Mittwoch, 11. Juni 2014

limited and abstracted art


My limited and abstracted art is to be found under every hedge and in every lane, and therefore nobody thinks it worth picking up; but I have my admirers, each of whom I consider an host, schreibt er an Charles Robert Leslie. John Constable, der heute Geburtstag hat, ist von Beginn an in diesem Blog gewesen.

Ich war gerade mal zwei Monate lang Blogger, als ich John Constables Wolken schrieb (und als ich später einen Blog unter der Adresse nixwiekunst einrichtete, schmückte ich die Seite natürlich mit Constables Wolken). Das damals in dem Post erwähnte Buch von Kurt Badt ist trotz intensiven Suchens bisher nicht wieder unter meinen Büchern aufgetaucht. Auf jeden Fall nicht da, wo es stehen sollte. Dafür steht zumindest das Buch John Constable's Skies: A Fusion of Art and Science von John E. Thornes (das dort und in dem Post Himmel erwähnt wird) an seinem Platz. Der letzte Post, den ich zu Constable schrieb, segelte ein wenig unter falscher Flagge, da er Reynolds heißt. Es lohnt sich aber schon, den zu lesen.

Constable, dem Benjamin West als jungem Mann den Rat gegeben hatte Always remember, sir, that light and shadow never stand still...in your skies... always aim at brightness...even in the darkest effects...your darks should look like the darks of silver, not of lead or of slate, hat lange gebraucht, bis die Engländer seine limited and abstracted art akzeptierten. In Frankreich hätte er schneller berühmt und reich werden können, aber er ist nicht nach Paris gefahren: I would rather be a poor man here than a rich man abroad. I am neither an ambitious man, nor a man of the world. Der französische Schriftsteller Charles Nodier, der in der Royal Academy Bilder von Constable gesehen hatte, schrieb It is water, air and sky; it is Ruysdael, Wouvermans or Constable. Den Namen des Malers Constable kennt man in Frankreich früher als in England, die Maler Eugène Delacroix und Paul Huet, werden alles tun, um den Ruhm des unbekannten englischen Landschaftsmalers zu fördern. Am Ende des Pariser Salons von 1824 verleiht der letzte Bourbonenkönig ihm eine Goldmedaille.

Die Engländer beeindruckt das nicht. Der Kunstpapst John Ruskin schreibt über Constable: And it would tie unjust to English art if I did not here express my regret that the admiration of Constable, already harmful enough in England, is extending even into France. There was, perhaps, the making, in Constable, of a second or third-rate painter, if any careful discipline had developed in him the instincts which, though unparalleled for narrowness, were, as far as they went, true. But as it is, he is nothing more than an industrious and innocent amateur blundering his way to a superficial expression of one or two popular aspects of common nature.

Und dann heißt es irgendwo bei Ruskin auch noch His works are also eminently wanting both in rest and refinement. John Constable musste zweiundfünfzig Jahre alt werden, bis ihn die Royal Academy als Vollmitglied aufnahm. Constable wird 1776 geboren, in dem Jahr sagen sich die amerikanischen Kolonien von ihrem Mutterland los, James Cook bricht zu seiner letzten Weltumseglung auf und Adam Smith schreibt An Inquiry into the Nature and Causes of the Wealth of Nations. Die Industrial Revolution, die das ländliche England bedroht, das Constable malt, hat längst begonnen. Die Romantik auch.

Das 18. Jahrhundert ist in diesem Blog immer wieder erwähnt werden. Dieser kleine Post heute soll darauf vorbereiten, dass demnächst ganz viel zur Kunst und Kultur des 18. Jahrhunderts stehen wird. Und mit ganz viel meine ich auch ganz viel. Ich sollte vielleicht nicht vergessen, die neueste Biographie von Anthony Bailey zu erwähnen. Der hat schon einige Biographien über Maler geschrieben, seine William Turner Biographie Standing in the Sun hat knapp den James Tair Black Memorial Prize verpasst. Und Vermeer: A View of Delft landete nur auf dem zweiten Platz der Whitbread Book Awards. Das will in England viel heißen.

Die Biographie John Constable: A Kingdom of His Own (man kann ➱hier hineinschauen) bietet nichts sensationell Neues, Constables Leben ist, wenn man so will, ein offenes Buch. Seit den Büchern von Charles Robert Leslie (1843 - ➱hier im Volltext) und Sir Charles J. Holmes (1902) ist nicht so furchtbar viel geschehen. Aber es ist die Art und Weise, wie Bailey das Leben von Constable präsentiert, die das Buch zu einem Leseerlebnis macht. Weil Bailey nicht nur Kunsthistoriker, sondern auch ein Erzähler ist. Ich zitiere einmal als Appetithäppchen den Anfang von John Constable: A Kingdom of His Own, mit dem wir in wenigen Sätzen in Constables Welt versetzt werden:

The lane slopes gently from the village to the river, grassed ridge in the middle and wheel-ruts to either side with muddy spots and slithery patches. Gravity makes the feet go faster. On the right the trees in the lane-side hedge are thinning out. Dark furrows in the ploughed field beyond create long converging lines before vaninishing together in the early morning sun. A pheasant whirrs off over a fence to a pasture where cattle are grazing. A bird's nest can be seen; the hedge needs re-laying. The leaves have begun to turn and the last blackberries look dry and dusty. For a moment a prospect opens along the broad valley westward and the grey tower of Stratford church comes into view, marking what is still the highway – Colchester south, Ipswich north, outposts of the metropolitan world. 

Was hier beschrieben wird, ähnelt einer Bildbeschreibung. Charles Darwent schrieb dazu im Independent: He doesn't just describe Constable's pictures, he writes them, each spare word like a stroke of the artist's brush. At the end of 'John Constable: A kingdom of his own', you feel less that you've read a biography than that you've seen a self-portrait - or maybe heard Constable's voice, soft and unadorned like his painting. 'Poema pictura loquens' said Plutarch: poetry is talking pictures. Swap poetry for prose and you get Bailey's drift.

Das erste Buch, das ich vor einem halben Jahrhundert über Constable las, war ein kleiner Band (90 Seiten) in der Humboldt Kunstreihe, der einfach Constable hieß. Damals wusste ich noch nichts von dem traurigen Leben der Autorin ➱Dr Phoebe Pool. Ich habe das Buch beinahe auswendig gelernt, und ich muss sagen, dass es nach fünfzig Jahren immer noch ein sehr gutes Buch ist. Das kann ich über das nächste Buch, das ich damals las, auch sagen. Graham Reynolds' Constable: The Natural Painter ist ein zwar äußerlich ein schmaler Band (142 Seiten), aber das täuscht. Der Inhalt ist schon gewichtig.

Arthur Graham Reynolds, der im Victoria & Albert Museum zuerst Kurator des Department of Prints and Drawings war und dann auch noch Kurator für die Gemälde wurde, ist ein Constable Experte gewesen. Er hat 1960 den zweibändigen Katalog der Constable Collection veröffentlicht. Und danach dieses Buch geschrieben, mit der Souveränität eines Mannes, der alles darüber weiß, worüber er schreibt. Sachlich und unaufgeregt, in gutem Englisch. Das Bild hier von Willy Lotts House musste ich mal eben abbilden. Wenn man den kleinen Hund (der auf den Betrachter zuzurennen scheint, als wolle er ihn begrüßen) genauer betrachtet, besteht er nur aus drei hingetupften Farbflecken. Faszinierend.

Graham Reynolds ist beinahe hundert Jahre alt geworden. Als er Constable: The Natural Painter schrieb, kam eine neue Art der Kunstbetrachtung auf. Alles musste jetzt irgendwie marxistisch und ideologiekritisch sein. Der Gentleman Reynolds (hier ein schönes Photo aus der National Portrait Gallery von Lucy Anne Dickens), der nicht nur elegant gekleidet ist, sondern auch viel von der Geschichte der Mode verstand (er hat den Band Elizabethan and Jacobean, 1558-1625 in der Reihe Costume of the Western World geschrieben), hat diesen Unsinn gehaßt.

Sie können etwas von diesen Auseinandersetzungen - dargestellt an John Bergers Attacke auf Sir Kenneth Clark - in dem Post Gainsborough lesen. Aber seien wir ehrlich, von dem ganzen revolutionären Geschreibsel der sogenannten 68er Revolution ist wenig Substantielles geblieben. Wahrscheinlich wollten wir damals nicht lesen, dass da schon unsichtbar das Verfallsdatum auf den Büchern aufgedruckt war. Das gilt allerdings nicht für die Bücher von Phoebe Pool und Arthur Reynolds, die haben kein Verfallsdatum.

Als der Direktor der National Gallery Charles Saumarez Smith das Buch von Bailey 2006 im Observer rezensierte, schrieb er zum Schluss: What one doesn't gain is any sense of how Constable composed his pictures, how he converted his oil sketches into finished works, how he responded to the landscape of his youth and the extent to which his subject matter was influenced by Tory nostalgia. For a proper understanding of his work, it is better by far to go to the exhibition of Constable's six-footers, now at Tate Britain, and stand in awe at his depiction of the intensity of evening light on the cornfields near East Bergholt. Vielleicht sollte man das machen. Vielleicht sollte man auch die six-footers vermeiden und die ganz kleinen Bilder von dem second or third-rate painter angucken.

Noch mehr Constable: John Constables Wolken, lonely as a cloud, Himmel, Reynolds, Claude Lorrain, Claude, Thomas Girtin, Richard Wilson, Sir William Beechey, Aquarellmalerei, Richard Parkes Bonington, Thomas Girtin, Francis Danby, Kulturwandel, William Turner in Kiel, Caspar David Friedrich, Kreidefelsen, Carl Blechen, Eduard Gaertner, Abstraktion, Johan Christian Clausen Dahl, John Ruskin, Kunst, Le Tréport, John Trumbull, John Hoppner, Gordale Scar, William Etty, Thomas Moran, Thomas Eakins

Montag, 9. Juni 2014

Donald Duck


Ein Freund, der Journalist in Hamburg ist, fragte mich letztens, was mir zu Donald Duck einfiele. Der würde nämlich am 9. Juni achtzig Jahre alt. Mir fiel zu Donald Duck gar nichts ein, die Tage, da ich Mickey Maus Hefte las, sind lange vorbei. Das Buch Die Ducks: Psychogramm einer Sippe von einem Autor der sich Grobian Gans nannte, fand ich mal sehr witzig. Man kann es immer noch kaufen. Ab einem Cent, Enten haben offensichtlich keine Konjunktur mehr. Die Frankfurter Schule, die hier veräppelt wird, auch nicht. Weshalb die amerikanische Ente den ➱deutschen Knabenanzug trägt, das weiß ich bis heute immer noch nicht.

Als Volker mir erzählte, dass er einen Termin für ein Interview mit dem berühmten Donaldisten Hans von Storch hätte, da fiel mir ein, dass ich doch einmal einen wertvollen Beitrag zu der Welt von Entenhausen geliefert hatte. Das stand allerdings schon einmal ➱hier, aber ich kann diesen Post als Lektüre für den heutigen Tag wirklich empfehlen. Ich weiß nicht, ob die Ente namens Donald heute für die Kiddies überhaupt noch eine Bedeutung hat, es soll die Figur ja schon als Videospiel geben. Das Disney Imperium geht mit der Zeit.

Für mich waren Mickey Maus, die Panzerknackerbande und die Bewohner Entenhausen in den fünfziger Jahren, als Frau Dr. Erika Fuchs das anatidaeische Epos ins Deutsche übersetzte, Teil der mich umgebenden amerikanischen Kultur. Wir waren in ➱Bremen als amerikanisch besetzte Enklave ja eine Art amerikanischer Kolonie, da durfte neben Coca Cola und Lebensweisheiten wie Chesterfield machen meine Schwester wild die Firma Disney nicht fehlen.

Erdacht wurde der cholerische Enterich im Matrosenanzug von den Zeichnern des Walt Disney Studios 1934, zur vollen charakterlichen Reife brachte ihn jedoch Carl Barks. Weil Disney seinen Zeichnern nicht erlaubte, ihre Geschichten zu signieren, wurde Barks von seinen Fans einfach 'the good artist' genannt. Barks' zwischen 1942 und 1965 in den USA erschienene Donald Duck Comics prägten das deutsche Donald-Bild stärker als das amerikanische, das auch heute noch von der hektischen Zeichentrickfigur bestimmt ist. Sagt Denis Scheck in seinem wunderbaren Lexikon King Kong, Spock & Drella: Ein amerikanisches TriviaLexikon. Und diese Ente ist nicht von Carl Barks, die ist von dem österreichischen Zeichner Gottfried Helnwein. Der kann so etwas auch. Damit Sie an diesem Feiertag den ersten Auftritt von Donald im Jahre 1934 nicht verpassen, klicken Sie mal eben ➱hier.


Sonntag, 8. Juni 2014

Church Going


Once I am sure there's nothing going on
I step inside, letting the door thud shut.
Another church: matting, seats, and stone,
And little books; sprawlings of flowers, cut
For Sunday, brownish now; some brass and stuff
Up at the holy end; the small neat organ;
And a tense, musty, unignorable silence,
Brewed God knows how long. Hatless, I take off
My cycle-clips in awkward reverence,

Move forward, run my hand around the font.
From where I stand, the roof looks almost new-
Cleaned or restored? Someone would know: I don't.
Mounting the lectern, I peruse a few
Hectoring large-scale verses, and pronounce
"Here endeth" much more loudly than I'd meant.
The echoes snigger briefly. Back at the door
I sign the book, donate an Irish sixpence,
Reflect the place was not worth stopping for.

Yet stop I did: in fact I often do,
And always end much at a loss like this,
Wondering what to look for; wondering, too,
When churches fall completely out of use
What we shall turn them into, if we shall keep
A few cathedrals chronically on show,
Their parchment, plate, and pyx in locked cases,
And let the rest rent-free to rain and sheep.
Shall we avoid them as unlucky places?

Or, after dark, will dubious women come
To make their children touch a particular stone;
Pick simples for a cancer; or on some
Advised night see walking a dead one?
Power of some sort or other will go on
In games, in riddles, seemingly at random;
But superstition, like belief, must die,
And what remains when disbelief has gone?
Grass, weedy pavement, brambles, buttress, sky,

A shape less recognizable each week,
A purpose more obscure. I wonder who
Will be the last, the very last, to seek
This place for what it was; one of the crew
That tap and jot and know what rood-lofts were?
Some ruin-bibber, randy for antique,
Or Christmas-addict, counting on a whiff
Of gown-and-bands and organ-pipes and myrrh?
Or will he be my representative,

Bored, uninformed, knowing the ghostly silt
Dispersed, yet tending to this cross of ground
Through suburb scrub because it held unspilt
So long and equably what since is found
Only in separation - marriage, and birth,
And death, and thoughts of these - for whom was built
This special shell? For, though I've no idea
What this accoutred frowsty barn is worth,
It pleases me to stand in silence here;

A serious house on serious earth it is,
In whose blent air all our compulsions meet,
Are recognised, and robed as destinies.
And that much never can be obsolete,
Since someone will forever be surprising
A hunger in himself to be more serious,
And gravitating with it to this ground,
Which, he once heard, was proper to grow wise in,
If only that so many dead lie round.

Ich wünsche all meinen Lesern ein frohes Pfingstfest. Das Gedicht des Tages ist Philip Larkins Church Going. Sie können es sich auch ➱hier (vom Autor gelesen) anhören. Philip Larkin ist in diesem Blog kein Unbekannter, ich kann die Lektüre von ➱Philip Larkins Rasenmäher und ➱Philip Larkin empfehlen.

Freitag, 6. Juni 2014

Illinois Bunn Special


Diese Taschenuhr gehörte einmal zum Besten, das die amerikanische Firma Illinois in Springfield (Illinois) baute: die Illinois Bunn Special. Es ist heute noch eine Freude, den Boden aufzuschrauben und das Werk zu betrachten. In Amerika legte man viel Wert auf die Verzierung des Uhrwerkes (damaskeened ist hier der englische Fachterminus), das findet man in der Schweiz nicht in dem Maße. Den Schweizern reicht es, das Werk zu vergolden oder zu rhodinieren. Oder man stellt das Uhrwerk aus Neusilber her und poliert das, dann braucht es keine Oberflächenbehandlung. Schweizer Taschenuhren mit kunstvollen Verzierungen sind in den meisten Fällen etwas, was Sammler als Bauerntaschenuhren bezeichnen.

Das sieht dann zum Beispiel so aus. Sicherlich dekorativ, aber es ist ein Werk minderwertiger Qualität, das nur dekorativ verziert wurde. Diese Uhr wird auch niemals die Gangwerte erreichen, die eine Illinois Bunn Special vorweisen konnte. Denn eine Bunn Special ist eine railroad watch, die alle Bedingungen der ➱General Railroad Timepiece Standards von 1893 erfüllte, damit man die 1883 eingeführte ➱Railroad Time einhalten konnte.

Und mit railroad watches sind nun nicht diese billigen russischen Poljot Uhren gemeint, auf deren Zifferblatt Molnija steht und die eine Lokomotive auf dem Bodendeckel haben. In den Uhren tickt ein Uhrwerk, das ursprünglich von der Firma Cortebert stammt. Das im übrigen auch von Rolex verwendet wurde. Auf dieser ➱Seite finden Sie eine Anleitung, wie man aus einem Cortebert Werk ein Rolex Werk macht, eine bei Fälschern sehr beliebte Sache. Für eine alte Panerai mit dem Rolex signierten Cortebert Werk zahlen Sammler -zigtausend Euros (dies hier ist übrigens eine Fälschung), meine Molnija hat mich auf dem Flohmarkt vor zwanzig Jahren zehn Mark gekostet. Ich habe auf diese witzige Sache ➱hier schon vor Jahren hingewiesen, aber das muss den Rolex Fans, die sich jetzt über meinen ➱Rolex Post enragieren, wohl entgangen sein.

Zu den Anforderungen einer railroad watch gehörte: ... open faced, size 16 or 18, have a minimum of 17 jewels, adjusted to at least five positions, keep time accurately to within 30 seconds a week, adjusted to temps of 34 °F (1 °C) to 100 °F (38 °C), have a double roller, steel escape wheel, lever set, regulator, winding stem at 12 o'clock, and have bold black Arabic numerals on a white dial, with black hands. Die Erklärung für dieses Uhren Chinesisch kommt noch. Seien Sie unbesorgt. open faced ist das, was wir im Deutschen als eine Lépine bezeichnen, also eine Taschenuhr, deren Sprungdeckel man nicht wie einer Savonette zuklappen konnte.

Das Zifferblatt ist aus Emaille, genau genommen sind es eigentlich drei verschiedene Zifferblätter, die ineinander gesetzt sind. Das ist ein Qualitätsmerkmal, das man auch bei den Taschenuhren von Lange & Söhne findet. Normalerweise stellt man bei einer Taschenuhr die Zeit ein, indem man die Krone herauszieht oder mit dem Daumennagel auf einen kleinen Knubbel neben der Krone drückt. Bei diesem Modell muss man das Glas abschrauben, um darunter einen kleinen Hebel zwischen der 1 und der 2 herausziehen zu können. Warum diese Konstruktion? Zum einen verhindert sie, dass man aus Zufall die Zeit verstellt. Zum anderen: an einer Uhr, die so genau geht wie eine amerikanische railroad watch (und viele hatten geringere Abweichungen als die erlaubten 30 Sekunden pro Woche), braucht man die Zeit nicht ständig zu korrigieren. Sie können übrigens in diesem ➱Video am Ende die Einstellung der Uhrzeit sehen. Das schöne Werk natürlich auch.

Hier noch einmal eine hübsch verzierte amerikanische Taschenuhr, diesmal eine Elgin. Die dekorativen Verzierungen brauchten nicht zu sei. Wichtiger sind die ➱Breguet Spirale (die alle railroad watches hatten), die Feinregulierung und die Zahnräder aus Gold. Die erkennt man daran, dass die Speichen des Zahnrades rund sind, das hat die Bunn Special auch. Die Taschenuhren von Lange auch. Man geht wohl nicht zu weit, wenn man sagt, dass die Spitzenprodukte der amerikanischen Taschenuhrenindustrie - seien es ➱Howard, Illinois oder Hamilton (meine Hamilton mit dem Kaliber 923 habe ich ➱hier schon einmal erwähnt) - damals qualitativ durchaus vergleichbar waren mit Lange und Patek Philippe. Die Firma Hamilton, die man auch als the Patek Philippe of America bezeichnet hat, wird eines Tages die Firma Illinois kaufen. Man wusste weshalb.

Es sind nicht nur die Spitzenprodukte der führenden Firmen, die mit den besten Uhren aus England und der Schweiz mithalten konnten, auch die preiswerten 7-steinigen Uhren (die bei Elgin immerhin eine Breguet Spirale haben) haben einen hohen Standard. Als der Schweizer Eduard Favre-Perret 1876 im offiziellen Auftrag der Schweizer Uhrenindustrie die Ausstellung zur 100-Jahrsfeier der Unabhängigkeitserklärung in Philadelphia besucht, kann er die Taschenuhren der Firma Waltham (dies hier ist eine Waltham aus dem Jahre 1876) nur in den höchsten Tönen loben.

Was man bei der Waltham oben wegen der Vollplatine nicht sehen kann, wird in diesem Schnittbild einer Elgin deutlich. So sieht das Innenleben einer amerikanischen Taschenuhr aus. Mit Feinregulierung und damaskeening. Nach unbestätigten Angaben soll die Schweizer Delegation damals käsebleich aus dem Saal gewankt sein, in dem Waltham seine Tagesproduktion von 2.000 Uhren präsentierte. Favre-Perret wird eine preiswerte amerikanische Taschenuhr erwerben und sie als warnendes Beispiel in der Schweiz herumzeigen. Der Besitzer der Waltham aus dem Jahre 1876 (oben) schwört im Internet, dass die Uhr genauso gut geht wie seine Rolex. Das wollen wir durchaus glauben.

Die Schweiz hat damals ein wenig die Rolle, die eines Tages China haben wird. Sie stellt (außer Patek oder anderen renommierten Firmen) Billiguhren für den amerikanischen Markt her, die vortäuschen, englische Qualitätsuhren zu sein. Da sind dann weder die Rubis noch die Chatons echt, und die eingravierte Londoner Adresse gibt es auch nicht. Oder man gibt vor, eine amerikanische Marke zu sein. Wie bei dieser Howland Frisco Special. Da hat man noch eine Lokomotive auf die Platine graviert, in der Hoffnung, dass einfältige Wesen dies für eine railroad watch halten. You can fool all the people some of the time, and some of the people all the time, but you cannot fool all the people all the time.

Aber so etwas können die Amerikaner natürlich auch produzieren, dies ist die Geburtsstunde der dollar watches, die Geburtsstunde von Firmen wie Waterbury (die heute Timex heißt) und Ingersoll. Sie selbst können sehen - ohne etwas von Taschenuhren zu verstehen -  dass diese Waterbury Taschenuhr mit der Qualität von Illinois nichts zu tun hat. Eher ist sie so etwas wie die amerikanische Variante der Bauerntaschenuhr. Man könnte an dieser Stelle auch John Ruskin zitieren: There is nothing in the world that some man cannot make a little worse and sell a little cheaper, and he who considers price only is that man's lawful prey. Man weiß nicht, ob das Zitat wirklich echt ist, aber wahr bleibt es trotzdem. Vor allem für amerikanische Billiguhren von Waterbury bis ➱Timex.

Amerikanische Uhren haben andere Maße als Schweizer Uhren. Während die Schweiz die Pariser Linie als Maßsystem verwendet, verwenden die Amerikaner ein Maßsystem aus Lancashire (für Details klicken Sie bitte hier). Das size 16 or 18 in den Anforderungen für eine railroad watch bezieht sich also auf die Größe des Uhrwerks. Ich weiß nicht, ob alle Bunn Specials diesen kleinen Hebel unter dem Glas haben, das liegt daran, dass man in Amerika ein Uhrwerk in einer Vielzahl von Gehäusen verschiedener Gehäusefabriken bekommen kann.

Verwirrend ist auch, dass manche Gehäusefabriken Gehäuse mit einem negativen Aufzug herstellen, bei dem Aufzugwelle und Krone Teil des Gehäuses (nicht des Werkes) sind. Oben auf dem Bild ist die älteste Version des Werks der Bunn Special (wenn Sie einen Blick in die Uhr werfen wollen, klicken Sie ➱hier). Das Werk mit der Vollplatine und der oben liegenden Unruhe erinnert ein wenig an die Spindeltaschenuhren des 18. und frühen 19. Jahrhunderts (hier ein Beispiel), allerdings hält sich diese Bauweise mit der Vollplatine in Amerika relativ lange. Wenn Sie noch mehr von diesen Uhren sehen wollen, dann klicken Sie einmal diese schöne ➱Seite an und gehen zu 'Taschenuhren USA'.

Der Amerikaner ➱Florentine Ariosto Jones wird in seiner Fabrik in Schaffhausen diese Bauweise mit der Vollplatine nicht übernehmen. Er ist nicht nur wegen der niedrigen Löhne für Uhrmacher in die Schweiz gegangen (dass die Schweiz für die USA ein Billiglohnland ist, ist ein Gedanke, auf den wir heute nicht mehr kommen): in ganz Amerika finden sich durch die Vielzahl der Fabrikneugründungen keine Uhrmacher mehr. Sein Kaliber Jones ist ein state of the art Produkt in feinster Vollendung - die Amerikaner tun sich lange schwer, zu dem moderneren Schweizer Klobenwerk zu wechseln, wie es zum Beispiel ➱diese Howard hat. Allerdings hat es bei der IWC später, als Jones nach Amerika zurückgekehrt war, einige Kaliber (die sogenannten Seeland Kaliber) gegeben, die zur Vollplatine zurückkehrten.

Jones ist nicht der einzige Amerikaner, der nach dem Bürgerkrieg in die Schweiz geht. Auch Aaron Lufkin Dennison, den man den Vater der amerikanischen Uhrenindustrie nennt, ist für einige Jahre in der Schweiz, bevor er nach Birmingham geht und die immens erfolgreiche Dennison Watch Case Company gründet. Es kann sogar sein (das ist immer noch nicht geklärt), dass er eine Art Geschäftspartner von Jones gewesen ist. Der dritte Amerikaner, der in der Schweiz Uhren baut, heißt Albert H. Potter.

Der baut die allerschönsten Uhren mit eigenwilligen Kloben und Brücken und vielen technischen Neuerungen. Bei dem Werk oben fällt die ungewöhnliche Feinregulierung ebenso auf wie die Malteserstellung auf dem Federhaus. Das nierenförmige Spiralklötzchen, das non plus ultra der haute horlogerie, brauche ich wohl nicht zu erwähnen. Abgesehen von diesen Meisterwerken stellt Potter unter dem Namen Charmilles Billiguhren her. Dazu fällt mir jetzt nix ein. Sie sollten vielleicht eben noch den Post ➱Charles Fasoldt lesen, in dem Potter schon einmal erwähnt wurde. Wegen der unglaublichen, aber wahrscheinlich wirklich wahren Geschichte darin.

Das Gehäuse meiner Bunn Special ist mit Elgin Giant Watch Case Company bezeichnet, was aber nichts mit der Uhrenfirma ➱Elgin zu tun hat. Dieser Markenname gehört der Firma Illinois, das ist etwas verwirrend. Es gab in Amerika eine beinahe unüberschaubare Zahl von
Gehäusefabriken, für den Einstieg in diesem komplexe Materie gibt es hier eine gute Seite mit vielen Links von der National Association of Watch and Clock Collectors (NAWCC). Wenn man sich mit dem Thema amerikanische Taschenuhren vertraut machen will, dann empfiehlt sich auch die Lektüre von dem fünfbändigen Werk, das Anton Kreuzer über amerikanische Taschenuhren geschrieben hat. Früher wurden die Bände mal preiswert verramscht, heute sind sie eine teure Rarirät.

Auf den Werbeanzeigen der Bunn Special findet sich beinahe immer eine Lokomotive. Der Siegeszug der amerikanischen Taschenuhr und der Eisenbahn, der nach dem Bürgerkrieg beginnt, geht Hand in Hand. Es ist der Siegeszug einer technologischen Umwälzung, die Erhard Junghans dazu bewegen wird, nach seiner Amerikareise 1871 seine Amerikaneruhren anzupreisen. Er meint mit dem Begriff natürlich nicht, dass seine Produkte mit denen von Waltham, Elgin, Hamilton oder Illinois konkurrieren könnten, sondern dass sie nach amerikanischem Prinzip hergestellt wurden (zu dieser revolutionären Veränderung in der Herstellung von Uhren habe ich ➱hier eine sehr gute Seite).

Es ist ein Prinzip, das von Eli Whitney als erstem angewandt und von Aaron Lufkin Dennison auf die Uhrenindustrie übertragen wurde (lesen Sie dazu doch einmal ➱Uhren in Amerika): die vollständige Austauschbarkeit aller Teile und die maschinelle Fertigung aller Einzelkomponenten. Man braucht für die Einzelteile keinen Uhrmacher mehr, ungelernte Arbeiter können jetzt am Band stehen. Lange vor Henry Ford (der am Anfang seiner Karriere auch einmal überlegte, eine Uhrenfabrik zu gründen) hat die amerikanische Uhrenindustrie das Prinzip der Massenfertigung perfektioniert. Die sogenannte cottage industry der Uhrmacherei wird durch die Fabrik ersetzt.

In den zwanziger Jahren wird die Bunn Special etwas modifiziert, sie bekommt nach dem Prestigemodell Sangamo Special (➱hier alles über das Modell) ein Federhaus, das sechzig Stunden Gangdauer garantiert. Man erreicht das mit einer mit einer längeren, dünneren Feder und mit der Lagerung des Federhauses in chatonierten Steinen. Das verschraubte obere Goldchaton kann man hier in der Mitte des Sperrrades rechts deutlich sehen. Normalerweise haben Taschenuhren eine Gangreserve von 40-44 Stunden, wozu die 60 Stunden? Man wird sie nicht ausnutzen, aber wenn man die Uhr täglich aufzieht, ist man immer im optimalen Bereich der Federspannung. Was sich erheblich auf die Ganggenauigkeit auswirkt. Aus diesem Grund wurden in Europa bei der Eisenbahn gerne Uhren mit einem 8-Tage Werk (zum Beispiel von Doxa oder ➱Eterna) als Dienstuhren verwendet. Die allerdings so groß sind, dass sie nicht in die Tasche eines Schaffners oder Lokführers passen.

Neben der Sangamo Special hatte die Firma Illinois auch ein Modell im Angebot, das Abraham Lincoln hieß. Das war kein patriotischer Reklamegag, die Firmengründer Jacob Bunn und John Whitfield Bunn sind Freunde von Abraham Lincoln gewesen. Und haben seine politische Karriere tat- und finanzkräftig unterstützt. Jacob Bunn, der einer der Sargträger bei Lincolns Beerdigung war, ist auch lange Zeit Lincolns Bankier gewesen. Das A. Lincoln signierte Uhrwerk war teurer als das der Bunn Special, die 1925 in der 23-steinigen Version 65.50 und in der 21-steinigen 56 Dollar kostete. Es war aber im Prinzip das gleiche Werk. Es war schon immer etwas teurer, einen amerikanischen Präsidenten zu kaufen.

Wenn Jacob Bunn, Jr. 1926 stirbt, geht eine Familiendynastie zu Ende. Die Firma gerät in finanzielle Schwierigkeiten und wird zwei Jahre später an die Firma Hamilton verkauft. Die verwertet die Restbestände und verkauft immer wieder einmal Uhren mit der Zifferblattaufschrift Illinois. Die Taschenuhrfertigung wird eingestellt, man stellt auf Armbanduhren um, womit Illinois natürlich auch schon begonnen hatte. Hier ein Beispiel für eins der qualitativ hochwertigen Armbanduhrwerke von Illinois, eine Qualität, die übrigens Rolex in der Zeit kaum liefert. Es tut mir leid, das sagen zu müssen, mein Post über ➱Rolex (der in verschiedenen Rolex Foren kontrovers - to say the least - diskutiert wird), hat offensichtlich viele Fans der Marke hart getroffen.

Doch die Firma Hamilton sieht sich zu Beginn der Great Depression gezwungen, den Standort Springfield in Illinois zu schließen. Ein Uhrwerk von Illinois wird Hamilton aber für Jahrzehnte in seiner Produktpalette behalten. Das ist das Hamilton Kaliber 982, ein technischer und optischer Leckerbissen. Ich habe meine Hamilton mit diesem Werk schon in dem Post ➱Artus beschrieben. Wenn Sie wissen wollen, was der sagenhafte König mit der Uhr zu tun hat, müssen Sie das lesen.

In der Woche, in der ich dies schrieb, tickte meine Bunn Special neben mir still vor sich hin. Dafür, dass sie einundneunzig Jahre alt ist, geht sie sehr gut. Sie bummelte etwas, also habe ich sie reguliert. Ich hasse das. Man muss mit einem ganz kleinen Schraubenzieher an dieser klitzekleinen Schraube an der Schwanenhalsregulierung auf dem Unruhkloben drehen. Und die Schraube ist viel kleiner als hier auf dem Bild. Sie können aber auf diesem Photo auch das wunderbare Detail des goldenen Decksteinplättchens für den Anker sehen. Eine Bunn Special sollte nach dem Aufziehen so laufen wie diese ➱Uhr hier. Läuft sie so wie die linke von diesen beiden ➱Uhren, dann muss sie zum Uhrmacher.

Falls ich Sie jetzt auf den Geschmack gebracht haben sollte und sie unbedingt auch so eine Uhr haben wollen: es wird schwer sein, hierzulande eine gute Illinois Bunn Special zu finden. Bei ebay finden sich nur amerikanische Angebote, und da weiß man nie, ob die Uhr überhaupt ankommt. Allerdings habe ich eine in Deutschland in der sehr seriösen Auktion von Dr Ranfft (der ja auch diese einzigartige ➱Seite hat, auf der Sie alle Uhrwerke der Manufakturen sehen können) gefunden. Klicken Sie doch mal ➱hier. Die Uhr hat ein sogenanntes ➱Montgomery Zifferblatt (das sich bei railroad watches häufig findet), das heißt, dass auch die Minuten voll ausgeschrieben sind. Wenn ich nicht schon eine Bunn Special hätte, würde mich das Angebot in Versuchung bringen. Und dann habe ich zum Abschluss noch einen knapp einstündigen Film über die Firma Illinois. Kostet keinen Eintritt, Sie müssen nur ➱hier klicken.

Mittwoch, 4. Juni 2014

Abildgaard


Vor 105 Jahren starb der dänische Maler und Bildhauer Nicolai Abildgaard. Hier ist er als Fünfundzwanzigjähriger auf dem schönen Bild von Jens Juel zu sehen. Der wird ebenso wie Abildgaard Professor an der Kopenhagener Akademie werden. Abildgaard ist in diesem Blog schon in dem Post über ➱Vilhelm Marstrand erwähnt worden. Die Bombardierung Kopenhagens im Jahre 1807 hat er noch miterlebt, aber von dem Bild, das er damals malte, gibt es leider keine Abbildung im Internet. Das ist die zweite Bombardierung der Stadt gewesen, die erste fand 1801 statt. Da war ➱Lord Nelson noch mit dabei. 1807 steht ein ebenso berühmter Engländer vor der Stadt: Arthur Wellesley, den wir besser als den ➱Herzog von Wellington kennen. Aber das ➱Hotel d'Angleterre, in dem William Turner bei seinem Kopenhagen Besuch vielleicht abgestiegen ist (und wo ich einmal ein Omelett gegessen habe), haben die Kopenhagener trotz der  Bombardierung durch die Engländer (allein 14.000 Brandbomben in drei Nächten) nie umgetauft.

Den blinden Sänger Ossian, der in der Hamburger Kunsthalle hängt, hat Abildgaard wie so viele Künstler seiner Zeit auch gemalt. Vor fünf Jahren hat die Kunsthalle Hamburg ihm zu seinem hundertsten Todestag eine Einzelausstellung gewidmet. Und dabei betont, dass er an der Kopenhagener Akademie der Lehrer von ➱Caspar David Friedrich und Philipp Otto Runge gewesen ist. Und vor drei Jahren hatte er ➱hier auch schon einen Post, in dem Sie alles über den in Europa grassierenden Ossianismus lesen können. Sonst gibt es heute nix.


Dienstag, 3. Juni 2014

Ascan Klée Gobert


Es war ein seltsamer Buchtitel: Zacke und Loch. Ich kaufte das Buch sofort. Vor allem, nachdem ich die erste Seite gelesen hatte. Die erste Seite ist immer ein Test, je mehr man gelesen hat, desto mehr versteht man von Literatur. Der Name des Autors war ebenso erstaunlich wie der Buchtitel: Ascan Klée Gobert. Doch den Namen hatte ich schon einmal gehört. Den Namen verband ich zwar nicht mit dem Schauspieler Boy Gobert (dessen Vater er ist), sondern mit einem Zitat über die Insel ➱Helgoland, wo er von der Hauptstraße mit ihren reizvollen Läden voller Reiseandenken spricht: Ihre Pracht hat in meiner Erinnerung den Vorrang vor den Basaren des Orients und den Kaufstrassen europäischer Hauptstädte. Heute würde ihn am Lung Wai nichts mehr daran erinnern. Das Postamt hat dichtgemacht. Aber dafür gibt es jetzt ganz vorne an der Mole eine postmoderne Scheußlichkeit, die Atoll Ocean Resort heißt. Das ist nicht etwa Halunder, die inselfriesische Variante, die die Helgoländer sprechen. Das ist Englisch, man hofft aufs internationale Publikum.

Die Zeiten der Hamburger Patrizier, über die der Ascan Klée Gobert (der ja mit der halben Hamburgischen Kaufmannsaristokratie verwandt war, wie mir die Lektüre von Zacke und Loch zeigte) in seinen Erinnerungen schreibt, kommen nicht wieder. Dass sein Sohn Boy Christian Schauspieler wurde, passte ihm nicht so ganz in das Bild, aber der promovierte Jurist und Kaufmann gab ihm den Rat mit auf den Weg: Tu, was du willst, aber vergiß nie, dass du hier, wo uns jeder kennt, viel eher ein schlechter Anwalt oder Kaufmann als ein schlechter Schauspieler sein kannst. 

Kaum hatte ich Zacke und Loch gelesen, besorgte ich mir antiquarisch alles, was der Hamburger geschrieben hatte. Das ist gar nicht so schwer, seine kleinen Büchlein werden zu Schleuderpreisen gehandelt. Ascan Klée Gobert ist in Hamburg kein Unbekannter, er war Mitglied der ersten Hamburger Bürgerschaft nach dem Zweiten Weltkrieg, Senator und Präses der Kultusbehörde. Er ist Offizier in zwei Weltkriegen gewesen und kommt, wie man dem Buch unschwer anmerken wird, aus der feinsten Hamburger Gesellschaft. 1955 hatte Ascan Gobert beim damaligen NWDR eine zwölfteilige Sendung von vorgelesenen Erinnerungen an das Hamburg vor dem Ersten Weltkrieg gehabt, die soviel Zuspruch von Zuhörern fand, dass sich Gobert zur Veröffentlichung dieser Erinnerungen genötigt sah. Er war darin nicht ungeübt, denn der Jurist und Kaufmann schrieb schon seit 1930 für das Feuilleton der Frankfurter Zeitung und hatte 1937 mit Glück durch Sibylle seinen ersten Roman veröffentlicht. Dem folgten Blaue Tage (1941), Kindheit im Zwielicht (1946), Die schwarze Fähre (1947), Das Gartenfest (1949) und andere kleinere Schriften.

Die Hörer des NWDR, die von der Sendereihe damals so begeistert waren, haben sich nicht getäuscht. Ascan Gobert beschwört eine Welt und eine Gesellschaft wieder herauf, die wir aus den Buddenbrooks kennen. Mit Charme und Humor und durchaus sozialkritischem Ton beschreibt Gobert das Hamburg seiner Jugend. Das natürlich hauptsächlich aus Harvestehude und Blankenese besteht. Wo sich der regionale Hamburger Uradel angesiedelt hat: Kaufleute und Reeder wie die Slomans, Amsincks, Laeiszs und Blohms, Bankiers wie die Lutteroths und Mäzene wie Nicolaus Hudtwalcker, Gründungsmitglied des Hamburger Kunstvereins. Von den 723 Millionären, die 1911 in Hamburg Steuern zahlten, wohnten mehr als vierzig am Harvestehuder Weg, weshalb die Straße im Volksmund auch Straße der Millionäre hieß.

In Blankenese hatte um die Jahrhundertwende Goberts Großvater John Alfred Edye nach dem Tod seines Bruders (der Bankier in New York war) das große Grundstück zwischen Baurs Park und dem Haus des Senators William Henry O’Swald geerbt. Und Sie haben das mit dem O'Swald eben richtig gelesen: die Anglomanie der Hamburger nimmt seltsame Formen an. Als ich vor vielen Jahren in einem verwinkelten Hamburger Antiquariat ein Buch in die Hand nahm, das dem Großkaufmann und Bürgermeister einmal gehört hatte, musste ich angesichts des majestätisch signierten O'Swald ganz unhanseatisch laut lachen.

Ascan Gobert hat die Sommer von 1903 bis zum Ersten Weltkrieg in der Sommerresidenz des Großvaters (der der Mitbesitzer der Sloman Reederei war) verbracht. Die Sommer davor verbrachte er auf dem Gut Lammershagen, dem zweiten Sommersitz von Edye, man lebt im großen Stil: Die Kapitel dieses Buches drängten sich dem Chronisten auf, wenn ihn Absicht oder Zufall im Laufe der Jahre in die räumliche Umwelt seiner Kindheit zurückführten. Seitdem sind manche dieser Stätten in Schutt und Asche versunken. So bestand die Versuchung diesen Umstand zum Ausgangspunkt einer nachträglichen sentimentalen Betrachtung zu machen. Doch wurde davon abgesehen, weil die Vergangenheit auch ohne Merkmale äußerer Zerstörung für immer abgeschlossen war, schreibt Gobert 1946 in Kindheit im Zwielicht. Er schreibt auch: Diese Welt ist untergegangen, darum wurde sie noch einmal mit liebevoller Feder gezeichnet. Trotz des Verzichts auf die Sentimentalität mochten Goberts Zuhörer im NWDR und seine Leser seine Erzählungen von der untergegangen Welt.

Was einst die Welt des regionalen Hamburger Uradels war, wird heute von einer anderen Gesellschaftsschicht bevölkert. Ich weiß nicht, ob die mir lieber sind als die reichen Pfeffersäcke des Fin de Siècle. Also diese Dame hier zum Beispiel vor ihrem Haus in Baurs Park. Sie heißt Ruth Pinnau, und sie hat ihr Leben lang das großartige Werk ihres Mannes ➱gefeiert. Ich zitiere (mit Genuß) aus ihrem Buch Der Sieg über die Schwere: Cäsar Pinnau in meinem Leben: Auf der Brüstung erinnern mich vier die Jahreszeiten symbolisierende Figuren an die Vergänglichkeit unseres Lebens. Ars longa vita brevis. Und so sehr vielleicht der Mensch gemäß der Weisheit des alten Heraklit nur die Existenz einer “Eintagsfliege” führt, so sehr bin ich mir gewiß, daß die architektonische Arbeit meines Mannes den Sturm der Zeiten überdauern wird, eine Kunst, zu welcher ich meinen Teil beitragen konnte, denn ohne weibliche Intuitionen hätte sie wohl weniger diesen Grad an Vollendung erreicht.

Ist Ihnen schon schlecht? Oder vielleicht jetzt, wenn ich jetzt eine architektonische Arbeit von ihrem Gatten Caesar F Pinnau abbilde, die den Sturm der Zeiten nicht überdauert hat? Falls Sie sich an Hitlers Neue Reichskanzlei erinnert fühlen, liegt das daran, dass es Hitlers Neue Reichskanzlei ist. Ich habe über Frau Pinnau schon in dem Post ➱Neubauten gelästert, jetzt reicht es auch. Sie könnten natürlich noch in diesen ➱Blog hineinschauen.

Lassen Sie mich von dieser Welt noch einmal in die Welt der Hamburger Pfeffersäcke zurückkehren. Und in die gute alte Zeit, die wir wir wissen, niemals so gut war, wie sie in erzählerischer Verklärung klingt. Nicht unbedingt bei Ascan Gobert, der beim Schreiben nie vergisst, dass einem Erzähler auch das Mittel der Ironie zur Verfügung steht. So schreibt er 1953 in der Zeit unter dem Titel Unsere alten Familien: In übertragenem Sinne erging es Hamburg wie in einem Fischerdorf, welches als Seebad entdeckt ward und nun ganz natürlich den jüngeren Generationen andere Erwerbsmöglichkeiten und Heiratschancen bietet, zumal wenn der Fischfang beginnt, in den alten Formen nicht mehr alle ernähren zu können. Zur Zeit der Großväter gab es keine freie Berufswahl, sondern einen vorgeschriebenen Lebensweg, den nach zwei verlorenen Kriegen niemand mehr zu weisen vermag. Auch hatte sich das viel mißbrauchte und mißverstandene Wort vom „königlichen Kaufmann“ niemals nach einem fürstlichen Auftreten und Erbe verstanden, sondern nach der souveränen, nicht auf Aktienpakete aufgebauten Handhabung der eigenen Fortune de mer, der Schiffe, Ladungen, Speicher und Plantagen rings um die Welt, die zweimal zerschlagen wurden. Und wenn, um im Bilde zu bleiben, das Boot die Fischerfamilie vom Großvater bis zum Enkel nicht, wie von Gott gewollt, „und unseren lieben Nachbar auch“ ernährt, ja wenn das Boot zusammengelegt, die Hütte verkleinert, das Besteck versilbert wird, dann wird manche Familientradition schon durch Auseinanderlaufen aufgegeben werden müssen, ohne daß, wie bei den „Buddenbrooks“, ein „Verfall“ der Familie einzutreten braucht.

Damit sind wir am Schluß der kleinen Betrachtung noch bei einer Pointe angekommen, welche sie bestätigt. Obwohl es eine ganze Reihe, sogar umfangreicher Hamburger Familienromane gibt, sind die Hamburger „Buddenbrooks“ niemals geschrieben worden, und zwar nicht nur, weil sich der Thomas Mann dafür nicht fand, sondern weil das spezifische Gewicht der althamburgischen Patrizierfamilie zu leicht gewesen wäre, um das Gewicht der Weltstadt, nicht nur der Hafenstadt, zu reproduzieren. Gewogen und zu leicht befunden, das werden viele Hamburger nicht so gerne gelesen haben. Wenn es jedoch einen Hamburger gab, der ein Thomas Mann hätte werden können, dann ist das Ascan Gobert gewesen. Der sich leider auf die kleine Form spezialisierte.

Vielleicht fehlte ihm der lange Atem des Erzählers, um die untergegangene Welt mit liebevoller Feder nachzuzeichnen. Man liest (ich auf jeden Fall) die Beschreibungen untergegangener Welten ja zu gerne. Ob das ➱Proust, ➱Conrad, ➱Faulkner, Joseph Roth, ➱Gregor von Rezzori oder ➱Marga Berck mit ihrem Dommer in Lesmona ist. Ich habe den Erzähler Ascan Klée Gobert schon in mehreren Posts erwähnt. Er taucht in den Posts ➱Gisela von Stoltzenberg, Emily Ruete, ➱Jungfernstieg und ➱Trolleybus auf, heute bekommt er einen eigenen Post. Zwei Leseempfehlungen hätte ich auch. Da ist zum einen die Biographie Umformung der Persönlichkeit von Helmut Stubbe da Luz, zum anderen der von demselben Autor herausgegebene Band Der Zwiebelfisch: Berichte, Erzählungen und Feuilletons eines Hamburger Kultursenators, der die verstreuten Feuilletonbeiträge auf 447 Seiten sammelt.

Aus der Vielzahl dieser Beiträge möchte ich zum Schluss noch einen zitieren. Er heißt Verhexter Dialog und erschien 1948 in der Zeit: Vorgestern begegnete ich einem Hexenmeister oder Zauberer. Wem begegnet man nicht heutzutage? Ich wußte natürlich nicht gleich, daß mein Reisegefährte ein Hexenmeister sei. Zunächst war er nur ein Mann mit grauen Schläfen und roch nach Shagtabak. Erst über einem Gespräch von Normalverbrauchern, Datteln und schwarzer Bratwurst kamen wir auf jenes Märchen von den drei Wünschen, in dem schließlich die Frau, die ihrem Eheliebsten an die Nase gehexte Bratwurst wieder fortwünschen muß, um ihn zu befreien. Bei dieser Gelegenheit deutete er bescheiden an, daß er früher selbst als Hexenmeister gearbeitet habe. „Habe?“ – Ja, sein Berufungsverfahren schwebe. Leider sei er Besenwart der NS-Hexenschaft gewesen. – Nun gibt es in unserer Familie seit Generationen zwei quälende Fragen: Tragen die Schotten Höschen unter ihrem Kilt, und können Hexer immer hexen? Die erste Frage blieb bisher ungelöst, die zweite wurde endlich geklärt. Nein! Hexer können nicht immer zaubern. Mein Hexer erläuterte die Sache sehr hübsch durch einen Vergleich mit anderen Künsten. Wie ein Dichter nicht immer dichtet, ein Komponist nicht komponiert, ein Bildhauer nicht immer meißelt, so sei auch ein Hexer abhängig von Umwelt, Intuition und Stimmung. Es gäbe in der Zauberei ebenso Pechsträhnen, wie anderswo, Haupttreffer und peinliche Mißverständnisse. Dabei zog er mir ganz in Gedanken für eine Mark Kleingeld aus der Nase und steckte es zu sich.
     „Und Was treiben Sie jetzt, wenn ich fragen darf?“
     „Biemistufra“, antwortete er.
      Abrakadabra?“, fragte ich möglichst fachmännisch zurück. Nein! „Biemistufra“bedeute ununterbrochenes und ergebnisloses Hin- und Herfahren zwischen den bizonalen Bürokratien von Bielefeld, Minden, Stuttgart und Frankfurt. Er versuche eine Hexerei-Absatz- und Verbrauchergenossenschaft zu organisieren. Man müsse rechtzeitig neuen totalitären Hexereigelüsten begegnen. Aber er sei optimistisch. Das Wort „Zauberbedarfsträger“ für die im Auftrag des Wirtschaftsrat zu verhexenden Personen sei bereits amtlich genehmigt.
     „Und wie steht es mit Ihnen?“, fuhr er fort und griff uns zwei Chesterfield aus der Luft. „Sehen Sie“, unterbrach er sich selbst, „eine typische kleine Panne, es sollten Navycut sein. – Sie gefallen mir. Hier ist meine Karte. Sobald ich wieder zugelassen bin, melden Sie Ihre drei Wünsche an. Allerdings, ‚Tischleindeckdich‘ ist Mangelware, ‚Papiergeldesel‘ gibt es nur jenseits des Eisernen Vorhangs, und der 'Fliegende Teppich’ bekommt meistens kein ‚Exit‘...“
     „Und wie wäre es mit drei etwas komplizierten Wünschen, welche nicht nur mir, sondern uns allen nützen würden?“ Der Hexer sauste vor Erstaunen einmal zum Abteilfenster hinaus, über das Waggondach und auf der anderen Seite wieder hinein. – „Und das wäre?“ Wollen Sie weiterlesen? Ich könnte wetten, dass Sie das wollen. Klicken Sie einfach ➱hier.