Montag, 20. August 2012

Jungfrauen


Der englische Dichter Robert Herrick soll an einem 20. August geboren worden sein. So ganz sicher ist das nicht, wir wissen aber, dass er am 24. August getauft wurde. Sicher ist dagegen, dass der deutsche Dichter Martin Opitz an einem 20. August gestorben ist. Da dachte ich mir, ich könnte schön über Opitz schreiben, damit die Leser nicht immer klagen, hier käme zu viel englische Literatur vor. Warum also nicht den Vater und Wiederhersteller der Dichtkunst (so das Brockhaus Conversations Lexikon 1776) mit seinem englischen Zeitgenossen Robert Herrick vergleichen? Und ich war schon mittendrin, Opitzens An eine Jungfrau mit Herricks To the Virgins, to Make Much of Time zu vergleichen, als mich eine schreckliche Ahnung beschlich: ich hatte längst über ➱Opitz geschrieben. Am 20. August des letzten Jahres.

Also flog das Gedicht An eine Jungfrau wieder aus dem Text heraus, Sie können es ➱hier lesen, wenn Sie wollen. Es ist nicht das einzige Gedicht von Opitz, das diesen Titel trägt, und er ist auch nicht der einzige Dichter in dieser Zeit, der eine Jungfrau andichtet. Jungfrauen haben Konjunktur. Oder, wie Robin Williams in Dead Poets' Society seiner Klasse sagt: Language was invented for one reason, boys - to woo women - and, in that endeavour, laziness will not do. Die Liebeslyrik ist ja eine über die Jahrhunderte entwickelte Form, die sich hier (Opitz Gedicht datiert von 1624) immer noch nicht vom Petrarkismus erholt hat. Auf jeden Fall nicht, wie es auf den ersten Augenblick scheint, bei Opitz:

Daß auß America die beste Specerey
Mit eurem Athem weit nicht zu vergleichen sey,
Daß solche Hände nicht gemahlet werden köndten,
Daß gegen ihnen Schnee zu gleichen sey der Tinten,
Daß jedes Zähnlein sey ein köstlicher Demant,
An welches die Natur all' ihre Kunst gewandt,
Und daß die Lippen auch, so mehr als Rosen blühen,

Weit, weit den edelsten Corallen vorzüziehen:

Wenn man viele Gedichte aus dieser Zeit gelesen hat, stöhnt man an dieser Stelle auf und sagt: schon wieder die gleiche Leier. Ernst Robert Curtius, der normalerweise wenig zu Scherzen aufgelegt ist, spricht in seinem Buch Europäische Literatur und lateinisches Mittelalter von einer Pest des Petrarkismus. Schon Shakespeare hatte sich im Sonett 130 über die Mode der gesuchten Beschreibung der weiblichen Schönheit mokiert:

My mistress' eyes are nothing like the sun;
Coral is far more red than her lips' red;
If snow be white, why then her breasts are dun;
If hairs be wires, black wires grow on her head.

Aber Opitz muss ja (wenn auch als gedankliche Hypothese) unbedingt die ollen Kamellen wieder auftischen. Wir müssen es ihm aber zu Gute halten, dass er dem ganzen doch noch eine andere Wendung gibt. Nicht, dass er sagt Jungfrau war ich vordem; jetzt bin ich eine Maitresse; Doch die gütige Welt nennt mich noch immer Mamsell. Er ist kein Revolutionär. Die Männer haben in dieser Zeit nicht anderes zu tun, als Liebesgedichte über ihre Liebesqualen zu verfassen. Und die ungeheuer schönen Frauen mit Augen, die heller sind denn alles Firmament, und dem Mund, der roter als Korallen ist, etc. etc. - diese wunderschönen Frauen mit dem kalten Herzen aus Stein (oder Diamant), diese belles dames sans merci sind natürlich abweisend. Ja, da kann man sich doch nicht gleich hinlegen, Ja, da muß man kalt und herzlos sein.

Und die Dichter, diese Weicheier, schreiben immer wieder die gleichen Dinge, nur mit anderen Worten. Und bringen dann auch noch - wir sind ja im Barock - dieses carpe diem (wenn nicht sogar das memento mori) Motiv ins Spiel: sei nicht spröde, wir haben nicht alle Zeit der Welt. Oder wie Andrew Marvell das in To His Coy Mistress so elegant formuliert: Had we but world enough, and time / This coyness, lady, were no crime. Was bei Opitz so ähnlich klingt: Ach Liebste, lass uns eilen, / Wir haben Zeit: / Es schadet das Verweilen / Uns beiderseit.

Unser guter Martin Opitz kriegt in dem Gedicht An eine Jungfrau gerade noch die Kurve, zieht sich wie Münchhausen an den eigenen Haaren aus dem Morast des ➱Petrarkimus:

Wie möcht' ich aber wol so falsch Erdachtes sagen,
Und groß' Auffschneyderey mit Langmut nur ertragen?
Ich glaube, welcher sich nimpt solcher Lügen an,
Er Feder und Pappier auch schamroth machen kan.
Und was dann mich belangt, bin ich gar nicht der Sinnen,
Daß ich also die Gunst verhoffe zu gewinnen,
So hat mein Hertze noch anjetzt ein solches Ziel,
Daß ich ihm ohne Kunst kan wehren, wann ich wil.
Ich sage freylich wol und weiß es war zu machen,
Daß ihr gar rein' und steiff bewahret eure Sachen,
Und daß auch sehr viel sindt voll Hoffart, Stoltz und Pracht
Die ihr gar weißlich doch nicht sonders habt in Acht.
Daß ich euch aber auch für göttlich solt' erkennen,
Man möcht' es, fürcht' ich nur, wol Träum' und Lügen nennen:
In eurem Leichnam ist zwar alle Zierligkeit,
Doch auch nicht wenig steht vom Himmel trefflich weit.

Klingt zwar mehr nach philosophischem Traktat als nach Dichtung, aber so sind die Zeiten. Wenn man so etwas wie metaphysical poetry schreibt, muss man geistvoll sein. Auch wenn man an den monarch of wit  (wie man ➱John Donne nennt) nicht herankommt. Man kann dem ganzen Spiel mit dem Petrarkismus und der häufig verkrampften Gelehrsamkeit der metaphysical poetry natürlich auch entgehen, wie Robert Herrick das tut. Und deshalb hat sein Gedicht To the Virgins, to Make Much of Time kein aufgedrucktes Mindesthaltbarkeitsdatum. Ist auch nach beinahe vierhundert Jahren so frisch wie im Jahre 1648, als es in der Sammlung ➱Hesperides zum ersten Mal erschien:

Gather ye rosebuds while ye may, 
Old Time is still a-flying; 
And this same flower that smiles today 
Tomorrow will be dying. 
The glorious lamp of heaven, the sun, 
The higher he's a-getting, 
The sooner will his race be run, 
And nearer he's to setting. 
That age is best which is the first, 
When youth and blood are warmer; 
But being spent, the worse, and worst 
Times still succeed the former. 
Then be not coy, but use your time, 
And while ye may, go marry; 
For having lost but once your prime, 
You may forever tarry. 

Herrick hatte viel Zeit, um die Veröffentlichung seiner Gedichte (die ihm seine Freunde finanzierten) vorzubereiten, denn im Jahr zuvor hatten die Cromwell Anhänger ihn aus dem Amt als Vikar von Dean Prior entfernt. Wenn Charles II an die Macht kommt, wird Herrick sein Amt zurückbekommen. Er wird noch lange leben, er wird beinahe doppelt so alt wie Martin Opitz werden. Er bleibt sein Leben lang Junggeselle. Wir wissen so gut wie nichts über sein Leben. Wir können aber ziemlich sicher sein, dass Dianeme, Electra, Julia, Perenna, Perilla und Silvia keine wirklichen Frauen sind, sie sind - wie bei den meisten seiner Dichterkollegen - Erfindungen eines Verbalerotikers. Die einzigen Jungfrauen, die Herrick interessieren, sind die, die in seinem Gedicht A Hymn to the Muses auftauchen:

O you the virgins nine!
That do our souls incline
To noble discipline!
Nod to this vow of mine.
Come, then, and now inspire
My viol and my lyre
With your eternal fire,
And make me one entire
Composer in your choir.
Then I'll your altars strew
With roses sweet and new;
And ever live a true
Acknowledger of you.

Das kitschige Bild da oben ist von Gustave Moreau, es zeigt Apoll und die neun Musen. Der Gott der Künste ist natürlich im Vordergrund, die Jungfrauen verschwinden im Hintergrund. Es ist immer das gleiche. Doch die Krone für das bescheuertste Apollo Gemälde gebührt nicht Moreau oder ➱de Chirico, sondern ganz zweifellos unserem guten ➱Georg Friedrich Kersting.


Samstag, 18. August 2012

Lord John Russell


My dear Lord,

I am most truly obliged to you for your kind note, and for your so generously thinking of me in the midst of your many occupations. I do assure you that your ever ready consideration had already attached me to you in the warmest manner, and made me very much your debtor. I thank you unaffectedly and very earnestly, and am proud to be held in your remembrance.

Believe me always, yours faithfully and obliged. 

Charles Dickens

Der Mann, dem ➱Dickens diesen Brief schreibt, ist gerade als englischer Premierminister zurückgetreten (er wird noch einmal zurückkommen). Dickens wird ihm später seinen Roman A Tale of Two Cities widmen, In remembrance of many public services and private kindnesses. Er heißt Lord John Russell, er wurde heute vor 220 Jahren geboren. Dieser schöne Titel Lord vor seinem Namen ist nur ein courtesy title, er ist der dritte Sohn des Herzogs von Bedford. Herzog ist man in der Familie erst seit 1694, weil der englische König das Gefühl hatte, dass der Sohn von Lord William Russell zu Unrecht unter die Axt des Henkers Jack Ketch geraten war. 

Und da ich gerade bei Hinrichtungen bin, sollte ich natürlich nicht vergessen, die ➱Verfilmung von Dickens' Roman A Tale of Two Cities mit ➱Dirk Bogarde zu erwähnen. Wie Dirk Bogarde als Sydney Carton zur Guillotine schreitet, ich muss da immer ein Taschentuch in Reichweite haben. Dickens ist nicht der einzige Schriftsteller, den Lord Russell kennt, für einen Politiker haben er und seine Gattin erstaunlich viele Freunde aus der Welt des Geistes. Das trauen ihm die, die beruflich mit ihm zu tun haben, wahrscheinlich nicht zu. Das am häufigsten verwendete Adjektiv, mit dem er beschrieben wird, heißt abrasive. Königin Victoria hat ihn mit einem Terrier verglichen

Wenn ich von seiner Ehefrau rede, meine ich damit seine zweite Ehefrau, Lady Frances Anna-Maria Elliot-Murray-Kynynmound, die Tochter des zweiten Earl of Minto. Über die kann man einiges in Lady John Russell a Memoir with Selections from Her Diaries and Correspondence erfahren (➱hier im Volltext). Russells erste Frau, Lady Adelaide Ribblesdale, starb schon drei Jahre nach der Hochzeit. Sie liefert mir allerdings den Vorwand, hier mal eben einen ihrer Verwandten abzubilden. Der Herr auf dem Bild von John Singer Sargent ist Thomas Lister, der vierte Baron von Ribblesdale. Und so wollen wir den englischen Aristokraten gerne sehen: elegant und arrogant.

Lord John Russell hatte den Dichter Thomas Moore zum Freund gehabt, mit ihm hatte er Italien bereist und hatte Byron getroffen. Nach Moores Tod hat Russell dessen ➱Memoiren herausgegeben. Wenn er auch Moore für den größten englischen Dichter hielt, hinderte ihn das nicht an freundschaftlichen Beziehungen zu anderen Dichtern, auch Browning und Lord Tennyson gingen bei ihm ein und aus. Und der gefürchtete Literaturkritiker Sydney Smith (nicht zu verwechseln mit dem englischen ➱Admiral gleichen Namens) und der Historiker Lord Macauley waren häufig seine Gäste. Russell wird auch dafür sorgen, dass viele Schriftsteller vom Staat gefördert werden, indem er sie auf die civil list setzt. Das haben nicht so viele englische Premierminister getan. Russell hatte selbst auch literarische Ambitionen, allerdings waren seine Werke nicht auf dem Niveau von Benjamin Disraeli (der wie er zweimal das Amt des Premierministers bekleidete). Dazu zitiere ich doch einmal diesen köstlichen Absatz aus Brief Biographies von Samuel Smiles:

We turn now to Lord John Russell's career as an author, for he, like many other members of the present administration, has been a writer of books. His success as a writer has, however, been but moderate, and we question whether the copyright of his works would be regarded by any bookseller as a desirable investment. That he has sought to achieve reputation as a writer of books is, however, creditable to him as a man; and it indicates a literary taste which is honourable even to a lord. He has written a novel, —"The Nun of Aronea;" a play, "Don Carlos;" a biography,—"Lord William Russell; a history,—"Memoirs of the Affairs of Europe;" and he has written several essays and tracts on political subjects. His last works are his "Memoirs and Letters of Fox," and his "Memoirs and Letters of Moore,"—both of which might have been better done.
To speak the truth, his Lordship does not shine as an author. We have inquired for "The Nun of Aronea" at the circulating library, but the librarian's answer was, "Never heard of such a book." The Nun may therefore be regarded as a mere curiosity of literature, interesting only as a Prime Minister's first literary enterprise.

1861 bekommt Lord John Russell den Titel eines Earl of Russell, und den wird eines Tages auch sein jüngster Enkel erben. Der heißt - das ahnen Sie schon - Bertrand Russell. Er wird kein Politiker, wie das in der Familie üblich ist, er wird einer der berühmtesten Philosophen des 20. Jahrhunderts. Was bleibt einem übrig, wenn der Großvater ein Reformpolitiker ist und die Großmutter (die nach dem frühen Tod von Bertrands Vater den kleinen Bertrand erzieht) voll von progressivem Gedankengut ist? Ein klein wenig exzentrisch ist Bertrand Russell auch - wie das bei den Russells üblich ist. Es würde sich natürlich lohnen, über ihn zu schreiben - vielleicht ein anderes Mal.

Ich möchte lieber noch jemanden aus der Familie der Russells vorstellen, nämlich aus dem Zweig, die den Titel eines Herzogs haben. Und das ist John Russell, der dreizehnte Herzog von Bedford. Der zog sich den Zorn seiner aristokratischen Kollegen zu, als er den ererbten, hoch verschuldeten und halb verrotteten Familiensitz Woburn Abbey für die Öffentlichkeit zugänglich machte (und noch einen Safari Park anlegte). Er kommentierte die Kritik aus Adelskreisen mit dem Satz I do not relish the scorn of the peerage, but it is better to be looked down on than overlooked. Aber wenig später öffneten viele andere ihre ➱stately homes für das allgemeine Publikum und präsentierten allerlei Touristenattraktionen auf den Liegenschaften.

Unser exzentrischer Herzog hat uns eine Vielzahl schöner Bücher hinterlassen, die uns seine noch viel exzentrischere Familie beschreiben. In The Flying Duchess stellt er uns seine Großmutter vor, die im Alter von 65 Jahren ihren ersten Soloflug absolvierte. Und in A Silver-Plated Spoon zeichnet er - liebenswert aber schonungslos -   Portraits von seinem Vater und seinem Großvater. Wenn Sie wissen wollen, was wirklich hinter der schönen Redewendung to live like a duke steckt, dann müssen Sie dieses Buch unbedingt lesen. Es ist die witzigste und freimütigste Autobiographie, die jemals ein englischer Herzog geschrieben hat, da lohnt sich jeder Preis, den man antiquarisch für das Buch bezahlt. Mein Exemplar ist das da auf dem Photo, Paperback der überarbeiteten Ausgabe von 1967, kostete damals 5 Shilling.

Und dann ist da noch ein Buch, das ich den Lesern, die auf der Suche nach dem Charakter der englischen upper class sind, dringend ans Herz legen möchte. Es heißt The Duke of Bedford's Book of Snobs. Mit diesem Titel spielt der Autor natürlich auf das berühmte ➱Book of Snobs (hier im Volltext) von Thackeray an, das wird auch im Vorwort ausgeführt. Bevor ich nun den brillanten Stil des Autors lobe, muss ich einschränkend sagen, dass das Buch mit Hilfe von George Mikes geschrieben wurde. Das ist der Mann, dem wir den ewigen Klassiker ➱How to be an Alien verdanken. Das Buch erschien ein Jahr nach seiner Veröffentlichung auch im Deutschen und hieß da Traktat über die feine britische Art mit dem Untertitel Das Buch der Snobs. Es wurde - da hat der Verlag bei einem solch wichtigen Thema an nichts gespart - von einer echten Prinzessin übersetzt. Allerdings war die von ihrem Ehemann, dem Fürsten Hugo Felix August zu Hohenlohe-Oehringen, längst geschieden und arbeitete unter ihrem Namen Ursula von Zedlitz als Übersetzerin (sie hat Harold Nicolson, V.S. Naipaul, Mary MacCarthy und ➱Herman Wouk übersetzt). England und die Engländer kannte sie gut, sie wurde 1905 in London geboren. Ich nehme an, dass sie sich mit dem Titel Prinzessin (den sie sonst nicht mehr benutzte) einen kleinen Scherz gemacht hat. Der hätte dem Herzog von Bedford sicherlich gefallen.

Wenn Sie sich in dem Absatz oben über das Jackett des Herzog von Bedford gewundert haben, hier ist es noch einmal in voller Schönheit. Wir sind im Jahre 1968, und wenn der Schneider der Beatles ihnen die Jacketts von Pierre Cardin nachschneidert, dann ist das ja gar nix gegen dieses elegante Teil. Ein Mao Jäckchen aus der Savile Row. Cool. Natürlich nicht von Anderson & Sheppard, wo Prince Charles seine Sachen bestellt, sondern von Tommy Nutter. Der ist ja leider schon tot, aber er ist immerhin eine Legende, und seine Klamotten hängen heute im ➱Victoria & Albert Museum.

Sein Geschäftspartner Edward Sexton, mit dem zusammen er Nutters of Savile Row gegründet hat, ist aber noch quicklebendig. Und zeigt, dass hundertzwanzig Jahre nachdem Sargent Lord Ribblesdale gemalt hat, die englische Eleganz immer noch nicht tot ist. Sexton hat die Savile Row verlassen, aber man kann bei ihm immer noch Anzüge bestellen, klicken Sie doch einfach ➱hier.

The Duke of Bedford's Book of Snobs ist ironische Lebenshilfe auf dem Weg nach oben (when you reach the top, you'll find that the climb was not really worthwhile), und der Herzog hat natürlich auch ein ganzes Kapitel über die Kleidung der eleganten Welt. Und in dem stehen Sätze wie: To be dressed too well is, perhaps, even worse than to be dressed shabbily. A first-class tailor will always make anonymous clothes for you. They will never be too fashionable, they will never follow the latest craze but their quality and cut will tell even after many years. Clothes should be obviously good but they must not scream: 'Look at me, how elegant I am!' The wearer's personality should always be stronger than his clothes, You should wear your clothes; never allow your clothes to wear you.

Ach, da kenne ich doch eine ganze Menge Leute, denen ich diesen Satz gerne ans Herz legen möchte. Und da zitiere ich auch noch gerne den nächsten Absatz: There are a few people who can wear anything they choose and will always look exquisitely dressed whatever they put on. They may don a sack or convict garb and will still look better dressed than many others in the most expensive Savile Row suits. This, however, cannot be learned. A good figure is not enough. One also needs the right amount of self-assurance mixed with a sense of complete relaxation and a great deal of personality. If you happen to be one of these exceptional men, do not worry about clothing. Just buy some of the late Duke of Norfolk’s cast-offs and you will still be one of the best dressed men in town. Und solchen Weisheiten kann ich nur noch ein Bild seines entfernten Verwandten, des Philosophen Lord Bertrand Russell hinzufügen. So sollte ein Philosoph aussehen. Nicht wie dieser ➱Precht (der neuerdings durch Philipp Hübl echte Konkurrenz kriegt) mit seinem Strizzi Look.

Donnerstag, 16. August 2012

John Keegan


At all times in his career, though more particularly at the last, Napoleon I was a man of letters. He liked to believe that historical studies had given him the first clear vision of his destiny, so beginnt George Libaire seine Einleitung zu Caulaincourts With Napoleon in Russia. Napoleon als man of letters mag auf den ersten Blick etwas erstaunlich er scheinen, aber vor vier Jahren vertrat die Pariser Ausstellung L’Aigle et la Plume genau den gleichen Gedanken. Die Geschichte, dass er sich auf der Schiffsreise nach Ägypten sein Lieblingsbuch ➱Ossian hat vorlesen lassen, mag ja eine kalkulierte Inszenierung gewesen sein. Aber es ist nicht zu leugnen, dass er viel geschrieben und viel gelesen hat. Auf St Helena hatte er ja auch viel Zeit dazu.

Caulaincourts With Napoleon in Russia hat er nicht mehr zu lesen bekommen. Ich weiß auch nicht, ob er mit all dem glücklich gewesen wäre, was nach seinem Tod über ihn geschrieben wurde. Also mal abgesehen von dem Napoleon Verehrer Heinrich Heine und diesem grauenhaften Oberlehrer Dr. ➱Holzhausen. Den englischen Militäthistoriker Sir John Keegan, der vor vierzehn Tagen gestorben ist, hätte er bestimmt nicht gemocht. Denn der hatte 1996, als A.G. Macdonells hervoragendes Buch Napoleon and his Marshals wieder aufgelegt wurde, geschrieben: Even a Napoleon hater, which I am, will love this book. Still after 60 years, a thrilling gallop through the Napoleonic Wars.

John Keegan hatte zu seinen Lebzeiten einen Status, den man nur mit einem Gott im Olymp der Militärhistoriker beschreiben kann. Er verdankt das einem seiner ersten Bücher, das The Face of Battle heißt. Er hat den wirklichen Krieg glücklicherweise nie kennenlernen müssen. Bei Captain Basil Liddell Hart war das anders, der hat als Militärhistoriker Lehren aus dem Ersten Weltkrieg gezogen. An Militärhistorikern haben die Engländer ja nie einen Mangel gehabt. Neuerdings kann man das Fach Military History sogar in Potsdam studieren. Man kann nur hoffen, dass Guido Knopp da nicht unterrichtet. Man sollte aber auch bedenken, dass die Militärgeschichte - wie zwei Verfasser eines Buches über Militärgeschichte unumwunden zugeben - is not the most respected branch of historical inquiry in academic circles.

The Face of Battle: A Study of Agincourt, Waterloo, and the Somme behandelt englische Schlachten die um Jahrhunderte von einander getrennt sind, deren Schlachtfelder aber nahe nebeneinander liegen. The most brilliant evocation of military experience in our time. The book sets out to show what battles have really looked like. The result is utterly authentic, hat C. P. Snow beim Erscheinen des Buches geschrieben. Und ähnlich äußerte sich J.H. Plumb: In this book, which is so creative, so original, one learns as much about the nature of man as of battle... Mr Keegan's description of the frightful conditions at Warerloo is masterly, its realism utterly convincing. Das erste Kapitel ist Old, Unhappy, Far-off Things überschrieben, und wir bekommen als Leser mitgeteilt, dass dies aus Wordsworth' The Solitary Reaper stammt, wo es heißt Will no one tell me what she sings? Perhaps the plaintive numbers flow for old, unhappy, far-off things, and Battles long ago. Und nach diesem etwas gesuchten Bildunsgbeweis beginnt Keegan sein Buch ein wenig überraschend mit:

I have not been in a battle; not near one, nor heard one, nor heard one from afar, nor seen the aftermath. I have questioned people who have been in battle; have walked over battlefields... I have read about battles, have talked about battles, have been lectured about battles and have watched battles in progress, or apparently in progress, on the television screen... But I have never been in a battle. And I grow increasingly convinced that I have very little idea of what a battle can be like... Very, very few Europeans of my generation — I was born in 1934 — have learned at first hand that knowledge of battle which marked the lives of their fathers and grandfathers.


Wenige Militärhistoriker würden ein Ich weiß, dass ich nichts weiß an den Anfang eines Buches stellen. Keegan ist sich bei seiner neuen Sicht ständig bewusst, worüber er schreibt, dies ist nicht mehr die konventionelle Militärgeschichte aus der Sicht der Generäle mit einigen Anekdoten über einfache Soldaten als Beigabe: Historians, traditionally and rightly, are expected to ride their feelings on a tighter rein than the man of letters can allow himself. One school of historians, the compilers of the 'British Official History of the First World War', have achieved the remarkable feat of writing an exhaustive account of one of the world's greatest tragedies without the display of any emotion at all. Der Mensch John Keegan verschwindet nie aus seinem Text, so wie auch Harold Nicolson ständig in seinem Text The Congress of Vienna präsent ist. Keegan gelingt der Spagat zwischen seriöser Geschichte und dem, womit der man of letters seine Leser fasziniert. Denn auch ein Romanautor kann Schlachtfelder lebendig werden lassen, Stendhal beweist das mit Waterloo in der ➱Kartause von Parma, Sigrid Combüchen in ➱Byron. Und Leo Tolstois ➱Krieg und Frieden will ich gar nicht erst erwähnen.

Aber so brillant The Face of Battle ist, es geht leider mit der Qualität der Bücher von John Keegan nicht so weiter. Es wäre jetzt übertrieben mit Gibbon von Decline and Fall zu reden, aber seine Rolle als Militärhistoriker war eines Tages nicht mehr so großartig wie sie angefangen hatte. Nachdem er 1986 die Militärakademie Sandhurst verlassen hatte und als Korrespondent für den Daily Telegraph arbeitete, hat er sich zu einer Vielzahl von Fehlurteilen - die Kriege im Irak und in Afghanistan betreffend - hinreißen lassen. Und das lobende Portrait von Donald Rumsfeld in Vanity Fair hätte er auch besser nicht geschrieben, aber wahrscheinlich gab es viel Geld dafür. Einen Satz wie I will never oppose the Vietnam War. Americans were right to do it. I think they fought it in the wrong way. I don't think it's a war like fighting Hitler, but I think it was a right war, a correct war verstehe ich von einem Mann, der sich als 95-prozentigen Pazifisten bezeichnet hat, überhaupt nicht.

Er hat erstaunlicherweise immer wieder unqualifizierte Bemerkungen über Clausewitz gemacht, die seine Fachkollegen vermuten ließen, dass er dessen ➱Hauptwerk nie gelesen habe. Wenn es auch nicht nach Deutschland gedrungen ist, so hat es doch in den letzten Jahrzehnten immer häufiger Kritik von seinen Fachkollegen an seinen Büchern gegeben. Zu schnell geschrieben, zu fehlerhaft, war der Tenor. Und man muss natürlich sagen, dass es in England eine Vielzahl von Militärhistorikern (manche sogar mit einer Karriere in der Army) gab, deren Bücher denen von Keegan in nichts nachstanden. Ich denke da nur an Sir Michael Howard, Richard Holmes, Geoffrey Parker, David Stone und Anthony Beevor (und wahrscheinlich gibt es noch mehr).

Keegans letztes Buch ist ein Buch über den amerikanischen Bürgerkrieg gewesen. Als Student hatte er ein postgraduate Stipendium für Amerika erhalten, um sich mit dem Civil War zu beschäftigen. Vielleicht wollte er ein halbes Jahrhundert später zeigen, dass das kein rausgeworfenes Geld gewesen war. Es gibt genügend Geschichten des amerikanischen Bürgerkriegs, sie sind fast immer von amerikanischen Autoren geschrieben. Von daher gesehen konnte es nur interessant sein, wenn sich ein europäischer Historiker des Themas annimmt. Aber man muss leider sagen, dass dies Buch einfach nur schlecht ist. Nur ganz selten blitzt in diesem Buch das auf, was The Face of Battle ausgezeichnet hatte.

The American Civil War: A Military History hat in Amerika, wo man von diesem Krieg ja immer noch besessen ist, sehr schlechte Kritiken erhalten. Und es fehlte nicht an Foren, in denen genüsslich ein sachlicher Fehler des Autors nach dem anderen publiziert wurde. Das waren nicht einfache Tippfehler, sondern das waren Sätze wie Lincoln never learnt the importance of visiting armies in the field, from which he might have discovered a great deal, die einfach sachlich falsch waren. Er hat offensichtlich auch (wie manche Generäle) Schwierigkeiten damit, eine Landkarte zu lesen: The Ohio and its big tributaries, the Cumberland and the Tennessee form a line of moats protecting the central Upper South, while the Mississippi, with which they connect, denies the Union any hope of penetration. Ach wirklich? Es gibt sogar einen Wikipedia Artikel zur Mississippi River Campaign. Seiten später behauptet Keegan das genaue Gegenteil über die Flüsse, wenn er über sie sagt: offered points of penetration to the Union into Confederate territory. Wäre dies dies eine Doktorarbeit gewesen, der Kandidat wäre damit durchgefallen (außer er hätte von und zu Guttenberg geheißen). Und ein Satz wie Southern women are a distinctive breed even today, admired for their femininity and outward-going personality ist ein Satz, der geht nun gar nicht. Wenn ein Leser schreibt: The number of errors was so great that I stopped counting at two dozen. I was ready to stop reading but the book became a page turner just looking for the next error, dann beschreibt das ein Erlebnis, das viele Leser hatten.

Keegan’s lifelong study of war and engagement with American history from his earliest years endow his prose with a majesty of judgment….it is hard to see how Keegan’s masterful and thought-provoking book could be beaten, schrieb der pensionierte Brigadier Allan Mallinson in der Londoner Times. Die ➱New York Times war nicht so nett, hier vernichtete Amerikas bester Kenner des Bürgerkriegs James M. McPherson das Buch seines englischen Kollegen. Höflich, aber bestimmt. Keegans amerikanischer Verlag Random House hat aus der Kritik offensichtlich gelernt und hat dann für die Vintage Paperbackausgabe einige der schlimmsten Fehler stillschweigend korrigiert (wie man den Prozess der Emendation so schön nennt). Was mich wirklich wundert ist, dass Shelby Footes dreibändige Geschichte des Civil War (an der Foote sechzehn Jahre gearbeitet hat) überhaupt nicht erwähnt wird. Footes Roman Shiloh natürlich auch nicht. Keegans Literaturliste ist sehr kurz, und ich fürchte beinahe: mehr als er hier nennt, hat er wirklich nicht gelesen. Leider merkt man dem Buch auch an, dass es am Computer entstanden ist, ohne dass es eine kritische Endredaktion gegeben hätte, die Vielzahl der Redundanzen ist ein wenig irritierend. Das ist jetzt das Schicksal vieler Bücher im Computerzeitalter, wo beinahe alle Verlage die Lektoren abgeschafft haben.

Wenn man sich im Thema auskennt und schon alle Geschichtswerke über den Bürgerkrieg gelesen hat, dann kann man auch dieses lesen. Braucht man aber nicht. Wenn man sich aber dem Thema ganz neu nähert, dann sollte man doch zuerst James M. Macpersons Battle Cry of Freedom (das dem Autor den Pulitzer Prize einbrachte) lesen. Oder sich die Fernsehserie von Ken Burns anschauen und das Begleitbuch von Geoffrey Ward und den Brüdern Burns kaufen. Für mich ist, neben der Trilogie von Shelby Foote, auch immer noch der gute alte Bruce Catton (Pulitzer Prize für A Stillness at Appomattox) das Standardwerk, das ich bevorzugen würde.

Keegans Kritiker, und die wurden im Laufe der Jahre immer zahlreicher, haben ihm immer wieder eine völlige politische Naivität vorgeworfen. Aus dem soliden Historiker ist durch den Erfolg von The Face of Battle und später durch seine Tätigkeit als Journalist eine öffentliche Person geworden, die sich zu jeder internationalen Krise äußerte. Vielleicht sonnte er sich auch in dem Gefühl, dass er jetzt einen Guru-Status bekommen hatte, ich weiß es nicht. Aber warum musste er, alt und krank wie er war, The American Civil War schreiben? Geldsorgen? Wollte er es seinen Kritikern noch einmal zeigen? Er schrieb für den Telegraph eine wöchentliche Kolumne, die um sein Leben im ländlichen Wiltshire kreiste, und in der seine Katze Edgar immer eine Rolle spielte. Vielleicht hätte er dabei bleiben sollen.

Da John Keegan im ersten Kapitel von The Face of Battle William Wordsworth bemüht hat, möchte ich auch einige Zeilen aus einem Gedicht zitieren:

Confess: it’s my profession
that alarms you.
This is why few people ask me to dinner,
though Lord knows I don’t go out of my way to be scary.


Das Gedicht heißt The Loneliness of the Military Historian, es lohnt sich ➱hier hineinzuschauen. Für dieses kleine Gedicht bin ich Margaret Atwood richtig dankbar. My trade is courage and atrocities. / I look at them and do not condemn. / I write things down the way they happened.

Mittwoch, 15. August 2012

Caulaincourt


The time I spent in Russia is almost the only interval of my life to which I can refer without the fear of conjuring up some painful recollection, hat der Herzog von Vicenza in Napoleon and his Time gesagt. Er meint damit nicht Napoleons Feldzug gegen Russland, wo er am Ende derjenige war, der Napoleon auf seiner Flucht von der Beresina bis Paris begleitete. Die schöne Zeit in Rußland ist die Zeit, wo der Marquis Armand de Caulaincourt Botschafter in St. Petersburg ist: In 1807, when I was sent as ambassador to Russia, the Emperor Napoleon had attained the zenith of his political fortune. France had no boundaries save those determined by her sovereign. The French name was a talisman to which the nations of the world rendered homage and obedience. Then, indeed, there was glory and honor in being the representative of France! In den schönen Tagen in St. Petersburg, an die er sich so gerne erinnert, wird er übrigens einen Kollegen haben, der eines Tages noch Präsident der Vereinigten Staaten wird. Es ist niemand anderes als John Quincy Adams, der damals Botschafter am Zarenhof ist. Der bewundert den Prunk und den Aufwand, mit dem sich Caulaincourt umgibt, amerikanische Botschafter sind zu der Zeit die armen Verwandten des diplomatischen Corps.

Caulaincourt schreibt das oben Zitierte natürlich auf Französisch, ich zitiere es nur deshalb auf Englisch, weil ich Napoleon and his Times (1838 in Philadelphia erschienen) so im Netz gefunden habe. Und weil ich die englische Ausgabe von With Napoleon in Russia habe, die eine ganze andere Geschichte als Napoleon and his Times erzählt. With Napoleon in Russia hätten wir nicht in dieser Form nicht, wenn man das Originalmanuskript nicht durch Zufall in den dreißiger Jahren in einem kleinen Safe in den Überresten von Caulaincourts Schloss gefunden hätte. Das Schloss in der Nähe von Saint Quentin hatten die Deutschen 1917 gesprengt (das Photo zeigt den Zustand vor und nach der Sprengung), war das die Rache an einem der Generäle Napoleons? Oder schlichte Barbarei, wie die Zerstörung der Bibliothek von Löwen 1914? Wahrscheinlich waren es taktische Erwägungen in den Kämpfen der Deutschen gegen die Engländer. In dem Jahr, in dem man das Schloss Caulaincourt sprengt, sind zwei englische war poets mit ihren Einheiten in Saint-Quentin gewesen, Winfrid Owen und Ivor Gurney. Die ganze Gegend hier oben in der Picardie besteht ja nur aus ➱Schlachtfeldern. Bei dem, was hier alles zerstört wird, kommt es auf ein Schloss mehr oder weniger nicht an.

Der Text von Caulaincourts Bericht über den Rußlandfeldzug hat eine größere Sprengkraft als das Dynamit der deutschen Pioniere 1917. Wenige Jahre, nachdem Jean Hanoteau das Manuskript herausgegeben hatte, erschien es auf Deutsch unter dem Titel Unter vier Augen mit Napoleon: Denkwürdigkeiten des Generals Caulaincourt Herzogs von Vicenza, Großstallmeisters des Kaisers. Das Buch bekommt wenige Jahre später ein völlig neues Lesepublikum, denn es wurde mit Angst und Sorge von deutschen Generälen in Rußland gelesen. So berichtete der General Günther Blumentritt, dass das Buch für Feldmarschall von Kluge zu einer Bibel geworden sei und dass die Generalität das Schicksal Napoleons nicht mehr aus ihren Träumen verdrängen konnte. Ähnliche Äußerungen sind von den Generälen Hoepner und Guderian belegt. Vom Gefreiten Hitler allerdings nicht.

A volume...whose tremendous importance is due to its complete artlessness and candor....When General de Caulaincourt laid down his pen he had completed, whether he knew it or not, a masterpiece, schrieb die New York Times anläßlich einer Neuauflage des Buches. Wie komme ich auf Caulaincourt? Napoleon hat heute Geburtstag. Ich wollte nicht schon wieder über ihn schreiben, manchmal habe ich das Gefühl, dass dies ein Napoleon Blog wird. Eine meiner ersten kleinen historischen Skizzen hieß ➱Beresina, da war ich erst seit wenigen Tagen in der blogosphere. Und das letzte Mal kam Napoleon in dem wirklich schönen Post ➱La Belle-Alliance vor. Ich bin kein Bewunderer Napoleons, aber ich kenne mich in der Geschichte dieser Zeit ganz gut aus - und auch Napoleons Gegenspieler, der Herzog von Wellington, ist hier ja auch schon häufig genug erwähnt worden.

Eines der ersten Gedichte, das ich auswendig lernte, als ich klein war, war ein Gedicht, von dem ich damals nicht einmal den Dichter kannte. Irgendwie ist es bei Heinrich Heine ja etwas befremdlich, dass er ➱Napoleon verehrte. Aber es reimte sich so schön und ließ sich so leicht lernen:

Nach Frankreich zogen zwei Grenadier',
Die waren in Rußland gefangen.
Und als sie kamen ins deutsche Quartier,
Sie ließen die Köpfe hangen.


Mein Opa hörte mich immer ab, ich weiß nicht so recht, weshalb ihm dieses Gedicht gefiel. Vielleicht weil der kaisertreue Hauptmann des Ersten Weltkriegs auch an seinen Kaiser dachte, wenn es in der letzten Strophe heißt:

Dann reitet mein Kaiser wohl über mein Grab,
Viel Schwerter klirren und blitzen;
Dann steig' ich gewaffnet hervor aus dem Grab-
Den Kaiser, den Kaiser zu schützen!


Aber in diesem Gedicht steckt natürlich, wie auch in dem Schweizer Beresinalied, das ganze Elend des Rußlandfeldzuges. Die Weltseele zu Pferde (so ➱Hegel) ist froh, dass er mit Caulaincourt im Schlitten entkommen kann. Du sublime au ridicule il n'y a qu'un pas. Und mit der feigen Flucht Napoleons (hier ein zeitgenössischer Stich, der Napoleon und Caulaincourt zeigt), beginnt das Buch von Harold Nicolson The Congress of Vienna. Mein Freund Georg wies mich letztens auf eine Stelle in dem Buch hin, ich ging zum Bücherregal und musste feststellen: ich besaß das Buch gar nicht. Ich habe sehr viel von Harold Nicolson, von seiner Kulturgeschichte des Gentleman (Good Behaviour, being a Study of Certain Types of Civility) bis zu dem dicken Packen seiner Briefe und Tagebücher. Also ratzfatz bei Amazon Marketplace antiquarisch gekauft, war 24 Stunden später da. Wenn man bedenkt, dass man früher manchmal Monate auf ein Buch warten musste, ist das antiquarische Händlernetz wirklich eine der Segnungen, die die Welt des Internets mit sich gebracht hat.

The Congress of Vienna ist ein großartiges Buch, es wieder so etwas, was nur Engländer hinkriegen. Und Nicolson würdigt gleich am Anfang die Integrität des Generals Caulaincourt. Falls Ihnen dieses Bild irgendwie bekannt vorkommt, das ist Caulaincourt. Und auch wieder nicht, weil es eigentlich Heino Ferch ist, der in dem Fernseh-Mehrteiler Napoleon den Marquis de Caulaincourt spielte. Es ist ein wenig erstaunlich, dass man den Mann, der sich dank Napoleon Herzog von Vicenza nennen durfte, überhaupt in den Film hineingeschrieben hatte. Normalerweise lässt ihn die Filmindustrie aus, er ist nicht bedeutend genug. Und er passt so wenig in die Zeit, weil er ein Ehrenmann ist, dem alle Intrigen fremd sind. Deshalb gefällt er natürlich auch Harold Nicolson, der wie Engländer es häufig tun, die Darstellung geschichtlicher Ereignisse mit moralischer Wertung verbindet. Das scheint seit Edward Gibbon ein Wesenszug englischer Historiker zu sein.

Nicolson entgehen auch die kleinen Absurditäten der Geschichte nicht. So, wenn George Canning vor das Unterhaus tritt und den berühmten Satz (well-known but almost meaningless) sagt: I called the New World into existence, to redress the balance of the Old. Dem fügt Nicolson hinzu: Observers have recorded that when he said these words there was a sudden hush, broken by one slight titter. Then the whole House rose and shouted their applause. History does not record the name of the man who tittered. We are left wonderung whether he was foolish or wise.

Dienstag, 14. August 2012

Gary Larson


Der amerikanische Zeichner Gary Larson hat heute Geburtstag, da gratuliere ich doch ganz herzlich. Mein Lieblings-Cartoon ist dieser hier. Irgendwie passend dazu ist die Meldung Hochschulrektoren üben Kritik an Bologna-Studienreform, die ich vorhin im Radio hörte. Zehn Jahre nach der Einführung dieses unsinnigen Systems haben es offensichtlich alle gemerkt, dass keins der Ziele erreicht wurde. Alle außer Frau Schavan. Und damit man der ganzen Misere von G-8 und Bologna doch noch etwas abgewinnen kann, gibt es hier noch einen Gary Larson Cartoon:













Montag, 13. August 2012

Inspector Barnaby und die Mode


Farewell Tom, with your perpetual serenity in the face of a murder rate that would shame the Bronx, your baffling ability to spend every waking Saturday at a different village fete and your M&S shirts with the ever-so-slightly too-tight collars. I will miss you, schreibt louella72 im Februar 2011 im Blog des Guardian. Da ist unser aller Lieblings-DCI Tom Barnaby in Rente gegangen. Marks und Sparks Hemden, ja, danach sahen sie aus. Manchmal trug Barnaby sogar, horribile dictu, Buttondown Hemden zu Anzügen, das tut man nun wirklich nicht. Der letzte, der das machte, war Björn Engholm. Und was ist aus dem geworden?

So lieb mir Barnaby über die Jahre gewesen ist, modisch gesehen waren die Midsomer Murders nicht gerade eine Werbung für die British Menswear Guild. Wenn man bedenkt, dass diese Serie einer der größten Exportartikel Englands ist, hätte man da doch mehr draus machen können. Besteht nicht schon heute die Hälfte der TV- Produktionen aus product placement? Denn deshalb schauen wir uns doch englische Krimiserien an: damit uns eine Englishness vorgegaukelt wird. Sonst können wir ja gleich Schimanski gucken. Barnabys Sergeant Gavin Troy trug immer seltsame Sachen, aber irgendwie passten sie zu ihm.

Dagegen sieht Inspector Lewis' Sergeant Hathaway natürlich richtig elegant aus. Laurence Fox (aus der berühmten Fox Familie, die uns mit James und Edward Fox solch stereotypische Engländer präsentiert hat) kann natürlich anziehen was er will, er sieht immer gut darin aus. In der Serie Lewis, dem spin-off von Inspector Morse, trägt er immer scharfe Klamotten und scheut sich auch nicht, bissige Bemerkungen über die Anzüge seines Chefs zu machen. Da hätten die Sergeanten Troy und Jones bei Barnaby nie gewagt.

Und selbst Lewis hat sich modisch gewandelt seit den Tagen, als er noch der sidekick von Inspector Morse war. Doch wenn er jetzt besser gekleidet ist als früher, modisch aufregend ist das alles nicht. Denken wir mal einige Jahrzehnte zurück, als in England weniger der Kriminalbeamte auf Bildschirm und Leinwand zu sehen waren. Stattdessen hatten wir Helden, die als Geheimagenten England retteten oder in der Bulldog Drummond Tradition das Böse bekämpften.

Bei Männern wie James Bond, Simon Templar und John Steed war  modisch einiges los (falls Sie den Beginn meiner Bloggertätigkeit verpasst haben sollten, lesen Sie doch einmal diesen schönen Post über ➱Secret Agents) - heute regiert in den englischen TV-Polizeirevieren die graue Maus als männliches Modeideal. Da sehnt man sich doch schon eine Wiederholung von Der Doktor und das liebe Vieh herbei, da gibt es wenigstens interessante Klamotten zu sehen.

Ich interessiere mich bei einem Krimi nie dafür, wer der Mörder ist. Ich schaue mir die dargestellte Welt, die Innenräume, die Kostüme und die Autos an. Der langweilige achte Earl von Asherton interessiert mich nicht, seine Assistentin, Detective Sergeant Barbara Havers, schon eher. Aber der Bristol 410, der rettet ja schon die Serie. Der Earl, der unter seinem bürgerlichen Namen Thomas Lynley auftritt, fuhr ja auch einmal einen Jensen Interceptor. Das fuhr Simon Dutton auch, als er The Saint spielte. Roger Moore hatte als The Saint nur einen Volvo P 1800, der in Deutschland manchmal Schneewittchensarg hieß. Aber natürlich ist der ➱Braun SK 4 Plattenspieler das einzige Kultobjekt, das diesen Namen zu Recht trägt.

Ich bin offensichtlich nicht der einzige, der als Archäologe des Alltagslebens auf all die kleinen Details achtet. Ein englischer Autor, dessen Roman für das Fernsehen verfilmt worden war, hat mir einmal erzählt, dass es kaum zu glauben war, was für Leserbriefe bei der BBC nach der Ausstrahlung des Filmes eingegangen waren. Die kleinsten Fehler im Detail waren den Zuschauern nicht entgangen. Ich glaube inzwischen, die Zuschauer von Krimiserien gucken nur auf die Details im Hintergrund. Seit der Erfindung der Figur des Detektivs im 19. Jahrhundert halten Schriftsteller, Drehbuchautoren und Produzenten den Helden, der niemals sterben darf, durch immer neue Rolleneinkleidungen am Leben. Und die Details dieser Rolleneinkleidung sind es, die uns interessieren. Der Bristol 410 ist nur dazu da, um eine langweilige, unglaubwürdige Figur wie Lynley interessant zu machen. Der rote Jaguar von Inspector Morse scheint (wie seine Kleidung) ihm selbst zu gehören, er wohnt ja geradezu in dem Auto, vor allem, wenn er Wagner hört.

Bei der BBC hat man dem Gedanken Rechnung getragen, dass der Zuschauer nicht nur eine Krimihandlung im typisch englischen Dorf (das Colin Watson Mayhem Parva genannt hat) irgendwo in den Home Counties serviert haben möchte. Sondern auch ein bisschen nostalgische Erinnerung an die Vergangenheit. Gut, Dixon of Dock Green (hier finden Sie einen Post zu den ➱englischen Krimiserien der fünfziger Jahre) konnte man nicht wieder neu auflegen, aber immerhin versetzte man mit Inspector George Gently den Zuschauer in die sechziger Jahre.

Wenn man zur Nostalgie neigt, könnte man sich auch die DVD Murder Most English - The Flaxborough Chronicles kaufen. Da sieht der Detective Inspector Purbright (Anton Rodgers) noch so aus, wie wir uns einen Engländer vorstellen. Diese Serie, die auf den Romanen von Colin Watson beruht, ist noch keine vierzig Jahre alt. Wie hat sich die Welt der Polizeibeamten geändert! Natürlich auch die wirkliche Welt. Die Englishness, die uns die Schaufenster von Ladage & Oelke vorgaukeln, scheint es nur noch in eben diesen anglophilen Reservaten zu geben. Und natürlich bei den Abonnenten des Chap Magazins. Klicken Sie mal eben ➱hier hinein: echte englische Tweedjacketts, aber auch echte sartoriale Scheußlichkeiten der siebziger Jahre.

Als Barnaby noch nicht Barnaby war, hieß er Detective Sergeant Bergerac und ermittelte auf der Kanalinsel Jersey. Rechts auf dem Bild ist sein Chief Inspector - damals sahen Engländer noch wie Engländer aus. But it’s all different these days. Now, you have to dress up in ­fashionable clothes, go out into the marketplace and flog your wares. Gone are the days when actors could choose the shape of their careers, hat John Nettles in einem Interview beim Ausstieg aus der Serie gesagt. Selbst wenn das dress up in ­fashionable clothes hier eher eine übertragene Bedeutung hat, zeigt es dennoch einen gewissen Unwillen von Nettles/Barnaby, sich mit der Welt der Mode zu beschäftigen.

In der ersten Folge der dreizehnten Serie (die letzte Serie mit John Nettles) hat es Barnaby aber doch mit der Herrenmode zu tun, denn die Folge heißt The Made-to-Measure Murders. Der Rezensent des Guardian fand die Schneiderwerkstatt in Milton Cross ein wenig wirklichkeitsfremd: It's even more weird that a village with a population of 353 has a thriving gentleman's outfitters with a staff of four working flat out to satisfy everyone's insatiable fetish for tweed suits. Hier gesteht Sergeant uns Jones This is gonna sound stupid, but... Well, I've always wanted a suit like the one Cary Grant wears in 'North by Northwest'. Da können wir nur beifällig nicken. Und dann gibt es noch den schönen Dialog zwischen Barnaby und einer Figur namens Beatrice Daniels:

DCI Tom Barnaby: I have plenty of suits, thank you.
Beatrice Daniels: Are they all like this?
DCI Tom Barnaby: Hm? Why? Wha- wha- what's wrong with this?
Beatrice Daniels: Oh, nothing; it's just... well, maybe, peaked lapels would suit you better, and um, you need a little more structure across the shoulders; sleeves are too long, you want to flash a bit of shirtcuff, don't you; and you need a higher waist. And a little more taper in the trousers perhaps. But I mean apart from that it's, um... great.

Kann eine Kritik vernichtender sein? Die Drehbuchautoren haben auch noch a particularly good scene with Tom, fingering a piece of expensive, vintage Scottish tweed and remembering how his father's tweed jacket smelled after a rain storm in die Folge hinein geschrieben. Und am Ende überlegt sich Barnaby, der zuvor zu Jones (hier im Laden des Schneiders) gesagt hatte I might go for something in tweed... when I'm older, mit dem Plan nach Hause sich doch einen Tweedanzug machen zu lassen:

DCI Tom Barnaby: Hello, Joyce!
Joyce Barnaby: Uh! Tom! How could you? That's my tweed.
DCI Tom Barnaby: Well, I'm very sorry, Mrs Barnaby, but it is now my tweed. Anyway, the only question is: should I go for a ticket pocket? What do you reckon, yes or no?

Meine Lieblingsszene zum Thema Barnaby und Mode findet sich am Ende von Mord auf der Durchreise (Blood Will Out), wenn Barnaby nach einer Hungerkur die Hose kaufen will, in die bei der letzten Anprobe nicht hinein passte. Und da ist dieser schnöselige junge Verkäufer (Francis Lee), der Barnaby daran erinnert, dass er das letzte Mal diesen Laden schon beleidigend mit Marks & Spenser verglichen habe. Ja, Männer und der Hosenkauf. Sie könnten jetzt zu Ihrem Amüsement den Link im Post ➱Beinkleider anklicken, wo Harald Schmidt Thomas Bernhards Stück Claus Peymann kauft sich eine Hose und geht mit mir essen aufführt. Die Hose, die Barnaby gerne hätte (und in die er jetzt hinein passen würde), ist nicht mehr da. Der junge Verkäufer schleppt eine rote Hose an. Und da fällt unser guter DCI Barnaby beinahe aus der Rolle. Sehe ich aus als wäre ich der Typ für rote Hosen? schnaubt er. Worauf der Verkäufer entgegnet: Nein, Sie sehen aus wie jemand der Cavalry Twill Hosen trägt (Sie können den ganzen Film ➱hier sehen). Die unkaputtbaren Cavalry Twill Hosen waren früher einmal die ideale Ergänzung zum ➱Tweed Jackett, ein Klassiker sozusagen. Für den jungen Verkäufer mit dem roten Hemd sind sie nur noch eine Lachnummer für Rentner. So ändern sich die Zeiten.

Jetzt, wo Barnaby in Rente gegangen ist, kann er er endlich einen Tweedanzug tragen. Natürlich sollte es einer mit einer ticket pocket sein. Vielleicht wird das in ➱Midsomer und Umgebung dann auch mal ein wenig ruhiger, und sie haben nicht mehr diese murder rate that would shame the Bronx. Ich glaube, das hängt auch mit Barnabys Klamotten zusammen. Früher, als Lord Peter Wimsey oder ➱Albert Campion ermittelten, da gab es mal ein, zwei Morde. Und jetzt? Murder galore. Schon aus Gründen der öffentlichen Sicherheit fordern wir die Rückkehr des Tweedjacketts.

Samstag, 11. August 2012

Joseph Nollekens


Möchte man diesen Joseph Nollekens (der heute vor 275 Jahren geboren wurde) wirklich kennen? Er soll nach seinem Biographen John Thomas Smith ein furchtbarer Geizkragen gewesen sein. Die einzig gute Tat, von der Antiquity Smith zu berichten weiß, ist, dass er 25 Pfund für die Angehörigen der Opfer der Schlacht von Waterloo gestiftet hat. Wenn man bedenkt, dass Nollekens 200.000 Pfund besitzt, ist das ein Klacks. 200.000 Pfund sind damals wirklich eine Menge Geld (wenn wir es mit hundert multiplizieren, kommen wir ungefähr auf den heutigen Wert). ➱John Harrison, der es dank seiner genau gehenden Uhren der Royal Navy möglich gemacht hat, auf den Weltmeeren zu navigieren, hat nur ein Zehntel dieser Summe vom Board of Longitude erhalten.

Nollekens and His Times von 1828 ist auch noch beinahe zwei Jahrhunderte später eine wunderbare Lektüre. Man hat das Buch perhaps the most candid biography ever published in the English language genannt. Mit bösartiger Süffisanz (für ➱William Blake bringt Smith sehr viel mehr Sympathie auf) beschreibt John Thomas Smith den berühmten Bildhauer. Das geht bis in die Beschreibung seiner Kleidung: Perhaps there never was a Royal Academician, or even a servant of one, whose wardrobes were so scantily provided with change of dress as those of Mr. Nollekens and his old servant Bronze. He had but one nightcap, two shirts, and three pairs of stockings ; two coats, one of them his pourpre de pape, one pair of small-clothes, and two waistcoats. His shoes had been repeatedly mended and nailed ; they were two odd ones, and the best of his last two pair. This was the amount of his dress : indeed, so niggardly was he as to his clothes, that when Mrs. Holt took possession of his effects, she declared she would not live with him unless he had a new coat and waistcoat. With this reasonable request he complied, saying nothing about any other part of his dress.

Es hat sicher schon vor Nollekens (dessen Vater Joseph Francis Nollekens aus Antwerpen nach London gekommen war) Bildhauer gegeben, die sehr reich geworden sind, aber die Geldsumme, die der geizige Nollekens anhäuft, ist schon erstaunlich. Nollekens profitiert davon, dass die englische Oberklasse jetzt von der Klassik begeistert ist (ich habe das schon einmal in dem Post ➱Banastre Tarleton erwähnt). Wir können das hier sehr schön auf dem Bild von Richard Cosway sehen, das den Sammler Charles Townley (einen der Mäzene  von Nollekens) zeigt. Auf ihrer Grand Tour, die neuerdings für junge Gentlemen de rigueur ist (und über die auch manche wie ➱William Beckford schreiben werden), nehmen die Engländer in Rom jetzt alles mit, was ihnen geschickte Kunsthändler anbieten. Und hier in Rom beginnt auch die Karriere von Joseph Nollekens, die zuerst weniger die Karriere eines Bildhauers als die eines Kunsthändlers ist.

Er ist da nicht der einzige, der seine Dienste den englischen Gentlemen anbietet, ich zitiere einmal den ersten Absatz des Wikipedia Artikels zu Thomas Jenkins (hier von ➱Angelika Kauffmann gemalt), der offensichtlich von einem Fachmann geschrieben wurde: Thomas Jenkins (ca. 1722–1798) was a British antiquary and minor painter who went to Rome accompanying the English landscape painter Richard Wilson about 1750 and remained behind, establishing himself in the city by serving as cicerone and sometime banker to the visiting British, becoming a dealer in Roman sculpture and antiquities to a largely British clientele and an agent for gentlemen who wished a portrait or portrait bust as a memento of the Grand Tour. Gegenüber Jenkins hat Nollekens den Vorteil, dass er Bildhauer ist, er kann beschädigte Statuen reparieren. Er kann natürlich auch Fälschungen produzieren - was er gerne tut. Es ist den durchreisenden Engländern beinahe egal, was sie an Marmor kaufen, es soll sehr alt sein und sehr alt aussehen und diese edle Einfalt und stille Größe haben. Denn zu Hause in England möchte man gerne ein antiquary sein, antiquary und das Adjektiv antiquarian haben noch keinerlei negative Konnotation. Selbst jemand wie ➱Sir Joshua Reynolds wird von dem Sammelfieber angesteckt und erwirbt von Thomas Jenkins Berninis Neptun mit Triton für 500 Pfund.

Und dann gibt es in Rom noch andere, die im antiken Geröllhandel tätig sind. Wie den Maler und Kunsthändler Gavin Hamilton, der in Lord Shelburne einen guten Kunden findet. Der lässt sich dann von ➱Robert Adam im Lansdown House auch gleich das klassizistische Ambiente für seine Kunstwerke bauen. Auch Gavin Hamiltons in Italien lebender Namensvetter Sir William Hamilton interessiert sich für die Klassik, zwar ist er Sammler, aber er verkauft auch Kunstwerke weiter. Mit seiner Gattin ist das so ähnlich. ➱Lady Hamilton, auch schon beinahe ein klassisches Kunstwerk, überlässt er Admiral Nelson.

Natürlich werden viele dieser Gentlemen, die sich antiquary nennen, mit der Zeit eine große Kennerschaft entwickeln, andere sind lediglich reiche Banausen, die bei diesem Spiel ("Wie kriege ich mein stately home voll mit griechischen oder römischen Marmorstatuen") nur mitspielen wollen. Das liest sich dann Jahrhundert später in einem Text des Getty Museums so: Charles Watson-Wentworth, second Marquess of Rockingham, commissioned the three statues from English sculptor Joseph Nollekens. As a testament to his classical education and the taste he developed during his Grand Tour of Italy at age eighteen, the marquess assembled this group and other works in his Neoclassical sculpture gallery.

Wenn man keinen echten Polyklet oder Praxiteles mehr bekommt, dann tut es ja auch eine Kopie (arme Adlige nehmen einen Gipsabguss). Oder man bestellt sich gleich bei Joseph Nollekens etwas Klassizistisches, as a testament to his classical education and the taste he developed during his Grand Tour. Man kann bei ihm auch die Büsten berühmter Leute kaufen, wie diesen William Pitt hier. Er hat inzwischen seine eigene Fabrik in England. Ich weiß nicht, ob das schon unter den Begriff Industrial Revolution fällt. Er ist da nicht anders als andere klassizistische Bildhauer. Auch der dänische Phidias Bertel Thorvaldsen arbeitet ähnlich (falls Sie ➱dies verpasst haben sollten, müssen Sie das natürlich lesen, ebenso wie den schönen ➱Horace Walpole Post). Der Däne macht aber unterm Strich nicht so viel Gewinn wie Nollekens. Es ist ein kurioser Gedanke, dass viele dieser englischen Sammler ihr Vermögen mit der Industrial Revolution gemacht haben. Und nun kaufen sie bei Nollekens Kunstwerke, die letztlich auch fabrikmäßig industriell hergestellt werden.

Wenn man ganz weit oben in der Hierarchie der Sammler ist, dann gehört man der Society of Dilettanti an. Wenn man ihr nicht angehört, wie Horace Walpole, dann macht man böse Bemerkungen über diesen elitären Zirkel. Laut seiner Definition ist es a club, for which the nominal qualification is having been in Italy, and the real one, being drunk: the two chiefs are Lord Middlesex and Sir Francis Dashwood, who were seldom sober the whole time they were in Italy. Vielleicht ist da etwas dran. Auf diesem Bild, das Sir Joshua Reynolds (Mitglied der Society) anlässlich der Aufnahme von Sir William Hamilton gemalt hat, hat jeder der Herren ein Glas in Reichweite.

Ich habe es ja irgendwann schon einmal gesagt, dass ich von der Bildhauerkunst nichts verstehe. Ist mir peinlich, zumal ich einen Bildhauer in der Verwandtschaft habe. Sie werden deshalb kaum von mir erwarten, dass ich das bildhauerische Werk (hier die Büste, die er nach dem Tode seines Gönners Charles Townley gefertigt hat) von Joseph Nollekens hier ausführlich würdige. So bedeutend ist er vielleicht auch nicht, der Band 5, The Augustan Age der vorzüglichen Reihe The Cambridge Guide to the Arts in Britain, erwähnt ihn gar nicht erst. Und in Hugh Honours Neo-Classicism kommt er auch nicht vor.

Aber eine Plastik muss doch erwähnt werden, die ➱Grabplastik die er für Henry Howard nach dem Tod von dessen Frau Maria geschaffen hat. Sie hat den Witwer 1.500 Pfund Sterling gekostet. Nollekens hat länger als zehn Jahre daran gearbeitet, als das Grabmal 1806 fertig war, notierte Joseph Farington in seinem Tagebuch when it was finally complete Benjamin West thought it superior to the works of Canova. Eine Meinung, die von anderen englischen Künstlern geteilt wurde. Für den berühmten Richard Payne Knight war es the finest modern piece of sculpture executed in England. Und in seinem Standardwerk, dem Dictionary of British Sculpture 1660-1851 bezeichnet Rupert Gunnis das Grabmal als monumental masterpiece. Hat sich irgendjemand von all denen, die Nollekens über den grünen Klee loben, einmal Berninis Verzückung der Heiligen Theresa im Vergleich angeguckt? Nollekens hat Bernini in Rom gründlich studiert, und er beklaut ihn bei jeder Gelegenheit.

Nollekens hätte die Plastik aus Carrara Marmor am liebsten behalten, so stolz war er darauf. Und es brachte ihn zur Verzweiflung, dass das Grabmal nicht öffentlich zugänglich sein sollte: when Nollekens heard that his statue was to be placed in Wetheral Church he apparently burst into tears upset that one of his finest pieces was going somewhere where it would not be seen by admirers of his work. Natürlich haben auch Bewunderer den Weg in die Kirche von Wetheral gefunden, der berühmteste war vielleicht William Wordsworth. Der so gerührt war von so much feeling and grace, dass er ein Sonett darüber schrieb:

Stretched on the dying mother’s lap lies dead
Her new-born babe; dire ending of bright hope!
But sculpture here, with the divinest scope
Of luminous faith, heavenward hath raised that head
So patiently; and through one hand has spread
A touch so tender for the insensate child,—
(Earth’s lingering love to parting reconciled,
Brief parting, for the spirit is all but fled,) —
That we, who contemplate the turns of life
Through this still medium, are consoled and cheered; 
Feel with the mother, think the severed wife
Is less to be lamented than revered;
And own that art, triumphant over strife
And pain, hath powers to eternity endeared.

Wenn Sie jetzt noch mehr über englische Sammler von Klassik und Neo-Klassik und the culture of collecting wissen wollen (das Bild von John Francis Rigaud zeigt Nollekens mit seiner Büste von ➱Laurence Sterne), hätte ich einige Literaturtips für Sie. Zum Thema der Grand Tour ist Christopher Hibberts The Grand Tour unbedingt zu empfehlen. Das Buch von Francis Haskell und Nicholas Penny, dessen Titel Taste and the Antique: The Lure of Classical Sculpture 1500-1900 ja schon alles sagt, ist ein Klassiker zu diesem Thema. Noch detaillierter und genauer, sich nur auf das England des 18. Jahrhunderts konzentrierend, ist das vor drei Jahren erschienene Buch von Vicci Coltman Classical Sculpture and the Culture of Collecting in Britain since 1760.