Samstag, 14. Dezember 2013

Agassiz


Er war einmal kurzzeitig der Mitbesitzer einer Schweizer Uhrenfabrik. Er war aber auch in seiner Zeit einer der berühmtesten Gelehrten in der Schweiz (und in den Vereinigten Staaten). In der Schweiz heißt heute noch ein Berg nach ihm. Die Uhrenfabrik ist natürlich die von seinem Bruder Auguste 1832 in Saint-Imier gegründete Firma, die nach einem kleinen Wiesenstück (les longines) den Namen Longines bekam. Für den amerikanischen Export hießen aber viele Taschenuhren Agassiz, vor allem, nachdem der Schweizer Louis Agassiz in dem fremden Land berühmt geworden war. Die Firma Longines ist lange für die exzellente Qualität ihrer Uhren bekannt gewesen. Irgendwann verspielte sie ihren Ruf (den sie heutzutage verzweifelt zurück bekommen möchte), weil sie nur noch Lizenzen für den Massenmarkt erteilte. Wahrscheinlich war das damals, als eine so zweifelhafte Figur wie Sepp Blatter der Public Relations Chef der Firma war.

Louis Agassiz, der heute vor 140 Jahren starb, ist natürlich nicht wegen der Uhrenfirma Longines berühmt. Er wurde weltberühmt für seine Eiszeitstudien und die Gletscherforschung. Dass er die Gletscher die große Pflugschar Gottes genannt hat, ist in der Schweiz beinahe sprichwörtlich geworden. Und als ob das noch nicht reichte, ist er durch seine Forschungen zur Ichtyologie vielleicht noch berühmter geworden. Das alles lasse ich jetzt einmal aus, Sie können alles dazu ➱hier nachlesen. In Kurzform findet sich vieles aus seinem Leben in dem Sonett, das der amerikanische Dichter und Dante Übersetzer Thomas William Parsons (der im Neben- oder Hauptberuf Zahnarzt war) nach dem Tod von Agassiz veröffentlichte:

What made the greatness of our great man gone?
Facts about fishes?—reading laws that rule
The glacier’s march and move the black moraine?
An eye whose gaze with equal reverence glowed
At a small star-fish, or his Alpine throne?
Or that he founded for our land a school?—
Never to see that harvest which he sowed!—
His large companionship with man, shell, stone,
And every type of the most High? The fool
Who thinketh in his heart there is no God
Stands here in silence. ’Mid our tears and pain
This joy was uppermost: beneath His rod
Bowing, we bless Him for each nobler mind
Whose highest vision science fails to blind.


Es war nicht das einzige Gedicht für den Harvard Professor Agassiz in seiner neuen Heimat Amerika, auch ➱John Greenleaf Whittier und Henry Wadsworth Longfellow haben Gedichte auf ihn geschrieben. In dem ➱Gedicht von Longfellow wird sogar das ranz de vaches erwähnt, was Sie bewegen könnte, diesen ➱Post über den Kuhreigen noch einmal zu lesen. Agassiz lebt noch an einer ganz anderen Stelle weiter, nämlich in der Literaturwissenschaft. Bei der genauen Textinterpretation, ob man sie nun close reading oder explication de texte oder wie immer nennen will. ➱Ezra Pound erzählt in seinem Buch ABC of Reading diese hübsche Fisch ➱Parabel:

The proper METHOD for studying poetry and good letters is the method of contemporary biologists, that is careful first-hand examination of the matter, and continual COMPARISON of one "slide" or specimen with another.
No man is equipped for modern thinking until he has understood the anecdote of Agassiz and the fish:
A post-graduate student equipped with honors and diplomas went to Agassiz to receive the final and finishing touches. The great man offered him a small fish and told him to describe it.
Post-Graduate Student: 'That's only a sunfish.'
Agassiz: 'I know that. Write a description of it.'
After a few minutes the student returned with the description of the Ichthus Heliodiplodokus, or whatever term is used to conceal the common sunfish from vulgar knowledge, family of Heliichtherinkus, etc., as found in textbooks of the subject.
Agassiz again told the student to describe the fish.
The student produced a four-page essay. Agassiz then told him to look at the fish. At the end of three weeks the fish was in an advanced state of decomposition, but the student knew something about it.
By this method science has arisen, not on the narrow edge of medieval logic suspended in a vacuum.

Professor Robert Scholes hat in dem Kapitel Is there a Fish in this Text seines ➱Buches Textual Power die Textstelle in einem größeren Kontext behandelt, das lassen wir jetzt einmal dahingestellt. Was hier von Pound erläutert wird, während der Fisch langsam zu stinken anfängt, ist die Voraussetzung für jedes Textverständnis eines Literaturwissenschaftlers. Also auf jeden Fall der Wissenschaftler, die sich nicht an den Lehren von Marx, Freud, Foucault, Derrida berauschten, sondern für die der Text noch etwas galt. Und kein beliebiges poststrukturalistisches Spielzeug geworden war. Oder die wie Stanley Fish in Is there a Text in this Class (gegen den sich Scholes richtet) sagen, dass das alles nix bedeutet. Und sich dann über die Kritik wundern: Nothing I wrote in 'Is There a Text in This Class?' has provoked more opposition than my (negative) claim that the argument of the book has no consequences for the practice of literary criticism, sagt Fish im Kapitel Consequences seines nächsten Buches. Ich kann es irgendwie nicht lassen, den poststrukturalistischen Unsinn zu geißeln, ich habe das schon in dem Post über ➱Joachim Maass getan. Wenn wir den Satz lesen No man is equipped for modern thinking until he has understood the anecdote of Agassiz and the fish so müssen wir das für einen Augenblick erst einmal glauben. Dann lesen wir den ganzen Text von Pound und sagen: O.K. So sollte man anfangen. Man kann Fische lesen wie Texte.

Wenn wir lesen können, verstehen wir, was Pound mit seiner Parabel sagen will. Manche Texte können wir solange lesen wie wir wollen, wir verstehen sie nicht: Texte sind mehrdeutig und offen, weil die sprachlichen Zeichen des präformierten Textkorpus sich nicht in ihrer konkreten Bezeichnungsfunktion ihrer Identitätsnarrationen erschöpfen, sondern miteinander kommunizieren und ein Gewebe konstruieren. Die Tiefenstruktur bleibt dabei phänomenologische Diskurskommentierung diskursiver und nicht-diskursiver postkolonialer Machtpraktiken. Die sprachlichen Signifikate der Episteme manifestieren sich bei der Diskursanalyse tiefenstrukturell in ihrem Eigenleben, sie sind mehr, als die/der SprecherIn/SchreiberIn intendiert, sie hinterlassen durch die epistomologischen Paradigmen Spuren der Hybridität und entziehen sich vollständiger Kontrollierbarkeit, ohne auf feminin-maskuline Differenzierungsmöglichkeiten der Identitäts- und Alteritätsmodelle zu rekurrieren. Zudem verschieben sie als Interkulturalitätsphänomene den Sinn vom Bezeichneten weg auf sich selbst oder andere Signifikate hin. Jeder Begriff ist somit in ein System eingeschrieben, worin er durch das systematische Spiel von Differenzen auf andere Begriffe verweist. Dieser eindrucksvoll aussehende Text ist völlig sinnfreier Quatsch. Ich habe ihn mir gerade ausgedacht. Aber ich kenne Leute, die schreiben so etwas in voller Überzeugung. Und werden vom Staat erstaunlicherweise dafür bezahlt. Das sind dann auch die Leute, bei denen Professor Agassiz mit all seinen pädagogischen Fähigkeiten versagt hätte. Es sei denn, er hätte ihnen eine Packung Käpt'n Iglo Fischstäbchen zur Untersuchung gegeben. Sie können den Text übrigens beliebig erweitern, indem Sie irgendwelche Fremdworte da einfügen. Als ich den Unsinn da oben beim FAZ ➱Stiltest Ich schreibe wie... eingab, sagte mir die Maschine, ich schriebe wie Goethe. Das gibt zu denken.

Ich lese seit mehr als einem halben Jahrhundert englischsprachige Zeitungen wie Observer oder Sunday Times, The New York Review of Books oder The New Yorker. Das hat sicherlich auf mich (und meinen Stil zu schreiben) abgefärbt. Ich bewundere Leute wie Adam Gopnik vom New Yorker. Selbst zu der Zeit, als ich noch wissenschaftliches Zeuch schrieb, war ich dafür verrufen, dass ich verständlich schrieb. Meine Ideale in der Welt der Kulturgeschichte sind nun mal nicht die Leute, die den Derridada singen und den Lacancan tanzen. Das stand hier schon mal. In dem Post, der ➱Eric Hobsbawm hieß. Wo ich auch den im Internet frei zugänglichen ➱Postmodernism Generator erwähnte, der eindrucksvoll aussehende, aber völlig sinnfreie Texte generiert.

Ich habe einmal die Methode von Agassiz in einem Close Reading Course der Universität angewandt. Allerdings ohne den Fisch. Ich brachte ein altes englisches Sportjackett mit in den Kurs (➱Textil wurde so zum Text) ließ es herumgehen und forderte die Studenten auf, alles aufzuschreiben, was sie hier sehen konnten. Natürlich sahen sie nicht alles, sie waren es nicht gewohnt, auf die Details zu achten. Wenn man zur alles klar Generation gehört, die Kapuzenshirts trägt, interessieren die Feinheiten nicht so sehr. Auf die Frage, ob die Knopflöcher Hand- oder Maschinenarbeit seien, bekam ich die Antwort: Woher sollen wir das wissen? Woher soll man das wissen? Man kann es sehen. Man muss nur genau hinschauen. So wie man einen Text genau lesen muss. Wenn ein Jackett noch nicht fertig ist, dann sieht es so aus wie das, was der Londoner Schneider Doug Hayward seinem Freund ➱Michael Caine gerade anpasst. Wir erkennen Schneiderkreide und provisorische Nähte, Leineneinlage und Rosshaarplack sind noch sichtbar. Hier wird noch pikiert, dressiert und staffiert, bevor es ein Gedicht von einem Jackett wird.

Und wie man einen Text Fragen nach Reim und Rhythmus, nach Struktur und sprachlichen Mitteln stellt (die alten Griechen haben uns ja dank der Rhetorik ein ganzes ABC, von Anapäst bis Zeugma gegeben), kann man auch ein Jackett befragen. Ist es Schneiderarbeit oder ist es Konfektion? Ist der Musterverlauf angepasst? Ist das Futter Bemberg oder Viscose? Sind die Knöpfe (Horn oder Plastik?) von Hand angenäht? Sind die Einlagen geklebt? Jeder Kenner geht in Gedanken einen solchen Fragenkatalog durch, wenn ihm ein Verkäufer ein Teil als etwas ganz Besonderes anpreist. Es ist auch schnell zu lernen, ich bringe Ihnen das in einer Stunde bei. Studenten das richtige Befragen eines Textes beizubringen, geht offensichtlich nicht in einer Stunde: At the end of three weeks the fish was in an advanced state of decomposition, but the student knew something about it. Nein, es geht auch nicht in drei Wochen, manchmal braucht man Jahre dazu. Und das wird immer schwieriger, die Fähigkeit, selbst einfache Texte zu verstehen, nimmt bei Schülern und Studenten immer mehr ab. Da wollen wir mal hoffen, dass sie keine Schwierigkeiten haben, den Grüffelo zu verstehen. Dieser Fisch hier stammt übrigens von jemandem, dem sein Vater in Bewunderung von Louis Agassiz den Vornamen Louis Agassiz gegeben hat. Sie dürfen dreimal raten, was aus Louis Agassiz Fuertes geworden ist.

Im Jahre 1874 hat Samuel H. Scudder anonym einen kleinen Essay veröffentlicht, der seinen Lehrer Louis Agassiz und seine Methoden zu Schulung der Beobachtung preist. Sie können ihn ➱hier im Volltext lesen, der Essay ist die Basis für Ezra Pounds Fisch Parabel. Facts are stupid things until brought into connection with some general law, sagt Professor Agassiz da. Ach, war das schön, als die Wissenschaft noch Fakten und Regeln besaß und das anything goes der Postmoderne noch keinen Einzug in die Universitäten gefunden hatte.

Dieser Blog hat die Adresse loomings-jay, und Loomings ist das erste Kapitel von Melvilles ➱Moby-Dick. Ich habe das damals so gewählt, weil ich damit liebäugelte, einen Moby-Dick Blog zu machen. Na, ja Jay Gatsby war als Adresse schon vergeben. Moby Dick schwimmt zwar im Wasser, ist aber kein Fisch, das muss von Zeit zu Zeit gesagt werden. Es gibt glücklicherweise kaum poststrukturalistische Interpretationen des Romans. Weil sich diese Bagage da nicht heran traut und sich lieber an Käpt'n Iglos Fischstäbchen und die Produktion von highfalutin nonsense hält. Es gibt relativ wenig Fisch in diesem Blog (gut, ➱Gould's Book of Fish wird einmal erwähnt), obgleich Fische das Sternzeichen dieses Bloggers ist. Aber zwanzig Jahre lang jeden Freitag Fisch, weil das in Bremen so üblich war, das reicht für's Leben. Und Einladungen zum Forellenessen kann ich heutzutage ganz elegant mit Hinweis auf meine Fischeiweißallergie ablehnen. Aber einen kleinen Post über Fische hätte ich doch in diesem Blog. Den sollten Sie auch unbedingt lesen, wenn Sie sich von dem postmodernen Unsinn erholen wollen. Klicken Sie einfach ➱Loch Ness Monster, Killerwelse und Dackel an, Sie werden es nicht bereuen.

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