Der Dichter Heinar Schilling hat heute Geburtstag, aber den vergessen wir gleich wieder, weil er sich zu sehr mit der Welt der Germanen beschäftigt hat. Obgleich er eigentlich kein Nazi war und immerhin als einer der ersten über Haithabu (das er als germanisches Troja bezeichnete) geschrieben hat. Zu dem Thema Haithabu gibt es hier den schönen Post Weltkulturerbe, der schon mehr als fünftausend Leser gefunden hat. Interessanter als Heinar Schilling ist sein Onkel, der Schriftsteller Friedrich Gustav Schilling, den man zu Unrecht ein wenig vergessen hat. Oder doch nicht ganz vergessen hat. Denn der auf diesem Buchumschlag der Reihe Playboy Erotik nicht genannte Verfasser ist niemand anderer als Friedrich Gustav Schilling. Sein erotischer Roman →Denkwürdigkeiten des Herrn von H., eines teutschen Edelmanns (hier im Volltext) erschien 1786 in Rom, kurz danach auch in Hamburg und Berlin. Gleichzeitig mit seinem Roman erschienen seine ersten →Gedichte in Schillers Thalia. Eins davon habe ich hier, es hat in Schillers Thalia den Titel Im Oktober 1788:
Daß du mein Auge wecktest zu diesem goldenen Lichte,
daß mich dein Aether umfließt,
daß ich zu deinem Aether hinauf einen Menschenblick
richte, der ihn edler genießt,
daß du einen unsterblichen Geist, der dich, Göttliche
denket, und in die schlagende Brust
Gütige, mir des Schmerzes wohlthätige Warnung
geschenket und die belohnende Lust,
Daß du des Geistes Gedanken, des Herzens Gefühle
zu tönen mir ein Saitenspiel gabst,
Kränze des Ruhms und das buhlende Glück deinen stolzeren Söhnen,
mir ein Saitenspiel gabst,
Daß dem trunkenen Sinn von hoher Begeistrung beflügelt,
schöner das Leben sich mahlt,
schöner in der Dichtung Crystall die Wahrheit sich spiegelt,
heller die Dämmernde strahlt,
Große Göttin, dafür soll, bis die Parzen mich fodern,
dieses Herzens Gefühl
zarter Kindlichkeit voll in dankbarem Strale dir lodern,
Soll aus dem goldenen Spiel
Unerschöpflich dein Preiß, erhabne Bildnerinn, fließen
Soll dieser denkende Geist
an dein mütterlich Herz in reiner Umarmung sich schließen,
bis der Tod sie zerreißt.
Das ist nun ein bisschen zu pathetisch, Schiller mochte das Gedicht, um dessen Abdruck ihn der junge Leutnant Schilling gebeten hatte, überhaupt nicht. Doch der Text hat auch überlebt. Richard Strauß hat ihn als Hymnus in seine Vier Gesänge für eine Singstimme mit Orchesterbegleitung hineingeschrieben. Ich habe das hier von ✺Heinrich Schlusnus gesungen.
Ein erotischer Roman (zuletzt von Goldmann in der Serie Erotikon nachgedruckt) und ein pathetisches Gedicht überleben von diesem interessanten Schriftsteller, der in aristokratischen Verhältnissen aufwuchs und Hauptmann im Befreiungskrieg gegen Napoleon war. Genaugenommen überlebt noch mehr. Denn in Arno Schmidts opulentem Roman Abend mit Goldrand – Eine MärchenPosse. 55 Bilder aus der Lä|Endlichkeit für Gönner der Verschreib-Kunst ist Friedrich Gustav Schilling der am häufigsten →zitierte Schriftsteller. Das Gesamtwerk von Schilling enthielt Erzählungen, Romane und Possen in achtzig Bänden, ich weiß nicht, ob der Arno das alles gelesen hat. Aber ich traue ihm das zu. Beim Projekt Gutenberg können Sie →Die Ignoranten: Ein komischer Roman lesen und bei Google Books →Das Weib, wie es ist; es ist vergnüglich, einmal das zu lesen, was vor zweihundert Jahren das deutsche Lesepublikum erfreute.


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