Mittwoch, 6. Dezember 2017

I took on the sins of everybody, of a generation, really


In dem Post Geburtstagskinder habe ich geschrieben: Searle hat die nackte Raucherin für den französischen Figaro gezeichnet, eine englische Zeitung hätte das wahrscheinlich 1955 nicht gedruckt. Die Engländer entdecken erst mit Christine Keeler, dass es so etwas wie Sex gibt. Wir können an diesem Cartoon das Selbstverständnis zweier Kulturen festmachen. Roland Barthes und Leo Spitzer haben uns gezeigt, wie man das macht. Das war das letzte Mal, dass Christine Keeler hier erwähnt wurde. Es war mir entgangen, dass sie vorgestern gestorben ist. Ich habe das vorhin gemerkt, als ich einen Blick auf die Statistik warf. Hunderte von Malen war der Post Christine Keeler angeklickt worden. Den Satz I took on the sins of everybody, of a generation, really, den hat sie wirklich gesagt. Und es ist viel Wahres an dem Satz. Ich stelle den zwei Jahre alten Christine Keeler Post (der ein kleiner Bestseller ist) hier noch einmal ein, dann brauchen Sie ihn nicht zu suchen.

Am 5. Juni 2013 hat es keine englische Zeitung versäumt, über das zu schreiben, was heute hier im Blog steht. Hätte ich auch tun können, aber ich wollte lieber etwas zum fünfzigsten Todestag des Generals ➱Carton de Wiart schreiben. Diese Geschichte heute - ein Meilenstein in der Veränderung der englischen Gesellschaft des 20. Jahrhunderts - die läuft einem nicht weg. Sie wird über die Jahre sogar immer besser, je mehr an kleinen Bruchstücken ans Licht kommt, selbst wenn die meisten Beteiligten nichts mehr dazu sagen können, weil sie schon tot sind. In dem Theaterstück Dirty Linen (hier im ➱Volltext) von Tom Stoppard hat Maddie Gotobed (ein sprechender Name wie ➱Pussy Galore bei James Bond) das letzte Wort: Finita la commedia. Aber diese Komödie ist nie zu Ende

Heute vor 52 Jahren trat der englische Kriegsminister John Profumo zurück, England hatte einen Skandal, und was für einen. Der Fall Rosemarie Nitribitt (mit ihrem ➱Mercedes 190 SL) war nichts dagegen. Last week the Upper Classes passed unquietly away, begann Malcolm Muggeridge seinen Artikel The Slow, Sure Death of the Upper Classes im Sunday Mirror vom 23. Juni 1963. Der Skandal hatte einen Namen, und das war der Name dieses unbekleideten Schnuckelchens. Hier schamhaft von einem Arne Jacobsen Stuhl verhüllt. Sie hieß Christine Keeler und strippte in einer Bar in Soho:

There was a pervasive atmosphere of sex, with beautiful young girls all over the place, but customers would always say, if asked, that they only came for the floor show and the food and drink... When we weren't onstage, we were allowed to sit out with the audience for a hostess fee of five pounds. That way I was soon making about thirty pounds a week. Mit achtzehn wurde sie John Profumo bei einer Gartenparty in Cliveden vorgestellt, von da an nahm das Verhängnis seinen Lauf. Unsere Stripperin hatte nämlich nicht nur ein Verhältnis mit dem Kriegsminister, sondern schlief auch mit dem Marineattaché der sowjetischen Botschaft und einem englischen Drogendealer.

Dass der Marineattaché auf der Gehaltsliste des russischen Geheimdienstes stand, wusste der englische Geheimdienst natürlich. Wusste es auch Macmillan und die Regierung? Die mussten sich später von Harold Wilson (der nur darauf wartete, Premierminister zu werden) vorhalten lassen, sie hätte ihre ganze Kenntnis von der Affäre aus der News of the World bezogen: If this is true this would imply that the £ 60 million spent on these services under the Right Honourable Gentleman's Premiership have been less productive in this vitally important case than the security services of the News of the World. He must tell us this (Sie können die ganze Rede ➱hier lesen). Die Frage, wozu man viel Geld für die Geheimdienste ausgibt, ist bis heute nicht beantwortet worden. Weder in England noch in Deutschland.

Der Begriff des ➱Swinging London bekam jetzt eine völlig neue Bedeutung. Und Cliveden, der riesige Herrensitz von Lord und Lady Astor, den Charles Barry (der auch das englische Parlament baute) gebaut hatte, kam wieder einmal in die Politik. Leser des schönen Romans The Remains of the Day von Kazuo Ishiguro (der auch plüschig nostalgisch ➱verfilmt wurde), wissen, dass der Roman auf den sogenannten Cliveden Set anspielt.

Jetzt macht die High Society keine Appeasement Politik, jetzt macht man Party. In ihrer Autobiographie Mandy hat ➱Mandy Rice-Davies beschrieben, wie solche Parties aussahen: The door was opened by Stephen (Ward) - naked except for his socks... All the men were naked, the women naked except for wisps of clothing like suspender belts and stockings. I recognised our host and hostess, Mariella Novotny and her husband Horace Dibbins, and unfortunately I recognised too a fair number of other faces as belonging to people so famous you could not fail to recognise them: a Harley Street gynaecologist, several politicians, including a Cabinet minister of the day, now dead, who, Stephen told us with great glee, had served dinner of roast peacock wearing nothing but a mask and a bow tie instead of a fig leaf. Das klingt jetzt ein wenig nach Juvenals Saturae. Oder hat Westerwelle das gemeint, als er von ➱spätrömischer Dekadenz redete?

Da hat einer eine schöne Frau zu Hause (die Schauspielerin Valerie Hobson) und hat den schönen Titel eines fünften Baron Profumo vom Königreich Sardinien, aber das genügt ihm nicht. Ist es das italienische Blut in ihm? Müssen wir betonen, dass profumo im Italienischen Parfüm heißt? Es sind die Kirschen in Nachbars Garten, die ja immer leckerer sind, jetzt musste es eine Achtzehnjährige aus Wraysbury sein. Einen Ruf als Weiberheld hatte er schon immer, seine Frau mochte auch seine scharfen Hosen nicht: surely there must be some way of concealing your penis. Das müsste sein Schneider in der Savile Row wohl hingekriegt haben, wenn Profumo es nur gewollt hätte.

Es war keine großartige Liebesgeschichte. Von Liebe war sowieso nie die Rede: He was a pleasant, amusing man, [but] I didn't know him that well. He was not very handsome, and too old for me. I didn't particularly like going to bed with him, but he fancied me, and he was very pushy. I was 19, and I felt obliged. He was always trying to give me money. But apart from £20 to buy a present for my mother, I wouldn't take it. It wasn't in my nature to be a whore. Prosaischer geht es kaum.

Profumo war kein Gentleman. Richard Davenport-Hines illustriert das in seinem vorzüglichen neuen Buch An English Affair: Sex, Class and Power in the Age of Profumo mit folgender Episode: Certainly, and deservedly he was rehabilitated. The Queen Mother remained his champion. At a dinner in her honour, sitting between her and a seventeen-year-old Guinness heiress, the old satyr whispered to the latter during the first course: ‘Ever been fucked by a seventy-year-old? No? You should try it.’

Aber trotz aller Affären stand Valerie Hobson zu ihm: Of course I am not leaving Jack because this ghastly thing has happened. I hope to spend the rest of my life with him and my family - the rest of my life. Die englische upper class ist um schöne Formulierungen auch in der Katastophe nie verlegen. Ich liebe diese Formulierung this ghastly thing. Christine Keeler wäre auch gerne Schauspielerin wie Valerie Hobson geworden, aber nach dem ghastly thing nahm die Schauspielergewerkschaft Equity sie nicht auf. Der Don Giovanni von 1963 sah im Jahre 2005 so aus (im Absatz darüber sehen Sie ein Jugendbild).

She is a very, very pretty girl, schrieb Sybille Bedford über Keeler. All the curves and lines are as good as they can be, the head has charm and grace, and there is a faint oriental touch about the face: the pure smoothness, the hint of high cheekbone, the slant of eyes, oh yes, no doubt that she could be devastatingly sexually attractive. Und sie fügte hinzu: But for all the sleekness, the sexiness, there is a lack of life, as if the sex were prefabricated sex, deep-freeze sex, displayed like the dish of fruit in a colour photograph. Bedfords Gerichtsreportage ist auf Deutsch unter dem Titel Jagd auf einen Lebemann: Der Prozess Dr. Ward bei Schirmer/Mosel erschienen. Heute sieht die einstige Schönheit Christine Keeler so aus wie auf diesem Photo. Brauchten wir noch eine Illustration zu dem ➱Gedicht Vergänglichkeit der Schönheit von Christian Hoffmann von Hoffmannswaldau?

Als die ersten Angriffe aus der Presse kamen, fragte Profumo seine Freunde: Who's going to believe a word of this tart? Er bedrohte Christine Keeler mit allen juristischen Finessen, damit sie ihre Erinnerungen an die kurze Affäre (die der Polizei und dem Geheimdienst längst bekannt war) nicht veröffentlichte. Sie hatte ja verlockende Angebote von der Presse.

Es war das Satiremagazin Private Eye, das die erste Zusammenfassung der Gerüchte druckte. Die Beteiligten hießen da noch Mr James Montesi, Miss Gaye Funloving, Dr Spook und Vladimir Bolokhov. Sie werden wenig später andere Namen bekommen. Dann erklärt der ehemalige Brigadier General John Profumo pathetisch im Parlament: There was no impropriety whatever in my acquaintance with Miss Keeler. Kurz darauf machte der wunderbare Limerick die Runde:

There was a young girl called Christine.
Who shattered the Party machine;
It isn't too rude,
To lie in the nude
But to lie in the House is obscene.

Profumo verschwand aus der Politik. Er leistete freiwillige soziale Arbeit und schrubbte jahrelang Klos. Valerie Hobson hielt zu ihm, obgleich sie die Abendkleider und das Leben in der High Society vermisste. Christine Keeler wanderte wegen Meineid in dem Strafprozess gegen Stephen Ward (wegen Kuppelei) für neun Monate ins Gefängnis, heiratete zweimal und lebt heute allein. Ihre Autobiographien Nothing But... (1983), Scandal! (1989) und The Truth At Last (2001) waren finanziell gesehen auch nicht die Brüller.

Alles, was sie an Geld von der Presse bekommen hatte, ging für Anwälte drauf. Egal, was es ist, die verdienen immer. Vielleicht wollte die Keeler ja niemand anderer sein, als das brave Hausmütterchen in einem Londoner Vorort: The trouble is I am 21 ... I have lived in the West End of London and frequently been to parties with well-known people present. Presumably if I had been 52 and a housewife from Surbiton there would have been none of this trouble. Das Photo von dem Hausmütterchen wurde von dem Photographen Tom Blau bei einem Screen Test für einen Film gemacht.

Ich weiß nicht so ganz, ob das Photo wirklich ernst gemeint ist. Oder ist es ein ironischer Kommentar zu Richard Hamiltons Collage Just what is it that makes today's homes so different, so appealing? Das Photo hängt heute in der National Portrait Gallery. Die National Portrait Gallery besitzt zahlreiche Bilder von Christine Keeler, vielleicht ist das ein Gradmesser für ihre traurige Berühmtheit.

Für diese Zeichnung des Arztes Stephen Ward (der als Zeichner nicht unbegabt war) hat die National Portrait Gallery 1984 tausend Pfund Sterling bezahlt (dafür kriegte man damals in London schon drei Paar Edward Green Schuhe). Aber das berühmteste der Bilder bleibt natürlich das Photo von Lewis Morley, es bekam einen geradezu ikonischen Status (lesen Sie ➱hier mehr): A combination of pin-up and icon, suggestive both of sexual liberation and at the same time of the penalties of sexual exploitation, it occupies a morally ambiguous universe. It was taken in May 1963, when Christine Keeler came to Lewis Morley’s studio over the Establishment Club in Greek Street to be photographed to promote a film on the Profumo Affair.

Im Vertrag für die Aufnahmen von Lewis Morley stand damals, dass Christine Keeler nackt sein müsse, der Vertrag wurde erfüllt. Und der Stuhl von Arne Jacobsen wurde zur Freude des dänischen Designers weltberühmt, obgleich das auf dem Photo nur eine Kopie eines Jacobsen Stuhls von der englischen Firma Heal gewesen war (das Victoria und Albert Museum besitzt inzwischen auch diese Kopie). Die Firma Heal, die 1810 gegründet wurde, zählt in England mit zu den Pionieren des modernen Designs. Sie durften diesen Stuhl bauen, das war keine Raubkopie des Modells 3107, bei dem man natürlich auch bedenken muss, dass der Stuhl Charles Eames einiges verdankt.

Für Sibylle Bedford waren Keeler und Profumo auch das Vorbild für die ➱Helden der Avengers: Christine Keeler und ihr Establishment-Lover, by the way, wurden flugs zum role model für einen Klassiker der Popular Culture, in ihren ironischen und parodistischen Stilisierungen als Emma Peel und John Steed (The Avengers, bei uns Mit Schirm, Charme und Melone), wobei man Emma Peel (vor allem in ihrer Personifizierung durch Diana Rigg) gleich in Latex-Catsuits steckte, um ja keine Missverständnisse aufkommen zu lassen … aber das nur nebenbei. Ist ein netter Gedanke, allerdings gab es die Serie schon, bevor die Affäre von Keeler und Profumo bekannt wurde.

Und da ich bei der Popular Culture bin, muss ich natürlich erwähnen, dass die ganze Affäre ein Fest für die Cartoonisten war. Dieser Cartoon hier heißt Visitez L'Angleterre! Le 'Can-Can' Anglais und stammt von ➱Michael Cummings aus dem Daily Express: The best one I did was Keeler as a mermaid beckoning the Tory ship on to the rock with poor old Profumo's eyes popping out of his head with excitement. Being a mermaid, of course I gave her bare bosoms. The editor summoned me and stormed: 'Michael, I will remind you that this is a respectable family newspaper.' So back to the drawing board Christine went for masses of tumbling hair to hide her vital parts.

Leider habe ich von dem Cartoon mit der ➱Meerjungfrau keine Abbildung, aber den hier von Michael Cummings (The adventures of James MacBond) muss ich unbedingt noch zeigen. Der arme Macmillan wird hier verfolgt von der Vassall Affäre, der ➱Philby Affäre und von Christine Keeler. Und aus dem Grab von Peter Rachman greift noch eine Hand nach ihm. Das sind so die Augenblicke, wo ein Bild mehr als tausend Worte sagt. Dominic Sandbrook, dessen Buch Never had it so good: A History of Britain from Suez to the Beatles sehr lesenswert ist, hat diesen schönen Cartoon auch abgedruckt. Man kann häufig aus Cartoons (und aus Modezeitschriften) mehr über eine Zeit lernen als aus Geschichtsbüchern. Freunde des englischen Cartoons könnten jetzt noch ein wenig in dieser vorzüglichen englischen ➱Cartoon Datenbank surfen.

Und dann war da noch Gerald Scarfe, der am Anfang seiner Karriere ➱Ronald Searle viel verdankte, dann aber seinen eigenen Stil fand (und der auch einmal einen Dokumentarfilm über ➱Hogarth drehte). Sein Cover für den Jahresband der Satirezeitschrift Private Eye sorgte dafür, dass die größten englischen Buchhandlungen das Buch boykottierten (Sie könnten den Cartoon handsigniert ➱hier kaufen). Mehr kann die Satire nicht erreichen. Auch Juvenal mit seinen Saturae nicht. Bei der Vielzahl der Stimmen aus der Popular Culture war auch die von dem Amerikaner ➱Phil Ochs, der einen Song über ➱Christine und ihre Freundin Mandy Rice-Davis schrieb:

Christine Keeler and Mandy Rice-Davies,
You're the gals for me.
Christine Keeler and Mandy Rice-Davies,
I'll keep you company.


You can have your Marilyn, your Carolyn, your Jacqueline.
Grace Kelly never meant that much to me--
Just give me:
Christine Keeler and Mandy Rice-Davies,
You're the gals for me. (I'll give you secrets.)
And you're the gals for me.

Oh, you get good defense from Robert McNamara--
Defends us all day long;
But when Lord Profumo takes off his mascara
You know he can't go wrong.

Douglas Fairbanks, jr., and Lord and Lady Astor:
Everybody's gonna lose their minds
Because of:
Christine Keeler and Mandy Rice-Davies,
Will you be mine, all mine? (I'll take your pictures.)
Will you be mine, all mine?


Hier sind die beiden auf dem Weg zum Prozess gegen Stephen Ward, dem Arzt, der Christine Keeler mit John Profumo bekannt machte. Dr Stephen Ward, den das englische Establishment zum Sündenbock erkor, hat sich kurz vor dem Ende des Prozesses vergiftet. Der Prozess ist sicherlich eine Travestie der Justiz gewesen, bei dem sich das englische Establishment an Ward rächte, man mag so etwas wie this ghastly thing nicht so gerne. Der Fall liegt übrigens nach fünfzig Jahren als mögliches Fehlurteil der Criminal Cases Review Commission vor.

Für Richard Eyre, den Regisseur des Andrew Lloyd Webber Musicals Stephen Ward ist Stephen Ward ein positiver Held: We were all supposed to react with indignation that such a thing could happen. But when I saw those photos of Mandy and Christine, what I mainly felt was envy and lust. I thought they were gorgeous. As for Stephen Ward, he was a figure like Marcello Mastroianni in 'La Dolce Vita'. He was louche and a flaneur. But I did perceive him as a scapegoat and that was not necessarily the minority view, even at the time.

Christine Keeler hat später nie wieder mit ihrer Freundin Mandy geredet. Vielleicht deshalb, weil die aus dem Ganzen als Star hervorgegangen ist, etwas, was Christine nicht geschafft hat. Ihr Urteil über ihre Freundin war nicht sehr nett: Mandy Rice-Davies was a true tart. There was always shock on her face whenever she thought she might have to do more than lie on her back to make a living.

Aber Mandy, die Vorstadtgöre, die nicht auf den Mund gefallen war - und die einmal die Geliebte des slum landlords Peter Rachman (lesen Sie ➱hier mehr) gewesen war - schaffte es sogar in das Oxford Dictionary of Quotations. Weil sie im Prozess auf die Vorhaltung, dass Lord Astor leugne, mit ihr geschlafen zu haben, trocken sagte: Well, he would, wouldn't he? Der schöne Satz hat als MRDA Eingang in den Internet Slang gefunden. Er war übrigens zuerst im Observer zu lesen, einer Zeitung, die der Familie Astor gehörte.

Mandy Rice-Davies konnte mit den Medien umgehen, amerikanische Journalisten waren von ihrem Satz Call me Lady Hamilton begeistert. 1981 spielte sie Maddie Gotobed in Tom Stoppards Dirty Linen (das Bild ist aus dieser Aufführung). Der Kritiker der Oxford Times Frank Dibb schrieb: In the pivotal role of the nubile panties-shedding secretary, Mandy Rice-Davies gives a neat, briskly projected and lively performance. Sie war auch in der Komödie No Sex Please, We’re British zu sehen. Und spielte sogar einmal die Lady Capulet in Shakespeares Romeo and Juliet.

Sie besang Platten, spielte in einem Softporno mit und machte eine Disco auf, wo sie Gäste wie ➱Michael Caine hatte. Und wurde eines Tages die Freundin von Mrs Thatcher. Das ist doch eine schöne Karriere. Maggie Thatcher hat 1995 Profumo als one of our national heroes bezeichnet und ihn auf ihrer Geburtstagsparty neben die Queen gesetzt. It's time to forget the Keeler business. Hoffentlich hat er da nicht seine scharfen Hosen angehabt.

Hier war die Welt von Dr Ward - der gerne Bordsteinschwalben (seine alley cats nennt er sie) aufsammelt, um sie wie Professor ➱Henry Higgins zu erziehen - noch in Ordnung. Hier lächelt er uns an, umgeben von seinem kleinen Harem. Die Damen sind (im Uhrzeigersinn von rechts) Christine Keeler, Penny Marshall und Mandy Rice-Davies. Es ist eine seltsame Zeit, Freizeitnutten, High Society und Politik. Lord Denning, einer der höchsten englischen Richter, wird einen siebzigtausend Wörter langen Bericht verfassen, der umgehend ein Bestseller wird.

Vier Wochen später tritt der Premierminister Harold Macmillan, der einmal gesagt hatte: I was determined that no British government should be brought down by the action of two tarts, zurück. Angeblich hat er später bereut, das gesagt zu haben. Sagt auf jeden Fall Christine Keeler: Towards the end of his life he told his daughter that his worst mistake in the whole business was calling me a tart. Als er an die Macht kam, heftete er einen Zettel an die Tür des Kabinettsraums der Downing Street: Quiet calm deliberation disentangles every knot. Klingt nach goldenen Worten eines Philosophen. Und wo kommt es her? Das glauben Sie jetzt nicht, es kommt aus einer ➱Oper von Gilbert und Sullivan, in der es um Liebesverwicklungen geht.

Profumo has behaved foolishly and indiscreetly, but not wickedly. His wife is very nice and sensible. Of course, all these people move in a raffish, theatrical, bohemian society where no one really knows anyone and everyone is "darling". But Profumo does not have seemed to realize that we have - in public life - to observe different standards from those prevalent in many circles, schreibt Macmillan in sein Tagebuch. Ein rührendes Geständnis eines Gentlemans aus einer anderen Zeit. Der hartnäckig verdrängt, dass sein Leben von der Welt der sexuellen Aberrationen nicht unberührt ist. Seine Frau, die Tochter des Herzogs von ➱Cavendish, hatte jahrzehntelang eine Affäre mit dem bisexuellen Robert Boothby. Dem der Gangster Ronnie Kray Strichjungen zuführte.

Die englische Presse war damals sehr zurückhaltend mit der Verwendung pejorativer Bezeichnungen wie tart für Keeler und Rice-Davies, good-time girls ist die Formulierung (heute heißen die alle euphemistisch model), die am häufigsten verwendet wird. Amerikanische Zeitungen verwenden manchmal das schöne alte Wort trollop. So titelte Time im Jahre 1963: Great Britain: The Time of the Trollop. Nur das englische Skandalblatt The People wurde damals deutlicher und brachte am Tag nach Stephen Wards Tod die Schlagzeile: Keeler, the shameless slut und sprach im Untertitel von an empty headed trollop, skilled only at using her body to bewitch or betray.

They were the best years of our lives. They called them the swinging sixties. The Beatles and the Rolling Stones were rulers of pop music, Carnaby Street ruled the fashion world … and me and my brother ruled London. We were fucking untouchable, schreibt der Gangster Ronnie Kray in seiner Autobiographie My Story. Hier auf dem Photo sitzt er links neben Christine Keeler. The beauty and the beast? oder wächst da zusammen, was zusammen gehört? Über den kriminellen König von Notting Hill Peter Rachman, für den Sex wie Zähneputzen war, hat Keeler gesagt: I was the toothpaste.

Niemand hat die ganze Atmosphäre des Jahres 1963 so wunderbar auf den Punkt gebracht, wie der englische Dichter Philip Larkin (der hier schon in den Posts ➱Philip Larkin und ➱Philip Larkins Rasenmäher gewürdigt wird) in seinem Gedicht Annus Mirabilis:

Sexual intercourse began
In nineteen sixty-three
(which was rather late for me) -
Between the end of the Chatterley ban
And the Beatles' first LP.

Up to then there'd only been
A sort of bargaining,
A wrangle for the ring,
A shame that started at sixteen
And spread to everything.

Then all at once the quarrel sank:
Everyone felt the same,
And every life became
A brilliant breaking of the bank,
A quite unlosable game.

So life was never better than
In nineteen sixty-three
(Though just too late for me) -
Between the end of the Chatterley ban
And the Beatles' first LP.

Das ist nicht Christine Keeler, das ist Joanne Whalley als Christine Keeler in dem englischen Film Scandal (ihre Freundin Mandy Rice-Davis wird von Bridget Fonda gespielt). Wenn Sie damals nicht wie ich ein Jahresabo vom Observer hatten und von Woche zu Woche alles verfolgten, dann sollten sie unbedingt diesen Film kaufen. Es ist ein guter Film mit einer Starbesetzung. John Hurt ist wieder einmal hervorragend. Und er fährt ein weißes Jaguar XK150 Cabrio, wie Ward es hatte (und ➱Joe Lampton in Room at the Top). Die Frauen sind schnuckelig, und ➱Britt Ekland ist auch dabei. Es ist eine Geschichtsstunde der etwas anderen Art. Finita la commedia. Freigegeben ab achtzehn.

Mandy Rice-Davis (hier noch einmal Joanne Whalley und Christine Keeler) hat das Jubiläum der Fünfzigjahrfeier noch erlebt (und genügend Interviews gegeben), sie ist im letzten Jahr gestorben. John Profumo, one of our national heroes, starb 2006, er wurde einundneunzig Jahre alt (sein riesiger ➱Landsitz steht zum Verkauf). So lebt heute wohl nur noch Christine Keeler. Die ist nicht müde geworden, ihre Geschichte zu erzählen, ihre letzte Autobiographie Secrets and Lies erschien 2012. Und wir hören ihr ➱hier einmal zu, wenn sie neben John Hurt auf dem Sofa sitzt. Ist irgendwie rührend.

Und als kleine Zugabe hätte ich heute noch den Song Where Are They Now? von den Kinks:

I'll sing a song about some people you might know
They made front pages in the news not long ago
But now they're just part of a crowd
And I wonder where they all are now.

Where have all the Swinging Londoners gone?
Ossie Clark and Mary Quant
And what of Christine Keeler,
John Stephen and Alvaro,
Where on earth did they all go?
Mr. Fish and Mr. Chow,
Yeah, I wonder where they all are now.

Where are all the Teddy Boys now?
Where are all the Teddy Boys now?
The Brill Cream boys with D.A.s,
Drainpipes and blue suedes,
Beatniks with long pullovers on,
And coffee bars and Ban the Bomb,
Yeah, where have all the Teddy Boys gone?
I hope that Arthur Seaton is alright.
I hope that Charlie Bubbles had a very pleasant flight,
And Jimmy Porter's learned to laugh and smile,
And Joe Lampton's learned to live a life of style.

Where are all the angry young men now?
Where are all the angry young men now?
Barstow and Osborne, Waterhouse and Sillitoe,
Where on earth did they all go?
And where are all the protest songs?
Yes, where have all the angry young men gone.

I wonder what became of all the Rockers and the Mods.
I hope they are making it and they've all got stead jobs,
Oh but rock and roll still lives on,
Yeah, rock and roll still lives on.

Lesen Sie auch: ➱Swinging London, ➱Notting Hill, ➱Teddy Boys, ➱Mary Quant (und Joe Lampton im Text der Kinks kommt natürlich schon in dem Post ➱Laurence Harvey vor).

Nikolaus


Ick bin en lüttjen König,
geevt mi nich to wenig,
Laat mi nich so lange stahn,
ick mutt all weder wiedergahn.

Noch bevor man in der Schule Gedichte lernte, lernte man in Bremen diese Verse. Ich habe große Teile von Schillers und Goethes Gedichten vergessen, aber das Halli, Halli, Hallo, So geiht nah Bremen to, das vergisst man nicht. Und so durfte in diesem Blog im Dezember 2010 ein Post zum Nikolaus nicht fehlen, es war mein erster Nikolaustag als Blogger. Da wusste ich noch nicht, wohin die Reise ging. Jetzt kennt mich die Welt. Darf man das so sagen? Meine Leser mögen mich, und ich mag meine Leser. Meine Leser mögen mich, weil ich Geschichten erzähle. Und nebenbei auch noch ein klein wenig Bildung vermittle. Und weil ich hemmungslos subjektiv bin. Ein Zettel mit Goethes Satz: Sieh, liebes Kind, das ist ein Vorzug, den die Leute haben, die nicht schreiben: sie kompromittieren sich nicht, klebt an meinem Schreibtisch. Also da, wo Herman Melville seinen Zettel mit dem Keep true to the dreams of thy youth kleben hatte.

Der Nikolaus Post, der zuerst Sünnerklaas hieß, ist in diesem Blog am 6. Dezember immer wieder mal aufgetaucht. Ich stelle ihn heute in der Version von 2010 hier hin. Ohne Bilder. Bilder konnte ich noch nicht. Jetzt kann ich alles. Ich wünsche meinen Lesern eine schöne Adventszeit.


Als die Winter noch kälter waren als in diesen Tagen, als die Straßenbeleuchtung noch spärlich war und der Schutzmann noch einen Tschako trug, da waren am Abend des Nikolaustages in Bremen lauter kleine Nikoläuse unterwegs. Der Heilige Nikolaus hieß in dieser Gegend auch Sünnerklaas, was plattdeutsch für Sankt Klaus ist. Je weiter man nach Holland kam, desto mehr verwandelte sich dieses Sünnerklaas (oder Sünnerklaus) zu Sinnerklaas. Es blieb aber immer der gleiche Heilige Nikolaus von Myra, der der Schutzheilige der Kinder und der Seefahrer ist. Weshalb auch jede Hafenstadt eine Nikolaikirche hat. Obgleich Bremen von den Amerikanern besetzt war, hatte Halloween mit trick-or-treat auf uns noch nicht abgefärbt. Bei uns gab es das Nikolauslaufen. Dazu musste man sich verkleiden, eine rote Mütze, ein falscher Bart und ein Stock (die symbolischen Reste des Bischofstabs) gehörten zu dem Outfit. Opas Spazierstock eignete sich hervorragend dafür. Und natürlich ein Sack, in den man die empfangenen Süßigkeiten wie Moppen und Spekulatius tat. Und man musste sein Sprüchlein an jeder Tür in der Nachbarschaft aufsagen:

Nikolaus de gode Mann,
kloppt an alle Dören an.
Lüttje Kinner gifft he wat,
grode steckt he in'n Sack.
Halli, Halli, Hallo,
So geiht nah Bremen to.
Und wenn da nicht schnell genug die Süßigkeiten rausgerückt wurden, dann kam da noch, unter Aufstampfen des Stockes, eine zweite Strophe:

Ick bin en lüttjen König,
geevt mi nich to wenig,
Laat mi nich so lange stahn,
ick mutt all weder wiedergahn.
Halli, Halli, Hallo,
So geiht nah Bremen to.

Es ging immer nah Bremen to, da wollten die Bremer Stadtmusikanten auch hin (Ei, was, du Rotzkopf, sagte der Esel, zieh lieber mit uns fort, wir gehen nach Bremen, etwas Besseres als den Tod findest du überall). Nun macht es ja keinen großen Sinn, halli, halli, hallo, so geiht nah Bremen to zu singen, wenn man sowieso in Bremen ist. Obgleich die Stadt Bremen für uns in Nordbremen weit, weit weg war. Irgendwie scheint diese Sache mit Bremen (wie vielleicht auch das ganze Nikolauslaufen) aus den Liedern zu kommen, die am Martinstag in Ostfriesland gesungen wurden, wo es Sünnematten, Mattenherrn oder Matten Matten Mähren hieß. Da sang man dann:

Matten-, Mattenmähren,
die Äpfel und die Beeren,
gute[r] Frau [Mann], gib uns was.
Lass uns nicht so lange steh'n!
Wir wollen noch nach Bremen geh'n.
Bremen is ne große Stadt,
da kriegen alle Kinder wat,
die Großen und die Kleinen,
sonst fang se an zu weinen.

Im 19. Jahrhundert hat es in Bremen - der Stadt von der man in Liedern und im Märchen träumt, dass dort alles besser ist - noch andere Strophen zu dem Nikolauslied gegeben, wie zum Beispiel:

Miin Vadder is Zigarrenmaaker,
miin Mudder ruppt Toback.
Un wenn ji dat nich glöben wüllt,
denn steck ick jo inn'n Sack.
Halli, halli, hallo
So geiht na Bremen to.

Das wurde nun wohl in den Stadtteilen gesungen (es ist auf jeden Fall aus Hastedt überliefert), wo die weniger Begüterten wohnten. Und man muss wahrscheinlich auch betonen, dass das Nikolauslaufen zuerst eine Sache der ärmeren Schichten gewesen ist, bevor es im 19. Jahrhundert von allen Bremer Kindern adaptiert wurde. Die Zigarrenmaaker kommen in unzähligen Bremer Döntjes aus dem 19. Jahrhundert vor. Man kann der Strophe auch entnehmen, dass Frauenarbeit in den Bremer Fabriken selbstverständlich ist - miin Mudder ruppt Toback -  und auch die Kinderarbeit, selbst wenn sie hier im Nikolauslied nicht vorkommt. Die Zigarrenmaakers sind die erste gewerkschaftlich organisierte Gruppe in Bremen, wo es in der Mitte des 19. Jahrhunderts 78 Tabakfabriken gab. Sie bildeten auch ein Element gesellschaftlicher Unruhe in der sonst festgefügten konservativen bürgerlichen Struktur des 19. Jahrhunderts. Ihr Zusammenschluss verfolgte neben der Wahrung sozialer Interessen auch Ziele in der Allgemeinbildung. Und sie hatten Vorleser in der Fabrik.

Vielleicht kann man das mit den Zigarrenmachern in Kuba vergleichen, die in ihren Fabriken einen Vorleser hatten, der ihnen während der Arbeit Romane vorlas. So hörten die Arbeiter Victor Hugo, Alexandre Dumas, Jules Verne, Shakespeare und Emile Zola. Angeblich sollen so die Zigarrenmarken Montechristo und Romeo y Julieta nach dem Grafen von Montechristo und Shakespeares Theaterstück benannt worden sein. Manchmal lasen die Vorleser auch Politisches aus Zeitungen vor, was bei den Fabrikbesitzern nicht so gut ankam (und manchmal verboten wurde). Ob der leidenschaftliche Zigarrenraucher Karl Marx das gewusst hat? Auch in den Bremer Tabakfabriken hat es solche Vorleser gegeben, die von den Arbeitern bezahlt wurden. Manchmal waren das auch Kinder und Handlanger, die kosteten nicht so viel. Der Beginn der Arbeiterbildung liegt, auf jeden Fall in Bremen, im Tabakrauch.

Vorleser gibt es in Kuba heute immer noch, auch wenn sie - wie Guillermo Cabrera Infante in seiner wunderbaren Kulturgeschichte des Rauchens Holy Smoke etwas gehässig sagt - heute die Gesammelten Werke von Fidel Castro vorlesen müssen. Die erste Zigarrenfabrik in Kuba, die einen bezahlten Vorleser gehabt haben soll, hieß El Figaro. Wenig später folgte Don Jaime Partagas (die Firma und die Zigarre heißt immer noch so), der dem Vorleser sogar ein Lesepult spendierte. Als der amerikanische Innenminister W.H. Seward kurz nach dem Bürgerkrieg die Fabrik von Partagas besuchte, war er von diesem System begeistert. Da hatten schon alle Tabakfabriken in Cuba einen Vorleser. Was sie nicht hatten, waren (im Gegensatz zu Bremen) weibliche Arbeitskräfte. Diese Geschichte, dass eine gute Zigarre auf den Schenkeln einer Kubanerin gerollt sein muss, entstammt männlichen Phantasievorstellungen. Erst Ende der 1870er Jahre fängt die erste Frau in einer Zigarrenfabrik auf Cuba an. Da ist die Oper Carmen schon aufgeführt worden.

Ich erwähne die nur, weil da eine Zigarettenfabrik drin vorkommt, die der berühmte Wilfried Minks (von Bremen nach Hannover ausgeliehen) Anfang der sechziger Jahre in Hannover so schön auf die Bühne gezaubert hatte. Und der Regisseur hatte den Einfall, Carmen auf der Bühne rauchen zu lassen. Und sie dann so wahnsinnig cool die Ziggi wegschnippen zu lassen, bevor sie L'amour est un oiseau rebelle singt. Der Effekt wurde aber bei der Premiere noch übertroffen. Ein junger, schlaksiger Verehrer der Sängerin der Carmen wanderte den linken Gang entlang bis zur Bühne und warf der Sängerin eine langstielige rote Rose vor die Füße, als sie mit der Habanera fertig war. Danach verließ er den Zuschauerraum. Die Krönung des Ganzen war, dass er eine rote Lederjacke trug. Wo um alles in der Welt kriegt man Anfang der sechziger Jahre eine quietscherote Lederjacke her? Roter als jeder Nikolausmantel. Ich war die ganze Aufführung lang neidisch. Auf die rote Lederjacke und auf diesen Kerl, der die Sängerin kannte.

Wenn die Strophe mit dem lüttjen König allen geläufig ist, so scheint es in Bremen im 19. Jahrhundert dabei auch noch eine Variation gegeben zu haben, die weniger auf kleine Könige und auf Kinder von Zigarrenmaakers als auf soziales Elend hinweist:

Ick bün so’n lütten Schipperjung,
Mutt all miin Broot verdeen’n,
Den ganzen Dag in’t water stan
Mit mine korten Been’n
Halli, halli, hallo,
Nu geiht’t na Bremen to


Über das allmähliche Verfertigen der Gedanken beim Schreiben: da fange ich mit einer Kindheitserinnerung an, mit Versen, die ich immer noch aufsagen kann, und dann muss ich erkennen, dass wir Bremer mit diesem schönen Brauch nicht allein gewesen sind. Nikolauslaufen hat es überall gegeben. Inzwischen ist es beinahe ausgestorben, jetzt importieren wir kommerzialisierte amerikanische Bräuche wie Halloween. Im Norddeutschen Rundfunk wird darüber abgestimmt, ob die Hörer Last Christmas von Wham hören sollen. 54 Prozent der Anrufer sind dafür. Ich könnte wetten, dass keiner von denen, die den zum Dudelfunk heruntergekommenen NDR hören, ein halbes Dutzend deutscher Weihnachtslieder mit allen Strophen beherrscht.

Und die Zigarrenfabriken in Bremen gibt es auch nicht mehr, wenn man von Resten wie Martin Brinkmann (Lux, Peer Export, Lord Extra) mal absieht. Das ist aber nichts mehr vom Glanz der großen Zeit, als der Zigarrenkönig Friedrich Biermann von der Firma Leopold Engelhardt&Biermann sechstausend Arbeiter beschäftigte. Durch die für Bremen ungünstige Zollordnung, hat sich die Zigarrenfabrikation in der zweiten Häfte des 19. Jahrhunderts nach Bünde in Westfalen verlagert. Mein Opa hätte die Villa von Biermann in St. Magnus in den zwanziger Jahren billig kaufen können. Aber dann hätte er jeden Morgen zu seiner Schule durch den Arbeiterstadtteil Grohn (der für ihn den bösen Beinamen Kamerun bei Pumpe hatte) marschieren müssen, und das war dem kaisertreuen Ex-Hauptmann nun wirklich nicht zuzumuten.

Je mehr ich begann, den Anfängen des Nikolauslaufens nachzugehen, musste ich feststellen, dass natürlich die Volkskundler und die Lokalhistoriker sich schon mit dem Thema beschäftigt haben. War ja auch anzunehmen, dass hinter all dem, was wir tun, etwas Mythisches steckt. So wie es uns James George Frazer und Jessie L. Weston (ohne die wäre Eliots The Waste Land nichts geworden) gezeigt haben. Das interessiert einen aber nicht, wenn man mit kalten Füßen, laufender Nase und schidderigem roten Bademantel im Dunkeln an einer fremden Tür klingelt und die magischen Worte sagt: Nikolaus de gode Mann, kloppt an alle Dören an.

Dienstag, 5. Dezember 2017

Mademoiselle chante le blues


Wenn Ihnen der Titel nichts sagt, dann müssen Sie mal eben dies hier anklicken. Das ist natürlich Patricia Kaas, die da singt. Sie hat heute Geburtstag. Da möchte ich doch ganz herzlich gratulieren. Seit Jahren will ich einen Post zu Patricia Kaas schreiben, bin aber irgendwie nie dazu gekommen. Dabei hatte ich mir schon die CDs herausgelegt. Jetzt weiß ich nicht mehr, wo die sind. Wenn ich mal einen langen Patricia Kaas Post schreibe, dann finde ich die wieder. Heute wird das nur ein kleiner Geburtstagsgruß. Wir hören mal eben in ihr ➱If You Go Away hinein. Was natürlich nichts anderes als ➱Jacques Brels Ne me quitte pas ist.

Patricia Kaas ist mit ➱Et s'il fallait le faire beim Grand Prix d'Eurovision aufgetreten, aber das hätte sie lieber lassen sollen. Es gab immerhin einen achten Platz. Ihre erste Platte ➱Jalouse war ein Flop, heute ist sie ein Star. Nicht nur in Saarbrücken, wo sie als Teenie in jedem Club sang. Sie ist kein Star wie Taylor Swift, kein Star, der aus der Retorte kommt. Und sie ist auch nicht wie Taylor Swift eine Göttin der Rechtsradikalen, ➱Camille Paglia hat die ein widerliches Nazi-Barbie genannt. Gérard Depardieu hat Patricia Kaas entdeckt, mit ➱Alain Delon telephoniert sie gerne. Der Film war immer nahe, sie hat das Titellied zu ➱Les Misérables gesungen, und ➱Bertrand Tavernier gebrauchte ihr Lied ➱Il me dit que je suis belle für einen seiner Filme.

Es hat bis zum Jahre 2001 gedauert, bis ➱Claude Lelouch sie überredete, einmal als Schauspielerin in einem richtigen Kinofilm mitzuspielen. Wenige Jahre zuvor hatte er dem Industriellen Bernard Tapie die Hauptrolle in dem Film ➱Männer und Frauen, eine Gebrauchsanleitung (ein Film, den ich schon in den Posts ➱Claude Lelouch, ➱Michel Piccoli und ➱Maja Maranow erwähnt habe) gegeben. Das Experiment ging auf, das Experiment mit Patricia Kaas auch. Sie können Sie ➱hier hören und sehen. Und Dieter Wunderlich weiß auf seiner Seite noch mehr über ➱And Now ... Ladies & Gentlemen.

Sie ist Französin, aber sie ist auch ein bisschen ➱deutsch, weil ihr Mutter eine Deutsche ist: Meine Mutter war Deutsche, mein Vater Franzose. Ich bin also halb und halb. Ich scherze immer und sage: Ich habe die besseren Hälften von beiden. Ich wurde auch zu einem deutschen Charakter erzogen. Ich sage nur: Disziplin. Ich bin gerne in Deutschland, liebe das deutsche Essen, wie es meine Mutter gekocht hat. Wenn ich in Deutschland bin, gehe ich auch nie in Haute-Cuisine-Restaurants. Da will ich immer Hausmannskost: Kartoffelsalat, Knödel und Rotkraut. Das ist für mich ein Stück Heimat. Das ist wie Weihnachten. Das hat in meiner Kindheit auch immer anders gerochen als heute. Die Franzosen wussten stets, wo ich herkomme, aus einem Winkel zwischen zwei Ländern, wo eben jeder zwei Gesichter hat. 

Französisch hat sie erst in der Schule gelernt, jetzt kann sie es, wie ➱La langue que je parle zeigt. Ich vermute, dass die Patricia Kaas CDs irgendwo in dem CD Turm stecken, wo all die ➱Jazz Singers sind. Ich habe nicht wirklich gesucht. Weil ich eine alte TDK Cassette habe, sozusagen Best Of, ein Geschenk einer Studentin, das ich in meinem ➱Postfach in der Uni fand. Habe ich in meiner Schreibtischschublade, die finde ich immer.

Samstag, 2. Dezember 2017

Philipp Otto Runge (once again)


Der Maler Philipp Otto Runge ist am 2. Dezember 1810 gestorben, er hatte hier am 23. Juli des Jahres (seinem 240. Geburtstag) schon einen ➱Post. Es ist ein Post, der leider so gut wie gar nicht gelesen wurde. So etwas ist für mich immer ein Rätsel. Hat noch weniger Leser als ➱Fritz Overbeck. Während dessen Worpsweder Kollege ➱Heinrich Vogeler fünfstellige Leserzahlen hat. Dadurch, dass ich ➱Ferdinand von Rayski wieder wieder angepriesen habe, ist er nach einem Jahr endlich in die vierstelligen Zahlen gewandert. Ich hoffe, dass das mit dem Anpreisen funktioniert, deshalb stelle ich den Post zu Philipp Otto Runge, der einmal gesagt hat: Hätte ich es sagen wollen oder können, hätte ich nicht nötig, es zu malen, einfach noch einmal ein. Hätte ich es malen können, hätte ich es nicht nötig, es zu sagen.




Dieses Selbstportrait von Philipp Otto Runge zählt zu seinen schönsten Bildern. Ich mag es sehr, auch sein Selbstportrait als ➱Federzeichnung ist sehr schön. Ich weiß nicht, weshalb ich bei diesem Portrait immer an das Selbstportrait von ➱Carel Fabritius denken muss. Der schaut uns zwar auch an, aber er hat nicht diese Traurigkeit in den Augen. Goethe hielt viel von dem Maler, der heute vor 240 Jahren geboren wurde: Es ist ein Individuum, wie sie selten geboren werden. Sein vorzüglich Talent, sein wahres treues Wesen als Künstler und Mensch, erweckte schon längst Neigung und Anhänglichkeit bey mir; und wenn seine Richtung ihn von dem Wege ablenkte, den ich für den rechten halte, so erregte es in mir kein Mißfallen, sondern ich begleitete ihn gern.

Und noch ein anderer Dichter der Romantik lobt Runge. So schreibt Clemens Brentano in einem Brief an Johann Friedrich Böhmer, nachdem der ihm Runges Gedicht ➱Es blüht eine schöne Blume geschickt hatte: Das Lied ist wirklich von Runge er-Rungen, ent-Rungen, entsp-Rungen, durchd-Rungen usw ... Er ist eigentlich doch der tiefsinnigste Künstler, der unmittelbarste der neueren Zeit gewesen, der eine Tiefe, ein Inneres, das vielleicht nie Gestalt gewonnen, zu Tage hat gebären müssen; was aber von solchem an die Oberfläche tritt, tritt heutzutage der Oberflächlichkeit entgegen; darum ist er so wenig gekannt und erkannt.

Das ist es: die Dichter rühmen ihn, aber beim Publikum ist der Maler kaum bekannt. Dennoch lobt Runge in einem Brief an seinen Bruder das Publikum und sagt: daß in einem Staat wie Hamburg sehr viel auf den guten Willen des Publicums gerechnet werden könne, wo die beschränkte Würkung der Behörden nicht ausreicht, und daß immer eine Masse von Menschen vorhanden bleibt, wo diesen guten Willen durch innern und äußern Antrieb rege zu machen möglich ist. Da ist sicherlich etwas dran, und die beschränkte Würkung der Behörden hat ja heute in Hamburg wieder Aktualität.

Allerdings muss man sagen, dass Runge hier nicht das Publikum meint, dass seine seine Bilder bewundern soll, sondern die Patriotische Gesellschaft. Die hatte Runge gerade als Ehrenmitglied aufgenommen, unter anderem, weil es sich bei ihm um einen talentvollen, denkenden Künstler handle. Im Rathaus denkt man offensichtlich nicht, das wird wenige Jahre später der Marschall ➱Davout für die Hamburger übernehmen. In der Kunsthalle Hamburg denkt man offensichtlich auch nicht, die Beschreibung des wohl bekanntesten Bildes von Runge auf der Seite der Kunsthalle ist nun wirklich ärmlich, wenn man das zum Beispiel mit diesem ➱Post eines Bloggers vergleicht. Noch mehr zu Runge findet sich bei jemandem, der als ➱Kunstdirektor schreibt oder an dieser Stelle, wo man Daniel Runges ➱Nachrichten von dem Lebens- und Bildungsgange des Mahlers Philipp Otto Runge findet.

Wenn Sie mehr zu dem Bild wissen wollen, kann ich nur Jörg Traegers Philipp Otto Runge: Die Hülsenbeckschen Kinder: Von der Reflexion des Naiven im Kunstwerk der Romantik empfehlen, das in der hervorragenden Reihe Fischer Kunststück erschienen ist. Der Kunsthistoriker Jörg Traeger war die Nummer Eins der Runge Forschung, sein kleines Buch ist sicher auf einem höheren Niveau als das Buch von Ellen Pomikalko und Ute Blaich ➱Philipp Otto Runge: Die Hülsenbeckschen Kinder. Aber das ist ein rotfuchs-Kunstbuch, das macht auch einen Sinn. Ute Blaich habe ich immer geschätzt, ich habe noch ihre LP (Deutsche Grammophon) von The Wind in the Willows im Regal. Und da ich bei Kiddies bin, möchte ich noch auf das interessante Buch So nah und doch so fern: Philipp Otto Runges gesteigerte Wirklichkeit der Kinder. Eine Entdeckungsreise durch die Bildwelten Runges und seiner Zeit des Pädagogen Andreas Gruschka hinweisen.

Runges Äußerungen über den guten Willen des Publicums sind übrigens prophetisch: als 2010 die Ausstellung ➱Kosmos Runge: Der Morgen der Romantik in der Hamburger Kunsthalle eröffnet wird, hat man gerade große Teile des ➱Werkes gekauft, die vorher nur geliehen waren. Es ist übrigens ➱Alfred Lichtwark gewesen, der (mit privater Unterstützung) die ersten Käufe für die Kunsthalle tätigte, Runge selbst interessierte ihn nicht so sehr. Ihn interessierte, dass Runge (hier mit seiner Frau ➱Pauline und seinem Bruder Daniel) ein Hamburger war. Das Bild hat den Titel ➱Wir Drei, es war ein Geschenk Runges an seine Eltern.

Es ist natürlich eine ➱Eiche, dieser symbolträchtige deutsche Baum, an den sich Daniel Runge lehnt. In den Befreiungskriegen wird die Eiche über das Symbol der Treue hinaus zu einem nationalen Symbol für Einigkeit, Schutz und Festigkeit. Die drei Soldaten eines Freicorps auf dem Bild von Kersting halten ihre Wache in einem Eichenwald, es dürfte kein anderer Wald sein. Simon Schama hat in seinem Buch Landscape and Memory (➱Der Traum von der Wildnis) eine Menge über den deutschen Wald zu sagen, ich halte Landscape and Memory für sein bestes Buch.

Der englische Kunsthistoriker Matthew Craske hat in seinem höchst originellen Buch Art in Europe 1700-1830 darauf hingewiesen, dass die geschlossen auftretende Familie wie in Wir Drei oder dem Bildnis seiner Eltern vor dem Hintergrund der Bedrohung durch Napoleon zu sehen ist. Runge malt nicht nur 1806 seine Eltern in seinem Heimatort Wolgast. Er ist auch nach Wolgast gezogen, weil es der Firma Firma Hülsenbeck, Runge & Co, in der einmal als kaufmännischer Gehilfe angefangen hat, sehr schlecht geht. Der Konkurs kommt im nächsten Jahr, die Kontinentalsperre macht sich bemerkbar (darüber sollten die Engländer mit ihrem Brexit mal nachdenken), aber Daniel Runge (hier von seinem Bruder portraitiert) wird eine neue, erfolgreiche Firma gründen. Sein Bruder wird dort stiller Teilhaber sein.

Auf der Rückseite dieses beinahe zwei Meter hohen Gemäldes können wir die Geburtsdaten der Eltern des Künstlers lesen, sowie den Satz: Diese meine lieben Eltern habe ich meinen Geschwistern und mir zum Andenken gemalt und zur Lust mein Söhnlein Otto Sigismund als 1 1/2 Jahr, und meines Bruders Jacob Söhnlein Friedrich als 3 1/2 Jahr. Wollgast im Sommer 1806. Im Herbst 1806 wird Napoleon bei Jena und Auerstedt die preußische Armee schlagen und danach in Berlin einziehen. Die kleine schwedische Flagge (Pommern ist damals noch schwedisch) auf einem der Schiffe im Hintergrund, die Runges Vater gehören, ist vielleicht eine Hoffnung, dass es nicht so schlimm werden kann.

Es gibt von dem Bild eine zweite, kleinere Version, eine Ölskizze. Die Kinder fehlen, die Lilie mit ihrer Symbolik fehlt, die gepflegt bürgerliche Kleidung von Runges Eltern ist einfacher gehalten, die Schiffe von Daniel Nikolaus Runge sind nicht zu sehen. Runges Eltern sind neunundsechzig Jahre alt, sie sehen älter aus. Runges Vater steckt noch im 18. Jahrhundert, er trägt noch eine Perücke. Das Ehepaar wirkt ein klein wenig verloren vor seinem Haus. Es fehlen die Kinder, Daniel Nikolaus Runge und Magdalena Dorothea haben elf Kinder, da müssen jetzt die Enkel mit auf das Bild, über das Alfred Lichtwark sagte: In der deutschen Kunst um 1806 steht es wie ein Wunder. 

Lichtwark meinte damit, dass es einzigartig sei und keine Vorbilder in der europäischen Malerei habe. Das sagt auch Mario Praz in Conversation Pieces, der größten Studie des Familienbilds. Allerdings mit leicht boshafter Ironie: There is nothing conventional in this severe, almost surly pair of old people dressed in materials hard as metal; solemnly taking a walk, they cross the sparse orchard and are considered with some misgiving by one of the grandchildren, who convulsively clutches a flower and who maybe a moment ago has given the grandmother the rose she holds in her left hand. One cannot suppose that she received it with a smiling face: one suspects that in the hands of such a formidable-looking woman any flower would soon wither. The house behind them looks like a prison wall; the free view of the water with its moored boats and of the sky (which is overcast by a black cloud) does nothing to dispel the sense of a cloistered and severe life communicated by the figures, the wall, and the toothed fence.

Mein Katalog der Hamburger Ausstellung ➱Runge in seiner Zeit aus dem Jahre 1977 sieht besser aus als dieser hier. Weil ich ihn mir neu gekauft habe. Nachdem ich den ersten Katalog damals durchgearbeitet habe, habe ich ihn einer Studentin der Kunstgeschichte geschenkte. À propos Studenten, kurz bevor ich die Uni verließ, belehrte mich eine Kollegin, dass man jetzt nicht mehr Studenten sagte. Das hieße jetzt Studierende. Ich sagte ihr, dass ich für solchen Unsinn zu alt sei. Und unterließ es höflicherweise zu sagen, dass es Schwachsinn sei, weibliche Schafe Schäfinnen zu nennen. Was sie in ihrer Vorlesung hartnäckig tat.

Man kann den Hamburger Katalog von 1977 (Prestel Verlag) antiquarisch noch bekommen, es ist vielleicht das Beste, das man zu Runge kaufen kann. In Hamburg war damals nicht nur das Werk von Runge zu sehen (die Hamburger Kunsthalle hat die größte Sammlung), sondern die ganze deutsche Romantik drumherum. Wie zum Beispiel Carl Joseph Begas oder ➱Friedrich Wasmann (Bild), der mittlerweile einen ➱Post hat. Die Philipp Otto Runge Ausstellung war zuerst in der Reihe der ➱Kunst um 1800 gar nicht vorgesehen, in den ersten zwei Jahren gab es ➱Ossian, ➱Caspar David Friedrich, Johan Tobias Sergel, ➱Johann Heinrich Füssli und ➱William Blake. Danach kamen in den nächsten vier Jahren Philipp Otto Runge, ➱William Turner, John Flaxman und Goya. Ein größeres Projekt hat die Hamburger Kunsthalle im 20. Jahrhundert niemals bewältigt. Bis auf die Sergel Ausstellung habe ich alle Ausstellungen gesehen, die ➱Ossian Ausstellung und die Caspar David Friedrich Ausstellung sogar mehrfach.

Jörg Traegers Katalog Philipp Otto Runge und sein Werk: Monographie und kritischer Katalog ist schwer zu bekommen. Er steht bei mir im Regal, weil ich damals Mitglied des Deutschen Kunstverein war, es war die Jahresgabe für die Mitglieder. Die Jahresgaben waren immer teurer als  der Jahresbeitrag, das hatte mir mein Freund ➱Peter gesagt. Als die Jahresgaben immer mickriger wurden, bin ich aus dem Verein ausgetreten. Aber wer sich für Runges Leben und Werk interessiert, ist auch mit kleineren Büchern gut bedient. Man bekommt zum Beispiel ➱Jens Christian Jensens Buch (DuMont) bei Amazon Marketplace ab einem Cent, und auch Frank Büttners bei C.H. Beck erschienenes Taschenbuch ist antiquarisch noch zu finden. Es ist ein schmales, kleinformatiges Buch (128 Seiten), aber es ist ein sehr gutes Buch.

Der Morgen ist die grenzenlose Erleuchtung des Universums, hat Runge gesagt. Lange hat er an dieser romantischen Weltvision gearbeitet. Welcher Lebendige, Sinnbegabte, liebt nicht vor allen Wundererscheinungen des verbreiteten Raums um ihn das allerfreuliche Licht – mit seinen Farben, seinen Strahlen und Wogen; seiner milden Allgegenwart, als weckender Tag. Wie des Lebens innerste Seele atmet es der rastlosen Gestirne Riesenwelt, und schwimmt tanzend in seiner blauen Flut – atmet es der funkelnde, ewigruhende Stein, die sinnige, saugende Pflanze, und das wilde, brennende, vielgestaltete Tier – vor allen aber der herrliche Fremdling mit den sinnvollen Augen, dem schwebenden Gange, und den zartgeschlossenen, tonreichen Lippen. 

Wie ein König der irdischen Natur ruft es jede Kraft zu zahllosen Verwandlungen, knüpft und löst unendliche Bündnisse, hängt sein himmlisches Bild jedem irdischen Wesen um. – Seine Gegenwart allein offenbart die Wunderherrlichkeit der Reiche der Welt. Das ist nicht von Runge, das steht in Novalis' ➱Hymnen an die Nacht (auf den ihn Tieck hingewiesen hatte), aber es passt zu diesem Bild, das den Zauber des ersten Sonnenlichts mit symbolischer Überhöhung auf die Leinwand bannt.

Mir wäre es lieber gewesen, wenn Runge Landschaften gemalt hätte. Denn als er an der ersten Fassung seiner schwebenden Aurora (➱Der kleine Morgen) arbeitet, malt John Constable ein Bild wie ➱dieses. Es drängt sich alles zur Landschaft. Ist denn in dieser neuen Kunst — der Landschafterey, wenn man so will, — nicht auch ein höchster Punkt zu erreichen? der vielleicht noch schöner wird wie die vorigen? Ich will mein Leben in einer Reihe Kunstwerke darstellen; wenn die Sonne sinkt und wenn der Mond die Wolken vergoldet, will ich die fliehenden Geister festhalten, wir erleben die schöne Zeit dieser Kunst nicht mehr, aber wir wollen unser Leben daran setzen, sie würklich und in Wahrheit hervorzurufen –. Das hier ist eine Nillandschaft, Otto Runge war niemals am Nil, er war auch nicht in Italien oder Paris wie andere Maler seiner Zeit. Und die Nillandschaft ist keine freie romantische Phantasie, er braucht sie als Mittelteil für seine ➱Ruhe auf der Flucht.

Der Weg, den Sie betreten haben, ist um so rühmlicher, als er wahrscheinlich ein einsamer bleiben muß; ja was ist einsamer, als die Philosophie, da sie sich selbst verlassen muß, um sich zu belauschen? Ihr Bestreben ist mir daher stets so achtungswerth und rührend erschienen, da Sie gewissermaaßen die Augen schließen, um in sich hinabzusteigen und zu sehen, wie Sie zum Sehen gekommen; denn an solchem Bestreben sehe ich, daß das Leben der Kunst wahrlich verloren ist, indem der Künstler sich umsehen muß in sich selbst, um das Verlorne Paradies aus seiner Nothwendigkeit zu construiren. Das schreibt Brentano im Januar 1810 in einem ➱Brief an Runge, der wird aber keinen langen Weg mehr gehen, am Ende des Jahres ist er tot. In dem Jahr hat er noch die, wie er, an der Tuberkulose sterbende Sophia Sieveking gemalt, vielleicht sein letztes Werk.

Das hier ist Runges Portrait seines Freundes Friedrich August von Klinckowström, eines Mannes, der als preußischer Offizier anfängt und danach Direktor einer Erziehungsanstalt für adlige Knaben wird, daneben malt er aber auch noch. Wenn Klinckowström ihm aus Paris schreibt, ist Runge versucht, auch nach Paris zu gehen. Aber er fürchtet sich vor den vielen Einflüssen, seine Kunst soll ganz aus ihm heraus kommen. Rembrandt bedeutet ihm viel. Der ist ihm einmal im Traum erschienen und hat ihn seinen lieben Otto genannt, als er noch an der Kopenhagener Akademie studierte. Runge bleibt in Hamburg und schreibt an Klinckowström: Mir ist recht oft beklommen zu Muthe, dass ich so allein bin. Könnte ich es auf irgend eine Weise, die mir als Wunsch nur bekannt ist, dahin bringen, etwa 10 junge Leute von verschiedener Art ihre Studien zu betreiben anzuleiten! Aber dazu wird es nicht kommen, Runge, der in seinen Briefen mit beinahe allen Romantikern vernetzt ist, bleibt allein.

Haben Sie schon einmal mit diesen Karten Skat gespielt? Dieses Kartenspiel von Runge ist 1924 im Insel Verlag erschienen, es wurde nach den wiedergefundenen Originalstöcken von Friedrich Wilhelm Gubitz in der Spielkartenfabrik Altenburg hergestellt. Und damit bin ich bei einem anderen Philipp Otto Runge. Einem Mann, der ➱Gedichte schreibt, Spielkarten entwirft und ➱Scherenschnitte anfertigt. Und dann schreibt er auch noch Märchen, plattdeutsch. Die Sprache, mit der er aufgewachsen ist, er liebt sie. Vielleicht kennen Sie ➱Van den Machandelboom nicht, aber ➱Von den Fischer un siine Fru, das kennen sie bestimmt. Runge schickt es an die Brüder Grimm, die es in ihre Sammlung aufnehmen.

Und eines Tages wird Runge selbst zur ➱Literatur: Nun hat man die eine von mir gebrachte mundartliche Mär 'Von den Machandelboom' glücklich in die Leitung für 'Einsiedler' aufgenommen, doch die andere, die ich gleichfalls vor Jahren auf der Insel Rügen einem alten Weib nachgeschrieben und überdies als Variation notiert habe, weil die Alte, wunderlich hartnäckig, mal so, mal so erzählt hat, nämlich die Mär 'Von dem Fischer un syner Fru' liegt immer noch ungedruckt, wenngleich der Buchhändler Zimmer schon vor zwei Jahren den Herren Arnim und Brentano die Aufnahme des Märchens vom Butt in das Wunderhorn empfohlen hat. Hier ist nun Gelegenheit, erneut über die Sache, wie ich sie endlich doppelt vorlege, zu sprechen. Deswegen bin ich, auf Wunsch der Herren Grimm, von weither angereist. Denn eigentlich sollte ich vor meinem Bild sitzen. Das heißt 'Der Morgen' und will und will nicht fertig werden.

So nett das bei Günter Grass ist, wir wollen dem literarischen Runge nicht das letzte Wort überlassen. Das letzte Wort soll der wirklich Runge haben, der gerne Platt snackt und der dabei ist, das Verlorne Paradies aus seiner Nothwendigkeit zu construiren. Im August 1810 schreibt Runge an Brentano: daß es mir in meinem Leben höchstens nur 1, 2, höchstens 3 Jahre erlaubt gewesen ist, ohne Unterbrechung, ein Künstler- oder vorzüglich ein Mahlerbestreben rein durchzuführen, so bin ich oft Jahre lang von aller wirklichen Arbeit durch so verschiedene Begebenheiten abgehalten, ja einige mahl mit der Aussicht, nie wieder dazu zu kommen. Daher habe ich so vieles angefangen, so wenig vollendet.

Freitag, 1. Dezember 2017

Notopfer Berlin


Sieht doch harmlos und unscheinbar aus, diese Briefmarke, die am 1. Dezember 1948 auf die Briefe musste. Eigentlich ist sie keine Briefmarke, sondern eine Steuermarke. Die Berliner Luftbrücke sollte damit finanziert werden, erzählte man uns. Das konnte man einsehen, aber diese blaue zwei Pfennig Marke blieb bis 1956, da gab es keine Luftbrücke mehr. Das ist so ähnlich wie die Sache mit der Sektsteuer. Die ja eingeführt wurde, um die Schlachtschiffe für Willem II zu finanzieren. Wir haben keine Schlachtschiffe mehr, aber die Sektsteuer gibt es immer noch. Und wofür ist der Soli noch mal da? Es gab Menschen, die brauchten diese kleinen hässlichen Marken nicht auf Briefe zu kleben. Der Postminister zum Beispiel. Der Staatsrechtler Theodor Eschenburg (der Bruder von Harald Eschenburg), der einen unfrankierten Brief vom Postminister erhielt, versuchte vergeblich, dem Briefträger zu erklären, dass dem so sei. Der Briefträger forderte Strafporto. Was mag Theodor Fontanes Freund wohl für den Brief gezahlt haben, in dem der letzte Satz lautete: Meine Briefmarken sind ausgestorben, ich kann deshalb nicht frankiren. Revanchire Dich. Dein Th: Fontane. Ich komme gleich noch einmal auf Fontane zurück, das hat mit dem 1. Dezember zu tun.

Die Einführung der kleinen blauen Marke löste in Berlin einen Postkrieg aus. Ein Postkrieg ist besser als ein richtiger Krieg, aber wir sind im Kalten Krieg, da ist auch ein Postkrieg schon gefährlich. Die blauen 2-Pfennig Marken sind für den Briefmarkensammler nichts wert. Es gibt welche, die angeblich 10.000 Euro wert sein können, aber die sind meistens gefälscht.

1951 sang Bully Buhlan:

Ich hab’ noch einen Koffer in Berlin, 
deswegen muss ich nächstens wieder hin. 
Die Seligkeiten vergang’ner Zeiten 
sind alle noch in meinem kleinen Koffer drin. 
Ich hab’ noch einen Koffer in Berlin. 
Der bleibt auch dort und das hat seinen Sinn: 
Auf diese Weise lohnt sich die Reise, 
denn wenn ich Sehnsucht hab’, dann fahr ich wieder hin. 

Hildegard Knef und Marlene Dietrich haben das auch gesungen, Lieder über Berlin waren damals beliebt. Später kam dann noch Axel Springer mit seinem Slogan Macht das Tor auf. Berlin musste unterstützt werden. Überall in Westdeutschland kam man damals als Schüler für einen Fuffi eine Woche nach Berlin. Gut, da stand auch Plötzensee, das Ehrenmal in Treptow und ein staatsbürgerlicher Vortrag auf dem Programm, aber viel Zeit blieb für Kino, Oper und Museen. Und für das Bestaunen der Luxusschuhe in den Glaskästen auf der Straße vor einem Laden, der Budapester Schuhe hieß. Ich war mir nicht sicher, ob die auch unser Notopfer brauchten.

2012 stand hier am 1. Dezember der Post Ehebruch, 2015 war es Internetsucht. Beide Posts spielen in Berlin und handeln von der selben Sache und den selben Personen, nämlich von dem Amtsrichter Emil Hartwich, der nach einem Duell gestorben war. Er war der Liebhaber der Frau, die wir dank Theodor Fontane als Effi Briest kennen. Im letzten Jahr habe ich hier in dem Post Duell ein Gedicht von einer jungen Frau abgedruckt, die sich Raisa Goldflowing nennt. Das hat vielen Lesern gefallen, deshalb gibt es das heute hier noch einmal:

Effi von Briest,
Tochter der Luft.
Jugendlich, wild,
Midshipmans Kluft.

Plötzlich ganz anders,
Neue Zukunft in Sicht.
Verlobung, Hochzeit,
Nach Kessin bald Pflicht.

Verwirrend und neu,
Ja gruselig gar.
Neues Sein in Kessin
Ist wohl nun wahr.

Schrecklicher Spuk,
Nicht nur im Kopf.
Ostländisch, Chinese,
Mit schwarzem Schopf.

Dazu Langeweile,
Einsam wohl auch.
Instetten nie da,
Kaum mehr ein Hauch.

Crampas so heißt er,
Der Major selbst.
Zu dem du, ja Effi,
Dich dazugesellst.

Doch was verboten,
Das währt nicht ewig.
Die stetige Angst,
Keinesfalls selig.

Sechs Jahre lang,
Scheinbares Glück.
Bis mit einem Schlag,
Vergangenheit ist zurück.

Alles alte wieder,
Ganz neu aufgewühlt.
Jegliches Glück,
Wie fortgespült.

Nun, anderes Leben,
Wie einsam wohl,
Effi innerlich,
Fast schon hohl.

Immer schlechter,
Von Zeit zu Zeit,
Arme Effi Briest,
Voll Traurigkeit.

Ein Ende findet's,
Alles mit eins,
Zuhaus bei Eltern,
Ende so scheints.

Letztendlich ist's,
Ganz wie die Welt,
Wie Briest so sagt,
Ein zu weites Feld.