Sonntag, 25. Januar 2015

Govaert Flinck (once again)


Ich gucke ja häufig auf das Kalenderblatt, das Wikipedia anbietet. Alle Ereignisse eines Tages quer durch die Jahrhunderte. Und was sehe ich heute? Der holländische Maler Govaert Flinck hat vierhundertsten Geburtstag. Könnte man drüber schreiben. Klicke den Artikel an und sehe dieses Bild. Das kenne ich, ich habe nämlich vor einem Jahr schon einen Post geschrieben, der ➱Govaert Flinck heißt. Klicken Sie den doch einmal an. Der ist leider kaum gelesen worden, ist kein Renner wie zum Beispiel ➱Damenmode vom letzten Donnerstag. Mehr gibt es heute nicht als Sonntagslektüre, aber morgen kann ich einen dicken, fetten Post anbieten, der Ermenegildo Zegna heißt.

Und ja, ich weiß, das Sir Winston Churchill gestern vor fünfzig Jahren gestorben ist. Ich war bei seiner Beerdigung. Nicht der in London, sondern bei einer Feier der englischen Garnison auf dem Truppenübungsplatz Bergen-Hohne. Lesen Sie ➱hier mehr.

Freitag, 23. Januar 2015

John Hoppner


Diess Bild von John Hoppner heißt Master Meyrick, es zeigt den kleinen William Henry Meyrick um 1793. Wir könnten auf den ersten Augenblick glauben, dass es ein Mädchen ist. Man muss allerdings bedenken, dass es in der feinen Gesellschaft lange üblich war, Kinder in eine Kleidung zu stecken, die von Jungen und Mädchen getragen werden konnte (man kann dazu mehr in Ingeborg Weber-Kellermanns Buch Der Kinder neue Kleider lesen). Hemingways Mutter hat den kleinen Ernest die Kleider seiner älteren Schwester Marcelline auftragen lassen. Was für den Literaturkritiker Kenneth S. Lynn der Ausgangspunkt für seine These war, dass das sein ganzes Leben geprägt hat: Is it any wonder that sexual anger, anxiety and confusion became the fate of Hemingway the man, or that his novelistic portrayals of romance, from 'The Sun Also Rises' (1926) to 'The Garden of Eden' (1986), are all marked by androgynous kinkiness?

Die These von Lynn ist ja nun ein klein wenig schwachsinnig. Als ich klein war, hatte ich einen weinroten Badeanzug. So etwas war vor dem Krieg der letzte Schrei gewesen, aber jetzt schrieben wir das Jahr 1950. Ich kam mir damit ziemlich doof vor, vor allem, weil das Teil auch noch aus Wolle war. Gibt mit Weserwasser und dem Sand vom ➱Schönebecker Sand eine tolle kratzende Verbindung. Aber der weinrote Badeanzug verfolgt mich nicht in meine Träume. Und ich habe auch keine der Macken, die Hemingway hatte.

William Henry Meyrick ist später Oberstleutnant in der englischen Armee geworden, es gibt keine Hinweise darauf, dass sein Leben so verkorkst war wie das von ➱Ernest Hemingway. Auch dies Bild (ungefähr zur gleichen Zeit gemalt) zeigt kein Mädchen, sondern den jungen John Granville. Als der Kunsthändler ➱Joseph Duveen das Gemälde 1928 in die Finger bekam, schwor er, den schönsten Hoppner, den er je gesehen hatte, nicht unter 110.000 Dollar zu verkaufen. Man weiß aber nicht, welchen Preis der Sohn von ➱Henry Ford für das Bild, das heute im Detroit Institute for Art hängt, bezahlen musste.

Man ist sich nicht so ganz sicher, ob dies wirklich ein Hoppner ist, aber das  es eine Frau ist, darüber gibt es keinen Zweifel. Es zeigt die Schauspielerin und Schriftstellerin Mary Robinson als Perdita in Shakespeares Winter's Tale. Alle Maler der Zeit haben sie gemalt: Gainsborough, Reynolds, George Romney und Thomas Lawrence. In dem interessanten Blog The Duchess of Devonshire's Gossip Guide to the 18th Century war sie einmal Tart of the Week. Und in diesem Blog füllt ihr atemberaubendes Leben beinahe den ganzen Post ➱Banastre Tarleton.

Wenn Hoppner, den ➱Richard und Samuel Redgrave the most daring plagiarist of Reynolds nennen, etwas kann, dann sind das Kinder und Frauen. Sein ➱Lord Nelson ist einfach nur scheußlich. Seine besten Bilder sind die aus den 1790er Jahren, danach beherrschen Henry Raeburn und Thomas Lawrence das Feld der Portraitmalerei. Lawrence schrieb 1810 über seinen Rivalen (der am 23. Januar 1810 starb): You will be sorry to hear it, my most powerful competitor, he whom only (to my friends) I have acknowledged as my rival, is, I fear, sinking to the grave—I mean of course Hoppner. ➱Hoppner ist im königlichen Palast aufgewachsen, es hielt sich zu seinen Lebzeiten hartnäckig das Gerücht, dass er ein Sohn von ➱George III sei. Hoppner hat dem nie widersprochen, es war immer gut für das Geschäft.

Die königliche Protektion hat er nie verloren, auch dass er 1789 eine Amerikanerin (die Tochter der Bildhauerin Patience Wright) heiratete, hat ihm nicht geschadet. Im Jahre darauf wurde er der Hofmaler (eine Position, die Joshua Reynolds auch gehabt hatte) des Prinzen von Wales, den er dann gleich gemalt hat. So schön wie hier (und auf dem ➱Gemälde von Lawrence) ist der Mann, der später ungeheuer fett wird und sich immer noch einbildet, ein großer ➱Dandy zu sein, bestimmt nie gewesen. Hoppner wäre lieber der Hofmaler des Königs geworden, doch den Posten bekam der jüngere Thomas Lawrence.

Hoppner hatte ein gutes Auge für gute Bilder. Er hat früh über Richard Wilson (der ➱hier einen Post hat) gesagt: We recollect no painter, who, with so much originality of manner, united such truth and grandeur of expression. Und er hat Gainsboroughs Blue Boy besessen. Er wäre - was sich auch Thomas Gainsborough wünschte - gerne Landschaftsmaler geworden, aber das ist eine brotlose Kunst. Geld bringen die Portraits in dieser Zeit. Doch die Liebe zur Natur und zur Landschaftsmalerei hat ihn nie verlassen. Und so malt er die meisten Hintergründe seiner Gemälde selbst, andere vertrauen dabei auf die Spezialisten ihres Studios. Es lohnt sich durchaus (zum Beispiel ➱hier), einmal bei seinen Gemälden nur die Landschaften im Hintergrund zu studieren.

Glaubt man einem Brief Thomas Gainsboroughs, so haben die Maler, die die Kostüme oder den Hintergrund malten, damals nicht schlecht verdient: There is a branch of Painting next in profit to portrait and quite in your power without any more drawing than I'll answer for your having, which is drapery and landskip backgrounds. Perhaps you don't know that whilst a Face painter is harrased to death the drapery painter sits and earns 5 or 6 hundred a year, and laughs all the while.

Bei dem Bild der Countess Talbot aus dem Jahre 1788 gibt die Dunedin Art Gallery in Neuseeland gleich zwei Maler als Schöpfer an: Thomas Gainsborough und John Hoppner. Der Hintergrund (und vielleicht noch etwas mehr) ist auf jeden Fall von Hoppner. Solche Zusammenarbeit zweier Maler ist eigentlich nichts Außergewöhnliches in der Geschichte der Malerei. Eine Zusammenarbeit von Malern mit den Schülern und Gehilfen im Studio hat es immer gegeben, aber auch die Zusammenarbeit mehrerer Maler. ➱Brueghel hat Bildhintergründe für Rubens gemalt, ➱Thomas Herbst hat die Kühe auf den Bildern von Liebermann gemalt. Gehört hier zwar nicht unbedingt hier hin, aber ich bilde sie trotzdem mal eben ab.

Aber warum sollte Gainsborough den Hintergrund nicht selbst malen, wo er doch viel lieber Landschaftsmaler als Portraitmaler war? (Lesen Sie ➱hier mehr zu dem Thema). Die Erklärung ist einfach, er hat das Bild nicht mehr vollenden können. Ellis Waterhouse hat in seinem Katalog nur einen trockenen Satz: The head appears to be very late Gainsborough: the rest is finished by another hand, traditionally Hoppner's. Das Bild hat Sir Brooke Boothy, dem Freund Rousseaus, gehört (der hat ➱hier einen Post). Der Duke of Devonshire hat es ihm abgekauft, es hing lange in ➱Hardwick Hall, bevor es 1958 bei Christie's an die Dunedin Public Art Gallery verkauft wurde, die eine ganz erstaunliche ➱Sammlung besitzt.

Der Text zu dem Bild (diese Countess Talbot ist von Reynolds) im Internet ist ziemlich schwammig: Like many other contemporary portrait painters, Gainsborough sometimes employed assistants, but in this instance he and Hoppner undertook the painting in this life-size study of the Countess Talbot. It appears that Gainsborough painted her face and upper torso, while the background landscape seems to be more in the style of Hoppner. Assistants probably worked on other aspects of the painting. Although the idea of two prominent artists collaborating on one painting may seem a little curious, Hoppner had entered the Royal Academy schools in the same year as Gainsborough’s nephew and apprentice, Gainsborough Dupont, and through him possibly met the older artist. The two men shared a love of landscape and Hoppner owned a number of Gainsborough’s landscape drawings.

Sie haben noch mehr gemeinsam, sie sind beide Liebhaber der Musik. Hoppner (der Joseph Haydn portraitierte) hatte im Chor der Chapel Royal gesungen, und hatte nach Gainsboroughs Tod dessen Laute (die von ➱Michael Lauche gebaut worden war) für zwei Pfund und zehn Schillinge gekauft. Während wir von Hoppner außer einer verloren gegangen Zeichnung keine Bilder von musizierenden Personen haben, hat der Musikfreund Gainsborough die immer wieder gemalt. Es muss ihm eine Freude gewesen sein, den Reverend John Chafy mit seinem Violoncello und mit viel englischer Landschaft zu malen.

Es gibt noch eine andere Zusammenarbeit von Hoppner mit einem Maler: er hilft dem jungen John Constable, das Portrait seines Freundes Ramsay Richard Reinagle zu verbessern. Wir wissen das von Constable selbst: I met Mr Hoppner at the R.A. in the 1800 year & on his suggestion/some alteration in my scheme of colouring/I instantly saw it & made it (being the/day for it) much to his & my own satisfaction/I then offered him a sketch of it which he readily/accepted & for which in return he painted/over my portrait of R.R.R.

Das Bild von Hoppner, das ich am schönsten finde, war schon einmal in diesem Blog. Es findet sich in dem Post ➱Henry Kirk White. Hoppner malt den Dichter, der jung starb, sehr romantisch. Und vielleicht ein klein wenig feminin, wie den jungen John Granville. Und er malt ihn, wie Thomas Lawrence ihn gemalt haben würde, in dem Punkt ist er ein Chamäleon. Mal ein bisschen ➱Reynolds oder ➱Romney, mal ein wenig ➱Raeburn oder ➱Lawrence. Manchmal werden seine Bilder auch mit denen von Martin Archer Shee oder William Beechey (der ➱hier einen Post hat) verwechselt. Für die Kunstgeschichte ist Hoppner nie wirklich interessant gewesen, es gibt zu viele gute englische Portraitmaler in dieser Zeit. Das schlägt sich auch auf die Preise nieder. Ein charmantes Kinderbild wie das der ➱Emma Laura Whitbread wurde für 15.600 Pfund verkauft.

Ellis Waterhouse, dessen Painting in Britain 1530 to 1790 die beste Geschichte der englischen Malerei ist, hat in seiner klaren Art einiges zu Hoppner zu sagen: The next portraitist in public repute after Romney is John Hoppner ( 1758-1810), who admittedly had a large name in his own day, but the recent fashion for him is due chiefly to assiduous puffing by the art trade some half a century ago and to the childlike desire of the very rich in that far-off age of collecting to fill their houses with portraits of beautiful women and lovely children. 

He had enough personal style usually not to leave any doubt as to whether a portrait is by him rather than by another, and yet he is for ever reminding us of the work of one or other of his greater contemporaries, at first of Reynolds and Romney, and later of Lawrence and Raeburn. He told Danloux that he kept a picture by Gainsborough in his studio as a model, and he bought some half-finished portraits at Romney's sale. He veered backwards and forwards between these rival influences, for to take examples only from his best pictures - while Lord Dartmouth's 'Lady Charlotte Duncombe' of 1794 is entirely in the vein of Lawrence, the 'Lady Elizabeth Bligh' ( Royal Academy, 1803; Governor Fuller, Boston) might be mistaken for a Reynolds. He is best in half-lengths, for his full-length ladies are little more than torrents of white muslin without form or shape.  

Diesen letzten Satz,  for his full-length ladies are little more than torrents of white muslin without form or shape, würde hierzulande kein Kunsthistoriker wagen, aber Sir Ellis (der auch zum Untergang des Kunstfälschers ➱van Megeren beigetragen hat) bringt das. ➱Nikolaus Pevsner hatte Waterhouse gebeten, für sein Projekt der Pelican History of Art zu schreiben, der Band Painting in Britain, 1530-1790 wurde dann der erste Band der Reihe. Man kann ➱hier bei Google Books hineinschauen, aber man kann sich den Band auch kaufen, kostet bei Amazon Marketplace so gut wie nichts.


Donnerstag, 22. Januar 2015

Damenmode


Einige Leser waren verwundert, dass ich in dem Post ➱William Frith über Damenmode geschrieben habe. Das waren sie offensichtlich nicht gewohnt. Dabei war das keine Premiere, ich habe schon im ersten ➱Post des Jahres darauf hingewiesen, dass es hier manchmal auch Damenmode gibt. Und ganz dezent für die Posts ➱Jil Sander, ➱Mary Quant, ➱Dior, ➱Pierre Cardin, ➱Coco Chanel, ➱Haute Couture, ➱Breakfast at Tiffany's oder ➱Charles Frederick Worth Werbung gemacht. Aber ich gebe auch zu, dass das - verglichen mit der Vielzahl der kleinen Miszellen zur Herrnmode - nicht so furchtbar viel ist. Ich schreibe deshalb selten über die Damenmode, weil heute schon so viele über Damenmode schreiben. Von denen die meisten leider wenig Ahnung davon haben.

Ich will ja gerne gestehen, dass ich in den fünfziger Jahren mit Zeitschriften wie Film und Frau aufgewachsen bin. Und mit der Modephotographie von F.C. Gundlach. Damals sagte der Name kaum jemandem etwas, heute wird der Mann gefeiert. Zwar gab es in Film und Frau meistens nur Ruth Leuwerik und Sonia Ziemann zu sehen, aber man bekam doch eine gute ➱Übersicht über die Damenmode der fünfziger und sechziger Jahre. Gundlach war nicht der einzige Photograph, es gab da noch Regina (Regi) Relang, Charlotte Rohrbach und Hubs Flöter. Und auch der junge Will McBride hat für Film und Frau photographiert, bevor er durch seine Photos in der neuen Zeitung Twen (die in dem Post ➱Nina van Pallandt erwähnt wird) richtig berühmt wurde.

Regina Relang hatte schon in den dreißiger Jahren für Vogue gearbeitet und orientierte sich schon damals international. Charlotte Rohrbach (die auch Arno Brekers Statuen und den Bau des Reichssportfelds ins Bild gesetzt hatte) stand eher dem Regime nahe, Hubs Flöter war seit 1933 in der NSDAP. In den fünfziger Jahren photographieren sie die neue deutsche Wohlstandsgesellschaft. Hubs Flöter hat viel für ➱Heinz Schulze-Varell photographiert, der neben Oestergaard, Gert Staebe und Hans Seger (die beiden sind hier im Bild) einer der wenigen ernstzunehmenden deutschen ➱Couturiers war. Schulze-Varell hatte sein Studio in München, Staebe, Seger und Oestergaard versuchten in Berlin daran anzuknüpfen, dass diese Stadt ja einmal eine europäische Modemetropole gewesen war. Darüber können Sie mehr in dem Post ➱Wilfrid Israel lesen.

Schulze (damals noch ohne den Zusatz Varell) war 1943 Kostümchef bei der UFA geworden, hatte sich aber geweigert, die 'Treueerklärung' zum 'Führer' zu unterschreiben. Für die Amerikaner war Schulze deshalb ein Vorzeigedeutscher, in ihrer Zeitschrift Heute bekam er 1947 eine Doppelseite, wo sein modernes deutsches Modedesign gefeiert wurde. Dieses Bild von Schulze-Varell mit seinen Mannequins ist (wie das von Gert Staebe und Hans Seger) von F.C Gundlach gemacht worden. Man beachte seinen Anzug mit dem leichten Glitzerschimmer, so etwas hatte ich damals auch. Wenn Sie noch einen Literaturtip haben wollen: Vom New Look zum Petticoat: Deutsche Modephotographie der 50er Jahre, herausgegeben von F. C. Gundlach, gibt einen vorzüglichen Überblick.

Über Modephotographie, die ja meistens eine Photographie der Damenmode ist, schreibe ich gerne irgendwann noch einmal. Es gibt hier immerhin schon einen kleinen Post zu ➱Erwin Blumenfeld. Dieses Photo, Waterloo Station, aus dem London des Jahres 1951 ist von der amerikanischen Photographin Toni Frissell. Man fragt sich dabei natürlich: wie haben die den Bahnhof so leer gekriegt? Es ist übrigens Paddington Station und nicht Waterloo Station, das haben die Historiker der Photographie inzwischen herausgefunden. Für die Zeitschrift Harper's Bazaar bekam das Schwarzweiß Negativ ein klein wenig Farbe. Wirkt aber heute noch cool.

➱Gabi hat mir im letzten Jahr ein Buch von Meike Winnemuth geschenkt. Die kennt sie, sie war mit ihr auf einer Schule und sieht sie manchmal bei Klassentreffen wieder. Gabi war überrascht, dass ich Meike Winnemuth schon kannte. Ich lese deren Kolumnen nämlich ständig. Meike Winnemuth schreibt zwar nicht immer über Mode, aber sie hat einmal ein witziges modisches Experiment gemacht: sie hat ein Jahr lang das selbe kleine Blaue getragen. Und in ihrem Blog darüber geschrieben.

Das hat die Marke Katharina Hovman (Designed in Hamburg. Made in Europe), hinter der die Modeschöpferin Katharina Müller-Lenz steht, sehr bekannt gemacht. Wahrscheinlich ist Katharina Müller-Lenz bekannter als Karl-Ludwig Rhese. Der schneidert auch Kleider, aber er hat nur sehr wenige Kundinnen. Das reicht ihm aus, denn er macht Kleider für die englische Königin. Das ist etwas anderes als Mode für QVC, Ulla Popken und Schmuck für Lidl zu entwerfen wie Harald Glööckler.

Modeschöpfer haben es gern, wenn Schriftsteller über sie schreiben. Balzac bezahlte seine Schneiderrechnungen nie, schrieb seinen tailleur aber in seine Romane. Da genügt schon ein Satz wie: Ein Anzug, den man Buisson verdankt, genügt, um in jedem Salon eine königliche Rolle zu spielen, schon sind die Klamotten bezahlt. Oscar Wilde machte für die Stoffe und Kleider von Liberty's Werbung. Und ➱Marcel Proust schreibt Mariano Fortuny in seinen riesigen Roman hinein: Ces toilettes n'étaient pas un décor quelconque, remplaçable à volonté, mais une réalité donnée et poétique comme est celle du temps qu'il fait, comme est la lumière spéciale à une certaine heure. De toutes les robes ou robes de chambre que portait Mme de Guermantes, celles qui semblaient le plus répondre à une intention déterminée, être pourvues d'une signification spéciale, c'étaient ces robes que Fortuny a faites d'après d'antiques dessins de Venise. 

Est-ce leur caractère historique, est-ce plutôt le fait que chacune est unique qui lui donne un caractère si particulier que la pose de la femme qui les porte en vous attendant, en causant avec vous, prend une importance exceptionnelle, comme si ce costume avait été le fruit d'une longue délibération et comme si cette conversation se détachait de la vie courante comme une scène de roman. Oder, wie Oscar Wilde so schön sagte: Either you are a work of art, or you wear one.

Die Welt der Herzogin von Guermantes ist vergangen. Das hier ist die Comtesse Greffulhe, Prousts Vorbild für die Herzogin, auf einem Photo von Nadar. Fortuny Roben kosten ein Vermögen, wenn sie heute bei Auktionen auftauchen. Auch die Pariser Haute Couture, die nach dem Zweiten Weltkrieg wieder aufstand wie Phönix aus der Asche, durchlebt schwere Zeiten. Woran sie selbst nicht unschuldig ist, ihr Sündenfall hieß Prêt-à-porter. ➱Pierre Cardin war sehr stolz darauf, das erfunden zu haben, Nimbus und Exklusivität eines Maison de Couture sind allerdings zum Teufel, wenn die Produkte bei H&M vertickt werden oder in Kaufhäusern auf dem Wühltisch liegen.

Mode muss immer neu sein, das ist ein ungeschriebenes Gesetz. Weiß nur niemand, wo das im code civil geschrieben steht. 1885 schrieb Oscar Wilde in The Philosophy of Dress: Fashion rests upon folly. Art rests upon law. Fashion is ephemeral. Art is eternal. Indeed what is a fashion really? A fashion is merely a form of ugliness so absolutely unbearable that we have to alter it every six months! It is quite clear that were it beautiful and rational we would not alter anything that combined those two rare qualities. And wherever dress has been so, it has remained unchanged in law and principle for many hundred years.

Zwei Jahre später schreibt er in seiner Zeitung Woman's World: And, after all, what is a fashion? From the artistic point of view, it is usually a form of ugliness so intolerable that we have to alter it every six months. In dieser Form ist das Zitat wohl am häufigsten zitiert geworden. Eine vernünftige Antwort auf die Frage, warum angeblich zweimal im Jahr eine neue Mode die Mode ist, ist bis heute noch nicht gefunden worden. Die Interessen der Bekleidungsindustrie lassen wir einmal unerwähnt. Und Kästners ➱Gedicht Sogenannte Klassefrauen möchte ich lieber auch nicht erwähnen.

Modemarken hängen heute an Namen von Personen und leben von gigantischen Werbeetats. Die nur deshalb so gigantisch sind, weil der Kunde letztlich nicht das Produkt, sondern die Werbung bezahlt. Wahrscheinlich hätte ein publikumsscheuer Mann wie Christian Dior heute weniger Chancen als, sagen wir es ruhig, Wolfgang Joop oder Harald Glööckler. Der Graf Hubert de Givenchy und der Captain Edward Molyneux konnten sich weltgewandt durch alle Schichten der Gesellschaft bewegen. Und das mit Stil. Der fehlt nun allerdings den Herren Joop und Glööckler.

Und ob Jil Sander wirklich Stil hat, da bin ich nicht so sicher. Aber vielleicht bin ich nicht der problembewusste Mensch von heute, der ihre Sachen, diese refined Qualitäten mit spirit eben auch appreciaten kann. Ich habe wohl keinen Sinn für das effortless, das magic ihres Stils. Wenn ich dazu mal eben meine Lieblingskolumnistin zitieren darf: there is a cult of luxurious simplicity which is often mistaken for style, but this is only a sophisticated level of good taste. The woman who extols perfectly plain white silk shirts and perfectly plain black cashmere pants and who expresses utter loathing for frills and ruffles almost never has real style. Her kind of simplicity is costly, and it is usually timid. Dieses schlichte Teil ist übrigens nicht von Jil Sander, sondern von der Frau, die das kleine Blaue für Meike Winnemuth entworfen hat.

Heute sieht Stil anders aus, als in der Welt der Herzogin von Guermantes oder des Grafen de Givenchy. Heute sieht das so aus wie auf den Photos dieser Hochglanzpostilllen, die das Schmerzhafteste beim Zahnarztbesuch sind. Marie-Luise Steinbauer, die mal Mannequin war und später für den Otto Versand designte, ist ja glücklicherweise längst Geschichte.

Das hier ist Marie-Louise mit einem Herrn, den ich eigentlich vermeiden wollte (obwohl er ➱hier einen Post hat. Und abertausende den Post ➱Jogginghosen gelesen haben). Frauke Ludowig hält sich erstaunlicherweise noch im TV. Und immer wieder tauchen in den Privatsendern Shopping Queens, B-Promi Tussis und Ex-Playmates auf, die alle etwas über Mode zu sagen haben. Ich nehme an, dass diese modische Dschungelcamp Sendung Shopping Queen mit dem Modedesigner, von dem ich glücklicherweise noch nie gehört habe, eigentlich Satire ist. Ich hoffe es jedenfalls.

Daß es Moden unter den Menschen giebt, ist eine Folge ihrer geselligen Natur. Sie wollen einander gleichförmig seyn: weil sie miteinander verbunden seyn wollen. Jede in die Augen fallende Unähnlichkeit in Kleidung, Wohnung und Lebensart, ist ein Abstand, der die Zuneigung verhindert, und der vertraulichen Mitteilung der Ideen im Wege steht. - Wenn Menschen einander einmal so nahe sind, daß sie mit einander gemeinschaftlich handeln, oder sich in Gesellschaft miteinander vergnügen: so ist es eben so wohl eine natürliche Folge ihrer Gesinnung gegeneinander, als eine unwillkührliche Wirkung ihres Beisammenseyns, daß sie einander ähnlich zu werden streben. Und diese Gleichförmigkeit, wenn sie in einer Gesellschaft einmal erreicht ist, wird für jedes neue Glied, das in dieselbe aufgenommen, werden oder in ihr mit Ehren und Vergnügen auftreten will, eine Regel.

Daher hat es Moden unter den Menschen gegeben, solange Menschen existiren. Es giebt deren unter den Wilden. Die Einschnitte, die sie sich in die Haut machen, und die Farben, mit welchen sie sie einreiben, sind in jeder Völkerschaft, und oft in vielen Völkerschaften auf einem großen Erdstriche, gleichförmig. Wie viele und wie bestimmte Moden in den Verzierungen ihrer Personen und Häuser sowohl, als in den Ausdrücken ihrer Höflichkeit finden wir nicht bey den Homerischen Helden! 

So wie sich die Stände voneinander absondern, und sich die große bürgerliche Gesellschaft gleichsam in mehrere kleine trennt, die nur als Corpora miteinander verbunden bleiben, ohne daß die Individuen, woraus sie bestehn, sich wechselsweise sehr nahe kämen: so trennen und vervielfältigen sich auch die Moden. Ja sie werden eben so gut Mittel der Absonderung, als der Vereinigung. Der gemeinschaftliche Ehrgeiz Vieler sucht sich ebensosehr durch ein ähnliches Aeußeres von denen, die unter ihnen sind, zu unterscheiden, als die Zuneigung und Vertraulichkeit derer, die sich einander für gleich halten, sie bewegt, alle Unterschiede so viel, als möglich, zu vermeiden.

Seit der Aufklärung, in der auch die ersten Modezeitungen das Licht der Welt erblickten, ist über Mode geschrieben worden (der Text da oben ist von ➱Christian Garve aus dem Jahre 1792). Considering our present advanced state of culture, and how the Torch of Science has now been brandished and borne about, with more or less effect, for five thousand years and upwards; how, in these times especially, not only the Torch still burns, and perhaps more fiercely than ever, but innumerable Rushlights, and Sulphur-matches, kindled thereat, are also glancing in every direction, so that not the smallest cranny or dog-hole in Nature or Art can remain unilluminated,—it might strike the reflective mind with some surprise that hitherto little or nothing of a fundamental character, whether in the way of Philosophy or History, has been written on the subject of Clothes.

Carlyles Satz, it might strike the reflective mind with some surprise that hitherto little or nothing of a fundamental character, whether in the way of Philosophy or History, has been written on the subject of Clothes, hat heute immer noch seine Bedeutung, obgleich sich seit den Tagen von ➱Sartor Resartus einiges geändert hat. Philosophen haben immer wieder über die Mode geschrieben, Carlyle und ➱Simmel sind nicht die einzigen. Glücklicherweise halten sich die beiden größten deutschen philosophischen Schwergewichte, ➱Thea Dorn und ➱Richard David Precht, im Augenblick noch zurück. Aber wir brauchen sie nicht, wir haben ja Barbara Vinken.

Die ist zwar keine Kunst- oder Kostümhistorikerin wie Aileen Ribeiro, Erika Thiel oder Ingrid Loschek, und sie hat auch eigentlich von Mode keine Ahnung, aber die Romanistikprofessorin hat das modische Theorievokabular voll drauf. Da ist mir der promovierte Journalist Ulf Poschard lieber, den kann man wenigstens lesen. Weil er auch witzig ist. Seit es keine Haute Couture und keine wirkliche Mode mehr gibt, gibt es erstaunlicherweise eine anwachsende Zahl von Publikationen. Philosophen, Soziologen, Kunsthistoriker und Psychologen machen sich über die Mode her, am liebsten nicht über die substantiellen Dinge wie Knöpfe - wie es Lucien Febvre vorschwebte - sondern über ➱Modetheorie. Die meisten Autoren können zwar keinen Knopf annähen und kein Streichgarn vom Kammgarn unterscheiden, aber Theorie können sie alle.

Wir nehmen für das Ende der Mode, in der es modische Autoritäten gibt, einmal das Jahr 1970, auf jeden Fall tut das meine Lieblingskolumnistin: By chance, I took over the “Feminine Fashions” column of The New Yorker at the very moment that feminine fashions ceased to count. Women's refusal to lengthen their hemlines in 1970 may not have been the grand gesture of feminist independence that some chose to claim, but it is a convenient watershed in the history of fashion. After that, there was no longer any unabashedly accepted, universal fashion authority, and no real point in reporting the latest word of fashion news each season.

Das schreibt eine Oxford Absolventin namens Kennedy Fraser, die es nach Amerika verschlagen hat. Wo sie gleich von William Shawn, dem Herausgeber des New Yorker, entdeckt wurde. Der besaß die Gabe, wirkliche Talente frühzeitig aufzuspüren und zu fördern, ➱J.D. Salinger hat ihn immer dankbar bewundert. Auf dem Buchrücken von Kennedy Frasers The Fashionable Mind steht der Satz: Here, in thirty-four elegant essays, all originally appearing in the 'New Yorker', is fashion made interesting - not the hype of Fashion Avenue, but the acutely intelligent and independent obervations of a civilized mind. Man wünschte sich, dass man so etwas über mehr Modebücher sagen könnte.

Als Meike Winnemuth nach 365 Tagen ihr Experiment beendete, hat sie einmal Revision im Kleiderschrank gemacht. Und Teile ausgesondert. Und so findet sich in ihrem ➱Blog dieses Bild mit dem Eintrag: 26.10.2010 Was? Kleid von COS, Größe 44 (kein Schreibfehler. Ich trage alles zwischen 36 und 44, mir doch egal), ungetragen. Warum? Tragische Farbe für mich. Wohin? An Angie. Ich nehme mal an, dass das Angie Merkel sein soll. Das modische Leitbild vieler deutschen Frauen. Da mache ich lieber erst einmal Schluss.


Noch mehr Damenmode finden Sie hier: Damenmode, Erwin Blumenfeld, Jil Sander, Mary Quant, Dior, Pierre Cardin, Coco Chanel, Haute Couture, Breakfast at Tiffany's, Charles Frederick Worth, Tartan, Camille in Grün, Kieler Chic, Weihnachtsgeschenke, Cinecittà und die Mode, Joan Didion, Ruth Leuwerik, skandinavische Mode, Nico, Sommermode, Cardigan, William Frith, Uniformen, Berliner Mode, Jiline, Camille in grün Demimonde, Orchideen, Charles Chaplin, les grandes horizontales, Ruth Leuwerik

Montag, 19. Januar 2015

William Frith


Im 19. Jahrhundert wird es in der feinen Gesellschaft in England Mode, dass junge Damen Sport betreiben. Queen Victoria soll diesen Sport hier auch betrieben haben. Cricket, Croquet, Tennis und Bogenschießen sind jetzt angesagt. Für die Frauen in England, die jener Klasse angehören, über die ➱Friedrich Engels sein Buch Die Lage der arbeitenden Klasse in England schrieb, gab es keinen Sport. Die kommen auch nie auf Gemälde wie diese jungen Damen auf dem Bild von William Frith, das The Fair Toxophilites: English Archers, Nineteenth Century heißt.

Die jungen Damen auf dem Bild oben sind (von links nach rechts) Alice, Louise und Fanny, die Töchter des Malers, der am 19. Januar 1819 geboren wurde. The Fair Toxophilites ist vielleicht das beste Bild des Malers. Um eine Toxophilite zu sein, muss man natürlich in der 1781 gegründeten Royal Toxophilite Society (im Oberklassenslang the Tox genannt) sein, der auch die ➱Königin angehörte. Ich verstehe ein wenig von dem englischen Sport Cricket (was die Leserzahlen von diesem ➱Post beweisen), der in dieser Zeit auch gerne von Damen betrieben wird. Wie auf diesem Bild von Lucien Davis, einem beliebten ➱Illustrator der viktorianischen Gesellschaft.

Am besten spielt man Cricket bei sommerlichen Gartenfesten. So wie Croquet. Oder wie hier die Countess of Derby mit ihren Freundinnen. Aber doch bitte nicht als Sport. Sagt der Reverend H.R. Haweis: Do I object to cricket, for instance? Personally, I do not care to see a graceful girl straddling behind a wicket, with her nose above the bails, her body doubled-up like a frog's, and her hands clapped on her knees for support; nor do I think that a young lady's hands and arms were intended to swing a weighty club, and "swipe," as the boys say, at cricket balls.

Das Zitat findet sich in seinem Buch Ideals for Girls (➱hier im Volltext), das uns sehr viel über das viktorianische Frauenbild sagt. Wenn ich mich beim Cricket auskenne, vom Bogenschießen für Damen habe ich eigentlich nicht die geringste Ahnung. Aber ich habe das wunderbare Buch von Manuela Müller-Windisch gelesen. Hat einen Titel, der alles sagt: Aufgeschnürt und außer Atem: Die Anfänge des Frauensports im viktorianischen Zeitalter. Gibt es ab 1,58 bei Amazon Marketplace. Das Bild von William Frith sagt uns nicht nur etwas über das Freizeitverhalten der nicht arbeitenden Klasse in England, es sagt uns auch eine Menge über Damenmode. Dazu später mehr.

Dieses Bild von Henry Raeburn (der ein bedeutenderer Maler ist und ➱hier natürlich einen Post hat) ist - wie das Bild von Sir Joshua Reynolds im Absatz darüber - beinahe ein Jahrhundert älter als das von Frith. Auch hier kommen die Schützen aus der besseren Gesellschaft, Bogenschießen ist ein exklusiver Sport. Das ist er, seit der Bogen keine Waffe mehr ist, seit man Robin Hood und diejenigen nicht mehr braucht, die mit ihren longbows die Schlacht von Azincourt gewannen.

Maler wie William Frith braucht die Kunst eigentlich auch nicht. Er ist jemand, der den viktorianischen Alltag malt. Mit großangelegten Panoramen wie ➱The Derby Day, ➱The Railway Station oder ➱Ramsgate Sands. Manchmal auch ein ganz klein wenig sozialkritisch, wie in dem ➱Crossing Sweeper. Er wird auf einer Internetseite als the greatest British painter of the social scene since Hogarth bezeichnet, aber da muss jemand etwas missverstanden haben. William Frith, der auf seinem Selbstportrait wie ein Pastor aussieht, hat nichts von dem scharfen Blick von Hogarth. Und sozialkritisch will er erst recht nicht sein.

In David Bindmans Dictionary of British Art heißt es über ihn: He had few pretensions of greatness, though he took his role as chronicler of modern life seriously. Man könnte ihn mit dem Franzosen Louis-Léopold Boilly (der ➱hier einen Post hat) vergleichen, aber das würde nicht so gut für Frith ausgehen. Er malt tableaux, in denen ein Augenblick eingefroren wird, und in denen sich nichts bewegt. Und die uns nicht bewegen. Hier in For better, for worse gibt es arm und reich. Aber gibt es eine ➱Botschaft? Das frisch getraute Paar aus reicher Familie könnte so enden wie die Bettler hinter der Kutsche, so what?

Gut, Frith ist mir lieber als der widerlich moralisierende Augustus Egg (der schon en passant in den Posts ➱Thomas Chatterton und ➱William Etty erwähnt wird), aber den wirklichen Spannungen der englischen Gesellschaft gehen die englischen Maler im 19. Jahrhundert gerne aus dem Weg. Im Gegensatz zur Literatur, wo wir mit Charles Dickens schonungslose Kritiker der Gesellschaft haben. Lieber flüchtet man wie Frith ins sentimentale Genre (in dem Punkt ist er ein Nachfolger von ➱David Wilkie). Oder man flüchtet in die Geschichte wie hier mit dem Bild Mary Stuart Returning from France. So etwas rührt das Herz, das hat das Publikum gerne. Friths Bilder zogen riesige Menschenmassen an.

Sie waren beim Publikum so beliebt, dass man sie mit eisernen Gittern abzäunen und einen Polizisten daneben stellen musste, weil die Schaulustigen sonst ihre Nasen aufs Bild gedrückt hätten. Die Bilder waren ja auch nicht groß (A Private View at the Royal Academy, 1881 ist nur 60 x 114 Zentimeter groß), da muss man ja nah herangehen. Solche Absperrungen sind ja immer lästig, aber sie sind heute vielerorts die Regel geworden. Ich weiß noch, dass ich ➱Rembrandts Nachtwache gesehen habe, als man sie noch ganz aus der Nähe betrachten konnte. Und keine hundert Leute davor standen. Glücklicherweise gibt es immer noch Museen und Bilder, wo das so ist.

So etwas kommt beim Publikum auch immer gut an: Szenen aus der englischen Geschichte. Wie sie Friths Kollege William Shakespeare (der ➱hier einen Post hat) malt. Dies Bild heißt Henry VIII and Anne Boleyn Deer Shooting In Windsor Forest. Das Bild ist mir immer ein Rätsel gewesen, ich dachte immer, dass Anne Boleyn das gejagte Tier sei. Auf jedem Fall ist sie das bei Sir Thomas Wyatt, der mal etwas mit Anne am Laufen hatte. Aber dann kam der König und nahm sie ihm weg. Und Sir Thomas durfte aus seiner Gefängniszelle zusehen, wie sie hingerichtet wird. Sie können mehr in dem Post ➱Sir Thomas Wyatt lesen, aber das Gedicht von Wyatt muss ich mal eben hier abdrucken. Damit neben dem ganzen viktorianischen Kitsch auch ein wenig Kultur in den Post kommt:

Whoso list to hunt, I know where is an hind,
But, as for me: helas, I may no more.
The vain travail hath wearied me so sore,
I am of them, that farthest cometh behind.

Yet may I by no means my wearied mind
Draw from the deer; but as she fleeth afore
Fainting I follow. I leave off therefore,
Since in a net I seek to hold the wind.

Who list her hunt, I put him out of doubt,
As well as I, may spend his time in vain.
And, graven with Diamonds, in letters plain,
There is written, her fair neck round about:

Noli me tangere, for Caesar's I am,
And wild for to hold - though I seem tame.


William Frith hat ➱Charles Dickens gekannt, er hat immer wieder Szenen aus Dickens Erzählungen zu Bildern gemacht. Natürlich nichts von dem sozialkritischen Dickens, nur das Harmlose. Wie hier Dolly Warden aus Barnaby Rudge. Er hat Dickens auch portraitiert, Dickens' Freund und späterer Biograph John Forster hatte das ➱Bild in Auftrag gegeben. Dickens war nicht so begeistert, er schreibt an seine Freundin Lavinia Watson: your satisfaction with the portrait is a great pleasure to me. It has received every conceivable pains at Frith's hands, and ought on his account to be good. It is a little too much (to my thinking) as if my next-door neighbour were my deadly foe, uninsured, and I had just received tidings of his house being afire; otherwise very good.

Das Art Journal war noch weniger begeistert: Mr Dickens, when sitting for this portrait, has mistaken the sentiment wherewith he should have invested the author of 'Pickwick' and the 'Old Curiosity Shop'; who must in his nature overflow with the milk of human kindness. He wears a velveteen wrapper, and appears to have put his left hand hastily, and significantly, into his pocket, as turning round with an expression of countenance somewhat severe, he seems to negative some application we are quite sure he would have answered in the affirmative. The action is certainly ungraceful, if not unbecoming; it is, to say the least, 'a mistake' so to picture such a man, - an error on the part of the author as well as on that of the artist. The portrait, therefore, although admirably painted, is one we do not desire to see multiplied, the more especially as the accessories are by no means in good taste.

Ein Gemälde von Frith fand ich immer bemerkenswert. Und das ist das Bild A Private View at the Royal Academy, 1881 (➱hier eine Version zum beliebigen Vergrößern). Es ist eine Art Who is Who der viktorianischen Kunstszene. Frith hat in My Autobiography and Reminiscences (ein Buch, das ein ➱Bestseller wurde) eigentlich alles zu dem Bild gesagt, was zu sagen ist: Seven years ago certain ladies delighted to display themselves at public gatherings in what are called æsthetic dresses; in some cases the costumes were pretty enough, in others they seemed to rival each other in ugliness of form and oddity of color. There were – and still are, I believe—preachers of æstheticism in dress; but I think, and hope, that the preaching is much less effective than it used to be. 

The contrast between the really beautiful costumes of some of the lady habituées of our private view and the eccentric garments of others, together with the opportunity offered for portraits of eminent persons, suggested a subject for a picture, and I hastened to avail myself for it. Beyond the desire of recording for posterity the aesthetic craze as regards dress, I wished to hit the folly of listening to self-elected critics in matters of taste, whether in dress or art. I therefore planned a group, consisting of a well-known apostle of the beautiful, with a herd of eager worshippers surrounding him. He is supposed to be explaining his theories to willing ears, taking some picture on the Academy walls for his text.

Der well-known apostle of the beautiful ist natürlich Oscar Wilde, hier noch konventionell im ➱Morning Coat gekleidet, mit einer weißen Lilie im Knopfloch. Schneider beginnen jetzt, auf der Rückseite des Revers einen kleinen boutonniere loop anzubringen, einen Faden, der den Blumenstengel hält. Lillie Langtry, die drei Jahre älter war als Wilde, hatte ihm den Namen Apostle of the Lily gegeben, da muss natürlich eine Lilie ins Knopfloch, wenn Lillie bei einer Vernissage ist. Ansonsten hat er da auch schon Gänseblümchen oder grüne Orchideen getragen. Das Photo wurde in Amerika von dem berühmten Napoleon Sarony gemacht, es war Gegenstand eines in der Geschichte des Copyright berühmten Prozesses.

Wenig später wird Wilde solche Klamotten (in lila und dunkelgrün) wie auf diesen Photos tragen, auf jeden Fall trägt er sie auf seiner Vortragsreise in Amerika, man nennt diese Mode aesthetic dress. Der kleine Junge in grün auf dem Bild oben trägt auch so einen Anzug. Wenn man der kleine Lord Fauntleroy ist, dann ist das ja völlig O.K., als Variante von ➱Gainsboroughs Blue Boy herumzulaufen. Aber als erwachsener Mann? Oscar Wilde macht mit diesem Outfit auch keine wirklich Mode, es ist nur eine Variante eines Anzugs, der sich seit der Maler Anthony van Dyck ihn auf die Leinwand gebracht hatte, beharrlich als Kinderkleidung der upper class hielt.

Doch vielleicht ist dieser Anzug auch nur ein wenig für das épater la bourgeoisie da, denn Wilde hat ja später sehr konventionelle - wenn auch immer dandyhaft inszeniert - Kleidung getragen. Und er hat auch, was der dernier cri war, die wollene Reformkleidung von Dr Gustav Jäger getragen. Wahrscheinlich wohl, um seiner Gattin Constance einen Gefallen zu tun, die eine Anhängerin des dress reform movement war (hier ist sie in einem aesthetic dress zu sehen). Die Reformkleidung von Jäger gab es natürlich auch für Damen, als Kleider oder wollene Unterwäsche. Zuerst konnte man diese Kleidung nur in dem Londoner Geschäft von Dr Jäger kaufen, aber bald konnte man diese Kleidung, die wunderbar in das Victorian dress reform movement passte, weltweit bestellen.

George Bernard Shaw (hier im Bild) war auch ein Fan der Anzüge von Dr Jäger. ➱Chesterton hat über Shaws seltsamen Anzug gesagt: By this time his costume has become a part of his personality; one has come to think of the reddish brown Jaeger suit as if it were a sort of reddish brown fur, and were, like the hair and eyebrows, a part of the animal; yet there are those who claim to remember a Bernard Shaw of yet more awful aspect before Jaeger came to his assistance; a Bernard Shaw in a dilapidated frock-coat and some sort of straw hat. I can hardly believe it; the man is so much of a piece, and must always have dressed appropriately. In any case his brown woollen clothes, at once artistic and hygienic, completed the appeal for which he stood; which might be defined as an eccentric healthy-mindedness. But something of the vagueness and equivocation of his first fame is probably due to the different functions which he performed in the contemporary world of art. Dr Jäger, der der Stammvater der Londoner Firma Jaeger ist, kommt hier schon in den Posts ➱Better than Shakespeare und ➱Lichtgebet vor.

Das aesthetic movement ist für die Damenmode wahrscheinlich wichtiger als für die Herrenmode. Die Dame im eleganten weißen Kleid links von Wilde käme nie auf die Idee, ein orangefarbenes Kleid zu tragen, das die Frau neben Wilde trägt. Die woman in white heißt Lillie Langtry (sie wird schon in den Posts über ➱Chaucer, ➱Charles Frederick Worth und ➱Cricket erwähnt), sie ist die Maitresse des Kronprinzen. Ich weiß nicht, ob das Zitat wirklich echt ist, wonach der Prince of Wales sagt: I've spent enough on you to build a battleship! und sie antwortet: And you've spent enough in me to float one. Ist aber sehr komisch.

Ihre Kleider kommen von Charles Frederick Worth, dem Engländer, der die Pariser Haute Couture erfunden hat. Sie quält sich lieber in so etwas  wie in dem Bild da oben (auch ihr Kleid auf dem Bild von Frith hat eine Wespentaille), ehe sie einen aesthetic dress anziehen würde. Und wenn sie sich schon im déshabilié zeigt, dann nur für Lord Leighton, der sie in dieses Bild mit dem Titel Idyll hinein gemalt hat (sie ist die rechte von den beiden Schäferinnen, die einem Hirten lauschen).

Die Affäre ist nach einigen Jahren zu Ende, die Presse wird erst viel später davon erfahren. Trotzdem ist Lillie später zur Beerdigung des Königs gegangen. Da Hund des Königs folgte auch dem Sarg. Lillie hat dann von Alexandra den Foxterrier bekommen, das hatte der König so gewollt. Der Hund trägt ein goldenes Halsband, auf dem My name is Caesar; I belong to the King stand. Damit wären wir wieder bei dem Noli me tangere, for Caesar's I am von Wyatts Gedicht. Lillie wird ihren königlichen Liebhaber nicht los. Da hätte sie auch ein goldenes Halsband tragen können.

Lillie Langtry kaufte auch bei ➱Redfern, einem Haus der britischen Haute Couture, das sehr schnell zur Konkurrenz von Worth und Henry Creed in Paris wurde. Es ist einigermaßen erstaunlich, dass die Mode der feinen Welt in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts von Engländern kommt, die in Paris sitzen. Heute ist von ihnen nicht viel geblieben. Creed gibt es immer noch. Sie hatten für die Königin Victoria 1845 das Parfüm Fleurs de Bulgarie kreiert, wofür sie von der Königin einen royal warrant erhielten. Den ➱Laden da oben gibt es leider nicht mehr, aber das ist eine andere Geschichte.

Redfern (so sah es in ihren Pariser Verkaufsräumen im Jahre 1910 aus) belieferte Lillie Langtry mit einem Kleid aus Jersey, lange bevor ➱Coco Chanel diesen Stoff entdeckte. Was natürlich für die Jersey Lillie sehr passend war. Redfern war auch die erste Firma, die Kleidung für den Sport anboten, wenn man so will, sind sie die ersten Lieferanten von sportswear. Wahrscheinlich hatten sie auch etwas für die toxophilites im Programm, da hätte William Frith sein Bild auch sehr schön für die Anzeigenwerbung verkaufen können.

Die modischen Bewegungen des artistic dress und aethetic dress gehen einher mit dem Erfolg des Kaufhauses von Sir Arthur Lasenby Liberty. Da passt es wunderbar, wenn Oscar Wilde 1899 in dem Artikel Shopping in London in der von ihm herausgegeben Zeitschrift Woman's World verkündet: Liberty is the chosen resort of the artistic shopper. Das Bild zeigt ein Liberty Kleid aus den 1890er Jahren (ist natürlich im ➱Victoria & Albert Museum). Die Firma Liberty's gibt es heute immer noch. Und eine Tawna Lawn ➱Krawatte von Liberty ist auch heute noch eine Zierde für den englisch angehauchten Gentleman.

Oscar Wilde ist mit Lillie Langtry befreundet, aber zu der ➱Mode des aesthetic movenment kann er sie doch nicht überreden. Mode bedeutet für Wilde viel, sie kommt in seinem Werk immer wieder vor. Vor wenigen Jahren entdeckte man seinen Essay The Philosophy Of Dress, der beinahe 130 Jahre vergessen war. Aber ich habe ➱hier etwas viel Besseres: das Wichtigste zum Thema Mode aus der Feder von Oscar Wilde. Lillie Langtry kommt auch drin vor. Dies hier ist eine Vorstudie zu dem Bild, bei dem man das Karikaturhafte, das dem Bild immanent ist, noch deutlicher sehen kann (Sie können es ➱hier vergrößern). Oscar Wilde sieht hier ziemlich lächerlich aus.

Diese Damen auf der linken Bildseite tragen auch die Kleider des aesthetic movement. Und diesen anbetenden Gesichtsausdruck, den man beim Betrachten von Kunstwerken haben muss. Das ist heute nicht anders als im Jahre 1881. Guckt sie nur gläubig, oder hat sie den Blick zu Hause geübt? Und die Frage, die das Bild auch stellt, bleibt: warum sind die alle überhaupt hier? Selbstinszenierung wäre eine Antwort, puttin' on the style, wie ➱Lonnie Donegan das besungen hat. Eine der zentralen Figuren der neuen (angeblich ästhetischen) Mode ist die Schauspielerin Ellen Terry, die zu ihrer Hochzeit ein braunes ➱Seidenkleid trug, das der Maler Holman Hunt entworfen hatte. Sie spielt auf diesem Bild erstaunlicherweise nur eine Nebenrolle in dem braunen Kleid (scheint in diesen Kreisen chic zu sein) rechts über der Schulter von Oscar Wilde.

In der Gruppe der bärtigen Herren, die sehr kritisch auf Oscar Wilde schauen, können wir auch den Maler Philip Calderon erkennen. Der Freund von dem in England lebenden Hamburger Millionär Gustav Schwabe ist schon einmal in dem Post ➱Gustav Christian Schwabe erwähnt worden. Und der berühmte Salonmaler ➱Lord Leighton, der König des viktorianischen Kitsches, ist natürlich auch auf dem Bild (im braunen Gehrock in der Bildmitte). Aber auch ➱Lewis Carrolls Illustrator John Tenniel, dem wir den mad hatter und die Cheshire cat verdanken. Dinge, die uns heute wichtiger sind, als die Bilder von Lord Leighton. William Frith hat sich auch in das Bild gemalt, direkt unter dem Bild des gerade verstorbenen Disraeli (links neben dem Torbogen). Klein und ohne Hut steht er da. Viel größer wollen wir ihn auch nicht machen.