographie ein Panorama Dänemarks im 19. Jahrhundert entwirft, ja gut. Das macht er, und er macht es gut. Aber Harald von Mendelssohn hat das schon fünf Jahre vorher gemacht. Und siebenhundert Seiten kürzer. Aber das ist dem Doktor der Theologie Joakim Garff keiner Erwähnung wert. Seltsam.

Harald von Mendelssohn (ein Vetter des Thomas Mann Biographen Peter de Mendelssohn) wurde in Kopenhagen geboren und hat in Dänemark seine Kindheit verbracht, seine Mutter war Dänin, sein Vater Deutscher. Als Jude verfolgt, floh er 1934 von Deutschland nach Dänemark, ohne Papiere, ständig auf der Hut vor der dänischen Fremdenpolizei. Er hat aus dieser Zeit gewisse Ressentiments gegen die Dänen. 1938 ist er nach Schweden emigriert aber nach dem Krieg nach Kopenhagen zurückgekehrt. In einer tiefen persönlichen Krise in den dreissiger Jahren suchte er bei Sören Kierkegaard Halt, er wurde enttäuscht. Denn mir bot Kierkegaards subjektive Wahrheit keinen Ausweg; sie schloß den Fanatismus nicht in dem Maße aus, wie ich es nach meinen Erfahrungen wünschte. Auch schien mir der Widerspruch zwischen seinem Lebenswandel und seinen religiösen Forderungen erheblich. Aber später wurde ihm Kierkegaard ein Freund, den ich nicht aus dem wenn auch kritischen Blick verlor. Und so schrieb er nach seiner Pensionierung dieses sehr persönliche Buch, das wahrscheinlich Sören Aabye Kierkegaard näher kommt als viele andere Bücher. Wenn Ihnen mein Blog heute Appetit auf den dänischen Philosophen macht, dann kann ich ihnen nur raten: kaufen Sie dieses Buch! Es wird zur Zeit bei Amazon ab 1,99 € verramscht.

Das Buch ist bei Klett-Cotta erschienen. Die haben da ein Händchen für gute Autoren. Wie den ganzen Erwin Chargaff, die irrwitzige Solal Romantrilogie von Albert Cohen oder den schönen Roman Byron von Sigrid Combüchen. Vom Gesamtwerk Wilhelm Lehmanns mal ganz zu schweigen. Aber die guten Bücher verkaufen sich nicht, Albert Cohens Meisterwerk Die Schöne des Herrn wird genau so verramscht wie Harald von Mendelssohns Kierkegaard Buch. Gibt's auch ab 1,99. Ist irgendwie Sünde, aber auch eine Chance für den Leser.

Kierkegaard begleitet mich jetzt seit einem halben Jahrhundert. Ich brauchte keine existentielle Krise wie von Mendelssohn, um den melancholischen dänischen Philosophen (ich lasse mal den anderen dänischen Melancholiker beiseite. Schon 1953 hatte Denis de Rougemont von den beiden dänischen Prinzen gesprochen und den Vergleich zwischen Hamlet und Kierkegaard gesucht), um Kierkegaard zu lesen. Ich arbeitete mich damals durch mein persönliches Programm Lektüre der Weltliteratur mit Hilfe von Fischers Taschenbuchreihe exempla classica und Rowohlts Rowohlts Klassiker Reihe hindurch. Und bei Rowohlt erschienen Kierkegaards Werke, Der Begriff Angst war 1960 der erste Band der Werkausgabe. 1962 leistete ich mir schon die Tagebücher in der teuren Ausgabe des Eugen Diederichs Verlags. Und im Lauf der Zeit kam immer mehr hinzu. Als ich der Philosophiedozentin, die hier namenlos bleiben soll, Sören Kierkegaard als Prüfungsthema für das Rigorosum vorschlug, lehnte sie das Thema glatt ab. Das sei kein Philosoph, sagte sie. Da wußte ich, dass ich jetzt den Namen Arthur Schopenhauer gar nicht erst ins Spiel zu bringen brauchte. Sie schlug mir Hegel vor, ich sagte nur Igitt. Wir einigen uns auf das Thema des Staatsvertrags bei Hobbes, Locke, Rousseau und Kant. Ist ein nettes Thema, concédé, ist aber eben kein Kierkegaard. Man braucht auch nicht Philosophie zu studieren, um Kierkegaard zu lesen.

Denn er gehört, wie Schopenhauer (dessen Werk er erst kurz vor seinem Tod richtig entdeckte) zu den Philosophen, die man ohne Hilfe von anderen lesen kann. Jeder Leser wird ihn anders verstehen, aber es ist ein Vergnügen ihn zu lesen. Weil er ja eigentlich ein Dichter ist. Es gibt gute Einführungen, wie zum Beispiel How to Read Kierkegaard von John D. Caputo (aus dem englischen Granta Verlag) oder der Band Sören Kierkegaard zur Einführung von Konrad Paul Liessmann, der in dieser vorzüglichen Reihe Zur Einführung des Hamburger Junius Verlags erschienen ist.


Aber man kann sich auch Entweder - Oder nehmen und anfangen zu lesen. Ich gerate dabei immer ins Träumen und denke an den schönen Sommer oben in Jütland (da wo der kleine Michael Pedersen Kierkegaard in seiner Not seinen Gott verfluchte), wo der Wind über die einsame Heide fegte und ich diese schöne Frau zu gewinnen suchte. Und ihr massenweise Zitate aus dem Tagebuch des Verführers in die Liebesbriefe schrieb - wofür man Kierkegaard nicht alles gebrauchen kann, wenn man achtzehn ist! Sie können sich auch zur Einstimmung mal eben das wunderschöne alte dänische Lied anhören, wie ➱Maggie es nachts in ihrer Küche singt. Und dann Kierkegaard lesen.

Sören Aabye Kierkegaard ist heute vor 155 Jahren gestorben. Er war auf dem Weg zur Bank, um die letzte Rate des vom Vater geerbten Vermögens abzuholen.

Mittwoch, 10. November 2010

Borgward


Heute vor 120 Jahren wurde Carl F.W. Borgward geboren, was wäre Bremen ohne ihn? Er war schon einmal in diesem Blog. Letzte Woche habe ich den tollen großen Borgward Airswing wieder gesehen, den sich mein Freund Keith, der Autonarr, letztes Jahr gekauft hat. Er stand (fett im Halteverbot) auf der Strasse und wurde von vielen Passanten bewundert. Viele photographierten ihn mit ihrem Handy. Ein Stück Bremer Geschichte. Und da habe ich mir gedacht, ich füttere meine Leser noch mit einem kleinen Häppchen, sozusagen einem amuse-gueule, aus meinen Bremensien. Herauskopiert aus einem größeren Kapitel über die Automobile der Nachkriegszeit.

Eigentlich sollten wir ja einen Borgward fahren, Lokalpatrioten in Bremen fahren Borgward. Borgward ist eine success story der Nachkriegszeit, auf die die Bremer stolz sind. Borgward bietet neben Lastkraftwagen unter den Firmennamen Borgward, Lloyd und Goliath eine breite Modellpalette von PKW an. Vom Kleinwagen bis zur repräsentativen Limousine. Vom Leukoplastbomber bis zum P 100 Airswing. Und obgleich Borgward gar keine Sportwagen baut, sind sie bei allen Autorennen dabei. Adolf Budes wird 1954 mit einer serienmässigen Isabella das härteste Autorennen der Welt gewinnen, die Rallye Panamericana. Im Vorjahr sind Hans Hugo Hartmann und Adolf Budes nur durch Unfall und Disqualifikation ausgeschieden, eigentlich ist Hartmann der moralische Sieger. Hans Hermann und der gentleman racer Joakim Bonnier werden für Borgward fahren, die Helden unserer Jugend.

In den fünfziger Jahren sind Bremer richtig stolz auf Carl F.W. Borgward, der aus dem Nichts den drittgrößten Autokonzern Deutschlands aufbaut und der größte Arbeitgeber von Bremen ist. So ganz aus dem Nichts kommt Borgward natürlich nicht. Schon in der Weltwirtschaftskrise hat er sich einen kleinen Konzern zusammengeschustert. 1938 wird in Sebaldsbrück (wo heute Mercedes Automobile gebaut werden) das modernste deutsche Automobilwerk eröffnet. Architektonisch bis in die Gestaltung der Werkskantine durch Mart Stam dem Bauhaus verpflichtet. Man baut neben dem großen Hansa PKW Lastwagen und Spezialfahrzeuge für die Wehrmacht. Carl Borgward ist in der SA, in der SS und in der NSDAP und ist Wehrwirtschaftführer geworden. Diesen Teil der Firmengeschichte und die Tatsache, dass man in Osterholz für 1.000 „Fremdarbeiter“ ein Außenlager des KZ Neuengamme baut, haben die Werbeschreiber des Borgward Mythos nach 1945 immer unerwähnt gelassen. Und dass russische Zwangsarbeiterinnen bei Borgward sich am Internationalen Frauentag alle ihre Kopftücher rot gefärbt hatten (ein erstaunliches Zeichen des Widerstandes), diese Geschichte steht auch nicht in der Werkszeitung Rhombus. Wenn Borgward 1948 nach dreijähriger amerikanischer Internierungshaft nach Bremen zurückkehrt und sein durch Bomben zerstörtes Werk Sebaldsbrück sieht, ist er ein gebrochener Mann.

Ich fange nicht mehr von vorn an, im Leben werde ich keine Autos mehr bauen, sagt er. Aber er fängt nach dem Entnazifizierungsverfahren Ende 1948 doch wieder an. Lastwagen verkaufen sich gut. Erst recht der Vorkriegsbestseller, der kleine Goliath Dreiradtransporter (der Nachfolger des Blitzkarrens), Und jetzt nach der Währungsreform schlägt Borgward mit neuen Modellen zu. Auf dem Genfer Automobilsalon 1949 wird der Hansa 1500 präsentiert, die erste deutsche Nachkriegskonstruktion, stählerne Pontonkarosserie, 48 PS, 7.600 DM. Ein Jahr später gibt es ihn mit Automatikgetriebe. Der Autotüftler Borgward scheint seine dreijährige Haft im amerikanischen Lager Ludwigsburg dazu genutzt zu haben, sich alles Wissen über die Produktionen von Detroit anzueignen. Die Technische Hochschule Hannover belohnt ihn mit einem Ehrendoktortitel. Und für weniger als die Hälfte des Preises präsentiert Borgward gleichzeitig mit dem Hansa 1500/1800 den ➱Lloyd LP 300, den der Volksmund umgehend Leukoplastbomber tauft. 

Im Gegensatz zu solchen automobilen Mißgeburten wie dem Messerschmidt Kabinenroller ist dies schon beinahe ein richtiges Auto. Ein stinkender Zweitakter aus Sperrholz mit Kunststoffüberzug, der echte Vorläufer der Trabbi Rennpappe. Borgward wird ihn in tausenderlei Modellausführungen (die der Firma auch zum Verhängnis werden) zu hunderttausenden bauen, bis das Model LP 600 vom Alexander und der Arabella abgelöst werden. Arabella, allein dieser Name. Wurde von Spöttern allerdings Aquabella getauft, weil sie nicht so richtig wasserdicht war. Und dann der größte Verkaufserfolg: Isabella. Deutschland hat jetzt eine neue Italiensehnsucht, etwas anders als bei Goethe. Mit der Isabella (oder wenn man etwas ärmer ist: Arabella) nach Bella Italia. Da fehlen jetzt nur noch Rudi Schurickes Caprifischer. 

Aber die Isabella, die Borgward 1954 auf den Markt bringt, das ist schon ein richtiges Auto. Die Traumfrau der fünfziger Jahre. Die sollte eigentlich gar nicht so heißen, der Modellname war steif hanseatisch Hansa 1500. Isabella war der Firmentarnname bei der Entwicklung. Und als man Carl Borgward fragte, welchen Namen man nun an den Kühlergrill tun sollte, hat er gesagt Ist mir ziemlich egal. Meinetwegen schreibt Isabella dran. Für diejenigen, die in dieser Zeit nicht nach Italien kommen, kommt Italien nach Deutschland. Überall betreiben die ersten Italiener Eisdielen, auch in Vegesack in der Breiten Strasse. Die Bremer Chiamulera Eisdielen zählen nicht zu diesem fünfziger Jahre Italien Import, die sind schon seit 1902 in Bremen.

1955 hat sich die Isabella schon 25.000 Mal verkauft, bei der Frankfurter Automobilmesse treffen am Borgward Stand drei zigarrenrauchende Herren aufeinander, die jetzt in Deutschland das Wirtschaftswunder symbolisieren. Heuss, Erhard und Borgward.

Fünf Jahre später war das Wunder in Bremen zuende. Borgward steht angeblich vor der Pleite. Sagt die Bild Zeitung. An der Isabella und dem schnittigen Isabella Coupé hat es nicht gelegen. An der niedrigen Gewinnspanne schon eher. Es kommt jetzt vieles zusammen. Es gibt zu viele Modelle und zuviel Neuentwicklungen. Ob der große Borgward P 100 mit der sensationellen Luftfederung 1960 Borgward herausgerissen hätte, kann man nicht mehr abschätzen. Nach 2.500 gebauten Exemplaren ist Schluss (mein Freund Keith hat nach langem Suchen im letzten Jahr noch einen für seine Sammlung gefunden, angeblich gibt es in Deutschland nur noch fünfzig Stück). 

Was nach den ersten Zahlungsschwierigkeiten des jetzt siebzigjährigen Carl Borgwards folgt, ist eine Bremer Tragödie. Am Ende sind alle Gläubiger befriedigt (na ja, mit Ausnahme der verlorenen Steuergelder, die der Senat gewährte) und die Bremer haben wieder einmal gezeigt, dass sie doch nicht so gute Kaufleute sind. Allein dass sich der Senat als Berater für 250.000 Mark das CSU Gründungsmitglied Dr. Johannes Semler holt. Der ist Aufsichtsratmitglied bei BMW, welches Interesse hat der an einer Borgward Sanierung? Krisenmanagement sieht anders aus. In Monterrey in Mexiko wird es noch eine Borgward Produktion geben, bis 1968 kommen noch 230 GL Modelle und Isabella Coupés von dort nach Bremen. Die Firmenzeitung Der Rhombus gibt es heute noch, sie wird herausgegeben von der Carl F.W. Borgward Interessengemeinschaft, einem 1973 gegründeten Verein. Die haben auch einen Internetauftritt. Ich bin einmal vor zwanzig Jahren in einer liebevoll gemachten kleinen Borgward Ausstellung gewesen und bin da beinahe mit Tränen in den Augen rausgegangen. Alle automobilen Träume meiner Jugend waren dort in einer Halle versammelt und rosteten still vor sich hin.

Das Sterben der Firma Borgward vollzieht sich öffentlich, es wird überall auf der Straße und in der Straßenbahn diskutiert. Die Menschen reden damals noch miteinander, heute nicht mehr. Heute haben sie Mobiltelephone oder Kopfhörer am Ohr. Wilhelm Kaisen, dem der Bevollmächtigte der IG Metall am 3. August 1961 vom letzten Tag bei Borgward berichtet, kann es nicht glauben, dass es keinen Aufruhr gegeben hat. Auswärtige Beobachter sind überrascht über die starke Identifizierung der Arbeiter mit ihrem Betrieb und den Produkten ihrer Arbeit. Carl Borgward passt nicht mehr in die Zeit, er ist der Typ des benevolenten patriachalischen Kapitalisten des 19. Jahrhunderts, der seine Fabrik als eine große Familie betrachtet. Und seine Arbeiter fühlen sich bei ihm wohl, auch wenn die gewerkschaftliche Mitbestimmung bei Borgward (ebenso wie die Versuche der DKP Einfluss zu gewinnen) keine grosse Rolle spielt. Aber Borgward betrachtet den Betriebsratvorsitzenden Ernst Buchholz als Freund und Gefährten, mit dem man gemeinsam alle auftretenden Probleme lösen kann. Was auch gelingt, mit einem Chef, der jeden Tag im Betrieb ist und viele seiner Arbeiter persönlich kennt. Nur bei Lloyd und Goliath, wo viele ungelernte Arbeiter beschäftigt werden, und das Familienmodell nicht so ganz funktioniert, wird die DKP Streikpotentiale finden. Aber aus dem kleinen Goliath Streik 1955 geht nur die IG Metall als Sieger hervor, die Kommunisten versinken in der Bedeutungslosigkeit. Die Masse der 15.200 Arbeitsnehmer wird innerhalb der nächsten zwei Monate einen neuen Arbeitsplatz finden. Ende September sind nur noch 3.300 arbeitslos, die aber auch bis zum Jahreswechsel Arbeit finden. Keine Arbeit in der Automobilbranche finden die Betriebsratvorsitzenden Erwin Heinemann und Ernst Buchholz, die mit allen Mitteln für den Erhalt Borgwards gekämpft haben und denen der Bremer Senat keine 250.000 Mark nachgeworfen hat. Er wird auch keine Straßen nach diesen beiden verdienten Männern benennen, die an Borgwards Aufstieg vielleicht ebenso beteiligt sind wie Borgward selbst. Eine Carl Borgward Strasse gibt es aber inzwischen in Bremen. In das Stammwerk ziehen Hanomag und die Atlas Werke der Hugo Stinnes Gruppe, bei Goliath zieht die AEG ein. Der Hubschrauber Kolibri I, in dessen Produktion Borgward Millionen gepumpt hatte, wird verschrottet. Verschrottet wird auch der von Erich Übelacker entworfene Aluminium Sportwagen mit den riesigen Heckflossen, der seit Jahren auf dem Werksgelände herumstand, von dem es nur einen Prototyp gab (noch mit einem AE Nummernschild). Den hatte ein Werksfahrer in der Vahrer Strasse gegen einen Baum gesetzt.

Als Borgward untergeht, hat die Automobilisierung der jungen Republik schon einen großen Weg hinter sich, die Relikte der Besatzungszeit sind verschwunden. Die schwarzen Nummernschilder der Besatzungszonen sind den weißen Schildern mit Städtekürzeln gewichen. Und Vorkriegsautos sind kaum noch auf den Straßen zu sehen. Seit der italienische Futurist Marinetti verkündet hat, dass ein Rennwagen schöner ist als die Nike von Samothrake, hat sich jeder, der modern sein wollte, an das moderne Design gehalten. Die Nazis haben mit stromlinienförmigen Limousinen ihren Anspruch unterstrichen, auf dem Höhepunkt der Moderne zu sein. Dagegen ist die Vorkriegslimousine mit der Heuss zu Wilhelm Kaisen nach Borgfeld gefahren wird, ein Rückschritt ins automobile Biedermeier. Obgleich so ein alter Maybach irgendwie noch gut aussieht. 

Automobile sind auch Symbole. Und die geheimen Verführer in Detroit, Stuttgart-Untertürkheim und Rüsselsheim präsentieren mit schnellem Modellwechsel die Symbole für die Nachkriegszeit und das Wirtschaftswunder. Der Mercedes 170, beliebt als Taxi und bei der Polizei, ist ja eigentlich noch ein Auto der dreissiger Jahre. Und die schönsten Produkte des Designs aus Untertürkheim, das zweitürige 300 S Cabrio oder den 300 SL Flügeltürenmercedes, kann sich eh keiner leisten. Will in Bremen auch keiner. Wenn der Werftbesitzer Burmester einen schwarzen Bentley hat, betont er eben, dass er keinen Rolls Royce fahren will wie die Hamburger. Und wenn die Kinder des Werftbesitzers L. einen 190 SL bekommen, wird die Tochter E. damit nur mitleidig angeguckt. Für einen 300 SL hat’s wohl nicht gelangt, ist der unausgesprochene Kommentar. Die Verweigerung der conspicuous consumption in feinen Bremer Kreisen bedeutet, dass man einen schwarzen VW Käfer fährt, wenn man wirklich vornehm ist. In Frankreich fährt die High Society noch in den sechziger Jahren ungeniert R4 oder Döschewo. Die machen dieses deutsche Konkurrenzspiel der Automarken nicht mit. 

Ähnlich wie es im 17. Jahrhundert Holzschnitte gibt, die schön geordnet die Welt vom Kaiser bis hinunter zum Bettler zeigen, gibt es jetzt die ersten Automobilzeitschriften, die die Welt der Statussymbole auf den Strasse ordnen. Der Stern bringt in seiner Jugendbeilage Sternchen (Kinder haben Sternchen gern, Sternchen ist das Kind vom Stern, dichtet die Werbeabteilung. Kommt natürlich nicht gegen Salamanders Lurchi an) ein kleines Büchlein heraus, in dem alle Automarken abgebildet sind und in dem man als Mitglied des Sternchen Clubs eintragen kann, wann man dieses Auto auf der Straße gesehen hat. In einem Ort, in dem ein schwarzer VW Käfer das gesellschaftliche Ideal ist, fällt es schwer, dieses Heft zu füllen.

Wenn die Amerikaner gehen, werden sie einige Heckflossenmonster hier lassen. Die aber nur zur sozialen Stigmatisierung gut sind, da sie von Kriegsgewinnlern mit Pomade im Haar und Barbesitzern aus dem Hafenviertel gefahren werden. Oder von Showmastern (auch so ein englisches Wort, das die Engländer gar nicht kennen), Rudi Carrell fährt so was. Der wohnt lange Zeit bei Gudruns Eltern gegenüber, und der hat auch einen dicken Amerikaner vorm Haus stehen. Die ganze Straße hängt damals hinter den Küchengardinen, um zu gucken, was bei Rudi los ist. Gu und ich müssen für den Abschiedskuss immer bis zur Eisenbahnunterführung gehen, vorm Haus knutschen geht nicht mehr. Da guckt die ganze Strasse zu, auch in der Nacht.

Lesen Sie auch: ➱Borgward und ➱Derby.


Dienstag, 9. November 2010

9. November


Ein Tag der ewigen Schande für Deutschland. Der Begriff der Reichskristallnacht ist wahrscheinlich zuerst eher ein ironischer Ausdruck des Zorns gegen den barbarischen Terror gewesen, bevor die Nazis diesen Euphemismus zynisch für sich vereinnahmten. Mit dem Zerwerfen der Schaufensterscheiben kam die so genannte Arisierung der Geschäfte, Enteignung, Vertreibung, Ermordung der Geschäftsinhaber.

Ich möchte heute eine kleine, leider wahre Geschichte erzählen, die mich seit Jahrzehnten verfolgt. In Bremen lebte man ja gerne mit der Idee, dass wir Bremer alle immer hanseatisch gewesen seien. Und wer hanseatisch ist, ist natürlich immun gegen den Nationalsozialismus. Es ist keineswegs so gewesen. Die Zahlen und Statistiken in dem hervorragenden Buch von Inge Marßolek und René Ott Bremen im Dritten Reich sprechen da eine ganz andere Sprache. In meinem Heimatort Vegesack erhielt die NSDAP bei der Reichstagswahl vom 6.11.1932 30.8 Prozent der Stimmen, in keinem Bremer Wahlbezirk hat sie mehr Prozente erreicht. Im sogenannten feinen Schwachhausen sind es immerhin 21.7 Prozent, das zweithöchste Ergebnis, nur die Arbeiterstadtteile haben die Nazis nicht gewählt. Nein, wir können nicht sagen, wir wären nicht dabei gewesen. Und die Flaggen auf der Obernstraße im Jahre 1938 auf diesem Photo sind auch nicht wegzuleugnen.

Meine Geschichte heute kommt wieder einmal, wie die Geschichte über meinen Freund Peter Gutkind oder die über die Bremer Revolution 1968, aus meinen unfertigen Bremensien, und sie beginnt mit meinem Schulweg. Springen Sie mit mir für einen Augenblick zurück in die Kindheit. Aber wir werden in dieser Zeit der Unschuld nicht verweilen können.

Wenn ich die Weserstraße mit meinem Ranzen entlanggehe, treffe ich manchmal Mitschüler wie Roder  oder Gabi, und wir gehen gemeinsam zur Schule. Zwischen der Kimmstraße und der Breiten Straße kennen wir jede Gehwegplatte, weil wir hier Hüpfspiele wie Himmel und Hölle spielen oder die Platten einmal im Jahr hochnehmen, um nach Maikäfern zu suchen. In der Breiten Straße begegnen uns einmal in der Woche Kälber und quiekende Schweine, die zur Schlachterei Pohl getrieben werden. Danach gehen wir bei Többens über den Zebrastreifen. Es ist der einzige Zebrastreifen, den wir im Ort über die Bundestraße 75 haben. Deshalb soll ich diesen Weg nehmen, sonst könnte ich auch die Kimmstraße lang und dann bei Viole durch den Gang flitzen. Aber bei Viole ist kein Zebrastreifen, und so muss ich bei Többens vorbei.

Neben Többens ist früher ein Schuhgeschäft gewesen. Da hat ein Verwandter von meinen Großeltern bei der sogenannten Reichskristallnacht ein Paar Schuhe geklaut. Um dann morgens festzustellen, dass er zwei linke Schuhe erwischt hatte. Die Familie lacht immer noch über diese Geschichte, obgleich der Verwandte sonst ungern erwähnt wird. Der hatte nämlich in Osnabrück eine kriminelle Pleite hingelegt und war im Gefängnis gewesen, danach ist er bei den Bremer Verwandten abgetaucht. Im Osnabrücker Land wollte er sich erstmal nicht mehr sehen lassen.

Wenn wir beim Zebrastreifen sind, wird der Laden von Többens gerade aufgemacht. Das ist ein Herrenmodegeschäft der armseligen Sorte. Ich grüße den Herrn Többens nie. Meine Eltern auch nicht. Wir kaufen da auch nicht. Walter Caspar Többens ist ein Nazi gewesen und ein Kriegsverbrecher. Das mit dem Kriegsverbrecher habe ich nicht gewusst. Dass beinahe alle Vegesacker Geschäftsleute Nazis waren und viele in der SS waren, kommt eines Tages dank unserer Schulzeitung Das Echo heraus, die zum Entsetzen der Schulleitung einen gut recherchierten Artikel aus dem Neuen Deutschland über die Nazis in Vegesack nachdruckt. Dass die Ausgabe überhaupt erschien, war damals in der Adenauerrepublik immerhin ein kleiner Sieg der Pressefreiheit. Dass Többens ein Kriegsverbrecher war, erfahre ich erst durch einen photokopierten Artikel, den mir mein Freund Gert Börnsen Jahrzehnte nach Többens’ Tod gegeben hat. Ich hatte den Artikel C. geliehen, habe ihn aber nie wiederbekommen. Manche Leute sind wie das Bermuda Dreieck. Aber ich bekomme das eines Tages heraus, wer den Artikel geschrieben hat, auch wenn ich die Photokopie niemals wiedersehe.

Der Verfasser heißt Günther Schwarberg, er schreibt für den Stern. Er ist in Vegesack geboren. Sein Vater war Lehrer an der Volksschule von Opa. Opa und Schwarberg Senior haben sich nicht ausstehen können, denn Schwarbergs Vater war ein Sozialdemokrat. Das ist für meinen kaisertreuen Opa ja das Schlimmste auf der Welt. Über die Többens dieser Welt macht Opa sich weniger Gedanken. Walter Caspar Többens ist 1954 gestorben, mit seiner Geliebten im Auto verunglückt. Zu dem Zeitpunkt ermittelt die Staatsanwaltschaft nicht mehr gegen das CDU-Miglied, den gläubigen Katholiken und erfolgreichen Geschäftsmann. Aber 1949, da war er von einer Bremer Spruchkammer als Kriegsverbrecher verurteilt worden, zehn Jahre Arbeitslager, Einziehung des Vermögens, Verlust aller bürgerlichen Rechte und jedes Anspruchs auf Rente und Unterstützung. In Polen gab es ein Todesurteil gegen ihn, aber er ist der Auslieferung durch die Amerikaner zweimal durch Flucht entkommen. Und auch das Bremer Urteil wird nicht vollstreckt, nach 1950 wird in Bremen niemand mehr verfolgt. Das Vermögen bleibt nicht eingezogen. Többens wird 1952 als Mitläufer eingestuft. Vom Kriegsverbrecher zum Mitläufer in drei Jahren, auch das ist Bremer Wirklichkeit, auf die wir nicht stolz sein können.

Günther Schwarberg, der auch die Geschichte der Kinder vom Bullenhuser Damm öffentlich gemacht hat, hat Walter Caspar Többens’ Geschichte in seinem Buch Das Getto: Spaziergang in die Hölle aufgeschrieben. Eine Musterkarriere im Dritten Reich: Arisierung der Firma von Adolf Herz in Vegesack, die fortan Többens heißt, dann Großunternehmer und Wehrmachtslieferant für Uniformen in Warschau. Millionengewinne. In Warschau kann man viel Geld machen, auch Oskar Schindler ist ja ursprünglich nicht dahin gegangen, um gute Werke zu tun. Die Deutschen haben sich nach dem Überfall auf Polen hier sozusagen wohnlich eingerichtet. Das kleine, sorgfältig gedruckte Büchlein Soldatenführer durch Warschau, das ich unter Vatis Unterlagen gefunden habe, vermittelt einem den Eindruck einen deutschen Mustersiedlung. Die Soldatengaststätte am Adolf-Hitler-Platz ist täglich von 7 bis 22 Uhr geöffnet, Uniformen (wahrscheinlich bei Többens genäht) kann man im Deutschen Uniformhaus im Hotel Bristol kaufen. Das Heft ist voller Anzeigen deutscher Firmen, von Thonet-Möbeln (Slotnastraße 9) bis Telefunken Radios. In dem Soldatenführer liegt auch eine Quittung des Geschäftes von Julius Meinl wonach Vati (der damals durch einen Irrtum einen halben Tag vor der Einnahme Warschaus als erster deutscher Soldat mit dem Jeep durch die menschenleere Stadt gefahren ist) für sechzig Gramm Butter und ein Pfund Keks eine Mark dreiundzwanzig bezahlt hat. Die Firma Julius Meinl hat nach 1939 über tausend Filialen in Europa, jetzt auch in Warschau. Der Soldatenführer durch Warschau (gekauft bei der Deutschen Buchhandlung, der Heim- und Pflegestätte deutschen Schrifttums) weist, ähnlich wie ein Baedeker, auch auf die architektonischen und landschaftlichen Schönheiten hin.

Die interessieren Walter Többens weniger. Er wäre ja aus dem Getto davongelaufen, wenn er nicht so gut verdient hätte, sagt er im Prozeß. Und gut verdienen tut er. Für 1,4 Millionen Reichsmark kann er plötzlich das Bambergerhaus in Bremen kaufen. In den zwanziger Jahren im expressionistischen Backsteinstil erbaut, war es das erste Hochhaus in Bremen, hatte die ersten Rolltreppen. Und im Erdgeschoß kann man von einem Photomaton in acht Minuten acht Portraitphotos bekommen. Von den Bremern wurde das Kaufhaus liebevoll Bambüddel genannt. Es besaß sogar eine Armenküche. Julius Bamberger tat nicht nur gute Werke, er kämpfte auch mit dem Bremer Pastor Emil Felden gegen den grassierenden Antisemitismus. 1933 wird er vorübergehend verhaftet, flieht 1937 in die Schweiz. Baut sich in Paris eine neue Existenz auf. Als die Deutschen kommen, landet er im KZ. Kann wieder fliehen, diesmal in die USA. Er bekommt nach dem Kriege gerade mal 50.000 Mark für das, was man ihm weggenommen hat. 

Der ehemalige mittellose Angestellte bei der Firma Leffers in Vegesack, Walter Többens, der den Nazis und seiner kriminellen Energie sein Geld verdankt, ist zu dem Zeitpunkt schon wieder im Besitz seines ganzen Vermögens. Er hat kurz vor Kriegsende dank geschmierter Helfer in Berlin auch alles aus seinen Többenswerken von Warschau und Poniatowa nach Delmenhorst verlagern können. Zu diesem Zeitpunkt kriegen kein Soldat und kein Flüchtling mehr einen Platz in einem Zug nach Westen, Többens kriegt ganze Eisenbahnzüge von seinem Kumpel Dr. Heinrich Lauts im Berliner Reichwirtschaftsministerium zur Verfügung gestellt. Das 1944 zerstörte Bambergerhaus ist 1955 wieder aufgebaut worden. Auch der Schriftzug Bamberger steht heute wieder am Haus, in dem jetzt die Volkshochschule residiert. Im Treppenhaus gibt es eine Dauerausstellung über das Leben und Wirken Bambergers.

Zehntausende von jüdischen Arbeitern, die für Többens in Warschau und Umgebung Uniformen nähen, wandern ins KZ. Der Tod ist ein Meister aus Deutschland. Többens, der mit einer Peitsche in der Hand durch seine Fabriken geht (sie aber natürlich nie benutzt hat, wie er im Prozeß sagt), ist Großunternehmer, ein Oskar Schindler mit umgekehrten Vorzeichen. In dem Spruchkammerverfahren hatte der Verteidiger von Többens ihn in einem fünfstündigen Plädoyer als einen Wohltäter darzustellen versucht. Und sich zu der Behauptung verstiegen: Lebten die Juden aus dem Warschauer Getto noch, so stünde Többens nicht vor einem Gericht, sondern im Goldenen Buch von Palästina. 1988 legen die Nachkommen von Walter Többens eine kriminelle Millionenpleite hin.

Vor Jahrzehnten ist ein Bundestagspräsident nach dem 9. November zurückgetreten, weil er ein schlechter Redner war. Denn wäre der Philipp Jenninger am fünfzigsten Jahrestag des 9. Novemer 1938 rhetorisch versierter gewesen, und wären die Zuhörer bereit gewesen, ein rhetorisches Mittel wie das der erlebten Rede als ein rhetorische Mittel zu erkennen und nicht als eine Meinung des Redners, nichts wäre geschehen. Vielleicht wäre Jenninger besser beraten gewesen, wenn er einen kurzen Text von Erich Kästner vorgelesen hätte: In jener Nacht fuhr ich, im Taxi auf dem Heimweg, den Tauentzien und den Kurfürstendamm entlang. Auf beiden Straßenseiten standen Männer und schlugen mit Eisenstangen Schaufenster ein. Überall krachte und splitterte Glas. Es waren SS-Leute, in schwarzen Breeches und hohen Stiefeln, aber in Ziviljacken und mit Hüten. Sie gingen gelassen und systematisch zu Werke. Jedem schienen vier, fünf Häuserfronten zugeteilt. Sie hoben die Stangen, schlugen mehrmals zu und rückten dann zum nächsten Schaufenster vor. Passanten waren nicht zu sehen. (Erst später, hörte ich am folgenden Tag, seien Barfrauen, Nachtkellner und Straßenmädchen aufgetaucht und hätten die Auslagen geplündert). Dreimal ließ ich das Taxi anhalten. Dreimal wollte ich aussteigen. Dreimal trat ein Kriminalbeamter hinter einem der Bäume hervor und forderte mich energisch auf, im Auto zu bleiben und weiterzufahren. [. . .] In der gleichen Nacht wurden von den gleichen Verbrechern, von der gleichen Polizei beschützt, die Synagogen in Brand gesteckt. Und am nächsten Morgen meldete die gesamte deutsche Presse, die Bevölkerung sei es gewesen, die ihrem Unmut spontan Luft gemacht habe. Zur selben Stunde in ganz Deutschland - das nannte man Spontaneität.

Ignatz Bubis hat übrigens ein Jahr nach Jenninger Teile aus dessen Rede vorgetragen. Es gab keine nationale Entrüstung.

Das Buch von Günther Schwarberg Das Getto: Spaziergang in die Hölle ist bei Amazon und beim ZVAB noch antiquarisch zu bekommen. Das Buch von Inge Marßolek und René Ott Bremen im Dritten Reich ist nach einem Vierteljahrhundert leider vergriffen. Man sollte sich bei Carl Schünemann und beim Senator für Kultur wirklich mal überlegen, ob man das nicht wieder auflegt. Der Kriegsverbrecher Walter Többens, den die historische Forschung jahrzehntelang unbeachtet gelassen hat, besitzt inzwischen einen Wikipedia Artikel.

Montag, 8. November 2010

Film und Mode



Heute gibt es hier einmal eine Fundsache aus der Vergangenheit. Nicht der geschwätzige, ironische Stil von Jay mit diesem kleinen prolligen Touch à la Hans Albers oder Tim Mälzer, wie ich sonst rede und schreibe. Dies ist die eher unterkühlte Sprache eines Lexikonartikels, und das ist es auch.

Mode und Film: Literaturlage

Trotz des gleichnamigen Bildbandes von Regine und Peter W. Engelmeier (Begleitbuch für die Ausstellung im Deutschen Filmmuseum Frankfurt 1990) ist dieses Thema noch nicht hinreichend erforscht. Zwar gibt es originelle Ansätze, die als Modell dienen können, wie Dressed to Kill: James Bond The Suited Hero (1996), aber es fehlen kulturhistorisch, sozialhistorisch oder ikonographisch angelegte Werke in der Art von John Harvey (1995), Farid Chenoune (1993), Anne Hollander (1978) oder der BBC-Serie Through the Looking-Glass (1989). Immerhin gehen diese Kulturgeschichten der Mode zumindest partiell auf das Thema Film ein. Engelmeiers Bildband bietet zwar reichhaltiges Bildmaterial, versagt aber sowohl kostümhistorisch als auch in der Interpretation der vestimentären Zeichen. Während in der Kunstgeschichte in Katalogwerken zum 18. Jahrhundert immer stärker auf die Forschungen der Kostümgeschichte (z.B. Eileen Ribero) zurückgegriffen wird, werden solche Ansätze in der Filmanalyse zu selten berücksichtigt. Allerdings finden sich in manchen Bänden der British Film Institute Film Classics doch Kapitel, die auf die Kostüme und die Wirkung der Filmmode auf die Gesellschaft eingehen.

An Würdigungen der mehrfachen Oscar-Preisträgerin Edith Head ist kein Mangel, an Prachtbänden über die Hollywood-Damenmode der 1930er Jahre (Hunt 1993) auch nicht. Den Einfluß des Londoner Herrenschneiders Frederick Scholte auf die Hollywood-Idole der 1930er und 1940er Jahre kann man bei Chenoune nachlesen, aber ein Überbauwerk zum Thema Film und Mode, das den Ansätzen von Dressed to Kill oder Fred Miller Robinson (1993) folgt, bleibt weiterhin ein Desiderat.

Literatur: Dressed to Kill: James Bond The Suited Hero. [ed. Colin Woodhead] Paris/New York: Flammarion 1996. - Bruzzi, Stella, Undressing Cinema. Clothing and Identity in the Movies. London/New York: Routledge 1997. - Chenoune, Farid: A History of Men's Fashion. Paris/New York: Flammarion 1993. - Cook, Pam: Fashioning the Nation: Costume and Identity in British Cinema. London: The British Film Institute 1996. - Devoucoux, Daniel: Mode im Film: Zur Kulturanthropologie zweier Medien. Bielefeld: Transcript 2007. - Engelmeier, Regine / Engelmeier, Peter W. (eds.): Film und Mode / Mode im Film. München: Prestel 1990 - Harvey, John: Men in Black. Chicago: University of Chicago Press 1995. - Maeder, Edward: Hollywood and history. Costume design in film. Los Angeles, Cal.: Thames and Hudson 1987. - Robinson, Fred Miller: The Man in the Bowler Hat: His History and Iconography. Chapel Hill/London: University of North Carolina Press 1993. - Hollander, Anne: Seeing Through Clothes. New York: Viking 1978. - Wilson, Elizabeth / Taylor, Lou: Through the Looking-Glass: A History of Dress from 1860 to the Present Day. London: BBC Books 1989. - Hunt, Marsha: The Way We Wore: Styles of the 1930s and '40s and Our World Since Then. Fallbrook: Fallbrook Publishing 1993. 

Der obige Text (ohne die Bilder) ist ein Artikel aus einem Filmlexikon im Internet, ein konziser Forschungsbericht (kürzer geht's nicht) über die Literatur zum Thema Mode und Film. Ich darf das kopieren und hier verwenden, weil ich den Artikel selbst geschrieben habe. Vor vielen Jahren. Ich habe das Internet Filmlexikon vorgestern durch Zufall gefunden, es ist leider nicht so richtig, eher so gut wie gar nicht, von Google erfasst. Und da fiel mir plötzlich ein, dass ich damals einige Lexikonartikel dafür geschrieben hatte. Ich wusste allerdings nicht mehr welche. Ich wusste auch nicht, ob aus den Plänen des Herausgebers wirklich etwas geworden war. Und das Passwort, das mir der Verlag vor einem Jahrzehnt geschickt hatte, hatte ich natürlich längst vergessen.

Sachlich kann das alles so stehen bleiben. An einer Stelle habe ich den Text verändert: ich habe das Buch von Daniel Devoucoux Mode im Film: Zur Kulturanthropologie zweier Medien von 2007 im Literaturverzeichnis erwähnt. Das gab es damals noch nicht. Das Buch ist ganz interessant, aber wie man als Franzose ein Standardwerk wie Farid Chenoune auslassen kann, das werde ich nicht begreifen. Dessen A History of Men's Fashion bleibt immer noch die beste Kulturgeschichte der Herrenmode. Leider ist das Buch vergriffen und antiquarisch nur noch zu dreistelligen Europreisen zu bekommen (aber vergleichen Sie mal die deutschen Preise und Angebote mit denen von amazon.com oder amazon.co.uk). Und dann habe ich für diesen Blog noch etwas gemacht: ich habe die ganz wichtigen Bücher durch Fettdruck markiert. Also das, was jeder Modeinteressierte zuerst lesen sollte.

Wenn ich mal viel Zeit habe, dann mache ich einen Forschungsbericht über die besten Blogs, die sich kulturgeschichtlich mit der Mode beschäftigen. Es gibt da einige tolle Dinge. Es gibt auch gute Bibliographien, aber auch schlechte. Diese hier sieht mit 2.470 Titeln gut aus, taugt aber nicht viel, da die wesentlichen Titel fehlen. So eine ultimative Modebibliographie wäre nicht schlecht. Wenn ich mal viel Zeit habe.

Oder ich schreibe über Film und Mode. Zum Beispiel über die Trenchcoats in den deutschen Edgar Wallace Filmen. Wenn ich mal viel Zeit habe. Die farbige Abbildung im Text ist aus Joseph Loseys ➱Verfilmung von L.P. Hartleys Roman The Go-Between, der junge Erzähler zeigt hier ganz stolz sein neues Norfolk Jackett. Wenn Mode in einem Roman eine grosse Rolle spielt (und das tut sie in vielen Romanen), dann sollte eine Literaturverfilmung das auch berücksichtigen.

Joseph Losey hat (ähnlich wie Visconti) darauf in seinen Filmen immer großen Wert gelegt. Der Regisseur hatte seine Darsteller ihre Kostüme den ganzen Tag tragen lassen, damit sie aussahen wie wirklich getragene Kleidung: I think we had to make it appear as if the characters aren't wearing 'costumes' but the clothes of the day, which is today for the time you are watching the film... Most of the costumes were genuine; we made very few others. And we all lived in the house. They wore the clothes all the time and they ate as well as acted in their costumes... We got everything right. That's how it has to be, for once you've got the exact house, accessoires, costumes, something then springs to life. So sollte es sein. Und dass die ➱Fräcke um 1900 noch keine Brusttasche haben, auch das hat man berücksichtigt.