Freitag, 6. Februar 2015

Palladio


Es war kurz vor der Doktorprüfung, als ich den Vortrag eines Professors über Palladios Villa Rotonda besuchte. Der Vortragende würde der Beisitzer in meiner Prüfung sein, das wusste ich schon. Da konnte es nicht schaden, dass ich mich da mal sehen ließ (obgleich ich immerhin schon das ganze Semester lang seine Palladio Vorlesung besuchte). Es war eine Veranstaltung, zu der die Dante Aligheri Gesellschaft eingeladen hatte, die an diesem Abend zu fünfundneunzig Prozent aus älteren Damen bestand. Der Vortrag war ganz nett, es gab viele Farbdias.

Vor einem halben Jahrhundert war man im Fach Kunstgeschichte mit farbigen Bildern in Vorlesungen oder bei Vorträgen nicht so verwöhnt, sie waren meistens schwarz-weiß. Die Glasplatten wurden von der Photographin des Instituts in den Projektor gelegt, wenn der Professor vorne in der Dunkelheit mit dem Stöckchen klopfte. Manchmal legte die Photographin die Platten zum Zorn des Professors auch falsch herum ein. Ein Student am Warburg Institute, der bei seinem Referat die Dias ständig seitenverkehrt einlegte, musste sich von dem berühmten Professor Ernest Gombrich einmal sagen lassen, dass das Leben eines Kunsthistorikers damit beginnt, die Bilder richtig zu präsentieren.

An diesem Abend war aber alles richtig. Doch am Ende des Vortrags wollte der Vortragende seine Ausführungen mit einem Goethezitat beenden, das machte man ja gerne in dieser Zeit. Goethe ist immer gut. Da werden dann meist keine Fragen mehr gestellt. Als er das Bild der Villa Rotonda abgeblendet hatte und im dunklen Saal mephistomäßig nur noch von der kleinen Lampe des Pultlichts erleuchtet wurde, hatte er das Goethezitat verlegt.

Er hat mehrere Minuten hektisch im Lampenschein danach gesucht, das war sehr komisch. Der schöne kalkulierte Goethe Effekt, auf den er hingearbeitet hatte, war zum Teufel. Die Verehrer von Goethe assoziieren bei der Namensnennung der Rotonda immer ihren Lieblingsdichter, das ist wie beim Pawlowschen Hund. Opernfreunde assoziieren mit der Villa vielleicht Joseph Loseys Don Giovanni Film (✺hier ganz zu sehen). Und für die Engländer kann die Villa Almerico Capra wieder etwas ganz anderes bedeuten.

Johann Wolfgang von Goethe hatte sich in Padua eine Faksimile Ausgabe der Quattro libri dell’architettura gekauft und schrieb in das Tagebuch seiner Italienischen Reise: Endlich habe ich die Werke des Palladio erlangt, zwar nicht die Originalausgabe, die ich in Vicenza gesehen, deren Tafeln in Holz geschnitten sind, aber eine genaue Kopie, ja ein Faksimile in Kupfer, veranstaltet durch einen vortrefflichen Mann, den ehemaligen englischen Konsul Smith in Venedig. Das muss man den Engländern lassen, dass sie von lange her das Gute zu schätzen wussten, und dass sie eine grandiose Art haben, es zu verbreiten.

Goethe war von Palladio begeistert, nach der ersten Lektüre der Quattro libri dell’architettura schreibt er an Frau von Stein: Ich sah in Verona und Vicenz was ich mit meinen Augen ersehen konnte, in Padua fand ich erst das Buch, jetzt studier ich's und es fallen mir wie Schuppen von den Augen, der Nebel geht auseinander und ich erkenne die Gegenstände. Und was Goethe sonst noch über die Villa Almerico Capra geschrieben hat, können Sie ➱hier lesen. Falls Sie mal ein Zitat für einen Vortrag über Andrea di Piero della Gondola, den man Palladio nennt, brauchen sollten.

Der Konsul Smith, den Goethe hier erwähnt, heißt Joseph Smith. Er ist Kunstfreund und Kunstsammler (und eine Art Banker für alle Engländer auf ihrer Grand Tour). Er verehrt Palladio, deshalb hat er 1768 dessen Architekturbücher nachdrucken lassen. Schöner als im Original. Auf besserem Papier und mit Kupferstichen statt der originalen Holzschnitte. Das Bild im oberen Absatz hat Smith sich von Antonio Visentini und Francesco Zuccarelli malen lassen. George III hat ihm das Bild 1762 abgekauft. Es sieht aus wie die Villa Rotunda, ist es aber nicht. Diese Photographie des selben Hauses aus den dreißiger Jahren zeigt noch einmal die Villa, die der Rotonda so ähnlich sieht.

Der Landsitz heißt Mereworth Castle, es ist ein beinahe originalgetreuer Nachbau, den Colen Campbell (der Architekt von Lord Burlington) in den 1720er Jahren für den Earl of Westmorland gebaut hatte. Die Palladio Begeisterung der Engländer im 18. Jahrhundert nimmt schon erstaunliche Formen an (der von Thomas Wright 1754-7 gebaute Nuttall Temple wurde leider 1929 abgerissen). Wir können auch sehen, dass Palladios Villa nicht an die Landschaft Venetiens gebunden ist, sie fügt sich ebenso harmonisch in einen englischen Landschaftsgarten (zu dem es hier einen langen Post gibt) ein.

Es ist ein Zusammentreffen von Gegensätzen. Erwin Panofsky hat in einem witzigen Aufsatz mit dem Titel The ideological antecedents of the Rolls-Royce radiator auf die gerade, klare Gliederung der Villen des Palladian Style hingewiesen (und der Rolls-Royce Kühler verdankt Palladio ja auch vieles), die in völligem Gegensatz zu der gewollten Unordnung der Natur des englischen Landschaftsgarten steht.

Die Villa mag italienisch sein, der Garten ist englisch. Und darauf lassen die Engländer nichts kommen. Wie Thomas Gray so schön sagte: The only proof of our original talent in matter of pleasure is our skill in gardening and the laying-out of grounds. And this is no small honour to us, since neither Italy nor France has ever had the least notion of it, nor yet do the least comprehend it when they see it. It is very certain, we copied nothing from them, nor had anything but nature for our model. Dass man die Analogie zwischen Palladio und dem Rolls-Royce Kühler noch weiter treiben kann, hat der Schweizer Photograph Leonardo Bezzola mit dieser Photomontage von Palladios Villa Badoer und dem Kühler eines Rolls Royce Silver Ghost gezeigt. Das ist sicherlich ein wunderbares Beispiel für das, was Aby Warburg mit dem Terminus Bilderfahrzeuge gemeint hat.

Das hier ist auch nicht die Rotonda. Was wie eine missratene Sparversion von Palladios Villa aussieht, ist die Rocca Pisana von Vincenzo Scamozzi (sie ist das Vorbild für den oben erwähnten Nuttall Temple gewesen). Scamozzi stellte nach Palladios Tod noch einige Bauten wie das Teatro Olimpico fertig. Fans von Chief Inspector Morse kennen diesen Bild, weil er In The Death of the Self (✺hier ganz zu sehen) als Begleiter der Sängerin Nicole Burgess im offenen Citroen zu diese Villa fährt (ab Minute 39), die Palladios Rotonda so ähnlich ist.

Er ist als Architekturtheoretiker wohl wichtiger denn als Baumeister, obgleich er sich selbst immer als bedeutender als Palladio empfand. Was er nicht ist. Er kann nicht einmal besonders gut seinen Lehrer imitieren. Hier wurde übrigens die Folge The Death of the Self von Inspector Morse gedreht, nicht in der Rotonda, wie es überall im Internet zu lesen ist. Man darf dem Internet nicht immer glauben. Wenn Morse mit Frances Barber (die eine Opernsängerin spielt) im Citroen DS 19 Cabrio zur Villa hochfährt, dann kann er das nur hier. Bei der Rotonda geht das nicht.

Aber was Scamozzi kann, das haben über die Jahrhunderte viele gekonnt. Es gibt kaum einen Architekten, der so häufig kopiert, imitiert und zitiert wurde wie Andrea Palladio. Man kann immer noch mit den Formelementen seiner Architektur schöne Häuser bauen. Dies hier ist die Kathedrale von Brentwood, 1989 bis 1991 nach Plänen von Quinlan Terry (der schon in dem Post Jacob van Campen erwähnt wird) in Formen der italienischen Renaissance und des englischen Barock erbaut.

Ich weiß nicht, ob dieses postmoderne Zitieren gut oder schlecht ist. Manchmal ist es schlichtweg lächerlich. So wie Philip Johnsons Sony Hochhaus. Aber manche Bauten wirken auch sehr überzeugend palladianisch. So wie diese mit Loggien (die Palladio liebte) versehene Ranch in Montecito. Dort erwartet man normalerweise eher Häuser von Frank Lloyd Wright (der hier einen Post hat), aber nicht Imitationen von Andrea Palladio. Aber irgendwie geht das Ganze harmonisch auf.

Wenn heute die meisten Architekten auf die Bausteine eines Lego Baukastens zurückgreifen, bedienten sich die Baumeister, die eine Wiedergeburt (re-naissance) der Antike wollten, aus dem klassischen Formenkatalog der Antike. Säulen, Tympanon, Portikus und griechische Tempelfronten wurden wieder hervorgeholt. Und das von Palladio gerne verwendete Venezianische Fenster (das auch Palladio-Motiv oder Serliana heißt) geht auf den Triumphbogen zurück (ich habe hier eine interessante Seite des Center for Palladian Studies in America über Palladios Bauelemente). In der Rotonda zieht Palladio alle Register. Normalerweise hat eine Villa eine Schauseite, die Villa Rotonda hat vier. Das Haus ist nach außen gebaut, Schaustück einer Idealarchitektur. Nicht unbedingt zum Wohnen. Just for show. Was Palladio zu den Gardinen in dem Fenster links gesagt hätte, weiß ich jetzt nicht.

Palladio ist der erste, der eine Kuppel (die bei der Rotonda zuerst noch oben offen war) für einen Profanbau verwendet. Es sollte bei aller Begeisterung für Palladios Villen nicht vergessen werden, dass er auch Kirchen gebaut hat. Rudolf Wittkower sagt in seinem Buch Architectural Principles in the Age of Humanism (dt. bei dtv: Grundlagen der Architektur im Zeitalter des Humanismus), dass wir nicht vergessen sollten, dass der Kirchenbau auch einen Einfluss auf die Profanbauten in dieser Zeit hat:

Der Glaube an die Entsprechung von Mikrokosmos und Makrokosmos, an die harmonische Struktur des Weltalls, an die Anschauung Gottes unter den mathematischen Symbolen der Mitte, des Kreises, der Sphäre - all diese eng miteinander verknüpften Gedanken, die ihre Wurzeln in der Antike haben und zu den unbestrittenen Glaubenssätzen mittelalterlicher Philosophie und Theologie gehörten, kamen in der Renaissance zu neuem Leben und fanden sichtbaren Ausdruck in der Renaissancekirche. 

Die von Menschen geschaffenen Formen der Körperwelt waren die Vergegenständlichung mathematischer, der Geisteswelt angehöriger Symbole, und die Verknüpfung zwischen den reinen Vorstellungen der absoluten und der stofflichen Formen der angewandten Mathematik war sinnlich direkt wahrnehmbar. Für die Menschen der Renaissance war diese Architektur mit ihrer klaren Geometrie, ihrer strengen Anmut, ihrem harmonischen Wohlklang und vor allem der Pracht der sphärischen Kuppel, ein Abglanz, ja noch mehr, eine Offenbarung göttlicher Vollkommenheit, Allmacht, Wahrheit und Güte.

Die Tür ist offen, wir können eintreten. Hier in den lichtdurchfluteten Eingangssaal der Villa Cornaro. Die Besitzer erlauben uns das, sie wohnen selbst hier. Dazu später mehr. Ich fange mal mit einigen Büchern zu Palladio an. Und nein, das soll kein ausführlicher Literaturbericht über die Palladio Forschung werden, ich komme mit wenigen Titeln aus. Man braucht sicherlich den Fotobildband A Venetian Concert (mit vier Musik CDs) nicht unbedingt, ich erwähne den nur, weil er mir gerade in die Hand fiel. War für mich eine Erinnerung daran, dass ich endlich über Palladio schreiben wollte.

Meine erste Buchempfehlung ist Lionello Puppis voluminöses Werk Andrea Palladio: Das Gesamtwerk, das bei der Deutschen Verlags Anstalt erschienen ist. Es gibt davon auch eine gekürzte Studienausgabe, aber eigentlich sollte es schon das ganze Buch mit seinen 569 Seiten sein. Stadtpaläste, Landsitze (wie hier die Villa Godi, einer der ersten Bauten von Palladio), öffentliche Gebäude, Brücken, Kirchen und Theater: alles ist hier drin.

Meine zweite Empfehlung ist ein beinahe fünfzig Jahre alter kleiner (195 Seiten) Band aus der Pelican Reihe The Architect and Society, der bis heute nichts von seiner Bedeutung verloren hat. Der Autor James Ackerman geht inzwischen auf die hundert zu, ist aber noch quicklebendig. Er hat eine eigene Internetseite, und Sie können hier mehr über ihn lesen. Und ihn ✺hier in einem Interview aus dem Jahre 2010 sehen. Bei den Feiern zum 500. Geburtstag von Palladio hat Venedig ihn zum Ehrenbürger gemacht (Ehrenbürger von Padua war er schon vorher), und er hat 2008 auch einen Goldenen Löwen bei den Filmfestspielen in Vendig bekommen. Leider ist das Buch vergriffen, aber man kann es noch antiquarisch finden. Die besten Angebote sind zur Zeit bei Booklooker, wo man auch die deutsche Ausgabe dieses Buches findet, die 1980 bei Hatje in Stuttgart erschienen ist.

Meine letzte Literaturempfehlung ist Witold Rybczynskis Das vollkommene Haus: Eine Reise mit dem italienischen Renaissance-Baumeister Andrea Palladio. Es ist ein wunderbares, lebendiges Buch, bei dem man die Begeisterung des Autors für sein Thema spüren kann. Man kann das Buch, das im Original den Titel The Perfect House: A Journey with Renaissance Master Andrea Palladio hat, auch als Reiseführer zu den Villen des Architekten gebrauchen. Das Buch macht deutlich, weshalb dieser Baumeister mit seinen Villen in Venetien in fünfhundert Jahren nichts von seiner Bedeutung verloren hat.

In einem Brief von 1816 schreibt Jeffersons Privatsekretär Isaac A. Coles an John Hartwell Cocke: With Mr. Jefferson I conversed at length on the subject of architecture. Palladio, he said ‘was the bible.’ You should get it and stick close to it… Und Jefferson hat sich bei seiner Villa Monticello auch sehr genau an Palladio gehalten. Vielleicht ist der Einfluss Palladios nirgendwo so groß gewesen wie in Amerika. Wir brauchen nur an das Weiße Haus zu denken. Mehr zu dem Thema findet man in dem vorzüglichen Buch von Baldur Köster Palladio in Amerika. Das habe ich schon in dem Post 18th century: Architecture erwähnt. Und ich habe hier noch einen kleinen ✺Film zu dem Thema, den James Ackerman und John Terry gedreht haben.

Die Villa La Rotonda liegt auf einem Hügel, der Architekt war von der Lage begeistert: Die Lage gehört zu den anmutigsten und erfreulichsten, die man finden kann. Das Haus liegt auf einem leicht zu besteigenden Hügel, der auf der einen Seite vom Bacchiglione, einem schiffbaren Fluß, begrenzt wird, und auf der anderen Seite von weiteren lieblichen Hügeln umgeben ist, die wie ein großes Theater wirken.

Die Straße im Vordergrund des Bildes oben gehörte nicht zur Planung Palladios. Der Fiat 500 auch nicht. In England wäre hier ein großer Landschaftsgarten um einen Landsitz. Und wenn da ein Auto stände, dann wäre es ein Rolls. Und das muss natürlich ein Silver Wraith mit der Karosserie von Hooper sein. Eine von Mulliner Park Ward geht gar nicht.

Ein Kuppelbau (der zuerst oben offen war) in der Mitte, vier identische Portiken drumherum (die Proportionen entsprechen übrigens musikalischen Intervallen). Kann man hier wirklich wohnen? Vitruvs Forderung der utilitas, der Nützlichkeit, scheint Palladio hierbei nicht interessiert zu haben (bei anderen Villen schon). Das ist auch Goethe sofort aufgefallen, wenn er schreibt: hier konnte der Baumeister machen was er wollte und er hats beynahe ein wenig zu toll gemacht... Er hat noch mehr zu kritisieren: Inwendig kann man es wohnbar, aber nicht wohnlich nennen. Der Saal ist von der schönsten Proportion, die Zimmer auch; aber zu den Bedürfnissen eines Sommeraufenthalts einer vornehmen Familie würden sie kaum hinreichen.

Aber Signore Paolo Almerico, der referendario apostolico von Pius IV und Pius V, ist trotzdem hierher gezogen. Er hat aber zu seinen Lebzeiten (ebenso wie der Architekt) die Villa nicht im vollendeten Zustand gesehen. Es sollte nicht verheimlicht werden, dass sein illegitimer Sohn (auch so etwas gibt es bei Klerikern) die Villa (die eigentlich noch eine Baustelle ist) nach dem Tod des Vaters an die Brüder Odorico und Mario Capra verkaufte, weshalb sie manchmal auch Villa Almerico Capra heißt.

Nicht alles an der Architektur einer Villa kann schön sein, versichert uns Palladio im Buch II der Quattro libri dell'architettura: Denn wie auch im menschlichen Körper einige edle und schöne Teile und einige eher unedle und häßliche anzutreffen sind, die für jene offensichtlich außerordentlich notwendig sind und ohne die die ersteren nicht sein könnten, so müssen auch in den Bauwerken neben einigen ansehnlichen und ehrenvollen auch einige weniger elegante Gebäudeteile vorhanden sein, von denen die erstgenannten jedoch nicht unbeeinflußt bleiben können und die so einen Teil ihrer Würde und Schönheit einbüßen. 

Aber Gott der Herr hat die Teile, die am schönsten sind, an jene Stellen gesetzt, auf die der Blick zuerst fällt, die weniger ehrenvollen Teile aber an versteckte Orte. Und so ordnen auch wir beim Bauen die hauptsächlichen und ansehnlichsten Gebäudeteile offen und die weniger schönen an den unseren Augen am verborgensten liegenden Stellen an, damit so alle Häßlichkeiten des Hauses und all jene Dinge, die einen in Verlegenheit bringen und die die schönen Teile häßlich machen würden, untergebracht werden können. Und wenn da mal kein Fenster ist, dann malt Paolo Veronese eins an die Wand.

Viele der Villen Palladios sind nicht einfach eine Casa di Villa, die der Architekt aufs Land versetzt hat, obgleich es diesen Typ natürlich gibt. Viele sind das Hauptgebäude eines landwirtschaftlichen Betriebes (fattoria). Alles, was links und rechts des quadratischen Hauses der Villa Emo ist, gehört zur fattoria. Die beiden Taubenhäuser links und rechts inklusive. In diesem Zusammenhang muss ich mal eben das Wort villeggiatura einführen. Klingt eleganter und eindrucksvoller als Stadtflucht, aber es ist eine Stadtflucht, die Adel und Großbürgertum der Renaissance sich jetzt erlauben. Vielleicht, weil sie auf dem Land ein neues Arkadien zu finden hoffen, wie man es manchmal lesen kann. Vielleicht auch nur, weil sie die Stadt leid sind.

Aber vielleicht eher deshalb, weil man mit dem Bau einer Villa außerhalb von Venedig auch den Machtanspruch auf das Land jenseits der wasserumspülten Lagunenstadt demonstrieren will. Der Beginn für die villegiatura könnte man mit dem Jahre 1433 ansetzen, wo Venedig vom Kaiser Sigismund von Luxemburg die Terraferma als seinen Besitz zugesprochen bekommt. Ein Buchtitel wie Die Villa als Herrschaftsarchitektur macht das deutlich. Das Buch von Reinhard Bentmann und Michael Müller erschien 1970 in Suhrkamps Regenbogenreihe (hier das Cover der Neuauflage bei Syndikat) und hat den Untertitel Versuch einer kunst- und sozialgeschichtlichen Analyse. Die Betonung des letzteren war den Autoren damals wichtig, 1968 war gerade vorbei, da musste eine gesellschaftspolitische Komponente hinein.

Wobei man sagen muss, dass das nicht gerade revolutionär neu war. Dass die Kunstgeschichte etwas mehr als mehr als architektonische Formensprache und emphatische Begeisterung à la Goethe ist, hatte schon die Pelican Reihe mit dem society im Titel der Reihe The Architect and Society deutlich gemacht. Das erkennen Bentmann und Müller auch durchaus an. Ihr wirklich substantielles Buch hat mehrere Auflagen erlebt und wurde in mehrere Sprachen übersetzt. Das Bild hier zeigt die Villa Barbaro in Maser mit den barchessen links und rechts, die natürlich für die fattoria sind.

Das Bild oben über dem Landschaftsbild von Veronese und dieses Bild hier zeigen die Villa Saraceno, die in einem beinahe abbruchreifen Zustand war. 1989 kaufte eine private Organisation das Gebäude und ließ es umfassend von der englischen Firma John Francis Bucknall restaurieren. Der Käufer war kein italienischer Mäzen, keine italienische Organisation, es war ein Engländer. Und hier kommt wieder einmal der Name Smith ins Spiel.

Goethe, der Joseph Smiths Grab auf dem Lido 1786 besuchte, schrieb in seiner Italienischen Reise: Auf dem Lido, nicht weit vom Meer, liegen Engländer begraben, und weiterhin Juden, die beiderseits in geweihtem Boden nicht ruhen sollten. Ich fand das Grab des edlen Konsul Smith und seiner ersten Frauen; ich bin ihm mein Exemplar des Palladio schuldig und dankte ihm auf seinem ungeweihten Grabe dafür. Und nicht allein ungeweiht, sondern halbverschüttet ist das Grab. Das Lido ist immer nur wie eine Düne anzusehen; der Sand wird dorthin geführt, vom Winde hin und her getrieben, aufgehäuft, überall angedrängt. In weniger Zeit wird man das ziemlich erhöhte Monument kaum wiederfinden können. Diesen Giovanni Bellini, der Joseph Smith gehört hatte, kaufte nach seinem Tod ein anderer englischer Kunstfreund und Architekturliebhaber: William Beckford. Der hat ➱hier natürlich einen Post.

Joseph Smith hatte sein Geld im Bankgeschäft gemacht, Sir John Lindsay Eric Smith, CH, auch. Er kommt aus einer Familie von Bankiers, aber er ist auch ein Philantroph und Kunstfreund, der von 1952 bis 1995 einer Vielzahl von Ausschüssen des National Trust angehörte. 1965 gründete er seinen eigenen Trust, den Landmark Trust. Der kümmert sich wie der National Trust um historische Bauwerke. Ist aber ein klein wenig anders: der Landmark Trust lässt Interessenten darin wohnen. Gegen angemessene Bezahlung.

Die Einnahmen wandern nicht in die Tasche von Sir John, damit werden die Unterhaltskosten getragen. Einer der ersten, der sich in der Villa Saraceno einmietete, war der amerikanische Professor Witold Rybczynski, der gerade sein Buch über Palladio schrieb. Und er wollte unbedingt einmal in einer Palladio Villa wohnen. Im Kapitel Palladios Geheimnis von Das vollkommene Haus: Eine Reise mit dem italienischen Renaissance-Baumeister Andrea Palladio hat er darüber geschrieben. Der Landmark Trust hat bei der Gelegenheit auch die zum Landgut gehörenden ehemaligen Bauernhäuser saniert (die allerdings nicht von Palladio entworfen worden waren) und sie als Ferienhäuser eingerichtet. 

Inzwischen ist die Villa (zusammen mit anderen Villen Palladios) zum Weltkulturerbe erklärt worden. Und wenn Sie die Villa buchen wollen, klicken Sie hier. Die Schlafzimmer sind unter dem Dach, da wo früher das Gesinde gewohnt hat. Im Untergeschoss waren Wirtschaftsräume und Weinkeller, das piano nobile war die Bühne für die Repräsentation. Hier könnte ✺Don Giovanni sein Fin ch'han dal vino singen.

Für die Privatinitiative bei der Renovierung einer Palladio Villa hätte ich noch ein anderes Beispiel: Ein Ehepaar aus Atlanta, Carl and Sally Gable, suchte ein Wochenendhaus in den White Mountains von New Hampshire oder in Vermont. Da stieß Sally Gable im New York Times Magazine auf ein Verkaufsangebot für die Villa Cornaro in Venetien. Lassen wir Sally Gable mal eben selbst sprechen:

I begin to thumb the pages where ads appear for grand houses on Long Island and penthouses in Manhattan, and occasionally for summer houses in New England. I have chosen a bad week for New England summer homes, however; not a single one is listed. In the midst of my disappointment, my eye stops at an unusually unattractive ad from a Greenwich, Connecticut, realtor for a villa in the Veneto region of Italy, a villa allegedly designed by Andrea Palladio, the most influential figure in the history of western architecture. Frankly, the whole thing seems implausible, but an interesting coincidence nonetheless. The coincidence lies in the fact that Carl and I had made plans several months earlier for a July visit to the Palladian villas in the Veneto. Our friends from London, Judith and Harold, are to meet us there. With a “Ha!” I show the ad to Carl and tell him that if I don’t find the right spot in New England, we can always settle for our own Palladian villa.

Die Villa Cornaro ist wohl die Villa Palladios, die am längsten im Besitz der Familie des Erbauers war. 253 Jahre gehörte sie den Cornaros, danach drei anderen Familien. Dass während des Krieges hier deutsche Offiziere wohnten, lassen wir mal eben aus. In den 1950er Jahren war die Villa der Kindergarten der Gemeinde. Etwas, wovon Palladio wohl nie geträumt hat. Danach stand sie für Jahre leer. 1969 hat sie Richard H. Rush aus Greenwich (CT) gekauft, der auch ein Buch mit dem Titel Art as an Investment geschrieben hat. Mr und Mrs Rush haben dann in die Villa zwanzig Jahre Arbeit investiert. Sie können hier alles dazu lesen. Es war später gar nicht so leicht, das Objekt wieder loszuwerden. Aber das Ehepaar aus Atlanta schien für das Ehepaar Rush der richtige Käufer zu sein, selbst wenn sie nicht so viel boten wie andere Interessenten.

Die Gables haben die Villa gekauft. Inklusive der Möbel. Sie brauchten nur ihre Zahnbürsten mitzubringen, alles andere war da. Sie haben noch einiges an Arbeit hineingesteckt. Und dabei Italienisch gelernt. Das Ehepaar weiß jetzt alles über Palladio. Carl Gable ist mittlerweile einer der Direktoren des Center for Palladian Studies in America. Seine Frau Sally Gable hat dann ein Buch über das italienische Abenteuer geschrieben (Sie können hier den Anfang lesen): Palladian Days: Finding a New Life in a Venetian Country House. Es ist ein schönes Buch, voll von warmherzigem Humor. Wenn Sally zum ersten Mal nach Venetien fliegt, um sich die Villa anzusehen, sagt ihr Gatte zu ihr: Remember, the lady of a villa is called a villainess.

Etymologisch ist das nicht so ganz richtig, schon im Mittelenglischen, wohin das französische vilein gewandert ist, hat das Wort eine negative Bedeutung (die das französische vilain und das italienische villano ebenso wie das englische villain heute noch haben). Nein, eine villainess finden wir eher in der Gothic Novel, nicht in einer Villa von Palladio. Zwar wurden in dem Year without a summer, Gothic Novels in einer Villa geschrieben, aber die Villa Diodati hat Palladio nicht gebaut.

Die Links im Text sind heute in dem Post das Beste. Lesen Sie auch: Lord Burlington, Inigo Jones, Robert Adam, 18th century: Architecture.

Donnerstag, 5. Februar 2015

Joos de Momper


Da tummeln sich die Schlittschuhläuferauf dem Eis, auf diesem Bild des flämischen Malers Joos de Momper. Der ist am 5. Februar 1635 gestorben, und er hätte es eigentlich verdient, dass man über ihn schreibt. Aber ich habe keine Zeit, ich schreibe noch an diesem dicken fetten Post über Palladio, den ich morgen hier einstellen will. So könnte es bei diesem hübschen Bild und dem Hinweis auf den schönen Post ➱Schlittschuhlaufen bleiben.

Wenn ich da nicht letztens in einem Buch von Anne Duden eine Karte mit diesem Bild von Hendrick Averkamp gefunden hätte: Golfspieler auf dem Eis. Wie abgefahren ist das denn? Ich finde es jetzt, wo man schon seit Jahren nicht mehr richtig Schlittschuhlaufen kann, eigentlich sehr schön, dass der Post Schlittschuhlaufen schon viele tausend Mal angeklickt worden ist. Es ist ein Stück Erinnerung an etwas, was einmal war.

Und so gebraucht der Autor, den ich gerade gelesen habe, auch das Schlittschuhlaufen, wenn er schreibt: Die Landschaft, in der man geboren und aufgewachsen ist, kann man nicht hassen. Sie erscheint wieder in Träumen – die Landschaft der Träume ist die Landschaft der Kindheit, sie ist der Fluss, auf dessen zugefrorener Hälfte, die andere blieb für die Schiffahrt offen, wir des Winters, nicht ohne Gefahr, weit hinaus ins Bruch Schlittschuh liefen. Das Buch heißt Da steht mein Haus: Erinnerungen. Geschrieben hat es Hans Keilson, der an der Oder aufgewachsen ist, aber den größten Teil seines Lebens in Holland verbracht hat. Es ist ein kleines Buch nach der Zahl der Seiten, aber ein großes Buch nach dem Gehalt. Und es ist sprachlich ein Zauberwerk, das ganz schlicht und einfach daherkommt: die Landschaft der Träume ist die Landschaft der Kindheit.

Er muss die Landschaft der Träume, die Landschaft der Kindheit verlassen. 1933 erschien sein Roman Das Leben geht weiter beim S. Fischer Verlag. Er war der letzte jüdische Autor des alten Samuel Fischer. Gerade noch zeitig genug, um verboten zu werden, hat er mit seinem typischen Humor später über seinen Romanerstling gesagt. Hans Keilson emigriert nach Holland. Als die Nazis auch in das Land von Joos de Momper und Hendrick Averkamp einfallen, geht er in den Untergrund. Nach dem Krieg behandelt der Arzt und Psychoanalytiker traumatisierte jüdische Kinder. Dr Hans Keilson hat ein anderes Leben als ➱Dr Gottfried Benn.

Da steht mein Haus: Erinnerungen ist ein Buch, das auf den Lehrplan von Schulen gehört. Francine Prose von der New York Times hat Keilson 2010 one of the world's greatest writers genannt. Da war Keilson gerade 101 Jahre alt geworden (er wollte gerne älter als Leni Riefenstahl werden, er hat es geschafft). Und da fühlte er sich nicht mehr als Deutscher: In der Fremde zu Hause — man hat mich oft gefragt, wie ich zu diesem paradox erscheinenden Bild gelangte. Meine Antwort war, dass ich hier, in Holland, schließlich meine Arbeit gefunden hätte, nicht irgendeine, sondern meine Arbeit, mit Kindern und Erwachsenen, mit Überlebenden der Besetzung, Verfolgung und Deportation, mit Juden und Nicht-Juden.

Mittwoch, 4. Februar 2015

die lieben, nie zahlenden Griechen


Vor vielen Jahrzehnten fiel mir unter den Büchern meines Großvaters eine kleine graue Broschüre in die Hand, deren Titel die Frage behandelte, ob man seine Schulden bezahlen müsse. Ich glaube der Verfasser war Heinrich Brüning. Oder war es Stresemann? Ich versuchte den Text zu verstehen, aber ich war damals zehn Jahre alt und wusste nichts von den Finanzproblemen Deutschlands nach dem Ersten Weltkrieg. Heute haben andere diese Probleme. Der neue griechische Finanzminister hat Deutschland an den Zwangskredit von rund 480 Millionen Reichsmark erinnert. Nach Meinung der heutigen deutschen Regierung sind jedoch alle Reparationsforderungen obsolet. Man hält sich da sehr bedeckt.

Ich kann dazu nichts sagen, ich hatte noch nie Schulden. Ich zahle immer gleich. Ich war auch noch nie in Griechenland. Wenn ich es mir recht überlege, war ich auch noch nie beim Griechen. Ich kenne zwar nicht so viele Käsesorten wie Ulrich Wickert, aber ich liebe Käse. Außer griechischem Schafskäse. Ich habe auch noch nie Ouzo getrunken. Ein schottischer Single Malt reicht mir aus. Aber ich hatte gestern sozusagen meinen griechischen Tag. Am frühen Morgen las ich in der Zeitung die Sache mit den griechischen Entschädigungsforderungen. Und da stand der schöne Satz 'Die Reparationsfrage hat ihre Berechtigung verloren', hieß es in einer Stellungnahme des Bundesfinanzministeriums. Und mit dem Satz war der Artikel leider zu Ende. Wir können uns aber noch gut daran erinnern, dass Herr Pofalla die ➱NSA Affäre mit den Worten Die Vorwürfe sind vom Tisch für beendet erklärte. War sie nicht. Ich glaube, die ganze Sache mit den Reparationsforderungen ist auch noch nicht zu Ende.

Am Nachmittag war ich mit einer hübschen blonden jungen Dame in der Kunsthalle. Wir haben uns die Ausstellung Sterne fallen: Von Boccioni bis Schiele. Der Erste Weltkrieg als Ende europäischer Künstlerwege angeschaut (dieses Bild ist von Albert Weisgerber, der ➱hier einen Post hat, ein Selbstbildnis in Uniform). Meine Begleiterin hat mit ihrem Handy photographiert, wurde aber irgendwann von einer Aufsichtsperson dahingehend belehrt, dass man das nicht dürfe. Ich fragte, ob man mit einer Leica photographieren dürfe. Durfte man auch nicht. Darf man in vielen Museen der Welt, weil die ➱Leica so leise ist. Ich habe vor vielen Jahren mal ➱Günter Grass in der Kunsthalle mit meiner alten Leica photographiert. Der Direktor ➱Jens Christian Jensen hatte nichts dagegen.

Aber heute ist alles anders. Das sei wegen des Copyrights an den Bildern, sagte die Dame von der Aufsicht. Über diese Damen kann ich nichts sagen, sie entsprechen in den meisten Fällen nicht jener Frau, die Joseph von Westphalen im Kapitel Die Museumswärterin seines Buches Zur Phänomenologie des arbeitenden Weibes beschreibt. Das Copyright an Bildern, ja. Das ist das, wofür vor hunderten von Jahren William Hogarth gekämpft hat. Da war der Kampf ja berechtigt. Aber heute? Im Zeitalter der technischen Reproduzierbarkeit des Kunstwerkes? Wo wir in der Bilderflut des Internets ersaufen? Wahrscheinlich ist es deshalb verboten, weil es von diesen Bildern noch keine Bilder gibt.

So als ob es noch keine einzige Aufnahme von einer Opernsängerin gäbe, und man die heimlich aufnimmt. Wie der junge Mann im Film Diva, der verbotenerweise Wilhelmenia Wiggins Fernandez mit einem Tonbandgerät aufnimmt, wenn sie die Arie Ebben? Ne andrò lontana aus Catalanis La Wally singt (klicken Sie ➱hier, und lesen Sie den Post ➱Geier-Wally). Also das Photo von dem Gemälde da oben ist heimlich und verbotenerweise gemacht worden. Ich weiß nicht einmal, wer der Maler und wer der Abgebildete ist.

Die Ausstellung war nicht so großartig. Viele Namen, die die gleiche Zeit verbindet, aber nichts von der Wirklichkeit des Krieges. Leider war die ständige Sammlung für diese Ausstellung so gut wie weggeräumt worden. Durch die Neo Rauchs, Baselitze und Richters komme ich immer schnell durch.

Aber ➱Johan Christian Dahls Hafen von Kopenhagen war glücklicherweise da, und meine Begleiterin entdeckte zu ihrer Begeisterung die Frau, die man einmal für ➱Anna Karenina hielt. Nach der Ausstellung schleifte ich sie in die Antikensammlung. Über die schwarzgrundigen attischen Tonvasen will ich jetzt nichts sagen, das steht schon in dem Post ➱Kurt Denzer. Aber die Abgüsse vom ➱Parthenon mussten unbedingt sein: So do these wonders a most dizzy pain, That mingles Grecian grandeur with the rude Wasting of all time – with a billowy main, A sun, a shadow of a magnitude. Und ich musste natürlich erwähnen, dass ➱Lord Byron, der die bösen Verse gegen ➱Lord Elgin schrieb, mit dem gleichen Schiff nach England zurückkehrte, in dem der griechische Marmor transportiert wurde.

Als ich nach Hause kam, entdeckte ich in den E-Mails noch etwas Griechisches. Mein Freund Ekke Dahle (den Sie noch aus dem ➱Post Pudete, cuniculi kennen) hatte mir eine Mail geschickt, die ein Zitat aus Fontanes Stechlin (der ➱hier einen Post hat) enthielt: Das Beste vom Parthenon sieht man in London und das Beste von Pergamum in Berlin und wäre man nicht so nachsichtig mit den lieben, nie zahlenden Griechen verfahren, so könnte man sich (am Kupfergraben) im Lauf des Vormittags in Mykenä und nachmittags in Olympia ergehen. So steht es im 35. Kapitel von Der Stechlin. Der Herausgeber der Nymphenburger Ausgabe kommentierte das 1954 so: Anspielung auf die Tatsache, daß die griechische Regierung wiederholt die Zinsauszahlung für ihre Auslandsanleihen einstellte. Ich holte meine Ausgabe des Aufbau Verlags aus dem Regal. Wo der immer zuverlässige Gotthard Erler etwas ganz anderes sagte: Anspielung auf den Staatsbankrott des Königsreichs Griechenland (1893).

Übrigens haben die lieben, nie zahlenden Griechen bis zum deutschen Einmarsch 1941 alle vereinbarten Zins- und Tilgungsraten des Staatsbankrotts von 1893 gezahlt. Darüber sollte die deutsche Regierung mal nachdenken.

Montag, 2. Februar 2015

Jacob van Campen


Es gab etwas viel Mode in den letzten Tagen mit den Posts ➱Damenmode, ➱Ermenegildo Zegna und ➱Cinecittà und die Mode. Da dachte ich mir, ich schaue mal, welche Maler bei Wikipedia am 2. Februar auftauchen. Fand Govaert van Flinck, aber der hatte gerade einen ➱Post. Also nahm ich den Niederländer Jacob van Campen, der heute vor 420 Jahren in Haarlem geboren wurde. Auf diesem Bild hat er den berühmten Constantijn Huygens (dessen Sohn Christiaan die Pendeluhr erfunden hat) mit seiner Frau Suzanna van Baerlec gemalt. Mit Huygens, der auch eine Vielzahl von Gelegenheitsgedichten auf van Campen geschrieben hat, ist Jacob van Campen befreundet gewesen. Und durch die Vermittlung von Huygens bekam er auch zahlreiche Aufträge. Das Bild, das ungefähr 1635 gemalt wurde, hängt heute im Mauritshuis in den Haag. Was sehr passend ist, denn Jacob van Campen ist nicht nur Maler, er hat auch das Mauritshuis gebaut.

Im Mauritshuis (hier auf einem Bild von Bartholomeus Johannes van Hove), das eins der schönsten holländischen Museen ist, hängt natürlich auch die ➱Stadtansicht von Vermeer, die Proust in seinen Roman hinein geschrieben hat. Und das ➱Mädchen mit den Perlenohrringen hängt hier auch. Jacob van Campen hatte bei dem Bau für den Fürsten Johan Maurits einen Gehilfen, den jungen Maler und Architekten Pieter Post. Der hat den Fürsten auch zusammen mit seinem Bruder Frans Post nach Brasilien begleitet, und in Mauritsstadt (dem heutigen Recife) Kirche und Befestigungsanlagen entworfen. Und Frans Post malt sich durch ➱Brasilien.

Jacob van Campen kam aus dem niederländischen Adel und war zeitlebens finanziell unabhängig. So konnte er seine Ideen von der Architektur umsetzen, ohne allzu sehr von den Auftraggebern abhängig zu sein. Wie zum Beispiel dieses Gebäude, das Koninklijk Paleis Amsterdam, das manchmal auch Paleis op de Dam heißt. Hier ist es von Gerrit Adriaenszoon Berckheyde gemalt, einem Harlemer Maler, der sich auf Stadtansichten spezialisiert hatte.

Für den Dichter Joost van Vondel war das Bauwerk das achte Weltwunder, wie er in seinen Versen für die Grabplatte van Campens schrieb:

Op Jacob van Kampen.
Heer van Ranbroek, Bouwmeester en Schilder

d'Aerts Bouheer, uyt de Stam
Van Kampen rust hier onder,
Die 't Raadthuys t'Amsterdam
Gebout heeft, 't achtste wonder.

Herr von Randenbroek bei Amersfoort ist van Campen gewesen, er hatte das Gut geerbt. Die Gemeinde wirbt heute mit den ➱Worten De Michelangelo van Amersfoort. Aber das ist wohl ein wenig zu viel des Guten.

Auf diesem von Johannes Lingelbach gemalten Bild ist das stadhuis noch nicht ganz fertig. Der Bau scheint die holländischen Maler fasziniert zu haben, wir haben ➱hier noch einmal eine Ansicht von Jacob van der Ulft. Jacob van Campen gilt als der Überwinder der holländischen Renaissance, weil er ein wenig italienischen Klassizismus nach Holland brachte. Er hatte in Rom studiert und war danach von 1615 bis 1621 noch einmal in Italien gewesen.

Nach seiner Rückkehr entwarf er im Jahre 1625 das Haus für die Brüder Coymans in Amsterdam, bei dem bereits die Einflüsse der Proportionslehre des berühmten Andrea Palladio zu sehen sind. Der hat leider in diesem Blog immer noch keinen Post, aber er wird immer wieder erwähnt. Testen Sie mal das Suchfeld.

Von all den Posts, in denen er erwähnt wird, ist der mit dem Titel ➱Oskar ein Renner. Ich weiß nicht so ganz, weshalb es keinen Palladio Post gibt. Ich habe aber beschlossen, endlich einmal über ihn zu schreiben und habe schon einen Post, der unter Entwürfe liegt, mit Andrea Palladio betitelt. Und auch schon angefangen zu schreiben. Wenn ich ehrlich sein soll, ist der Post ➱➱Palladio in wenigen Tagen schon ganz schön lang geworden.

Von der Baukunst der holländischen Renaissance haben auch wir in Deutschland etwas abbekommen. Ich bilde mal eben die Traufenseite des Bremer Gewerbehauses ab (ich hätte auch das Bremer ➱Rathaus nehmen können), ein architektonisches Kleinod. Was man da links im Hintergrund sieht, ist das Hochhaus des Bekleidungsgeschäfts Finke: Das Gebäude entstand auf Wunsch der Stadtplanung als elfgeschossiges Hochhaus, um am Ende der Obernstraße die optische Funktion des zerstörten Turms der Ansgarikirche zu übernehmen... Das Verhältnis zu dem benachbarten historischen Gewerbehaus, dessen freigestellte Südseite von einem translozierten Giebel geschmückt wird, empfand man als gut verträgliches Nebeneinander von alt und neu. Das Hochhaus kragt über dem Erdgeschoss aus, tritt vor die Fluchtlinie der Nachbarbebauung und untergliedert wirkungsvoll den lang gezogenen Straßenraum der Obern-/Hutfilterstraße.

Klingt immer schön, wenn die Stadtplaner ihre Gedanken formulieren. Vor das Gewerbehaus wurde eines Tages das scheußliche Hertie Gebäude gesetzt, gegen das das Finke Hochhaus geradezu zierlich wirkte. Hertie ist inzwischen abgerissen und durch das noch scheußlichere Bremer Carree ersetzt worden. Wenn es um die Verhunzung der Stadtarchitektur geht, dann sind wir sicherlich Weltmeister. Die Krankheit unserer heutigen Städte und Siedlungen ist das traurige Resultat unseres Versagens, menschliche Grundbedürfnisse über wirtschaftliche und industrielle Forderungen zu stellen, hat Walter Gropius gesagt.

Das Bremer Carree hat ungefähr die gleiche Schönheit, die dieses Nordlicht in Kiel neben der Nikolaikirche hat (dazu gibt es ➱hier einen etwas gehässigen Post). Wenn alte Bauwerke neben neuen Zweckbauten stehen, fordern sie auch einen Vergleich heraus. Der englische Architekt John Quinlan Terry hat Häuser geschaffen, die modernen Ansprüchen genügen und dennoch Formen und Proportionen haben, die Palladio und Jacob van Campen gefallen hätten. Er wird ➱hier schon einmal im Blog erwähnt, uns Sie könnten sich jetzt eigentlich noch dieses ➱Video anschauen.

Wir lieben ja die klassische Architektur um so mehr, je mehr wie die neue Architektur hassen. Und wer hat das schöner gesagt als ➱Tom Wolfe, der in seinem polemischen ➱Buch From Bauhaus to Our House die richtigen Worte dafür findet? O beautiful, for spacious skies, for amber waves of grain, has there ever been another place on earth where so many people of wealth and power have paid for and put up with so much architecture they detested as within thy blessed borders today?
        I doubt it seriously. Every child goes to school in a building that looks like a duplicating-machine replacement-parts wholesale distribution warehouse. Not even the school commissioners, who commissioned it and approved the plans, can figure out how it happened. The main thing is to try to avoid having to explain it to the parents.

Every new $900,000 summer house in the north woods of Michigan or on the shore of Long Island has so many pipe railings, ramps, hob-tread metal spiral stairways, sheets of industrial plate glass, banks of tungsten-halogen lamps, and white cylindrical shapes, it looks like an insecticide refinery. I once saw the owners of such a place driven to the edge of sensory deprivation by the whiteness & lightness & leanness & cleanness & bareness & spareness of it all. They became desperate for an antidote, such as coziness & color. They tried to bury the obligatory white sofas under Thai-silk throw pillows of every rebellious, iridescent shade of magenta, pink, and tropical green imaginable. But the architect returned, as he always does, like the conscience of a Calvinist, and he lectured them and hectored them and chucked the shimmering little sweet things out.

Die Bauten in Deutschland, die von der holländischen Renaissance Architektur beeinflusst wurden, fallen bei uns unter den Begriff Weserrenaissance. Der junge Helmut Schmidt hat nach einer Klassenfahrt nach eigenem Bekunden auch einmal einen Aufsatz über die Weserrenaissance in Hameln und Bückeburg geschrieben (So habe ich als Tertianer, also mit 13 Jahren, eine Arbeit über die Weser-Renaissance verfasst), aber der ist der Forschung leider nie zugänglich gewesen. Ich nehme an, dass das Hamelner Hochzeitshaus in seiner Arbeit vorgekommen ist.

Nach jahrelangen  Bemühungen hat man 1986 im ➱Schloss Brake bei Lemgo (Bild) eine zentrale Einrichtung für die Erforschung der Weserrenaissance geschaffen. Die Kunstgeschichte hat den Begriff Weserrenaissance seit etwa 1912 verwendet, hat ihn aber eher in Anführungsstrichen versehen. Man hat sich nicht ernsthaft und systematisch um Begriffsklärung und um die Erforschung der nordwestdeutschen Architektur der Renaissance bemüht. Seit der Gründung der Schriften des Weserrenaissance-Museums Schloss Brake ist alles anders geworden. Leider sind diese ➱Schriften eher etwas für Kunsthistoriker als für den interessierten Laien.

Für die bleibt der Klassiker zu diesem hochinteressanten Thema dieser regionalen Sonderrenaissance der hervorragende Photoband Die Weserrenaissance von Herbert Kreft und Jürgen Soenke. 1964 im Verlag CW Niemeyer in Hameln erschienen. Es gibt hiervon auf dem Amazon Marketplace erstaunlich viele preisgünstige, ja geradezu spottbillige Exemplare. Erstklassige Schwarzweißphotographie, alles mit einem tilt-and-shift Objektiv (oder einer Linhof Technica) aufgenommen: keine stürzenden Linien. Und immer zu Tageszeiten photographiert, an denen keine Schlagschatten das Bild der Architektur beeinträchtigen. Als Architekturphotographie ist der Band ein optisches Fest.

Er hat erstaunliche Dinge gebaut, dieser Jacob van Campen. Gerade klare Linien, schöne Proportionen. Auch nach Jahrhunderten noch eine Freude für die Augen. Und bewohnbar. Hier das Paleis Noordeinde, in dem das Königshaus wohnt. Sein Gehilfe bei dem Bau ist wieder Pieter Post gewesen. Campen ist aber nicht der erste, der Palladios Gedanken nach Nordeuropa bringt, das Verdienst muss man Inigo Jones lassen (der ➱hier einen Post hat). Manche Kunsthistoriker spekulieren mit dem Gedanken, dass der zwanzig Jahre jüngere Holländer die Bauten des Engländers gekannt haben könnte. Sicherlich kann man auch Verbindungen zwischen Inigo Jones und dem Architekten Hans van Steenwinkel zeigen, da beide zur gleichen Zeit für den dänischen König gearbeitet haben

Von Jacob van Campens Theater (dem ersten Theater der Niederlande), der Schouwburg in Amsterdam, ist außer dem Eingangstor nichts übrig geblieben. Dort kann man in goldenen Lettern die Verse De wereld is een speeltoneel, elk speelt zijn rol en krijgt zijn deel von Joost van Vondel lesen. Das klingt ein wenig so wie Shakespeares All the world's a stage, And all the men and women merely players. Die europäische Kultur besteht daraus, dass jeder von jedem klaut.

Sonntag, 1. Februar 2015

Nationalgericht


Manche Leser werden sich gefragt haben: wann gibt es hier endlich wieder den Post Kohl und Pinkel? Der kommt doch jeden Winter einmal. Kommt auch. Heute. Da steht Grünkohl nämlich bei mir auf dem Mittagstisch, ohne Pinkel, weil es den hier oben nicht beim Schlachter gibt. Falls Sie sich jetzt an dem Wort Pinkel stoßen sollten, in Bremen heißt das Bremer Nationalgericht wirklich so. Und da jetzt gerade wieder die Zeit für die massenhaft stattfindenden Kohl- und Pinkelfahrten gekommen ist, habe ich mich entschlossen, meinen Lesern noch einmal das kleine Kapitel aus meinen Bremensien zu spendieren. Wenn Sie das gelesen haben, wissen Sie alles über Kohl und Pinkel.

Grünkohl für Holland heißt ein Theaterstück von Otto Jägersberg. Der Autor hat sich mal vor dem Straßenschild der gleichnamigen Kieler Straße Jägersberg photographieren lassen und dann scherzhafterweise behauptet, sie sei nach ihm benannt. Kann man noch auf Diogenes Paperbacks aus den siebziger Jahren sehen. Ich habe alles gekauft, was Otto Jägersberg geschrieben hat, habe es gelesen und im Regal stehen. Das habe ich nur von wenigen deutschen Autoren gemacht, die mein Leben begleitet haben: Rolf Dieter Brinkmann, Uli Becker und Arno Schmidt. Arno Schmidt hat nette Dinge über den ersten Roman von Jägersberg gesagt, und wenn Diogenes einen als Autor nimmt, dann kann man nicht ganz schlecht sein. Jägersberg ist so alt wie ich, er kommt aus Westfalen. Wie Uli Becker. Und die Gegend, wo Brinkmann herkommt, ist ja eigentlich auch schon Westfalen. In Jägersbergs ersten Romanen habe ich in Diktion und Akzent die ganze Verwandtschaft von Oppa wieder reden hören. Irgendwann hat Jägersberg aufgehört zu schreiben, er hat noch Drehbücher geschrieben und ich habe mal im Nachtprogramm des Fernsehens einen Film über Mode von ihm gesehen. Aber er schreibt leider nicht mehr so tolle Dinge wie Weihrauch und Pumpernickel, Nette Leute oder Grünkohl für Holland. Das hat er selbst fürs Fernsehen inszeniert, die ARD hat es am 5.6.1973 um 21 Uhr gezeigt. Das war ein Dienstag, ich weiß das noch, weil ich mir in jener Woche am Freitag beim Fußball den Daumen gebrochen habe.

Grünkohl für Holland gehört mit zwei anderen Stücken zu einem kleinen Band, der Cosa Nostra: Drei Stücke aus dem bürgerlichen Heldenleben, heißt. Die Stücke haben viel gemeinsam, aber nur in einem wird über Grünkohl geredet. Die da reden, haben keine Namen, sie heißen SIE und ER. Eigentlich haben sie eine Ehe- und Lebenskrise, aber sie reden die ganze Zeit über übers Essen. Das absurde Theater hat die deutsche Küche erreicht. Das Stück ist eine Kreuzung aus Beckett und Loriot. Der wird das sicher gelesen haben, denn sein Schwiegersohn ist der Cheflektor von Diogenes. Jägersberg hatte der Verlagschef Daniel Keel schon Anfang der sechziger Jahre entdeckt und sofort Weihrauch und Pumpernickel: Ein westpfählisches Sittenbild auf den Markt gebracht, wahrscheinlich auch deshalb, weil ihm Arno Schmidt diesen lobenden Brief geschrieben hat. 

Die großen Fragen der Menschheit, die in Grünkohl für Holland behandelt werden, sind Leitsätze für jeden Grünkohlliebhaber in Bremen. Dass Holländer keinen Grünkohl anbauen können und dass der Kohl den ersten Frost gehabt haben muss, damit er so richtig knackig ist. Beides stimmt wahrscheinlich nicht, aber man gibt seine Vorurteile ungern auf. Hier reden zwei Menschen in der Küche über Tomatenmark, Paprika, Rosenkohl, Käse und Bratkartoffeln, aber eigentlich reden sie über etwas anderes. Die ist die Vorwegnahme von Unterhaltungen von Yuppies, deren Leben so inhaltsleer ist, dass sie nur noch die Namen von angesagten Lokalen austauschen können. Die amerikanische Soziologin Deborah Silverman schilderte auf dem Höhepunkt dieses Unwesens eine Gesprächsrunde, bei der der New Yorker Gastgeber (dem das stundenlange Aufzählen von Insiderlokalen zu blöd wird) den Namen Proust ins Gespräch bringt. Die Gäste halten das für ein neues angesagtes Lokal.

Der Ehemann in Jägersbergs Theaterstück schwärmt vom Hotel Graf Anton Günther in Oldenburg, wo er 1957 diesen tollen Grünkohl gegessen hat, seine Frau hat die Geschichte schon tausendmal gehört, wie alle seine Geschichten. Im Graf Anton Günther haben wir häufiger gegessen. Wenn man in Oldenburg ist, muss man da einfach essen. So wie man in Bremen damals ins Essighaus ging, wenn man fein essen wollte. Ansonsten ist der gastronomische Tourismus in den fünfziger Jahren noch nicht ausgebrochen. Das einzige Lokal von einer gewissen Berühmtheit ist der Blaue Fasan in Wiesmoor. Und im Fernsehen gibt es damals noch keine dreißig Kochsendungen, sondern bestenfalls den Fernsehkoch Clemens Wilmenrod, der allerdings nur Schauspieler war und niemals Koch gelernt hatte. Das Hotel in Oldenburg, das nach dem berühmtesten Landesherrn heißt (der sein Land aus allen Wirren des dreißigjährigen Krieges herausgehalten hat), ist alt und hat Butzenscheiben. Und ein großes Fresko aus dem Jahre 1894 vorne an der Wand, das den Grafen auf seinem Lieblingspferd Kranich zeigt.

Aber Grünkohl haben wir da nie gegessen, den isst man am besten bei Muttern zu Hause oder auf einem Grünkohlausflug. Der führt uns immer mit den Familien der Skatklubgruppe nach Bookholzberg am Rande des Hasbruch. Und da sitzen dann fünf Familien mit Kind und Kegel an langen Tischen und essen Kohl und Pinkel. Letzteres verwirrt Nicht-Bremer immer sehr. Laut dem Bremisches Koch- und Wirthschaftsbuch enthaltend eine sehr deutliche Anweisung wie man Speisen und Backwerk für alle Stände Gut zubereitet. Für junge Frauenzimmer, welche ihre Küche und Haushaltung selbst besorgen und ihre Geschäfte mit Nutzen betreiben von der Pädagogin Betty Gleim enthält die Pinkelwurst Hafergrütze, Nierenfett, Zwiebeln, Pfeffer und Salz. Diese Masse wird in den Pinkeldarm (den Mastdarm des Rindes) gefüllt und (mit dem Kohl gekocht) als Beilage zum Grünkohl serviert. Zusätzlich zu Kassler Rippenspeer, durchwachsenem Speck und Kochwurst. Die Fleischbeilagen können in Norddeutschland regional etwas anders ausfallen, in Emden kriegt man keinen Pinkel zum Kohl. Die Kartoffeln, die dazu gereicht werden, sind häufig in Zucker glasiert oder Röstkartoffeln. Meine Mutter wirft auch immer noch einen Esslöffel Zucker in den Kohl. Dazu muß man natürlich Bier und Doppelkorn trinken, etwas anderes geht nicht. Für ständigen Nachschub an Kohl, Kartoffeln und Fleisch sorgen die Kellner, die immer wieder ungefragt Schüsseln auf den Tisch stellen. 

Kohl und Pinkel satt heißt es in den Werbeanzeigen, die man jetzt in jeder Zeitung lesen kann (die erste ist 1843 in den Bremer Nachrichten belegt). Dennoch, die Fleischbeilagen können so satt sein wie sie wollen, wenn es mit dem Kohl nicht stimmt, dann fährt man da im nächsten Jahr nicht wieder hin. Wer am meisten essen kann, wird Kohlkönig. Manche Vereine auf Kohl- und Pinkelfahrt bringen eine Waage mit, auf der die Vereinsmitglieder vor und nach dem Essen gewogen werden. Das ist alles schon streng ritualisiert. Diese Kohl- und Pinkelfahrten gibt es in Norddeutschland (sprich Bremen, Oldenburg und Ostfriesland) seit dem frühen 19. Jahrhundert. Aus einer solchen Fahrt ist 1829 die Bremer Eiswette hervorgegangen. Anfänglich hatten sie auch den Namen Langkohlpartien und waren eine reine Herrengesellschaft der besseren Gesellschaft. Der Schriftsteller Eduard Beurmann (der Bremen wegen einer Liebesaffaire verlassen musste) schreibt 1836 etwas boshaft über die Bremer:

Gott! Ein bremischer Tabak- oder Weinreisender würde er nicht an den Quellen des Nils, in Is-und Lappland als Bremer zu erkennen seyn? Er würde dem Vicekönig von Egypten die Bremer Cigarren vor dem türkischen Rauchtabak anempfehlen, dem Isländer würde er „Pinkeln“ und Braunkohl anpreisen, dem Lappen würde er den Bremer Wallfischthran rekommandieren...wie er im Winter, beim Anblick der Schweizer Gletscher, ausrufen möchte: „Es flimmert und glänzt wie Silber, aber der Braunkohl von Bremen wächst nicht unter dem Schnee der Gletscher, und wenn ich jetzt in Bremen wäre, ich würde eine „Langkohlparthie“ nach Horn mitmachen.“ 

Die Langkohlpartien werden zunehmend demokratisiert, auch Frauen werden zugelassen und irgendwann sind sie etwas, was jeder in Bremen einmal im Jahr macht. Obgleich der braune Langkohl des 19. Jahrhunderts, von dem die Bauern die unteren 90 Prozent an das Vieh verfütterten, gar nicht mehr angebaut wird. Angeblich sagt man in Oldenburg Grünkohl und in Bremen Braunkohl, aber das kann ich nicht bestätigen, weil ich in Bremen noch nie jemanden Braunkohl habe sagen hören. Da, wo Opa herkommt, heißt das Zeug etwas ironisch Lippische Palme. Diese Kohlsorte ist im Übrigen sehr alt, schon die alten Römer haben sie gekannt. Die Oldenburger und Bremer streiten sich immer darüber, wer das Gericht als erster auf den Tisch gebracht hat. Da siegen die Bremer ganz einwandfrei: seit 1545 steht Kohl und Pinkel auf der Speisekarte der Schaffermahlzeit. 

Aus den Langkohlpartien werden die Kohl- und Pinkelfahrten, raus aus Bremen, rein in die Landgasthöfe der Umgebung. Die haben im Januar und Februar Hochsaison. Diese Fahrten werden von Kegelklubs, Schützenvereinen, Fußballvereinen, Lehrerkollegien und Betrieben gemacht und sind aus dem Bremer Leben im Januar und Februar (wenn der Kohl schön knackig angefroren ist) nicht mehr wegzudenken. Sogar die Wissenschaft hat sich schon auf sie gestürzt. Seit dem Jahre 1988 gibt es eine Doktorarbeit mit dem schönen Titel Kohl- und Pinkelfahrten: Geschichte und Struktur einer Festzeit in Norddeutschland, die soziologisch volkskundlich alles über diesen Brauch enthält. Einschließlich ausgewerteter Fragebögen von hunderten von Teilnehmern. Ich weiß nicht, ob der Verfasser Martin Westphal an der Uni Münster zum Dr. phil. promoviert wurde oder ob er Dr. kohl ist. Die Arbeit hat seiner Karriere nicht geschadet, er ist heute der Leiter des Historischen Museums in Rendsburg. Sein Buch gehört zu den am häufigsten angefragten Titeln in der Bibliothek der Oldenburger Grünkohl-Akademie. Auch so was gibt es, die Nordddeutschen nehmen ihren Grünkohl schon sehr ernst.

Auch bei uns am Tisch ist das Essen eine ernste Sache, alle Teile des Gerichtes werden sachkundig kommentiert und mit anderen Kohl-und Pinkelgerichten verglichen, die man irgendwann irgendwo gegessen hat oder selbst gekocht hat. Jedes Jahr werden wieder Rezepte ausgetauscht, an die sich aber niemand hält. Butenbremer, die jetzt schon studieren, bekommen von ihren Eltern Pinkelwurst an den Studienort nachgeschickt, außerhalb Bremens kriegt man vielleicht Kohl, aber keinen Pinkel. Nach dem Essen gehen wir erstmal stundenlang im Hasbruch spazieren, das ist besonders schön, wenn der Boden gefroren ist und Schnee liegt. Wenn der Boden vom Regen naß und matschig ist, kann man den Hasbruch vergessen.

Das ist nämlich ein echter Urwald. Tausendjährige Eichen. Die vierhundertjährigen Franzosenbuchen mussten gerade gefällt werden, weil sie eine Gefahr für Spaziergänger darstellten. Nach dem Verdauungsspaziergang geht es wieder zurück in den Gasthof für Kaffee und Kuchen, es ist eigentlich unglaublich, dass der Magen schon wieder aufnahmefähig ist. Wenn die Kegelbahn frei ist, kegeln wir vorher alle noch eine Runde. Mittlerweile sind die Tische umgestellt worden, eine Tanzfläche wurde freigeräumt. Eine Kapelle ist erschienen und spielt langsame Tanzmusik. Dicke Bäuerinnen mit Strickjacken überm Kleid tanzen miteinander, ihren Kerl kriegen die jetzt nicht mehr vom Tisch hoch. Nachdem der Kaffee und Kuchen und fett Sahne intus hat, fängt er an Konjäckchen zu schnasseln. Den Asbach lass’ mal gleich hier auf dem Tisch stehen, sagt er gönnerhaft zur Serviererin. Danach wird es bei den meisten Festivitäten gemischt, wie man so schön sagt. Auch das hat Dr. Westphal untersucht. Wir bekommen davon aber nichts mit, weil wir alle wieder in unsere Limousinen gestiegen sind und auf dem Weg nach Bremen sind. Aber für viele ist das jetzt der Ersatz für Karneval. Geben auf dem Fragebogen von Westphal viele an. Es gibt auch einen Fragebogen für das Personal, wo auch Fragen nach alkoholisierten Übergriffen der Gäste auf weibliche Bedienstete drinstehen. Der Doktor, der seinen Titel den Kohl- und Pinkelfahrten (KPF) verdankt, hat an alles gedacht. Ist natürlich scheinwissenschaftlicher Tüddelkram. Wenn man einmal eine KPF bis zum bitteren Ende mitgemacht hat, dann weiß man, wie das läuft.

Die Gattin in Jägersbergs Theaterstück, die die Geschichte mit dem Hotel Graf Anton Günther in Oldenburg, mit dem besten Grünkohl aller Zeiten und dem Frost, den der Kohl braucht, um knackig zu werden, schon tausendmal gehört hat, hat diesmal im sanften Ehekrieg etwas Neues. Grünkohlflöhe. Hat ihr der Gemüsehändler gesagt, der Kohl braucht den Frost, damit die Grünkohlflöhe absterben. Grünkohlflöhe, ich werde wahnsinnig, sagt der Mann. Die Dialoge werden lauter. Sie schreit Wenn Du immer mit Deinem Grünkohl anfängst, und Dein blöder Grünkohl. Am Ende, nach ein paar gehässigen Bemerkungen über die Langsamkeit der Holländer scheinen sie wieder versöhnt. Es könnte jetzt aber auch ein Mord passieren.