Montag, 20. März 2017

Vera Lynn


Vera Margaret Welch, die wir besser als Vera Lynn kennen, feiert heute ihren hundertsten Geburtstag. Wozu ich Dame Vera, die man einmal The Forces' Sweetheart nannte, ganz herzlich gratuliere. Die weißen Klippen von Dover werden sich heute durch eine Lichtinstallation ein wenig verändern. Und es gibt passend zu dem Jubeltag auch eine neue CD. Da ist natürlich auch There'll Be Bluebirds Over The White Cliffs of Dover drauf. Und da hören wir hier einmal hinein. Und dies hier müssen Sie auch anklicken.

I'll never forget the people I met
Braving those angry skies;
I remember well as the shadows fell,
The light of hope in their eyes.
And tho' I'm far away,
I still can hear them say 'Thumb's up!'
For when the dawn comes up:

There'll be bluebirds over the white cliffs of Dover
Tomorrow, just you wait and see.
There'll be love and laughter and peace ever after,
Tomorrow, when the world is free.

The shepherd will tend his sheep,
The valley will bloom again,
And Jimmy will go to sleep,
In his own little room again.

There'll be bluebirds over the white cliffs of Dover
Tomorrow, just you wait and see.
There'll be love and laughter and peace ever after,
Tomorrow, when the world is free.

I may not be near but I have no fear.
Hist'ry will prove it too,
When the tale is told 'twill be as of old
For truth will always win through;
But be I far or near,
That slogan still I'll hear, 'Thumbs up!'
For when the dawn comes up:

There'll be bluebirds over the white cliffs of Dover
Tomorrow, just you wait and see.
There'll be love and laughter and peace ever after,
Tomorrow, when the world is free.


Samstag, 18. März 2017

Berliner Mode


Ich weiß nicht mehr, bei welchem jüngeren deutschen Autor ich es gelesen habe, ich kriege das Zitat auch nicht mehr richtig zusammen. Aber die beiläufig mit einem gewissen Hass dahingestreuten Sätze gingen dahin, dass den Berliner Männern jegliche Eleganz fehle und die Berliner Schneider überhaupt nichts von ihrem Handwerk verstünden. Ich glaube, es stand irgendwo bei Peter Schneider, der ja zur Stadt Berlin viele literarische Liebeserklärungen abgegeben hat, die noch einmal dieses hedonistische Ambiente von vor 1989, das Leben in der ästhetisierten Sumpfblüte Westberlin, wo die Welt noch in Ordnung war hervorriefen.

Das klingt im Jahre 1852 ganz anders, wo die Menschen sich mit ihrer Biedermeier Garderobe in der Granitschale im Lustgarten (hier ein Bild von Johann Erdmann Hummel) spiegeln können. Und wo man in einem Magazin lesen kann: Auch die Anzüge sind in Berlin bis auf die Besucher der öffentlichen Locale zweiter und dritter Klasse herab, weit geschmackvoller. Der Berliner kleidet sich stets mit einer gewissen Zierlichkeit. Aber wahrscheinlich stimmt die Sache mit der mangelnden Eleganz, wir brauchen ja nur in unserer eigenen Stadt einmal durch die Straßen zu gehen und die Herren der Schöpfung anschauen. Warum soll es in Berlin anders sein?

An dem Satz von Lagerfeld mit der Jogginghose ist sicher etwas dran. Der Engländer Nik Cohn wusste schon, weshalb er seine Geschichte der englischen Herrenmode mit Today there are no gentlemen betitelte. Bernhard Roetzel hat sich am 1. Januar dieses Jahres in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung über den Niedergang der Kleidungskultur geäußert, so etwas Ähnliches hatte Jens Jessen schon im Jahre 2004 in der Zeit gesagt. So elegant wie die Berliner Modeschöpfer Gerd Staebe und Hans Seger, die F.C Gundlach 1957 in einer Villa in Dahlem photographierte, ist der Durchschnittsberliner sicherlich nicht. Damals nicht, heute erst recht nicht. Es fehlt die gewisse Zierlichkeit.

Wir müssen ein wenig zurückgehen in der Geschichte Berlins, wenn wir den Beginn von Berlin als Modemetropole festmachen wollen. Wobei wir die Schneiderrevolution von 1830 mal draußen vor lassen. Schneider gab es schon immer in Berlin, da können wir bis ins Mittelalter zurückgehen, als Berlin noch ein kleines Kaff ist. Und die Hugenotten, die der Große Kurfürst willkommen heißt, bringen uns nicht nur die Familie Fontane, sondern auch viele Schneider und Schneiderinnen, Putzmacher- und Posamentenmacherinnen (auf dieser Seite findet sich eine interessante Geschichte der Schneider in Berlin, die ja zu häufig nur Militärschneider waren). Aber wir springen jetzt einmal in die 1830er Jahre, in denen die Konfektion in Berlin entsteht.

Das hier ist Valentin Manheimer, der sich an seinem siebzigsten Geburtstag von Anton von Werner hat malen lassen, er konnte es sich leisten, von dem Malerfürsten gemalt zu werden. Bei seinem Tod wird er ein Vermögen von mehr als zehn Millionen Mark hinterlassen. Manheimer war zusammen mit Herrmann Gerson der erste, der in einem Laden vorgefertigte Kleidung des sogenannten Stapelgenres verkaufte. Manheimer wird mit seinen Damenmänteln zum Berliner Mantelkönig. Diese Damenmäntel aber wurden in Berlin so perfektioniert, daß der Berliner Mantel zu einem Gütebegriff in der ganzen Welt wurde und es bis heute geblieben ist! Seither bilden die „Mantelkönige" die Spitze in der Hierarchie der Konfektion, schreibt Brunhilde Dähn in ihrem plaudernd geschriebenen Buch Berlin, Hausvogteiplatz: über 100 Jahre am Laufsteg der Mode.

Das Ende der 1830er Jahre ist die Geburtsstunde der Konfektion, die sich um den Hausvogteiplatz herum ansiedelt. Das Bild zeigt das Kaufhaus von Herrmann Gerson, das sich schnell zu Berlins führendem Kaufhaus entwickelt hat. Berlin wird zu einer Stadt der Haute Couture, die sich mit Paris messen kann: Die Geschichte der Berliner Konfektion ist zugleich die Geschichte derjenigen deutschen Industrie, die sich als erste den Weltmarkt eroberte und den Ruf von deutscher Arbeit und deutschen Gewerbefleißes in die fernsten Länder trug. Das Zitat aus dem Confektionair von 1900 findet sich wiederum bei Brunhilde Dähn, deren Buch 1968 im Göttinger Musterschmidt Verlag erschienen ist. Dort war 1960 auch das Lexikon der Herrenmode von Hermann von Eelking erschienen.

Gerson (hier ein Blick in seinen Vorführsalon aus der Zeit um 1890) war mit Gerson's Bazar am Werderschen Mark auf höherem Niveau als der Mantelkönig Manheimer. Hier wird sich die feine Welt treffen, russische Aristokraten und Dollarprinzessinnen. Am Ende des Jahrhunderts beschäftigt die Firma 600 Zwischenmeister und 8.000 Näherinnen. Sie können alles dazu in dem Buch Ein Feentempel der Mode oder Eine vergessene Familie, ein ausgelöschter Ort von Gesa Kessemeier lesen. Und natürlich auch bei Uwe Westphal: Berliner Konfektion und Mode 1836-1939: Die Zerstörung einer Tradition, einem Buch, das in diesem Blog schon mehrfach zitiert wurde.

Ein Blick in die Confection heißt dieser Farbholzstich aus dem Jahre 1895. Für viele Frauen in Berlin war dies der einzige Blick, den sie in das Reich von Herrmann Gerson werfen konnten, die Mode trennt in der Belle Époque die sozialen Schichten säuberlich. In einem Reiseführer für Berlin wird die Glitzerwelt beschrieben als: Gerson’s Bazar ist das geschmackvollste, großartigste und bedeutendste Manufakturwaarengeschäft in Deutschland. ... Welch ein bewegtes schillerndes Leben in diesen Räumen voll Seidenglanz, zwischen diesen, mit strahlenden Teppichen behangenen Wänden, auf den mit weichen Decken belegten Treppen, unter diesem Heer von rechnenden und schreibenden Comtoiristen, von verkaufenden Commis und Ladenjungfern, von begehrlichen, verschwenderisch freigebigen oder feilschenden Käufern!

Herrmann Gerson, der selbst aus kleinen Verhältnissen kam, war jedoch nicht nur für die Reichen und Schönen da. Er beliefert auch breite Bevölkerungsschichten mit konfektionierter Kleidung. Und er sorgt sich - ein patriachalisches Vorbild - um seine Angestellten, lange vor der Bismarckschen Sozialgesetzgebung sind seine Angestellten krankenversichert und bekommen im Krankheitsfall  eine Lohnfortzahlung für die Dauer von zwei Monaten. Gerson stirbt 1861, als er gerade den Krönungsmantel für Wilhelm I. vollendet hat. Seine Kinder werden sein Erbe fortführen, bis das Kaufhaus 1936 arisisert wird.

Die soziale Verpflichtung gegenüber den Angestellten finden wir bei vielen jüdischen Unternehmern, so zum Beispiel auch bei Julius Bamberger, dem das größte Kaufhaus von Bremen gehört. Bambüdel nennen es die Bremer liebevoll. Ich habe das schon am Rande erwähnt, als ich über den Kriegsverbrecher Walter Többens aus meinem Heimatort geschrieben habe. Und natürlich gibt es diese vorbildliche Haltung bei Wilfrid Israel, dem Erben des Kaufhauses Nathan Israel, einem der größten Kaufhäuser Europas, das man manchmal mit Harrods vergleicht. Die Arbeitsbedingungen bei Israel sind beispielhaft, von der Sozialversicherung über Kindergärten und Clubräume (lesen Sie mehr dazu in dem Post Wilfrid Israel). Wir finden Ähnliches bei Titus Salt in England und bei Ermenegildo Zegna in Italien (lesen Sie hier mehr dazu).

Die zwanziger Jahre sind eine große Zeit für die Berliner Mode, ein Zeichen dafür kann es sein, dass die renommierte Schneiderei Knize aus Wien 1924 ein Geschäft in der Wilhelmstraße aufmacht (das aber nicht von Adolf Loos gestaltet wird, wie der Laden in Wien). Für die Herren scheinen die einzigen Kleidungsstücke Frack und Smoking zu sein, auf jeden Fall vermitteln die jetzt in Babelsberg entstehenden Filme diesen Eindruck. Die beiden Links verweisen zu zwei viel gelesenen Posts, und ich kann zu dem Thema noch die Dissertation Würdiger Bürger im Frack?: Ein Beitrag zur kulturgeschichtlichen Kleidungsforschung von Iris Gräfin Vitzthum von Eckstädt empfehlen.

Berlin ist zur Filmmetropole geworden, und das färbt auf die Modemetropole ab. Es war nun wirklich nicht alles golden, was man heute die Goldenen Zwanziger nennt. Aber für die Mode war es eine glänzende Zeit, hat Volkmar Arnulf, der Doyen der Berliner Schneider, gesagt. Wie man Frack und Smoking richtig trägt, das weiß Hermann von Eelking mit seinen Zeitschriften Der Modediktator und dem Herrenjournal offensichtlich am besten. Im Weinrestaurant war nach seiner Meinung eine schwarze Ripsweste vorgeschrieben, und dann gab es noch Ausnahmefälle, bei denen jüngeren tanzenden Herren der Smoking mit weißer Weste oder Kummerbund gestattet ist.

Ein Jahrzehnt später wird der Hauptmann a.D. und SA Obertruppführer im Stab der berüchtigen SA-Brigade 31 Berlin-Brandenburg mit seinem Buch Die Uniformen der Braunhemden (hier im Volltext) von sich reden machen. Da ist dann nicht mehr von Ripswesten oder Kummerbund die Rede. Der Machtantritt der Nationalsozialisten ist zugleich das Ende der Berliner Konfektion, die zu 90 Prozent in jüdischem Besitz ist. Namhafte Konfektionäre verlassen Deutschland, manche ermöglichen auch ihren Angestellten die Emigration nach England, da sie dort Tochterunternehmen besitzen oder Verwandte haben. Die Berliner Fabriken und Modehäuser werden arisiert, wir haben für alles einen wohlklingenden Namen.

In meinem Heimatort wird der mittellose Angestellte Walter Többens, der zuvor bei der Firma Leffers gearbeitet hatte, für 1,4 Millionen das Kaufhaus von Julius Bamberger kaufen. Und danach wird er im Warschauer Ghetto eine Großproduktion von Uniformen hochziehen. Bamberger flieht über die Schweiz und Frankreich in die USA, nach dem Krieg bekommt er von einem Gericht 50.000 Mark zugesprochen. Többens war nach dem Krieg in Polen zum Tode verurteilt worden, entzog sich aber immer wieder der Auslieferung. In Bremen wurde er 1949 als Kriegsverbrecher verurteilt: zehn Jahre Arbeitslager, Einziehung des Vermögens, Verlust aller bürgerlichen Rechte und jedes Anspruchs auf Rente und Unterstützung. Das Urteil wurde nie vollstreckt, Többens wird 1952 als Mitläufer eingestuft. Vom Kriegsverbrecher zum Mitläufer in drei Jahren, auch das ist deutsche Wirklichkeit, auf die wir nicht stolz sein können.

Ich bin auf das Thema der Vernichtung der Berliner Modewelt schon in den Post Haute Couture und Wilfrid Israel (und vielleicht auch in dem Post Damenmode) eingegangen. Ich will auch gerne interessante Bücher wie Gloria Sultanos Wie geistiges Kokain: Mode unterm Hakenkreuz oder Irene Guenthers Nazi Chic? Fashioning Women in the Third Reich (für das die Rezensentin des Guardian den Titel Dressed to Kill fand) erwähnen, die aber alle noch nicht das letzte Wort zur Aufarbeitung dieses zu lange vernachlässigten Themas sein können.

Denn seit Uwe Westphals hervorragendem Buch Berliner Konfektion und Mode: Die Zerstörung einer Tradition 1836-1939 (1986, zweite verbesserte Auflage 1992) hätte man eigentlich eine Vielzahl von Publikationen erwartet. Uwe Westphal hat vor zwei Jahren die Geschichte der Berliner Konfektion in den Roman Ehrenfried & Cohn hinein geschrieben, das ist ein Buch, das man unbedingt empfehlen kann. Und vielleicht könnte das Fernsehen den 6-Teiler Durchreise von 1993 mal wieder bringen (hier ein Schnipsel daraus). An verschiedenen Stellen im Internet wird der Nazi Hermann von Eelking persilrein gewaschen, und ich habe hasserfüllte Kommentare erhalten, weil ich frecherweise den Baron zu einem SA Mitglied und zum Autor von Die Uniformen der Braunhemden machte. Ja, wie konnte ich nur?

Die dreißiger Jahre sind das Jahrzehnt der Modezeitschriften, da gibt es die Elegante Welt und die Die Dame, eine Zeitschrift mit dem Untertitel Journal für den verwöhnten Geschmack. Für die schreiben Kurt Tucholsky, Gregor von Rezzori und viele andere. Und dann ist da noch Die neue Linie (das Blatt für Menschen mit Geschmack - monatlich 1 Mark), man kann in Deutschland Vogue und Vanity Fair, die auf den deutschen Markt drängen, durchaus etwas entgegensetzen. Schon im 19. Jahrhundert gab es bei Herrmann Gerson eine eigene Modezeitung, Der Bazar: Erste Damen– und Modenzeitung, deren Chefredakteurin die Modejournalistin Antonie von Cosmar war.

Das war sicher erstaunlich, aber nicht unbedingt revolutionär. Modezeitschriften gab es schon seit dem 18. Jahrhundert: seit 1786 erschien das Journal des Luxus und der Moden. Und sogar deutsche Philosophen wie Christian Garve schrieben damals über die Mode. Philosophen werden das weiterhin tun, ob sie nun Thomas Carlyle (Sartor Resartus: The Life and Opinions of Herr Teufelsdröckh), Georg Simmel (Philosophie der Mode) oder Roland Barthes heißen. Ob dieser Herr mit den gelben Gamaschen ein Philosoph ist, weiß ich nicht, aber er liest auf jeden Fall das erst deutsche Magazin für Herrenmode, das schlicht Der Herr heißt (der Herausgeber Hubert Miketta wechselte später als Chefredakteur zur Eleganten Welt). Die Zeitschrift existierte von 1913 bis 1943 - in dem Jahre gab es auch die Elegante Welt nicht mehr. Dieser Satz ist doppeldeutig, und das soll er auch sein.

Die goldenen zwanziger Jahre sind der Höhepunkt (aber auch der Schwanengesang) der Berliner Mode, die Konfektion wird sich zum drittgrößten Wirtschaftsfaktor aufschwingen, sogar nach Amerika exportiert man den Berliner Chic. Von dort importiert man den Frauentyp des flapper, den F. Scott Fitzgerald unsterblich gemacht hat auch nach Berlin. In Frankreich heißen diese neuen Frauen garçonnes (benannt nach der Romanheldin von Victor Marguerittes Roman La garçonne), von denen man nicht so genau weiß, ob sie Kampflesben oder einfach nur modische junge Frauen sind. Überall finden wir crossdressing, wir alle kennen das Bild von Marlene Dietrich im Frack, hier trägt sie einmal einen Straßenanzug.

Es ist die Zeit der Kapotthüte und der enganliegenden Kleider. Es ist auch eine Zeit der Unsicherheit - sind diese jungen Damen à la mode oder ist das hier der Straßenstrich? Oder sind es die hurtigen, straffen Großstadtmädchen mit den unersättlich offenen Mündern, die der Flaneur Franz Hessel beobachtet: Sie gehen so hübsch in ihren Kleidern ohne Gewicht. Wenn wir wissen wollen, wie Berlin damals aussah, müssen wir nur in Filme wie Berlin: Sinfonie der Großstadt und Menschen am Sonntag (zu dem es hier einen Post gibt) hineinschauen.

Bei den Trümmerfrauen hier sind Berliner Chic und Haute Couture kein Thema, aber die Berliner Mode wird wie ein Phönix aus der Asche wieder erstehen. Und sogar in einem Maße, dass man wieder einmal ein klein wenig mit den Pariser  Modehäusern mithalten kann. Und dafür stehen Namen wie Heinz Schulze-Varell, Gerd Staebe, Hans Seger, Heinz Oestergaard und Uli Richter. Oestergaard hat hier schon einen Post, und einige der anderen Couturiers kommen in dem Post Damenmode vor.

Im Jahre 1946 fragte die gerade frischgegründete Wochenzeitung Die Zeit in einem Artikel Darf man jetzt von Mode sprechen? Diese Frage ist auch der Titel des Buches von Jutta Sywottek geworden, die der Entwicklung der Nachkriegsmode an Hand der Illustrierten (1950 gab es schon 38 Mode- und Frauenzeitschriften) wie Chic, ConstanzeFilm und Frau etc nachgeht. Der Vater von meinem Onkel Karl ist auch wieder gut im Geschäft, gefärbt muss immer etwas werden. Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie die Berliner Verwandten eine Wehrmachtsuniform farblich verändern konnten.

Und da ich bei farblichen Veränderungen bin: der nach 1945 ein klein wenig abgetauchte Baron von Eelking ist mit seinem Institut für Herrenmode und seinem Herrenjournal auch wieder da. Dies ist ein Heft aus dem Jahre 1950, wo die neue Zeit mit einer neuen Fröhlichkeit begrüßt wird. Man hat neue Zeichner und neue Leitbilder, die Herren des Journals sehen nicht mehr wie Vorzeigenazis aus. Und es gibt leicht schlüpfrige Herrenwitze, das ist für ein Herrenjournal wohl wichtig. Im Journal des Luxus und der Moden fehlten 1786 die Herrenwitze.

Auf dem intellektuellen Niveau der Dame (Journal für den verwöhnten Geschmack) ist das Journal nie gewesen, als Zeitdokument ist heute wohl nur die Werbung für die Konfektion, wie hier für die Mäntel der Firma Laco, interessant. Weniger für die Ergüsse des Barons, der hier auch Teile seines Lexikons der Herrenmode im Vorabdruck veröffentlicht. In der sechziger Jahren wird es feuilletonistische Beiträge über Michelangelo Antonioni oder den Oscar Wilde Film mit Peter Finch geben, aber da sind die Verkaufszahlen des Journals schon nach unten gegangen. Als Arnold Gingrich in seinem Magazin Esquire Herrenmode präsentierte, hatte er schon Hemingway und Fitzgerald als Autoren verpflichtet. Jahrzehnte später wird der junge Tom Wolfe, den Mode ja sehr interessiert, hier anfangen. Auf solchem Niveau war das Herrenjournal nie.

Solche Hemdkragen trug ich damals auch, aber ein solch kariertes Jackett besaß ich nie. Der karierte Herr zwischen den Armen der jungen Dame ist auch wohl nur ein Blickfänger für die Mode von Uli Richter, der eigentlich Damenmode entwarf. Der 91-jährige Modeschöpfer ist der letzte Überlebende der großen Zeit der Berliner Couture in den fünfziger Jahren.

Wenn man mit Grazia Patricia (vulgo Grace Kelly) am Tisch sitzen darf, dann hat man es als Modeschöpfer wohl geschafft, dann darf man auch einen solch scheußlichen Smoking tragen wie Uli Richter. Das Berliner Kunstgewerbemuseum hat dem Mann mit dem Markenzeichen ULR eine Ausstellung gewidmet, die noch bis zum 23. April 2017 geöffnet ist. Jetzt kleiden die Berliner Couturiers (die sich beinahe immer an Paris orientieren) Prinzessinnen und Filmstars ein. Uli Richter war auch der Schneider von Rut Brandt, die immer elegant war. Ihre Nachfolgerin Brigitte Seebacher kaufte wahrscheinlich bei C&A.

Heinz Oestergaards Studio ist vielleicht nicht ganz so so fein wie die Studios von Gerd Staebe, Detlef Albers und Heinz Schulze-Varell, aber Zarah Leander, Ruth Leuwerik, Hildegard Knef, Maria Schell, Romy Schneider (hier im ganz kleinen Schwarzen) und Zsa Zsa Gabor tragen jetzt Oestergaard. Na ja, sie tragen auch noch Kleider von anderen Schneidern, aber es ist immer gut, wenn man als Couturier ein halbes Dutzend Schauspielerinnen als Kundinnen hat.

In den fünfziger Jahren müssen wir auf alle Briefe eine Steuermarke aufkleben, die Notopfer Berlin heißt. Was finanzieren wir damit? Das schöne Leben hier? Berlins Lage ist fragil, die Stadt wird von Subventionen am Leben erhalten. Viel von dem nach Berlin gepumpten Geld versickert irgendwo, ein Bauskandal jagt den anderen. Wenn Sigrid Kressmann-Zschach, die ehemalige Gattin von Texas Willi, sagt: Männer, Häuser und Geld kann man nie genug haben, dann ist das nur die eine Seite. Die andere ist der Steglitzer Kreisel.

Die fünfziger Jahre sind die große Zeit der Photographen. Erika Billeter hat mit ihrem Buch Amerika Fotografie 1920-1940 gezeigt, dass sich Amerikas berühmteste Photographen nicht zu fein sind, Damenmode zu photographieren, seit der Baron Adolphe de Meyer die Modephotographie sozusagen geadelt hatte. Was auch daran liegen mag, das Vogue und Vanity Fair ein schönes Honorar zahlen. Auch Regina (Regi) Relang, eine der führenden Photographinnen der 50er und 60er Jahre, hatte vor dem Krieg schon für die Vogue gearbeitet. Und dann haben wir noch Charlotte Rohrbach, Hubs Flöter und den jungen Will McBride, der durch den ➱Twen berühmt wurde. Und natürlich F.C. Gundlach, der selbst einen tristen Tag in Berlin künstlerisch veredeln konnte (der Link hier führt zu seinem photographischen Werk, das glücklicherweise im Internet zugänglich ist).

Gundlachs Ästhetik färbte auf andere Photographen ab. Aber man kann nicht alles photographisch veredeln. Sie merken schon, dass auf diesem Bild der Alltag etwas ärmlicher ausfällt. Ein Mercedes 300 Cabrio photographiert sich besser als ein Trabbi. Dies Photo ist von der Photographin Sibylle Bergemann, die auch für die Zeitschrift Sibylle: Zeitschrift für Mode und Kultur (die man auch die Ost-Vogue nannte) gearbeitet hat. Die Sibylle war etwas anders als die wöchentlich für 60 Pfennig (Ost) erscheinende Zeitschrift Für Dich. Ich habe die Sibylle  auch erwähnt, weil die Kunsthalle Rostock noch bis zum 17. April eine gleichnamige Ausstellung zeigt (es gibt auch einen Katalog), wo natürlich auch Photos von Sibylle Bergemann zu sehen sind. Die Gründerin der Zeitschrift, die 96-jährige Sibylle Boden-Gerstner, verstarb vierzehn Tage nach der Ausstellungseröffnung, an der sie nicht mehr hatte teilnehmen können.

Dieses Photo von Sibylle Bergemann stammt aus dem Band Sibylle – Modefotografien 1962-1994 von Dorothea Melis, der 2010 erschien. Sibylle Bergemann hätte bei jeder Modezeitschrift der Welt einen Job gefunden, wenn sie rübergemacht hätte. Doch sie blieb in ihrer Wohnung am Schiffbauerdamm. Bekam aber Besuch von Photographen wie Henri Cartier-BressonHelmut Newton und Robert Frank.

Aus dem Osten der Stadt kommen (außer der sechsmal im Jahr erscheinenden Zeitschrift Sibylle, die sofort nach Erscheinen ausverkauft ist) nur wenige modische Anregungen für die Berliner Mode, die nach 1945 eigentlich immer eine Westberliner Mode ist. Aber aus dem Osten kommen Schneiderinnen und Näherinnen. Und die kommen nach dem Bau der Mauer nicht mehr: kurz danach schließen ein Viertel aller Konfektionsbetriebe. Den Berliner Schulze-Varell interessierte das wenig, der hatte sein Studio eh in München, doch mit dem Status der Modemesse Berliner Durchreise ist es jetzt zu Ende. Düsseldorf wird die neue Messestadt.

Und was ist heute? Arm, aber sexy, hat der sektlaunige Wowi die Stadt beschrieben. Vom Spreeathen redet niemand mehr. Es gibt sicherlich Luxusschneider wie Volkmar Arnulf und einige andere (Günther Adam hat vor einem Jahr aufgehört). Es gibt natürlich auch Herrenaustatter. Als das KaDeWe neu eröffnete, hatten sie Regent im Angebot, das hat sich aber schnell geändert. Mientus, die 1958 einen riesigen Laden eröffneten (und 1992 die ersten mit einem Zegna Shop waren), sind nicht mehr das, was sie einmal waren. Uli Knecht, der seine Läden in Hamburg und Düsseldorf geschlossen hat, hat noch einen Laden in Berlin. Es läuft nichts mehr rund im oberen Bereich. Wenn die Textilwirtschaft in der letzten Woche die Pleite von René Lezard, den Gewinnrückgang von Boss und den Milliardengewinn von Adidas verkündet, dann zeigt das, wohin die Tendenz geht.

Doch Berlin hat noch Patrick Hellmann, der plötzlich mit einer eigenen Glitzerwelt da war, und von dem lange niemand wusste, wer er eigentlich ist. Dabei ist alles ganz einfach. Sein Vater, der vor dem Krieg bei Wertheim gearbeitet hatte, und er hatte seinen Sohn aus Amerika nach Berlin geschickt, weil das für ihn immer noch eine Stadt der Eleganz war. Alles, was man über Patrick Hellmann weiß, der angeblich Putin ausstattet, können Sie hier lesen.

Früher kam die Patrick Hellmann Collection von Attolini oder Kiton, heute kommt die Patrick Hellmann Collection in den meisten Fällen aus Portugal von der Firma Diniz & Cruz (lesen Sie mehr zu dieser Firma in Raffaele Caruso). Die übrigens beinahe alle Herrenausstatter mit Private Label Kleidung beliefern: Braun und Kirsch in Hamburg, Ed Meier, Uli Knecht, Hellmann, Dantendorfer, Simon Gray (Hausmarke des Masculin Modekreises), Bailly Diehl, Bertram & Frank. Und Patrick Hellmann. Die Portugiesen dürfen natürlich an keiner Stelle Diniz & Cruz in ihre Klamotten (übrigens ein Wort aus Berlin) schreiben, aber man kann sie immer an ihrer portugiesischen Steuernummer erkennen. Wenn Sie IVA PT 500341753 auf dem Etikett lesen, dann wissen Sie, dass das gute Stück nicht aus Mailand oder Neapel, sondern aus Portugal kommt.

Ich besitze ein Jackett von Attolini aus der Patrick Hellmann Collection. Hat mich bei ebay vor Jahren 39 Euro gekostet. Auf dem verschwommenen Photo war nicht viel zu sehen, nur eine sehr, sehr große Brusttasche. Solch eine gebogene lange barchetta Tasche, die findet sich nur bei den Made in Italy Firmen, die wirkliche sartoria abliefern. Dem war auch so, als das Patrick Hellmann Jackett für 39 Euro ankam, entpuppte es sich als ein nie getragenes Kaschmir Jackett von Attolini, Handarbeit bis ins letzte Knopfloch. Und ein ticket pocket, das ich auf dem Photo gar nicht erkannt hatte (dies Bild zeigt natürlich nicht mein Jackett, aber sie können hier die lange Brusttasche sehen).

Und dann habe ich noch diesen Anzug, der ein Etikett trägt, auf dem Patrick Hellmann Berlin steht. Es ist ein grau-grüner Anzug mit kleinen Karos und einem hellblauen Überkaro. Ich habe den gekauft, weil ich zuvor einen ganz ähnlichen Anzug hatte. Und Jahrzehnte davor einen ebenso ähnlichen. Aber alle mit ticket pocket, einem modischen Detail, zu dem sich Inspector Barnaby in The Made-to-Measure Murders nicht so recht entschließen kann. Der Anzug verrät seinen Hersteller nicht, ein Fachmann aus der Branche flüsterte mir damals zu, dass Hellmann viel in Polen produziere ließe. Das tat Regent ja auch ein mal. Dieser Anzug ist ein stinknormaler Anzug, wo bleibt da der Designer Patrick Hellmann? Der ist damit beschäftigt, einen Audi und eine Rolex zu verschönern. Klicken Sie hier.

Das zweite Berliner Wunderkind in der Glitzerwelt heißt Michalsky (ich lasse Wolfgang Joop jetzt einmal aus), der macht Damenmode, kein neues Rolex Design, aber Tapeten und Möbel. Und offensichtlich auch schlechtsitzende Herrenmode. Doch wer will 499€ für ein potthäßliches Jackett von einem Mann, der bei Heidi Klum auftritt, bezahlen? Die Vogue hat ihn als Deutschlands Mode Papst bezeichnet, aber ich bin mir da nicht so sicher, ob dieser Vergleich stimmt.

Es gibt in Berlin nach der Wende viel Gewusel, neue Firmen wie BeconIQ+ BerlinLala Berlin und Kaviar Gauche neue Messen wie Fashion WeekBread & Butter und Premium Exhibitions. Bread & Butter war schon pleite, wird aber jetzt von Zalando neu belebt. Aber kann das die Sache der Zukunft sein, wenn Zalando Modemessen organisiert? Oder Daimler Benz mit seiner Mercedes Fashion Week. Dieses Bild von der Mercedes Fashion Week 2013 findet sich schon in dem Post Sommermode, in dem Patrick Hellmann auch erwähnt wird. Ich nehme an, dass so etwas die Kleidung ist, die Damen in einem schwarzen Mercedes SUV mit schwarzgetönten Scheiben tragen. Oder im Suff. Oder im Puff.

Neben dem Hellmann Anzug, auf dessen Etikett Berlin steht, habe ich noch ein zweites Kleidungsstück aus Berlin. Es ist ein altes Chester Barrie Jackett, aus der Zeit, als die noch wirklich gut waren. Cashmere, dunkles Grau mit kleinem herringbone und blaßblauem Überkaro. Und auf dem Etikett steht: Tailored for Heinrich Dietel. Nachf. Walter Hollain. Berlin. Ich bin dem mal nachgegangen und stieß auf einen schön geschriebenen Artikel (Das unverwechselbare Gesicht des Kurfürstendamms - Reflexionen über ein Auslaufmodell) in der Berliner Morgenpost, von dem ich etwas an den Schluss stelle:

       Heinrich Dietel war unverwechselbar. Er war ein Herr und verkaufte Artikel für Herren - für solche also, die mehr sein wollten als Männer, offerierte er in seinem Geschäft zwischen Schlüter- und Wielandstraße. Heinrich Dietel, groß gewachsen, stets mit Weste, die dem Bauch zur Ansehnlichkeit verhalf, mit einer Nelke im Revers, die, darunter verborgen, in einem kleinen, mit Wasser gefüllten Röhrchen steckte, dieser Heinrich Dietel bediente nicht, er empfing in seinem Salon Partner. Die taxierte er nicht nach der Brieftasche. Stil zu bilden, das freute ihn, und dafür gab er das Beispiel. Es ging nicht nur um das Bedecken von Blößen, es ging um Wohlgefallen, um Ästhetik, für sich und die anderen, von den Handschuhen, über Hemden, Krawatten, Mützen bis zu Pfeifen. England at its best in Berlin.
       Die Tradition wurde unter Dietels Namen unter seinem Nachfolger Hollain an der Schlüterstraße fortgeführt. Nach seinem Tod wollte Dietel keiner mehr haben. Wem steht der Sinn noch nach einem Spazierstock, der ein elegantes Accessoire und keine von der Krankenkasse bezahlte Gehhilfe ist? Wer noch ist auf ein Beinkleid aus in einer Zeit, die Bequemlichkeit mit Nachlässigkeit übersetzt, weshalb der Berliner folgerichtig jedweden Anzug als «Klamotte» identifiziert? Dietel, ein Nachruf unter vielen für ein Stück des alten Berlin. Individuelles wird zu Grabe getragen. Unsere Zeit: Sie versteht Veränderung schon als Fortschritt.
       Ich gehe über den Kurfürstendamm. Und ich erinnere mich an die Besucher, die zurückkamen aus Ost-Berlin, aus der DDR. Wie sie sich mokierten: Schrecklich, alle in den gleichen Schuhen, alle in den gleichen Jacken und Mänteln, Mützen und Taschen, alles gleich, schrecklich. Ich schaue auf die Leute um mich herum. Und mich befällt ein Alptraum. Eines Tages werde ich nur noch auf Uniformierte im real existierenden Kapitalismus treffen. Die Fantasie stirbt an der Norm. Wo ist Dietel?


Noch mehr Damenmode finden Sie hier: DamenmodeErwin BlumenfeldJil Sander, Mary Quant, Dior, Pierre Cardin, Coco Chanel, Haute Couture, Breakfast at Tiffany'sCharles Frederick Worth, Tartan, Camille in Grün, Kieler ChicWeihnachtsgeschenke, Cinecittà und die Mode, Joan Didion, Ruth Leuwerik, skandinavische Mode, Nico, Sommermode, CardiganWilliam Frith, Uniformen,Vidal Sassoon, Pierre Cardin, Berliner Mode, Jiline, Demimonde, Orchideen, Charles Chaplin, les grandes horizontales, Une fillette d’un blond roux, Paco Rabanne ✝, noch nicht fertig, la dame au coussin rouge, Klassefrauen, Fortuny, Franz-Xaver Winterhalter, der grüne Sonnenschirm, Julie Récamier (encore une fois)

Donnerstag, 16. März 2017

Venedig


Mein Freund Volker hat heute Geburtstag. Ich schicke ihm mal die Geburtstagsgrüße auf diesem Wege, mal eben testen, ob er den Blog liest. Er ist mit Dagmar in Venedig, sie mussten mal raus, zu Hause sind seit Monaten Bauarbeiten. Ein vertrackter Wasserschaden. Da ist Venedig der richtige Ort, da gibt es ja genug Wasser. Und neben den Glückwünschen und dem schönen Bild von Whistler hätte ich auch noch einen schönen Satz von Gottfried Benn. Der lautet: Sich abfinden und gelegentlich auf Wasser sehn!


P.S. Und für alle, die auf den Post Berliner Mode warten: der steht hier am Sonnabend.


Dienstag, 14. März 2017

Hafenstraße


Hafenstädte haben meistens eine Nikolaikirche und eine Hafenstraße. Eine ▹Nikolaikirche hatte mein Heimatort nicht, eine Hafenstraße schon. Genaugenommen ist es die Alte Hafenstraße, sie hieß aber früher nur Hafenstraße. Die Umbenennung ist wahrscheinlich für die Touristen gemacht worden. Unser Hafen ist auch sehr alt (heißt allerdings nicht Alter Hafen), es ist der älteste künstlich angelegte Hafen in Deutschland. Beinahe 400 Jahre alt.

Ist allerdings nicht von Vegesackern gebaut, das waren die Holländer. Die haben so etwas heraus. Sie können ▹licht en lucht malen (was ihnen Carl Justus Harmen Fedeler mit seinem Bild von Vegesack abgeguckt hat) und kleine Jungens den Finger in den Deich stecken lassen. Sonst gibt es da ja nur Tomaten und Wohnwagen. Grünkohl können sie auch nicht, das wusste schon Otto Jägersberg, als er ▹Grünkohl für Holland schrieb. Wenn man einen so alten Hafen hat wie wir in Vegebüddel, dann braucht man eben eine Alte Hafenstraße. Die hat sogar einen Wikipedia ▹Eintrag. Ich führe Sie einmal durch die Straße, und wenn wir an der kleinen Kurve neben dem ehemaligen Roxy Kino angekommen sind, erzähle ich diese kleine Geschichte, die ich schon immer einmal erzählen wollte.

Die etwas mit dem schlechten Ruf zu tun hat, den Hafenstraßen im Allgemeinen haben. Das da oben im ersten Absatz ist unsere Alte Hafenstraße bei Nacht. Und was ist los? Gar nix. Wir sind nicht in St Pauli oder in Bremerhaven, von wo dieses Photo stammt. Vor siebzig Jahren, als wir noch amerikanisch waren, hätten hier Plakate mit dem Satz VD walks this street tonight hängen können.

Ich weiß, wie es in Hafengegenden aussieht. Nicht weil ich da verkehrte, sondern weil ich früher mal in den Semesterferien Bierfahrer für den Getränkehandel war, den einst Kapitän ▹Louis Wieting begründet hatte (darüber steht schon etwas in dem Post ▹preloved). An den Tagen, wo man die Lokale des Puffs belieferte, bekam man vom Chef vorher detaillierte Anweisungen: Da bringste keine Buddel Jägermeister und kein' Kassen Sekt rein, bevor die nich Käsch gezahlt haben. Und lass' die Finger von die Rothaarige.

Hier fängt die Alte Hafenstraße an - oder hier hört sie auf. Wir stehen auf dem Utkiek, links ist das Fährhaus, wo ich 1962 zusammen mit meinem Freund Charlie dem Kneipier Konnie Krämer geholfen habe, alles ▹wasserdicht zu machen. Rechts ist das Havenhaus, das ebenso wie der Hafen aus dem 17. Jahrhundert stammt. Da haben wir unser Abitur gefeiert, und da findet (meistens ohne mich, wie Sie ▹hier lesen können) immer das Klassentreffen der Lateinklasse statt. Sie können auch sehen, dass die Straße sehr schmal und sehr winklig ist, deshalb ist sie der ideale Ort für die Lastwagenfahrschulen der Bundeswehr. Ich weiß nicht, ob Sie schon mal einen MAN 5-Tonner gefahren haben, also das Modell mit nicht synchronisierter Schaltung. Zwischengas ist ja ein Begriff, der heute beinahe aus der Sprache verschwunden ist.

Sie können auch sehen, dass hinter dem Fährhaus in der Hafenstraße schon wieder eine Kneipe ist. Und links vom Fährhaus ist wieder eine Kneipe (oder waren es zwei?), die den berühmten Vegesacker Jungen an der Mauer hat. Der  Vegesacker Junge war auch 1921 auf dem Vegesacker Notgeld zu sehen. Dazu hatte Georg Droste, dessen Ottjen Alldag Bücher ich alle gelesen habe, gedichtet: Manch Janmaat stöhnde fröher mal Se fägen Sack un Büdel kahl; nun fägt die sware Not all lang! Doch wie in Väsack sünd nich bang. Rechts vom Havenhaus ist übrigens auch eine Gaststätte, die den Namen Grauer Esel hat. Wir haben hier auf circa 50 Meter fünf Kneipen (na ja, das Havenhaus ist natürlich keine Kneipe, sondern ein Restaurant), und wenn man damals die Kneipen im Ort durchzählte und sie in Relation zu den Bewohnern setzte, kam man auf erstaunliche Zahlen. Was natürlich etwas mit der Hafenstadt Vegesack zu tun hat, mit Seeleuten und Werftarbeitern.

Denn damals lag hier noch die größte Heringsloggerflotte Europas (es gab im Hafen auch ein Dock zur Reparatur der Logger), und die Werft von Friedrich Lürssen parkte den Hafen voll mit ▹Schnellbooten und ▹Minenlegern. Die Heringsfischerei zieht seltsames Gelichter an, der Job wird relativ gut bezahlt. Und viele waren froh, nach dem Krieg überhaupt einen Job zu haben. Das hat mir auch mein Kieler Schuster ▹Horst Dworak erzählt, der lange auf einem Logger fuhr, bevor er Schuhmachermeister wurde. Er wollte mir von der Härte des Heringsfangs erzählen, als ich ihn unterbrach und sagte, dass ich aus Vegesack käme.

Da wusste er, dass er mir nichts zu erzählen brauchte und dass wir wieder über Schuhe reden konnten. Sagte aber noch: Mein Kapitän kam auch aus Vegesack. Alle Kneipen rund um unseren Hafen leben von den Seeleuten, die hier den Vorschuss auf ihre erste Heuer verprassen. Manche von denen fallen gleich beim Anbordgehen von der Gangway. Der Bremer Wirtschaftssenator Hermann Wolters (der schon in den Posts ▹Alfred Wallis und ▹Lederjacken eine sehr, sehr unrühmliche Rolle spielt) wollte einmal seine Volkstümlichkeit dadurch beweisen, dass er auf einem Logger mitfuhr. Er kam bis zum ▹Leuchtturm Rote Sand, wo er von einem Kreuzer der ▹DGzRS von Bord geholt wurde. Alkoholvergiftung. Wenige Jahre später zerlegte er mit seinem Auto mit 2,48 Promille drei parkende Autos und eine Straßenlaterne, und dann kam die Sache mit dem Bonner Bordell. Aus Gesundheitsgründen ging er danach mit einer ärztlich bescheinigten Dienstunfähigkeit mit 54 Jahren mit vollen Bezügen in den Ruhestand, nichts von seinem skandalösen Leben findet sich in seinem Wikipedia Artikel. Am 5. Mai 1969, als die kleine Bremer BVG Revolution vorbei war, sprach der Senator a.D. Hermann Wolters im Bremer Gewerkschaftshaus über politischen Dilettantismus. Wenn irgend jemand etwas davon versteht, dann ist er es. Aber er war seiner Zeit voraus, er machte schon damals für all seine Skandale die Presse verantwortlich.

Damals legten auch noch kleine Kutter mit frischem Fisch im Hafen an. Jeden Donnerstagnachmittag wurde ich zum Hafen geschickt, stand in der Schlange an. Man hat keine Wahl zwischen Dorsch oder Kabeljau. Man nimmt das, was da ist. Der Fisch wird in eine Zeitung geklatscht und fertig isses. Die Zeitung balanciere ich dann vorsichtig nach Hause, aber ich kann die Zeitung halten, wie ich will, es läuft immer etwas Fischiges heraus. Ich hasste den Donnerstagnachmittag, und ich hasste den Fisch, der am Freitag auf den Tisch kam. Das habe ich wohl schon in dem Post ▹Heringe gesagt.

Natürlich gibt es im Ort auch viele Kapitäne: Von Vegesack ist zu erwähnen, das ist ein Ort mit Kapitänen, die von ihrer Arbeit ruhn, und ansonsten gar nichts tun. Der Spottvers ist um 1900 entstanden, im 19. Jahrhundert lebten mehr als die Hälfte aller Bremer Kapitäne in Vegesack. Damals wollte jeder Seemann auf Bremer Schiffen fahren, die Heuer war besser, die Besatzung hatte mehr Rechte, die Schiffe waren besser. Heute ist das ▹Ausflaggen von Seelenverkäufern, die keinen Test des Germanischen Lloyds bestehen würden, nach ▹Panama ja die Regel. Wenn man damals ein Bremer Schiff mit der Speckflagge kommandierte, musste man Bremer Bürger sein, mindestens drei Jahre. Sonst wurde man auch nicht zur ▹Schaffermahlzeit eingeladen.

In Vegesack kostete der Bürgerbrief die Hälfte von den Bremer Gebühren, und die Sache mit den drei Jahren wurde auch nicht so eng gesehen. Häufig genügte die Absichtserklärung, Bremer Bürger werden zu wollen. Außerdem konnte man in Vegesack auch leichter ein Haus finden. Am liebsten oben in der Weserstraße, wo man einen Blick über die Weser ins Oldenburger Land hat. Aber es gab auch Kapitäne, die in der Hafenstraße wohnten. ▹Kapitän Hugo Gottsmann, der schon häufiger hier genannt wurde, wohnte in einem schönen weißen neoklassizistischen Haus in der Hafenstraße 16. Der Landeskonservator Rudolf Stein erwähnt das in seinem Standardwerk Klassizismus und Romantik in der Baukunst Bremens mit Wohlgefallen.

Das bekannteste Gebäude der Hafenstraße hat den Namen KITO (das ist jetzt kein Tippfehler, es hat nichts mit einer Kita zu tun), hier saß mal eine Verpackungsfirma, die Kisten aus Wellpappe herstellte und die den schönen Namen Kistentod hatte. Heute ist es ein Museum für die Bilder von dem Worpsweder Maler Fritz Overbeck (Sie können mehr dazu in den Posts ▹Fritz Overbeck und ▹Wuddel lesen) und ein Ort für kulturelle Veranstaltungen. Das Packhaus ist um 1800 entstanden, man hat es neuerdings richtig aufgerüscht. Es gibt noch ein ähnliches Haus in der Hafenstraße, in dem heute ein Fechtclub ist.

Natürlich ist es schön, dass die Bilder von Fritz Overbeck, der ja von Worpswede nach Vegesack gezogen war, einen Platz gefunden haben, an dem sie gut zur Geltung kommen. Es ist viel Licht auf dieser Etage des Speichers, mehr Licht als in manchen Ausstellungsräumen in ▹Worpswede oder Fischerhude. Es ist auch schön, dass aus dem etwas vergammelten Packhaus ein Kulturzentrum geworden ist.

Aber das täuscht natürlich darüber hinweg, dass man rundherum den alten Ortskern abgerissen hat (auch das Haus, das sich der Architekt ▹Ernst Becker-Sassenhof am Strand gebaut hatte, ist inzwischen abgerissen, nur das Haus vom ▹Ruderverein daneben steht noch). Ein Trümmerfeld von abgerissenen Häusern war entstanden. Ich habe das alles photographiert, Kartons voll in Schwarzweiß und Farbe. Nichts davon ist im Internet zu sehen. ▹Günther Schwarberg hatte damals im Stern mit großer Trauer über den Abriss des Ortes berichtet, Teile der Reportage sind auch in seine Autobiographie Das vergess ich nie: Erinnerungen aus einem Reporterleben gewandert. Schwarbergs Vater war ein Kollege meines Opas, sie mochten sich nicht. Schwarberg war Sozialdemokrat, mein Opa trauerte immer noch seinem Kaiser nach.

Zugegeben, was in Vegesack passiert ist, war nicht schön, stand später auf einem Wahlplakat. Darüber war das Konterfei dieses Herrn zu sehen. Der Bürgermeister Hans Koschnick hat irgendwie den Status eines Bremer Nationalheiligen bekommen, wenn man an seine klägliche Rolle bei den Bremer Straßenbahnunruhen denkt (lesen Sie ▹hier dazu mehr), ist mir das unverständlich. Dass aus der Sache mit dem vierspurigen Autobahnzubringer zur Fähre (die der Vorwand für den Abriss des Hafenviertels war) nichts werden konnte, war allen Vernünftigen klar. Wenn die SPD mit sogenannten Stadtplanern,  Neue Heimat, Gewoba und  Immobilienhaien paktiert, dann kommt da nie etwas Gutes raus.

Da braucht man sich nur mal die Karriere von Richard Boljahn (hier rechts, zusammen mit dem Architekten Max Säume, bei der Inspektion der Bauarbeiten der Neuen Vahr) angucken. Das Photo habe ich in einem Buch von Nils Aschenbeck gefunden, und die informativen Seiten von ▹Bremen History möchte ich auch noch erwähnen.

Wenn alles kaputt ist, dann kommen diese Leute, die alles schönreden. Wie dieser Wendelin Seebacher, dessen Vegesack Buch im Wikipedia Artikel erwähnt wird. Ich konnte den Typ überhaupt nicht ausstehen, aber er hat meine Mutter so lange bequatscht, bis sie ihm die Abdruckgenehmigung für ein von ihr entworfenes Bleiglasfenster gegeben hat. Wendelin Seebachers Schwester Brigitte habe ich auch mal kennengelernt, aber dazu möchte ich jetzt lieber nichts sagen. Das ist die, die Willy Brandt geheiratet hat (und danach den Peanuts Kopper von der Deutschen Bank). Rut Brandt hatte Stil, Brigitte Seebacher aus Twistringen definitiv nicht. Willys Sohn Matthias hat mal gesagt: Seebacher ist das Grauen, ich kann das verstehen.

Dem Haus Hafenstraße 23 hat man bei dem Abriss der Hafengegend keine besondere Aufmerksamkeit zukommen lassen. Heute erinnern vier ▹Stolpersteine vor einem seelenlosen Neubau daran, dass dies eines der Judenhäuser Bremens war. Und dass die Familien von Jacob Wolff und Simon de Jonge hier wohnten, bis sie in KZs gebracht wurden. Der Pastor Ingbert Lindemann, mit dem ich in der Evangelischen Jugend war, hat an dem Buch Stolpersteine in Bremen mitgearbeitet und über die Juden in Aumund das Buch Die H. ist Jüdin! Aus dem Leben von Aumunder Juden nach 1933 geschrieben (das steht schon in dem Post ▹Langeoog, und in dem Post über den Vegesacker Kriegsverbrecher ▹Walter Többens findet sich ein Photo von dem Anschlag auf die Aumunder Synagoge). Bis auf die Seite der Landeszentrale für Politische Bildung sind viele Seiten wie die der Internationale Friedensschule Bremen, private Initiativen. Die häufig auch viel informativer (wie ▹hier zu dem Kaufmann Jacob Wolff) sein können, als die offiziellen Seiten der Stadt.

Wir sind hier noch auf der Höhe der KITO, blicken aber jetzt einmal auf die Weser. In dem weißen Haus ganz hinten saß ein Milchmann, der ein ▹Goliath Dreiradauto hatte. Bei dem kauften wir nie, weil er in der Nachkriegszeit Wasser in die Milch panschte. Meine Mutter hatte ihn angezeigt, er musste damals für drei Monate ins Gefängnis. Und guckte mich später immer hasserfüllt an, wenn er mich sah. Wir kauften eigentlich nur bei dem Milchmann  Martin Bogaczinski aus der Breiten Straße, der mit dem Pferdewagen kam, der wäre nie auf solche Ideen gekommen. Das Haus auf der linken Seite, das weit in die Straße hineinsteht, ist die Segelmacherei Hinrich Meyerdierks. Gegenüber war ein Laden für Marineuniformen der Handelsmarine, wo es aber auch gute ▹Chinos und furchtbare Jeans gab. Also die Nietenhosen von Herrn ▹Sefranek, da war es schon gut, wenn man jemanden kannte, der einen Zugang zu einem ▹PX Laden hatte.

Bei ▹Meyerdiercks bekam man alles, was man brauchte, Schäkel und Marlspieker und so etwas. Hier hätte ich einen neuen Marlspieker kaufen können, als mir der von Hugo Gottsmann über Bord gefallen war. Aber das geht natürlich nicht: eine Legende der Segelschiffahrt wie Hugo Gottsmann musste ihren alten Marlspieker wiederhaben. Ich habe eine halbe Stunde getaucht, bis ich ihn fand. Der Laden von Meyerdierks sah innen aus, als ob sich seit dem 19. Jahrhundert hier nichts verändert hätte. Als Segelmacherei hatte Meyerdierks in den sechziger Jahren keinen so großen Ruf mehr, da war die Segelmacherei von Friedrich Beilken (ursprünglich auch in der Hafenstraße, aber dann nach Lemwerder verlegt) berühmter. 1919 hatte sich Beilken nach einem Lotteriegewinn seiner Frau selbständig gemacht. Damals nähte er noch braune lohgegerbte Segel für die Torfkähne des ▹Teufelsmoors, seine Nachfahren werden High Tech Segel für Admiral's Cupper herstellen.

Die Beilkens kommen schon in den Posts ▹Segelschiffe und ▹Saudade vor. Die Firma Beilken Sails gibt es immer noch, aber sie gehört nicht mehr den Beilkens. Und die Flasche Whisky, die Antje Beilken mir vor Jahrzehnten versprochen hat, die habe ich auch nie bekommen. Einer der Beilkens war kein Segelmacher, der war Lehrer und Heimatforscher. Zusammen mit Hanna Borcherding hat sich Heinrich Beilken sehr für den Stadtgarten eingesetzt, der einmal der Garten von ▹Albrecht Roth war. Und diesem Beilken verdanken wir auch die riesigen Walkiefer, die seit 1963 am Utkiek stehen. Sie waren schon sehr morsch geworden und wurden 1987 durch eine Bronzenachbildung ersetzt, dafür hat mein Freund ▹Peter vom Landesamt für Denkmalschutz gesorgt.

Ich hätte gerne ein Photo von der Sonnen Apotheke aus dem Jahre 1830 mit der goldenen Sonne über der Eingangstür und der riesigen Platane im Garten gehabt, aber es gibt keins im Internet [jetzt habe ich doch ein Photo, weil mir Ingbert Lindemann freundlicherweise eins geschickt hat]. Es gibt die Apotheke auch nicht mehr, alles perdu. Die Gattin des Apothekers Ferdinand Stümcke war eine Tochter von Johann Friedrich Schröder, der mit seinem Kompagnon Hermann Danziger eine Branntweinbrennerei und Geneverfabrik betrieb.

Mit dem Fusel konnte man offensichtlich sehr reich werden, ▹Villen wie die ▹Lürssen Villa in der Weserstraße und die Leffers Villa in der Jaburgstraße (heute der ▹Kindergarten der Kirche) zeugen davon. Wenn die Apotheke schon nicht mehr da ist, die Heissmangel daneben gibt es immer noch, das ist richtig rührend. Ist aber wohl allein deshalb nicht abgerissen, weil das Haus an dem 1831 gebauten denkmalgeschützten Kontor- und Lagerhaus der Firma Lange dranklebt.

Wir beenden an dieser Stelle (Hafenstraße 22), wo ein Haus in die Fahrbahn hineinragt (da kommt ein Fahrschüler mit dem MAN 5-Tonner schon ins Schwitzen), einmal unseren Spaziergang durch die Hafenstraße. Sonst müsste ich noch die Firma Thiele erwähnen, deren Besitzer Bernd Hockemeyer das Landhaus von Arnold Duckwitz hat abreißen lassen (lesen Sie ▹hier mehr), und dann würden die Beleidigungen gar nicht mehr abreißen.

Das Haus, das in die Straße hineinragt (hier ein besseres Photo), ist Brockmanns Hotel, das um 1900 einen guten Ruf hat. Es wird neben Strandlust und ▹Bellevue in vielen Reiseführern erwähnt: Außerdem sind zu empfehlen Havenhaus am Hafen und Brockmanns Hotel beim Bh. (beide mit Ausschank von Pilsener Bier). Etwas Nettes im hinteren Teil der Hafenstraße sollte ich unbedingt noch erwähnen: es gibt das Feinkostgeschäft Scharringhausen immer noch. Und noch viel feinkostiger. Die hatten ja mal als Schiffsausrüster angefangen und sich dann auf geräucherte Heringe verlegt, jetzt haben sie auch noch ein Bistro und einen Internetversand.

Brockmanns Hotel wurde nach dem Zweiten Weltkrieg ein Kino, das Roxy hieß. Sah nicht so großartig aus wie dieses Roxy hier, hieß aber auch so. Kinos heißen aus ungeklärten Gründen immer Roxy oder Scala. So wie Hotels früher ▹Bristol hießen. Eine Scala hatten wir auch, oben in der Breiten Straße. Die Scala gehörte einem gewissen Herbert Bereit; das Roxy auch, aber er versuchte zu vermeiden, dass das bekannt wurde. Die Scala hatte über tausend Plätze, das Roxy, das ein wenig versuchte, ein ▹Filmkunsttheater zu sein, hatte weniger Plätze. Neben der Scala in der Breiten Straße war auch noch eine Kneipe, wo scheinbar nur Schüler des nahegelegenen Gerhard Rohlfs Gymnasiums verkehrten. Da ist mir mal mein geliebter ▹Tweedmantel geklaut worden, danach bin ich da nie wieder drin gewesen.

Die Erwähnung des Gymnasiums, auf dem weder der Kinobesitzer Herbert Bereit noch sein Sohn, mit dem ich zur Volksschule ging, waren, ist an dieser Stelle wichtig. Denn die kleine Geschichte, die ich erzählen wollte, hat mit zwei Schulfreunden zu tun. Sie sind keine wirklichen Freunde, sie kommen nur aus dem selben Ort und waren auf der selben Schule. Und sitzen jetzt im Flieger nach Berlin nebeneinander. Beide sind Politiker, CDU und SPD. Der eine ist Staatssekretär in irgendeinem Ministerium, der andere weit oben im Establishment seiner Partei (sie sollen beide ohne Namen bleiben, sonst lacht über den einen heute ganz Deutschland). Und so etwas wie dies hier brauche ich auch noch. So eine Bar, wo alles ganz verworfen ist. Dies ist allerdings ein Photo von dem schwedischen Photographen Anders Petersen, das nicht in der Bar neben dem Roxy gemacht wurde.

Mehrere Lokale in der Hafenstraße, die sich jetzt gut amerikanisch Bar nennen, haben einen üblen Leumund. Da konnte man Typen sehen, die genau so aussahen, wie man sich die Unterwelt vorstellt. Sie haben einen großen amerikanischen Schlitten (wieder so ein Wort, was jetzt aufkommt), beinahe immer second hand von einem G.I. gekauft. Am liebsten einen Cadillac in weiß, pink oder neongrün. Sie tragen auffällige Jacketts (die man nicht bei ▹Kass kaufen kann), Schlipse mit Bikinischönheiten drauf und haben gegeltes langes Haar. Der Look hält sich mit Variationen noch lange in diesen Kreisen.

Doch diese kleine Vegesacker Rotlichtszene ist in der Geschichte des Ortes nichts Neues, die überproportional zahlreichen Kneipen der kleinen Hafenstadt leben seit Jahrhunderten davon, dass Seeleute hier ausgenommen werden. Das nicht ganz ernst gemeinte Stadtwappen Vegesacks zeigt einen Matrosen, der mit Händen und Taschenfutter beweist, dass er nichts mehr in den Taschen hat. Jetzt sind die amerikanischen Besatzer hier. Und die professionellen Frolleins, die Nazi Gretchens. Der Drang der Natur und die Fraternisation sind ein Problem für Besatzungsmacht und Behörden. Meine Eltern sehen das nicht so gerne, dass unser Hausmädchen einen G.I. als Freund hat. Aber wenn der gerade pensionierte amerikanische Stadtkommandant, der Admiral Charles R. Jeffs, seine Bremer Freundin heiratet und nach Bremen zieht, dann ist das natürlich O.K. Dieses O.K. war eins der ersten englischen Worte, das ich von einem Besatzungssoldaten lernte. Das nächste war shut up. Ich wusste nicht, was das heißt und probierte es zu Hause aus. Hätte ich beinahe was dafür hinter die Löffel gekriegt.

In Bremen soll es jetzt auch fünfundzwanzig weibliche Polizisten geben. Die sind nicht von hier, die sind alle aus dem Rheinland und haben sich auf eine dort erschienene Anzeige gemeldet. Die Bremer Polizei ergreift Ordnungsmaßnahmen gegenüber der Vielzahl der Prostituierten. Für diese Frolleins rücken die Amerikaner sogar das rationierte Penicillin für die Bekämpfung der V.D. heraus. V.D. heißt natürlich veneral disease und nicht Veronika, Dankeschön, was der Volksmund daraus macht (jetzt verstehen Sie auch das VD walks this street tonight aus dem dritten Absatz).

Polizistinnen gibt es bei uns nicht, nur Polizisten mit Tschakos. Nutten soll es bei uns im Ort auch einige geben, die sollen sogar Nylonstrümpfe tragen, ein unvorstellbarer Luxus. Die ersten Maschinen, mit denen man Nylonstrümpfe herstellen kann, sind 1949 im Bremer Hafen angekommen. Aber das bedeutet nicht, dass diese Strümpfe jetzt massenhaft verbreitet wären. Nur auf dem Schwarzen Markt kann man damals viel kaufen, an dem Satz Chesterfield machen meine Schwester wild, ist schon etwas dran.

In diese Bar neben dem Roxy geht nun unser Staatssekretär, so erzählt er das seinem Schulfreund im Flieger nach Berlin, weil er an dem schönen Sommertag eine Cola trinken wollte. Er könnte in der Alten Hafenstraße auf einhundertfünfzig Meter in ein Dutzend Lokale gehen, aber er geht zielsicher in diese Bar. Warum? Als er nun mit seiner angeblichen Cola im Schummerlicht der Bar sitzt, kommt ein Journalist herein. Den kennt unser Staatssekretär. Und plötzlich wird ihm klar (Anagnorisis und Peripetie), dass es seiner Karierre abträglich sein könnte, wenn der Journalist ihn hier sehen würde. Er verschwindet nach hinten in die Dunkelheit. In die Herrentoilette. Klettert auf den Klodeckel und stemmt das Fenster darüber auf. Und zerreißt sich beim Herausklettern die Hose seines Anzugs. Das erzählt ein CDU Politiker einem SPD Politiker. Warum nur? Ein Engländer würde an dieser Stelle sagen: How daft can you get?