Dienstag, 31. Mai 2016

Kunstgeschichte 1965


Das hier ist ein Selbstportrait des berühmten italienischen Malers Tintoretto. Na ja, nicht ganz. Um genau zu sein, sollten wir sagen, dass das Bild eine Kopie des Selbstportraits von dem französischen Maler Manet ist. Der Maler Jacopo Robusti, den man Jacopo Tintoretto nennt, ist nicht unbedingt mein Lieblingsmaler, ➱Édouard Manet schon. Und da gerade Spargelzeit ist, möchte ich mal eben auf den Post ➱Spargel hinweisen. Tintoretto ist natürlich ein großer und bedeutender Maler, egal, ob ich ihn mag oder nicht. Meine erste Assoziation, als ich las, dass er heute vor 598 Jahren starb, war ➱Tintelnot. Diese Tintoretto-Tintelnot Verbindung ist bei mir eine Art Pawlowscher Reflex. Der ehemalige Kieler Ordinarius für Kunstgeschichte ist schon einige Male in diesem Blog erwähnt worden, er kommt schon in den Posts ➱Christian Rohlfs, ➱Friedrich von Noer, ➱Eleonore von Aquitanien und ➱Gräber vor.

Meistens war ich ja in diesen Posts nett zu ihm, in dem Post Eleonore von Aquitanien allerdings weniger, als ich schrieb: Als der Kunsthistoriker ➱Wolfgang J. Müller den Hörern seiner Vorlesung empfahl, das gerade erschienene Buch des französischen Historikers Jacques Le Goff über das Hochmittelalter zu lesen, habe ich das getan. Die Literaturhinweise von Müller waren immer fruchtbringend, ebenso wie die Lesetips meines Freundes Peter, der mir für das Studium der Kunstgeschichte empfahl, dass ich mir ein Samtjackett kaufen sollte. In den Lehrveranstaltungen von Professor Tintelnot bekam man keine fruchtbringenden Leseempfehlungen. Tintelnot war der Ordinarius, Müller nur Wissenschaftlicher Rat und außerplanmäßiger Professor. Es war das erste, was ich an der Universität lernte: dass Titel und höhere Bezahlung keine Garantie für Qualität der Lehre waren.

Ich war, von der Uni Hamburg kommend, auf jedes exzentrische Benehmen von Ordinarien vorbereitet. Der Hamburger Ordinarius Wolfgang Schöne schlief häufig im Sommersemester im Kunsthistorischen Institut, da seine Eltern sein Zimmer in Timmendorfer Strand an Kurgäste vermieteten. Er war keine pädagogische Leuchte, konnte aber prima Studenten im Seminar ironisch fertigmachen. Das konnten in den sechziger Jahren viele Ordinarien, dass es die kleine Revolution von 1968 gab, hatte schon seine Gründe. Vielleicht sollte ich auch noch dazu sagen, dass Wolfgang Schöne schon 1933 Mitglied der SA war, solche Dinge haben auch zu der 68er Revolution beigetragen. Den einen steht er für die Tugenden der alten Universität, die er mit unablässigem Einsatz gegen alle Reformversuche kompromißlos zu retten versuchte; den anderen ist er der Inbegriff des omnipotenten Ordinarius, der seine tradierten Rechte oft auch rabiat verteidigt hat, schrieb Martin Warnke in seinem ➱Nachruf 1989 in der Zeit. Es ist ein höflicher Nachruf, wenn man bedenkt, wie Schöne ➱Martin Warnke angegangen ist.

Man sollte auch einen Augenblick daran denken, dass die Professur, die von dem SA Mann und NSDAP Parteimitglied (seit 1937) vertreten wird, einst die Professur von ➱Erwin Panofsky gewesen ist. Das sind offensichtlich spezifisch Hamburger Konstellationen. Dass Curt Bondy als Verfolgter des Naziregimes einen Nazi wie Peter R. Hofstätter nach Hamburg geholt hat, habe ich auch nie verstanden. Wolfgang Schöne wird von einer feinen Hamburger Dame ganz anders gesehen. Sie heißt ➱Ruth Pinnau, und sie hat dieses phänomenale Buch Der Sieg über die Schwere: Cäsar Pinnau in meinem Leben geschrieben. Cäsar Pinnau hat Hitlers Neue Reichskanzlei ausgestattet und Villen gebaut, bei denen er schamlos Palladio beklaute. Da ist es nur angebracht, dass seine Gattin bei Schöne promoviert. Wenn Hans Belting in Die Deutschen und ihre Kunst über den ersten Kunsthistorikertag nach dem Krieg schreibt: Die Referate der Tagung handeln von Erneuerung und Wiedergeburt in der Kunst des Mittelalters, aber zum Beispiel nicht davon, daß nach 1933 die Elite des Fachs Kunstgeschichte emigriert war, dann ist das noch zurückhaltend ausgedrückt.

Tintelnot war in Personalunion Direktor der Kunsthalle, dass die einmal einen eigenen Direktor wie ➱Jens Christian Jensen haben würde, war noch Jahre entfernt. Tintelnot schien dem Barock, seinem Hauptforschungsgebiet, entsprungen zu sein. Obgleich er rot(wein)gesichtig jovial auftritt, lässt er keinen Zweifel daran, dass dies sein Institut ist, dass er der einzige Ordinarius ist.

Nur er allein liest im Kunsthistorischen Institut in der Dänischen Straße, Müller und Kamphausen lesen oben in den roten Blöcken, die die Uni von der Firma Elac bekommen hat. Trotz aller Bonhomie verbreitet Tintelnot (ähnlich wie Schöne in Hamburg) manchmal Angst und Schrecken. Eine heulende Blondine stürzt einmal aus seinem Zimmer, nachdem er sie wieder nicht zum Examen zugelassen hat und brüllt: Und jetzt lerne ich Kindlers Malerei Lexikon auswendig! Wäre eine Idee, allerdings ist Kindlers Malerei Lexikon lange nicht auf dem Niveau von Kindlers Literatur Lexikon. Man muss sich als Hörer seiner Vorlesung (die mich damals sechs Mark Studiengebühren kostet) persönlich bei ihm vorstellen, wird mir gesagt, das gibt es nirgendwo sonst in der Uni. Als ich Tintelnot erzähle, dass ich Anglist bin, schaut er mich lange an, wie ein seltsames Objekt. Es gibt hier in seinem Institut keine Anglisten. Es gibt offensichtlich akzeptable und nicht akzeptable Fächerkombinationen. Archäologie ist immer akzeptabel. Ich werde es auch vier Semester studieren, zwei Jahre rotfigurige (oder schwarzfigurige?) attische Tonvasen.

Der Ordinarius Wilhelm Kraiker steht kurz vor der Emeritierung, er benutzt diese Jahre, um seine akademischen Kollegen gnadenlos zu beschimpfen. Er trägt ein schwarzes Barett wie ➱Richard Wagner. In der Straßenbahn liest er ➱Edgar Wallace, die roten Goldmann Paperbacks. Ich erkenne, dass aus mir unter diesen Bedingungen kein zweiter Mortimer Wheeler wird und gebe das Studium der Archäologie auf. Wenn man mit fünfzehn das Löwentor im Pergamon Museum gesehen hat, auf den obersten Stufen des Pergamonaltars saß und den Parthenon Fries mit den Augen von Keats gesehen hat (die ➱Elgin Marbles sind übrigens im gleichen Schiff nach London gekommen, mit dem Lord Byron reiste), dann ist das Ausbuddeln von Tonscherben im Regen in Stockelsdorf ein bisschen ernüchternd.

Tintelnot hat sich im Gespräch mit mir inzwischen darauf besonnen, dass er einmal einen Studienfreund gehabt hat, der auch Anglist war, dann muss das wohl in Ordnung sein. Er wird sich meinen Namen nie merken, für ihn bleibe ich ein Exot, der Anglist. Vorwurfsvoll wird er manchmal an seine Hauptfächler gerichtet sagen: der Anglist weiß das wieder und ihr nicht. Doerners Malmaterial und seine Verwendung im Bilde wird er als Pflichtlektüre verordnen, ich bin offensichtlich der einzige, der es liest. Nachdem er einen kleinen Tobsuchtsanfall hatte, weil einzelne Studenten nicht in der Lage waren, die Farben eines Bildes exakt zu beschreiben, wird er in der nächsten Woche sehen (er wandert gerne durch den Hörsaal), dass ich einen Prospekt von einem Kieler Farbengeschäft habe, in dem alle im Handel erhältlichen Farben abgebildet sind. Er wird den aufklappbaren Prospekt nehmen, ihn hochhalten und triumphierend sagen: Der Anglist hier, der ist viel patenter als ihr alle. In der nächsten Woche haben alle einen solchen Prospekt und bei der Firma Flügger wundert man sich, weshalb es für die Farbtafeln von Schmincke plötzlich solchen Bedarf gibt.

Als ich den kleinen Hörsaal im Institut in der Dänischen Straße zum ersten Mal betrat, zählte ich die Anwesenden. Im Hörsaal waren achtundzwanzig Studenten, mehr gab es damals nicht. Drei Professoren, ein habilitierter Oberassistent, eine Sekretärin und ein Photograph, das war das ganze Institut. Passte bei Exkursionen ohne Schwierigkeiten in den Unibus. Solch ideale Bedingungen wird es nie wieder geben. Kiel ist auf dem Gebiet der Kunstgeschichte erstklassig (und wird es später mit Larsson, Büttner und ➱von Buttlar bleiben), das Seminar hat auch eine lange Tradition von bedeutenden Lehrstuhlinhabern: Graf Vitzthum von Eckstädt, Haseloff, Sedlmaier. Sie werden alle in dem kleinen Buch Kunstgeschichte in Kiel: 100 Jahre Kunsthistorisches Institut der Christian-Albrechts-Universität von Uwe Albrecht und Tanja Soroka gewürdigt. Ich habe das vor Jahren von der Sekretärin des Instituts, Frau Sabine Lemke, bekommen, ich wollte das ja bezahlen, aber sie wollte partout nichts davon wissen. Deshalb schreibe ich diesen kleinen Dank hier hinein.

Die meisten Studenten sind in den sechziger Jahren junge Frauen, die reiche Eltern haben und endlos lange studieren, bis sie geheiratet werden. Das ist damals ein Vorurteil über die Orchideenfächer, aber es ist schon so. Die Männer sehen so aus, als würden sie irgendwann in den Archiven und Magazinen von Kunsthallen und Museen verschwinden. Keiner trägt ein Samtjackett. Sie tragen graue Harris Tweed Jacketts, die sie während ihres Studiums nicht kaputtkriegen. Ihre Hemden kommen nicht aus der ➱Jermyn Street oder der Carnaby Street, sondern eher von Seidensticker aus Bielefeld. Die englisch angehauchte Eleganz, die man in Hamburg spürte, fehlt hier völlig.

Lediglich der schnurrbärtige Oberassistent Johann Schlick, der danach Kustos an der Kunsthalle werden wird, gibt sich ein wenig exzentrisch. Erst recht, wenn er sich eines Tages einen riesigen Irish Wolfshound zulegen wird. Das Seminar ist in einem großen Bürgerhaus in der Dänischen Strasse, über Stockwerke verteilt. Unten fährt die Straßenbahn, gegenüber ist ein Marineausstatter. Überall, wo ich hinkomme, ist die ➱Marine. Als der in den siebziger Jahren den Laden aufgibt, wird ➱Hans Carl Capelle dort seinen Laden Kelly's aufmachen. Da sind die Kunsthistoriker aber schon in einen seelenlosen Neubau neben dem Hochhaus gezogen. Man darf in der Bibliothek (die in vielen Zimmern des riesigen Hauses untergebracht ist) Tee oder Kaffee trinken (in Hamburg undenkbar), man muss die Tassen nur weit genug von den kostbaren Büchern entfernt plazieren. Ich höre Tintelnots Vorlesungen in einer Phase, als er nur Maler behandelt, die wie er mit den Buchstaben T+I anfangen, Tizian, Tintoretto und Tiepolo, daher der oben genannte Pawlowsche Reflex. Die Vorlesungen sind, zugegeben, nicht schlecht, Tintelnot verblüfft erstaunlicherweise immer wieder mit Parallelen zur modernen Kunst. Aber wissenschaftlich ist alles, was er bringt, ein wenig zurück. Im Studienführer 300 Jahre Christian Albrechts Universität zu Kiel 1965 nennt der Ordinarius als neuere Gelehrte Wölfflin, Goldschmidt, Pinder und Frey.

Das ist so weit von der Gegenwart weg wie sein eigenes Hauptwerk Barocktheater und barocke Kunst von 1939. Bei Dagobert Frey hat Tintelnot promoviert, bei ihm war er 1937 Assistent. Und mit dem ist er beim Kunstschutz Krakau gewesen. Deshalb liest man im Bericht der Art Looting Intelligence UnitTintelnot. Reported assistant to Prof Dagobert Frey in Kunstschutz, Cracow. Wir wollen mal hoffen, dass seine Tätigkeit nicht so schlimm war wie die von Dagobert Frey, unrühmlich war es allemal. Das hier auf dem Photo ist nicht Hans Tintelnot, das ist ein Bild aus einer Ausstellung über Beutekunst, die hier auch durch Kieler Exponate angereichert war.

Eigentlich hätte mich im ersten Semester in Kiel Kamphausens Proseminar über die holländische Malerei interessiert, aber da ist leider gleichzeitig die Vorlesung von Tintelnot. Da muss man hin, vor allem wenn man hier neu ist. Semester später werde ich zum Ausgleich für das, was ich verpasst habe, Müllers exzellente Vorlesung über die holländische Malerei im 17. Jahrhundert hören.

Man muss bei Tintelnot auch jeden Montag im Colloquium sein, morgens um acht Uhr in der Kunsthalle. Da ist die Kunsthalle noch zu, der Hausmeister lässt einen durch den Nebeneingang herein. Das Colloquium (privatissime et gratis) widmet sich museumspraktischen Fragen und den Fragen der Neuankäufe. Alles was der Markt anbietet wird hereingetragen. Sollen wir diesen Schlemmer kaufen? Er wurde gekauft. Tintelnot ist im Colloquium freier als sonst, wenn er seinen Tintoretto, Tiepolo und Tizian abspult. Er ist in seinen Themen sprunghaft, erratisch, aber durchaus substantiell, vor allem erstaunlicherweise auf dem Gebiet der modernen Kunst. Es wird gemunkelt, dass er selbst malt. Ich gebe gerne zu, dass ich bei ihm etwas lerne (und wenn es nur das ist, dass ich Doerners Malmaterial und seine Verwendung im Bilde gelesen habe), wenn er mir auch nicht so liegt wie Wolfgang J. Müller oder so volkstümlich ist wie Alfred Kamphausen.

Der erste Professor, den ich mit einem Samtjackett (dunkelgrün, und dazu eine rote Schleife) sehe, ist Wolfgang J. Müller. Sie haben alle meine Vorlesungen gehört, wird er sagen, wenn ich ihn eines Tages in seiner Sprechstunde frage, ob er mich in der mündlichen Doktorprüfung prüfen würde. Es gibt, heute unvorstellbar, keine Studienordnung in diesem elitären Fach. Der Professor entscheidet, ob man reif für die Prüfung ist. Zwar habe ich auch Tintelnot, Kamphausen und den dänischen Gastprofessor Norn gehört, aber Müller hat Recht. Ich habe alle seine Vorlesungen gehört. Und ich verdanke ihm viel. Er bittet mich zum Tee in seine Wohnung, damit wir den Umfang der Prüfung besprechen können. In Wirklichkeit ist dieses Gespräch beim Tee eine verkappte Prüfung, Müller will mich testen.

Meine Prüfungsgebiete sind der ganze Albrecht Dürer, die niederländische und flämische Malerei des 14. und 15. Jahrhunderts und, ein Zugeständnis an den Anglisten, die englischen ➱Präraffaeliten. Eigentlich wollte ich lieber Panofkys Beitrag für die Methodik der Kunstgeschichte als Thema nehmen (heute ein Standardthema im Grundstudium). Müller rät mir von Panofsky ab. Das sei etwas problematisch, sagt er. Ich schaue ihn etwas fragend an, und er sagt mir, dass ihn mit Panofsky eine jahrelange Brieffreundschaft verbunden hätte, dass ihn aber diese Tatsache in seiner wissenschaftlichen Karriere behindert hätte. Es ist kaum zu glauben, aber es stimmt. Es ist keine Eigenheit der Universität Kiel, die in den sechziger Jahren immer noch von ehemaligen Nazis durchsetzt ist. Man hat im Nachkriegsdeutschland in der Kunstgeschichte immer noch Ressentiments gegen die jüdischen Gelehrten, die man vertrieben hat.

In der mündlichen Prüfung, in der der neue Ordinarius ➱Hubala beisitzt, bei dem ich auch noch eine Vorlesung über ➱Palladio belegt hatte, wird Müller keine einzige der Fragen stellen, mit denen er mich vor Monaten bei Tee und Cookies getestet hat. Er ist sich sicher, dass er mich fragen kann, was er will. Ich enttäusche ihn nicht. Als ich nach der Prüfung merke, dass die Tür zum Prüfungszimmer nicht richtig zu ist (man ist gerade in einen Neubau umgezogen, die Türen klemmen noch etwas) und ich zurückgehe, um sie zu schließen, höre ich Hubala sagen: Wo haben Sie denn den her, Herr Kollege? Der weiß ja im Nebenfach mehr als meine Hauptfächler. Ich schließe die Tür ganz leise. Ich weiß, mir kann in dieser Prüfung nix mehr passieren. Wolfgang Jott, wie ihn die Studenten nennen (niemand weiß, dass er John heißt), ist niemals Ordinarius geworden, immer nur außerplanmäßiger Professor. Dafür hat sein Intimfeind Tintelnot gesorgt. Die Universität hat diesem verdienstvollen Gelehrten, der beinahe ein halbes Jahrhundert das Kunsthistorische Seminar geprägt hat, übel mitgespielt. Aber im Internet findet sich ein liebevolles ➱Portrait von Frank Büttner (der gerade viel zu früh gestorben ist), das diesem außergewöhnlichen Mann gerecht wird.

Alfred Kamphausen ist wie Müller außerplanmäßiger Professor, eigentlich ist er Direktor des Schleswig-Holsteinischen Freilichtmuseums in Molfsee, das er mit erstaunlichem Erfindungsreichtum aufbaut. Er könnte alles andere sein als ein Professor: Kapitän, Landwirt, Kneipenwirt, er hat Bodenhaftung. Das ist für die Universität der frühen sechziger Jahre völlig untypisch, denn das hervorstechende Merkmal der Professoren damals ist ihre Weltfremdheit. Man sieht Kamphausen den Kunsthistoriker nicht an. Aber er ist ein seriöser Wissenschaftler mit einer erstaunlichen Breite der Themen. Wenn ich mir nach fünf Jahrzehnten meine Mitschrift von seiner Vorlesung über die Kunst des ➱18. Jahrhunderts anschaue, dann kann ich nur, mit all dem, was ich jetzt über das Jahrhundert weiß, sagen: Respekt. Vor allem, weil er auch das ➱Gothic Revival behandelt.

Exkursionen mit ➱Kamphausen sind wunderbar. In Angeln wird es einen Halt des Universitätsbusses geben, wir besichtigen eine Kneipe, nur um eine kleine sowjetische Flagge auf dem Stammtisch anzugucken. Die Angeler Bauern verkaufen nämlich direkt ➱Angeler Kühe an die Sowjets. Das hat zwar mit dem Thema Angeler Feldsteinkirchen nichts zu tun, aber Kamphausen lässt diese netten kleinen Dinge am Rande nie aus. Auf der Rückfahrt von einer Exkursion nach Lögumkloster schiebt Kamphausen noch eine Besichtigung von Schloss Glückburg außerhalb der Öffnungszeiten ein. Die Museumsleitung besteht allerdings darauf, dass ihr eigener Führer die Führung macht, nicht der Professor aus Kiel. Das wird in den folgenden Stunden zu hochkomischen Situationen führen, da Kamphausen die kunsthistorischen Ausführungen seines uniformierten Kollegen immer wieder korrigiert. Der Museumswärter tut dann so, als würde er das nicht hören, er zieht die Führung bis zum Ende stur durch. Schreiend komisch.

Kamphausen soll sich angeblich in den dreißiger Jahren dem Gedankengut der Nazis verschrieben haben, wovon ich nichts gemerkt habe. Von 1931 bis 1961 war er Direktor des Dithmarscher Landesmuseums. Dass er deutsch und national ist, kann man sicher in den Schriften des Mannes finden, den eine tiefe Liebe zur norddeutschen Heimat und ihrer Kunst kennzeichnet. Aber immerhin hat er als einer der wenigen Kunsthistoriker die Schleswiger Truthähne schon 1941 als Fälschung bezeichnet (Treppenwitz der Forschungsgeschichte). In Schleswig hatte nämlich ein junger Maler namens Lothar Malskat, dessen Karriere als Fälscher in den fünfziger Jahren in Lübeck aufflog, bei Restaurierungsarbeiten gotische ➱Truthähne unter dem Putz gefunden.

Kann natürlich nicht sein, vor Kolumbus kann es keine Truthähne in Europa geben. Aber die nationalsozialistische Ideologie wird daraus die These konstruieren, dass die Wikinger, echte Germanen, die Truthähne aus Amerika nach Schleswig gebracht haben. Lothar Malskat wird in den frühen fünfziger Jahren beinahe die gleiche Nummer noch einmal im Lübecker Dom durchziehen, bei der Aufdeckung dieses Skandals macht der Kieler Ordinarius Richard Sedlmaier keine ganz glückliche Figur. Es ist der größte Kunstskandal der jungen Republik, Günter Grass wird ➱Malskat in seinen Roman Die Rättin hineinschreiben. Malskat geht ins Gefängnis, wird sich ewig für ein verkanntes Genie halten. Und er malt im Alter noch Helmut Schmidt.

Mit den Nazis hat Wolfgang J. Müller nichts am Hut, kaum hat er seine Doktorarbeit fertig, ist er auch schon im Krieg. Müller ist im gleichen Jahr geboren wie mein Vater, es ist eine betrogene Generation. Kaum ist mein Vater mit seinem Studium fertig, ist er auch schon im Krieg. Aber nicht als Zahnarzt, sondern bei der Artillerie. Zwar hat Müller einmal bei Wilhelm Pinder in München studiert, der für Wikipedia der Vorzeigenazi der deutschen Kunstwissenschaft ist (Hans Belting ist da in Die Deutschen und ihre Kunst etwas konzilianter), aber er ist dann zu Richard Sedlmaier gewechselt und hat bei ihm promoviert. Der holt ihn 1946, als Müller aus der Kriegsgefangenschaft heimkehrt, als Assistenten nach Kiel.

Zusammen mit Lilli Martius (die ➱hier einen langen Post hat) wird Müller Kunsthalle und Kunsthistorisches Institut wieder aufbauen, und das durchaus im wörtlichen Sinne, man kann sich das heute gar nicht mehr vorstellen, mit welchen alltäglichen Schwierigkeiten diese Generation zu kämpfen hat. Er wird auch die Bibliothek aufbauen und über Jahrzehnte pflegen. Ich werde ihm darin folgen und eines Tages im Englischen Seminar eine Abteilung für englische und amerikanische Kunst aufbauen (allerdings unter günstigeren Bedingungen als in der Nachkriegszeit), auf die die Kunsthistoriker manchmal neidisch sind. Und Müller ist bei all diesen Arbeiten der ersten Stunde, bei denen eine 40 Stunden Woche eine illusionäre Vorstellung ist, auch noch ein guter Mensch, wie folgendes Zeitzeugnis belegen mag:

Als ich im März 1948 von der Universität Rostock nach Kiel wechselte und mit halbvollem Rucksack und nach einem 50km-Marsch längs der damals schon ziemlich bewachten Zonengrenze glücklich in Kiel gelandet war, wandte ich mich zuallererst in der trostlos zerstörten Stadt an das Kunsthistorische Institut. Dort traf ich Dr. Wolfgang J. Müller und der machte zweierlei: Er drückte mir einige seiner Lebensmittelmarken in die Hand, Grundlage aller menschlichen Existenz damals. Außerdem besorgte er mir für die nächsten Tage eine Zelle im ehemaligen Marinegefängnis in der Wik, in deren Tür ich das Guckloch sofort mit einer Briefmarke zuklebte. Damit hatte ich in Kiel Fuß gefasst – Wolfgang J. Müller sei dies unvergessen!

Über dreißig Jahre ist Wolfgang J. Müller Vertrauensdozent der Studienstiftung, er leitet ein Studentenheim und kümmert sich um Studenten, gibt ihnen sogar kleinere Darlehen. Als der Germanist ➱Erich Trunz 1967 für ein halbes Jahr kommissarisch das Institut leitet, wird er feststellen, dass die einzige wissenschaftliche Hilfskraft am Institut von Müller aus der eigenen Tasche bezahlt wird. Tintelnot hatte die Stelle nicht im Kultusministerium beantragt. Es wird in der Nachkriegszeit an der Universität Kiel eine Vielzahl von Persönlichkeiten geben, von deren menschlicher Wärme und fachlichem Können ehemalige Studenten heute noch berichten können (der Typ Spagatprofessor, der in Würzburg wohnt und für zwei Tage in der Woche anreist, ist noch nicht erfunden), aber Wolfgang Jott ist doch eine Ausnahmeerscheinung.

Seine Vorlesungen sind erstklassig, er ist rhetorisch brillant und auf dem neuesten Stand der Forschung. Bei Tintelnot hat man, wie bei vielen Ordinarien in dieser Zeit, das Gefühl, dass das Wort des großen Meisters vorne am Pult das letzte Wort ist, dass es keine relevante Forschungsliteratur gibt. Müller wird immer deutlich machen, dass überall auf der Welt noch zu diesem Thema geforscht wird, wird die Tür aufstoßen zu einer anderen Welt, einer weltweiten scientific community. Er wird die Nachfolger von ➱Lucien Febvre wie Georges Duby und Jacques Le Goff wie selbstverständlich zitieren, zu einer Zeit, als die in Deutschland noch beinahe unbekannt sind. Er wird auch englische Kunsthistoriker empfehlen, das tut außer ihm niemand. Es käme Tintelnot kaum in den Sinn, das Burlington Magazine zu zitieren, das ich abonniert habe. Die deutsche Kunstgeschichte möchte in den sechziger Jahren immer noch nicht wahrhaben, dass es das Warburg & Courtauld Institute gibt. Müller wird die Leistungen von ➱Aby Warburg und ➱Erwin Panofsky herausstellen. Ich werde alles lesen, was er empfiehlt, was mir eine sehr seriöse Bildung geben wird. 

Als ich ihm eines Tages einen ➱Sonderdruck meines Aufsatzes über William Cullen Bryants Zusammenarbeit mit dem amerikanischen Maler ➱Thomas Cole sende, bekomme ich von ihm einen langen Brief. Darin beschreibt er, wie er bei einem Amerikaaufenthalt eben diesen Wasserfall von Thomas Cole in den Catskills gesucht hat. Und er legt noch einen witzigen Artikel aus dem New Yorker bei (Searching for Kaaterskill Falls), wo ein Reporter ähnliche Erfahrungen wie er gemacht hat, die romantische amerikanische Natur ist inzwischen zugebaut. Das Naturerlebnis, dass Bryant noch predigte, ist nicht mehr so leicht zu erreichen. Bei jemandem, der beinahe alle Emblembücher aus dem 17. Jahrhundert besitzt, hätte ich solche Interessen nicht vermutet. 

Ich will die Qualitäten der Vorlesungen von Tintelnot über Tiepolo und seine Zeitgenossen keineswegs kleinreden, und auch Kamphausens Vorlesungen und der Vorlesung des dänischen Gastprofessors Otto Norn (der sehr englische Anzüge und eine elegante Halbbrille aus gelbem Horn trägt) über dänische Kirchen (lesen Sie ➱hier viel mehr) verdanke ich viel, aber die Vorlesungen von Müller sind etwas Besonderes. Niemand außer ihm wird sich an ein so schwieriges Thema wie das der Architektur der Nationalsozialisten heranwagen, auf jeden Fall nicht in den sechziger Jahren. Etwas kann er bei seinem Engagement in Vorlesungen nicht leiden, störende Geräusche von Studenten und falsch eingelegte Dias von Frau Doose, das kann ihn aus der Fassung bringen. Blonde Sportstudentinnen, die sich in seine Vorlesungen verirren, sind für ihn ein Tiefpunkt der Universität. Denkt jeder, sagt aber nur er. Und setzt dann ein etwas schiefes Lächeln auf. Man konnte ihm in diesem Augenblick nicht böse sein.

Ich werde bis zu seinem Tode ein hervorragendes Verhältnis zu ihm haben, werde ihm alle meine Publikationen zukommen lassen, von ihm reizende Briefe erhalten und ihn bei Ausstellungseröffnungen in der Kunsthalle wiedertreffen. Wenn er mit Charme und Esprit die kleine Ausstellung der ➱Skagener Maler eröffnet und dabei die ganze Zeit ein ➱Tuborg Bier im originalen Tuborg Glas balanciert, das die dänische Brauerei für diesen Anlass spendiert hat. Vor der Eröffnung der Ausstellung englischer Karikaturen des 18. Und 19. Jahrhunderts flüstert er mir zu, ich möchte doch weghören, ich wüsste das sicher alles besser als er. Ist gelogen, aber charmant. Wenn jemand Fachmann für europäische Druckgraphik ist, dann ist das Wolfgang J. Müller. Ich hoffe, er kann das oben im Himmel, der die Farben von Peder Severin Krøyers heure bleue hat, also da, wo die guten Kunsthistoriker sind, jetzt lesen.

Samstag, 28. Mai 2016

Tennis


Au revoir Angelique, titelte meine örtliche Zeitung, die Angelique Kerber aus Kiel war gerade in der ersten Runde in Paris rausgeflogen. Gleichzeitig mit dieser Schlagzeile bekam ich von einer Bekannten ein Bild von Marcel Proust mit einem Tennisschläger zugeschickt. Das verlockt doch, mal eben etwas über Tennis zu schreiben. Das hier ist natürlich nicht das Stade Roland Garros in Paris (das ja nach einem Fliegerhelden benannt wurde, lesen Sie mehr in ➱Piloten), das hier ist ein court für real tennis. 

In der Folge Old School Ties versucht Sergeant Hathaway seinem ➱Inspector Lewis zu erklären, was real tennis sei. Und was spielen sie in Wimbledon? Digitales Tennis? fragt Lewis. Das real in real tennis hat nichts mit unserem Wort real zu tun, eher etwas mit Real Madrid. Es bedeutet schlichtweg royal. Und es ist der Beginn des Tennis. Wo und wie der Philosoph Thomas Hobbes Tennis gespielt hat, weiß ich nicht, aber ich nehme an, dass es auch ein real tennis court gewesen ist.

Der Star in meinem Tennisverein war Charlie. Eigentlich hieß er Volker, aber jeder nannte ihn Charlie. Wir waren ja so amerikanisch. Schließlich waren wir seit Kriegsende eine ➱Amerikanische Enklave. Ich war mit Charlie in der Volksschule, und er war auch mit uns in Frankreich dabei, als wir den Friedhof in ➱Ailly-sur-Somme wieder herrichteten. Er trug dazu bei, dass wir die Fußballmannschaft von Ailly-sur-Some zweistellig besiegten. Ich glaube, er schoss auch damals das einzige Tor, als wir in Nykøbing in Dänemark 9:1 untergingen. Die neun Tore der Dänen gehen auf meine Kappe, aber ➱Dragomir Ilic hätte die auch nicht gehalten.

Charlie war einer der besten Spieler in unserem Tennisverein. Und der Mittelstürmer beim SAV. So sportlich er war, für die Bundeswehr war er dienstunfähig, weil ihm der Tennisarzt ein Gefälligkeitsgutachten ausstellte. Charlie ist beim Sport geblieben, er ist später bei der ARD ein großes Tier geworden und war immer auf dem Bildschirm zu sehen. Ich habe mal versucht, ihn dafür zu gewinnen, eine Sendung über ➱Cricket zu machen, aber ich konnte ihn nicht überreden. Georg hatte beim NDR mehr Erfolg. Die haben mit seiner Hilfe einen kleinen Film gedreht. Als er gesendet werden sollte, wurde er nicht gesendet. Weil Sepp Herberger gestorben war. Sepp Herberger ist wichtiger als Cricket.

Das erste Jahr im Tennisverein spielten die Junioren kein Tennis. Der Verein spendierte uns zehn kostenlose Trainerstunden und erwartete von uns, dass wir die Plätze bei Turnieren in Ordnung hielten, Balljungen und Schiedsrichter waren. Wir lernten, einen Tennisschläger neu mit Darmsaiten zu beziehen, und wir waren Meister im Kreiden der Linien. Aber Bälle schlugen wir nicht über das Netz. Dieses Lehrjahr war natürlich nützlich, im Weser Yacht Club war das im ersten Jahr der Vereinzugehörigkeit ähnlich: Boote abschleifen und anpönen. Und Seemannsknoten knüpfen. Tennis wurde damals noch in weiß gespielt, lange weiße Hosen waren bei Senioren häufig anzutreffen. Ich fing mit einem Dunlop Gold Wing an, träumte aber von einem Dunlop Maxply (Bild), einem Schläger, der heute als old skool woodie bezeichnet wird. Ich habe den Schläger immer noch.

Für das Vereinsleben habe ich mich nie wirklich interessiert, weder in meinem Heimatort noch hier. Einmal hat mich mein Kieler Verein zu einem Knabenturnier zur Tennis Gesellschaft Düsternbrook geschickt, ich möchte mal nach dem Rechten sehen. Tat ich. Da war ein missratenes Kind, das sich diese auf dem Platz randalierenden Rowdies wie John McEnroe (hier mit Björn Borg) zum Vorbild genommen hatte. Kickte Cola Dosen über den Platz, warf seinen Schläger ins Netz. Ich bin in einer Spielpause zu ihm hin und habe ihm gesagt: Pass auf, Du kleiner Pisser. Wenn Du noch einmal mit dem Schläger wirfst oder irgendwas Ähnliches machst, dann hole ich Dich vom Platz. Während des Spiels. Es war eine Sprache, die er nicht gewöhnt war. Zeigte aber Wirkung. Am Abend hatte ich einen Anruf vom Vorsitzenden meines Vereins, der mir referierte, was die Eltern des Kindes ihm gesagt hätten. Und das Ganze mit dem Satz schloss: Jay, ich bin Ihnen ja so dankbar.

Die amerikanischen Rüpel wie McEnroe und Konsorten auf den Tennisplätzen (und auch unser BummBummBecker war ja nicht unbedingt ein Vorbild) gaben dem Sport, der sich ja immer bemühte etwas Vornehmes zu sein, eine neue Dimension. War nix mehr mit royal. Ende der fünfziger Jahre hat mich ein Freund meines Vater einmal zu einem Tennisturnier am Rothenbaum mitgenommen. Es war kalt, Regen lag in der Luft. Auf den Holzbänken fröstelte ein Dutzend älterer Herren im Burbery, die Spieler trugen lange weiße Hosen. Old Skool wie man heute sagt. Heute ist das German Open eine Massenveranstaltung, bei der niemand mehr stilvolle weiße Kleidung trägt.

Franz W. Koebner formulierte die Gesetze der Kleidung 1913 in seinem ➱Buch Der Gentleman so: Auch bei den Herren der Schöpfung findet das Weiß immer mehr Anklang, mag man nun den weißen Flanellanzug oder das weiße Beinkleid zum dunkelblauen Jackett vorziehen (nur sollte man keine braunen oder – noch fürchterlicher – lacklederne Schuhe dazu tragen!). Natürlich gibt es Tennis und Tennis. Tennis auf Privatplätzen, wo die Bälle so bedrohlich hoch in die Luft gehen, daß man für die Fensterscheiben der Nachbarschaft fürchtet und Tennis auf öffentlichen Turnierplätzen, wo die Bälle centimeterhoch über das Netz sausen, wo die Spieler ein Meter hinter den Strich treten und jeder Ball eine viertel Stunde lang gespielt wird.

Dr Bach, der mich nach Hamburg mitnahm, spielte selbst nicht Tennis, versäumte aber kein Turnier: Während man in Berlin auf den Plätzen der großen Klubs, besonders auf den reizend im Grunewald gelegenen Plätzen des Berliner Lawn-Tennis-Turnier-Klubs, ziemlich dasselbe Bild findet; wo die Spieler mit Hilfe von Berufstrainern in angestrengter Arbeit sich für die Wettspiele vorbereiten, und im Sommer, nachdem das große Berliner Pfingstturnier den Reigen eröffnet hat, ihre Reise nach all den Plätzen machen, wo wertvolle Preise dem Sieger winken: Heiligendamm, wo nicht jeder beliebige Sterbliche an dem Turnier teilnehmen darf, das fast regelmäßig vom Kronprinzen und anderen höchsten und hohen Herrschaften durch aktive Teilnahme ausgezeichnet wird, sondern wo es einer Aufforderung durch das Komitee bedarf; Warnemünde, Heringsdorf. Zoppot, Hamburg, Homburg, Wiesbaden, Baden-Baden und wie sie alle heißen.

Ich wäre als langjähriger Straßenfußballer lieber in den Fußballverein statt in den Tennisverein gegangen. Ich hatte ➱Camus noch nicht gelesen, der gesagt hatte: Alles, was ich schließlich am sichersten über Moral und menschliche Verpflichtung weiß, verdanke ich dem Fußball. Über Tennis kann man das nicht sagen, der Sport erzieht nur zum Egoismus. Aber Fußballverein war für meinen Vater, der vor dem Krieg beim Bremer Sport Verein gespielt hatte und jedes Wochenende mit mir zum Fußball ging, keine Option. Also spielte ich Tennis. Hatte einen mickrigen Aufschlag, aber eine grandiose Rückhand. Und natürlich weiße Kleidung und ein gutes Benehmen. Alles, was ich beim Tennis gelernt hatte, konnte ich an anderer Stelle gebrauchen: ich habe jahrzehntelang kein Tischtennisspiel verloren. Wenn Sie von mir eine Kulturgeschichte des Tennissports erwartet haben, muss ich Sie enttäuschen. Habe aber einen schönen Literaturtip: Theo Stemmler Vom Tennis: Kleine Geschichte des Tennisspiels.

Und eine hübsche Geschichte habe ich auch noch, bevor ich zu Marcel Proust und seinem Tennisschläger komme. Sonntagmorgen, Ende der fünfziger Jahre. Tennisturnier auf den Plätzen des VTV im Vegesacker Stadion, das einst ➱Ernst Becker-Sassenhof gebaut hatte. Die Zuschauer sonntäglich gekleidet, bis auf diesen leicht angeschickerten Sailor, der sich wie ein Affe im Zoo an den Maschendraht des Platzes gehängt hat und das Spiel kommentiert. Auf den West Indies habe er ein viel besseres Tennis gespielt, wiederholt er immer wieder.

Nach einer Viertelstunde wird es dem Vorsitzenden des Vereins zu viel, er geht zu dem Sailor und sagt, wenn er so gut spielen könne, dann könne er ja gegen den Sieger spielen, wenn das Match hier vorbei sei. Der Mann von den West Indies bedankte sich und war fortan ruhig. Als die beiden Herren auf dem Platz ihr Spiel beendet hatten, bat man den Mann von den West Indies auf den Platz. Man hatte ihm zuvor weiße Shorts und ein weißes Hemd angeboten, aber er lehnte das ab, er trug diese beige-gelben ➱Hosen, die die Handelsmarine trägt. Kriegte man bei uns beim Schiffsausrüster in der Hafenstraße. Er ging auf den Platz, begrüßte höflich seinen Gegner, spielte sich mit einigen Bällen ein und .... Sie ahnen jetzt was kommt: Er fegte die Nummer fünf der Rangliste 6:1 vom Platz. Gab den Schläger zurück und verließ leicht torkelnd das Stadion. Vielleicht war das das Ende des Tennis in meinem Heimatort. Der Verein machte vor zwanzig Jahren Pleite, das ganze Stadion ist herunter gekommen. Man kann das symbolisch an diesem vergammelten Schild ablesen.

Hundert Jahre vor dem Ende meines Vereins ist das Tennis der fashionableste englische Import der Pariser feinen Gesellschaft. Man mag die Engländer zwar nicht so sehr, schließlich hat man ja mal einen hundertjährigen Krieg gegen sie geführt, aber jetzt sind sie gerade mal chic. 1886 eröffnete das Luxusgeschäft ➱Old England am Boulevard des Capucines. Marcel Proust, der englische Schlipse der Firma ➱Liberty trägt, kauft sich bei Old England seine Schuhe. Schwarze geknöpfte Lackstiefel, Halbstiefel natürlich. Nichts anderes (Sie können ihn mit solchen Schuhen in dem Post ➱Morning Coat sehen). Einmal hat ihm seine Haushälterin Céleste Albaret ein Paar Leinenstiefel gekauft, nicht bei Old England. Erstaunlicherweise haben sie ihm gefallen.

Vielleicht kommt dieses Outfit, das er hier für den Tennisplatz trägt, auch von Old England. Allerdings sollten wir jetzt vorsichtig sein und unseren Marcel nicht zu einem Tennisspieler machen. Er hat nie Tennis gespielt. War ihm zu brutal. Dabei kannte er das Benehmen von John McEnroe und die Aufschläge von Ivan Lendl noch gar nicht. Es genügte Proust, bei den Tennisspielern dabei zu sein, wenn nur die angehimmelte Jeanne Pouquet dabei war. In die war er verliebt, wie er später Céleste erzählte:

Ich war in sie verliebt, wie man es nicht mehr sein kann. . . . Ich konnte nicht mehr schlafen. Wenn wir vormittags zum Tennis gingen, nahm ich Proviant mit, kleine Kuchen und Sandwiches, für jeden Geschmack und in allen Farben ; ich wußte nicht, was ich anstellen sollte, um ihr eine Freude zu machen; ich kaufte ihr Blumen und Geschenke, ich gab mir so viel Mühe! Wenn ich mit ihr verabredet war, dann ging ich nicht, ich rannte! Wenn sie Tennis spielte, sah ich gern ihre blonden Zöpfe fliegen... Im Gegensatz zu Proust habe ich in Jahrzehnten des Tennisspiels dort nie eine schöne, interessante Frau kennengelernt. Das Bild rechts hat Jean Cocteau gezeichnet. Die Flasche in der Manteltasche ist eine Evian Wasserflasche, die Proust immer dabei hatte. Auch Tennisspieler sind heute nichts ohne Wasserflasche.

Vielleicht mag ich Tennis deshalb nicht so besonders, weil es da keine hübschen Frauen gab. Aber vielleicht redet in dem Zitat auch nicht der wirkliche Proust, sondern nur der Romanautor. Vielleicht ist die Tennisphase für Proust auch nur eine Phase auf dem Weg nach ganz oben. Der Mann, der aus der reichen französischen Bourgeoisie kommt, benimmt sich wie ein Neureicher. Er möchte in die französische Aristokratie, die längst keine Bedeutung mehr hat. Außer für ihren Chronisten Marcel Proust, der auf diesem Photo von Prinzen und Prinzessinnen umgeben ist.

Der französische Philosoph Paul Desjardins, mit dessen Sohn Proust auf der Schule war, hat über das Photo mit dem Tennisschläger gesagt, dass Proust wie ein persischer Prinz mit großen Gazellenaugen aussähe. Die Zeichnung hat Prousts Freund Paul Baignères im gleichen Jahr von ihm gezeichnet. Wir können auch die Lackstiefel erkennen, die Proust nach der Mode der Zeit mit ➱Gamaschen trägt. Ich kann mir den Mann, der sich seine Klamotten bei Carnaval de Venise am Boulevard de la Madeleine machen lässt (der Schneider kommt ins Haus), nicht mit Leinenstiefeln vorstellen.

Für Proust, der noch nicht der große Schriftsteller, sondern nur ein kleiner Snob ist, ist es wichtig, dabei zu sein, ein Teil dieser Welt der Tennisplätze am Boulevard Bineau in Neuilly zu sein. Wenn Proust die auf einem Stuhl stehende Jeanne Pouquet mit einer Tennisschlägerserenade anhimmelt, dann ist er zwar auf dem Boden, aber in Wirklichkeit ist er auf dem Weg nach oben. Sein Freund Gaston Arman de Caillavet hat gerade mit dem Tennisspielen begonnen, und Proust macht seine ersten Schritte in den Salon der Mutter, Madame Arman de Caillavet (Bild). Sein Freund Gaston wird übrigens die von Proust angehimmelte Jeanne Pouquet, und Proust wird alle Beteiligten in seine Recherche hineinschreiben. Natürlich kommt in dem Roman auch Tennis vor. Wenn Sie wissen wollen wo, dann klicken Sie ➱hier.

Mich hat beim Tennis immer dieser Aspekt gestört, dass sich viele im Verein einbildeten, etwas Besseres zu sein. Von daher ist der Düsternbrooker Verein einfach lächerlich, weil er sich Tennisgesellschaft nennt. Und signalisiert: wir sind was Feines, die hoi polloi bleiben bitte draußen. Die Sache mit dem Sailor von den West Indies war ein schönes Beispiel dafür, dass hier zwei Schichten aufeinander stießen. Ich hätte noch einen zweiten Seemann anzubieten, der auch Tennis spielte. Und der auch für eine Geschichte gut ist. Als die Engländer das Schiff von ➱Kapitän Ernst Biet im Zweiten Weltkrieg in der Nordsee versenkten, klagte der Kapitänleutnant der Reserve Biet, kaum aus dem Wasser gezogen, dem englischen Kommandanten sein größtes Leid: den Verlust seiner Tennisausrüstung. Weshalb, um Himmels willen, hatte er die 1942 überhaupt mit an Bord?

Dienstag, 24. Mai 2016

achtundachtzig


Hans Fander rief mich die Tage an. Fragte mich, ob ich das Gedicht Im Nebel von ➱Hermann Hesse kenne. Das kenne ich seit über sechzig Jahren, es stand auf der ersten Seite der Welt am Sonntag, die ich am Sonntagvormittag für meinen Vater unten im Ort am Bahnhofskiosk gekauft hatte. Es hat mich sehr beeindruckt. Auf dem Rückweg, die Bismarckstraße hinauf, habe ich es auswendig gelernt. Ich kann es immer noch aufsagen. Hans Fander hatte das Gedicht gerade auf seine ➱Seite gesetzt. Es ist ein Text über das Alter und das Älterwerden. Sie können die Seite gerne in Ihren Blog setzen, sagte er. Das schien ihm wichtig zu sein. Ich erfülle ihm gerne den Wunsch:

Mit 88 Jahren...
Hermann Hesse schrieb 1905 einmal:

Im Nebel

Seltsam, im Nebel zu wandern! 
Einsam ist jeder Busch und Stein, 
kein Baum sieht den andern, 
jeder ist allein.
Voll von Freunden war mir die Welt, 
als noch mein Leben licht war. 
Nun, da der Nebel fällt, 
ist keiner mehr sichtbar.
Wahrlich, keiner ist weise, 
der nicht das Dunkel kennt, 
das unentrinnbar und leise 
von allen ihn trennt.
Seltsam, im Nebel zu wandern! 
Leben ist Einsamsein. 
Kein Mensch kennt den andern, 
jeder ist allein.

88 JAHRE WERDE ICH NUN...
ein Alter, in dem man meist nicht verschont bleibt von gesundheitlichen und anderen Problemen . Viele meiner Bekannten sind schon nicht mehr unter uns. Die Reihen werden lichter. Und wer in meinem Alter noch unter uns ist, hat möglicherweise nicht mehr die Kraft oder auch das Verlangen,  noch Dinge zu unternehmen, die ihm früher Freude machten.
Ich selbst habe immer noch das Verlangen viele Dinge zu tun die ich früher alleine, oder mit Freunden und Bekannten machte. Aber was hilft das Verlangen, wenn ich bestimmte Vorhaben nicht mehr teilen kann oder ich die Erwartungen derjenigen nicht mehr erfülle, wenn sie jünger sind? Durch den Verlust meines Augenlichtes hat sich mein Leben sehr verändert. Bekannte und Freunde haben sich zurückgezogen. Da kommt kaum noch Post und auch das Telefon klingelt nur noch selten. Verblieben sind nur wenige nahestehende Menschen.
Und da fiel mir kürzlich wieder das Gedicht von Hermann Hesse ein,  der da schreibt , dass seine Welt voller Freunde war, und nun, da es ihm nicht mehr gut ging, auch die Freunde nicht mehr „sichtbar“ waren.
So ergeht es nun auch mir mit 88 Jahren.
Und so kann ich mich den Zeilen von Hermann Hesse heute nur anschließen, der schrieb:

Voll von Freunden war mir die Welt,

Als noch mein Leben licht war,
Nun, da der Nebel fällt,
Ist keiner mehr sichtbar.....

Das klingt jetzt ein wenig melancholisch, aber melancholisch ist Hans Fander eigentlich gar nicht. Er kommt aus dem Rheinland, und er hat diese angeborene Fröhlichkeit, die man bei den Menschen dort häufig trifft. Wenn man seine Erzählungen auf seiner Seite im Internet liest, kann man ihn ganz gut kennenlernen. Gut, der Schlaganfall im letzten Jahr hat ihn zurückgeworfen, aber er hat ihn überlebt. Es ist traurig, für einen Maler, dass er langsam blind wird, aber irgendwie kommt er auch damit klar. Weil er diese wunderbare Frau an seiner Seite hat, die im letzten Jahr bei dem Schlaganfall alles richtig gemacht hat.

Wir alle werden älter, wir wissen nicht, was sich das Leben für uns noch ausgedacht hat. Aber wenn ich mit achtundachtzig Jahren noch so gut drauf bin wie Hans Fander, dann danke ich meinem Schöpfer. Vielleicht sollte ich mir ein Laufband kaufen, Hans Fander hat eins. Er hat kein Klavier mehr, aber ein Saxophon hat er noch. Als er das letzte Mal bei mir war, hat er sich an mein ➱Klavier gesetzt und gespielt.

Als wir uns vor Jahren kennenlernten, lag dick Schnee. Er war in eine Diskussion mit ➱Hannes Hansen vertieft, Schnee und Kälte schien die beiden nicht zu stören. Ich wollte grüßend vorbeigehen, aber Hannes griff mich am Arm und stellte mich vor. Drei Männer im Schnee. So lernte ich endlich den Mann kennen, von dem ich schon viel gehört hatte. Der als französischer Fremdenlegionär in Dien Bien Phu war (und der einen französischen Pass hat). Der Direktor einer (deutschen) Versicherungsgesellschaft war und dann Maler und Erzähler wurde. Auf diesem Photo hält er eine kleine Rede, das kann er gut. Er könnte ganze Säle füllen. Rechts von ihm sitzt seine Lebensgefährtin, die hier endlich auch einmal ins Bild kommt.

Da ich bei Bildern bin, diese Ansicht von ➱Kiel hier hängt bei ihm zu Hause, ich finde es ist eins seiner schönsten Bilder. Hans Fander hat sich im hohen Alter an den Computer herangewagt. Hat jetzt einen Mac mit allem Zubehör, vor allem mit einer Sprecheinrichtung für Sehbehinderte. Er hat nicht nur den Computer, er schreibt auch damit. Und was er aus seinem Leben schreibt, das lesen schon viele. Beinahe eine Viertelmillion Leser zeigt der kleine Zähler auf seiner ➱Homepage an. Ich kann seine ➱Erzählungen nur empfehlen (und habe das auch schon getan), er breitet sein Leben vor uns aus. Nicht alles. Wie er nach Dien Bien Phu gekommen ist, das steht nicht auf seiner Seite. 

Aber die Sache mit dem Grab auf dem ➱Père Lachaise schon: "Wäre doch nett", dachte ich beim Verlassen der Totenstadt, "wenn Du hier auch mit einem "Steinchen" vertreten wärst". Inschrift: "Hier, Zweimeterfünfzig tiefer, hat sich Hans Fander hingelegt. Sein letztes Geld gab er her, um ein wenig vom Glanz seiner Mitschläfer zu profitieren". Dabei dachte ich so zwischen Edith Piaf und Simone Signoret der Ewigkeit entgegen zu schlummern. Ives hätte mich nicht weiter gestört. Er liegt wohl auf der anderen Seite. Und Chopin hätte für die Himmelfahrt vielleicht noch eine Melodie komponiert. Aber aus der Umbettung der von mir verehrten Damen wird wohl nichts. Doch Träumen ist erlaubt. Wenn dann vielleicht der eine oder andere Besucher vorbei wandern würde, und sich die Frage stellt, wer Hans Fander wohl war, dann wäre ich der Vergessenheit entkommen. Und das mit einem billigen Stein, denn das Grab auf dem Père Lachaise wäre ja schon reichlich teuer. Wir wollen mal hoffen, dass das noch ganz lange hin ist. Ich wünsche ihm nur das Beste.

Sie können noch mehr über Hans Fander in diesem Blog in diesen Posts lesen: Tango, Fremdenlegion, Monte Carlo or Bust!, Gary Glitter, Hirschsprung, Hans Henny Jahn, Schwarzenbek, Leuchttürme.

Samstag, 21. Mai 2016

Erwin Kostedde


Ich bin stolz darauf, der erste Farbige der Nationalelf zu sein, hat er gesagt, der Erwin Kostedde. Der Kicker schrieb damals: So wird mit ihm zum ersten Male in der DFB-Geschichte ein farbiger Spieler das Nationaltrikot tragen; eine Tatsache, auf die nicht mehr einzugehen eine Selbstverständlichkeit wäre, wenn man nicht wüßte, wie schwer es Kostedde auf seinem Weg nach oben, nicht zuletzt auch wegen seiner Hautfarbe hatte.

Das wusste der Sohn einer Deutschen und eines amerikanischen GIs, der seinen Vater nie gesehen hat, selbst: Im „schwarzen“ Münster war es schon schlimm, wenn Du sonntags in Jeans herumliefst, aber ich trug tagaus, tagein die falsche Hautfarbe. Nach dem Krieg waren wir in Münster drei Mischlinge und wir kannten uns alle drei. Der Erste war Messdiener und kam nach einer Beerdigung bei einem Verkehrsunfall um. Der Zweite ertrank im Aasee. Da bekam ich schon als Kind panische Angst, dass irgendein Unheil oder Fluch über uns liegen würde.

Kostedde war auch mal bei Werder Bremen, Rudi Assauer (hier im Bild mit Werder Trainer Hans Tilkowski) hatte ihn geholt. Es gab Kritik an der Entscheidung, aber Assauer sagte: Bei uns braucht der Kostedde nicht mehr zu laufen, es genügt, wenn er im gegnerischen Strafraum steht und mit seinem Hintern noch Tore macht. Werder war gerade abgestiegen, stieg aber wieder auf. Neunundzwanzig Tore von Erwin Kostedde sorgten dafür. Aber seine größte Zeit hatte er bei Offenbach, für die Kickers hat er 129 mal gespielt und achtzig Tore geschossen. Bei einem Spiel gegen Frankfurt sangen die Frankfurter Zuschauer im Waldstadion: Zehn Schwule und ein Nigger! Und eine Frankfurter Autowerkstatt weigerte sich, Kosteddes Auto zu reparieren, er hatte am Tag zuvor drei Tore gegen Frankfurt geschossen. Wenn man ein dunkelhäutiger Fußballer in Deutschland ist, hat man es damals nicht leicht.

Erwin Kostedde, der braune Bomber, wird heute siebzig, dazu möchte ich ihm herzlich gratulieren. Er kommt aus Münster, wo er auch heute noch lebt. Den dreifachen Übersteiger, den man auch den Erwin Shuffle nannte, hat ihm damals Fiffi Gerritzen beigebracht. Fiffi Gerritzen kommt schon in dem Post ➱Farbsymbolik vor, wie überhaupt in diesem Blog viele Fußballer vorkommen. Fußballer aus einer anderen Zeit, die noch wirklich Originale waren. Und dribbeln konnten wie Erwin Kostedde, Willi Lippens oder Stan Libuda.

Diese Spieler wurden auch mit wunderbaren Sprüchen in Verbindung gebracht. Wie An Gott kommt keiner vorbei. Außer Stan Libuda. Das ist auch der Titel eines Buches über Reinhard Libuda (lesen Sie hier eine ➱Rezension). Und dann gibt da noch diese Sätze mit Ewigkeitswert wie Gib mich die Kirsche (Lothar Emmerich). Oder den Dialog zwischen Schiedsrichter und Willi Lippens: Herr Lippens, ich verwarne Ihnen. - Herr Schiedsrichter, ich danke Sie. Lippens (hier im Bild mit Berti Vogts) flog vom Platz und erhielt vierzehn Tage Sperre. Willi Lippens, den jedermann Ente nennt, ist der beste Freund von Erwin Kostedde.

Er war auch der einzige, der Erwin Kostedde im Gefängnis besucht hat: Vor allem mein alter Kumpel Willi Lippens hat sich um mich gekümmert. 'Ente' hat mich als einziger sogar im Gefängnis besucht. War ganz toll. Kostedde hat ein halbes Jahr unschuldig im Gefängnis gesessen, weil man ihm einen Überfall auf eine Spielhalle vorwarf. Im Fernsehen ist die Polizei von Münster immer ganz toll, ob das Börne und Thiel oder Wilsberg und Anna Springer sind. Aber Anna Springer hat diesen Volltrottel  Overbeck als Assistenten, ich nehme mal an, dass der in dem Fall ermittelt hat.

Auf seinen ehemaligen Trainer Otto Rehhagel ist er nicht so gut zu sprechen: Und überhaupt: Hören Sie mir auf mit Rehhagel! Wenn ich Anstreicher gelernt hab wie der, dann steh ich dazu und mach nicht auf Louvre und Michelangelo. Als ich damals in Haft war, hat sich Rehhagel im Fernsehen über mich ausgelassen. Erwin Kostedde hat kein Glück gehabt im Leben, Anlagebetrüger, Verlust des Vermögens, dann die Anklage und die Untersuchungshaft. Dreitausend Mark Entschädigung hat er bekommen, mehr war dem Staat ein arbeitsloser Diplomsportlehrer nicht wert. Sie hätten mir zehn Millionen geben können, mein Leben war kaputt. Ich hätte nie gedacht, dass so etwas in Deutschland möglich sein kann.

Ich habe ihn natürlich immer im Fernsehen gesehen, im Weserstadion nur einmal. Aber ich gratuliere ihm ganz herzlich, und ich hoffe, dass es ihm gut geht. Dass der Bundespräsident heute mit einem Bundesverdienstkreuz vorbeikommt, ist wohl nicht zu erwarten. Warum eigentlich nicht? Wenn man einem Kriminellen wie Sepp Blatter das Große Bundesverdienstkreuz gibt, dann sollte für einen ehrlichen Mann wie Kostedde doch das Verdienstkreuz drin sein. Ich nehme an, dass Erwin Kostedde heute die Daumen für Borussia Dortmund drückt (tue ich auch), deren gelbes Trikot hat er ja auch mal zwei Jahre getragen.

Und zum Schluss habe ich noch ein kleines Gedicht von Ian Watson. Der Ire war Dozent an der Uni Bremen und ist da hängengeblieben, er hat eine Dauerkarte von Werder Bremen. Und er schreibt gerne über Fußball. Das Gedicht heißt Alles, was ein Fußballer braucht oder: Sonett für einen Allrounder. Und es besteht, ähnlich wie Handkes ➱Gedicht Die Aufstellung des 1. FC Nürnberg vom 27.1.1968 eigentlich nur aus Namen. Oder eben dem, was ein Fußballer braucht :

 1. Die Kopfballstärke von Oliver Reck
 2. Den Elfmeterzauber von Michael Kutzop
 3. Die Schußtechnik von Thorsten Legat
 4. Den Stammplatz von Lars Unger
 5. Die Größe von Thomas Hässler
 6. Die Zärtlichkeit von Uli Borowka
 7. Die Trinkfestigkeit von George Best.
 8. Die Haare von Bobby Charlton
 9. Den Bauch von Erwin Kostedde
10. Den Rasierapparat von Uwe Harttgen und
11. Die Augenbrauen von Siggi Held


Wenn Ihnen nach noch mehr Fußball ist, dann klicken Sie doch die folgenden Posts an: Fußballpoesie, Hannover 96, Uns Uwe, HSV, Bert Trautmann, Goalies, Albert Camus, WM, Belfast Boy, Schicksalsspiel, Endspiel, Farbsymbolik, Wundliegen, Arkadien, WM, Sedanplatz, Trolleybus, Lasagne, Volksschule, Traumwagen, Talsperren, Mein Dänemark, Gräber, Tigerente

P.S. Dass ein gewisser Herr Gauland sich über Jérôme Boateng auslassen würde, konnte ich nicht wissen, als ich dies schrieb. Ich hätte Herrn Gauland sonst gerne noch etwas Nettes gesagt.