Sonntag, 25. Oktober 2026

bevor ich Blogger wurde

Bevor ich Blogger wurde, schrieb ich auf dem Computer, den mir mein Seminar geschenkt hatte, eine Art Autobiographie, der ich den Namen Bremensien gab. Damit begann ich im Mai 2009. Es beschäftigte mich das ganze Jahr, da hatte ich dann fünfhundert Seiten geschrieben und hörte erst einmal mit dem Schreiben auf. Weil ich im Januar 2010 die faszinierende Welt des Blogs entdeckte. Auf der ersten Seite des Manuskripts stand eine Handvoll Zitate, Sätze, an die ich mich halten wollte. Jeder Satz konnte ein Motto für ein Kapitel sein. Ich tippe die Zitate heute mal hier hin. Sie haben für mich immer noch Bedeutung.

Three passions, simple but overwhelmingly strong have governed my life: The longing for love, the search for knowledge, and unbearable pity for the suffering of mankind. These passions, like great winds, have blown me hither and thither, in a wayward course, over a deep ocean of anguish reaching to the very edge of despair. (Bertrand Russell)

Someday I’m gonna write the story of my life (Marty Robbins)

The past is a foreign country: they do things differently there. (L.P. Hartley)

The past is never dead. It is not even past. (William Faulkner)

Old men forget (William Shakespeare + Duff Cooper)

Shall we forever make new books, as apothecaries make new mixtures, by pouring only out of one vessel into another? (Laurence Sterne)

Im Januar 2010, als ich schon den Post SILVAE schrieb (jeden Tag, damit ich nicht auf die Idee kam, zu den Bremensien zurückzukehren), schrieb ich auf die letzte Seite des Manuskripts etwas, das den Titel Das Postscriptum als provisorisches Vorwort hat:

Dies ist meine eigene Geschichte, eigentlich ist alles wahr, was hier steht. Es gibt natürlich eine gewisse poetic licence, ich habe auch nicht alles erzählt. Ich kenne Geschichten über preußische Prinzessinnen und Bremer Politiker, für die mir die Bild Zeitung heute noch dankbar wäre. Aber dies ist kein Enthüllungsjournalismus. Manche Personen bleiben anonym, andere haben andere Namen. Ich habe an einigen Stellen, aber nur ganz selten, ein Zitat aus der Weltliteratur in den Text geschrieben, das ich nicht als solches kenntlich gemacht habe, das war ein kleiner Scherz beim Schreiben. Wenn also ein Leser das Gefühl hat, dass er einen ähnlichen Satz bei Eichendorff schon einmal gelesen hat, dann hat er sicher Recht.

Ich wollte dies immer schon schreiben, eigentlich habe ich ungefähr 1965 damit angefangen, im Kopf meinen Bremen Roman zu schreiben. Anti-Bremen sollte er heißen, das steht auf jeden Fall auf einem alten Schulheft, in dem er begonnen wurde. Ich habe immer wieder angefangen, aber es immer wieder in ein Mäppchen gelegt. Als ich jetzt anfing zu schreiben, habe ich in diese inzwischen farblich verblichenen Mappen nicht mehr hineingeguckt. Ich hatte den größten Teil schon im Kopf, als mir mein Universitätsinstitut zum Abschied meinen alten Mac schenkte, einstmals der beste Computer im Institut, den mir unsere Sekretärin einmal zugeschanzt hatte, weil ich der einzige war, der nie Computerwünsche geäußert hatte – und auch nie einen Computer gehabt hatte. 

Die ersten Wochen habe ich sinnlos E-Mails geschrieben und gesurft. Bis mir Ignaz Miller (der früher bei der IWC war und jetzt seinen eigenen Verlag in Zürich hat) schrieb, ich solle mein literarisches Talent nicht mit der Kleinform E-Mail vergeuden, wenn ich noch etwas Größeres vorhätte, dann sollte ich jetzt damit anfangen. Das hat mich zuerst geärgert, und ich habe ihm geantwortet, dass Fontane auch erst mit siebzig Effi Briest geschrieben hätte. Aber insgeheim wusste ich, dass er Recht hatte.

Ich hatte in jenen Tagen in der Süddeutschen, die ich immer von Volker kriegte, einen Artikel von Oliver Storz über den Tag des Kriegsendes 1945 gelesen, und ich war beeindruckt. So müsste man das schreiben, dachte ich mir. Ich habe ansonsten nichts von Oliver Storz gelesen, aber ich wusste, dass er bei dieser Erinnerung an den Frühlingstag 1945 genau den richtigen Ton getroffen hatte, und genau wie Flaubert auf dem Detail insistierte. So etwas wollte ich auch, die richtige Stimme finden. Ich habe den Artikel nicht aufbewahrt und ihn kein zweites Mal gelesen (vielleicht war er auch gar nicht so gut wie ich ihn in Erinnerung habe), ich habe auch in keine Autobiographie irgendeines Schriftstellers mehr geschaut. Ich wollte weder Augustinus noch Rousseau imitieren. Dies sollte über Vegesack und Bremen gehen, über meine Familie und mich. Von nun an war ich allein mit meinem Text. Und nachdem ich das gefunden hatte, was Gerard Genette Stimme nennt (und was ich meinen Straßenköter-Ton nenne), fing ich an zu schreiben. Die ersten hundert Seiten habe ich in einem Stück geschrieben. Dr Joachim Kruse, dem ich den Text schickte, schrieb mir: das sei Free Jazz. Und von da an wusste ich, was ich wollte. 

Jetzt fing die Arbeit an. Denn natürlich macht man das nicht so ausser lamäng (wie man in Bremen so schön sagt), es steckt viel wissenschaftliche Recherche in dem Text. Das Internet ist eine Hilfe, aber viel mehr haben mir meine Bücher über Bremen geholfen, die ich in den letzten Jahrzehnten in den Bücherregalen angehäuft hatte. Viele von den seltenen und seltensten Büchern verdanke ich meinem Freund Peter Hahn. Meiner Cousine Hannelore bin ich dankbar für das Büchlein, in dem alte Vegesacker vom Kriegsende 1945 erzählen. Und alle meine Freunde und Bekannten, die auf der letzten Seite des Manuskripts aufgelistet sind, waren mir eine Hilfe, auch wenn manche gar nicht wissen weshalb. 

Ich habe mein ganzes Leben geschrieben, als dies wissenschaftliche Zeug, und das war eine einsame Tätigkeit gewesen. Hier beschloß ich, andere, meine Testleser, wie ich sie nannte, von Anfang an zu beteiligen (und auch ein wenig auszubeuten, aber nur ein klein wenig). Hätte ich all das gesammelt, was sie mir schrieben (und häufig waren ihre Erinnerungen viel schöner als meine), hätte ich ein zweites Buch fertig. Mein Text hatte bei vielen einen meeutischen Effekt, wie Peter Köpp das nannte, viele meiner Leser begannen, über ihr eigenes Leben nachzudenken und zu schreiben, memory hold-the-door.

Wenn ich nicht Prousts Suche nach der verlorenen Zeit gelesen hätte, als ich jung war (und nie damit aufgehört habe), ich hätte mich nicht an diesen Text gewagt. Ich habe bei der Lektüre, wie auch meiner jugendlichen Lektüre von Flaubert und Stendhal mehr über die Kunst des Romans erfahren, als ich in meinem ganzen Literaturstudium erfahren habe. Wenn ich ehrlich bin, habe ich in dem Studium der Germanistik und Anglistik gar nix gelernt, bei der Kunstgeschichte ist das ganz anders gewesen. Volker, der kein Literaturwissenschaftler ist, hat gesagt, dass in meinem Text viel Sediment sei. Ja, das ist richtig, auch wenn Sediment kein etablierter literaturwissenschaftlicher Terminus ist. Ich habe versucht, ohne den Text wirklich literarisch zu machen (was nicht zu der gewählten Stimme gepasst hätte), ihn so dicht zu machen, dass die Mimesis schon merklich ist. Und das sind da so Sätze wie: Als sie ihre Schwiegermutter mit Gustav seinem kleinen Laster da aus dem Feuersturm rausgeholt hat. Und die ist für die Heldentat ihrer Schwiegertochter gar nicht richtig dankbar gewesen und wollte wieder nach Hamburg zurück. Nach dem, was davon übrig war. Man will immer zurück in die Heimat. Drei Sätze, und dahinter eine ganze Geschichte, Familiengeschichte.

Manchmal hätte ich vielleicht besser in alle meine Altpapierzettel-Entwürfe aus den letzten vierzig Jahren schauen sollen. Beim Aufräumen all dieser Unterlagen fiel mir eine vergilbte Seite heraus, die aus den achtziger Jahren stammen musste. Und da drauf stand in Stichworten alles, aber auch alles, was inzwischen längst ein eigenes Kapitel geworden war. Aber ich kann ja noch lernen, ich bin ja noch am Schreiben. Eigentlich fange ich jetzt erst an.

Wenn ich das Ganze jemals zu Ende schreibe und den Satz von Montaigne J’ay faict ce que j’ay voulu: tout le monde me recognoist en mon Livre et mon Livre en moy auf die letzte Seite schreibe, dann bleibt das als Vorwort. Ich überarbeite es dann nochmal.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen