Donnerstag, 6. Dezember 2012

Nikolaus


Es ist nicht zu leugnen, Weihnachten naht. Ich meine jetzt nicht dies kommerzielle Weihnachten, diese billigen Weihnachtsmärkte mit dem penetranten Glühweingeruch und die bunten Werbeprospekte jeden Morgen in der Tageszeitung. Nein, ich meine dieses Weihnachten, das wir seit unserer Jugend im Herzen haben. Das sich sogar in der Glitzerwelt von Fitzgeralds The Great Gatsby findet, wenn sich der Erzähler im neunten Kapitel an die Weihnachtsfeste seiner Jugend erinnert: When we pulled out into the winter night and the real snow, our snow, began to stretch out beside us and twinkle against the windows, and the dim lights of small Wisconsin stations moved by, a sharp wild brace came suddenly into the air. We drew in deep breaths of it as we walked back from dinner through the cold vestibules, unutterably aware of our identity with this country for one strange hour before we melted indistinguishably into it again. That's my middle west--not the wheat or the prairies or the lost Swede towns but the thrilling, returning trains of my youth and the street lamps and sleigh bells in the frosty dark and the shadows of holly wreaths thrown by lighted windows on the snow. I am part of that, a little solemn with the feel of those long winters, a little complacent from growing up in the Carraway house in a city where dwellings are still called through decades by a family's name. I see now that this has been a story of the West...

Im letzten Jahr ist in diesem Blog der Nikolaustag überhaupt nicht genügend gewürdigt worden, aber im ersten Jahr meiner Tätigkeit als Blogger, da gab es hier einen schönen Post über das Nikolauslaufen im Bremen meiner Jugend. Und da mich damals noch nicht so viele Leser lasen wie heute, dachte ich mir, ich stelle den Post, der Sünnerklaas heißt, heute noch einmal hierher. Im Gegensatz zu all den Süßigkeiten in Socken und Schuhen hat dieser Text ja kein Verfallsdatum.

Als die Winter noch regelmäßig so kalt waren wie jetzt in diesen Tagen, als die Straßenbeleuchtung noch spärlich war und der Schutzmann noch einen Tschako trug, da waren am Abend des Nikolaustages in Bremen lauter kleine Nikoläuse unterwegs. Der Heilige Nikolaus hieß in dieser Gegend auch Sünnerklaas, was plattdeutsch für Sankt Klaus ist. Je weiter man nach Holland kam, desto mehr verwandelte sich dieses Sünnerklaas (oder Sünnerklaus) zu Sinnerklaas. Es blieb aber immer der gleiche Heilige Nikolaus von Myra, der der Schutzheilige der Kinder und der Seefahrer ist. Weshalb auch jede Hafenstadt eine Nikolaikirche hat. Obgleich Bremen von den Amerikanern besetzt war, hatte Halloween mit trick-or-treat auf uns noch nicht abgefärbt. Bei uns gab es das Nikolauslaufen. Dazu musste man sich verkleiden, eine rote Mütze, ein falscher Bart und ein Stock (die symbolischen Reste des Bischofstabs) gehörten zu dem Outfit. Opas Spazierstock eignete sich hervorragend dafür. Und natürlich ein Sack, in den man die empfangenen Süßigkeiten wie Moppen und Spekulatius tat. Und man musste sein Sprüchlein an jeder Tür in der Nachbarschaft aufsagen:

Nikolaus de gode Mann,
kloppt an alle Dören an.
Lüttje Kinner gifft he wat,
grode steckt he in'n Sack.
Halli, Halli, Hallo,
So geiht nah Bremen to.
Und wenn da nicht schnell genug die Süßigkeiten rausgerückt wurden, dann kam da noch, unter Aufstampfen des Stockes, eine zweite Strophe:

Ick bin en lüttjen König,
geevt mi nich to wenig,
Laat mi nich so lange stahn,
ick mutt all weder wiedergahn.
Halli, Halli, Hallo,
So geiht nah Bremen to.

Es ging immer nah Bremen to, da wollten die Bremer Stadtmusikanten auch hin (Ei, was, du Rotzkopf, sagte der Esel, zieh lieber mit uns fort, wir gehen nach Bremen, etwas Besseres als den Tod findest du überall). Nun macht es ja keinen großen Sinn, halli, halli, hallo, so geiht nah Bremen to zu singen, wenn man sowieso in Bremen ist. Obgleich die Stadt Bremen für uns in Nordbremen weit, weit weg war. Irgendwie scheint diese Sache mit Bremen (wie vielleicht auch das ganze Nikolauslaufen) aus den Liedern zu kommen, die am Martinstag im in Ostfriesland gesungen wurden, wo es Sünnematten, Mattenherrn oder Matten Matten Mähren hieß. Da sang man dann:

Matten-, Mattenmähren,
die Äpfel und die Beeren,
gute[r] Frau [Mann], gib uns was.
Lass uns nicht so lange steh'n!
Wir wollen noch nach Bremen geh'n.
Bremen is ne große Stadt,
da kriegen alle Kinder wat,
die Großen und die Kleinen,
sonst fang se an zu weinen.

Im 19. Jahrhundert hat es in Bremen - der Stadt von der man in Liedern und im Märchen träumt, dass dort alles besser ist - noch andere Strophen zu dem Nikolauslied gegeben, wie zum Beispiel:

Miin Vadder is Zigarrenmaaker,
miin Mudder ruppt Toback.
Un wenn ji dat nich glöben wüllt,
denn steck ick jo inn'n Sack.
Halli, halli, hallo
So geiht na Bremen to.

Das wurde nun wohl in den Stadtteilen gesungen (es ist auf jeden Fall aus Hastedt überliefert), wo die weniger Begüterten wohnten. Und man muss wahrscheinlich auch betonen, dass das Nikolauslaufen zuerst eine Sache der ärmeren Schichten gewesen ist, bevor es im 19. Jahrhundert von allen Bremer Kindern adaptiert wurde. Die Zigarrenmaaker kommen in unzähligen Bremer Döntjes aus dem 19. Jahrhundert vor. Man kann der Strophe auch entnehmen, dass Frauenarbeit in den Bremer Zigarrenfabriken selbstverständlich ist - miin Mudder ruppt Toback -  und auch die Kinderarbeit, selbst wenn sie hier im Nikolauslied nicht vorkommt. Die Zigarrenmaakers sind die erste gewerkschaftlich organisierte Gruppe in Bremen, wo es in der Mitte des 19. Jahrhunderts 78 Tabakfabriken gab. Sie bildeten auch ein Element gesellschaftlicher Unruhe in der sonst festgefügten konservativen bürgerlichen Struktur des 19. Jahrhunderts. Ihr Zusammenschluss verfolgte neben der Wahrung sozialer Interessen auch Ziele in der Allgemeinbildung. Und sie hatten Vorleser in der Fabrik.

Vielleicht kann man das mit den Zigarrenmachern in Kuba vergleichen, die in ihren Fabriken einen Vorleser hatten, der ihnen während der Arbeit Romane vorlas. So hörten die Arbeiter Victor Hugo, Alexandre Dumas, Jules Verne, Shakespeare und Emile Zola. Angeblich sollen so die Zigarrenmarken Montechristo und Romeo y Julieta nach dem Grafen von Montechristo und Shakespeares Theaterstück benannt worden sein. Manchmal lasen die Vorleser auch Politisches aus Zeitungen vor, was bei den Fabrikbesitzern nicht so gut ankam (und manchmal verboten wurde). Ob der leidenschaftliche Zigarrenraucher Karl Marx das gewusst hat? Auch in den Bremer Tabakfabriken hat es solche Vorleser gegeben, die von den Arbeitern bezahlt wurden. Manchmal waren das auch Kinder und Handlanger, die kosteten nicht so viel. Der Beginn der Arbeiterbildung liegt, auf jeden Fall in Bremen, im Tabakrauch.

Vorleser  (und Vorleserinnen) gibt es in Kuba heute immer noch, auch wenn sie - wie Guillermo Cabrera Infante in seiner wunderbaren Kulturgeschichte des Rauchens Holy Smoke etwas gehässig sagt - heute die Gesammelten Werke von Fidel Castro vorlesen müssen. Die erste Zigarrenfabrik in Kuba, die einen bezahlten Vorleser gehabt haben soll, hieß El Figaro. Wenig später folgte Don Jaime Partagas (die Firma und die Zigarre heißt immer noch so), der dem Vorleser sogar ein Lesepult spendierte. Als der amerikanische Innenminister W.H. Seward kurz nach dem Bürgerkrieg die Fabrik von Partagas besuchte, war er von diesem System begeistert. Da hatten schon alle Tabakfabriken in Cuba einen Vorleser. Was sie nicht hatten, waren (im Gegensatz zu Bremen) weibliche Arbeitskräfte. Diese Geschichte, dass eine gute Zigarre auf den Schenkeln einer Kubanerin gerollt sein muss, entstammt männlichen Phantasievorstellungen. Erst Ende der 1870er Jahre fängt die erste Frau in einer Zigarrenfabrik auf Cuba an. Da ist die Oper Carmen schon aufgeführt worden.

Ich erwähne die nur, weil da eine Zigarettenfabrik drin vorkommt, die der berühmte Wilfried Minks (von Bremen nach Hannover ausgeliehen) Anfang der sechziger Jahre in Hannover so schön auf die Bühne gezaubert hatte. Und der Regisseur hatte den Einfall, Carmen auf der Bühne rauchen zu lassen. Und sie dann so wahnsinnig cool die Ziggi wegschnippen zu lassen, bevor sie L'amour est un oiseau rebelle singt. Der Effekt wurde aber bei der Premiere noch übertroffen. Ein junger, schlaksiger Verehrer der Sängerin der Carmen wanderte den linken Gang entlang bis zur Bühne und warf der Sängerin eine langstielige rote Rose vor die Füße, als sie mit der Habanera fertig war. Danach verließ er den Zuschauerraum. Die Krönung des Ganzen war, dass er eine rote Lederjacke trug. Wo um alles in der Welt kriegt man Anfang der sechziger Jahre eine quietscherote Lederjacke her? Roter als jeder Nikolausmantel. Ich war die ganze Aufführung lang neidisch. Auf die rote Lederjacke und auf diesen Kerl, der die Sängerin kannte.

Wenn die Strophe mit dem lüttjen König allen geläufig ist, so scheint es in Bremen im 19. Jahrhundert dabei auch noch eine Variation gegeben zu haben, die weniger auf kleine Könige und auf Kinder von Zigarrenmaakers als auf soziales Elend hinweist:

Ick bün so’n lütten Schipperjung,
Mutt all miin Broot verdeen’n,
Den ganzen Dag in’t water stan
Mit mine korten Been’n
Halli, halli, hallo,
Nu geiht’t na Bremen to


Über das allmähliche Verfertigen der Gedanken beim Schreiben: da fange ich mit einer Kindheitserinnerung an, mit Versen, die ich immer noch aufsagen kann, und dann muss ich erkennen, dass wir Bremer mit diesem schönen Brauch nicht allein gewesen sind. Nikolauslaufen hat es überall gegeben. Inzwischen ist es beinahe ausgestorben, jetzt importieren wir kommerzialisierte amerikanische Bräuche wie Halloween. Im Norddeutschen Rundfunk wird darüber abgestimmt, ob die Hörer Last Christmas von Wham hören sollen. 54 Prozent der Anrufer sind dafür. Ich könnte wetten, dass keiner von denen, die den zum Dudelfunk heruntergekommenen NDR hören, ein halbes Dutzend deutscher Weihnachtslieder mit allen Strophen beherrscht.

Und die Zigarrenfabriken in Bremen gibt es auch nicht mehr, wenn man von Resten wie Martin Brinkmann (Lux, Peer Export, Lord Extra) mal absieht. Das ist aber nichts mehr vom Glanz der großen Zeit, als der Zigarrenkönig Friedrich Biermann von der Firma Leopold Engelhardt&Biermann sechstausend Arbeiter beschäftigte. Durch die für Bremen ungünstige Zollordnung, hat sich die Zigarrenfabrikation in der zweiten Häfte des 19. Jahrhunderts nach Bünde in Westfalen verlagert. Mein Opa hätte die Villa von Biermann in St. Magnus in den zwanziger Jahren billig kaufen können. Aber dann hätte er jeden Morgen zu seiner Schule durch den Arbeiterstadtteil Grohn marschieren müssen, und das war dem kaisertreuen Ex-Hauptmann nun wirklich nicht zuzumuten.

Je mehr ich gestern begann, den Anfängen des Nikolauslaufens nachzugehen, musste ich feststellen, dass natürlich die Volkskundler und die Lokalhistoriker sich schon mit dem Thema beschäftigt haben. War ja auch anzunehmen, dass hinter all dem, was wir tun, etwas Mythisches steckt. So wie es uns James George Frazer und Jessie L. Weston (ohne die wäre Eliots The Waste Land nichts geworden) gezeigt haben. Das interessiert einen aber nicht, wenn man mit kalten Füßen, laufender Nase und schidderigem roten Bademantel im Dunkeln an einer fremden Tür klingelt und die magischen Worte sagt: Nikolaus de gode Mann, kloppt an alle Dören an.


Mehr Weihnachtliches in diesem Blog unter ➱Weihnachtsvorbereitungen, ➱Santa Claus, ➱Donder and Blitzen und ➱Weihnachtsbäume

Mittwoch, 5. Dezember 2012

Schweine


Sie haben doch bestimmt die 'Annals of Agriculture and other useful Arts' von 1785 in ihrer Bibliothek, sagt der Mann am Telephon. Unsere Sekretärin im Geschäftszimmer hatte ihn zu mir durchgestellt. Unsere Sekretärin stellte immer alle Anfragen aus der Bevölkerung zu mir durch, ich habe die auch immer für die Fragenden zufriedenstellend beantwortet. Bis auf ein einziges Mal, da habe ich einen Fragesteller belogen. Es war ein Ministerialrat, der aus seinem Ministerium anrief. Er war während seiner Dienstzeit damit beschäftigt, ein Preisausschreiben zu lösen, mit dem er eine Englandreise gewinnen wollte. Und verlangte jetzt, sozusagen als Amtshilfe, dass ich für ihn die Fragen beantwortete. Habe ich auch getan. Das Preisrätsel kann er nicht gewonnen haben, weil ich ihm neben drei richtigen Antworten auch zwei falsche servierte (die aber überzeugend verpackt waren). Das haste davon, du dummes Schwein, dachte ich mir, als ich den Hörer auflegte. Ich sollte Schweine nicht immer in Verbalinjurien erwähnen, ich bekomme es immer wieder gesagt. Andererseits: Schweine sind horizontale Menschen. Oder um es unmissverständlicher zu sagen: Menschen sind senkrechte Schweine. Der Satz stammt von meinem Anrufer, der es als selbstverständlich ansah, dass ein Englisches Seminar einer Provinzuniversität so etwas wie die Annals of Agriculture and other useful Arts von 1785 im Bibliotheksregal stehen hat.

Der reizende ältere Herr, der nach den Annals of Agriculture fragte, verstand alles von Schweinen. Borstenvieh und Schweinespeck waren sozusagen sein Lebenszweck gewesen. Er war ein promovierter Agronom, dem die Fachwelt Bücher wie Die 20-Ferkel-Sau, Schweinepraxis heute und Ein Leitfaden für wirtschaftliche Schweinefleischerzeugung verdankte. Aber jetzt, wo er gerade in Pension gegangen war, wollte er höher hinaus, er wollte ein Buch über das Schwein in der Weltliteratur schreiben. Sagen Sie jetzt bitte nicht, das liest doch kein Schwein.

Unsere Bibliothek besaß natürlich kein Exemplar von den Annals of Agriculture aus dem Jahre 1785, aber ich gab dem Herrn die Telephonnummer der Bibliothek des Instituts für Weltwirtschaft. Die haben eine der größten Bibliotheken in Europa und waren in der Lage, dem Forscher innerhalb weniger Tage eine Photokopie des gewünschten Artikels zu liefern. Das weiß ich, weil er mich von nun an ständig anrief und mit mir korrespondierte. Ich wurde sozusagen zu seinem Forschungsassistenten für Schweine in der englischen Literatur. Pigs have Wings von P.G. Wodehouse (und alle Castle Blandings Romane, in denen Schweine vorkamen) servierte ich ihm ungefragt, Barbara Kingsolvers Pigs in Heaven war noch nicht geschrieben. Zu Weihnachten schickte ich ihm einen wunderbaren Cartoon, den ich in einem amerikanischen Magazin gefunden hatte: da hatte sich bei der Geburt Christi zu Ochs und Esel ein Schwein dazugesellt, und in der Bildunterschrift sagte eins der Tiere zu dem Schwein: Hau ab, noch sind wir jüdisch. Ich fand das, wie man so sagt, saukomisch.

Als das Buch mit dem schönen Titel ➱Die Sau des Salomo: Fährten des weisszahnichten Schweines in der Weltliteratur bei Rowohlt (Wunderlich) erschien, schickte mir der Verfasser ein Exemplar mit Widmung. Und einen Entschuldigungsbrief, weil er mich im Text nicht erwähnt hatte. Aber im nächsten Buch, da schreibe ich Sie hinein. Ich dachte mir: nächstes Buch? und glaubte nicht so recht daran. Aber er hatte schon einen Vertrag von Reclam (Leipzig) und war längst wieder am Schreiben. Mit dem Schreiben kamen für mich wieder kleinere Aufgaben, so musste ich einen Teil des Tagebuchs von Humphrey O'Sullivan, das noch nie ins Deutsche übertragen war (und in dem natürlich auch Schweine vorkamen), für ihn übersetzen. Ich habe daraus schon etwas vor Jahren ➱hier in den Blog gestellt.

Es kamen nicht nur kleine Aufgaben, es kamen, peu à peu den Briefen beigelegt, auch Textproben - und ich staunte nicht schlecht. Hatte ich bisher geglaubt, dass hier jemand mit der witzigen Kulturgeschichte des Schweins sein Lebenswerk vorgelegt hatte, so merkte ich jetzt, dass hier ein wirklicher Schriftsteller am Werk war. Der schreiben wollte und schreiben konnte; denn kaum hatte er sein Manuskript mit dem Titel Der Schnauzenkuss: Eine Anatomie der Schweine-Menschen in Reinschrift bei Reclam abgeliefert, da hatte er schon einen neuen Vertrag in der Tasche. Und er hatte Wort gehalten, in dem grünen Reclam Band kam ich im Text vor. Hatte Die Sau des Salomo wohlwollende Rezensionen in der Zeit und im Spiegel erhalten, so erkannte bei diesem Buch kein Geringerer als Ludwig Harig, dass Groskreutz ein Formulierer von hohen satirischen Graden sei. Und er fühlte sich in seiner ➱Rezension in der Zeit beinahe verpflichtet, den Stil des Verfassers zu imitieren: In zügigem Satzbau, aufgehellt von grellbunten Metaphern und witzigen Alliterationen, tischt uns der Autor ein poetisches Festmahl auf, erzählt das Märchen von Miss Piggy in Concert und die Geschichte der Wildsau von Killamucky: Ein neuer Fischart, ein nachgeborener Grimmelshausen mit sprachspielerischer Beredsamkeit. Stabreimend blitzt es nur so von Konto und Koitus, von Knebeln und Kerkern, von Kartoffelrosen im Knick. Binnenreimend schwelgt er, vergleicht die Schweineherde des Eumaios mit den zusammengepferchten Schlachtschweinen von Chicago, lobt das antike Würzfleisch, das bespeckte, welches dem Menschen schmeckte, seinen Körper streckte und seine Kräfte weckte - und schilt das heutige Stinkfleisch im Lande der Gülle in Hülle und Fülle.

Bevor ich jetzt als Stilprobe etwas aus Der Schnauzenkuss abtippe, kopiere ich doch einmal hierher eine Stelle aus dem Buch, die sich im Internet findet. Damit man einen Eindruck von der Sprachgewalt des Verfassers bekommt: Das Klötenmassaker beim männlichen Schwein heißt Kastrieren oder Kastration. Nathanael kannte eine Klötenklauerin, eine Klötistin, die ging rasch und routiniert zu Werke. Sie flocht den Klöten keine Kränze. Ihr ging Kastrieren über Karessieren. Ein Schnitt über das strammgezogene Hodensackgewebe der Vier-Tage-Ferkel hinweg genügte, und schon flutschten die Minihödli ins Freie, munteren Delphinlein gleich, die im Spiel mit Licht und Lust der Flut entspringen. Blut floss kaum einmal, nicht ein einziger Tropfen. Sie warf die Keimdrüsen mit flinken Fingern einem nimmersatten, eklig fetten, kastrierten Kater zu, als wären es anstößige Parasiten.
     Als Nathanael ihr einmal assistierte, befiel ihn während einer Teepause der Wahn, dass diese staatlich geprüfte Tierwirtin von ihm verlangen könne, sich auf einen der Strohballen zu platzieren, sich zu entblößen, um ihn mit derselben Kälte des Gemütes und technischen Meisterschaft wie ein Eberferkel zu bedienen, ohne sich dabei durch anderweitige biologische Tatsachen oder Vorgänge ablenken zu lassen. Er ist noch heutigentags, nach Jahrzehnten, davon überzeugt, hätte sie in ihrem Klötenwahn ein kurzes befehlendes Kommando verlauten lassen, er wäre dem wie hypnotisiert gefolgt. Genauso wie der bedauernswerte Pasqualini einst der Lockung des vatikanischen Kastratenmachers Ugolini: 'Es muss sein, wenn du deine schöne, klare, herrliche Stimme nicht verlieren willst; bedenke, die eben noch Engel waren, werden zu kleinen Schweinen, und was eben noch kristallen jubiliert hat, wird grunzen und quieken.' Veluti in Wien. Genevra de Scozia.
     Grillparzer hört den Kastraten und verlässt halbtot das Schauspielhaus. Nathanael sieht noch heute das spöttische Augenfeuer seiner Klötistin, funkelnd wie ihr Skalpell, als er sich durch flüchtige aber zielsichere Sackgriffe zu vergewissern versucht, ob noch alles vollzählig beisammen und am gewohnten Platz zu orten sei. Seitdem versteht Nathanael das panische Entsetzen seiner dunkelhäutigen Geschlechtsgenossen, die plötzlich wie wild in die Gegend ballernd Amok laufen; zumeist befürchten sie dann, dass ein diebischer Klötengeist drauf und dran ist, ihnen von hinten klammheimlich ans Geläut zu langen.

Karl August Groskreutz hat sein letztes Buch leider nicht mehr vollenden können. Ich besitze ein Dutzend Seiten seines Manuskripts, und da stehen Sätze von solcher Sprachkraft und Inhaltsschwere, dass ich jedesmal einen Anflug des Bedauerns empfinde, wenn ich das Mäppchen mit dem Manuskript sehe. Vielleicht tippe ich irgendwann einmal ein paar Seiten daraus ab, aber für heute soll dies als eine Art von kleinem Denkmal für Karl August Groskreutz ausreichen.

Wie komme ich auf Schweine? Ich lese gerade den wunderbar komischen Roman Der letzte Dandy: Ein Kierkegaard Roman von Klaas Huizing. Und der hat dieses schöne Kierkegaard Zitat als Motto:

Um mich steht es ungefähr so, wie von dem Schwein der Lüneburger Heide erzählt wird. Mein Denken ist eine Leidenschaft, welcher ich folgen muß. Ich verstehe mich trefflich darauf, Trüffeln aufzuwühlen; selbst habe ich an ihnen keine Freude. Ich nehme die schwierigsten Fragen auf meine Nase; aber mehr kann ich mit ihnen nicht anfangen, als sie über meinen Kopf hinweg hinter mich werfen.

Das könnte auch ganz fett gedruckt über diesem Blog stehen.

P.S. Dieser wunderbare Cartoon mit dem Titel Zukunftspläne erreichte mich heute als Kommentar:


Dienstag, 4. Dezember 2012

Julie Récamier


Die Franzosen sind dem weiblichen Genius wenigstens minder abhold als die Deutschen. Diese Eigenschaft beweist, daß ihre Bildung harmonischer ist als die unsers Volks, und daß sie größern Nationalstolz besitzen als unsere werthen Landsleute; denn der Franzose liebt alles, was den französischen Namen verherrlicht. Ich glaube nicht, daß jemals eine Juliette Récamier in Deutschland aufblühen werde, sowenig wie es in jetziger Zeit in Frankreich geschehen könnte; denn der Sinn für eine Größe, wie die ihrige, ist verschwunden, wenn er sich auch noch bei Einzelnen findet. Schreibt Helmina von Chézy in ihren Erinnerungen.

Und sie hat natürlich Recht, wir haben keine Salonière, die sich mit Jeanne Françoise Julie Adélaïde Bernard, besser bekannt als Madame Récamier (die heute vor 235 Jahren geboren wurde) vergleichen könnte. Obgleich sich die Damen im Spree-Athen natürlich darum bemühen, auch eine merveilleuse zu sein. Und nicht nur die französische ➯Empire Mode nachzuahmen, sondern möglichst auch einen Salon zu haben. Kriegen sie auch, wie uns zum Beispiel Günther de Bruyn in Als Poesie gut: Schicksale aus Berlins Kunstepoche 1786 bis 1807 zeigt, halbwegs hin. Allerdings werden keine Möbelstücke nach den Berliner Salonièren benannt.

Wenn ich mal eben für einen Augenblick abschweifen darf: ein Freund von mir versuchte vor Jahrzehnten zusammen mit seiner Gattin diese schöne Tradition eines Salons in einer großen Altbauwohnung durch einen jour fixe wieder zu beleben. Aber das Ganze schlief nach ein, zwei Jahren wieder ein. An den Möbeln lag es nicht, es gab zwar keine Récamière, aber genügend stilvolle alte Möbel. Leider fehlte irgendwie der gewünschte intellektuelle Austausch. Die Professoren von der Kunsthochschule diskutierten nicht über Kunst, sie zogen sich in eine Wohnzimmerecke zurück und spielten bis in die Nacht Skat.

Die Lehrer klagten über die Dummheit der Schüler, die Hochschullehrer klagten über die Dummheit der Kollegen. Gott erschuf den Professor, der Teufel erschuf den Kollegen. Nur bei den Mettbrötchen und dem Bier in der Küche kam manchmal so etwas wie ein niveauvolles Gespräch auf. Dabei war die ganze Idee ja gut, nur war der Zeitpunkt offensichtlich nicht geeignet. Die 68er waren müde. Alle Gäste des Salons schienen in der midlife crisis zu sein, viele waren wegen einer Ehekrise in Therapie. Es war statt eines schöngeistigen Salons die trivialisierte Form eines John Updike Romans geworden. Dennoch denke ich mit einer gewissen Nostalgie daran zurück. Wenn man bedenkt, dass dies damals vielleicht die Crème de la Crème des Ortes war: was hätte werden können - und warum wurde es nur so wenig? Gut, manche Diskussionen waren oberhalb des Niveaus der Universität, aber dazu gehörte nicht viel. Es kann natürlich sein, dass es kein Äquivalent für eine Madame Récamier oder eine Madame Tallien (Bild) gab. Aber vielleicht gab es in den berühmten Salons in Paris und Berlin ja damals auch nur Klatsch und Tratsch.

Vielleicht ist das, was uns ➯Eduard Gans aus dem Salon der Mme Récamier zu berichten wusste, auch nur eine schöne home story gewesen? Irgendwie klingt mir da die Berlinerin Elise von Hohenhausen ehrlicher: Eine geistige Gemeinschaft fand in Berlin statt, wie sie wohl in wenigen Städten gefunden wird. Geistreiche Familien, auch wohl einzelne Damen, hielten an bestimmten Wochentagen Versammlungen, die auf's Lebhafteste an die Salons der Du Deffant, L'Espinasse, Recamiér u. A. m. erinnerten. Man achtete nicht darauf, ob man eine oder drei Treppen steigen mußte, ob es hell oder dämmernd im Zimmer war; Alles was man verlangte, war ein warmer Ofen und eine Tasse Thee; die Tasse selbst mochte von chinesischem Porzellan oder von Töpferwaare seyn. Dieses Detail mit der Töpferware hat etwas Authentisches.

Es gibt noch eine andere Verbindung zwischen Paris und Berlin als die der Nachahmung französischer Mode und der Pariser Salons. Gertrude Aretz erzählt in ➯Berühmte Frauen der Weltgeschichte: Als das Kaiserreich errichtet wurde, versuchte der Polizeiminister Fouché, die Récamiers für den neuen Hof zu gewinnen. Er bot Juliette an, Ehrendame am Hofe Napoleons zu werden. Juliette Récamier lehnte jedoch ab und geriet nach und nach in den Kreis der Opposition, die sich um Frau von Staël geschart hatte. Als ihr Gatte grosse finanzielle Verluste erlitt, zog sie sich eine Zeitlang auf das Schloss ihrer Freundin nach Coppet zurück. Dort lernte sie den Prinzen August von Preussen kennen, der sich sterblich in sie verliebte. Eine Zeitlang trug sie sich mit der Absicht, diesen Neffen des Grossen Friedrich zu heiraten. Ob sie wirklich diese Absicht hatte, wissen wir nicht. Aber der August, der hätte sie schon gerne geheiratet. Sie hat ihm das Bild geschenkt (oder geliehen, das ist nie so ganz klar geworden), das wir hier sehen: Ich bin nun endlich wieder im Besitz Ihrers Porträts, das ich mit brennender Ungeduld so lange erwartet habe: Wieviele süße Erinnerungen und wieviel Bedauern, so weit vom Original entfernt zu sein, fanden sich in meinem Herzen, als ich es wiedersah! schreibt ihr der Prinz August aus Berlin.

Und da steht er nun - von ➯Franz Krüger gemalt - breit und bräsig im Salon vor dem Portrait der schönsten Frau Frankreichs, gemalt vom Baron Gérard. Als Franz Krüger den Preußenprinzen mit der fernen Geliebten an der Wand malt, konnte Mme Récamier das Bild eh nicht mehr gebrauchen. Sie war gerade ins Kloster gezogen. Sie ist nicht aus Liebeskummer eine Nonne geworden, nein, die L'Abbaye-aux-Bois in der Rue de Sèvres bot verarmten Damen der feinen Gesellschaft preiswerten Wohnraum. Madame war pleite. Da hatte es ihre Konkurrentin um den ersten Platz in der Gesellschaft, ➯Madame Tallien (die Notre-Dame de Thermidor), bedeutend besser getroffen. Arsène Houssaye hat bösartig von Mme Récamier als eine jener Neugriechinnen, die sich halb nackt, aber von ihrer Schamhaftigkeit bekleidet, aus den Ruinen eines blutigen Pompeji erhoben gesprochen. Man kann das anders formulieren, die Kostümhistorikerin Aileen Ribeiro erwähnt sie im Zusammenhang mit der raffish demi-mondaine society thrown up by the Directory. Man ist schnell nach oben gekommen, jetzt fällt man wieder. Das Rad der Fortuna dreht sich zu Lebzeiten Napoleons (der Julie Récamier nicht ausstehen konnte) etwas schneller als sonst.

Ganz so schlimm kann es im übrigen in den Räumen der Abtei in der Rue de Sèvres nicht gewesen sein, wie das Gemälde von Gérard (oben) zeigt. Das beinahe zeitgleich mit Franz Krügers Bild vom Prinzen August gemalt wurde. Madame hat ihre geliebte Harfe, ihr Piano und ein Regal voller Bücher retten können (hier ein Bild ihres Bettes). Und da sitzt sie wieder, wie auch schon auf dem Bild von David, stereotyp in ihrem weißen Hemdblusenkleid, dieser Mode à la Grecque. Die angeblich die neue Volkstracht sein soll, aber natürlich ➱Haute Couture und unbezahlbar teuer ist.

Und sie empfängt auch hier ihren Kreis von Bewunderern, hat auch hier noch ihre Hofberichterstatter. Wie zum Beispiel Chateaubriand (hier auf einem Bild von ➱Girodet), der angeblich ihr Geliebter ist. Der über die neue Wohnung schreibt:  La chambre à coucher était ornée d’une bibliothèque, d’une harpe, d’un piano, du portrait de Madame de Staël et d’une vue de Coppet au clair de lune. Sur les fenêtres étaient des pots de fleurs. […] La plongée des fenêtres était sur le jardin de l’abbaye, dans la corbeille verdoyante duquel tournoyaient des religieuses et couraient des pensionnaires. La cime d’un acacia arrivait à la hauteur de l’œil. Des clochers pointus coupaient le ciel et l’on apercevait à l’horizon les collines de Sèvres. Le soleil couchant dorait le tableau et entrait par les fenêtres ouvertes. Madame Récamier était à son piano ; l’Angelus tintait ; les sons de la cloche, qui semblait pleurer le jour qui se mourrait : « il giorno pianger che si muore », se mêlaient aux derniers accents de l’invocation à la nuit, du Roméo et Juliette de Steibelt. Quelques oiseaux se venaient coucher dans les jalousies relevées de la fenêtre. Je rejoignais au loin le silence et la solitude, par-dessus le tumulte et le bruit d’une grande cité. Texte wie diese werden heute immer noch geschrieben, solches Gesülze stirbt nicht aus. Vor allem nicht in der demi-monde.

Nach dem Tod von August hat Julie Récamier das Bild übrigens zurück bekommen. Aber sie konnte sich nicht mehr darauf erkennen. Sie war inzwischen erblindet. Hätte etwas aus dieser amourösen Verbindung von Paris und Berlin werden können? Die Récamier hatte ja eine Vielzahl von Liebschaften, aber das war alles wohl eher: nur gucken, nicht anfassen! Sie war eine Salonière, keine demi-mondaine. Man muss sich abgrenzen von der Bohème, also stürzt man sich auf die Kultur. Freilich treten hier an Madame Recamier auch andre als rein geistige Interessen heran; unter den Gästen der Frau von Stael befand sich der Prinz August von Preußen, der eine heftige Leidenschaft für sie faßte und ihr den Antrag machte, sich von ihrem Mann scheiden zu lassen und ihm ihre Hand zu reichen. Sie erwiderte seine Gefühle nicht, wie denn ihre gleichmäßige Schönheit nie von einer Neigung bewegt zu sein scheint, aber sie war durch seine Ergebenheit gerührt. Das konnte man 1859 in der Zeitschrift Die Grenzboten lesen. Ach ja, die Französinnen - es ist immer das gleiche:

L'amour est enfant de Bohême
Il n'a jamais, jamais connu de loi
Si tu ne m'aimes pas, je t'aime
Si je t'aime, prends garde à toi !
Si tu ne m’aimes pas
Si tu ne m’aimes pas, je t’aime !
Mais, si je t’aime
Si je t’aime, prends garde à toi !

Die Lettres du prince Auguste de Prusse 1807 à 1843 sind 1976 in der Zeitschrift Francia: Forschungen zur Westeuropäischen Geschichte (Seite 434 -579) mit einer Einleitung von Alfred W. Hein herausgegeben worden.

Montag, 3. Dezember 2012

Joseph Conrad


Der Pole Józef Teodor Nałęcz Konrad Korzeniowski wurde heute vor 155 Jahren in Berditschew (das damals zum russischen Kaiserreich gehörte) geboren. Der Ort Berditschew, der auch der Geburtsort von Vladimir Horowitz war, ist nicht nur durch Józef Teodor Nałęcz Konrad Korzeniowski in der Literatur berühmt geworden. Sieben Jahre vor seiner Geburt hatte Balzac hier seine polnische Gräfin geheiratet. Von den Berühmtheiten der Literatur abgesehen, bleibt Berditschew in der Erinnerung, weil die SS hier 1941 die gesamte jüdische Bevölkerung umgebracht hat. Die für alles politische Morden symbolischen Worte von Mr Kurtz in Heart of Darkness - The horror! The horror! - gelten nicht nur für die Kongogreuel.

Der junge Korzeniowski aus der Wappengemeinschaft der Nałęcz wird seinen Namen ändern. Seeleute im Pazifik kannten ihn später unter dem Namen Polish Joe. Wir kennen ihn besser unter dem Namen Joseph Conrad. Wenn ich bedenke, dass er einer meiner Lieblingsschriftsteller ist, kommt er in diesem Blog viel zu selten vor. Er wird zwar immer wieder erwähnt, aber es gibt hier keinen langen Essay zu Joseph Conrad. Vielleicht kommt das ja noch einmal. Vor fünf Jahren, als zu seinem 150. Geburtstag das Feuilleton voll von Joseph Conrad war, hätte ich über ihn schreiben können. Doch ich hatte noch keinen Computer. Und wusste überhaupt nicht, was ein Blog ist. Aber vielleicht habe ich bisher auch nicht über Conrad geschrieben, weil ich mich nicht traute. Er, der manchmal so vertraut wie ein alter Freund ist (As years go by and the number of pages grows steadily, the feeling grows upon one, too, that one can write only for friends), kann so herrlich olympisch abweisend sein. So wie im Vorwort zu The Nigger of the Narcissus: A work that aspires, however humbly, to the condition of art should carry its justification in every line. And art itself may be defined as a single-minded attempt to render the highest kind of justice to the visible universe, by bringing to light the truth, manifold and one, underlying its every aspect. It is an attempt to find in its forms, in its colours, in its light, in its shadows, in the aspects of matter and in the facts of life what of each is fundamental, what is enduring and essential—their one illuminating and convincing quality—the very truth of their existence.

Vor fünf Jahren erschienen mit John Stapes The Several Lives of Joseph Conrad und Elmar Schenkels Fahrt ins Geheimnis: Joseph Conrad. Eine Biographie gleich zwei neue Biographien zu Conrad. Musste es wirklich sein? Gab es nicht schon genug gute Biographien zu Joseph Conrad? Sein Leben liegt vor uns, selbst wenn er sich den Biographen immer wieder entzieht. He who has read to the end of this book knows all that's worth knowing of me, sagt Conrad im Vorwort zu A Personal Record. Wahrscheinlich sind es Verlagsinteressen, die einen Wissenschaftler drängen, zum 150. Geburtstag des Autors eine neue Biographie zu schreiben. Revolutionär sind beide Bücher nicht. Wer die Klassiker der Conrad-Biographien wie Jocelyn Baines, Jerry Allen, Norman Sherry, Frederick R. Karl oder den Band in der Reihe der rowohlts monographien von Peter Nicolaisen gelesen hat, brauchte Stape (der auch der Herausgeber des Cambridge Companion to Joseph Conrad ist) oder Schenkel nicht unbedingt. Zumal der Autor Joseph Conrad ja jemand ist, der in seinem ganzen Werk für den Leser klar erkennbar hervortritt, every novel contains an element of autobiography—and this can hardly be denied, since the creator can only express himself in his creation. Oder: One's literary life must turn frequently for sustenance to memories and seek discourse with the shades. Und diese Rückerinnerung beherrscht der Mann, der never kept a diary and never owned a notebook. Was nicht so ganz stimmt, für seine Reise in das Herz der Finsternis, sprich den Kongo, haben wir ein Tagebuch. Genau genommen sind es nur zwei schmale Notizbücher (das zweite enthält nur nautische Notizen). Er hat es für Heart of Darkness wohl nicht benutzt, wahrscheinlich hatte er vergessen, dass es das Tagebuch noch gab.

Wir könnten sicherlich Conrad lesen, ohne seine Lebensgeschichte zu kennen, er ist immer im Text. Er schreibt belehrende Vorworte, er sagt uns, was er will: My task, which I am trying to achieve is, by the power of the written word, to make you hear, to make you feel--it is, before all, to make you see. Vielleicht hat es auch deshalb verhältnismäßig lange gedauert, bis nach der ersten Biographie von Conrads Freund Georges Jean-Aubry halbwegs zuverlässige Biographien, wie zum Beispiel die von Jocelyn Baines (der dafür den Duff Cooper Prize bekam), geschrieben wurden. Jocelyn Baines (Photo) war der Direktor des Verlags Thomas Nelson gewesen, war aber in das Geschäft mit antiquarischen Büchern gewechselt und Direktor von Bernard Quaritch geworden, vielleicht hatte er da mehr Zeit zum Schreiben. The first 'modern' life of Conrad, and it remains definitive, hatte die Verlagswerbung über das Buch gesagt. Das Times Literary Supplement konnte da (wie alle quality papers) nur beipflichten: A biography in which understanding is informed with detachment, and scholarship tempered with urbanity. It is hard to imagine a more reliable or readable book. Das Londoner Haus von Jocelyn Baines hat übrigens vor wenigen Jahren ein gewisser Tony Blair gekauft, aber der wusste wahrscheinlich nicht, wer Jocelyn Baines war. Ob er weiß, wer Joseph Conrad war? Hätte er ihm wie sein Amtskollege Ramsay MacDonald einen Adelstitel angeboten?

Für die Rezensentin des Telegraph war John Stapes Biographie disconcertingly disconnected, rather like a superior entry in Wikipedia. Das ist nun ein wenig fies, denn The Several Lives of Joseph Conrad ist ein seriöses Buch. Wenn auch ein wenig trocken und langweilig (daran konnte auch die gute Übersetzung von Eike Schönfeld nichts ändern), man ist heute von Biographien mehr gewöhnt. Und es wäre auch nur redlich gewesen, Jocelyn Baines' (immerhin im Vorwort erwähnte) Biographie im Literaturverzeichnis aufzuführen, statt sich selbst zehnmal dort einzutragen. Das sind peinliche Unsitten (das sogenannte hartnäckige Selbstzitat), die man immer häufiger findet. Elmar Schenkels Fahrt ins Geheimnis bietet dem deutschen Leser, der kein Fachwissenschaftler oder Anglistikstudent ist, viel mehr. Es ist weniger eine Biographie eines Literaturwissenschaftlers als ein langer Essay eines Schriftstellers. Der aber - das sei betont - vielen Lesern einen schönen Zugang zu Conrad geben kann.

Manche kommen zu Conrad, weil sie zur See gefahren sind. Beinahe alle Kapitäne, die ich kannte, hatten die gelb eingebundenen Werke von Conrad in ihrem Bücherschrank, each generation has its memories. Für die, die nie zur See gefahren waren, konnten die Romane eine Entführung in fremde ozeanische Welten sein: Lieber Onkel, ich weiß, dass Sie keine Bücher lesen, schrieb Joseph Roth 1928 in seinem Essay Geschenk an meinen Onkel in der Frankfurter Zeitung. Und er fuhr fort: Trotzdem gebe ich Ihnen einige. Ein Mann hat sie geschrieben, namens Joseph Conrad. Er war ein Pole von Geburt. Er wurde im tiefsten Kontinent geboren, nämlich in Wolynien …  und seine Muttersprache war die polnische, die zu den kontinentalsten Sprachen der Welt gehört. Aber er ging mit 16 Jahren nach Marseille, bestieg ein Schiff, wurde ein Matrose und fuhr durch die Meere und wurde einer der größten Meister der ozeanischen Sprachen: der englischen. Und dies sind seine Bücher. Sie sind bewegt wie das Meer und ruhig wie das Meer und tief wie das Meer …  Lesen Sie den Ozean!

Man braucht nicht unbedingt die Seeromane zu lesen. Thomas Mann empfahl dem deutschen Leser 1926 in seinem Vorwort zu The Secret Agent eben diesen Roman, weil darin nicht zur See gefahren wird, und weil es für mein Gefühl eine ungerechte Schmälerung von Conrads Ruhm bedeuten würde, wenn er allzu seemännischen Spezialcharakter gewönne. Sicher sind The Secret Agent oder Nostromo bedeutende Romane, aber mir fehlt hier etwas, es ist nicht der Conrad, den ich liebe. Den Conrad, der die See nie vergessen hat: I may safely say that through the blind force of circumstances the sea was to be all my world and the merchant service my only home for a long succession of years. No wonder, then, that in my two exclusively sea books —The Nigger of the Narcissus', and 'The Mirror of the Sea' (and in the few short sea stories like 'Youth' and 'Typhoon')—I have tried with an almost filial regard to render the vibration of life in the great world of waters, in the hearts of the simple men who have for ages traversed its solitudes, and also that something sentient which seems to dwell in ships — the creatures of their hands and the objects of their care.

Meine erste Proseminararbeit im Fach Englisch schrieb ich vor Jahrzehnten über Joseph Conrads Erzählung Typhoon. Ich garnierte sie reichhaltig mit Zitaten aus Thomas Manns Meerfahrt mit Don Quijote. Das fand ich sehr passend, Thomas Mann hat seinen Kollegen Conrad ja immer sehr geschätzt. Sollte ihm seine gesamte Bibliothek abbrennen, sagte Thomas Mann einmal, dann wolle er sich für die neue Bibliothek als erstes Buch Lord Jim von Joseph Conrad kaufen.

Die schöne Anekdote über den Verfasser von Oblomow, die sich in Meerfahrt mit Don Quijote findet, konnte ich in der Arbeit natürlich nicht auslassen: Iwan Gontscharow wurde während eines Sturmes auf hoher See vom Kapitän aus seiner Kajüte geholt: er sei ein Dichter, er müsse das sehen, es sei großartig. Der Verfasser des 'Oblomow' kam an Deck, sah sich um und sagte: 'Ja, Unfug, Unfug!' Dann ging er wieder hinunter. Meinem Dozenten gefiel mein essayistischer Stil nicht so sehr. Aber so sehr ich Peter Nicolaisen - il miglior fabbro - bewunderte, der ja der Joseph Conrad Fachmann war, und so viel ich von ihm gelernt habe, den essayistischen Stil hat er mir nicht austreiben können. Er hat mir meine wissenschaftliche Jugendsünde, die mit Feuer und Leidenschaft geschrieben war, längst verziehen. Zu einem runden Geburtstag hat er mir einen Aufsatz gewidmet. Da stand mein Name in kleinerer Kursivschrift unter dem Titel, in dem der Name Joseph Conrad stand. Joseph Conrad und ich, im Druck nebeneinander! Das hat mich sehr gerührt. Und vielleicht schreibe ich ja hier irgendwann noch einen langen Artikel über Joseph Conrad. Der wird natürlich wieder essayistisch, ich kann nicht anders. I don't like work--no man does--but I like what is in the work--the chance to find yourself. Your own reality--for yourself not for others--what no other man can ever know. They can only see the mere show, and never can tell what it really means.

Sonntag, 2. Dezember 2012

Advent


Advent Calendar

He will come like last leaf's fall.
One night when the November wind
has flayed the trees to the bone, and earth
wakes choking on the mould,
the soft shroud's folding.

He will come like frost.
One morning when the shrinking earth
opens on mist, to find itself
arrested in the net
of alien, sword-set beauty.

He will come like dark.
One evening when the bursting red
December sun draws up the sheet
and penny-masks its eye to yield
the star-snowed fields of sky.

He will come, will come,
will come like crying in the night,
like blood, like breaking,
as the earth writhes to toss him free.
He will come like child.

Das sind so die Augenblicke, wo man das Bodenpersonal des lieben Gottes trotz aller Verfehlungen der Kirche wieder lieb haben muss. Denn dieser Rowan Williams, der 1994 das Gedicht Advent Calendar veröfffentlichte, ist kein einfacher Mr Williams. Er ist der Erzbischof von Canterbury. Dichtende Bischöfe sind ja nicht so häufig - Elizabeth Bishop zählen wir mal nicht mit - vor allem solche, deren Gedichte auch als Gedicht Bestand haben. Und nicht nur gelesen werden, weil man neugierig auf die lyrischen Ergüsse eines Kirchenfürsten ist. Eigentlich sollte hier heute ein Post stehen, der Schweine heißt, aber den fand ich dann am ersten Advent nicht so passend. Obgleich da auch Weihnachten drin vorkommt, aber lesen Sie das in der nächsten Woche.

Unterm Strich



Grafik der Blogger-Seitenaufrufe


Die neue Benutzeroberfläche, die Google seinen Bloggern oktroyiert hat (Neben einigen anderen Google-Produkten hat auch Blogger ein völlig neues Design erhalten. Die neue, klare Benutzeroberfläche soll für eine einfachere Bedienerführung in Ihrem Blog sorgen), hat auch, wie ich jetzt zähneknirschend zugeben muss, einige Vorteile. Vor allem für die Freunde der Statistik. Ich bin zwar überzeugt, dass alle diese Zahlen nicht stimmen, aber jetzt kann man auch sehen, wie häufig ein bestimmter Post vor zwei Jahren gelesen wurde. Und da gibt es etwas Erstaunliches zu vermelden. Wenn ich über James Bond oder Mode schreibe, dann wird das tausendfach gelesen, das ist mir klar gewesen. Aber jetzt kann ich zum ersten Mal sehen, dass Posts zu Malern, Dichtern und Philosophen noch viel, viel  häufiger gelesen wurden. Das gefällt mir natürlich. Ich hätte im November niemals damit gerechnet, dass Gerhard Neumann und Temps retrouvé so viele Leser finden würden. Hier können Sie die Monatsstatistik des Monats November sehen: ein einziger Tag, an dem es nicht mindestens 1.000 Leser gab (wo waren Sie eigentlich am 17.11.?). Damit ist dieser Blogger zufrieden. Denn wie Stendhal schreibe ich für die happy few.

Samstag, 1. Dezember 2012

Ehebruch


In Front des schon seit Kurfürst Georg Wilhelm von der Familie von Briest bewohnten Herrenhauses zu Hohen-Cremmen fiel heller Sonnenschein auf die mittagsstille Dorfstraße, während nach der Park- und Gartenseite hin ein rechtwinklig angebauter Seitenflügel einen breiten Schatten erst auf einen weiß und grün quadrierten Fliesengang und dann über diesen hinaus auf ein großes, in seiner Mitte mit einer Sonnenuhr und an seinem Rande mit Canna indica und Rhabarberstauden besetzten Rondell warf. Einige zwanzig Schritte weiter, in Richtung und Lage genau dem Seitenflügel entsprechend, lief eine ganz in kleinblättrigem Efeu stehende, nur an einer Stelle von einer kleinen weißgestrichenen Eisentür unterbrochene Kirchhofsmauer, hinter der der Hohen-Cremmener Schindelturm mit seinem blitzenden, weil neuerdings erst wieder vergoldeten Wetterhahn aufragte. Fronthaus, Seitenflügel und Kirchhofsmauer bildeten ein einen kleinen Ziergarten umschließendes Hufeisen, an dessen offener Seite man eines Teiches mit Wassersteg und angekettetem Boot und dicht daneben einer Schaukel gewahr wurde, deren horizontal gelegtes Brett zu Häupten und Füßen an je zwei Stricken hing – die Pfosten der Balkenlage schon etwas schief stehend. Zwischen Teich und Rondell aber und die Schaukel halb versteckend standen ein paar mächtige alte Platanen.

In front of the old manor house occupied by the von Briest family since the days of Elector George William, the bright sunshine was pouring down upon the village road, at the quiet hour of noon. The wing of the mansion looking toward the garden and park cast its broad shadow over a white and green checkered tile walk and extended out over a large round bed, with a sundial in its centre and a border of Indian shot and rhubarb. Some twenty paces further, and parallel to the wing of the house, there ran a churchyard wall, entirely covered with a small-leaved ivy, except at the place where an opening had been made for a little white iron gate. Behind this arose the shingled tower of Hohen-Cremmen, whose weather vane glistened in the sunshine, having only recently been regilded. The front of the house, the wing, and the churchyard wall formed, so to speak, a horseshoe, inclosing a small ornamental garden, at the open side of which was seen a pond, with a small footbridge and a tied-up boat. Close by was a swing, with its crossboard hanging from two ropes at either end, and its frame posts beginning to lean to one side. Between the pond and the circular bed stood a clump of giant plane trees, half hiding the swing. 

Manche Bücher gewinnen durch die Übersetzung ins Englische. Weil hervorragende englische Übersetzer sich manchmal weigern, dieses gestelzte Kanzleideutsch, das die deutsche Sprache so häufig auszeichnet, zu übersetzen. Und plötzlich kann man Karl Marx oder Sigmund Freud verstehen, probieren Sie es mal aus! Es gibt aber auch Werke, von denen ein nicht so begabter Übersetzer lieber die Finger lassen sollte. Diese Übersetzung des Anfangs von Effi Briest - und was ist das für ein Romananfang! - stammt von einem Amerikaner namens William A. Cooper. Der Professor von der Stanford Universität hatte 1934 von der Universität Köln einen Ehrendoktor bekommen und fuhr 1938 wieder nach Deutschland, um sich den Verdienstorden vom Deutschen Adler verleihen zu lassen. Das vergessen wir jetzt lieber einmal. Die Übersetzung von Cooper ist auch nicht vollständig, arranged steht vorne auf dem Titelblatt. Ich mag die Übersetzung ganz und gar nicht, ich stolpere schon über das occupied, und the bright sunshine was pouring down ist mir auch zu viel des Guten. Warum müssen die Platanen giant sein, geht es nicht eine Nummer kleiner? Blicken wir mal eben in diesen Text:

To the front of Hohen-Cremmen, country seat of the von Briest family since the time of Elector Georg Wilhelm, bright sunshine fell on the midday silence in the village street, while on the side facing the park and gardens a wing built on at right angles cast its broad shadow first on a white and green flagstone path, then out over a large roundel of flowers with a sundial at its centre and a border of canna lilies and rhubarb round the edge. Some twenty paces further on, corresponding exactly in line and length to the new wing and broken only by a single white-painted iron gate, was a churchyard wall entirely covered in small-leaved ivy, behind which rose Hohen-Cremmen's shingled tower, its weather-cock glittering from recent regilding. Main house, wing and churchyard wall formed a horseshoe, enclosing a small ornamental garden at whose open end a pond and a jetty with a moored boat could be seen, and close by a swing, its horizontal seat-board hanging at head and foot on two ropes from posts that were slightly out of true. Between the roundel and the pond, partially concealing the swing, stood some mighty plane trees.

Dies ist die Übersetzung von ➯Hugh Rorrison und ➯Helen Chambers, die 1996 den Oxford-Weidenfeld Translation Prize knapp verpasst haben (im letzten Jahr ist ihnen das mit ihrer weltweit gelobten Übersetzung von Unwiederbringlich wieder passiert). Penguin hat die Übersetzung von Rorrison und Chambers im Jahre 2000 in der Reihe Penguin Classics auf den Markt gebracht. Sie löste da eine Übersetzung aus dem Jahre 1967 ab, die ich gar nicht so schlecht fand - es ist übrigens die einzige Fontane Übersetzung, die ich ganz gelesen habe. Der Übersetzer war Douglas Parmée vom Queens College, Cambridge. Der hatte während des Zweiten Weltkriegs in Bletchley Park deutsche Codes entziffert, wenn man so etwas kann, kann man bestimmt auch Fontane übersetzen. Sein langes Leben wird von einem Familienmitglied ➯hier gewürdigt, ein Text, den man nur mit Bewunderung für ein Gelehrtenleben lesen kann. Und so gibt es dann zum Schluss auch noch die Übersetzung von Douglas Parmée aus dem Jahre 1967:

In front of the von Briests' house in Hohen-Cremmen--their family house since the reign of the Elector George Wilhelm--the village street lay bathed in the glare of the midday sun, whilst towards the park and gardens, a side-wing, built on at right angles, cast a broad shadow, first on a white and green flagged path and, beyond, on a large round flower-bed with a sundial in the middle and cannas and rhubarb growing round its edge. A dozen yards further on, exactly symmetrical with the wing, ran a churchyard wall with small-leafed ivy growing along its whole length except where it was pierced by a small, white-painted iron gate; beyond the wall rose the tall tower of Hohen-Cremmen, with its shingle roof and its glittering, recently regilded weather-cock. The house, the wing and the churchyard wall formed a horseshoe enclosing a small ornamental garden, open on one side to reveal a little lake and a jetty to which a boat was moored and, close by, a swing with its wooden seat suspended from two ropes at each end; the posts supporting the wooden crossbar were already somewhat askew. Between the lake and the circular bed, however, half hiding the swing, stood a few immense old plane trees.

Ich habe einen Anlass, Sie heute mit ein wenig Effi Briest zu füttern. Denn heute vor 126 Jahren ist der Amtsgerichtsrat Emil Ferdinand Hartwich gestorben. Kennen Sie nicht? Der ist sogar bei Facebook, und da kann man so herrlich schwachsinnige Sätze lesen, wie: Major von Crampas (Emil Ferdinand Hartwich) ist bei Facebook. Um dich mit Major zu verbinden, registriere dich noch heute für Facebook. Wenn Sie immer schon einmal den Verführer von Effi Briest kennenlernen wollten, dann registrieren Sie sich bei Facebook und gehen auf diese ➯Seite.

So ließ er denn die Kränze liegen, wo sie lagen, und vergaß ihrer beinah ganz, als sie gleich danach in einen Straßenteil einbogen, der ihn durch seine bunte, hier und da groteske Szenerie von seinen bisherigen Betrachtungen abzog. Rechts, auf wohl fünfhundert Schritt Entfernung hin, zog sich ein Plankenzaun, über den hinweg allerlei Buden, Pavillons und Lampenportale ragten, alle mit einer Welt von Inschriften bedeckt. Die meisten derselben waren neueren und neusten Datums, einige dagegen, und gerade die größten und buntesten, griffen weit zurück und hatten sich, wenn auch in einem regenverwaschenen Zustande, vom letzten Jahr her gerettet. Mitten unter diesen Vergnügungslokalen und mit ihnen abwechselnd hatten verschiedene Handwerksmeister ihre Werkstätten aufgerichtet, vorwiegend Bildhauer und Steinmetze, die hier, mit Rücksicht auf die zahlreichen Kirchhöfe, meist nur Kreuze, Säulen und Obelisken ausstellten. All das konnte nicht verfehlen, auf jeden hier des Weges Kommenden einen Eindruck zu machen, und diesem Eindruck unterlag auch Rienäcker, der von seiner Droschke her, unter wachsender Neugier, die nicht endenwollenden und untereinander im tiefsten Gegensatze stehenden Anpreisungen las und die dazu gehörigen Bilder musterte. »Fräulein Rosella das Wundermädchen, lebend zu sehen; Grabkreuze zu billigsten Preisen; amerikanische Schnellphotographie; russisches Ballwerfen, sechs Wurf zehn Pfennig; schwedischer Punsch mit Waffeln; Figaros schönste Gelegenheit oder erster Frisiersalon der Welt; Grabkreuze zu billigsten Preisen; Schweizer Schießhalle:

›Schieße gut und schieße schnell,
Schieß und triff wie Wilhelm Tell.‹«

Und darunter Tell selbst mit Armbrust, Sohn und Apfel.

Endlich war man am Ende der langen Bretterwand, und an eben diesem Endpunkte machte der Weg eine scharfe Biegung auf die Hasenheide zu, von deren Schießständen her man in der mittäglichen Stille das Knattern der Gewehre hörte. 

Das ist nun wieder Fontane, wir sind im 21. Kapitel von Irrungen, Wirrungen. Diese Romanstelle zitiere ich - mit dieser schönen Symbolik von Grabkreuzen und dem Knattern von Gewehren - weil hier auf der Berliner Hasenheide der Düsseldorfer Amtsgerichtsrat (und Reserveoffizier) Emil Ferdinand Hartwich in einem Pistolenduell tödlich verwundet wurde. Sein Kontrahent, der Baron Armand Léon von Ardenne, wird zu zwei Jahren Festungshaft verurteilt. Sitzt aber nur achtzehn Tage ab und wird umgehend zum Major befördert. Weil er ein Ehrenmann ist, er wird noch preußischer General werden. Er hatte den Mann, den er erschoss, gut gekannt. Sie hatten sich in Düsseldorf, wo Ardenne anfangs der achtziger Jahre stationiert war, kennengelernt. Im Malkasten, wo der kunstsinnige Baron den begabten Amateurmaler Emil Hartwich traf. Der dann auch gleich ein Portrait von seiner Gattin malte. Das Bild von Wilhelm Schreuer Heitere Runde im Malkasten ist um 1900 gemalt, wäre es zwanzig Jahre älter, könnten Emil Hartwich und Armand Léon von Ardenne mit seiner Frau darauf sein.

Dies ist eine ganze andere ➯Geschichte als die, die Theodor Fontane uns erzählt. Und in dem Roman, der Wirklichkeit heißt, stirbt die Heldin auch nicht an gebrochenem Herzen, da wird sie beinahe hundert Jahre alt. Und der Baron heiratet eine Soubrette und leidet darunter, dass die neue Frau gesellschaftlich geächtet wird. Die Grenze, die Grenze. Wo ist sie? War sie da? War sie schon überschritten? Wenn ich mir seinen letzten Blick vergegenwärtige, resigniert und in seinem Elend doch noch ein Lächeln, so hieß der Blick: 'Innstetten, Prinzipienreiterei ... Sie konnten es mir ersparen und sich selber auch.' Und er hatte vielleicht recht. Mir klingt so was in der Seele. Ja, wenn ich voll tödlichem Haß gewesen wäre, wenn mir hier ein tiefes Rachegefühl gesessen hätte ... Rache ist nichts Schönes, aber was Menschliches und hat ein natürlich menschliches Recht. So aber war alles einer Vorstellung, einem Begriff zuliebe, war eine gemachte Geschichte, halbe Komödie. Und diese Komödie muß ich nun fortsetzen und muß Effi wegschicken und sie ruinieren und mich mit.