Freitag, 23. Mai 2014

Rolex


Zuerst war es nur ein Name auf dem Zifferblatt einer Uhr, im Laufe der Jahrzehnte wurde eine Weltmarke daraus. Niemand weiß genau, was sich Hans Wilsdorf aus Kulmbach, der Teilhaber der Londoner Firma Wilsdorf and Davis, bei dem Namen Rolex gedacht hat. Er selbst hat dazu gesagt: Die Hindernisse schienen vorerst unüberwindbar; ich wusste aber, dass es für uns keine Zukunft geben würde, wenn es uns nicht gelänge, unsere Uhr unter ihrem eigenen Namen bekannt zu machen. Der erste Schritt war die Wahl des Namens selbst. Er war so kurz und dabei so einprägsam, dass daneben auf dem Zifferblatt auch der Name des englischen Uhrengeschäftes noch genügend Platz hätte. Was aber besonders wertvoll ist: Rolex tönt gut, ist leicht zu behalten und wird zudem in allen europäischen Sprachen gleich ausgesprochen. Die häufig geäußerte Meinung, der Name Rolex sei aus den französischem horlogerie exquisite oder dem spanischen reloj excelente abgeleitet, ist leider durch nichts zu beweisen. Dass der Volksmund eines Tages aus Rolex Prolex machen würde, konnte Wilsdorf nicht wissen.

Es brauchte damals seine Zeit, bis die Kunden einen Markennamen auf der Armbanduhr akzeptierten, man war es gewohnt, den Namen des Juweliers oder des Uhrmachers (wenn überhaupt) auf dem Zifferblatt zu finden. Diese Uhr aus dem Jahre 1928 trägt schon den Namen Rolex, aber das ist nicht die Regel. Wilsdorf verkauft die gleichen Uhren auch ohne den Namen auf dem Zifferblatt. Wilsdorf, der die Schwester seines Partners geheiratet hatte, ist im Grunde seines Herzens ein Engländer, aber als England im Ersten Weltkrieg hohe Import- und Exportsteuern erhebt, verlegt er seinen Firmensitz nach Biel (eine Adresse in London wird man aber behalten). In Biel ist er seinem wichtigsten Geschäftspartner näher, einem Uhrmacher namens Emile Borer. Der hatte eine Tochter des Sohnes des Firmengründers Jean Aegler geheiratet und war der Chefkonstrukteur (und spätere Inhaber) der Firma Aegler.

Aegler liefert Rolex die Uhrwerke. Ohne die Firma Jean Aegler wäre die Firma Rolex ein Nichts. Rolex ist keine Manufaktur. Das ist das Feinste in der Welt der Horlogerie. Aber um eine Manufaktur zu sein, muss man eigene Werke bauen. Wie Patek Philippe, Omega, Eterna oder die IWC. Und hundert andere. Zwar schreibt Aegler aus Höflichkeit irgendwann Fabrique des Montres Rolex hinter seinen Namen, aber das weicht bald der Firmenbezeichnung Fabrique des Montres Rolex & Gruen Guild.

Das Werk in dem Absatz oben hat Aegler für die amerikanische Firma Gruen (die in Biel-Rebberg eine eigene Fabrik gegenüber von Aegler hatten) hergestellt. Man kennt es auch als Alpina 819 oder Rolex 600. Aegler liefert das Rohwerk, die ébauche. Dann werden die Werke auf die andere Straßenseite getragen, in der Precision Factory der Gruen Watch Company wird das Werk dann finissiert, bis es so aussieht wie auf diesem Bild. Der Zusatz unadjusted wird nicht vergessen. Das Uhrwerk soll ja nach Amerika, da ist der Zoll billiger für Werke, die unadjusted sind - auch wenn das Werk natürlich adjusted ist. Alle amerikanischen Firmen, die ihre Werke in der Schweiz herstellen lassen (wie Hamilton, Benrus oder Bulova) haben das jahrzehntelang gemacht. Bis sie in den fünfziger Jahren ➱auffliegen. Vor zehn Jahren hat Rolex die Firma Jean Aegler gekauft, und ist damit auch rein formell eine Manufaktur geworden. In die Precision Factory von Gruen war Rolex schon lange vorher eingezogen, da der Konkurrent Gruen nicht mehr existierte.

Das hier ist das Beste, was Aegler für Rolex gebaut hat. Das Ultra Prima auf dem Sperrad ist nicht gelogen, diese in sechs Lagen feingestellte Uhr hat den Chronometer Test der Sternwarte in Kew bestanden. Allerdings ist dies Werk eine Ausnahme, es gibt nicht so viele davon. Es musste natürlich der Test in Kew in England sein, nicht ein Test bei einer der Schweizer Sternwarten in Neuchâtel oder Genf.

Denn der Markt des Möchtegern Engländers Wilsdorf war die englischsprachige Welt. Ein Chronometerzeugnis aus Kew machte sich immer gut auf einer englischsprachigen Werbeanzeige. Und in der Werbung ist das Verkaufsgenie Wilsdorf führend. In der Mitte der dreißiger Jahre überlegt man sich bei der IWC in Schaffhausen, ob man vielleicht einmal zehntausend Fränkli in die Werbung investieren soll. Zu dem Zeitpunkt gibt der Hans Wilsdorf schon beinahe eine Million Franken für Werbung (zumeist in englischen und amerikanischen Zeitungen) aus. Es hat Wilsdorf immer geschmerzt, dass er von der englischen Regierung nie Aufträge für Militäruhren bekommen hat. Die Aufträge der Royal Air Force bekommt Omega (aber auch die IWC, Cyma und Record), deren Werk gleich nach Kriegsende von Feldmarschall Montgomery besucht wird. Wilsdorf bleibt nur die absurde Aktion, gefangenen englischen Offizieren in deutschen Lagern eine Rolex zu verticken (lesen Sie ➱hier mehr dazu). Und nein, auch in den Panerai Radiomir Uhren der italienischen Froschmänner tickt kein Rolex. Die Werke sind zwar Rolex signiert, kommen aber von ➱Cortebert oder im Fall des 8 Tage Werks von ➱Angelus.

Ein Grund für die Ausrichtung des Exports auf die Länder des bröckelnden englischen Empire ist sicherlich, dass Wilsdorf in der Schweiz nichts verkaufen kann. Er hatte sich, als er den Firmensitz in die Schweiz verlegte, geweigert, dem Schweizer Uhrenverband (Fédération de l’industrie horlogère suisse) beizutreten. Er hat in seinem Kampf gegen die Restriktionen der Fédération einen Bundesgenossen, nämlich die Luzerner Uhrenhandlung Carl F. Bucherer. Seit 1925 sind beide Firmen eng miteinander verbandelt. Auch Bucherer ist kein Mitglied des Uhrenverbands, also darf er Rolex verkaufen und wird dank der Touristen eines Tages europaweit der größte Rolex Verkäufer. Rolex verkauft für den Export übrigens auch Uhren unter anderen Namen, wie zum Beispiel Marconi oder Aqua, Genex, Rolco, Rolwatco und Unicorn.

Dass die Qualität des Marconi Werkes oben und dieses Werkes hier nichts, aber auch gar nichts, mit der Qualität des obigen Chronometers zu tun hat, sieht auch ein Laie. Aber auch das hier ist eine Rolex. Es ist eine sogenannte Canadian Rolex. Für Kanada gibt es keine Aegler Werke, da gibt es nur die billigen FHF (Fabrique d'Horlogerie de Fontainemelon) Uhrwerke. Von der FHF wird Rolex im Laufe der Jahrzehnte ein Dutzend verschiedener Kaliber beziehen. Aber auch für die Canadian Rolex gibt es Sammler und Sammlerclubs. Das ist wirklich ein Phänomen, es wird heute alles gesammelt, wo Rolex drauf steht.

Weshalb weiß ich nicht. Fritz von Osterhausen, einer der wenigen Fachleute auf dem Gebiet der Uhrengeschichte, weiß es auch nicht so recht. So schreibt er in seinem nützlichen kleinen Buch Wie kaufe ich eine alte Armbanduhr: Ein Ratgeber für Sammler: Allerdings muß sich derjenige, der sich für die Marke Rolex als Sammelgebiet entscheidet, darüber klar sein, daß der größte Teil der älteren, vom Nimbus dieser Innovationen lebenden Modelle heute sehr hohe Preise hat. Preise, die sich (anders als zum Beispiel bei Patek Philippe) keineswegs durch besonders hohe Werksqualität oder besonders schöne Vollendung rechtfertigen lassen. Die meisten der Rolex-Werke waren und sind recht einfach und durchschnittlich im Finish, dafür robust, zuverlässig und ziemlich ganggenau. Aber es fehlt ihnen diese technische Finesse, Eleganz und Ausstrahlung, diese sichtbare und genießbare Qualität, die etwa die Werke von Patek Philippe, Vacheron & Constantin oder IWC ausstrahlen.

Um den letzten Satz zu illustrieren, habe ich oben das IWC Kaliber 89 aus den fünfziger Jahren abgebildet. Und Sie vergleichen das einmal mit dem Rolex Kaliber 1220 hier. Das hat eine sogenannte indirekte Zentralsekunde, die man an der Feder in der Mitte erkennt. Die soll das Flattern des Zahnrades verhindern, das die Kraft vom Sekundenrad auf die Mitte überträgt. Eine solche Konstruktion ist 1970 weit hinter der technischen Entwicklung zurück (die englische ➱Smiths oder das Kaliber 25 von Dr ➱Kurtz hat die gleiche Konstruktion). Und es fehlt ihm eben diese sichtbare und genießbare Qualität, die etwa die Werke von Patek Philippe, Vacheron & Constantin oder IWC ausstrahlen. Das IWC Kaliber 89 hat zwar auch eine indirekte Zentralsekunde, aber dank der genialen Konstruktion von Roger Puthod ist von dem störenden aufgesetzten Zahnrad nichts zu sehen.

Das hier ist keine echte Rolex, das sieht, wie der Volksmund sagen würde, ein Blinder mit Krückstock. Diese Uhr wurde Ende der siebziger Jahre bei Tchibo angeboten. Ich habe so etwas aus Kuriosität auch noch in einer Schublade liegen. In der Uhr tickte ein billiges, fünfsteiniges Stiftankerwerk von Baumgartner. Kaum war die billige Uhr in den Tchibo Läden, da wurde der Kaffeeröster von Rolex verklagt. Rolex klagt gerne und viel, der Hans Wilsdorf ist ein Streithansl. Man hat manchmal das Gefühl, dass Rolex mehr Rechtsanwälte als Uhrmacher beschäftigt. Der kleine jüdische Juwelier in der Bronx, der unberechtigt ein Rolex Schild in seinem Schaufenster hat, wird ebenso verklagt wie das Auktionsportal ebay. Der Prozess gegen Tchibo dauerte übrigens fünfzehn Jahre, erst der Bundesgerichtshof sprach das letzte Wort. Wenn Sie es lesen wollen, klicken Sie ➱hier.

Dieses Werk war auch Gegenstand eines Prozesses. Es ist ein Automatikwerk mit Rotorautomatik der Firma Felsa, das 1942 auf den Markt kam. Es zog beidseitig auf, hatte deshalb den schönen Namen Bidynator. Man erkennt ein Bidynator Werk immer an dem kleinen Pfeil unter dem Rotorlager, der dem Uhrmacher zeigt, wie er den Rotor entriegelt. Hier wurde das Werk von Ernest Borel noch mit einer Incastar Feinregulierung (das ist das kleine Rädchen neben der Stoßsicherung) veredelt. Wilsdorf verklagte Felsa, weil er mit dem von Emile Borer konstruierten Automatikkaliber 620 NA im Jahre 1931 ein Patent auf die Rotorautomatik erhalten hatte. Die allerdings das Federhaus nur in einer Richtung aufzog. Wilsdorf musste sich von den Richtern belehren lassen, dass ein beidseitiger Aufzug etwas anderes als ein einseitiger Aufzug ist. Na ja, man kann es ja mal versuchen. Die Prozesskosten kommen über den Preis der Rolex immer wieder herein.

Der absurdeste Prozess, den Rolex verlor, war der um nachträglich von Juwelieren angefertigte Diamantlünetten. Ich zitiere mal eben etwas, was schon in dem Post über ➱Louis Vuitton stand: Es ist immer sehr komisch, wenn Luxusgüterfirmen die Kunst für sich vor Gericht reklamieren. Rolex hat vor Jahren einmal behauptet, dass ihre Uhren Kunstwerke sein, die nicht verändert werden dürften. Da hatten sich Rolex Besitzer bei einem Juwelier eine Diamantlünette auf ihre Rolex basteln lassen. Das, was in Zuhälterkreisen 'Scherbenkranz' heißt. So etwas hat Rolex auch im Angebot, ist aber woanders billiger. Rolex hatte solche Uhren einbehalten, als die zum Kundendienst kamen. Weil es ja Kunstwerke sind, die man nicht verändern darf. Das oberste deutsche Gericht urteilte mit gesundem Menschenverstand, dass jeder Käufer mit seiner Rolex machen kann, was er will. Er kann sie grün anmalen, wenn ihm das gefällt. Ist eine echte Alternative.

Auf dieser Anzeige mit dem englischen Rennfahrer Malcolm Campbell können wir lesen, dass Rolex fünfundzwanzig Weltrekorde für sich beansprucht. Jahrzehnte später wurden die Zahlen von Rolex der Firma Omega, die die Schweizer Chronometrie Wettbewerbe seit 1945 beinahe regelmäßig gewann, ein bisschen zu viel. Man verklagte Rolex in einem Zivilprozess. An dessen Ende festgestellt wurde, dass es sich nicht um Weltrekorde, sondern um Rekorde an Observatorien gehandelt hatte. Aber in wahrheitswidrigen Anzeigen ist Rolex ganz groß. Das betrifft sowohl die Schwimmerin ➱Mercedes Gleitze als auch die Behauptung, dass die Bezwinger des ➱Mount Everest Rolex Uhren getragen hätten.

Der verlorene Prozess gegen Omega lässt Wilsdorf wie ein beleidigtes Kind reagieren, er schickt ab 1957 keine Uhren mehr zu den Chronometrie Wettbewerben, die es seit Ende des Zweiten Weltkriegs gab. Wenn Sie alles über Chronometer wissen wollen, empfehle ich die Lektüre des Buches von Fritz von Osterhausen Armbanduhren - Chronometer: Mechanische Präzisionsuhren und ihre Prüfung. Während die Vielzahl von Uhrenmagazinen heute nur bessere PR Broschüren Schweizer Firmen sind, ist Fritz von Osterhausen in seinen Schriften immer ein seriöser Fachmann geblieben.

Auf dem Zifferblatt einer Rolex findet man die Aufschrift superlative chronometer officially certified. Klingt toll, besagt aber nur, dass die Uhr einen Test des COSC (Contrôle Officiel Suisse des Chronomètres) bestanden hat. Für viele Hersteller von Präzisionsuhren war eine solche Aufschrift in den fünfziger und sechziger Jahren kontraproduktiv, man konnte davon ausgehen, dass ihre Produkte so feingestellt (adjusted) waren, dass sie jederzeit ein Chronometerzeugnis bekommen hätten. Nur die Firma  Omega verwendete bei ihren Constellation Modellen den Schriftzug chronometer officially certified, verzichtete dabei aber auf das prahlerische Wort superlative. Die Constellation war Omegas Flaggschiff im Kampf um die Vorherrschaft im Chronometergeschäft. In den Jahren von 1958 bis 1969 waren Omega (nicht Rolex) der größte Hersteller der Schweiz von COSC geprüften Chronometern. Dann kam die Quarzkrise und die schlimmste Stunde der Schweizer Uhrenindustrie. Und ja, auch Rolex hat Quarzuhren gebaut. Wie man hier sehen kann.

Jeder gute Uhrmacher kann eine Rolex reparieren. Falls er an die Ersatzteile kommt, aber das ist schwer, denn Rolex bindet den ganzen after sale service an sich. Damit ist viel Geld zu verdienen. Der Kunde kann das alles nie nachprüfen, denn er bekommt die Rolex gar nicht erst auf. Dennoch schwören manche Rolex Besitzer auf Uhrmacher, die keine Rolex Konzession haben. Rolex Ersatzteile gibt es zum Leidwesen der Firma auch auf dem grauen Markt. Und eine Rolex Tudor zu warten, ist eh ein Kinderspiel; denn da sind ganz normale ETA Werke drin, dafür gibt es genügend Ersatzteile. Ich habe bei YouTube ein Video mit dem Titel How to service a Rolex at home gefunden, was ➱hier vorgemacht wird, ist nicht zur Nachahmung empfohlen.

Nicht alle Uhren werden von Rolex repariert, Sammler, die eine alte bubble back (Bild) haben, sind nicht die Lieblingskunden von Rolex. Es geschieht häufig, dass Rolex anstelle von Service und Reparatur einen verbilligten Neukauf anbietet. Während man bei der IWC noch Ersatzteile für Taschenuhren aus dem 19. Jahrhundert besitzt und Omega einen mustergültigen Service für Sammler anbietet, sucht man einen solchen Service bei der Firma Rolex vergebens.

Rolex Uhren werden weltweit gefälscht, es gibt gute und schlechte Fälschungen. Höflicherweise bezeichnet man sie als Nachtauslagen. So schrieb die Mail Online vor Jahren unter dem Titel An idiot's guide to buying a fake Rolex: In the old days, counterfeit Rolexes were so poorly made that not even a blind chimp would mistake one for the real thing. They conferred upon the wearer an aura of tacky desperation, not cool. Nowadays, it’s a different story. The old tell-tale giveaways – sloppy printing, soft metal and cheap quartz movements that made the second hand clunk its way round the dial – have been eradicated. Good fakes feel substantial, keep decent time and have the patina of high quality. Some are so convincing that the only way to tell they’re fake is to take the back off. Auch das grüne Siegel (das nicht nur giftig grün, sondern auch wirklich giftig ist) auf dem Gehäuseboden ist für Fälscher keine Schwierigkeit. Manche Käufer nehmen das nie ab, aber das sind auch die gleichen, die das Namensetikett des Anzugsherstellers auf dem Ärmel lassen.

Rolex Uhren werden gerne geschmuggelt (fragen Sie Kalle Rummenigge, wie man das richtig macht) und gestohlen. Sogar dem Leibwächter von Gauck ist in Italien seine Rolex gestohlen worden. War aber nur ein Imitat. Rolex hat da eine Schwarze Liste, in der alle als gestohlenen gemeldeten Uhren notiert sind. Wenden Sie sich vertrauensvoll an Rolex in Köln. Lieber vor als nach dem Kauf. Früher genügte ein Fax, heute wollen die allerdings die Uhr sehen.

Rolex tritt als Sponsor für die Weltreiterspiele, für Tennisturniere, Segelregatten und Golfturniere auf. Das enfant terrible unter den Golfprofis John Daly hat in einer schweren persönlichen Krise einen Countrysong geschrieben, in dem sich die schöne Zeile finden all my Exes wear Rolexes. Wenn man ganz tief unten ist, dann muss es eine Rolex sein.

Christian Wulff soll sich seine verpfändete Rolex Oyster Cosmograph Daytona (die er sich als Neunzehnjähriger für 825 Mark gekauft hatte) inzwischen wieder zurückgekauft haben. Das Modell läuft mit einer bestimmten ➱Zifferblattvariante auch unter dem Namen Paul Newman, es hat im letzten Jahrzehnt eine völlig irrationale Preisentwicklung durchgemacht. Die in der Qualität durch nichts gerechtfertigt ist. Es ist auch nicht so, dass die Uhr besonders selten ist, es gibt hunderttausende davon. Die hat Paul Newman natürlich alle getragen. Von meiner Cuervo y Sobrinos aus Havanna aus den dreißiger Jahren gibt es bestimmt nur ganz wenige. In der großen Uhr tickt ein Juvenia Werk, das blaue Steine statt der roten Rubine hat. Ich habe meine Cuervo schon einmal in dem Post ➱Havanna erwähnt, sollte aber noch sagen, dass die Firma in den dreißiger Jahren auch Rolex Uhren verkauft hat.

Wenn man ganz weit oben ist, aber kurz vor dem Absturz steht, dann auch. Diese goldene Rolex hat ➱Marilyn Monroe John F. Kennedy geschenkt, damals als sie Happy Birthday Mr President sang. Trägt die Gravur Jack, With love as always from Marilyn May 29th 1962. Wenig später war Marilyn tot. Und Kennedy hat die Uhr sofort verhökern lassen. In der Schachtel war noch ein kleiner Zettel mit einem Gedicht A Heartfelt Plea on Your Birthday:

Let lovers breathe their sighs
And roses bloom and music sound
Let passion burn on lips and eyes
And pleasures merry world go round
Let golden sunshine flood the sky
And let me love
Or let me die!


Für Rolex Freunde ist Rolex die beste Uhr der Welt. Sie leben mit einem Mythos, der aus vielen kleinen Lügen gebastelt ist. Man könnte nicht zu Unrecht kübelweise Häme über die Marke ausgießen, ich lasse das. Ich habe auch keine Rolex. Ich lasse das letzte Wort heute Dr. Lucien F. Trueb, der fünfundzwanzig Jahre bei der Neuen Zürcher Zeitung als Wissenschaftsjounalist tätig war. In seinem (sehr empfehlenswerten) Buch Die Zeit der Uhren sagt er: Daß man auf einer Rolex die ungefähre Zeit ablesen kann, ist von sekundärer Bedeutung. Die Werbung akzentuiert zwar bis an die Grenzen des Machbaren vorstoßende Uhrmacherkunst, doch weiß man bei Rolex ganz genau, daß man ihr Produkt wegen des Prestiges kauft. Wer eine wirklich genaue, robuste Uhr in qualitativ hochwertiger Ausführung und gutem Design braucht, bekommt sie anderswo zu einem Bruchteil des Rolex-Preises. Um einen führenden Manager der Uhrenindustrie zu zitieren: 'Rolex ist ein Kultobjekt, das sich jeder rationalen Betrachtung entzieht.' Zwar sind bei sehr vielen Uhrenmarken die Emotionen wichtiger als das Produkt. Doch Rolex hat es fertiggebracht, wie die Religionen, die Politik und der Film das noch viel profitablere Geschäft mit Illusionen zu erschließen.

Mittwoch, 21. Mai 2014

Handschuhknopf


In einem Artikel über Herrenmode begegnete mir letztens der Handschuhknopf. Der Artikel handelte allerdings gar nicht von Handschuhen (an denen man ja einen Knopf finden kann), sondern von Oberhemden. Der Artikel war eine Übersetzung aus dem Englischen, da wußte ich schon, was passiert war. Das weiß man bei Übersetzungen ja nie, vor allem, seit es diese ganzen Übersetzungsprogramme im Internet gibt. Aber auch bevor es Computerübersetzungen gab, haben Übersetzer schon schlimme Dinge angerichtet, ➱Fritz Güttingers Buch Zielsprache bietet da eine schöne Sammlung. Mein Freund Tony (der auf der gleichen Public School wie ➱Raymond Chandler war) hat mir mal erzählt, dass er einmal beinahe wegen lauten Lachens aus dem Zuschauerraum des Hamburger Schauspielhauses gewiesen worden wäre. Weil in dem Theaterstück von Harold Pinter auf der Bühne gesagt wurde: Wer hat an das Stadttor von Melbourne gepinkelt? Diese Übersetzung von Who watered the wicket in Melbourne? hat schon ihren Weg in die kritische Literatur gefunden: The first German translator, reputedly, came to the line 'Who watered the wicket in Melbourne?' and looked up the words in his dictionary – 'wicket' means 'gate', 'watered' means 'urinated'. So he came up with a translation which translates back into English as 'Who urinated over the gates of Melbourne?

Ich ahnte schon, woher der Handschuhknopf gekommen war. Er heißt im Englischen gauntlet button und bezeichnet diesen kleinen Knopf auf dem Ärmelschlitz (wenn man bei einer Übersetzungsmaschine gauntlet button eingibt, bekommt man allerdings Vorschläge, die Panzerhandschuhknopf und Fehdehandschuh-Schaltfläche lauten). Nach Meinung mancher amerikanischer Modepäpste sollte das Knopfloch nicht in Längsrichtung wie hier, sondern quer verlaufen. Das sieht man selten, ich habe nur ein italienisches Oberhemd von der Firma Nervesa, das so etwas hat. Viel häufiger findet man Hemden, die an dem Ärmelschlitz gar keinen Knopf haben. Da braucht man sich morgens nicht damit zu ärgern, kleine Knöpfe in Knopflöcher zu fummeln. Das Englische hat zwar diesen schönen Namen gauntlet button, aber viele englische Hemden (und auch die von ➱R. Böll in Rottach-Egern) haben diesen button häufig gar nicht. Ich habe eine Handvoll Hemden von Henry Poole, keines hat diesen Knopf am Ärmel.

Wenn ich eben das quer verlaufende Knopfloch erwähnte, hier auf dem Bild taucht es wieder auf: The evidence of meticulous crafting is the presence of a horizontal buttonhole. Die Amerikaner ziehen übrigens die Bezeichnung sleeve placket dem Englischen gauntlet vor. So schreibt ➱Alan Flusser in Clothes and the Man"Gauntlet" is the English term for the sleeve placket, that open area just before the cuff. A well-made shirt has a working button on the placket so that this gap can be closed when the shirt is being worn. The gauntlet button originated in order to enable men to roll back their cuffs while washing as well as to hold the cuff in place. Obviously, a gauntlet button is not one of life's dire necessities, though in certain circles a show of bare forearm is considered in as poor taste as a show of skin between hose and trouser cuff. On the other hand, a buttoning gauntlet does permit a better fit around the forearm and is one more indication of a quality shirt.

Oder auch nicht. Der Knopf fehlt zum Beispiel an diesem Turnbull & Asser ➱Hemd (wir denken uns die prollige Hermès Uhr mal eben weg); es ist das Hemd mit der Manschette, die auch James Bond (lesen Sie dazu auch den Post ➱Agentenmode) einmal getragen hat. Sehen Sie einen gauntlet button? Es geht offensichtlich auch ohne. Aber wenn er schon mal da ist, dann sollte man ihn auch zuknöpfen.

Ob Luciano Barbera das tut, weiß ich nicht. Es hat mich immer irritiert, dass der italienische Signore - sicherlich einer der elegantesten Männer der Welt - die Knöpfe seines button-down Hemdes nicht zuknöpft. Hier auch wieder. Wenn er den ersten Knopf seines Jackettärmels offen läßt, kann man nur sagen: Italiener. Die können nicht anders. Wir anderen halten uns bei diesen Knöpfen (für die die Amerikaner das schöne Wort surgeon's cuff haben) an das, was in dem Post ➱Ärmelknöpfe steht. Und wir denken immer an diese hübsche kleine Geschichte, die Richard Sennett in The Fall of Public Man zum Besten gibt:

A Russian visitor to the Jockey Club asked his hosts to define a gentleman: was this an inherited title, a caste, or a question of cash? The answer he received was that a gentleman disclosed his quality only to those who had the knowledge to perceive it without being told. The Russian, a rather abrupt soul, demanded to know what form these disclosures would take, and one member replied to him, as though breaking a confidence, that one could always recognize gentlemanly dress because the buttons on the on the sleeves of a gentleman's coat actually buttoned and unbuttoned, while one recognized gentlemanly behavior in his keeping the buttons scrupulously fastened, so that his sleeves never called attention to this fact. Da der Pariser Jockey Club (in dem der Prince of Wales Stammgast war) hier erwähnt wird, muss ich natürlich das schöne Bild von James Tissot hier abbilden. Das Vorbild für ➱Prousts Charles Swann ist übrigens auch auf dem Bild.

Und da ich schon beim Thema Hemdenknöpfe bin: man kann den obersten Hemdenknopf auch schließen. Und einen Schlips umbinden. Sonst sieht man so aus wie dieses abschreckende Beispiel der männlichen Spezies. Lichtjahre entfernt von der Eleganz Luciano Barberas, da ist wohl irgendetwas mit der sartorialen Evolution fehlgelaufen.


Noch mehr zu Hemden finden Sie in diesem Blog unter: ➱Haikragen, ➱Jermyn Street, ➱Oberhemden und ➱gatsby-weiß.

Montag, 19. Mai 2014

HSV


Komm, wir gehen heute Nachmittag zum HSV, sagte Götz. Heute? Es war mitten in der Woche. Wo spielen die denn? fragte ich. Waldwiese, sagte Götz. Das ist ein idyllisch gelegener kleiner Sportplatz, aber der HSV hätte da freiwillig nie gespielt. Heute vielleicht, aber dies ist einige Jahrzehnte her. Es waren auch nur die Alten Herren des HSV, vielleicht käme Uwe Seeler auch. Er kam leider nicht, aber die anderen, die kannte ich beinahe alle. Aus der Zeit, als der HSV noch am Rothenbaum spielte. Der Gegner der Hamburger war eine Landesauswahl von Schleswig-Holstein. Alle viel jünger als die Herren, deren gute Zeit schon Jahrzehnte zurücklag. Sie konnten schnell laufen. Heute wird auch immer schnell gelaufen, aber wohin führt es? Langweiligem Fußball. Die Hamburger liefen nicht so schnell, aber sie hatten immer noch die sichere Ballbeherrschung drauf. Und hatten ein Auge für den Mitspieler. Und fußballerische Intelligenz. Das ist heute selten geworden. Am Ende hatten die Hamburger hoch gewonnen, ich weiß nicht mehr, mit wie vielen Toren, aber ich glaube, es hieß 5:2 für den HSV.

Die Zeiten, in denen der HSV 5:2 gewann, sind längst vorbei. Dass sie einmal 8:0 gegen Karlsruhe gewannen, ist schon beinahe fünfzig Jahre her. So alt ist die Bundesliga auch, und so lange ist der HSV schon in dieser Liga. Im ersten Jahr durften verletzte Spieler noch nicht ausgewechselt werden. Da hieß es Zähne zusammenbeißen oder den Platz verlassen. Heute haben die auf den Plätzen herumlaufenden Geldschränke ja Wehwehchen, die man vor einem halben Jahrhundert gar nicht kannte. Der Fußball hat sich seit Uwe Seeler und seit Mighty Mouse Keegan verändert. Das hier auf dem Photo ist nicht die heutige HSV Mannschaft, das ist die Mannschaft des Deutschen Pokalsiegers von 1963, allerdings 45 Jahre später photographiert.

Weihnachten 2011 konnte man im Hamburger Abendblatt ein Wunschgedicht an den Weihnachtsmann lesen:

Wir war’n einst die Macht im Norden,
und sind jetzt so klein geworden,
Du aber, Du ganz alleine,
stell uns wieder auf die Beine,
der HSV, ganz zweifelsfrei,
gehört doch nicht in Liga zwei.


Wahrscheinlich haben sie das in Hamburg seit 2011 gebetet. Tolgay Arslan hat gestern gesagt: Wir sollten alle in die Kirche gehen und beten. Nun sind die Gebete erhört worden, der Abstieg ist gerade mal eben vermieden worden. Die Stadionuhr kann weiter ticken. Aber während sie tickt wird auch die Frage lauter: wie soll es weitergehen? Kriegt Bert van Marwijk noch seine Millionen? Hat Slomka auch Millionen als Nichtabstiegsprämie gekriegt? Und ist Mirko Slomka überhaupt der richtige Mann für einen Neuanfang? Oder hat er nur die Millionen im Kopf, die er mit dem Maschmeyer und der Vroni Ferres in der Schweiz gebunkert hat und jetzt nicht zurückbekommt? Und ist das Liebesleben von Rafael van der Vart an seiner Formschwäche schuld?

Und überhaupt: die Spielerfrauen, was gibt es da zu berichten? Herrscht da, seit Sylvie weg ist, nicht die gleiche Tristesse wie auf dem Rasen? Immerhin offeriert die Bild Zeitung unter dem Titel Heisse Spielerfrauen: So sexy kann der HSV sein ➱hier ein Video. Ist aber eher peinlich.

Nicht peinlich, sondern im Gegenteil ganz wunderbar ist dagegen dies ➱Video, wo Olli Schulz seinen Song Spielerfrau singt. Und dann schauen wir zum Schluss noch mal eben in dies Dittsche ➱Video hinein, wo auf dem Platz von Schildkröte heute einmal ein anderer sitzt. Mit dem wäre der HSV nie in die Lage gekommen, in der er heute ist. Aber der verdiente auch noch keine Millionen. Und diese Tussis gab es auch noch nicht.


Im Blog SILVAE steht nicht nur etwas über Herrenmode, Kunst und Literatur. Hier steht auch viel über Fußball. Das Spiel, das Uwe Seeler als das denkwürdigste seiner Laufbahn bezeichnete, steht hier (➱Hannover 96), ebenso wie die Geschichte von dem Ball, den Dragomir Ilic an einem Sonntagnachmittag nicht halten konnte (➱Goalies). Lesen Sie auch: ➱Uns Uwe, ➱Fußballpoesie, ➱Bert Trautmann, ➱Bert Trautmann ✝, ➱Belfast Boy, ➱Wundliegen, ➱Schickssalspiel, ➱Farbsymbolik, ➱Stil und ➱Albert Camus. Ja, das haben Sie richtig gelesen. Camus ist derjenige, der gesagt hat: Alles, was ich schließlich am sichersten über Moral und menschliche Verpflichtung weiß, verdanke ich dem Fußball.

Sonntag, 18. Mai 2014

Officially Certified


Nein, sagte ich zu meinem Uhrmacher, nicht schon wieder eine Omega. Er hatte mir gerade eine ziemlich neu aussehende Omega Seamaster über den Ladentisch zugeschoben. Ist aber ein Chronometer, Officially Certified, sagte der. Omega Seamaster als Chronometer gibt es eigentlich gar nicht, für Chronometer hatte Omega seine Constellation Linie. Aber es gab keinen Zweifel, es stand wirklich auf dem Zifferblatt: Omega Automatic Chronometer Officially Certified. Meine sieht natürlich in der Wirklichkeit sehr viel besser aus als dieses Exemplar hier (sie können ein neuwertiges Exemplar ➱hier betrachten). Sie brauchte auch nicht zum Service, der Sticker vom letzten Omega Service klebte noch auf dem Boden. Ich kaufte sie sofort. Vierhundert Mark waren für die Uhr nicht zu viel.

Aber war sie wirklich echt? Was mich irritierte, war dieser Gehäuseboden. Kein Seepferdchen. Alle Seamaster Modelle haben immer eine Art Seepferdchen auf dem Boden. Ich hatte damals keinen Computer, ich weiß auch nicht, ob es das Zauberreich Internet und dessen Schlüssel Suchmaschine überhaupt schon gab. Ich schrieb an Monsieur Marco Richon, den Leiter des Omega Museums. Dem hatte ich mal einen Gefallen getan, er bedankte sich mit der Zusendung wunderbarer Werbegeschenke und versicherte mir, dass ich mich bei allen Fragen jederzeit an ihn wenden könne. Auf Französisch. Er konnte selbstverständlich Deutsch, aber wenn der Firmensitz Bienne und nicht Biel ist, dann schreibt man eben Französisch. Die Antwort kam prompt (natürlich in französischer Sprache): diese Omega Seamaster Chronometer war keine nachträgliche Mariage, sie war echt. Eine Photokopie der Hollerith Karte mit allen Daten der Uhr war beigelegt. So weiß ich, dass die Uhr am 25. November 1969 gebaut wurde.

Als die Seamaster Ende der vierziger Jahre auf den Markt kam (so sah sie damals aus), war sie eine wasserdichte, belastbare Sportuhr. An Chronometerzeugnisse hatte man nicht gedacht. Wozu auch? Die Qualitätsstandards von Omega und den anderen Herstellen von Präzisionsuhren waren damals hoch, die Seamaster Modelle hätten wahrscheinlich jede Prüfung bestanden. Die Uhren von ➱Eterna und der ➱IWC auch. Es war eigentlich eine Selbstverständlichkeit, man hätte sich geschämt dieses prollige superlative chronometer officially certified auf das Zifferblatt zu schreiben, wie Rolex das tat.

Als Erkennungsmerkmal bekam die Seamaster dieses seltsame Tier auf den Boden. Das sich im Sommer immer schön in den Arm prägt, sodass man mit dem Abdruck eines Seepferdes herumläuft, als wäre es ein Discostempel. Von daher gesehen ist der glatte Boden der obigen Seamaster Chronometer natürlich praktischer. Es ist natürlich kein Seepferdchen, es ist ein griechisches ἱππόκαμπος. Diesen kleinen Bildungsscherz musste ich mir mal eben erlauben, Sie können ➱hier eine Vielzahl von Darstellungen des Hippocampos betrachten.

Viele Firmen suchten sich nach 1945 wiedererkennbare Symbole, um ihre Modelle zu kennzeichnen. Aber keins erwies sich als so zugkräftig wie Omegas Variante des mythologischen Hippocampos. Das in den Gehäuseboden eingeritzte ➱Seepferdchen der Seiko Seahorse auf keinen Fall. Meine Geschichte mit der seltenen Omega Seamaster Chronometer wäre an dieser Stelle zu Ende. Wenn da nicht Jahre später der mehrteilige Artikel über Seamaster Chronometer in der Zeitschrift Klassik Uhren gewesen wäre. In dem meine Uhr als eine glatte Fälschung bezeichnet wurde.

Ich schrieb an die Redaktion, woraufhin der Autor des Artikels im nächsten Heft noch energischer die Echtheit dieses Modells anzweifelte. Doch der Redaktion war das Ganze wohl etwas unheimlich geworden, sie schickten meinen Brief an Omega. Die haben da eine ganze Abteilung, die sich nur um die Fragen von Sammler kümmert. So etwas gibt es bei Rolex nicht. Und aus Biel kam die Antwort von John R. Diethelm: die Uhr ist echt. Allerdings, es gab da eine Einschränkung, die ich natürlich längst kannte. Diese Uhr hatte ihr Uhrenleben nicht als Omega Seamaster Chronometer begonnen, sondern als Omega Genève Chronometer (was sicherlich noch seltener ist).

Aber plötzlich merkte man bei Omega, dass man einen schrecklichen Fehler gemacht hatte. Man hatte gerade die Omega Dependance in Genf geschlossen und hatte deshalb keine Berechtigung mehr, dieses prestigeträchtige Wort Genève auf das Zifferblatt zu schreiben. Die Genfer Uhrenfirmen drohten schon mit einer Klage. Omega reagierte prompt: man druckte neue Zifferblätter auf denen jetzt Seamaster (statt Genève) stand. Und natürlich Omega Automatic Chronometer Officially Certified. Und bei den Uhren, die schon verkauft waren und zum Service geschickt worden waren, wurde stillklammheimlich das Zifferblatt ausgetauscht. Die meisten Uhrenbesitzer werden das wohl gar nicht gemerkt haben.

In der Uhr tickt das Kaliber 551, typisch für Omega rotvergoldet, das beste Automatikwerk, das Omega je gebaut hat. Mit der Aufschrift twenty-four jewels, adjusted to five positions and temperature. Mit einer Glucydur Unruhe ohne Schrauben, einer Incabloc Stoßsicherung und einer Schwanenhalsfeinregulierung. Es war das Werk, das auch in den Constellation Modellen der damaligen Zeit war.

Zur Constellation fehlt dieser Uhr eigentlich nur das Sternwartensymbol auf dem Gehäuseboden. Da müssen natürlich acht Sterne im Himmel sein, eine Constellation hat immer neun Sterne. Einer auf dem Zifferblatt, acht auf der Rückseite. Wenn da Sterne fehlen, ist der Boden abgeschliffen, das haben Sammler nicht so gerne. Die Firma Omega hat immer wieder mal eine kleine Serie von Seamaster Chronometern aufgelegt, sie bleiben eine Seltenheit. Wenn sie vielleicht auch nicht so selten sind wie meine Omega Genève, die sich in eine Seamaster verwandelte. Der Autor des Artikels in Klassik Uhren hatte seinerzeit seine angebliche Mariage voller Empörung an den Händler zurückgeschickt. Der hat sich hinterher, nachdem die ganze Geschichte dieser Uhr publik wurde, bei mir bedankt. Er hatte die Omega  nämlich für ein Vielfaches des ursprünglichen Preises verkauft.

Weil es auch fast unmöglich ist, heute noch eine Omega Seamaster Chronometer zu kaufen, soll hier demnächst auch einmal über Uhren geschrieben werden, die man jederzeit kaufen kann. Auch nachts am Bahnhof und tagsüber in Antalya am Strand. Es sind Uhren eines bekannten Massenherstellers mit fünf Buchstaben. Nein, nicht Seiko. Fängt mir R und hört mit X auf. Freuen Sie sich schon mal darauf.

Freitag, 16. Mai 2014

Kevin Johnson


Throwing stones at the embassy,
policeman come and arrested me,
Paper at the university,
said I was a hero,
And the wise old judge that I went before,
wouldn't believe what I did it for,
Said this is no way to stop the war,
But, how the hell would he know?

Wenn Sie Over the Hills and Far Away (nein, nicht den ➱Song aus dem 18. Jahrhundert, der in ➱John Gays Beggar's Opera vorkommt) noch kennen, dann wissen Sie natürlich, dass das Lied von ➱Kevin Johnson ist. Der Australier hatte ja mal eine kurze Phase, in der er weltberühmt war. So wie Crocodile Dundee. Aber ebenso wie von jenem Aussie hört man von seinem Landsmann Kevin Johnson auch nichts mehr. Ich komme auf Kevin Johnson, weil ich beim Suchen nach einer CD (die natürlich nicht an ihrem Platz war) plötzlich auf eine Vielzahl von Kevin Johnson CDs stieß. Einschließlich zahlreicher Raubkopien (Danke, Melanie!). Musste ich natürlich sofort in den Player mit den vier Burr Brown 20 Bit-Wandler pro Kanal legen und abspielen.

Oh, I can still remember when I bought my first guitar
Remember walking from the shop to put it proudly in my car
And my family listened fifty times to my two song repertoire
I told my Mom her only son was gonna be a star.

Bought all the Beatle records, sounded just like Paul
Bought all the old Chuck Berry's, 78's and all

And I sat by my record player playing every note they played
I watched them all on TV, making every move they made.

Rock and roll, I gave you all the best years of my life
All the dreamy sunny Sundays, all the moon-lit summer nights
I was so busy in the back room writin' love songs to you
While you were changin' your direction and you never even knew
That I was always, just one step behind you.

Es steckt viel persönliche Frustration in dem ➱Song. Jahrelang hatte er Songs für andere geschrieben, niemand wollte seine Songs hören. Bis Rock'n'Roll I gave you all the best years of my life kam und alles änderte: It was a quick song for me because I've spent months on one line. It just came to me one day as I was driving home, feeling all this frustration of two years without making a record. So I decided to write a song not about giving someone the best years of my life, but to write about the pursuit of success, which I thought related to a lot of people around the world, not just in music but anything. Es gibt eine Vielzahl von Cover Versionen von dem Song, sogar Gary Glitter (der ➱hier einen Post hat) hat es gesungen.

Es gibt aber noch eine zweite Version, die hier in Deutschland nicht so bekannt geworden ist. In Australien kennt sie wohl jeder. Weil sie seit 1996 der offizielle Song der Hunderjahrfeier der Australian Football League ist. Klicken Sie ➱hier einmal in das Video der AFL hinein. Ist natürlich nicht ➱Cricket, hat aber auch seine Liebhaber.

Mittwoch, 14. Mai 2014

Gert Börnsen ✝


Sein Onkel Johnny war der Zeichenlehrer von Helmut Schmidt an der Lichtwarkschule in Hamburg. Er war auch der Zeichenlehrer von meinem Vater, weil der mit Helmut Schmidt in einer Klasse war. Gerts Vater war als Schiffbauer von Hamburg nach Bremen gekommen. Schiffbau war irgendwie erblich in der Familie. Weil sein Vater in diesen Bremer Vorort gezogen war, kam Gert eines Tages an meine Schule, sein jüngerer Bruder auch. Der hat in schöner Familientradition Schiffstechnik studiert, ist dann aber Politiker geworden. Wie Gert.

Wir haben zusammen viel Zeit in Photolabors verbracht, als wir jung waren. Gerts Bruder Arne photographierte auch. Ich habe im Laufe von mehr als einem halben Jahrhundert viele Photos von Gert  gemacht. Keins davon ist im Internet, es gibt glücklicherweise noch eine Zone des Privaten. Er hatte schon früh eine alte Leica, um die ich ihn beneidete. Auch das riesige Tonbandgerät in seinem Wohnzimmer fand ich toll. Um manche Dinge beneidete ich ihn nicht. Also zum Beispiel die Katja Ebstein Platten. Aber er hatte auch den ganzen Degenhardt. Hannes Wader sowieso.

Er sammelte moderne Kunst. Wir fuhren zusammen nach Sonderburg, um Möbel zu kaufen, dänische Möbel waren damals en vogue. Für seine große Leidenschaft, die Ornothologie, konnte er mich nicht gewinnen. Zu jedem vorbeifliegenden Vogel hatte er den richtigen Namen parat, so wie er von jedem Schiff auf der Weser die Bruttoregistertonnen richtig schätzen konnte. Es war enervierend, mit ihm spazieren zu gehen, wenn man sich immer Sätze wie Weibliche Stockente von links oder Ähnliches anhören muss. Über die Nacht auf dem Hammekahn namens Regenfleuter will ich lieber nicht reden. Aber das tat unserer Freundschaft keinen Abbruch. Die Geschenke zum Geburtstag und zu Weihnachten kamen immer termingerecht, diese Festtage haben wir in all den Jahrzehnten nie vergessen, wo wir auch waren und was wir auch taten. Die stilvollen Whiskygläser (die wohl von Harjes aus Vegesack stammten), die er mir einmal geschenkt hat, haben - wie unsere Freundschaft - über ein halbes Jahrhundert gehalten.

Ich habe durch ihn bekannte Leute kennengelernt, aber der Jahrmarkt der Eitelkeiten der Politik war nicht meine Welt. Ich beobachtete seine Welt, so wie Thackeray das getan haben würde, mit Distanz und Ironie. Doch ich war auf all seinen Partys und bei vielen seiner öffentlichen Auftritte. Ich kannte das Innenleben seiner Partei. Und all seine Frauen. Alle Geheimnisse sind gut bei mir aufgehoben. Ich ging freiwillig zur Bundeswehr, er studierte in Berlin, da konnte er nicht eingezogen werden. Dann kamen die Swinging Sixties, das Leben lag vor uns: It was the best of times, it was the worst of times, it was the age of wisdom, it was the age of foolishness, it was the epoch of belief, it was the epoch of incredulity, it was the season of Light, it was the season of Darkness, it was the spring of hope, it was the winter of despair, we had everything before us, we had nothing before us, we were all going direct to Heaven, we were all going direct the other way— in short, the period was so far like the present period, that some of its noisiest authorities insisted on its being received, for good or for evil, in the superlative degree of comparison only.

Nach dem Studium verschlug es ihn nach Kiel, da sahen wir uns ständig. Wir hatten beide einen Bart. Rauchten beide Pfeife, er trank Rotwein, ich Bier. Er konnte noch Platt snacken, wie Jochen Steffen, dessen persönlicher Referent er geworden war. Ich kann es auch noch. Wir konnten auch stundenlang zusammen schweigen. Wir hätten gute Angler abgegeben, aber ich mag keinen Fisch. Manchmal überraschte er mich mit ungeahnten Seiten. So vor Jahren, als er mir plötzlich gestand, dass er in all den Jahrzehnten, trotz Ehefrauen und Lebensgefährtinnen, nur seine Jugendliebe aus unserem Heimatort wirklich geliebt hat. Ich fand das sehr rührend.

Er hatte politische Ideale, zu denen er stand und für die er kämpfte. Er verehrte Jochen Steffen, der das Beste war, was dieser Partei hier oben im Land passieren konnte. Nicht nur, weil er einmal als Kuddl Schnööf den deutschen Kleinkunstpreis gewonnen hatte. Gert war einmal ein mächtiger Mann. Man konnte es ihm nicht ansehen, er umgab sich nicht mit den Insignien der Macht. Er blieb ein vernünftiger Norddeutscher, ebenso normal wie Jochen Steffen. Er war wie Jochen Steffen ein Mann der klaren Worte und war immer geradlinig und aufrichtig. Er hatte nichts von diesen glattgeleckten Politikern in ihren Einheitsanzügen an sich, die heute den Fernsehschirm bevölkern. Im Alter sah er mit seinen weißen Haaren und dem weißen Bart aus wie ein französischer Weinbauer. Irgendwann wurde er abgewählt, da war er über zwanzig Jahre Abgeordneter gewesen. Man kann nicht alle Richtungskämpfe gewinnen.

Ich glaube, dass der Wahlspruch seiner Partei in diesem Bundesland homo homini lupus est ist. Ich fand es schäbig, was eine junge Journalistin namens Susanne Gaschke damals über ihn in der Zeit schrieb. Sie versuchte sich ja später selbst als Politikerin, über den kläglichen Ausgang wollen wir lieber nicht reden. Die Politik bedeutet ein starkes langsames Bohren von harten Brettern mit Leidenschaft und Augenmaß zugleich, hat Max Weber gesagt. Ich weiß das nur, weil Gert es gern zitierte. Nach dem Ende seiner politischen Karriere ist er in keinen Talkshows aufgetreten, wie das so viele Politrentner tun. Ich fand, das hatte Stil.

Mein Freund Gert Börnsen ist vor Tagen gestorben. War es zu früh? Oder war es angesichts seiner Krankheit eine Erlösung? Ich weiß es nicht. Doch ist das Mehr oder Weniger in unserer eigenen Lebensdauer nicht weniger lächerlich, wenn wir sie vergleichen mit der Ewigkeit oder auch mit der Dauer der Berge, der Flüsse, der Sterne, der Bäume und sogar einiger Tiere. Sondern die Natur zwingt uns auch dazu. "Tretet aus dieser Welt heraus", sagt sie, wie Ihr hereingetreten seid. Denselben Übergang, den Ihr gemacht habt vom Tode zum Leben, ohne Leidenschaft und ohne Angst, macht ihn wieder vom Leben zum Tode. Der Tod ist ein Stück der Weltordnung; er ist ein Stück des Lebens der Welt.

Dienstag, 13. Mai 2014

Gregor von Rezzori


Der elegante Herr rechts neben O.W. Fischer ist der Schriftsteller Gregor von Rezzori. In einem Film, der El Hakim hieß und den wir am besten vergessen. Vergessen können wir wohl auch einen Film, der zuerst Die Lady hieß und dann später in der Hoffnung auf größere Zuschauerzahlen in Gräfin Porno von Ekstasien umgetauft wurde. Nicht vergessen werden wir Rezzori in seinen Filmrollen in Viva Maria (➱hier ganz zu sehen) und Vie Privée. In Vie Privée fährt er Brigitte Bardot in seinem Jaguar spazieren. Auf Volker Schlöndorff hatte der Wagen einen großen Eindruck gemacht:

Louis Malle bot ihm die Rolle des Stiefvaters von Brigitte Bardot in Privatleben an, zwei Jahre später spielte er, wieder an ihrer Seite, den Zauberkünstler in 'Viva Maria'. Dabei war er natürlich kein Schauspieler, aber eine durch und durch gestylte Persönlichkeit. So fuhr er, gewandet wie aus einem Herrenmagazin der dreißiger Jahre, stets mit seinem riesigen Jaguar am Set vor; drei Gestalten in ebensolchem Tweed, wie geklont, jedoch im Knabenalter, nämlich seine Söhne Enzio, Azzo und Etzelino, purzelten aus der Limousine und richteten nachlässig ihre Einstecktüchlein. 

Das Drehbuch von Privatleben wurde von Jean Paul Rappeneau geschrieben, der ➱hier natürlich schon einen Post hat. Rappeneau hatte zuvor schon mit ➱Louis Malle das Drehbuch zu Zazie geschrieben. Dieses Bild ist natürlich nicht aus Privatleben oder Viva Maria, das sind Rezzori und Johanna von Koczian in Bezaubernde Arabella. Der Jaguar von Rezzori hat Louis Malle sicherlich gefallen. Der liebte Autos, er hat auch einmal einen Dokumentarfilm über ➱Citroen gedreht (kann man ➱hier anschauen). Und der Sprößling einer reichen Familie hat einmal gesagt: Wenn man in einem Bentley fahren gelernt hat, tritt der Wunsch nach einem Rolls-Royce etwas in den Hintergrund. Der Jaguar von Rezzori war wenig später Gegenstand von Rezzoris Scheidungsprozess. Der Scheidungsrichter sprach seiner Gattin die Hälfte an dem Jaguar zu. Und der Autor der wunderbaren Maghrebinischen Geschichten machte etwas sehr Maghrebinisches. Er ließ den Jaguar zersägen und stellte seiner Ex eine Hälfte vor die Garage.

Gregor von Rezzori d'Arrezzo wurde heute vor hundert Jahren in Czernowitz (das man einst das Klein-Wien des Ostens nannte) in der Bukowina geboren: Ich kann nicht leugnen, dass ich als Österreicher im deutschen Geist erzogen worden bin. Zwar in einer Abart; und ob die in Bezug auf Menschlichkeit vorzuziehen ist, steht dahin. Es hilft, wenn man zu den Tschuschen gehört. Ich verdanke meiner Heimatstadt Czernowitz, sowenig ich auch dort gelebt habe, die Fähigkeit, mich leichtzunehmen. Czernowitz wird ihn nicht loslassen. Während der Dreharbeiten von Viva Maria schrieb er: Ich weiss nicht: Finde ich hier in Mexico City ein Echo meines verlorenen Czernowitz – oder war vielleicht jenes für mich unwirklich gewordene Czernowitz ein in die Zeit zurück- (oder voraus-?) geworfenes Echo von Mexico City?

Es kommen bedeutende Leute aus Czernowitz, wie Rose Ausländer oder Paul Celan. Und Ninon Ausländer, die Ehefrau von ➱Hermann Hesse Und natürlich Erwin Chargaff (der ➱hier einen Post hat). Man hat Rezzori einen Weltmann, einen Grandseigneur, einen Dandy, einen Bonvivant und einen Gentleman genannt. Er war eigentlich kein Filmschauspieler, er war ein Schriftsteller. Wir lassen jetzt mal die Maghrebinische Geschichten und die zahlreichen Idiotenführer durch die deutsche Gesellschaft beiseite. Sein erster Roman, Flamme, die sich verzehrt, war 1939 bei Propyläen erschienen.  Zwanzig Jahre später zierte Rezzori das Titelbild des Spiegel (die eigentlich sehr gute Titelgeschichte - Rezzori findet sie in Mir auf der Spur natürlich nicht gut - können Sie ➱hier im Volltext lesen).

Er war vorher in Fortsetzungen in der Zeitschrift Die Dame gedruckt worden. In diesem deutschen Journal für den verwöhnten Geschmack war Rezzori bestens aufgehoben. Das Magazin, das bei Ullstein in Berlin von 1912 bis 1943 erschien, ist (auch vom Niveau des Feuilletons) Deutschlands Versuch, mit einem amerikanischen Magazin wie Apparel Arts mithalten zu können (lesen Sie ➱hier mehr zu Modemagazinen). 1980 hat Christian Ferber unter dem Titel Die Dame. Ein deutsches Journal für den verwöhnten Geschmack 1912 bis 1943 einen Reprint herausgegeben, der sich antiquarisch noch finden lässt.

In Flamme, die sich verzehrt (1978 als Greif zur Geige, Frau Vergangenheit mit neuem zwanzigseitigen Vorwort wieder aufgelegt) findet sich der Satz: Wer sich schon von aller Anfang an selbst als ein in die Gegenwart verschlepptes Stück Vergangenheit auffassen muß, bringt notwendig eine gewissermaßen in sein Schicksal eingebaute Veranlagung zum Schreiben. Ein erstaunlicher Satz für einen Fünfundzwanzigjährigen, der diesen Roman im Winter 1938 in einer Tiroler Skihütte und in Berlin schreibt. Aber die Vergangenheit - und besonders die eigene Vergangenheit - wird den Autor immer wieder beschäftigen. Vergangenheit. Die eigene Vergangenheit und die Vergangenheit des k.u.k. Reiches: ein Hauch von Joseph Roth schwebt durch das Werk von Rezzori, der wie Roth ein Chronist einer untergegangen Welt ist.

Wenn Flamme, die sich verzehrt (der Titel stammte nicht vom Autor) schon ein Stück Autobiographie ist, wird noch viel Autobiographisches folgen: Blumen im Schnee: Portraitstudien zu einer Autobiographie, die ich nie schreiben werde (1989), Greisengemurmel: Ein Rechenschaftsbericht (1994) und Mir auf der Spur (1997). Ich bitte um gütiges Verständnis. Dies ist ein Rechenschaftsbericht. Ein höchst persönliches Dokument. Dem Leser steht es frei darin auch ein Stück Literatur in der Fortentwicklung der Konfessionen des Kollegen Jean-Jacques Rousseau zu sehen, heißt es auf Seite 78 von Greisengemurmel: Ein Rechenschaftsbericht.

Es hätte auch auf der ersten Seite stehen können. Ich zitiere aus dem Buch noch einen zweiten Satz: Wer mich für das Deutsch lobt das ich schreibe hat in der Stimme das Tremolo der Erinnerung an versunkene alte Zeiten. Das ist es, der Mann hat nicht nur Stil, er schreibt auch gutes Deutsch. Allerdings ohne Kommata, die hat er in einem Anfall von Gereiztheit alle getilgt. Man fügt sich als Leser drein. Ich kann so leicht aus dem Buch zitieren, da ich es zufälligerweise gerade gelesen habe.

Ich habe da noch ein schönes Zitat, eine kleine Vignette über seinen Schriftstellerkollegen Günter Grass: Günter Grass habe ich nach Jahren wiedergesehen. In Frankfurt anlässlich der Buchmesse im Hotel »Hessischer Hof«. Er trug was man in Vorkriegsjahren einen Stresemann nannte (schwarzes Jackett mit vielknopfiger grauer Weste zu grauschwarz gestreiften Hosen und Silberselbstbinder) und trippelte so emsig die Hallentreppe hinunter dass ich meinte es handle sich um den Empfangschef der herbeieilte um Lord Weidenfeld zu begrüßen. Nur am Schnauzbart erkannte ich ihn. Als ich ihn ansprechen wollte hatte er keinen Augenblick für mich: er strebte zu einem Empfang des damaligen Bundeskanzlers Helmut Schmidt. Weltgeschichtlich eingerastet. Ich kann die Lektüre von Greisengemurmel unbedingt empfehlen. 

Was sonst noch lesen? Alles aus Maghrebinien, das ist klar. Und natürlich Ödipus siegt bei Stalingrad. Über den Roman schrieb die Zeit bei seinem Erscheinen: Es ist, wie gesagt, ein verflixtes Buch, ärgerlich, skandalös – und von hinreißender Unverfrorenheit. Auf die Frage Why wasn’t 'Oedipus siegt bei Stalingrad' ever translated into English? hat Rezzori die wunderbare Antwort gegeben: It can’t really be translated, because it’s written in sort of German slang as if Ernst Junger were a drunken Prussian officer telling a story in a bar. It’s about German snobbism, about somebody who comes to Berlin in ’38 in order to conquer the world, a sort of Berlin Rastignac. It pokes fun in a most atrocious way. Der Roman ging damals ein wenig unter, weil wir in dem Jahr ➱Fußballweltmeister wurden. Und wenn man etwas lesen wollte, dann las man ➱Hemingway, weil der gerade den ➱Nobelpreis bekommen hatte. Man mochte in den fünfziger Jahren sowieso nicht alles gerne lesen, ➱Rudolf Lorenzen hat das mit seinem Roman Alles andere als ein Held erfahren müssen.

Man kann beinahe alles von Gregor von Rezzori antiquarisch leicht finden. Von Flamme, die sich verzehrt bis zu dem posthum erschienenen Kain. Viele seine Schriften (na ja, bis auf Ödipus siegt bei Stalingrad) sind ins ➱Englische übersetzt worden. Bei richtig großen Verlagen, mit großem Erfolg. Wie The Death of My Brother Abel bei Viking Penguin. Manches ist auch aus dem Englischen zu uns zurückgekommen, wie der Essay Ein Fremder in Lolitaland, der ursprünglich in Vanity Fair veröffentlicht wurde. Übrigens sehr lesenswert. Mit Lolita sollte Rezzori sich auskennen, schließlich war er an der deutschen ➱Übersetzung des Romans beteiligt. Rezzori hatte keine Schwierigkeit für Vanity Fair zu schreiben, er sprach mehrere Sprachen: Ich schreibe (unter anderem, aber hauptsächlich) auf Deutsch, weil das die Sprache ist, die ich liebe und am besten beherrsche. Ich weiß, dass ich mich ihrer bediene wie einer Fremdsprache. Meine Mentalität ist undeutsch. Aus mir wird niemals ein populärer deutscher Autor werden. Nur in den Maghrebinischen Geschichten habe ich den Ton getroffen, den man von mir erwartet.

Es ist schade, dass er immer nur mit den Maghrebinischen Geschichten assoziiert wird. Er war, wenn wir an Oedipus siegt bei Stalingrad und Der Tod meines Bruders Abel denken, ein bedeutender Romancier. Sein Lieblingsspruch, den er gerne zitierte, war Gilbert Keith Chestertons Satz Angels can fly because they take themselves lightly. Vielleicht war er auch ein Engel.