Dienstag, 28. April 2026

die Fortdauer des Glücks


Den Dichter Walter Helmut Fritz habe ich ans Monatsende geschoben, mit seinen Gedichten habe ich Schwierigkeiten. Er war im letzten Jahr schon einmal mit einem Gedicht in dem Post Silhouette. Ich besitze seit Jahren einen Band, der Gesammelte Gedichte heißt, und ich weiß, dass alle Literaturkritiker ihn als einen Meister der leisen Töne schätzen. Er hat eine Vielzahl von Preisen bekommen und war Mitglied von drei Akademien. Er kommt aus Karlsruhe, wo er auch lebte, und die Stadt, hat er auch bedichtet:

In Karlsruhe
Tägliche Stadt, Fortgang, Vibration
mit vertrauten Wegen, Plätzen, Häusern,
die horchen, sich zu einem kurzen
Umzug zusammentun, früh die Augen zumachen.
Hier auf einem Sand- und Kiesrücken
der Oberrheinebene, wenig tellurischer Druck,
zwischen Daxlanden und Durlach,
der Hardtwald ist in der Nähe, das Albtal.
An diesem Ort gerecht zu leben versuchen,
älter werdend in der Schwerkraft,
in Zimmern mit umhergehenden Stunden,
Arbeit, Liebe, Wörtern, Gegenwart.

Er hat viele Liebesgedichte geschrieben, die 2008 noch einmal unter dem Titel Herzschlag von Hoffmann und Campe veröffentlicht wurden. Drei davon gibt es heute hier. Das erste ist wahrscheinlich das Bekannteste, das dritte ist ein Prosagedicht, davon hat er auch viele geschrieben:

Weil du die Tage
zu Schiffen machst,
die ihre Richtung kennen.

Weil dein Körper
lachen kann.

Weil dein Schweigen
Stufen hat.

Weil ein Jahr
die Form deines Gesichts annimmt.

Weil ich durch dich verstehe,
daß es Anwesenheit gibt,

liebe ich dich.



Du bist es.
Es ist dein sonnenwarmer Körper.
Es ist die Bewegung deiner Hand,
die auf das Meer deutet.
Es ist die Linie deines Gesichts,
sie ist da,
ich muß sie nicht erfinden.
Es ist die Fortdauer des Glücks. 



Landschaft für verliebte

Nein es ist nichts zu Ende, kann man hören. 
Es sei doch kein Grund, den Mut zu verlieren. 
Man kann es hören auf dieser Straße, die Baustelle ist da , 
die Wäscherei, das Café mit Tischen 
und Stühlen, reglosen, bunten Käfern. Ein Postbote 
geht vorbei, ein Mädchen, das stehenbleibt und 
dann umkehrt. Kleider sind da, Stimmen, Hände, 
Helligkeit, die die Stadt durchblättert, die Nasch-
haftigkeit unserer Träume.


Walter Helmut Fritz  hat einmal gesagt, warum er Gedichte schreibt. Und da das nirgends im Netz steht, stelle ich das hier einmal hin: 

Man wird sich nur einigermaßen kenntlich in dem, was man tut, sagt, schreibt. Oder verbirgt man sich darin? Wie auch immer: Im Gedicht (einem der brauchbarsten Namen für unsere Unruhe, für die Suche nach unserem Leben) finde ich eine Möglichkeit zu atmen; wach zu blei­ben; ein Dach über den Kopf zu bekommen, zu merken, wie die Dinge sich nähern; ein Netz auszuwerfen; etwas kennenzulernen, was dem Nützlichkeitsdenken fernbleibt; Gefühlen zu entfliehen, in denen man festsitzt wie die Fliege im Leim, mich einem emotionalen oder gedanklichen Risiko zu überlassen; Erlebnisse zu haben, die nicht zu erwarten waren; Einsichten zu gewinnen, die auf keine andere Weise zu gewinnen sind; in Augenblicken der Mutlosigkeit nicht zu vergessen, daß etwas vor einem liegt, daß etwas of­fen­bleibt.

Wir brauchen diesen langen Satz gar nicht, seine Poetik steht in dem Gedicht Sieh lange hin:

Den Weg hier
siehst du jeden Tag
und doch blieb er verhüllt.
Sieh wieder hin, sieh lange hin,
bis du begreifst,
daß du ihn nie gesehn,
daß er sich erst
in diesem Augenblick enthüllt


Das habe ich aus dem Gedichten von Walter Helmut Fritz  gelernt, man muss lange hinsehen, um ihre Schönheit zu erkennen.

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