Sonntag, 25. Mai 2014

Europawahl


Wir wissen, dass eine Gesamtwende der Fragestellungen gegenüber den historischen Vorstellungen und Gegebenheiten von nationalstaatlicher Bindung im Werden ist und dass die europäische Gesamtstaatlichkeit nun nicht mehr bloß Traum- oder Wunschbild von Idealisten oder Geschichtskonstrukteuren ist, sondern dass sie als realistische Aufgabe vor uns steht.
       Deutschland braucht Europa, aber Europa braucht auch Deutschland. Wir wissen es im Geistigen: wir sind in der Hitlerzeit ärmer geworden, als uns die Macht des Staates von dem Leben der Völker absperrte. Aber wir wissen auch dies: die anderen würden ärmer werden ohne das, was Deutschland bedeutet. Wir stehen vor der großen Aufgabe, ein neues Nationalgefühl zu bilden. Eine sehr schwere erzieherische und erlebnismäßige Aufgabe, dass wir nicht versinken und steckenbleiben in den Ressentiments, in das das Unglück des Staates viele gestürzt hat, und dass wir nicht ausweichen in hochfahrende Hybris, wie es ja nun bei den Deutschen oft genug der Fall war. Seltsames deutsches Volk, voll der größten Spannungen, wo das Subalterne neben dem genial spekulativ Schweifenden, das Spießerhafte neben der großen Romantik steht! Wir haben die Aufgabe im politischen Raum, uns zum Maß, zum Gemäßen zurückzufinden und in ihm unsere Würde neu zu bilden, die wir im Innern der Seele nie verloren.

Auch so etwas ist einmal im deutschen Bundestag gesagt worden. Vor 55 Jahren von dem gerade gewählten Bundespräsidenten Theodor Heuss. Heute klingt das, was Politiker zu Europa sagen etwas nüchterner: In einer sich immer schneller verändernden Welt geht es auch uns Deutschen nur dann gut, wenn es auch Europa gut geht. Deshalb liegt es in unserem eigenen Interesse, wenn wir anderen in Europa helfen. Solche Hilfe macht jedoch nur dann Sinn, wenn sich alle in Europa anstrengen, ihre Staatsfinanzen in Ordnung zu bringen und mehr Wachstum und Beschäftigung zu erreichen. Sagt Angela Merkel auf ihrer Homepage. Vom großen europäischen Gedanken ist in den Sätzen nichts übrig geblieben. Frau Merkel ist zwar auf allen Wahlplakaten, aber wählen darf man sie nicht.

Man hat ➱Karl den Großen den pater Europæ genannt (auf jeden Fall tut das das Paderborner Epos), Europa definiert sich da nach der Größe des Herrschaftsbereiches. Für Napoleon und Hitler tat es das auch. Aber geben geographische Grenzen eine Identität? Im Vertrag über die Europäische Union heißt es in Artikel 2: Die Werte, auf die sich die Union gründet, sind die Achtung der Menschenwürde, Freiheit, Demokratie, Gleichheit, Rechtstaatlichkeit und die Wahrung der Menschenrechte einschließlich der Rechte der Personen, die Minderheiten angehören. Diese Werte sind allen Mitgliedstaaten in einer Gesellschaft gemeinsam, die sich durch Pluralismus, Nichtdiskriminierung, Toleranz, Gerechtigkeit, Solidarität und die Gleichheit von Frauen und Männern auszeichnet. Es bleibt fraglich, ob alle Mitgliedstaaten der EU diese hehren Ziele garantieren.

Ich möchte zu dem Zitat von Theodor Heuss (der in diesem Blog schon einmal in dem vielgelesenen Post ➱Theodor Heuss vorkam) noch eine kleine Europa Anekdote hinzufügen, die ich in dem Buch Theodor Heuss Anekdoten von seiner Nichte Anna Frielinghaus Heuss fand: Neben Deutschen nahmen bei einem katholischen Jugendtreffen vor allem Franzosen, Belgier und Holländer teil. Ein junger französischer Priester hielt in gutem Deutsch eine Ansprache mit der wesentlichen Pointe, dass Europa jetzt die 'Kinderschuhe ausgelaufen' habe. 'Oh', ließ sich der Bundespräsident vernehmen, 'da interessiert mich aber, bei welcher Schuhgröße jetzt Europa steht!'

Schuhgrößen und Europa. Das ist so ähnlich wie Konfektionsgrößen und Europa. Da wird in Brüssel über den Krümmungsgrad der Gurken diskutiert (lesen Sie dazu doch die Verordnung 1677/88/EWG zur Festsetzung von Qualitätsnormen für Gurken), aber einheitliche Schuh- und Konfektionsgrößen in Europa kriegen sie nicht hin. Die Hölle ist ein Ort, an dem Engländer kochen, die Italiener den Verkehr dirigieren und die Deutschen Fernsehunterhaltung machen, hat Robert Lembke mal gesagt. Die Hölle sind immer die anderen. Oder ist Europa die Hölle? Nur die Religion kann Europa wieder auferwecken, und die Völker versöhnen, und die Christenheit mit neuer Herrlichkeit sichtbar auf Erden in ihr altes friedenstiftendes Amt installieren, hat Novalis gesagt. Glaubt das heute noch jemand?

Kann mir irgendjemand sagen, was Europa bedeutet? Also jetzt nicht die sich nach Parkinson's Law vermehrenden Brüsseler Bürokraten und die ins Europaparlament abgeschobenen Politiker. If Europe were once united in the sharing of its common inheritance there would be no limit to the happiness, prosperity and glory which its 300 million or 400 million people would enjoy, hat Churchill 1946 gesagt. Und er erwähnte die Bemühungen von Aristide Briand und der Pan-Europäischen Union des Grafen Coudenhove-Kalergi. Vielleicht sollten wir einmal an diese geistigen Väter der europäischen Einigung denken. Geistige Mütter scheint Europa nicht zu haben, es ist immer nur die Rede von geistigen Vätern. Zu denen natürlich auch Robert Schuman (den man nur durch einen kleinen Granitblock in Brüssel ehrt) und Jean Monnet gehören. Seit die Europa von einem Stier geraubt wurde, hat sie viele Väter.

Und was ist unser wichtigster deutscher Beitrag zu Europa? Nein, nicht Europas Ehrenbürger Helmut Kohl oder dieser Oettinger. Es ist diese junge Dame hier, Christel Schaack aus Berlin. Die amtierende Miss Berlin war am 16. Juni zur Miss Germany gewählt worden, allerdings ging das Ereignis am Vorabend des ➱17. Juni völlig unter. Ein Jahr später wurde sie in Vichy zur Miss Europe gewählt. Aber was kann aus Vichy schon Gutes kommen? Nach zwei Tagen verlor die junge Witwe ihren Titel, weil sie nach den Statuten des Comité Miss Europe hätte unverheiratet sein müssen. Auch für Schönheitswettbewerbe gibt es damals schon Statuten, Funktionäre und Komitees, das ist sehr beruhigend. Jedoch verlieh man ihr später den inoffiziellen Titel Miss Europa honoris causa.

Ich weiß nicht, ob Christel Schaack heute wählen wird, aber ich gehe jetzt wählen. Und ich werde ein Paar ungarische Schuhe, eine deutsche Hose, ein italienisches Hemd, einen französischen Gürtel, eine Schweizer Armbanduhr und ein englisches Jackett tragen. Europäischer geht es nicht.


Lesen Sie auch: ➱Wahlmüdigkeit, ➱Wahlplakate, ➱Europa.

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