Samstag, 18. Juni 2016

Es ist, wie es ist


Die ➱Kieler Woche hat angefangen, man merkt es überall. Die ➱Stadt ist noch hässlicher als sonst. Es soll eine riesige Polizeipräsenz geben, aber ich habe noch keinen Polizisten gesehen. Was wohl daran liegt, dass ich mich in dieser Woche nie dort aufhalte, wo die Kieler Woche stattfindet. Die örtliche Zeitung musste vor einer Woche zugaben, dass all die Millionenzahlen der letzten Jahre genauso gefälscht waren wie die ADAC Statistiken oder die Abgaswerte von VW. Dennoch rechnet man mit drei Millionen Besuchern. Genügend Stille Örtchen hat man nicht, das sogenannte Wildpinkeln wird mit 75 Euro bestraft. Ungeahnte Einnahmequellen für die Stadt, die ihr neues Logo mit dem Spruch ➱Sailing City immer noch nicht bezahlt hat.

Und dann ist ja auch noch Fußball. Wir können den Spaniern ja so dankbar sein, dass sie uns gezeigt haben, wie man Fußball spielt. Das Schlimmste an der EM sind die Fachleute, die die Taktik von grottenolmschlechten Spielen wortreich analysieren. Dazu fiel Jürgen Roth bei ➱SpiegelOnline nichts anderes als die schöne Schlagzeile Wie viele Idiotien soll diese Welt noch aushalten? ein. Was soll man dazu sagen? Dass der Beckmann aus Twistringen kommt? Da kommt ja nichts Gutes her. Außer natürlich ➱May Spils. Der Cartoon hier ist nicht neu, den gab es schon vor vier Jahren in dem Post ➱Schicksalspiel. Und der folgende Satz ist auch nicht neu, der war schon am Ende des Posts ➱HSV zu lesen:

Im Blog SILVAE steht nicht nur etwas über Herrenmode, Kunst und Literatur. Hier steht auch viel über Fußball. Das Spiel, das Uwe Seeler als das denkwürdigste seiner Laufbahn bezeichnete, steht hier (➱Hannover 96), ebenso wie die Geschichte von dem Ball, den Dragomir Ilic an einem Sonntagnachmittag nicht halten konnte (➱Goalies). Lesen Sie auch: ➱Uns Uwe, ➱Fußballpoesie, ➱Bert Trautmann, ➱Bert Trautmann ✝, ➱Belfast Boy, ➱Wundliegen, ➱Schickssalspiel, ➱Farbsymbolik, ➱Stil, ➱1954 und ➱Albert Camus. Ja, das haben Sie richtig gelesen. Camus ist derjenige, der gesagt hat: Alles, was ich schließlich am sichersten über Moral und menschliche Verpflichtung weiß, verdanke ich dem Fußball.

Zum Abschluss möchte ich noch ein Ereignis hinweisen, das nicht so viel Aufmerksamkeit erregen wird wie Kieler Woche und EM. In wenigen Stunden wird da unten auf der Seite die Zahl 2.500.000 zu lesen sein. Das feiern wir dann morgen mit einem besonders schönen Post.

Freitag, 17. Juni 2016

Oswald Baer


Dies Bild hier hat nichts mit dem 17. Juni 1953 in Berlin zu tun. Es ist hier, weil der Maler der Neuen Sachlichkeit Oswald Baer heute vor 110 Jahren geboren wurde. An den 17. Juni 1953 kann ich mich noch gut erinnern. Der Tag, der einmal ein Nationalfeiertag war, hat ➱hier schon einen Post (und er kommt auch in dem Post ➱Plebejer vor). Damals schrieb ich: Der 17. Juni 1953 war ein schöner Frühsommertag. Ich spielte auf der Straße, bis der Malermeister Wenzel vorbeikam und sagte 'Und jetzt kommen die Panzer'. Ich wußte nicht, was er meinte und ging ins Haus. Opa saß am Radio. Ich setzte mich zu ihm, und Opa erklärte mir die Welt.

Es ist schön, wenn man klein ist, einen Opa zu haben, der einem die Welt erklärt. Heute muss ich sie mir selbst erklären. Gelingt mir manchmal, nicht immer. Auch ich habe Wissenslücken. What a lot you know! sagt Philippa Garwood in The Lions of Nemea zu Inspector James Hathaway, und er antwortet: Not about the important stuff. Ich wollte damit mal eben en passant sagen, dass es von der beliebten Serie ➱Lewis auch schon die Folgen acht und neun gibt. Dieses Not about the important stuff gefällt mir. Und ich muss gestehen: ich hatte noch nie etwas von Oswald Baer gehört.

Was auch daran liegen mag, dass der österreichische Maler in dem ansonsten so schönen Realismus Katalog, den ich in dem Post ➱Magischer Realismus angepriesen habe, gar nicht erwähnt wird. Die Ereignisse vom 17. Juni hat Oswald Baer gar nicht mehr kennengelernt, denn der Maler ist schon 1941 gestorben. Er war sein ganzes Leben lang schwer herzkrank. Er schob seinem Vater die Schuld zu, der seine Familie als überzeugter Anhänger der Freikörperkultur nur nackt herumlaufen ließ. Und sie solange in den Bodensee warf, bis sie schwimmen konnten. Das sind so die Augenblicke, in denen mir unweigerlich ➱Philip Larkins Gedicht This Be the Verse einfällt:

They fuck you up, your mum and dad.
They may not mean to, but they do.
They fill you with the faults they had
And add some extra, just for you.


Die Freikörperkultur war ja am Anfang des 20. Jahrhunderts (und in den zwanziger Jahren) eine große Mode (Sie könnte dazu etwas in dem Post ➱Lichtgebet lesen), vielleicht hat sie Oswald Baer zur Aktmalerei gebracht. Frauenakte kommen immer wieder in seinem Werk vor. Hätte ich die Werke von Baer schon früher gekannt, dann hätte ich ihn in den Post ➱Aktmalerei hinein geschrieben (das ist im Übrigen ein Post, der auf die 10.000 Klicks zusteuert - so wie dieser Blogger auf die zweieinhalb Millionen zusteuert). Nicht alle seine Aktbilder stießen auf die Akzeptanz des Publikums, so wurde in den zwanziger Jahren im Vorarlberger Kunstmuseum sein Bild von Josephine Baker zerschnitten.

Viel zu selten wird dieser große Maler gezeigt. Es wird höchste Zeit, dass die bedeutenden Werke nicht in irgendwelchen Depots verstauben, sondern regelmäßig der Öffentlichkeit gezeigt werden, hat der Kunsthistoriker Rudolf Sagmeister im letzten Jahr bei der Eröffnung einer Ausstellung im ➱Rohnerhaus gesagt. Und da hat er sicher recht. Alwin Rohner, der mit vierzig Bildern die größte Sammlung von Oswwald Baers Bildern besitzt, wird ihm da sicher zustimmen. Dieses Bild hier heißt Hierarchie. Wir sehen es und fangen im Kopf an, einen Roman zu schreiben. Was ist hier passiert? Was wird noch passieren?

Das Rohnerhaus hat im letzten Jahr auch eine Ausstellung zu dem Maler ➱Georg Ligges gemacht, der die Schwester von Oswald Baer (hier im Selbstportrait) heiratet. Er wird ein Nazi werden. Oswald Baer nicht, sein Selbstbildnis mit Krankenschwester wird 1937 in Weimar beschlagnahmt und 1939 in Berlin verbrannt. Der todkranke Maler zieht sich in die Innere Emigration zurück. Er bekommt noch öffentliche Aufträge vom Direktor der Kunsthalle Jena, Werner Meinhof. Der ist zwar ein strammer Nazi, aber er fördert auch diesen Maler der Neuen Sachlichkeit. Werner Meinhof ist übrigens auch der Vater von Ulrike Meinhof. Auch darüber könnte man einen Roman schreiben.


Dienstag, 14. Juni 2016

Reichsflotte


Am 14. Juni 1848 hat die deutsche Nationalversammlung in der Frankfurter Paulskirche beschlossen, dass man eine Reichsflotte haben müsse. Nicht aus den Gründen, aus denen ➱Wilhelm II eine Flotte haben wollte, sondern wegen der Dänen. Mit denen ist man im Krieg, und die Dänen haben eine Flotte und blockieren die deutschen Häfen (wie hier 1848 in Kiel). 

Wir können nichts dagegen machen, weil wir ja keine Flotte haben. Aber zwei Jahre nach dem Beschluss der Nationalversammlung haben wir dann doch eine Reichsflotte. Hier schwimmt sie vor Bremerhaven, von links: Deutschland, Hamburg, Bremen, Lübeck, Barbarossa, Der Königliche Ernst August, Hansa. Die Barbarossa war das Flaggschiff des Admirals, der sich in Griechenland hatte beurlauben lassen.

Er heißt Rudolf Brommy, und er hat ➱hier schon einen Post. Sein Vorgesetzter Arnold Duckwitz, der Handelsminister des deutschen Bundes, der jetzt auch noch Marineminister wird, steht auch schon in diesem Blog. Klicken Sie doch einfach einmal ➱Arnold Duckwitz an. Ich zitiere mal eben einige Sätze aus diesem Post: Das mit Arnold Duckwitz weiß ich, seit ich lesen kann. Denn über dem Eingang des großen Hauses bei uns gegenüber, in dem das Fräulein Carla Hockemeyer mit ihren Dackeln wohnte, war eine Steintafel, auf der stand: Auf diesem Landsitz wohnte Arnold Duckwitz 1802 bis 1881 Bürgermeister von Bremen 1848 Reichshandelsminister in Frankfurt a.M. Gründer der ersten deutschen Reichskriegsflotte. 

Wenn man gegenüber dem Haus eines Reichshandels- und Marineministers wohnt, dann wächst man mit der Reichsflotte auf, vor allem, wenn der Opa ein pensionierter Lehrer ist. Die deutsche Reichsflotte hatte kein langes Leben. Vier Jahre nach dem Gründungsbeschluss von 1848 wird ihre Auflösung beschlossen, viele Einzelstaaten sind nicht mehr bereit, sie zu finanzieren. Und Preußen will längst unter dem Prinzen Adalbert eine eigene Flotte aufbauen. Die deutsche Flotte kommt unter den Hammer. Mit dem Verkauf hat der Bund einen Mann beauftragt, der nun wirklich keinen guten Ruf hat, einen gewissen Laurenz Hannibal Fischer.

Den ehemaligen Regierungspräsidenten des Fürstentums Birkenfeld hatte der Großherzog von Oldenburg 1848 gefeuert, der ver­steckte Fürstenhund und Reaktionär reinsten Wassers war nicht mehr tragbar. Wie er die Stellung als Bundescommissär für die Auflösung der Flotte bekommen hat, weiß niemand so genau. Gegen seine Entlassung wird er eines Tages mit einer Schrift protestieren, die einen barocken Titel hat: Ehren- und Rechts-Vertheidigung des Fürstl. Lippischen wirklichen Geheimenrathes, Ritter des Koeniglich preussischen roten Adlerordens zweiter Klasse Laurenz Hannibal Fischer gegen die grossherzogl. Oldenburgische Regierung wegen verhängter Entfernung aus seiner gesetzlichen Heimath, Gehalts-Verkürzung, Dienstentsetzung, Pensionsentziehung und Verlustigung seiner Capitularstelle nebst der damit verbundenen Ordens-Präbende.

Im Lamentieren ist er immer gut, der Flotten-Fischer. Diesen Namen bekommt er jetzt noch zu dem ver­steckten Fürstenhund und dem Reaktionär reinsten Wassers hinzu. Er hat sich das redlich verdient. Er zertrampelt das zarte Pflänzchen, das die 48er Revolution hervorgebracht hatte. Wir können uns das heute kaum vorstellen, dass viele damals die Reichsflotte als ein revolutionäres Projekt empfanden. Der junge ➱Adolph Bermpohl, der eines Tages die ➱Deutsche Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger gründen wird, ist mit fünfzehn von zu Hause weg, er will bei der Revolution dabei sein. Und auch das Gedicht, das Hermann Allmers nach dem Tode von Brommy für den Grabstein schreiben wird, enthält noch etwas vom Geist von 1848:

Karl Rudolf Brommy ruht in diesem Grabe
Der ersten deutschen Flotte Admiral
Gedenkt des Wackren und gedenkt der Tage,
An schöner Hoffnung reich und bittrer Täuschung.

Fischer wickelt die deutsche Flotte ab. Auf der vor Brake liegenden Deutschland kommt jetzt alles unter den Hammer. Zuallerletzt ein Holzsarg. Fischer hat für nichts Respekt, die Ankerkette des des dänischen Linienschiffs, das 1849 vor ➱Eckernförde von den deutschen Batterien in Brand geschossenen wurde, galt der deutschen Marine als ein Symbol des Sieges. Fischer verkauft sie als Alteisen. Er hätte wahrscheinlich auch die Flagge des Flaggschiffs Barbarossa verkauft, aber die hatte Brommy mit nach Hause genommen. Sieben Jahre später wird sie seinen Sarg bedecken.

Friedrich Rückert schreibt in seinen ➱Kampfliedern für Schleswig- Holstein: O Hannibal, verrufner Fischer, Mein Hildburghausen schämt sich deiner; Du zeigtest dich verrätherischer Als gegen uns der Dänen einer... Und der Zoologe Ernst Haeckel notiert in seinen Italienbriefen im Mai 1859: ... Gestern morgen hatten wir an der S. Lucia ein prächtiges Schauspiel. Wir waren früh eben vom Baden zurückgekehrt, als wir sechs mächtige Dampfschiffe nebeneinander am Horizont bemerkten, welche sich rasch näherten und um 9 Uhr hier einliefen. Es waren sechs große Kriegsschiffe der englischen Marine, darunter das größte derselben, "Marlborough", mit 131 Kanonen, eine wahre kolossale schwimmende Festung, gegen die alle andern Fahrzeuge wie schwimmende Zwerge aussahen. Das Schauspiel der Einfahrt in den Golf war ganz prächtig, wie sich die Schiffe, in eleganter Bogenlinie an der Breite des Hafens herumfahrend und sich präsentierend, dann gegenüber der S. Lucia vor Anker gingen und nun die übliche Salutkanonade begann, die, da das Admiralsschiff den Admiral an Bord hatte, besonders glänzend ausfiel.

Zuerst feuerte das Admiralsschiff seine mächtigen Salven, dann eines der Schiffe nach dem andern; hierauf wurde das Feuer von den Hafenbatterien, den Kastels und sämtlichen im Hafen liegenden neapolitansichen Kriegsschiffen, Fregatten, zuletzt auch von der amerikanischen Fregatte erwidert. Es war ein prächtiger Anblick, als die mächtigen Dampfwolken sich auf den dunkelblauen Spiegel lagerten und dann langsam und feierlich an den Bergen hinaufstiegen. Gestern und heute habe ich mich nicht genug an dem prächtigen Anblick der im Kreis grade vor der S. Lucia liegenden und von meinem Fenster aus bequem sichtbaren Kriegsdampfer erfreuen können. Heut nachmittag bin ich bei sehr hochgehender See in einer kleinen Barke zwischen ihnen herumgefahren und ihre kolossale Größe von außen bewundert. Wie würde mir das Herz schlagen, wenn das eine deutsche Flotte wäre!! O, Hannibal Fischer! - . . .

Hannibal Fischer, der die Flotte weit unter Wert verramscht hat (zwei Fregatten sichert sich Preußen, das jetzt eine eigene Flotte aufbaut), wird im Juli 1853 als Bundeskommissar entlassen. Er sieht sich als Märtyrer, wie er mit seinem Buch Politisches Martyrthum deutlich macht. Wie sein Martyrium ausgesehen hat, können Sie hier in der Zeitschrift ➱Die Gartenlaube nachlesen. Die Redaktion fühlte sich bemüßigt, das nölende Lamentieren mit einem ganz wunderbaren Zusatz zu versehen: Wir entnehmen diese Skizze dem soeben unter dem Titel: Politisches Martyrthum, eine Kriminalgeschichte mit Aktenstücken, erschienenen Buche des durch seine koburger Gefangenschaft neuerdings wieder oft besprochenen einstigen Flottenauctionators und weiland lippe’schen Staatsmininster Hannibal Fischer. Wie weit die hier mitgetheilten Thatsachen auf Wahrheit beruhen, wollen und können wir nicht untersuchen, eben so wenig, wie wir den Standpunkt und die oft kläglichen politischen Auslassungen des Verfassers einer Kritik unterwerfen mögen, die z. B. das sogenannte politische Maryrthum dieses Mannes in einer für ihn sehr unangenehmen Weise beleuchten würde, jedenfalls sind aber die Mittheilungen nicht ohne Interesse und geben ein ganz hübsches Bild jüngstvergangener vaterländischer Zustände. D. Redakt.

Das klingt sehr aktuell. Wenn wir das ein klein wenig umschreiben, können wir es auch auf ➱Alexander Gauland beziehen.


Noch mehr zu dem Thema Reichsflotte finden Sie in den Posts: Admiral Brommy, Arnold DuckwitzHermann Allmers, Farbsymbolik, Friedrich von Noer, Provisorische Regierung, Admiral Thomas Cochrane, Adolph Bermpohl, Unsere Marine, Min Jehann, Hochwasser, Sommer in Lesmona

Samstag, 11. Juni 2016

Gauland (kariert)


Bekommt man viele Leser, wenn man einen Post Gauland betitelt? Oder schreckt es die Leser ab? Der Name Gauland hat ja etwas Negatives, aber neuerdings redet jeder über ihn. Es ist die silly season, und da passt der Gauland prima, silly ist er auf jeden Fall. Wie gebannt starrt die Presse auf einen 75-jährigen Herrn in karierten Jacketts, der bei ➱Anne Will als ein Objekt aus einer anderen Zeit vorgeführt wurde: Im weiteren Verlauf des Abends bot Gauland allerdings weitere Wissens- oder Wahrhaftigkeitslücken, derart dass man zu schwanken begann zwischen Verwunderung über das inzwischen im Fernsehen Sagbare und einem gewissen Bedauern für einen bitteren Mann, der die Nationalmannschaft von 1954 als die letzte klassisch deutsche erinnert und eventuell noch die von 1974 mit Müller und Maier. 

An die Mannschaft von 1954 kann ich mich noch gut erinnern, eine Hälfte davon habe ich im Volksparkstadion gesehen, als Kaiserslautern 1954 gegen Hannover unterging (lesen Sie dazu ➱1954 und ➱Hannover 96). Aber ich habe 1954 auch den Franzosen Ben Barek gesehen und für ihn geschwärmt. Auf die Idee wäre Gauland wohl nicht gekommen. Der Fußballexperte der AfD hat allerdings von den Franzosen gelernt: die beiden Le Pens haben ihre Nationalmannschaft schon vor Jahren beleidigt. Selten erinnert die Presse heutzutage an die Gauland Affäre. Die habe ich in dem Post ➱ächt deutsch erwähnt, Gauland hat damals unter Eid gelogen. Und lügen tut er immer noch. Auch wenn er da oben vor einem Plakat sitzt, das Mut zur Wahrheit verspricht.

Ich hatte am Wochenende ein nagelneues fettes BMW Cabrio vor mir auf der Straße. Nummernschild: Potsdam. Da habe ich mir gedacht, dass das ein Nachbar von Gauland sein muss. Denn der wohnt in Potsdam, nicht in Kreuzberg, wo ➱Texas-Willi mal Bürgermeister war (und ich mal eine Woche Streetworker war). Ein wenig weiter von Herrn Gauland wohnen Günther Jauch und ➱Wolfgang Joop (die Villa Rumpf ist inzwischen in Villa Wunderkind umgetauft worden). In diesen schmucken Häusern, die man auf dem Photo sieht, wohnt der AfD Politiker natürlich nicht, das sind die Plattenbauten im armen Süden von Potsdam. Aufgerüscht, aber immer noch Plattenbau.

Wenn man in Potsdam wohnt, dann wohnt man hier. Leider sind das alles ein klein wenig kriminelle Bausünden, die den Status des Weltkulturerbes gefährden. Das interessiert Alexander Gauland natürlich genau so wenig wie die Plattenbauten, die kennt er ja noch aus seiner Jugend. Er kommt aus Chemnitz, angeblich dem feinen Teil von Chemnitz. Aber das hat er hinter sich gelassen, jetzt gibt er den Weltmann mit dem englischen Jackett, der in Il Teatro seinen Rosé schlürft.

Die Bausünden von Berlin fielen solange nicht auf, als es die DDR und die Mauer gab. Da musste Berlin am Leben erhalten werden. Da konnten Millionen verschleudert werden. Da wanderte selbst diese Blondine (die mal mit dem Texas-Willi verheiratet war) nicht ins Gefängnis, obgleich sie da eigentlich hingehörte. Das Photo hier zeigt sie vor dem Untersuchungsauschuss zum Steglitzer Kreisel.

Die Blondine oben wirkt kein bisschen schuldbewusst, er hier dagegen schon. Das ist Alexander Gauland im Hessischen Parlament zur Zeit der Affäre, die seinen Namen trägt. Wir beachten bitte das furchtbare karierte Jackett und den seltsamen Schlips. Ich bin ein Produkt der Umerziehung, hat der Mann aus Chemnitz gesagt, den es nach dem Westen drängte: der Westen hatte eine geistige Dimension und die fand ich in London und Washington, in Edinburgh und San Franzisko. Und jetzt in Potsdam.

Berlin und Umgebung haben immer aus Bausünden und Gegensätzen von Arm und Reich bestanden. Ich kann da nur die Lektüre des Buches von Werner Hegemann Das steinerne Berlin: Geschichte der größten Mietskasernenstadt der Welt empfehlen (man kann bei Google Books eine ganze Menge von dem Klassiker lesen). Auf der anderen Seite gibt es die Bücher von Harry Balkow-Gölitzer, die kulturgeschichtlich für die feinen Viertel wie Dahlem und Lichterfelde etc. manchmal ganz interessant sind. Über Potsdam hat er keinen Band geschrieben. Was wohl daran liegt, dass eine Gegend wie Wannsee als Wohngegend schon länger fein war als Potsdam.

Potsdam war Friedrich der Große, Sanssouci und eine Militärstadt (öde Kasernenstadt hat Alexander von Humboldt gesagt), aber da wohnte man nicht. Man wohnte eher in Wannsee. Gegründet als Sommersiedlung von dem Entrepreneur Wilhelm Conrad, der dafür sorgte, dass es sogar eine eigene Bahnlinie gab, die Wannseebahn (die später auch bis Potsdam ging). Bekam nach ihrem Schöpfer Conrad sofort den Namen Wahnsinnsbahn auf Conrädern oder auch Bankierszüge. Im Sommer bezog die feine Berliner Gesellschaft ihre Residenz in den Villenkolonien. Mein Freund Jimmy wohnt noch immer in dem Haus, das sein Großvater einst in Wannsee als Sommersitz hatte bauen lassen.

Alexander Gauland ist bei seinen Nachbarn nicht sonderlich beliebt: Keiner hier möchte Herrn Gauland als Nachbarn haben. Der hat hier den Spitznamen Gauleiter. Den Nachbarn kann geholfen werden. Die Firma Sixt bietet LKWs für den Umzug mit dem Werbespruch Für alle, die einen Gauland in der Nachbarschaft haben an. Ende April hat man die repräsentative Villa (die allerdings kleiner als die Villa von ➱Oskar Lafontaine ist), in der Herr Gauland eine große Wohnung hat, mit Farbbeuteln beworfen.

Es ist eine kleine Ironie unserer Zeit, dass ich just in dem Augenblick über ➱Erwin Kostedde schrieb, als am nächsten Tag Gaulands Äußerungen über Boateng in den Zeitungen standen. Erwin Kostedde war der erste Farbige in der deutschen Nationalmannschaft, er hatte damals viel auszuhalten. Die Gaulands dieser Welt gab es schon immer.

Den Jérôme Boateng kennt Gauland natürlich gar nicht, er wusste auch nicht, dass der ein Farbiger ist. Hat das arme unschuldige Opfer der Lügenpresse, der natürlich ein Biedermann und kein Brandstifter ist, am Abend bei Anne Will gesagt (es gibt hier eine schöne ➱Zusammenfassung). Was er dort zu sagen hatte, war zum Teil schreiend komisch. Wenn es nicht so traurig wäre. An das Niveau von Bilgin Ayata kam er nicht ansatzweise heran. Und dabei gilt er als der Intellektuelle seiner Partei. Das auf dem Photo ist nicht der echte Jérôme Boateng, das ist der CDU-Abgeordnete Sven Petke vor drei Tagen im Potsdamer Landtag.

Dies ist auch nicht der echte Jérôme Boateng, aber er heißt auch Boateng, Ozwald Boateng. Der trägt keine karierten Tweedjacketts. Der spielt nicht Fußball, der macht rattenscharfe Anzüge für englische Gentlemen, wenn es sein muss auch mit Karos. Die ➱Königin hat ihm den Order of the British Empire verliehen. Er ist Millionär wie Jérôme Boateng, in seiner Nachbarschaft wird es wohl keine Gaulands geben. Da wir gerade in England sind, hätte ich Herrn Gauland noch Paul Boateng anzubieten, der der jetzt Lord Boateng ist. Ich will damit nur andeuten, dass alle diese Boatengs berühmter sind als Herr Gauland. Dass sie allerdings keine karierten Jacketts tragen.

Der Herr Gauland trägt auch kurzärmlige Hemden mit Schlips. Hier könnten wir eigentlich jetzt schon aufhören. Wenn man kurzärmlige Hemden mit Schlips trägt, dann ist man gesellschaftlich erledigt! Die kurzärmligen Hemden verschwinden bei Gauland normalerweise unter karierten Jacketts, die er ➱Sommer wie Winter trägt. Er ist ja so anglophil, der Spiegel hat ihn in einem Artikel als ➱Dr Tweed bezeichnet. Darauf möchte ich heute eingehen. Nicht jeder findet ihn in diesen Jacken so großartig: Könnten „die Leute“ dem Gauland nicht mal flüstern, dass seine dicken braunen und allzu oft karierten Tweed-Jacketts ihm nicht gerade stehen? kann man im Internet lesen.

Die karierten Jacketts trug er schon, als er noch Staatssekretär in Hessen war. Damals fuhr er einen Mini Cooper, heute einen Jaguar. Weil er so anglophil ist. Den Jaguar parkt er immer im Halteverbot, weil er er eben ein Herrenmensch ist: Parkverbote finde ich lässlich. Die kann man auch brechen. Leider wird er immer von diesen Knallchargen von Polizisten aufgeschrieben. Er war mal drei Wochen in England, war aber auch ein Jahr Presseattaché am deutschen Generalkonsulat im schottischen Edinburgh. Hat der Dr Tweed jemals Fontane Jenseit des Tweed gelesen? Oder das wunderbare Major Thompson entdeckt die Franzosen? Das ist ein Werk der Satire, die Illustration auf dem Umschlag auch. Nicht alle Engländer sind so kariert.

Der Aufenthalt in Schottland verstärkt Gaulands Hang zum Britischen, der nicht zuletzt begründet wird durch das BBC-Radioprogramm, das er in der Ostzone hört; von dort flieht er als Achtzehnjähriger. Gauland fährt britische Autos und trägt Glencheck-Sakkos. Bis heute, gegen jeden Modetrend, schreibt die FAZ. Das Photo zeigt ihn in der Zeit, als er noch der Schlattenschammes von Wallmann war. Offensichtlich hat man ihm in Schottland nicht erzählt, dass man niemals weiße Hemden zu Tweedjacketts trägt.

Gauland hat auch ein Buch über das Haus Windsor geschrieben, ist allerdings in seinen historischen Ausführungen in dem steckengeblieben, was man Whig historiography nennt. Also im 19. Jahrhundert, das scheint dem Mann, der Deutschland in eine Melange aus Bismarck-Reich und arischer Nation zu verwandeln will (sagt die FAZ), das liebste zu sein. Gaulands Schriften zu England sind bei mir schon lange aus dem Regal in die blaue Tonne gewandert. Ein englischer Forschungsbericht beschrieb das Buch über die Windsors folgendermaßen: This highly impressionistic account of the English and British monarchy from the Middle Ages to the present is written for a popular market. Mehr braucht man nicht zu sagen.

Gaulands Jacketts sind ein vestimentäres Symbol, wahrscheinlich ist der Adelsexperte der ARD ➱Rolf-Seelmann Eggebert sein Vorbild bei der Kleidungswahl gewesen. Über dessen Jacken redet niemand, weil man ihn schon beinahe für einen Engländer hält (die Queen hat ihm auch englische Orden verliehen). Doch Gauland, geistiger Nachfolger von Thilo Sarrazin, hat es geschafft, dass man ihn mit seinen Jacketts identifiziert:

Insofern war es kein Wunder, dass Gauland am Sonntagabend die Tweed-Rüstung überstreifte, sein anglophiles Jackett, und aus Potsdam zu Anne Will nach Berlin kam. Schlafen kann er ja wahrscheinlich sowieso nicht, weil er selbst in der Nacht an sein überflutetes deutsches Land denkt. Jedenfalls kamen Gauland und das Jackett zu Anne Will, um über Gauland und über Fremdenfeindlichkeit zu reden, was nach Auffassung seiner Kritiker beinahe dasselbe ist.

Also, dieser Herr hier darf das tragen, bei ihm ist das keine Rüstung. Irgendwo auf dem Lande kann man so herumlaufen. Wir sehen aber, dass er kein weißes Hemd trägt. Das Tweedjackett von Charles sitzt wie eine zweite Haut, das von Gauland schlabbert nur herum. Der Held des Romans Brideshead Revisited muss sich, kaum in Oxford immatrikuliert, von seinem Cousin sagen lassen: Clothes. Dress as you do in a country house. Never wear a tweed coat and flannel trousers—always a suit. And go to a London tailor; you get better cut and longer credit. Keine Tweedjacketts! Und Debrett's Etiquette and Modern Manners sagt dazu: A combination of sports jacket and flannel trousers in town usually means the wearer is an American or European.

Für ➱Friedrich Sieburg war das anders, bei ihm konnte man 1961 in der Essaysammlung Lauter letzte Tage lesen: Es ist bezeichnend, daß die vor ungefähr dreißig Jahren von England übernommene Gewohnheit der Flanellhose mit der andersfarbigen Tweedjacke, die keine endlosen Variationen zuläßt, niemals monoton wirkt und für den Mann heute nahezu die einzige Möglichkeit bietet, sich gut und persönlich anzuziehen. Der Kontrast zwischen Hose und Rock und vor allem die verschiedenen Stoffqualitäten des letzteren sind Gelegenheiten, noch eine freie Wahl zu üben. Und dieser Herr darf natürlich karierte Jacken tragen wie er will - er hat sie erfunden: I believe in bright checks for sportsmen. The louder they are the better I like them. Aber mit Blick auf Gauland sei gesagt: quod licet Iovi non licet bovi.

Sind Sie wirklich sicher, dass das Jackett zu Ihrer Hose passt? fragt Marlene Dietrich ➱Gary Cooper in dem Film Desire. Da sind die großen Karos schon nach Hollywood gekommen. Weil ja beinahe alle Stars einen Schneider in London hatten, häufig denselben (zum Beispiel ➱Frederick Scholte), der auch die Klamotten für den Prince of Wales machte. Der Film ist aus dem Jahre 1936. Es ist das Jahr, in dem Werner Hegemann im amerikanischen Exil stirbt (und Gaulands Vater seinen Posten als Polizeichef von Chemnitz verliert). Da war Alexander Gauland noch nicht geboren, aber damals bestand die deutsche Nationalmannschaft noch aus weißen Deutschen. Wahrscheinlich möchte Gauland in diese Zeit zurück.

Doch ist das wirklich englisch? Die Verkäufer bei Ladage & Oelke in Hamburg, die den Kunden überteuerte Jacketts von Eduard Dressler mit dem Hinweis echt englisch verkaufen, werden das bejahen. Bei Cordings und Bladen ist man darauf vorbereitet, dass Touristen so etwas kaufen. Allerdings gibt der Untergang der Firma Dunn & Co doch zu denken. Der größte Verkäufer von Tweedjacketts in England veröffentlichte nämlich vor zwanzig Jahren eine Erklärung, dass man den Geschäftsbetrieb einstellen würde. Die Klienten stürben langsam weg. Und die noch lebten, dächten bei der Langlebigkeit eines Dunn & Co Jacketts nicht an einen Neukauf (die Firma dachte dabei wohl an Menschen wie Herrn Gauland).

Allein von der Ausstattung von ➱Rosamunde Pilcher Filmen und englischen TV Serien mit Tweed Jacketts konnte die Firma nicht leben. In Fernsehserien wird noch das karierte Jackett propagiert. Auf den grassierenden ➱Tweed Runs auch. Dieser Herr hier wird sich sehr englisch vorkommen, aber eigentlich ist er nur eine Karikatur der Englishness. Ich zitiere dazu Kennedy Frazer, die einmal im New Yorker schrieb: Englishness or Americanness is as accessible to the French, the Italians, or the Japanese as it is to the fashion designers or the inhabitants of its country of origin... 

This Englishness is once removed from the modern, postwar Britain they [fashionable British young people] grew up in. It is a confident, insular, countrified style filtered down through nostalgic films, television programs, and advertisements. It is only one of the styles that British fashion designers work in, and it is not necessarily their most colloquial or their most authentic. They examine Englishness partly in response to foreign enthusiasm for it. Just as the French or the Italians give anglophilia their particular signature, the British regard it in their own way, with an attitude that is inevitably tinged with irony. Sometimes fashionable young British people see Englishness as a purely foreign idea and prefer to buy it in a French or Italian Version. Ich weiß, dass das schon in Trenchcoats stand, aber ich wiederhole es gerne.

Ein Jahr nachdem Gary Cooper sein kariertes Jackett in Desire trug, reist der junge Tierarzt James Herriot nach Darrowby in den Yorkshire Dales zu dem Tierarzt Siegfried Farnon, der ihm eine Anstellung als Assistent angeboten hat. Ich rede natürlich von ➱Der Doktor und das liebe Vieh, einer Serie mit viel Tweedjacketts. Wenige so kariert wie das von Gauland. Auch in diese Welt passt er nicht, selbst wenn er gelbe Hunde auf seinem dunkelgrünen Lieblingsschlips hat. Wo bringen wir ihn bloß unter?

Der Mensch ist zu einer beschränkten Lage geboren; einfache, nahe, bestimmte Zwecke vermag er einzusehen, und er gewöhnt sich, die Mittel zu benutzen, die ihm gleich zur Hand sind; sobald er aber ins Weite kommt, weiß er weder, was er will noch was er soll, und es ist ganz einerlei, ob er durch die Menge der Gegenstände zerstreut oder ob er durch die Höhe und Würde derselben außer sich gesetzt werde. Es ist immer sein Unglück, wenn er veranlaßt wird, nach etwas zu streben, mit dem er sich durch eine regelmäßige Selbsttätigkeit nicht verbinden kann (Goethe, Wilhelm Meister).


Wenn Sie noch mehr zum Thema Gauland lesen wollen, sind Sie in diesem Blog falsch. Wenn Sie noch mehr zum Thema Englishness lesen wollen, sind Sie in diesem Blog goldrichtig. Lesen Sie doch: 18th century: Fashion, Trenchcoats, overcoats, Sportjackett, Inspector Barnaby und die Mode, Rückenschlitze, Beinkleider, Notting Hill, Mr. Stringer, Kulturwandel, P. G. Wodehouse, Royal Flying Corps, Querbinder, Trevor Howard, Tänzer, ['bɜ:bərᴗi], Herrenausstatter, TyroneDerrick, The Go-Between, Haikragen, saudade

Freitag, 10. Juni 2016

EM


Jetzt geht das wieder los. Wochenlang Fußball. Ich hoffe, dass Sie sich die DVD mit ➱Bo Widerbergs Film Fimpen schon bestellt haben. Wenn Sie sich auf die Europameisterschaft schon einmal einstimmen wollen, könnten Sie hier die Posts ➱Schicksalspiel und ➱1954 lesen. Morgen gibt es auch ein bisschen Fußball, der Post handelt von dem renommierten Fußballexperten hier links im Bild. Beziehungsweise von seinen karierten Jacketts. Die sind ja das Wichtigste an ihm.

Mittwoch, 8. Juni 2016

Bo Widerberg


Ist er wirklich schon beinahe zwanzig Jahre tot? Seine Filme laufen immer noch in meinem Kopf. Wie Lust och fägring stor, diese amour fou einer schwedischen Lehrerin zu einem Schüler. Der Film spielt während des Zweiten Weltkriegs in Malmö, der Stadt, in der Bo Widerberg am 8. Juni 1930 geboren wurde. Wo auch Widerbergs erste Filme spielten. Vielleicht ist manches in Lust och fägring stor autobiographisch, autobiographische Elemente kann man bei ihm immer wieder entdecken.

Lust och fägring stor (Schön ist die Jugendzeit) ist sein letzter Film gewesen. Hier sehen wir ihn mit Anita Ekberg, die sollte eigentlich in seinem dritten Spielfilm Roulette der Liebe mitspielen, aber dann war es zu einem Streit gekommen. Dabei hätte die Schwedin, die durch ➱La Dolce Vita berühmt wurde, sich hier doch wohlfühlen können. Widerbergs Film war ein bisschen Fellini, ein bisschen ➱Michelangelo Antonioni, aber kein bisschen Widerberg.

Er hätte es besser wissen müssen, denn schon als Filmkritiker hatte er ➱Bergman in seiner Essaysammlung Visionen i svensk film (1962) vorgeworfen, dass seine Filme keinen Realitätsbezug haben. Widerberg wollte ein neues Kino für die sechziger Jahre. Die Franzosen und die Engländer hatten so etwas (und selbst in Deutschland gab es einen neuen Film), die Schweden lebten von Ingmar Bergman und dem Export von blonden ➱Schwedinnen in das Kino weltweit. Bo Widerberg wird dem schwedischen Film ein anderes Gesicht geben. Er ist kein zweiter Bergman, er ist eher der Ken Loach des schwedischen Films. Sein erster bedeutender Film war Kvarteret Korpen (➱Raven's End), der ein Erfolg auch außerhalb Schwedens wurde. In amerikanischen Filmclubs wird das Sozialdrama immer wieder gezeigt.

Mit Thommy Berggren (hier in Widerbergs erstem Spielfilm ➱Barnvagen) hatte er einen Schauspieler entdeckt, den er für viele Filme einsetzen konnte. Vor allem in dem Film, der so ganz im Gegensatz zu den kleinen Dramen der Arbeiterklasse steht, die die ersten Filme Widerbergs ausmachen. Und damit meine ich jetzt natürlich Elvira Madigan, ein Film, der schon in den Posts ➱Elvira Madigan und ➱Liebestod besprochen wird. Und natürlich in ➱Klavierkonzert No 24.

Jetzt hätte Widerberg einen Liebesfilm mit schönen Kostümen nach dem anderen drehen können, aber er denkt nicht daran. Er dreht mit Adalen 31 einen Film (➱hier ganz zu sehen) über einen Streik in Schweden, der von der Armee blutig beendet wird. Vincent Canby schrieb damals über den Film: Widerberg is an enthusiastic but slightly schizoid director, torn between his loudly stated political activism and a barely controlled passion for visual images so lush they are intoxicating in a numbing way. Curiously, 'Adalen 31' works just because of this duality. Das mit den schönen Bildern (Canby sprach von Widerberg's light-filled images which are almost presumptuous in their evocation of the Renoirs, père et fils), das kann er seit Elvira Madigan nicht lassen. Das mit den schönen Frauen, hier Anita Björk, auch nicht.

Für ➱The Ballad of Joe Hill ist Widerberg nach Amerika gegangen, aber die Amerikaner mochten diesen Film über einen schwedischen Gewerkschaftsaktivisten nicht. War es das schlechte Gewissen, dass sie Joel Emmanuel Hägglund, der in Amerika zu Joe Hill wurde, hingerichtet hatten? Aber Joe Hill lebt weiter, man kennt noch die Songs, die er geschrieben hat. Und es sind genügend Songs über ihn geschrieben. Wie I dreamed I saw Joe Hill last night Alive as you or me Says I, But Joe, you're ten years dead I never died, says he I never died, says he. Das hat beinahe jeder gesungen, ich bringe mal die Version von ➱Paul Robeson. Und dann habe ich hier noch einen Song von ➱Phil Ochs (der ➱hier schon einen Post hat), wo er in der Anmoderation über einen Film redet: This song has been made into a movie starring Richard Burton as Joe Hill, and Elizabeth Taylor plays the industrial workers of the world. Das ist wirklich witzig.

Für Marika Lagercrantz (Tochter von Olof Lagercrantz und einmal Botschaftsrätin in Berlin) schwärme ich, seit ich sie 1989 in Landstrykere (die Knut Hamsun Verfilmung ist ➱hier ganz zu sehen) gesehen habe, ich habe mir sogar die DVD besorgt. Von Widerbergs letztem Film Lust och fägring stor auch. Wegen Widerberg. Und wegen Marika. Der Film hat eine Oscar Nominierung bekommen. Und den Silbernen Bären und den Blauen Engel in Berlin, es ist schön, dass Bo Widerberg das noch erleben konnte. Nicht, dass der Mann, der all seine Drehbücher selbst geschrieben hat, keine Filmpreise in seinem Leben erhalten hätte, so ist es nicht.

Und dann hätte ich zum Schluss noch den ultimativen Filmtip für die Europameisterschaft (ich habe den Film schon vor vier Jahren in dem Post ➱Wundliegen empfohlen), nämlich Widerbergs Film ➱Fimpen. Der beste Fußballfilm aller Zeiten steht auf der DVD, stimmt auch. Für Erwachsene und für Kiddies ab sechs. Bo Widerberg ist in diesem Blog kein Unbekannter, er ist immer wieder erwähnt worden. So in den Posts Elvira Madigan, Liebestod, Klavierkonzert No 24, Wundliegen, John Schlesinger


Montag, 6. Juni 2016

Kometenschwanzleben


Eichen kann er gut malen, der Georg Heinrich Crola, der am 6. Juni 1804 geboren wurde. Wahrscheinlich hat er bei Caspar David Friedrich das Malen von deutschen Eichen gelernt, gegen seine Eichen ist nichts einzuwenden. Blitzsauber. Wunderbar für die Kunstpostkarte geeignet. Auf der Wanderschaft durch den Harz und Franken kam er 1830 nach München, wo er bis 1838 verblieb und sich zu einem ausgesprochenen Maler des deutschen Eichenwaldes, namentlich durch Motive bei Murnau angeregt, entfaltete, den er auf Grund eifrigen Naturstudiums als stimmungsvolles Motiv beherrschen lernte, sagt die Deutsche Biographie. 

Die Kunsthalle Kiel besitzt von Crola ein Werk aus der Münchener Zeit. Heißt Die Alpenspitze bei Partenkirchen. Ist noch in der Zeit von Titelnot als Direktor der Kunsthalle (lesen Sie ➱hier mehr) von der Galerie von Negelein gekauft worden, ➱Jens Christian Jensen wäre wohl nicht auf die Idee gekommen, so etwas anzukaufen. Ich finde das Bild scheußlich. Aber Georg Heinrich Crola ist heute nicht in diesem Blog, weil er ein guter Maler war, sondern weil er das schöne Wort Kometenschwanzleben erfunden hat.

Hier haben wir noch mal eine Eiche, mit einem aufziehenden Gewitter über dem Chiemsee. Die Wellen des Chiemsees gefallen mir nicht so sehr. Sie haben wenig mit wirklichen Wellen zu tun. Sehen eher so aus, als wären sie aus der holländischen Marinemalerei geklaut. Dazu würde passen, was John Ruskin über die Wellen von ➱Ludolf Bakhuizen gesagt hat: the small waves en papillote, and peruke-like puffs of farinaceous foam, which were the delight of Backhuysen and his compeers.

Das Gewitter am Chiemsee (das von Georg Heinrich Busse in Kupfer gestochen wurde und so eine große Verbreitung bekam) ist ja nett für einen Kupferstich oder eine Kunstpostkarte, viel mehr nicht. Obgleich sich Crola bemüht hat, diesen Augenblick wiederzugeben, in dem wir zweierlei Licht im Bild haben: das eigenartige gelbe Restlicht, schon leicht angefressen, und die Dunkelheit der Gewitterwand. Das haben, seit Ruisdael seinen Judenfriedhof gemalt hat, immer wieder Maler auf die Leinwand zu bannen versucht.

Hier ist es der amerikanische Maler Martin Johnson Heade, der zu den Luministen gerechnet wird (die ➱hier schon einen Post haben), der noch ein Restlicht in sein Gewitter malt. Ich bin auf das geheimnisvolle Phänomen, das man so häufig am Himmel sehen kann, schon in den Posts ➱Hintergrund und ➱Richard Oelze eingegangen.

Der Chiemsee hat immer wieder Maler angezogen, der liebste der Chiemseemaler ist mir ➱Albert Stagura. Stagura malt in der freien Natur, beinahe immer allein. Er trägt eine ➱Lodenjacke, einen Filzhut und raucht immer eine Zigarre. Das erwartet man von einem Künstler. Er kann die Zeichen der Natur voraussagen, er ist stolz darauf, dass er eine halbe Stunde vorher einen Wetterwechsel erkennt. Also ihm wäre das nicht passiert, dass er wie Heinrich Drendorff im Gebirge vor einem Gewitter Schutz suchen muss. Und so bleibt ihm auch der Freiherr von Risach mit dem sanften Gesetz erspart. Uns als Lesern von Stifters Nachsommer leider nicht (Freunde von Adalbert Stifter lesen jetzt bitte diesen ➱Post).

Die ständig wechselnden Stimmungen des Lichts, wenn die Wolken aus Italien über die Chiemgauer Alpen hereingeschossen kommen, das ist sein Thema. Er ist in seinen Bildern manchen Malern der Haager Schule, die ➱licht en lucht einfangen, wie zum Beispiel Hendrik Weissenbruch, sehr ähnlich. Er ist zwar einmal in Holland (und auch einmal in Venedig) gewesen, aber diese Aufenthalte haben ihm nichts gegeben. Wenn man die bayrischen Alpen liebt, ist Holland nichts für einen.

Die Gewitterstimmungen von Albert Stagura auf den beiden Bildern oben sind natürlich viel besser als das Bild von Crola. Es stellt sich nur die Frage, ob der Maler en plein air dies Gewitter hier hätte kommen fühlen. Das ist ein Photo vom Chiemsee aus dem Jahre 2012, als ähnliche ➱Gewitter, wie Bayern sie in der letzten Woche erlebte, über den Chiemsee tobten.

Heinrich Crola kam 1825 nach Dresden und wurde Schüler von Caspar David Friedrich und Johan Christian Clausen Dahl. Sein Geld verdiente er als Dosenmaler (sein Großvater war ein berühmter Porzellanmaler gewesen) bei einem Dresdner Fabrikanten, er war damit nicht unglücklich: Der Erwerb durch die Dosenmalerei ging mir leicht von der Hand. Dadurch konnte ich auch meinen sehnlichen Wunsch erfüllen, einige Wochen in der Sächsischen Schweiz zuzubringen, versichert er uns in seinen Erinnerungen.

1828 wird der Herzog von Coburg-Gotha (der Vater von Victorias Ehemann ➱Albert) beim sächsischen Kronprinzen einige Arbeiten von Crola bewundern. Und schon hat er einen Vertrag beim Herzog und darf Schlösser und Landschaften rund um Gotha malen (dies hier ist nicht Gotha, dies ist die biedermeierliche Elbe bei Loschwitz). Aber das Leben als Auftragsmaler gefällt ihm partout nicht, er hat diese romantische Idee vom ➱Künstler auf Wanderschaft. Eichendorff würde sagen: Mich brennts in meinen Reiseschuhn, Fort mit der Zeit zu schreiten.

Crola bezeichnet das Leben in Abhängigkeit vom Herzog als Kometenschwanzleben, ein wunderbares Wort. Er verlässt den Herzog und das freie Quartier auf dem Seeberg: Das Kometenschwanzleben in Coburg und Gotha wurde mir von Woche zu Woche zuwider. In Gotha war mir auf dem Grimmstein eine Wohnung auf dem vom letzten Gothaischen Herzog her bekannten Observatorium angewiesen worden. Von der Höhe dieses Schlosses gewahrte man in duftiger Ferne den blauen Streif des Brockengebirges. Täglich richtete ich mit sehnsüchtigem Verlangen das Fernglas hinüber.

Der Herzog lässt den jungen Mann gerne gehen: Meine Manieren fanden bei besonderen Gelegenheiten so wenig Beifall, dass der Herzog mich eines Tages wissen liess, er wolle mich nicht abhalten, unabhängig von seinen Diensten meine Studien fortzusetzen. Von nun an malt er keine Dosen keine gothaischen Schlösser mehr. Jetzt gibt es kein Kometenschwanzleben mehr, jetzt ist er ein freier Mann, um geradewohl in das offene Meer des Lebens hineinzusegeln. Im Ilsetal wird er die Berliner Malerin und Bankierstochter Elisabeth Fränkel kennenlernen. Und heiraten. Wenn man eine Bankierstochter heiratet, dann hat man kein Kometenschwanzleben mehr.