Donnerstag, 23. Mai 2013

Bremer Klausel


Der hier konnte gehen, weil er eine Ausstiegsklausel in seinem Vertrag hatte. Mit seinem Ausstieg begann Werders Abstieg. Aber diese Klausel ist nicht mit dem Begriff Bremer Klausel gemeint. Sondern etwas viel Ernsthafteres als ein dahin torkelnder Fußballverein: nämlich das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland, das am 23. Mai 1949 um 24 Uhr in Kraft trat. Auf jeden Fall in ➱Trizonesien.

Art 141: Artikel 7 Abs. 3 Satz 1 findet keine Anwendung in einem Lande, in dem am 1. Januar 1949 eine andere landesrechtliche Regelung bestand, heißt es im Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland. Der Artikel 7 Absatz 3 lautet: Der Religionsunterricht ist in den öffentlichen Schulen mit Ausnahme der bekenntnisfreien Schulen ordentliches Lehrfach. Unbeschadet des staatlichen Aufsichtsrechtes wird der Religionsunterricht in Übereinstimmung mit den Grundsätzen der Religionsgemeinschaften erteilt. Kein Lehrer darf gegen seinen Willen verpflichtet werden, Religionsunterricht zu erteilen. Sie werden sich jetzt fragen, wozu man den Artikel 141 überhaupt brauchte. Die Antwort ist einfach: für die Hansestadt Bremen. Es ist die sogenannte Bremer Klausel

Es gibt noch eine andere Bedeutung des Begriffes Bremer Klausel, die hat aber nichts mit der Religion zu tun. Die bedeutet nur, dass Bremer Kaufleute in der Vergangenheit Verträge nicht schriftlich festhielten, sondern mit einem Handschlag besiegelten. Von solch schlichter Ehrlichkeit träumt man ja heute. Heute braucht man für jeden Vertrag Juristen, und auch der Artikel 141 des GG hat schon viele Juristen beschäftigt. Wenn Sie den Wikipedia Artikel Bremer Klausel lesen, können Sie einen Eindruck von der Materie bekommen. Da gibt es einen möglichen Widerspruch zu den schulrechtlichen Bestimmungen des Art. 21 des Reichskonkordats bis zu der Frage der Reichweite der Bremer Klausel.


Unter den 47 Lehrkräften (42 evangelisch, 5 katholisch) meiner Schule gab es nur einen Religionslehrer. Also musste der Pastor mit ran, der bekam einen Lehrauftrag (da war es nur praktisch, dass die Schule gleich neben der Kirche lag). Der Religionslehrer war pädagogisch die größte Flasche der Schule. Er ist später Professor an der neugeschaffenen Universität Bremen geworden. Bekam (ohne dass er promoviert oder habilitiert war) den Titel eines Professors. Genauer: Professor für Religionswissenschaft mit dem Schwerpunkt Didaktik des Religionsunterrichts (bzw. Biblische Geschichte), Theorie und Praxis des Unterrichts und Pädagogische Anthropologie. Für das, was er dem Namen nach vertrat, gab es wohl keinen Ungeeigneteren. Ich verkneife mir das jetzt mal, dazu noch irgendetwas zu sagen. Das mit den 47 Lehrern weiß ich so genau, weil ich einmal antiquarisch mehrere Bände des Philologen-Jahrbuchs (auch Kunzes Kalender genannt) gekauft habe. Wunderbar für Klatsch und Tratsch, jeder Lehrer ist drin, mit allen Daten (heute gibt es das aus Datenschutz Gründen nicht mehr in dieser Form). Natürlich auch dem Glaubensbekenntnis. Wenn ich meinem alten Klassenlehrer eine Geburtstagskarte schreiben will, weiß ich, wo ich nachzugucken habe.

Mein Klassenlehrer wird in diesem Jahr 87, ist aber noch gut drauf. Auf den Photos vom letzten Klassentreffen sieht er noch richtig jugendlich aus. Zu Weihnachten haben wir eine Stunde lang telephoniert. Er hat sich in diesem Monat mit einer anderen Klasse zur Vierzigjahrfeier des Abiturs  getroffen. Der Jürgen, dem er privat Mathematik Nachhilfe gegeben hat, wollte auch kommen. Der Jürgen hat einen vollen Terminkalender, weil er Spitzenkandidat seiner Partei ist. Früher sei er ein ganz braver Schüler gewesen, hat der Gustav gesagt. Gustav und ich wir duzen uns jetzt, dafür sind wir alt genug. Ich habe ihn auch schon einmal im Blog erwähnt, als ich über meinen Klassenkameraden ➱Wuddel schrieb (das hat er natürlich gelesen). Ob er sich mit dem Jürgen auch duzt, das weiß ich nicht. Der Gustav sieht immer noch das Gute in allen Menschen.

Andere Lehrer haben vom Jürgen aber eine ganz andere Meinung. Angeblich soll er schon mit vierzehn ein Revoluzzer gewesen sein und sich an den Hermann Rademann rangeschmissen haben, der in Bremen die Revolution machte. Ich habe den schon einmal im Blog erwähnt. Wenn Sie wissen wollen, wie das in den sechziger Jahren mit der Revolution in Bremen war, lesen Sie doch einmal den langen Post, der ➱Heinrich Hannover heißt. Mit Hermann Rademann war ich in der Evangelischen Jugend. Also bevor er Revolutionär wurde und sich dann den Kopp wegkokste. Der Jürgen bezeichnet sich heute als gottlos. Hat unser liberaler Religionsunterricht, der in der Oberstufe eher einem Philosophie Proseminar glich, das bewirkt? Immerhin hat der Jürgen bei der Beerdigung seines Vaters in der Kirche die Trauerrede gehalten. Wollte das der Pastor nicht, weil der Vater vom Jürgen in der NSDAP und der Waffen SS gewesen war? Das waren doch so viele in dem Kaff. Unsere Schulzeitung mit dem Namen Echo hat mal einen Artikel aus dem Neuen Deutschland abgedruckt. Darin stand sorgfältig aufgelistet, wer von den Vegesacker Geschäftsleuten in der NSDAP und in der SS gewesen war. Es war der Schulleitung sehr unangenehm, aber sie hat den Abdruck nicht verhindert. Die Pressefreiheit der neuen deutschen Demokratie war für den Direktor ein höheres Gut als die Vermeidung eines Skandals in einem Bremer Vorort.

Die Bremer Klausel im Grundgesetz sichert eine Klausel der Bremer Landesverfassung ab, wonach in Bremen kein religionsgebundener Unterricht erteilt werden darf. Womit man ursprünglich einmal die zwei wichtigsten Bremer Religionen versöhnen wollte. Nein, nicht Kaffee- und Rotweinimport, sondern - lachen Sie jetzt bitte nicht - reformierte und lutherische Gläubige. Ich weiß nicht, ob es wirklich noch eine dritte Gruppe gab, es gab ja Leute, die lutherisch als luthérisch aussprachen. Aber ich glaube, das waren nur Lutheraner (oder Luthéraner?), die sich einbildeten, was Besseres zu sein. Hinter diesem latenten protestantischen Glaubenskampf im 19. Jahrhundert steht ein Bremer Hassprediger namens Johann Smidt. Der Theologe, Pfarrer und Politiker ist natürlich reformiert. Weil man in Bremen eben, auf jeden Fall nach Johann Smidt, reformiert ist. Weil die ganzen religiösen Spinner, die die Holländer in der Reformationszeit nicht mehr haben wollten, nach Bremen gegangen sind. Wenn sie nicht nach Münster gingen wie Bernhard Knipperdollinck. Und in einem eisernen Käfig am Turm von St. Lamberti aufgehängt wurden. Ich vereinfache das jetzt etwas, aber seit Heinrich von Zütphen (Bild oben) in Bremen gepredigt hat - und seit Daniel von Büren (der bei Luther und Melanchthon studierte) Bürgermeister wurde - ist Bremen reformiert.

Das mit den theologischen Spinnern in Bremen hat übrigens mit der Reformation nicht aufgehört. Der Bischoff von Hitlers Gnaden  ➱Heinz Weidemann, der damals den Dom so hübsch dekorieren ließ und eine Bremer Kirche in Horst Wessel Kirche umtaufen wollte, war zweifellos ein Fall für die Psychiatrie. Und auch der Pastor ➱Georg Huntemann, der sich nach dem Gottesdienst an der Kirchentür den Ring an der Hand küssen ließ, war nicht so ganz schussecht. Selbst die Vegesacker Kirche wird eines Tages einen Pastor haben, der - sagen wir es zurückhaltend - sehr exzentrisch ist. Ein Gottesdienst für Hunde im Stadtgarten gehört da noch zu den kleinsten Exzentrizitäten. Ich möchte jetzt nicht den Eindruck erwecken, dass die Hirten der Bremer Kirchengemeinden nur aus Spinnern bestanden. Wir hatten in Bremen auch einmal einen Emil Felden oder einen Domprediger wie Günter Abramzik.

Johann Smidt, der aus mir nicht bekannten Gründen für Bremens größten Politiker gehalten wird, kann die Lutheraner überhaupt nicht ausstehen, die kommen für ihn gleich nach den Juden. Und obgleich eine Vielzahl der Bundesstaaten des 1815 errichteten Deutschen Bundes die reformierten Kirchen mit den lutherischen vereinen, bleibt Bremen unter calvinistischem Einfluss. Erst mit der Einführung eines gemeinsamen Gesangbuchs im Jahre 1873 gab es eine (Verwaltungs-) Union zwischen lutherischen und reformierten Gemeinden. Das betraf meinen Heimatort Vegesack nicht, zum dreihundertsten Jahrestag der Reformation am 31. Oktober 1817 schlossen sich da Reformierte und Lutheraner (nach preußischem Vorbild) zu einer Gemeinde zusammen: ein Gott, ein Christus, eine Gemeinde steht über der Tür der neuen klassizistischen Kirche. Ach, was wäre die Welt schön, wenn das alle glauben würden. Aber das, was Freud in Das Unbehagen in der Kultur so schön den Narzissmus der kleinen Differenzen genannt hat, ist offensichtlich stärker als jeder Einigungsgedanke.

Wenn der Hass von Johann Smidt auf die Lutheraner vielleicht nur lächerlich ist, sein Hass auf die Juden ist es nicht. Er betreibt auf dem Wiener Kongress die juristischen Grundlagen für die Fremdkörper in einem christlichen Staatswesen. Fälscht eigenmächtig die letzte Fassung der Beschlüsse, was für die Bremer Juden bedeutet, dass sie ihre Emanzipation, die Napoleon ihnen eingeräumt hatte, wieder verlieren. Und versichert dann den österreichischen Delegierten: Wir möchten gerne mit der ganzen Welt in Frieden leben, die Juden sind aber ein beständiges Ferment um Unfrieden mit anderen Staaten zu veranlassen, deshalb zeuge es von unserer guten und friedlichen Gesinnung, wenn wir sie los zu werden suchten. Es wird ihm in den 1820er Jahren gelingen. Er wird es auch noch schaffen, bis zum Jahre 1830 der lutherischen Domgemeinde den Status einer Gemeinde (inklusive ihres Vermögens und Grundbesitzes) vorzuenthalten.

1798 erscheint in Bremen die revolutionäre Schrift Vorstellung an Bremens patriotische und edelgesinnte Bürger die Errichtung einer Bürgerschule betreffend der Pastoren Johann Ludwig Ewald und Johann Caspar Häfeli. Die beiden ➱Herren sind zwar auch calvinistische Theologen, aber sie sind stark von Pestalozzi beeinflusst und erfinden ein Reformmodell, in dem reformierte und lutherische Schüler gemeinsam unterrichtet werden. Nicht mehr in Religion, sondern in ➱Biblischer Geschichte. Und dieses Fach wird man in Bremen 1947 in die neue Landesverfassung hineinschreiben. Und da man den konfessionsunabhängigen Unterricht in Bremen nicht aufgeben möchte, muss die neue Republik 1949 in das Grundgesetz die Bremer Klausel, den Artikel 141, einfügen. Bremen ist nicht das einzige Bundesland, das einen konfessionsübergreifenden Religionsunterricht anbietet, in Berlin gibt es so etwas auch. Und in Schleswig-Holstein will die neue Regierung, horribile dictu, das auch einführen. Schon titelten die Kieler Nachrichten Online vor einem Jahr: Der Glaubenskampf um den Religionsunterricht geht in eine neue Runde. Laut Koalitionsvertrag soll das Schulfach Religion vom Bekenntnis gelöst und konfessionsübergreifend gestaltet werden. Für die christlichen Kirchen ein Schock. Glaubenskampf, Schock, man fasst es nicht. War die Aufklärung des 18. Jahrhunderts ganz umsonst?

Hat unser Jürgen vom konfessionsunabhängigen Bremer Religionsunterricht etwas mitgenommen? Nach seinen eigenen Erinnerungen (dargelegt in: Der Stadtgarten in Vegesack auf Seite 36) hat er die Schule ständig  geschwänzt: Unten an der Weser war es heiß. Das hatte seine Gefahren. Tiroler Landwein, Wermut oder gar schlimmere Drogen wie etwa Kosakenkaffee entfalteten so eine ganz tückische Wirkung. Aber auch dafür war der Stadtgarten ein angenehmer Ort. Man lag, statt in der Schule zu sein, einfach in der Sonne, die Weser plätscherte. Wenn ein Schiff vorbeirauschte, klatschten Wellen an den Strand. Wer zu nahe dran lag, wurde nass, oder was ärgerlicher war, der 'schwarze Krauser'. So konnte man dem Mittag entgegensehen. Ja, man kann Gott auch in der Natur begegnen, das nennen wir doch mal einen angewandten Pantheismus. Mit Tiroler Landwein, Wermut und Kosakenkaffee. Da können wir nur froh sein, dass ihm seine Partei noch eine halbe Theologin zur Seite gestellt hat.

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