Mittwoch, 14. September 2011

Uli Becker


Ich weiß nicht mehr, wie das Heft Nummer 4 des Literaturmagazins TJA in meinen Besitz gekommen ist. Vor Jahrzehnten hat mir der Name des Herausgebers Alfred Miersch nichts gesagt, aber das ist natürlich heute anders. Das Heft Nummer 4 besagten Magazins steht bei mir neben den Büchern von Uli Becker, weil er da im Jahre 1977 mit zwei Gedichten vertreten ist, mit Perry Rhodan hatte doch recht und Der Mai ist gekommen. Die beiden Gedichte sind im gleichen Jahr auch in dem ersten Gedichtband von Uli Becker, der den schönen poetischen Titel Meine Fresse! trägt. Das 104-seitige Buch erschien in der Edition Nautilus des Verlages Lutz Schulenburg Hamburg und kostete 9,80 DM. Aber wenig später war der Autor aus der Alternativ-, Tunix- und Spontiszene schon bei Rowohlt, später bei Haffmanns. Bei Rowohlt war er für den Leser am preisgünstigsten, bei Haffmanns kostete 1988 die hardcover Ausgabe von Das Wetter von morgen stolze 28 Mark. Ich kann all dies mit schöner Sicherheit sagen, da ich die Werke von Uli Becker nämlich ziemlich komplett habe und die Preise noch drin stehen. Uli Becker steht (wegen der alphabetischen Ordnung) nahe bei Rolf Dieter Brinkmann, und da gehört er auch hin.

Und auch wenn ich ihn wohl nicht in der gleichen literarischen Liga sehe wie Robert Lowell, über den ich letztens schrieb, gestehe ich gerne, dass Uli Becker einer meiner Lieblingsautoren ist. Robert Lowell auch. Das ist jetzt kein Widerspruch, dieser ganze Blog ist ja eine Fusion von HIGH Culture und Popular Culture. Ich könnte auch Leslie Fiedlers Cross the Border – Close the Gap oben drüber schreiben. Robert Lowell hat Ewigkeitswert, Uli Becker schreibt über das wirkliche Leben. Über Das Lebensgefühl des Etagenhundes - der sich Lassie in Farbe ansieht - und dann wortlos - seinen Gummiknochen unterm Teppich vergräbt und du fragst -: 'Was hab denn ich damit zu tun?' (Trouble comin' every day). Also, damit es allen Lesern klar ist, ob wir es wollen oder nicht: dieser Uli Becker ist ein deutscher Dichter. Er ist der Dichter einer ganzen Generation, wenn Sie sich in Alles kurz und klein (die atomisierte Autobiografie einer kompletten Generation [aber mindestens]) wiedererkennen, dann gehören Sie dazu.

Dieser Dichter ist auch das, was Harald Schmidt gerne wäre - und trotz all seiner Ghostwriter nicht ist - nämlich geistreich. Ich wünschte mir manchmal, dass jemand wie Uli Becker (oder andere Schriftsteller) das gleiche Geld verdienen würde wie Harald Schmidt. Vordergründiger Hintersinn titelte der Spiegel vor Jahren. Ja, dieser Uli Becker ist schon geistvoll, obwohl er sich immer haarscharf an den Grenzen des Kalauers (und manchmal auch des guten Geschmacks) bewegt. Aber wer kriegt schon so etwas hin, wie in den letzten Zeilen von Kunst. Was sonst. (das liebevoll bösartig eine Kunstvernissage beschreibt) zu dichten:

Gott ja, die Postmoderne, sagt der Minirock
zum Existenzialistenrolli, anything goes
und alles kommt wieder, für 15 Minuten.

Und damit wir wissen, wir wir uns den Dichter vorzustellen haben (das Photo hier ist ja ein wenig mickrig), geben wir ihm doch selbst das Wort:

Wie Dichter das machen

Den Asphalt grau tret ich mit Füßen,
beiß aber grad so gern ins grüne Gras

und kehre heim und spanne den Bogen
in meiner Maschine: Sowohl – als auch,

ist beides mein Stoff, das Rohe wie
das Hartgesottene, und wer bestimmt,

man könne nicht auf zwei Hochzeiten
tanzen, bei zwei Begräbnissen flennen?

Des Dichters Tag- und Nachtwerk ist
die stete Kümmerei, und zwar um dies

genau wie um das, um beides zusammen
mit süßsaurem Lächeln zu verwursten.

Die späte Tagesschau noch und ins Bett
und sehn, was anliegt oder schmiegt – 

so funktioniert das: Eine Hand am Puls der Zeit,
die andere am Arsch der Welt.

Als der Bremer Antiquar Udo Seinsoth zum 50. Geburtstag von Rolf Dieter Brinkmann eine kleine Festschrift herausgab, schickte ihm Uli Becker das Gedicht Paternoster im November (Abwärts 1,2 & 3). Das war keine Erstveröffentlichung, das war schon mit einer Widmung an den gerade zuvor verstorbenen Rolf Dieter Brinkmann 1977 in Meine Fresse! erschienen. Doch der beiliegende handschriftliche Brief, den Seinsoth im Original abdruckte, sagt eine Menge über das Verhältnis von Uli Becker zu Rolf Dieter Brinkmann aus. Ich tippe das mal ab, und ich hoffe, Herr Seinsoth erlaubt mir das, denn die kleine Festschrift ist ja rettungslos vergriffen.

Montagmorgen

Lieber Udo,
...
Dieses Gedicht, auf das ich schließlich zurückgefallen bin, hat immerhin die Unmittelbarkeit des zeitlichen Anschlusses und die Frische des Aufbruchs für sich. Aber natürlich ist es kein Erstdruck, wie ich es versprochen hatte. (Wenn man auch wird sagen können, daß die meisten, die die Publikation in die Hand bekommen werden, nicht damals "Meine Fresse!" gekauft oder gelesen haben; der Band
blühte ja im Off.)
...

Ich persönlich finde das Gedicht - auch "mit Abstand" präsentabel, es ist eben meine "Anverwandlung" des Erbes, wie ich das seinerzeit gesehen habe.
...

Aber pragmatisch gedacht: Hier wäre TEXT, der nicht völlig daneben ist, die Hommage eines aufbrechenden Nachgeborenen, der das Glück hatte, zur rechten Zeit auf Brinkmann zu stoßen.
...

Uli

Der Brief, mit einer wunderbar klaren Handschrift geschrieben (die kleinen Pünktchen sind keine Auslassungszeichen, die stehen da so), ist einer der vielen kleinen highlights in der Festschrift, die zugleich ein Katalog der Schriften von Brinkmann ist. Der Frankfurter Rundschau war das Büchlein damals immerhin eine Rezension wert, man lobte Udo Seinsoth, der auf nobelste Art an Brinkmann erinnert hatte und hob Uli Beckers Gedicht (und das Faksimile des Briefes) heraus. Von einem großen Stück trotziger Trauerarbeit sprach der Rezensent. Ich dachte mir damals: hier ist jemand, der etwas davon versteht und hob die Rezension auf. Denn was wären wir ohne solche Rezensenten? Ohne Alfred Miersch, der in TJA No. 4 die erschütternde Finanzlage des Literaturmagazins beklagt aber trotzdem weitermacht (vielleicht auch, weil Uli Becker dranbleiben! gesagt hat)? Oder ohne Udo Seinsoth, der so ausser lamäng eine kleine Festschrift mit zweitausend Exemplaren auflegt? Heute werden literarische Erfolge wie Axolotl Roadkill mit der Dampfwalze gemacht, damals entsteht das noch in den Mühen der Ebenen.

Zuletzt ist bei ihm eine weitere Tendenz zur Verknappung bis hin zum Haiku festzustellen, lese ich im Wikipedia Artikel über Uli Becker. Ist das so? Zuletzt? Verknappung? Schon Ezra Pound hatte die Formel von dichten=condensare geprägt. Und die dichterische Verknappung war von Anfang an ein Markenzeichen von Uli Becker. Der anonyme Verfasser des Artikels will wohl auf den köstlichen kleinen Band Frollein Butterfly (Abbildung mit dem Leopardenfell Cover ganz oben) oder auf Fallende Groschen. Asphalthaiku anspielen. Die Form des Haiku hatte ja auch schon Ezra Pound für die westliche Kultur entlehnt (und Ian Fleming spielt in You Only Live Twice auch damit) und sein berühmtes Haiku In a Station of the Metro geschrieben:

In a Station of the Metro

The apparition of these faces in the crowd;

Petals on a wet, black bough. 

Uli Becker hat dem Band Frollein Butterfly ein herausnehmbares Vorwort/Nachwort beigegeben, in dem er den Japanern (die ja alles kopieren) zeigt, dass man auch ihre kulturellen Produkte kopieren kann:  Mit diesem Haiku "made in Germany", die der in Japan entwickelten Technologie abgeguckt sind und dann erfinderisch und ohne falsche Skrupel nachgebaut, wird der Spieß endlich mal umgedreht; hier kriegen die Herrschaften ihren lylischen Klassikel retour serviert wie einen Pingpongball, leicht angeschnibbelt, auf daß Schwung ins Spiel kommt. Und so serviert er uns dann 69 Quickies zwischen Sehnsucht und Schweinigelei, von denen ich mal eben (aus meinem numerierten Exemplar!) das auf Seite 73 zitiere:

Tun kein Auge zu
heut nacht vor lauter Vögeln,
Hommage à Hitchcock.

Falls für die Qualität von Literatur auch dies ein Kriterium ist, daß man mit der Lektüre eines Buches nicht mehr aufhören kann, dann ist der 26jährige Schriftsteller Uli Becker ein vorzüglicher Schriftsteller, schrieb der Spiegel 1979. Das muss wahr sein, denn mehr als drei Jahrzehnte später haben seine Gedichte nichts von ihrem Reiz verloren. Ich kann das bestätigen, ich habe gestern begonnen, sie wieder zu lesen. Ich konnte auch nicht aufhören.

Und bevor ich das vergesse: Happy Birthday Uli Becker! Write On!

Dienstag, 13. September 2011

Jacqueline Bisset


Das tun wir doch gerne in diesem Blog: schönen Frauen zum Geburtstag gratulieren, auch wenn wir sie nur von der Leinwand kennen. Also Happy Birthday, Jacqueline. Sie ist keine Französin, keine Franko-Kanadierin, sie ist trotz des Namens eine waschechte Engländerin. Sie ist aber zweisprachig aufgewachsen, da ihre Mutter Arlette eine halbe Französin war, und sie ist auch in eine französischen Schule in London gegangen. Ihre Sprachkenntnisse waren ihr eine große Hilfe, als sie mit Truffaut in La nuit américaine arbeitete. Denn Truffaut, der den englischsprachigen Film liebte, konnte kaum Englisch. Da war er wie Marcel Proust. Truffaut hat später gesagt, dass Jacqueline Bissett mit diesem Film ihren internationalen Durchbruch hatte, weil sie damals noch nicht sehr bekannt war. Das stimmt schon, aber sie hatte schon eine Vielzahl von Nebenrollen in wirklich tollen Filmen gehabt.

Sie war in Richard Lesters ➱The Knack, aber ich weiß nicht, wer sie da ist, weil die Frauen in dem Film (wie auch manchmal im wirklichen Leben) damals alle gleich aussahen. Bis in die Unendlichkeit geschminkt, mit viel schwarzem Kohl um die Augen. Charlotte Rampling und Jane Birkin waren auch in dem Film, aber da weiß man, wer sie sind. Charlotte ist auf den Wasserskiern und Jane ist auf dem Moped.

Aber wenige Jahre später spielte Jacqueline Bissett die Freundin von Steve McQueen in ➱Bullitt, und da wußte jeder, wer sie war. Sie konnte sehr komisch sein wie hier in ➱The Grasshopper oder in Scenes from the Class Struggle in Beverly Hills. Aber seit sie in The Deep das nasse T-Shirt angehabt hatte, hat sie wohl keine wirklich guten Rollen - also so was wie in dem ➱Truffaut Film - bekommen. In Wild Orchid hätte sie lieber nicht mitspielen sollen. Denn man hätte ihr ruhig schauspielerisch mehr zutrauen sollen, her acting skills ripening along with her beauty, wie es so charmant in Ephraim Katz' Film Encyclopedia heißt.

Nach The Knack spielte sie noch eine kleine Rolle in dem Film Cul-de-sac von Roman Polanski (der im Deutschen Wenn Katelbach kommt hieß), was damals ein Kultfilm war. Aber sie hatte natürlich keine Chance gegen Françoise Dorléac (und so ähnlich war das im nächsten Jahr in Two for the Road, wo alle nur auf Audrey Hepburn guckten). Das ist lange her, Polanski dreht damals noch wirklich gute Filme. Und mit wirklich guten Filmen meinen wir Cineasten natürlich Das Messer im Wasser und Ekel. Sonst nichts.

Sie ist in Ehren mit ihren Kinorollen gealtert, nie künstlich jung geblieben, keine Schönheitsoperationen. Aber sie hat auch immer gewusst, dass das Kino mit seinem Jugendlichkeitswahn keine alternden Schönheiten mag: This film business, perhaps more so in America than in Europe, has always been about young sexuality. It's not true of theatre, but in America, film audiences are young and they go to the cinema to see the sort of romance or adventure that appeals to them. It's not an intellectual cinema in America. But one mustn't be too greedy. One wants to be stimulated by the work as long as there is something to give. I think you have to be as flexible as possible. Perhaps you don't get handed the big American productions, but, quite honestly, who would want to be in a lot of them? Many of them are just puerile teenage filler, and they're not fascinating to be in. To be used in a part without depth is a frustrating feeling, when you know you have something to give, and the camera just sort of brushes past you, and doesn't get what you have to give. Most actresses I know are frustrated, but you have to adapt to the reality. I go and find a small part in something I find interesting, or find an independent film.

Und mit der Einsicht We all lose our looks eventually. Better develop your character and interest in life spielt sie, was sie an Rollen bekommt. Auch wenn es die Verfilmung eines Rosamunde Pilcher Romans ist. Obgleich ich gestehen muss, dass ich September nur ihretwegen gesehen habe. Auch wenn da Michael York und Edward Fox nur nagelneue Klamotten tragen, nagelneue Aktenkoffer haben und einen nagelneuen frischgewaschenen Land Rover fahren - was natürlich ein englischer Gentleman auf dem Lande niemals tun würde. Aber ich nehme an, das war für das amerikanische Publikum, die merken solche Feinheiten eh nicht.

Ich wollte meine Geburtstagsgrüsse auch an eine andere schöne Frau richten, die auch heute Geburtstag hat. Sie war noch nie auf der Leinwand zu sehen, obgleich sie da vielleicht auch gut ausgesehen hätte. Aber sie besitzt keinen Computer und weigert sich, so etwas wie dies hier zu lesen. Also musste ich eine Geburtstagskarte kaufen. Ich war schwer versucht, eine Jacqueline Bisset Postkarte zu kaufen. Aber wir wollen das wirkliche Leben und das Kino nicht verwechseln. Und im Kino bleiben die schönen Frauen unserer Erinnerung so, wie wir sie haben wollen: forever young. Wir als Zuschauer leider nicht.

Lesen Sie auch: François TruffautRichard LesterCharlotte RamplingMichael YorkRosamundeKatharine Ross

Montag, 12. September 2011

Robert Lowell


Seine Freunde nannten ihn Cal, was von Caliban oder Caligula kommen kann. Er kam aus einer vornehmen Bostoner Familie, vornehmer geht es in Amerika nicht:

Then here's to the City of Boston,
The home of the bean and the cod,
Where Cabots speak only to Lowells,
And the Lowells speak only to God.

Diese Verse sind natürlich nicht von ihm, was Lowell schrieb war schwieriger. Dennoch haben ihm Hunderttausende begeistert zugehört, als er beim Marsch auf Washington sein Gedicht Waking Early Sunday Morning vorgetragen hat. Wahrscheinlich warteten sie auf die Strophe, in der der Präsident vorkam:

O to break loose. All life's grandeur 
is something with a girl in summer ...
elated as the President 
girdled by his establishment
this Sunday morning, free to chaff
his own thoughts with his bear-cuffed staff,
swimming nude, unbuttoned, sick 
of his ghost-written rhetoric!

Norman Mailer, der selbsternannte Organisator des Protests war neidisch auf den Aristokraten aus Boston, das schreibt er in Armies of the Night. Zumal Robert Lowell dann noch später beim Abendessen ganz cool diese Beleidigung rausbringt: Norman, I really think you are the best journalist in America. Journalist ist nun ein Wort, das Norman Mailer nicht gerne hört. Und seine Antwort ist, in seiner typischen zurückhaltenden Art: Well, Cal, there are days when I think of myself as being the best writer in America. Da haben sich zwei gefunden: der intellektuelle Dichter aus der Bostoner Aristokratie, vom Calvinismus zum Katholizismus konvertiert, und der jüdische working-class Prolli. Wir können nur froh sein, dass das Gespräch nicht wie die Unterhaltung mit Gore Vidal und Janet Flanner in der Dick Cavett Show verlief.

Robert Lowell war nicht so gewalttätig wie Norman Mailer, er hat nicht wie Mailer beinahe seine Frau umgebracht. Obgleich seine erste Frau Jean Stafford beinahe bei einem Verkehrsunfall umgekommen wäre, bei dem Lowell am Lenkrad saß. Aber sicher hatten es seine drei Ehefrauen mit ihm auch nicht leicht (die sechs Ehefrauen von von Norman Mailer lasse ich jetzt mal draußen vor). In den manischen Phasen seiner manisch-depressiven Erkrankung schleppte er immer wieder Studentinnen an, die er unbedingt heiraten wollte.

Wenn Lowell 1967 als politischer Dichter auftritt, dann passt er sich nicht modisch der Zeit an. Seine Kritik an Amerika hat dazu geführt, dass seine Dichtung sogar in der DDR akzeptiert wurde. 1976 (dem Jahr des Bicentennial in Amerika) erschien beim Verlag Volk und Welt der Gedichtband Ein Fischnetz aus teerigem Garn zu knüpfen (sogar zweisprachig) zum Preis von fünf Mark.

Er ist immer ein politischer Mensch gewesen. 1943 hatte er einen Brief an den Präsidenten geschrieben, in dem er Roosevelt mitteilte, dass er leider nicht als Soldat am Zweiten Weltkrieg teilnehmen könne: You will understand how painful such a decision is for an American whose family traditions, like your own, have always found their fulfillment in maintaining, through responsible participation in both the civil and military services, our country's freedom and honor. Seine Ablehnung im ersten Satz des Briefes ist geradezu klassisch: Dear Mr President: I very much regret that I must refuse the opportunity you offer me in your communication of August 6, 1943 for service in the Armed Force. Natürlich sperrt man ihn sofort in eine Irrenanstalt. Worüber er später in seinem Gedicht Memories of West Street and Lepke schreiben wird:

These are the tranquilized Fifties,
and I am forty. Ought I to regret my seedtime?
I was a fire-breathing Catholic C.O.,
and made my manic statement,
telling off the state and president, and then
sat waiting sentence in the bull pen
beside a negro boy with curlicues
of marijuana in his hair.

Das Leben in Anstalten kennt er, er hat lange Zeiten seines Lebens in ihnen verbracht. Auch wenn er dort nicht immer einen Schwerverbrecher wie Louis 'Lepke' Buchalter trifft. Wenn er in Skunk Hour schreibt My mind's not right, dann ist das durchaus autobiographisch. Lowell kennt sich selbst, und er leidet unter den Depressionen: Depression's no gift from the Muse, hat Lowell einmal geschrieben. At worst, I do nothing. But often I have written, wrote one whole book - For the Union Dead - about witheredness. It wasn't acute depression, and I felt quite able to work for hours, write and rewrite. Most of the best poems, the most personal, are gathered crumbs...That too may be poetry - on sufferance. Es sind diese Schwächen des Dichters, das Leid und das Leiden, das seine confessional poetry ungeschminkt vor uns ausbreitet, das vielen Lesern einen Zugang zu seiner Lyrik gibt.

Auch wenn diese confessional poetry gar nicht so confessional ist, sondern ein elaboriertes Kunstprodukt ist. Darauf hat Frank Bidart in dem von ihm herausgegeben Band der Collected Poems hingewiesen: Because Robert Lowell is widely, perhaps indelibly associated with the term “confessional,” it seems appropriate and even necessary to discuss how “confessional” poetry is not confession. How Lowell’s candor is an illusion created by art. He always insisted that his so-called confessional poems were in significant ways invented. The power aimed at in 'Life Studies' is the result not of accuracy but the illusion of accuracy, the result of arrangement and invention. Was Lowell auch selbst in dem Paris Interview 1961 gesagt hat: There’s a good deal of tinkering with fact . . . and the whole balance of the poem was something invented. Aber  dennoch hat es den gewünschten Effekt: the reader was to believe he was getting the real Robert Lowell.

Robert Lowell ist heute vor 34 Jahren im Alter von sechzig Jahren gestorben. Seine Collected Poems kosten bei Amazon 18,99 €. Was nicht zuviel ist für tausend Seiten der besten Lyrik, die im Amerika des 20. Jahrhunderts geschrieben wurde. Vieles darin ist schon in Anthologien zu Klassikern der modernen Lyriker erklärt worden. Vieles darin ist für den Leser neu, immer wieder verblüffend. Und kein bisschen angestaubt. Und so gibt es heute die letzten Strophen von Waking Early Sunday Morning (einem Gedicht, das im Versmaß und Strophenform Andrew Marvells The Garden zitiert):

No weekends for the gods now. Wars
flicker, earth licks its open sores,
fresh breakage, fresh promotions, chance
assassinations, no advance.
Only man thinning out his kind
sounds through the Sabbath noon, the blind
swipe of the pruner and his knife
busy about the tree of life ...

Pity the planet, all joy gone
from this sweet volcanic cone;
peace to our children when they fall
in small war on the heels of small
war - until the end of time
to police the earth, a ghost
orbiting forever lost
in our monotonous sublime.

Sonntag, 11. September 2011

Joachim Maass


Für den begabtesten und erfreulichsten unter den jüngeren deutschen Romanciers halte ich den Hamburger Joachim Maass, schrieb Hermann Hesse in den dreißiger Jahren. Wer kennt heute noch Joachim Maass? Er ist wohl großenteils vergessen. Nicht ganz, sagte mir Herr ➱Eschenburg, als ich in seinem Antiquariat vorgestern eine Erstausgabe von Der Fall Gouffé (der größte Verkaufserfolg des Autors) kaufte. Alle Bände von Joachim Maass, die er letztens mal angekauft hätte, seien ratzfatz wieder weg gewesen. Nun, in diesem Antiquariat wundert mich das nicht so sehr, weil die Kunden hier zum größten Teil wirkliche Leser sind. Wer Bücher von Charlotte Roche kaufen will, geht wohl nicht in diesen Laden.

Die zählt ja neuerdings auch irgendwie zur deutschen Literatur, wie Helene Hegemann und Uwe Tellkamp. Um meine bêtes noires mal wieder zu nennen. Irgendwie wünschte ich mir, mehr Menschen würden Wilhelm Raabe und Theodor Fontane lesen. Oder solch zu Unrecht vergessenen Autoren wie ➱Albert Vigoleis Thelen, ➱Wolf von Niebelschütz und ➱Otto Flake. Und natürlich Joachim Maass. Der wurde heute vor 110 Jahren in Hamburg geboren, und ich nehme das mal eben zum Anlass, um ein paar Nettigkeiten über diesen Schriftsteller zu sagen.

Das erste Buch, das ich von ihm las, hieß Kleist: Die Fackel Preußens. Für mich war das Buch damals ein Leseerlebnis. Für die meisten deutschen Literaturkritiker auch. So schrieb Friedrich Sieburg in der Frankfurter Allgemeinen: Maass widerlegt, daß Thomas Mann keine Nachfolge haben könne. Ein vortreffliches Buch, ein Meisterwerk. Bisher gab es kein Buch, in dem Kleist so vollständig zum Vorschein gekommen wäre. Und Hermann Hesse sekundierte: Dieses Buch zählt zu den paar besten Funden, die ich in den letzten Monaten gelesen habe. Keiner sollte es sich entgehen lassen. Nur der Rezensent der Zeit war damals ein wenig nörgelig und stellte statt Die Fackel Preußens eher die Leistung von Helmut Sembdner mit seinem Sammelband Heinrich v. Kleists Lebensspuren. Dokumente und Berichte der Zeitgenossen heraus. Dagegen ist nichts zu sagen, Sembdners Band markiert sicher den Beginn der seriösen deutschen Kleistforschung, wenige Jahre später gab Sembdner bei Hanser ja Kleists Werke heraus.

Ich weiß nicht, wie die heutige Kleistforschung über das Buch von Joachim Maass denkt, aber es ist mir auch egal. Die scheinen sich nur dafür zu interessieren, ob Kleist schwul war. Es gibt da ja einige emphatische Briefe, aus denen man so etwas herauslesen kann. Nicht, dass diese Briefe Joachim Maass unbekannt gewesen wären, aber es entlockt ihm nur den Satz: Wenn man nicht wüßte, daß der Gegenspieler ein Mann war, ließe sich ganz gut denken, daß es sich um eine Frau gehandelt hätte, ein enttäuschtes Liebesverhältnis, so verwirrend intim klingt es. Ich lasse es auch mal, mich weiter über die deutsche Kleistforschung zu mokieren, das kann ich noch am 21. November tun. Obgleich ich zwei Ratschläge hätte: 1.) Lesen Sie niemals das total schwachsinnige Buch von Helga Gallas Das Textbegehren des 'Michael Kohlhaas': Die Sprache des Unbewussten und der Sinn der Literatur. 2) Wenn Sie etwas wirklich Originelles über Kleist lesen wollen, dann lesen Sie ➱László F. Földényi Heinrich von Kleist: Im Netz der Wörter. Und über den Rest reden wir am zweihundertsten Todestag des Dichters.

Das nächste Buch von Joachim Maass, das mir in die Hand fiel, hieß: Die Geheimwissenschaft der Literatur: Acht Vorlesungen zur Anregung einer Ästhetik des Dichterischen. Es waren Vorlesungen, die der nach Amerika emigrierte Schriftsteller am Mount Holyoke College gehalten hatte. An diesem exklusiven College war er durch die Vermittlung der Carl Schurz Gesellschaft Professor geworden. Zum Dank dafür hat er auch ein Buch über Carl Schurz geschrieben. Mit seinen Vorlesungen will der Verfasser, so damals die Münchner Neue Zeitung, Dämme setzen gegen die Verlotterung des künstlerischen Wertgefühls und der literarischen Kritik. Das ist natürlich ein hoffnungsloses Unterfangen. Die ganzen Fuzzis, die sich heute an den Universitäten mit Literaturtheorie beschäftigen, kämen natürlich nie auf die Idee, Joachim Maass zu lesen. Weil sie nur Foucault, Lacan, Derrida und so etwas lesen, alles, was poststrukturalisch, postmodern und postcolonial ist. Die queer studies nicht zu vergessen, die nachweisen, dass jeder Schriftsteller schwul oder lesbisch ist. Eine Generation vorher war für diese Sorte Kritiker alles, was in einem literarischen Text länger als breit war, ein Penissymbol.

In einer der letzten Sendungen der Münchener Lach- und Schießgesellschaft las Henning Venske eine Seite aus einem poststrukturalistischen Theoriewerk vor. Das Publikum krümmte sich vor Lachen. Und dann sagte Henning Venske mit gespielter Ernsthaftigkeit: Sie lachen ja nur, weil Sie es nicht verstehen. Von all dem haben die Vorlesungen von Joachim Maass nichts. Sie sind getragen von einer Liebe zur Literatur und von einer großen Kennerschaft. Wenn man sie liest, wird man nicht lachen, weil man den Sprecher nicht versteht. Das ist der Unterschied zwischen Joachim Maass und Helga Gallas.

Der erste Roman, den ich von Joachim Maass las, hieß Das magische Jahr. Aus mir unerklärlichen Gründen steht er seit Jahren auf meinem Nachttisch. Es ist der einzige Roman, der da steht. Sonst ist da nur noch ein literaturtheoretisches Werk, das so abschreckend langweilig ist, dass man nach einer Seite Lektüre einzuschlafen droht. Aus genau dem Grunde steht es da, moderne Literaturtheorie ist besser als jede Schlaftablette. Das magische Jahr, eine Erstausgabe von 1957, noch mit originalem Schutzumschlag, steht natürlich da, um gelesen zu werden. Das mit der Erstausgabe ist nicht so ganz richtig, weil dies die Ausgabe des Kurt Desch Verlages ist. Die wirkliche Erstausgabe war die des Fischer Verlags New York 1944, The Magic Year (in der Übersetzung von Erika Meyer, einer Kollegin von Maass am Holyoke College) und die von Berman-Fischer 1946 in Stockholm. Die Illustration für die Buchumschläge besorgte in beiden Fällen Brigitte Berman-Fischer. Der literarische Erfolg war leider ausgeblieben, worunter Joachim Maass bei diesem mit Herzblut geschriebenen Bekenntnisbuch sehr gelitten hat. Er ist dann später dem Verleger Kurt Desch (den Maass als eine Ausnahme unter der Verlegern bezeichnet hat) gelungen, dass Werk von Joachim Maass für seinen Verlag zu sichern und ab der Mitte der fünfziger Jahre neu herauszubringen.

Das magische Jahr beginnt mit drei kursiv gesetzten Einleitungskapiteln im Winter in Amerika, Im fremden Schnee heißt das erste dieser Kapitel. Auch wenn der Erzähler Jakob Andermann heißt, dürfen wir doch annehmen, dass er Joachim Maass selbst ist. Dies ist ein autobiographisches Buch über eine Kindheit in Hamburg. Und als Kindheitsbericht hat es etwas von Hermann Heimpels Die halbe Violine, das ja wenig später geschrieben wurde. Es ist auch ein ehrliches Buch, das nichts beschönigt, Jakob Andermann sagt gleich am Anfang, dass er nicht als politischer Flüchtling nach Amerika gekommen ist.

Ja, dessen will ich mich nicht rühmen, ich bin kein 'Opfer'; ich bin nur aus dem Kotregen der Zeit davongerannt, bis ich in diese Einsamkeit kam, die kalt und sauber ist. Mein Geruchssinn ist zu verwöhnt für Gestank, mein Instinkt zu empfindlich für Lüge und Verdrehung, meine Vorstellungskraft zu deutlich für Mord und Folter im Verborgenen. Und besser auf jeden Fall im Einsamen als unterm Pöbel, der sich im eigenen Drecke suhlt! Es ist auch ungefährlicher: bin ich nicht wohlgeschützt in diesem schnee-umflirrten Häuschen? Ein anderer Jonas im Walfischbauche?

Und da, in der amerikanischen Schneeeinsamkeit, schreibt er, während draussen der Krieg tobt, seine Geschichte auf. In einer Sprache, die viele Rezensenten an Thomas Mann erinnerte. Mich erinnerte manches an den Bremer Schriftsteller ➱Friedo Lampe und den Stil des Magischen Realismus der dreißiger Jahre. Womit ich wohl nicht so weit daneben liege, denn Maass und Lampe kannten sich gut. 1932 hatte Friedo Lampe in Hamburg seinen im Entstehen begriffenen Roman Am Rande der Nacht vorgelesen, eine hundeschöne Dichtung hatte Maass das genannt. Gleich nach dem Krieg, als Berman-Fischer Joachim Maass zum Herausgeber der Neuen Rundschau bestellt hatte, schrieb Joachim Maass in der Neuen Rundschau über seinen auf so tragische Weise ums Leben gekommenen Kollegen.

Jemand, der seine Heimat verloren hat und in der neuen Heimat nicht wirklich heimisch  geworden ist, schreibt seine Kindheit auf, alles Glücks und alles Leides Anbeginn! Er will das unverlierbare Leben wiederfinden, dieser Hamburger Kaufmannssohn, der von sich sagt: Als ein Geschichten-Erzähler bin ich auf die Welt gekommen; das Geschichten-Erzählen ist immer meine Lust, zuweilen meine Qual und oftmals meine Rettung gewesen, auch damals, als die "Neue Zeit" in meinem Lande überhand nahm - und warum nicht heute auch, da rings um mich der Schnee, der fremde, überhand zu nehmen drohte? Und so geht er zurück in der Zeit, wo kein Wogenschlag den Frieden der Wahrheit stört: in der Tiefsee der Zeit. Gehen wir als Leser doch mit ihm zurück, die Lektüre des Buches lohnt es allemal.

Samstag, 10. September 2011

Sir John Soane


All das, was man auf diesem Aquarell von Joseph Gandy sehen kann, hat John Soane gebaut. Er ist der wohl eigenwilligste englische Architekt des Regency und des beginnenden Victorian Age. Ich habe das Bild von Gandy hier an den Anfang getan, damit man sehen kann: John Soane hat mehr gebaut als die Bank von England. Obgleich er dafür natürlich berühmt ist. Er hat dem ganzen Komplex ja auch mehr als vierzig Jahre seines Lebens gewidmet. Hundert Jahre hat man seit 1732 an dieser Kathedrale des Geldes gebaut, von 1788 bis 1833 unter der Leitung von John Soane.

Es ist auch nicht nur ein Gebäude, es hat palastartige Ausmaße - und es wird immer umgebaut und erweitert. Auf diesem Bild von Gandy (dem wir eine Vielzahl von Bildern in allen Bauphasen verdanken) aus dem Jahre 1830, erscheint die Bank of England als eine Art Pompei. In Ruinen. Das Bild ist heute sicherlich aktuell, als ein Symbol für alle Währungskrisen. Joseph Gandy, der mit Soane zusammengearbeitet hatte, aber als Architekt erfolglos war, hatte es mit dem Visionären. Wie Richard Martin auf seinem Bild ➱Pandemonium (unbedingt anklicken!) oder Thomas Cole auf seinem Bild ➱Destruction (aus der Reihe The Course of Empire), Architektur und Untergang zu malen ist jetzt offensichtlich chic.

Es ist eine irgendwie exzentrische Architektur, die John Soane verfolgt. Mit dem kalten Rokoko-Klassizismus der Familie ➱Adam will er nichts zu tun haben, er mischt sich seinen Stil selbst zusammen. Aus Barock, Klassizismus und Romantik. Und in vielen wirkt er, weil er auf überflüssige Dekorationen von Mauerwerk verzichtet, heute noch modern. Geben Sie es zu, Sie hätten Schwierigkeiten das da oben architekturgeschichtlich einzuordnen. Man könnte hier einen Einfluss von Piranesi sehen, den kann Soane in Rom getroffen haben. Sein Werk hat Soane in Abbildungen aber auf jeden Fall gekannt. Ähnlich wie Piranesis ➱Carceri eine Architekturphantasie sind, und ähnlich wie Gandys Bild der Bank of England in Ruinen eine Architekturphantasie ist, könnte man auch Sir John Soanes Schöpfung als eine steingewordene Architekturphantasie sehen.

Es ist sein Werk, über das er Jahrzehnte herrscht, und wenn er heute in eine Mauer eingelassen, wie ein mittelalterlicher Herrscher wirkt, dann ist das sicher nur adäquat. Nicht alles von seinen Visionen ist verwirklicht worden, es existieren mehr als achthundert Architekturzeichnungen, wahrscheinlich gibt es kein Bauwerk auf der Welt, für das es mehr Zeichnungen gibt. Es ist aber auch gut, dass es diese Zeichnungen und die Bilder von Joseph Gandy gibt, denn in den zwanziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts hat man John Soanes Bauwerk abgerissen. Die Außenmauern hat man stehen lassen, ein gewisser
Sir Herbert Baker war der Architekt. Sir Nikolaus ➱Pevsner hat das als the greatest architectural crime, in the City of London, of the twentieth century bezeichnet.

Was man aber heute noch bewundern kann, ist das Haus, das sich Sir John Soane selbst gebaut hat. Und wenn Sie alles über die Bank of England von John Soane wissen wollen, kaufen Sie die Restexemplare von Eva Schuman-Bacias Buch Die Bank von England und ihr Architekt Joan Soane auf (beim ZVAB gibt es noch 20 Stück, bei Amazon noch drei). Was Besseres gibt es zu dem Thema nicht.

Freitag, 9. September 2011

Shangri-La


Die Engländer haben ja ein Händchen für sentimental-kitschige Romane. Ich meine jetzt nicht Frau Pilcher, sondern Autoren einer älteren Generation. Mit solch schönen Romanen wie The Prisoner of Zenda, Under Two Flags, The Four Feathers, Lost Horizon oder Goodbye, Mr Chips. Die würden bei mir ganz oben auf der Liste stehen. Ich bekenne mich auch zu dieser Lektüre, ich liebe so ein Zeuch: All normal people need both classics and trash, hat G.B. Shaw gesagt. Von den fünf genannten Romanen sind zwei von dem selben Autor, von James Hilton. Der wurde heute vor 111 Jahren geboren. Er war Engländer, hat aber einen großen Teil seines Lebens in Hollywood verbracht, weil sich alles, was er schrieb, hervorragend für den Film eignete.

Und das waren nicht nur Romane wie Lost Horizon, Goodbye, Mr Chips oder Random Harvest. Das waren auch Drehbücher wie das zu ➱Mrs Miniver (1942). In Halliwell's Film Guide finden sich die Sätze: This is the rose-strewn English village, Hollywood variety, but when released it proved a beacon of morale despite its false sentiment, absurd rural types and melodramatic situations. It is therefore beyond criticism... Ein Propagandafilm gewiss, aber auch ein hervorragender Film. Weil da diese ganze sentimentale Englishness drin ist, die auch Goodbye, Mr Chips ausmacht, die noch aus den bürgerlichen upper middle class Idealen des viktorianischen Zeitalters zu kommen scheint.

Der Roman Lost Horizon, wie Goodbye, Mr Chips noch in England geschrieben, hat ganz konventionell eine Rahmenhandlung, in der drei Engländer (natürlich alle Oxford Absolventen) zusammensitzen. Es beginnt aber nicht irgendwo in dem synthetischen England, in dem Mrs Miniver wohnt, sondern auf dem Flughafen Berlin-Tempelhof, damals offenbar der Höhepunkt der Modernität: The evening, however, was far from dull. We had a good view of the big Lufthansa machines as they arrived at the aerodrome from all parts of Central Europe, and towards dusk, when arc flares were lighted, the scene took on a rich, theatrical brilliance. One of the planes was English, and its pilot, in full flying kit, strolled past our table and saluted Wyland, who did not at first recognize him. When he did so there were introductions all around, and the stranger was invited to join us. He was a pleasant, jolly youth named Sanders. Wyland made some apologetic remark about the difficulty of identifying people when they were all dressed up in Sibleys and flying helmets; at which Sanders laughed and answered: "Oh, rather, I know that well enough. Don't forget I was at Baskul." Wyland laughed also, but less spontaneously, and the conversation then took other directions.

Als in allen Trivialitäten geschulte Romanleser merken wir natürlich an dem less spontaneously des Botschaftssekretärs Wyland Tertius, dass mit dem Wort Baskul etwas Geheimnisvolles verbunden sein muss. Wir werden peu à peu mehr erfahren: ein verschwundenes Flugzeug irgendwo zwischen China und Tibet, ein verschwundener englischer Diplomat namens Conway, ein dunkles Geheimnis. Dieser Conway ist das, was die Engländer einen Renaissance man nennen, überlebensgroß - und doch bleibt er als Romanfigur erstaunlich farblos (wie übrigens alle Romanfiguren in diesem Roman).

Am Ende der Rahmenerzählung übergibt der Schriftsteller Rutherford unserem Ich-Erzähler ein Manuskript: He [Conway] told me something about it, and it would be absurd for me, after letting you know so much, to be secretive about the rest. Only, to begin with, it's a longish sort of tale, and there wouldn't be time even to outline it before you'd have to be off for your train. And besides, as it happens, there's a more convenient way. I'm a little diffident about revealing the tricks of my dishonorable calling, but the truth is, Conway's story, as I pondered over it afterwards, appealed to me enormously. I had begun by making simple notes after our various conversations on the ship, so that I shouldn't forget details; later, as certain aspects of the thing began to grip me, I had the urge to do more, to fashion the written and recollected fragments into a single narrative. By that I don't mean that I invented or altered anything. There was quite enough material in what he told me: he was a fluent talker and had a natural gift for communicating an atmosphere. Also, I suppose, I felt I was beginning to understand the man himself." He went to an attaché case, and took out a bundle of typed manuscript. "Well, here it is, anyhow, and you can make what you like of it. Und so fängt dann die Geschichte von Shangri-La an.

Ich weiß nicht, wie viele Hotels es heute auf der Welt gibt, die Shangri-La heißen. Aber vor dem Jahre 1933 gab es bestimmt noch keins, weil James Hilton Shangri-La erfunden hat. In beinahe allen literarischen Utopien kommt ein Schiff vom Kurs ab, und man entdeckt eine neue Welt. In diesem Roman, der auf dem Flughafen Tempelhof anfängt, ist es ein Flugzeug, das vom Kurs abkommt. Aber warum soll ich mehr von der Handlung verraten? Frank Capra hat den Roman mit erheblichen Änderungen drei Jahre später verfilmt. Es gibt zweifellos bessere Filme von Capra, aber wenn man Fantasy Filme mag, muss man ihn natürlich gesehen haben. Ronald Coleman spielt hier den typischen Engländer, das macht er ja immer perfekt. Er spielt übrigens in drei der fünf Romanverfilmungen der in den ersten Zeilen genannten Titel den perfekten Engländer.

Man kann den Roman, der wohl das erste Taschenbuch der englischen Verlagsgeschichte war, heute noch kaufen. Man kann ihn auch beim ➱Project Gutenberg Australia lesen, die ein Dutzend Titel im Angebot haben. Durch eine seltsame Fügung des Zufalls kommt James Hilton in der Autorenliste von Project Gutenberg Australia vor einem Autor namens Adolf Hitler. Der wird in Lost Horizon nicht erwähnt (in Goodbye, Mr Chips schon), hier gibt es nur Positives über die Deutschen: die big Lufthansa machines, ein deutscher Entdecker im 19. Jahrhundert mit dem sprechenden Namen Meister und ein weltberühmter Pianist namens Sieveking (hinter dem wir wohl Walter Gieseking vermuten dürfen). Dem spielt Conway während einer Schiffsreise ein unbekanntes Stück von Chopin vor, das er in Shangri-La gehört hat.

Wenn ein Roman, der dem Leser eine Weltflucht zu einem geheimnisvollen Ort namens Shangri-La anbietet, im Jahre 1933 erscheint, sind Erfolg und Bestsellerstatus des Romans leicht vorhersagbar. Das gilt für die Verfilmung von 1937 von Frank Capra erst recht:  It is no accident that Frank Capra, supreme interpreter of the populist mood of the thirties, should have filmed 'Lost Horizon' nor that Hilton himself should have contributed to the screenplay of 'Mrs Miniver'. For they are part of the same trend. During the thirties, they are Hollywood's key to open a door through which an anxious audience may escape into a reassuringly idealized dream world, sagt Jeffrey Richards in Visions of Yesterday.

Der Roman hat ein wenig von Conan Doyles The Lost World und einem Manifest des allgemeinen Pazifismus und des guten Willens an sich. Aber irgendwann ist auch das verworrene Gutmenschentum und das beinahe ewige Leben für einen überlebensgroß gezeichneten Abenteurer wie Conway zu viel:  And he knew, too, that his mind dwelt in a world of its own, Shangri-La in microcosm, and that this world also was in peril. For even as he nerved himself, he saw the corridors of his imagination twist and strain under impact; the pavilions were toppling; all was about to be in ruins. He was only partly unhappy, but he was infinitely and rather sadly perplexed. He did not know whether he had been mad and was now sane, or had been sane for a time and was now mad again.

Er verlässt Shangri-La, weil er sich da irgendwie so fühlt wie in einem RTL Dschungelcamp. Man kann das Gute auf Dauer nicht ertragen, oder die Leute, mit denen man zusammen sein muss. Vielleicht kann er auch die modernistische Architektur nicht ertragen. Das hier ist nicht aus dem Film Lost Horizon, das ist das Harry Huffman Mansion, 1938 von Raymond Harry Ervin in Denver gebaut. Eine Mischung aus Art Deco und Depression Modern (wie Martin Greif diesen Stil genannt hat), eine elegante ➱Kopie des Hauses aus dem Film. Das ist natürlich auch eine Möglichkeit, mitten in der Great Depression sein Shangri-La zu finden: man baut sich einfach die Filmkulisse nach.

Wenn Conway den Fesseln von Shangri-La (so der deutsche Verleihtitel des Films) entkommen ist, erzählt er dem Schriftsteller Rutherford während der Schiffsreise die Geschichte von Shangri-La. Das ist die Reise, auf der er Sieveking das unbekannte Chopin-Stück vorspielt. Das er in der Mitte des Himalayas von der schönen Lo-Tsen gespielt hörte (Conway kann sich nicht nur mit Sieveking auf Deutsch unterhalten und ein halbes Dutzend anderer Sprachen sprechen, der hat auch das absolute Gehör). Die schöne Prinzessin Lo-Tsen ist nur dafür da, um schön zu sein und Klavier zu spielen. Sie sagt im Roman kein einziges Wort. Conway nodded, and thought a little tenderly of Lo-Tsen. He pictured her as she might have been half a century before, statuesque in her decorated chair as the carriers toiled over the plateau, her eyes searching the windswept horizons that must have seemed so harsh after the gardens and lotus pools of the East. "Poor child!" he said, thinking of such elegance held captive over the years. Knowledge of her past increased rather than lessened his content with her stillness and silence; she was like a lovely cold vase, unadorned save by an escaping ray. Warum fällt mir da nur der Satz no sex, please. we're British ein?

Die junge Frau, die im Roman kein einziges Wort sagen darf, ist - wie Conway irgendwann klar wird - nicht mehr jung, sie ist schon seit einem halben Jahrhundert in Shangri-La. Das sind so Konstellationen, an denen Edgar Allan Poe seine Freude gehabt hätte. Erinnern Sie sich noch an die Szene in The Fall of the House of Usher:

   Have I not heard her footsteps on the stair? Do I not distinguish that heavy and horrible beating of her heart? Madman!" — here he sprung violently to his feet, and shrieked out his syllables, as if in the effort he were giving up his soul — "Madman! I tell you that she now stands without the door!" 
   As if in the superhuman energy of his utterance there had been found the potency of a spell — the huge antique panels to which the speaker pointed, threw slowly back, upon the instant, their ponderous and ebony jaws. It was the work of the rushing gust — but then without those doors there did stand the lofty and enshrouded figure of the lady Madeline of Usher. There was blood upon her white robes, and the evidence of some bitter struggle upon every portion of her emaciated frame. For a moment she remained trembling and reeling to and fro upon the threshold — then, with a low moaning cry, fell heavily inward upon the person of her brother, and in her horrible and now final death-agonies, bore him to the floor a corpse, and a victim to the terrors he had dreaded.
   From that chamber, and from that mansion, I fled aghast.

Also, ganz so ist das in Lost Horizon doch nicht, obgleich der Film da so etwas Ähnliches konstruiert. Und irgendwann will unser Übermensch Conway doch wieder zurück nach Shangri-La. Cherchez la femme oder Zivilisationsmüdigkeit, ich weiß es nicht. Falls Sie jetzt nach Shangri-La wollen, nehmen Sie das Hotel in Paris. Und fragen Sie nicht nach einer schönen Mandschu-Prinzessin namens Lo-Tsen. Das würde nur Dominique Strauss-Kahn tun.

Donnerstag, 8. September 2011

Hecken


Die vier Bänke auf den vier Ecken der roten Schanze hatten alle ein schattig Gebüsch hinter sich, und man konnte sich wohl auf ihnen in die Lust der Jugend: unter der Hecke zu liegen zurückträumen...
Wie du gleichfalls bemerkst, Eduard, bin ich auch hier immer unter der Hecke geblieben....Für dich armen, zerzausten Spatz ließ mich die Weltentwicklung unter der Hecke in der Sonne liegen und auf der Studentenbude im Schatten und Tabaksgewölk.  (Stopfkuchen)

Es war eigentlich gar kein einzelner Baum, sondern ein Bündel dick- und hochstämmigen Gebüsches, das der liebe Gott aus einem halben Dutzend Kernen zu unserem Vergnügen auf einer Bodenerhöhung an der Hecke zu außergewöhnlicher Höhe und Pracht hatte aufschießen und sich ineinander weitästig verwirren lassen. In weit entlegene, uns ganz und gar vorgeschichtliche Zeit war das Aufsprießen gefallen, aber der Gipfel der Verwirrung nur allein für uns, wie wir glaubten, in die unserige, und das war das Schöne. Die Vorsehung hatte es auch in diesem Falle gewußt, was alles in dem Keime lag, den sie hier in seiner Hülse auf den Boden fallen ließ, den sie erst mit gelben Blättern, dann mit trefflicher Gartenerde bedeckte und ungestört Wurzeln nach unten in die Dunkelheit und zwei zarte grüne Blättchen nach oben in das Licht, in die Sonne treiben ließ! Der Mensch denkt nie daran, wenn er im großen Walde geht, was alles in zwei solchen grünen Keimblättchen zu seinen Füßen für ihn und seine Art auseinanderklappt. Wo bliebe aber auch das Spazierengehen, wenn dem so wäre? Es würden manche dafür danken, und unter diesen ich zuerst. Zu Hause, innerhalb seiner vier Wände, unter alledem, was man sich selber allgemach zusammengetragen hat, würde es bei weitem behaglicher sein als draußen im Freien.

Es war natürlich Ewald Sixtus gewesen, der zuerst herausgefunden hatte, wozu dieses Baumgebüsch gut sei. Er hatte die Leiterstufen gezimmert, die an dem knorrigen Hauptstamm in die Höhe führten bis zu der ersten Gabelung, von wo dann Irenes Ruhe, Evas Höhe, Friedrichs Lust und Ewalds Heim mit mehr oder weniger Beschwerlichkeit und Gefahr des Hals-, Arm- und Beinbrechens zu erreichen waren. Die »Ruhe« und das »Heim« hingen selbstverständlich im schwanksten und luftigsten Gezweig; Evas Höhe saß ebenso selbstverständlich am tiefsten und sichersten, und ich – ich wäre mit und zu meiner Lust am liebsten unten am Baum auf festem Erdhoden geblieben; aber hinauf mußte ich wie die anderen, und wenn ich einmal oben saß, so gab es freilich auch für mich keinen besseren Platz im Himmel und auf Erden als diesen zwischen Himmel und Erde. (Alte Nester)


Von diesem Felsen herab stürzte sich früher der lustige Bach auf das Rad, aber, wie gesagt, die großen neuen Fabriken droben im Lande hatten längst den Hauptfluß des Wassers für sich in Anspruch genommen und dem demütigen Schwesterchen in der Tiefe nur grade soviel davon gelassen, als nötig war, um rund um das alte Gemäuer, Gestein und Gebälk und das zerbrochene Radwerk eine Vegetation hervorzubringen und zu erhalten, wie kein Maler sie sich anmutiger, üppiger, frischer und grauer vorstellen konnte, Ein wildes Gärtchen zog sich vor dem Hause her, und es war kaum zu erkennen, wo die lebendige Hecke in das Gebüsch des Waldes überging. Wilde und edle Rosen hatten sich ineinander verflochten, Zaunwinden und Jelängerjelieber ebenso unzertrennlich ineinander verschlungen. Über das Dach der Mühle hatte sich der Efeu in einer Weise gelegt, daß eine wahre Merkwürdigkeit daraus geworden war. Wie es um den Speichen und Schaufeln des alten schwarzen Rades blühte und grünte, läßt sich kaum beschreiben. Es war ein Wunder, daß die Fenster des Hauses nicht aus Bonbontafeln bestanden, und kein Wunder war's, wenn Leonhard Hagebucher vor Überraschung stehenblieb und rief: »Das ist die Katzenmühle?! O was ist aus der geworden? Der Anblick würde einem in den Hundstagen unterm Äquator Kühlung geben, o das ist schön!«

Er sah Nikola von Einstein in der Fensterbrüstung sitzen, wie sie mit den Blüten und grünen Zweigen, welche in das Fenster lugten, spielte; er sah sie auf dem weißen Pferde gleich einer Jägerin aus »Tristan und Isolde«, wie sie über die Hecke winkte, ehe sie im Walde verschwand. Auch ihre Stimme und ihr Lachen erfüllten die Nacht und sein Herz; – sein Weg führte ihn sanft ansteigend aus der Tiefe in die Höhe, und nun stand er, immer noch zwischen den Ährenfeldern, neben einem alten, morschen, sehr überflüssigen Wegweiser und blickte zurück und rief, was er schon einmal am Zaun des Bumsdorfer Gutsgartens ausgesprochen hatte: »Bei Gott, es ist doch schön im Vaterlande.

Er meint, unsere gesellschaftlichen Verpflichtungen würden sich leicht um ein bedeutendes verringern lassen: man habe gewiß das Seinige getan, um andern das Dasein angenehm zu machen, und man könne nunmehr mit gutem Gewissen eine Rosenhecke, aber immer eine Hecke, um sein eigenes Behagen ziehen. Einverstanden! Er mag das alles so einrichten, wenn es wirklich seine Absicht ist; ich verlange weiter nichts, als so oft wie möglich eine Tasse Tee mit Dir, Emma, hinter jener Hecke trinken zu dürfen, und verpflichte mich jedenfalls, der Welt kein außergewöhnliches Ärgernis zu geben

Aber es war auch nicht ganz meine Schuld, Fräulein Nikola! Erinnern Sie sich noch jener Mondscheinnacht an der Hecke von Ihres Oheims Garten? Sie guckten über die Hecke und riefen mich an in meiner Verwirrung; was kann ich für den Zauber, der in jener Nacht war? (Abu Telfan)


Drei Romane von Wilhelm Raabe und nichts wie Hecken. Man könnte die Beispiele beliebig verlängern. Wilhelm Raabe wurde heute vor 180 Jahren geboren, er ist in diesem Blog ja schon mehrfach vorgekommen. Ich mag ihn, auch wenn ich große Teile seines Werkes erst vor wenigen Jahren richtig gelesen habe. Aber auch wenn ich schon manches über ihn gesagt habe, ein solches Jubiläum kann ich nicht auslassen. Was also über ihn schreiben?

Ich konnte nicht im Regal nach Sekundärliteratur gucken, denn ich habe keine Bücher über Wilhelm Raabe. Über alle möglichen deutschen Autoren habe ich massenhaft Sekundärliteratur, nur nicht zu Raabe. Das ist sicher eine bewusste Entscheidung eines Lesers, der spät zu Raabe gekommen ist: ich misstraue dem Geschwätz der Germanisten immer mehr. Ich wollte natürlich etwas Originelles schreiben, das will ich jeden Tag. Manchmal gelingt es mir ja auch. Und da fielen mir die Hecken ein. Als ich im letzten Jahr Die Akten des Vogelsangs las, war mir aufgefallen, wie häufig Gebüsch und Hecke darin vorkommen (eigentlich war mir das schon bei der Lektüre von Alte Nester aufgefallen). Im ersten Kapitel allein einunddreißig Mal eine Hecke. Die vielen Hecken in Stopfkuchen, von denen da oben drei erwähnt sind, will ich jetzt lieber gar nicht zählen. Und so habe ich mir mal eben bei Zeno ein par Hecken zusammengesucht. Das ist ja jetzt eine tolle Sache, früher brauchte man dafür wochenlange Lektüre und einen großen Zettelkasten. Wenn man das Verfahren geschickt verwendet - und dies ist ein kostenfreier Hinweis für die Guttenbergs dieser Welt - kann man damit große Belesenheit vortäuschen.

Häufig ist ein Loch in der Hecke, wie zum Beispiel in Pfisters Mühle: Wir verließen den Mühlgarten nunmehr durch ein mir seit meinen frühesten Lebensjahren wohlbekanntes Loch in der Hecke und wanderten am Uferröhricht über feuchtes Wiesen- und holperichtes Ackerland den Fluß aufwärts. Oder in den Roman Im alten Eisen: ... er hat Herr Uhusen geheißen und hat in einem gradeso kleinen Hause und Garten nebenan gewohnt, und es ist nur die grüne Hecke zwischen ihnen gewesen.«»O ja! voll Käfer, goldene, grüne, rote und bunte, und bunte Schmetterlinge –« »Und mit einem Loch in ihr, wo man hat durchkriechen können, wenn man nicht herüberspringen wollte, wie der Mama bester Freund, des Großpapas besten Freunds sein Junge – so einer wie ich, wenn ich es mir fest vornehme und nicht lüge und nicht – stehle und nicht bettle und – mich – nicht – fürchte...

Oder, um noch ein Beispiel zu geben, in Alte Nester: Warten Sie, ich kenne zehn Schritte weiter abwärts ein Loch in der Hecke – komm, Lina. Das schöne Haupt der Sprecherin tauchte unter, zwei Sprünge brachten den Afrikaner zu dem besagten Loch; es rauschte im Gebüsch, ein schlaftrunkenes Vogelpärchen flatterte, aus dem schönsten Traum der Sommernacht geweckt, auf; mit dem Schwesterchen wand sich Fräulein Nikola von Einstein durch das Gezweig. Die Raabeschen Romanfiguren, diese seltsamen aus der Bahn geworfenen Charaktere die hinter der Hecke liegen gelassen worden sind, kennen ihre Hecken genau. Und sie erinnern sich gerne an die guten Stunden unter den Hecken. Sie können weit weg in der Welt gewesen sein, am Mondgebirge in Afrika oder in Berlin, sie finden immer wieder nach Hause. Und finden immer wieder die Hecke und das Loch darin. Oder sie finden irgendwo in der Welt einen Platz, um sich in die Lust der Jugend: unter der Hecke zu liegen zurückträumen. In die Welt der grünen Hecken seiner Kinderheimat.

Überall, in so vielen Romanen, ist dieses Sehnen nach der letzten grünen Hecke unserer Jugendzeit. Aber die Hecken (und die Erinnerung an die Jugend) sind bedroht, das weiß Wilhelm Raabe. Immer wieder dringt die so genannte Zivilisation in die Natur ein, ob in Pfisters Mühle oder in Die Akten des VogelsangsAuch Gärten, die aneinandergrenzten und ihre Obstbaumzweige einander zureichten und ihre Zwetschen, Kirschen, Pflaumen, Äpfel und Birnen über lebendige Hecken weg nachbarschaftlich austeilten, gab es da noch zu unserer Zeit, als die Stadt noch nicht das »erste Hunderttausend« überschritten hatte und wir, Helene Trotzendorff, Velten Andres und Karl Krumhardt, Nachbarkinder im Vogelsang unter dem Osterberge waren. Bauschutt, Fabrikaschenwege, Kanalisationsarbeiten und dergleichen gab es auch noch nicht zu unserer Zeit in der Vorstadt, genannt »Zum Vogelsang«. Die Vögel hatten dort wirklich noch nicht ihr Recht verloren, der Erde Loblied zu singen; sie brauchten noch nicht ihre Baupläne dem Stadtbauamt zur Begutachtung vorzulegen. Wir hatten von ihren Nestern unsere Hecken, Büsche und Bäume voll und unsere Freude dran. 

Ein Mensch, den seine Zeitgenossen unter der Hecke liegenlassen, der sucht sich eben einsam sein eigenes Vergnügen und läßt den andern das ihrige, sagt Heinrich Schaumann im Stopfkuchen. Wahrscheinlich redet Wilhelm Raabe hier über sich selbst.

Die Bilder im Text sind von Wilhelm Busch, Thomas Herbst, Wilhelm Busch, einer unbekannten Malerin aus dem Blog selfconscious.wordpress.com und Edgar Degas.