Mittwoch, 18. November 2015

Tulpen


Tulpen kommen bisher in diesem Blog kaum vor. ➱Spargel schon eher. Allerdings wäre die holländische Tulpenmanie des 17. Jahrhunderts durchaus einen Post wert. Doch die hat schon einen recht guten Wikipedia Artikel (ja, so etwas gibt es auch), in dem auch dieses allegorische Bild vom Narrenwagen der Flora interpretiert wird. Die holländische Tulpenmanie mit dem großen Börsenkrach ist ein gut erforschtes Gebiet, gelehrte Abhandlungen und Romane sind darüber geschrieben worden.

Ein Roman wie Trimmel und der Tulpendieb hat allerdings nichts mit der Tulpenmanie zu tun (der Roman Adrian der Tulpendieb schon), obgleich das Stehlen von Tulpenzwiebeln im 17. Jahrhundert sehr verbreitet war. Es war wie Gold zu stehlen, die Tulpen hatten einen ungeheuren Wert. Den Roman Trimmel und der Tulpendieb von Friedhelm Werremeier gab es 1976 auch als Tatort. War aber lange nicht so gut wie Taxi nach Leipzig, zu dem es ➱hier den Post Tatort gibt. Wenn ich zum Thema der Tulpen etwas empfehlen sollte, dann wäre es das charmante Buch Die Kunst der Künste von Anita Albus, das mit Batavische Harlekinade oder das Ergötzen der Blumisten ein schönes Kapitel dazu hat (wenn Sie Anita Albus kennenlernen wollen: ➱hier gibt es einen Film, der letztens auf Bayern3 gesendet wurde).

Dass jedes Jahr Heerscharen von Deutschen aufbrechen, um in Holland die Tulpen zu bewundern, ist sicher auch eine Form der Tulpenmanie. Ich bin vor einem halben Jahrhundert, weil ich mich verfahren hatte, zufällig an einem Wochenende in Keukenhof gelandet, ich weiß, wovon ich rede. Der Park ist übrigens auch sehr schön, wenn keine Tulpen blühen. Und keine hunderttausend Deutsche da sind.

Es wird nicht verwundern, dass die Tulpe (die ja nicht aus Amsterdam, sondern aus dem Morgenland kommt) auch auf die Bilder der holländischen Maler kommt, wie hier bei Christoffel van den Berghe. Oder bei Maria Sibylla Merian. Die hat aus dem Nachbarsgarten in Frankfurt, der dem Grafen Ruitmer gehörte, Tulpen gestohlen. Nicht um sie zu verkaufen, sie wollte sie abmalen. Und sie hatte für den Grafen Ruitmer, der wohl den größten Tulpengarten in Deutschland hatte und andere Tulpenfreunde auch noch eine Weisheit parat:

So viel vermag nämlich die Natur mit ihrer holdseligen Zierde bei großen Liebhabern auszurichten, dass sie die Beschauung solcher Blumen höher als ihre Schätze achten und lieber ihren Reichtum dann ihre Lust vermindern wollen. Um welcher willen sie vielleicht desto weniger zu verdenken, indem so bunte Meisterstücke die heimliche Neigung an sich haben, daß sie diejenigen nicht sowohl mit sehenden Augen blind, als mit blinden Augen sehend machen. Die Geschichte von Maria Sibylla Merian ist seit dem 17. Jahrhundert immer wieder erzählt worden, es gibt sie sogar als Roman. Utta Kepplers biographischer Roman Die Falterfrau Maria Sibylla Merian (➱hier gibt es einen Blick ins Buch) ist seit zehn Jahren auf dem Markt, und ist inzwischen in der siebten Auflage.

Aber ich meine mit der holländischen Malerei nicht die schönen Blumenbilder der Merian, die von Frankfurt nach Holland gezogen ist, ich meine die Vielzahl der Stilleben, auf denen Tulpen zu sehen sind. In diesem Bild muss natürlich eine Tulpe zu sehen sein, weil die Dargestellte Margaretha Tulp heißt. Sie ist übrigens die Tochter des berühmten Arztes Nicolaes Tulp, den Rembrandt gemalt hat. Margaretha Tulp kommt hier schon in dem Post ➱Govaert Flinck vor, ihr Vater in dem Post ➱Anatomie. Der Post Anatomie hat tausend Leser mehr als der Post über Margaretha Tulp, in dem allerdings viel mehr Arbeit steckt. Es sind die Auswüchse der Tulpenmanie, die der Tulpe auf den niederländischen Stilleben dieser Zeit die symbolische Bedeutung für Leichtsinn, Verantwortungslosigkeit und sinnlose Geldverschwendung geben. Bei diesem Bild jedoch nicht, Tulpen können auch für Liebe und Zuneigung stehen.

Für den Übergang zum nächsten Absatz stelle ich mal eben ein kleines Tulpengedicht hier hin (nein, natürlich nicht dieses ➱Krankenhausgedicht von Sylvia Plath). Es ist von A. E. Stallings und heißt schlicht Tulips:

The tulips make me want to paint,
Something about the way they drop
Their petals on the tabletop
And do not wilt so much as faint,

Something about their burnt-out hearts,
Something about their pallid stems
Wearing decay like diadems,
Parading finishes like starts,

Something about the way they twist
As if to catch the last applause,
And drink the moment through long straws,
And how, tomorrow, they’ll be missed.

The way they’re somehow getting clearer,
The tulips make me want to see—
The tulips make the other me
(The backwards one who’s in the mirror,

The one who can’t tell left from right),
Glance now over the wrong shoulder
To watch them get a little older
And give themselves up to the light.

Die Zeile The tulips make me want to paint bringt mich zu diesem Tulpenbild. Es ist nicht so, dass der Maler gerade mit dem Malen des Bildes fertig geworden sei, die Besitzerin des Bildes hat nur gerade den Rahmen weiß gestrichen. Vorher war er dunkler, eher in der Farbe der Blumenstengel (man kann das auch in der Vergrößerung noch erkennen). Ich weiß das, weil ich das Bild gekauft habe. Ich hatte es bei meinem Lieblingshöker entdeckt, es war von ihm ziemlich lieblos in den Eingang zur Kellertreppe gehängt worden.

Soll das Bild so herum hängen? Oder doch lieber anders herum? fragte ich ihn. Das weiß man ja in der modernen Kunst nie mehr, seit dieser Baselitz seine Bilder verkehrt herum aufhängte. In dem ➱Artikel von dem Kunsthistoriker Beat Wyss im Cicero steht unter diesem Bild: Steht ein Bild auf dem Kopf, muss es ein Baselitz sein. Oder falsch aufgehängt. Herr von M. holte es von der Wand, drehte es um, er wusste es nicht.

Zwanzig Euro, sagte er. Ich nahm es sofort, das Bild faszinierte mich. Einen Baselitz würde ich nicht kaufen. Für zwanzig Euro vielleicht, dann ein paar hunderttausend Euro draufschlagen. Und dann das Geld spenden. Für diese Tulpen von Baselitz würde ich allerdings überhaupt nichts ausgeben. Die sind bestimmt ein Symbol für Leichtsinn, Verantwortungslosigkeit und sinnlose Geldverschwendung. Werden auch als billige Drucke überall angeboten. Baselitz Tulpen sind so etwas wie Andre Rieus Tulpen aus Amsterdam.

Das Tulpenbild war sehr gut gemalt. Es kam sogar, wie ich später feststellte, aus einer reputablen Galerie, die schon berühmte Leute ausgestellt hatte. Aber wo sollte ich es hinhängen? Es passte ja kaum in mein Auto. Ich stellte es - jetzt richtig herum - auf den Flur vor das Bücherregal. Wenn ich am Schreibtisch den Kopf ein klein wenig drehte, konnte ich es in seiner ganzen Schönheit sehen. Wordsworth brauchte die Rückerinnerung, um sich an seine daffodils zu erinnern: And then my heart with pleasure fills, And dances with the daffodils. Ich brauchte nur den Kopf ein wenig zu drehen, um meine Tulpen zu sehen.

Jetzt sehe ich wieder meine Bücher, books do furnish a room. Ich kann die Bücher wieder sehen, weil ich der Daniela das Bild mit den Tulpen für ihre neue Wohnung in Dänemark verkauft habe. Für zwanzig Euro. Hätte ich mehr nehmen sollen? Die Zeiten, wo man für eine Tulpenzwiebel ein Haus an der Gracht bekam, sind vorbei.

Sonntag, 15. November 2015

Hans Matthison-Hansen


Hans Hansen wurde in Middelfart auf Fünen geboren, er zog später nach Flensburg, wo er sich im Süderhohlweg niederließ. Es gibt da in Flensburg viele Hohlwege, die dänisch Hulvejene heißen. Als Hans Hansen nach Flensburg kommt, ist das noch dänisch. Hans Hansen fährt zur See, da ist Flensburg als Wohnsitz sehr praktisch, denn Hafen und Handel blühen um 1800.

Man profitiert in den napoleonischen Kriegen davon, dass Dänemark (noch) neutral ist. Dänische Schiffe werden vor den Westindischen Inseln und im Mittelmeer gesichtet. Die Neutralität des Landes im Siebenjährigen Krieg und im Amerikanischen Unabhängigkeitskrieg zahlt sich jetzt für Dänemark aus. Die dänische Flotte (inklusive der Kriegsflotte) zählt um 1800 zu der größten Europas. In England ärgert man sich darüber, in welchem Maße Dänemark von den Kriegen in Europa profitiert. Normalerweise profitieren ja die Engländer. Die Seeschlacht von Kopenhagen stellt 1801 die Machtverhältnisse zur See klar. 1807 wiederholen die Engländer die Sache mit Kopenhagen und vernichten die dänische Kriegsflotte (Bild), Britannia rule the waves! Weshalb man in Kopenhagen das Hotel D’Angleterre nie umbenannt hat, weiß ich nicht.

Heute kennt man Flensburg wegen des Kraftfahrt Bundesamtes, wegen Beate Uhse und vielleicht noch wegen des Handballvereins SG Flensburg-Handewitt. Vor zweihundert Jahren kannte man Flensburg wegen des ➱Rums. Dass das Aufblühen Flensburgs etwas mit dem transatlantischen Dreieckshandel, dänischen Kolonien, ➱Sklaven und dem Grafen ➱Schimmelmann zu tun hat, das lassen wir jetzt mal lieber weg. Aber aus der Zeit der dänischen Kolonien stelle ich noch ein hübsches Bild des Høgensborg Anwesen auf St. Croix hier hin.

Der Oberbürgermeister von Flensburg kennt erstaunlicherweise den Mann, der heute diesem Post den Titel gibt. Auf die Frage Welche Persönlichkeit Ihrer Stadt schätzen Sie am meisten? antwortete er: Neben bekannten Größen der Flensburger Geschichte wie der dänischen Königin Margarethe I., dem Erfinder Hugo Eckener oder der Erotik-Unternehmerin Beate Uhse möchte ich (als Musiker) auf den Komponisten Hans Matthison-Hansen hinweisen (1807–1890), von dem ich ganz wunderbare Duette aufgeführt habe. Man muss dazu sagen, dass er wohl nicht der typische deutsche Oberbürgermeister ist, Simon Faber hat in Aarhus Musikwissenschaft studiert. Ich glaube, er wird 2016 nicht wiedergewählt.

1807 wird dem Steuermann Hans Hansen ein Sohn geboren, der in der Kirche der vierzig Seelen Gemeinde Adelby auf den Namen Hans Matthiesen Hansen getauft wird. Der Junge wird seinen Vater in der Jugend kaum sehen, der ist immer auf See. Aber das musikalische Talent des Sohnes und seine Begabung zum Zeichnen und Malen, die er von seiner Mutter Hedvig (einer geborenen Petersen) geerbt hat, bleiben dem Vater nicht verborgen. Nach der Konfirmation von Hans Matthiesen Hansen im Jahre 1823 fährt der Vater mit ihm nach Kopenhagen. Hans Hansen ist inzwischen Kapitän, später wird er noch eine kleine Reederei besitzen. Zwar waren die Kriegsjahre von 1807 bis zum ➱Kieler Frieden 1814 schwer für die Flensburger Schiffahrt, aber danach ging es schnell aufwärts. 1815 liefen schon wieder zwölf Flensburger Großsegler zu den Westindischen Inseln aus.

Kapitän Hansen hat in Kopenhagen einen Jugendfreund, von dem er annimmt, dass der das Talent des Filius richtig einschätzen kann. Denn der ist Maler. Nicht nur irgendein Maler, Christoffer Wilhelm Eckersberg ist Professor an der Kopenhagener Akademie. Wenig später wird er deren Direktor sein. Eckersberg kennt auch Flensburg ganz gut, weil er da bei dem Maler Johann Jacob Jessen in der Lehre war, bevor er als Student an der Kopenhagener Akademie zugelassen wurde. Dort lernt er einen anderen Kunststudenten nicht mehr kennen, der Kopenhagen wenige Jahre zuvor verlassen hat: ➱Caspar David Friedrich. Diesen schönen Blick von der Insel Trekroner auf Kopenhagen hat natürlich Eckersberg gemalt; die Klippen von Möns Klint, die sich in dem Post ➱Kreidefelsen finden, sind auch von ihm.

Eckersberg behält den jungen Hansen gleich da, nimmt ihn als som søn af huset auf. Nicht so sehr wegen seines zeichnerischen Talents, sondern weil er eine Art von musikalischem Wunderkind ist. Und das nicht nur auf einem Instrument. Bei Eckersberg gehen die Größen der Musikwelt dieses danske guldalder der dänischen Kultur ein und aus: C.E.F Weyse (Bild), Friedrich Kuhlau (den jeder Klavierschüler einer älteren Generation kennt) und der Konzertmeister des Königlichen Orchesters Claus Schall (bei dem der junge Hansen auch Mitglied des Orchesters wird). Für die Musikveranstaltungen im Hause Eckersberg hat Hansen seine ersten Trios und Quartette komponiert.

Über das Kunststudium des jungen Hansen - so ungefähr wie auf diesem Bild von ➱Knud Baade sah es am Anfang des 19. Jahrhunderts in der Kopenhagener Akademie aus - wissen wir nicht so viel, wir wissen mehr über die Karriere des Musikers Hans Matthisson Hansen, der 1859 dank königlicher Bewilligung seinen Nachnamen in Matthison-Hansen ändert (es gibt einfach zuviel Hansens in Dänemark).

Dass wir so wenig über den Maler Hansen wissen, hat einen simplen Grund: der Kapitänssohn aus Flensburg (der in manchen Quellen auch Flensborg Hansen genannt wird) wird Dänemarks berühmtester Organist werden. Weil er irgendwann, wahrscheinlich auf den Rat von C.E.F Weyse hin, die Staffelei an den Nagel hängt. Es ist keine leichte Entscheidung gewesen. Aber er hat gerade geheiratet, und seine Frau Petrea Christiane ist schwanger. Vielleicht hat er in diesem Augenblick eingesehen, dass seine Talente in der Musik größer sind als die in der Malkunst. Von dem, was von ihm erhalten ist, wissen wir, dass er an einen Maler wie Christen Købke nicht heranreicht.

Als der Domorganist von Roskilde Jens Struck stirbt, bewirbt sich Hansen auf den Posten, obgleich er eigentlich an der Orgel ein Autodidakt ist. Doch der Mann aus dem Süderhohlweg, der als Cellist begann, ist ein Naturtalent. Und er erhält Unterricht. Zum einen von seinem Förderer Weyse (als Erinnerung an ihn wird Matthison-Hansen einen seiner Söhne Weyse nennen), zum anderen von Johan Frederik Rauch, dem Organisten der Holmens Kirke (dessen Nachfolger eines Tages Niels Wilhelm Gade sein wird). Hansens Konkurrent für den Posten heißt Johann Ernst Hartmann, von dem der Wikipedia Artikel behauptet, dass er die Melodie zu der dänischen Nationalhymne Kong Christian stod ved højen mast geschrieben habe. Aber das ist leider mal wieder falsch, wie so vieles bei Wikipedia.

Der Ruhm des 25-jährigen Hansen ist schon so groß (und die Empfehlungen von Weyse und Kuhlau haben auch Gewicht), dass der Bischof Peter Erasmus Müller ihn am 31. Januar 1832 zum Organisten der Kathedrale von Roskilde ernennt. Auf der Ernennungsurkunde findet sich die Berufsbezeichnung artist, ein Wort, das man damals für die Studenten der Kunstakademie verwendete. Den Posten des Organisten wird Hansen achtundfünfzig Jahre lang innehaben. Das Bild oben zeigt die Hausorgel von Hansen, die der Orgelbaumeister Peter Ulrik Frederik Demant aus Odense gebaut hat. Bei Odense fällt mir ein, dass ich einmal den Organisten von Odense kennengelernt habe, die schöne kleine Geschichte habe ich schon in die Posts ➱Niels Bohr und ➱Des Königs Jaguar hineingeschrieben.

Hans Matthison Hansen wird in der Position des Organisten der Hauptkirche Dänemarks schnell berühmt werden, Edvard Grieg wird bei ihm Unterricht nehmen und bei ihm sein Examen als Organist ablegen. Sogar aus Kopenhagen reist man an, um seine Orgelkonzerte zu hören. Als der Sarg Frederiks VI 1839 in den Dom von Roskilde (wo alle dänischen Könige begraben sind) getragen wird, spielt Hansen eine neue Komposition. Eine Variation zu dem bekannten Lied Dronning Dagmar ligger udi Ribe syg (➱hier von Birgitte Grimstad gesungen). Es wird sein Paradestück, er arbeitet es zu der Fantasia No. 1 aus. Auf dem Höhepunkt seines Ruhms (1857 wird er Ritter des Dannebrog Ordens und 1869 Professor) wird Hansen Konzertreisen nach Deutschland, Norwegen und Schweden (1861-1862) unternehmen. Dann folgt, sozusagen als Krönung, 1864 eine Konzertreise nach London (hier seine ➱Briefe von der Reise), wo er in der Westminster Cathedral und im Chrystal Palace auftritt. Natürlich spielt er dort auch seine Dronning Dagmar Fantasie. 

Die kann man heute noch hören. Zum Beispiel auf dieser CD des Labels CDK aus dem Jahre 2013, wo Sven-Ingvart Mikkelsen die Kompositionen von Matthison-Hansen auf der Havgaard Rasmussen Orgel in Karlstrup spielt. Neben seinen eigenen Komposition hat Matthison-Hansen viel Bach gespielt und damit zu einer Bach Renaissance in Dänemark beigetragen, ähnlich wie Mendelsohn in Deutschland den beinahe vergessenen Thomaskantor wieder entdeckte. So groß seine Leistung für die Wiederentdeckung von Bach ist (von dem er - wie von Beethoven - auch Originalnotenblätter besitzt), muss man doch sagen, dass er erst durch seinen Mentor C.E.F Weyse den Weg zu Bach gefunden hat.

Wo ist der Maler Hans Matthison Hansen geblieben? Im Internet wird man seine Bilder vergeblich suchen. Er ist in jedem dänischen Kunstlexikon verzeichnet, aber die Einträge sind sehr kurz, es wird auf die Doppelbegabung hingewiesen, und betont, dass er ja eigentlich Maler gewesen sei (egentlig have været maler). Mehr nicht. Einige dänische Museen besitzen ein Bild von ihm, doch das sind in den meisten Fällen Kopien nach Eckersberg. Wie dieses schöne Portrait von Bertel Thorvaldsen, das Hansen 1827 malte.

Man findet bei einem Auktionshaus dieses Photo, er hat zum Ende des Jahrhundert zu photographieren begonnen. Er soll auch auf Reisen immer einen Skizzenblock dabei gehabt haben, aber aus den Skizzen werden nie mehr Gemälde. Das Museum von Roskilde besitzt ein kleines Selbstportrait von Hansen (und auch zwei Skizzenblöcke von ihm). Sein Porträt von Eckersberg wurde vor Jahren von einem Auktionshaus angeboten, aber wohl nicht verkauft. Eins seiner Skizzenbücher wurde bei Knuthenborg für 2.500 DKK angeboten, das ist nicht sehr viel, vor allem, wenn man bedenkt, dass es dann in einer anderen Auktion für 450 DKK verkauft wurde.

Also, dies hier ist kein Bild von Hansen, kommt aber doch aus der Familie. Der norwegische Wasserfall wurde von Knud Frederik Vilhelm Hannibal Melbye gemalt, ich musste mal eben die ganzen Vornamen auflisten, normalerweise kennt man ihn als Vilhelm Melbye. Er kommt aus einer Familie von Marinemalern, die diese wunderbaren kleinen Seestücke gemalt haben, lichtdurchflutet oder mit dramatischem Gewölk. Melbye war schon einmal in dem Post ➱Dänische Kunst (sein Bruder Anton in dem Post ➱Stop Press!), er gehört jetzt zur Familie von Hans Matthison Hansen, weil er dessen Tochter heiratet. Nanny Hedvig Christiane war eine Pianistin, sie ist nicht das einzige von seinen Kindern, das eine musikalische Karriere einschlägt.

Sein Sohn Johan Gottfred beginnt zwar zuerst ein Jurastudium, wechselt dann aber schnell zur Musik und wird zu einem berühmten Komponisten und Orgelvirtuosen. Viggo Stenersen wird Cellist und Waage Weyse wird Komponist und Organist (er wird nach dem Tod seines Vaters dessen Stelle in Roskilde einnehmen). Auf der CD Organ Works (Danacord) kann man Orgelwerke der Familie Matthison-Hansen hören, eingespielt von dem Organisten Gunnar Svensson.

Zum Schluss habe ich aber noch eine kleine Sensation: ein echtes Bild von dem Maler Hans Matthison-Hansen. Eine romantische Landschaft, eine Sicht auf Roskilde aus einem Waldstück heraus über den Roskilde Fjord. Und das alles in einem schönen Goldrahmen. Der Himmel hat diese leichte Rosatönung, die alle Maler aus Italien mitbringen, man merkt, dass Eckersberg in Italien gewesen ist. Ich kenne das Bild sehr gut, es hängt seit fünf Jahren bei mir im Wohnzimmer. Das habe ich schon vor Jahren in dem Post ➱Bertel Thorvaldsen erwähnt. Damals hatte ich kein Photo von dem Gemälde, aber das hat sich jetzt geändert, weil der Uli es bei seinem letzten Besuch in Kiel photographiert hat.

Er schickte mir danach drei Photos als Anhang einer Mail: eins von mir am Schreibtisch (das inzwischen in den Post ➱Anfänge gewandert ist), eins von den Schuhen, die Gabi für mich gemalt hat (ist im Post ➱Friedel Anderson und in ➱Englische Herrenschuhe gelandet) und das Photo von dem Bild von Hans Matthison-Hansen. Das leider ein wenig misslungen ist, es ist ziemlich unscharf. Auf dem Ölgemälde kann man jedes filigran gemalte Blatt an den Bäumen erkennen, hier nicht mehr. Das hat der Uli natürlich gemerkt, denn er weiß alles über Bäume. Er hat über die Wirkung des sauren Regens auf den deutschen Wald promoviert. Und so fügte er den Photos noch ein kleines Gedicht hinzu:

Lieber Jay,

das bist du,
und ein Paar Schuh,
Dänenbild gibt's
noch dazu.

Ein Unterschied liegt in der Schärfe,
hab mich gefragt, ob ich's verwerfe,
doch lass ich dich das lieber tun,
und kann so selbst in Frieden ruhn.


Samstag, 14. November 2015

Flimm ist schlimm


Jürgen Flimm hat Mozarts Oper Le nozze di Figaro (nach Beaumarchais' Stück Der tolle Tag oder Die Hochzeit des Figaro) das allerbeste je für das Theater erdachte Stück genannt. Da hat er sicher recht. Mit seiner Inszenierung an der Berliner Staatsoper (es ist seine fünfte Inszenierung des Stückes), die gestern von Arte gesendet wurde, liegt er ein wenig daneben. Für die neue musikzeitung war es eine Turbulente Show, die Kritikerin von rbb Maria Ossowski war begeistert. Jay nicht.

Ich muss an dieser Stelle zu zwei englischen Wörtern greifen, die underwhelmed und ham acting heißen. Das erste Wort bezieht sich auf meinen Zustand der Begeisterung, der sich von dem von Frau Ossowski doch erheblich unterscheidet, das zweite bezieht sich auf die Inszenierung und die Schauspielkunst. Besser als die Besprechung von Maria Ossowski gefällt mir da schon der Blog von ➱Anton Schlatz, wo man lesen kann: Aber ich werde den Eindruck nicht los, dass Flimm an Mozart herumpinselt, ohne dass es um Tieferes, Existenzielles geht.

Bei Shakespeare liegt Böhmen am Meer, bei Flimm findet der tolle Tag am Strand statt. Seit Peter Zadek das Regietheater erfand, bei dem sich jeder Regisseur nach Belieben über den Text des Stückes hinwegsetzen kann, sind die Grenzen des guten Geschmacks nach oben und unten offen. Es kommt darauf an, in der Diskussion zu bleiben. In der Diskussion bleibt man mit Remmidemmie. Viele Operninszenierungen von Flimm sind Flops gewesen. Ein Strand ist natürlich immer gut. Wie sagt Melina Mercouri so schön in Sonntags nie? Yes. She gets him back, and everybody go away and everybody is happy and they go to the seashore. And that's all! Das ist übrigens ihre Zusammenfassung von Medea.

Es gibt in dem Chaos auf der Bühne, das aussieht wie ein völlig durchgeknalltes Stück vom Ohnsorg Theater, rührende Momente. Wenn zum Beispiel die Gräfin Almaviva (➱Dorothea Röschmann) ihr Dove Sono singt. In dem Augenblick werden auf der Bühne dankenswerterweise mal keine Faxen gemacht wie auf diesem Photo hier. Dorothea Röschmann singt sehr gut, sie ist bei dieser Inszenierung stimmlich immer ein Highlight, obgleich alle Rollen stimmlich gut besetzt waren. Dorothea Röschmann kommt aus Flensburg, ich erwähne das nur, weil die Stadt in dem Post morgen eine Rolle spielt.

Stimmlich auch interessant ist Marianne Crebassa als Cherubino (man kann sie ➱hier mit Mozarts Il tenero momento hören). Irritierend war nur, dass ihr Flimm offensichtlich aufgetragen hatte, tausenderlei unmotivierte Bewegungen zu machen. Und so kommt die Gräfin gar nicht richtig dazu ihr E Susanna non vien zu singen, weil dieser androgyne französische Mezzosopran im Pagenlook immer an ihr herumfummelt. Hier zieht sich Cherubino gerade um, Susanna hilft ihr dabei, was die junge Dame, die im Hintergrund die Lampe hält, auf der Bühne soll, das weiß ich nicht.

Katharina Kammerloher als Marcellina war sicher glücklich, dass sie im vierten Akt Il capro e la capretta singen darf, eine ➱Arie, die ja leider häufig gestrichen wird. Sie machte etwas daraus. Man kann sich die opera buffa, die glücklicherweise in italienischer Sprache gesungen wurde, noch drei Monate auf ➱Arte Concert ansehen. Man kann das aber auch lassen. Vielleicht reicht es, sich ➱hier die Bilder von Holger Jacobs anzuschauen. Und da Bilder mehr als Worte sagen, gibt es hier noch eins. Ich weiß nicht, wie ➱Roland Barthes das interpretiert haben würde, aber hier handelt es sich nicht um eine italienische Hafennutte und ihren Strizzi, dies sind Susanna und der Graf Almaviva. Auf jeden Fall, wie sich Jürgen Flimm das vorstellt.

Flimm wäre besser beraten gewesen, wenn er hier den Post ➱The marriage of Figaro gelesen und sich die Inszenierung des Music Theatre London angeschaut hätte. So kann man eine opera buffa intelligent und zeitgemäß inszenieren. Wenn am Ende der Graf sein Contessa, perdono singt (was Ildebrando D’Arcangelo mit viel zu viel Stimme singt), dann geht das Spektakel zu Ende: Tout finit par des chansons. Aber hier wurde gestern nicht alles gut, wenn man an den Strand fährt. Obgleich La nozze di Figaro keine Tragödie ist, drang die Tragödie in die Handlung ein: am oberen Bildrand des Fernsehers erschienen die Schreckensmeldungen aus Paris.

Donnerstag, 12. November 2015

Roland Barthes


Der französische Schriftsteller, Philosoph und Literaturkritiker Roland Barthes wurde heute vor hundert Jahren geboren. Sein Werk nimmt viel Platz in meinen Regalen ein, er hat mich mit seinem wilden Denken sicherlich beeinflusst. Vor allem mit seiner Methode in den Mythen des Alltags, aus kleinen Dingen große Sachen zu machen. Wie in seinem wunderbaren Essay über den Citroen DS, der in dem Post ➱Göttin schon erwähnt wird. Dort hatte ich schon einmal dieses Bild hingestellt, es ist ein Photo, das ich mag. Barthes, der mit dem kleinen Buch Die helle Kammer auch über Photographie geschrieben hat, wird es wohl gemocht haben. Es ist eine gewisse französische Nonchalance in diesem Bild, diese lässige Haltung mit der Gauloise im Mundwinkel. Französische Philosophen müssen offensichtlich rauchen, so wie ➱Albert Camus auf dem berühmten Photo von Cartier-Bresson. Oder Sartre im Nebel auf dem Pont des Arts.

Doch vielleicht hat er das Bild nicht gemocht, vielleicht gelten die Sätze aus Über mich selbst: Jedes Bild von ihm selbst ist ihm unerträglich, er leidet darunter, genannt zu werden. Er meint, daß die Vollkommenheit einer menschlichen Beziehung auf der Vakanz von Bildern beruht... Aber warum füllt er dann das Buch mit  Photographien von sich selbst? Auch das hier ist Roland Barthes, aber wenn uns das Bild unerträglich erscheint, dann müssen wir dazu sagen, dass dieser Dandy im Morgenmantel in Wirklichkeit ein lungenkranker Patient im Sanatorium ist. Photographien beschäftigten ihn immer wieder, von seinem Japan Buch bis zu Die helle Kammer, seinem letzten Buch. Am Tag seines Todes war er dabei, eine Vorlesung über Proust und die Photographie vorbereiten.

Ich weiß nicht, ob ➱Roland Barthes wirklich ein Philosoph ist. Das Cambridge Dictionary of Philosophy kennt ihn nicht, kennt aber seinen Landsmann Gaston Bachelard. Der übrigens mal als Briefträger angefangen hat, bevor er Philosoph wurde. Er ist der einzige Philosoph in der Geschichte der Philosophie, der durch Abtasten eines Briefes sein Gewicht bestimmen konnte. Im übrigen ist er ein Denker, der nicht ohne Einfluss auf Barthes war. Barthes hatte ihn während des Krieges entdeckt, als er wegen seiner Tuberkulose im Sanatorium in Saint-Hilaire-du-Touvet war. Wenn Barthes vielleicht nicht im strengen Sinne ein Philosoph ist, so muss man doch sagen, dass er in dem seit den sechziger Jahren wuchernden Gestrüpp von Semiotik, Semiologie, Strukturalismus und Poststrukturalismus einer der originellsten Denker ist.

➱Richard David Precht soll angeblich ein Philosoph sein, er hat gerade wieder ein dickes Buch geschrieben. Aber er schreibt natürlich nicht über die Werbung, die Photographie, den Eiffelturm oder die Römer im Film. Für Barthes ist die Welt nicht alles, was der Fall ist, die Welt ist ein Zeichensystem, das wir decodieren müssen. Precht hat einen Doktortitel, weil er eine Dissertation über Robert Musils ➱Roman Der Mann ohne Eigenschaften geschrieben hat (der Post über Musils amerikanische ➱Übersetzerin kränkelte lange vor sich hin, hat inzwischen aber doch viele Leser gefunden). Roland Barthes hat keinen Doktortitel. Er hätte es gerne gehabt, wenn Claude Lévi-Strauss sein Manuskript von Die Sprache der Mode als Dissertation angenommen hätte, aber der hat ihm diesen Gefallen nicht getan.

Wenn man Barthes lesen will, dann sollte man mit den Mythen des Alltags anfangen und einen weiten Bogen um Die Sprache der Mode machen. Das hat auch der Rezensent bei Amazon gemerkt: OK. Selbst schuld. Nach den ersten 50 Seiten musste ich es einsehen: Es ist ein Buch von einem "drögen" Denker, der die Welt der Mode intellektualisieren wollte, um vielleicht ihren Respekt in der Geisteswelt zu erhöhen. Es gibt sicherlich ein paar Leute, die das brauchen... Gabriele Röttger-Denker, die in der vorzüglichen Reihe des Junius Verlags den Band Roland Barthes zur Einführung geschrieben hat, drückt sich da etwas höflicher aus: Dieses von Barthes mit viel Eifer und Zeitaufwand verfaßte Buch über die Mode verlockt — nicht zuletzt wegen des bemühten Bestrebens nach Vollständigkeit — nicht zur durchgängigen Lektüre.

Roland Barthes und Mode kommen gerade wieder zusammen, die Pariser Firma Hermès hat für 850€ ein ihm gewidmetes ➱Seidentuch im Angebot: Hermès, the French luxury brand, has paid homage to the philosopher and semiotician Roland Barthes on the centennial of his birth, this November, by crafting a limited-edition silk scarf printed with a motif inspired by his book “A Lover’s Discourse: Fragments” (1977). How would Barthes read this object? He read everything, after all—not just books. He taught us to see the whole world as a helix of readable signs, and even after his premature vehicular death, in 1980, his students retained a set of instructions for deciphering the cultural cosmos. How would he have read the choice to emblazon his memory across a silk carré? What would he have made of this bourgeoisification of his thought? And what would he have had to say about the scarf’s eight-hundred-and-ninety-five-euro price tag? Ja, das hätte sich Dietrich Hermes, der Sohn eines Kneipenwirts aus Krefeld, auch nicht träumen lassen, was aus seiner Firma wird.

Bedeutender als Die Sprache der Mode ist für Gabriele Röttger-Denker das Buch über Michelet: Barthes betont des öfteren, wie wichtig für ihn sein Michelet-Buch war — neben dem Buch über Japan (L'empire des signes). Ich denke, Barthes hat in seinem Spätwerk die Spur Michelets aufgenommen. Michelet durch die Geschichte Frankreichs 'graste' und 'schwamm', so schmiegt sich der Körper von Barthes an den Signifikanten, probiert und schmeckt ihn: in Essays, Haikus, Zeichnungen und Bildern, in Dictées, in Romanen ohne Helden. Man merkt es der Autorin an: der Stil von Barthes färbt schon auf sie ab, wenn sich  der Körper von Barthes an den Signifikanten schmiegt.

Barthes' Buch Michelet par lui-même ist zuerst einmal eine Blütenlese besonders poetischer Stellen aus dem Werk des französischen Historikers Jules Michelet. Die dann von Barthes essayistisch kommentiert werden, als wären es musikalische Variationen. Nicht so etwas Strenges, Logisches wie die ➱Goldberg Variationen. Roland Barthes spielt hier eher so etwas wie Free Jazz. Er probiert in diesem Buch das wilde Denken, das sein Spätwerk kennzeichnet, schon einmal aus. Sartre war übrigens auch ein Amateurpianist, der französische Philosoph François Noudelmann hat 2012 ein Buch über das Piano und die Philosophen geschrieben. Wir warten noch auf ein Buch über den Tabak und die Philosophie.

Es kann übrigens sein, dass Barthes' Michelet, das nur wenige Monate nach seinem ersten Werk Le degré zéro de l'écriture (Am Nullpunkt der Literatur) erschienen war, von Gaston Bachelard beeinflusst wurde. Denn die Interpretation von Michelets La mer in Bachelards L'Eau et Les Rêves hatte Barthes sehr beeindruckt. Doch auch Bachelard war von Barthes beeindruckt: Bei Ihnen wird aus dem Detail Tiefe. Mit Ihrer Methode der schlaglichtartigen Beleuchtung dringen Sie vor bis in die Tiefe des Seins. Sie benötigen nicht den Lauf der Geschichte, um die Kontinuität des Seins zu erfassen, schrieb er ihm. Das Photo zeigt Barthes 1977 bei seiner Antrittsvorlesung im Collège de France, da ist er nicht so cool wie auf dem Photo ganz oben.

Als Roland Barthes seine ersten Bücher schreibt, sitzt Gaston Bachelard zusammen mit seinem Kollegen Jean Guitton in einer Prüfungskommission der Sorbonne. Es geht um die Zulassung von Rentnern für die Vorlesungen im Fach Philosophie, man ist an der Sorbonne stolz, so etwas eingerichtet zu haben. Eine ältere Dame kann in der Prüfung kein Wort herausbringen, sie fängt an zu weinen. Bachelard setzt sich zu ihr und fängt auch an zu weinen. Am Ende der Prüfung, in der nur geweint und nicht geprüft wird, sagt Bachelard zu Guitton: Nous allons lui mettre dix et demi, c'est ce que nous méritons tous. Ich finde diese Geschichte wunderbar. Französische Philosophen sind eben anders, sie rauchen im Hörsaal, spielen Klavier und weinen in der Prüfung.

Barthes träumte davon, einen Roman zu schreiben. Einen Titel hatte er schon, Vita Nova sollte das Buch heißen. Aber weil es für den homme des lettres nicht so leicht ist mit dem Erzählkunstwerk, hält er erst einmal über die Schwierigkeiten vom Schreiben-Wollen zum Schreiben-Können eine Vorlesung. Die Mitschrift erschien lange nach seinem Tod unter dem Titel La Préparation du roman I et II. Notes de cours et de séminaires au Collège de France, 1978-1979 et 1979-1980. Sie ist vor drei Jahren bei Suhrkamp unter dem Titel Die Vorbereitung des Romans erschienen.

Zum Schreiben des Romans wird Roland Barthes nicht mehr kommen. Am 25. Februar 1980 wird er in der Rue des Écoles (vor der Hausnummer 44) von einem kleinen Laster angefahren - es wäre jetzt von besonderer Tragik gewesen, wenn er von einer Citroen Déesse angefahren worden wäre. Er kommt sofort in das Krankenhaus Pitié-Salpêtrière, es sieht alles zuerst nicht so schlimm aus, aber dann stirbt er vier Wochen später in dem Universitätskrankenhaus. Nicht an den Brüchen, die er sich zugezogen hat, seine Lungenkrankheit macht sich wieder bemerkbar und kann einer Infektion nicht widerstehen.

In Colson Whiteheads Roman John Henry Days witzelt ein Professor namens Godfrey Frank:

Roland Barthes got hit by a truck
That's a signifier you can't duck
Life's an open text
From cradle to death.

Dieser Godfrey Frank ist ein Poststrukturalist, ein akademischer Windbeutel, über den es im Roman heißt: Frank shambled through the media like acreature from a science fiction film, a monster whose mutant gigantism he could doubtless locate in nuclearage anxiety. Solche Figuren hat es in der akademischen Welt seit den sixties immer wieder gegeben. Man konnte sich schnell profilieren, wenn man ein bisschen Barthes (oder Foucault, Lacan oder Derrida) aufsagte.

1967 hatte Barthes über den Tod des Autors geschrieben, womit er natürlich nicht sich meinte. Der Aufsatz war letztlich gegen eine allzu biographische Interpretation der Werke eines Autors (ein Ansatz, der in Frankreich gang und gebe ist) gerichtet. Nach der Veröffentlichung von La mort de l'auteur kursierten in Paris Witze, dass Barthes jetzt in den Metro betteln würde, weil ihm seine Verlage keine Tantiemen mehr bezahlen, der Autor sei ja tot. 

Roland Barthes hat mein Leben begleitet, ich lese ihn (auf deutsch und englisch) seit einem halben Jahrhundert. Ich verstehe nicht alles von ihm, und ich bin auch kein großer Freund von Strukturalismus und Poststrukturalismus. Was daran liegt, dass ich an der Uni viele kannte, die sich mit diesen Schlagworten ihre Karriere gebastelt hatten. Es ist erstaunlich, wie viele akademische Dünnbrettbohrer dank der französischen Meisterdenker in feste Anstellungen gekommen sind. Barthes selbst erhielt erst wenige Jahre vor seinem Tod seine Stelle am Collège de France. Die Fakultätssitzungen fand er sterbenslangweilig.

Mit Hilfe der Askese soll es manchen Buddhisten gelingen, eine ganze Landschaft aus einer Saubohne herauszulesen. Das hätten die ersten, die Erzählungen analysierten, gerne gekonnt: alle Erzählungen der Welt (sie sind Legion) aus einer einzigen Struktur herauszulesen: wir werden, so dachten sie, jeder Erzählung ihr Modell entnehmen und aus diesen Modellen werden wir eine große Erzählstruktur machen, die wir dann (zum Zwecke der Verifizierung) auf jede beliebige Erzählung anwenden: eine ermüdende (»Ohne Fleiß kein Preis, Geduld ist der Weg der Wissenschaft«) und schließlich auch eine unerwünschte Aufgabe, denn der Text verliert dabei seine Einmaligkeit, seine Differenz zu anderen Texten. So beginnt sein Buch S/Z. Es ist ein wunderbarer Anfang. Ich weiß nicht, wie S/Z ausgeht, ich habe es nie zu Ende gelesen. Ich schmiege mich da nicht an den Text an, ich schmiege mich an mein Kopfkissen. Und schlafe nach wenigen Seiten ein, deshalb liegt das Buch auch seit vielen Jahren neben meinem Bett.

Er mochte die Biographen nicht (mittlerweile gibt es eine 720-seitige Biographie von Tiphaine Samoyault): wäre ich Schriftsteller und tot, wie sehr würde ich mich freuen, wenn mein Leben sich dank eines freundlichen und unbekümmerten Biographen auf ein paar Details, einige Vorlieben und Neigungen, sagen wir auf ›Biographeme‹, reduzieren würde. Als er sechzig war, legte er dann selbst eine Art ➱Autobiographie vor. Natürlich keine in der Art von ➱Augustinus oder ➱Benjamin Franklin, es war wieder ein typisches Barthes Produkt: er versah das Familienalbum mit Kommentaren. Ein Text ist nicht eine Linie aus Worten, die eine einzige, theologische Bedeutung entfaltet ... Ein Text ist vielmehr ein mehrdimensionaler Raum, in dem eine Vielzahl von Geschriebenem, nichts davon original, zusammenfällt und sich vermischt. Ein Text ist ein Gewebe aus Zitaten, welche aus den zahllosen Zentren der Kultur gezogen werden. Und alles was er in Über mich selbst über sich sagte (hier als siebzehnjähriger junger Herr), sagte er natürlich nicht über Roland Barthes: Tout ceci doit être considéré comme dit par un personnage de roman.

So fragmentarisch und skizzenhaft das Ganze ist, es ist ein Weg, um Barthes näherzukommen. Und deshalb wäre Über mich selbst auch eine Leseempfehlung. Eine weitere Empfehlung wäre der von Susan Sontag herausgegebene Roland Barthes Reader, über den Newsweek schrieb: At last, with A Barthes Reader, we have a sort of Michelin guide to one of the most beguiling minds of our era. Smartly introduced by Susan Sontag, the Reader samples Barthes' achievement over three decades.

Die Franzosen ehren ihre Denker. Die französische Post hat zum Jubiläum eine Sondermarke mit Roland Barthes herausgegeben. Das wäre mir entgangen, wenn mir nicht Patrick C. Schmidt eine davon aus Frankreich geschickt hätte. Dafür bin ich ihm dankbar.