Donnerstag, 19. Mai 2011

Rahel


Die kleine Levin hat man sie genannt, aber von ihrer Bedeutung her ist Rahel Levin eine der großen Frauen in ihrer Zeit. Klein ist sie nur von der Körpergröße her, wahrscheinlich gerade mal einsfünfzig, man weiß es nicht so genau. Sie ist - und darin ist sie Bettine von Arnim ähnlich (obgleich die ja  mal Dies Buch gehört dem König geschrieben hat) - eine Schriftstellerin ohne Werk. Ihre Werke sind (wie bei Bettine) ihre Briefe. Ich kann nur Briefe schreiben, kann man bei ihr lesen, Mein Leben soll zu Briefen werden auch. Ihre Bedeutung soll in ihrem literarischen Salon gelegen haben, in der Dachstube des Hauses ihres Vaters, wo sie Preußens Intelligenz zu geselligen Abenden empfing. Das ist damals très chic, die Engländer haben das schon etwas länger, aber wir sollten bedenken, dass Rahel Levins Salon nur einer unter vielen in Berlin ist.

Es gibt da noch den von Henriette Herz (bei deren Namensnennung kann Rahel in ihren Briefen manchmal richtig giftig werden), den von Henriette von Crayen (deren Tochter Theodor Fontane zu dem Roman Schach von Wuthenow inspirierte) und den von Amalie Beer. Die berühmte Dachstube im Haus des jüdischen Bankiers Levin ist auch kein wirklich vornehmer Salon, es ist eher ein bisschen Bohème. Clemens Brentano schreibt nach einem Besuch bei Rahel, daß Prinz Louis Ferdinand und Fürst Radziwill zu ihr kommen, erregt vielen Neid, aber sie macht nicht mehr daraus, als ob es Lieutenants oder Studenten wären. Für Rahel ist ihr Salon, der die gesellschaftlichen Schranken aufhebt, auch ein Teil ihres eigenen Fortbildungsprogramms. Sie ist eine self-made woman, sie hat sich (einschließlich des Deutschen) alles selbst beigebracht. Und sie hat ihr Leben lang darunter gelitten, eine Jüdin zu sein.

Ein Buch des Andenkens für ihre Freunde, nach ihrem Tod von ihrem Ehemann August Varnhagen von Ense herausgegeben, versammelt ihre Briefe und Aufzeichnungen, die sie vor ihrem Tod eigenhändig für die Veröffentlichung vorbereitet hatte. Diese Briefe gehören sicherlich mit zu den wichtigsten Zeugnissen der deutschen Literatur des frühen 19. Jahrhunderts. Bisher hat man beinahe immer die dreibändige Ausgabe von 1834 nachgedruckt. Karl August Varnhagen von Ense hatte eine erheblich erweiterte Ausgabe dieser Selbstbiographie in Briefen geplant, es gab wohl auch dafür einen Plan, der aber nie realisierte wurde.

Aber in diesem Jahr doch endlich. Und das ist das Verdienst einer Frau namens Barbara Hahn, die Professorin an der Vanderbilt University in Nashville ist, wo es offensichtlich nicht nur Country und Western gibt. Seit Barbara Hahn 1980 in Marburg ihr erstes Seminar über Rahel Varnhagen gemacht hat, hat sie über Rahel geforscht. 1989 hat sie in Berlin promoviert, und ein Jahr später ist ihre Dissertation als bei Stroemfeld/Roter Stern als Buch erschienen: Antworten Sie mir! Rahel Levin Varnhagens Briefwechsel. Ist natürlich, wie alle guten Bücher nicht mehr lieferbar. Aber ich habe ein Exemplar, im Grabbelkasten gefunden, wo man alle guten Bücher findet. Ich kann nur hoffen, dass die FU Berlin ihr damals auch ein summa cum laude für diese Doktorarbeit gegeben hat. Wie schnell sind doch bei uns Begriffe wie summa cum laude und Doktorarbeit durch einen einzigen Betrüger und Schaumschläger entwertet worden!

Aber mit solcher Scharlatanerie hat Antworten Sie mir! Rahel Levin Varnhagens Briefwechsel nicht zu tun, dies ist seriöse Forschung. Lange Monate in der Handschriftenabteilung der Biblioteka Jagiellońska in Krakau (wohin das Archiv Varnhagens 1945 gewandert war). Kein einfaches drag&drop der Textherstellung, vor dem Schreiben kam das Lesen von 6.000 Seiten Manuskripten. Es ist ein Buch, das mit Empathie geschrieben ist, und es ist ein sehr gutes Buch. Was mich nur ein wenig irritiert, ist die Tatsache, dass sich die großen deutschen Verlage neuerdings bei allem Wichtigen bedeckt halten. Antworten Sie mir! ist bei Stroemfeld/Roter Stern erschienen, die sechs Bände (über 3.300 Seiten) von Ein Buch des Andenkens für ihre Freunde beim Wallstein Verlag. Liegt aller Wagemut neuerdings bei den Kleinverlagen? Was ist mit Hanser oder Suhrkamp? Lediglich der C.H. Beck Verlag hat drei voluminöse Bände von Briefen Rahels im Programm.

Nach mehreren unglücklichen Beziehungen ehelichte Rahel am 27. September 1814 den Diplomaten, Historiker und Publizisten Karl August Varnhagen von Ense, heißt es so schön im Wikipedia Artikel. Da wüsste man ja doch gerne etwas mehr. Was ist mit Karl Graf von Finckenstein? Günter de Bruyn weiß dazu in Rahels erste Liebe. Rahel Levin und Karl Graf von Finckenstein in ihren Briefen und in Die Finckensteins: Eine Familie im Dienste Preußens eine Menge zu sagen. Wenn man heute nichts über die geistige Situation im damaligen Berlin weiß, dann sollte man auch zu Günter de Bruyn greifen und Als Poesie gut: Schicksale aus Berlins Kunstepoche 1786 bis 1807 lesen.

Als Rahel 1814 den fünfzehn Jahre jüngeren Varnhagen heiratet, ist ihre letzte Liebe Alexander von der Marwitz gerade tot, in Frankreich gefallen. Und sein Bruder wird ihm auf den Grabstein schreiben lassen: Christian Gustav Alexander v. d. Marwitz, geb. den 4. Oktober 1787. Lebte für die Wissenschaften. Erstieg deren Gipfel. Redete sieben Sprachen. Wahrete dieses Vatergutes 1806 und 1807, wie der Bruder zu Felde lag. Von Freiheitsliebe ergriffen, focht er 1809 in Österreich bei Wagram und Znaym. Diente 1813 dem Vaterlande. Schwer verwundet und gefangen, befreite er sich selbst. Wieder genesen focht er in Frankreich und fiel dort bei Montmirail den II. Februar 1814. Sein Vater war Behrend Friedrich August v. d. Marwitz, seine Mutter Susanne Sophie Marie Luise von Dorville. Hier stand er hoch, dort höher. Seinem Andenken gesetzt von seinem Bruder.

Ob man nun über dreitausend Seiten Briefe von Rahel von Varnhagen lesen muss, weiß ich nicht zu beantworten. Weshalb liest man die Briefen anderer Leute? Weil sie es so wollten, da sie den Brief als eine literarische Form betrachteten und der Veröffentlichung nicht in ihrem Testament widersprochen haben, wäre eine Antwort. Manche Leser lesen Briefe berühmter Leute gerne. Man hat das Gefühl, dem Schreibenden nahe zu sein, mir ist das so bei der Lektüre von Byrons Briefen ergangen. Oder bei den Briefen von Blücher (über den Rahels Ehemann noch eine Biographie schreiben wird), die gänzlich ungekünstelt und nicht auf eine nachträgliche Veröffentlichung konzipiert sind, so wie viele von Rahels Briefen. Byron und Blücher sind Zeitgenossen von Rahel Varnhagen, die Lektüre ihrer Briefe zeigt auch, wie klein doch die Welt von Rahel ist.

Bei der Lektüre von Briefen, in denen der Schreiber sein Herz ausschüttet, dem Empfänger seine Liebe gesteht, hat man als Leser ja häufig ein schlechtes Gewissen. Hat das Zeitalter der Empfindsamkeit eine neue Geschwätzigkeit hervorgebracht, eine literarische Verbalerotik in Briefform? Oder schreiben hier wirklich von der Liebe gequälte Seelen? Meint Karl von Finckenstein das Ewig im ganzen Umfang des Wortes dein Carl, das er 1796 unter einen Brief schreibt, wirklich so? Die sprachliche Selbstentblößung, spontan, aber gleichzeitig kalkuliert, ist ja seit dem 18. Jahrhundert (also schon lange vor Kafkas Brief an den Vater) beinahe zu einer literarischen Pflichtübung geworden. Aber ich kann das nicht Gunda, wehnigstens hält es mir zu schwer, ich muß entweder das Schauspielhaus ganz verschließen, oder auch das innerste entschleiern, schreibt Karoline von Günderode an Gunda Brentano. Ist es tief empfundenes Selbstbekenntnis oder nur eine literarische Schreibübung, wenn Rahel an Marwitz schreibt:

Sehen Sie in mein Herz, wenn Sie können; Sie kennen meine Bestandteile, Sie wissen alles von mir, um jedes wissen zu können. Vergessen Sie nicht, que dieu m'a fait le coeur rebell et doux, je n'ai jamais pu le changer. Daß ich am großen Verdruß knurre wie die großen Pudel, von denen ich sprach, und daß nur aufheiternde Ereignisse oder göttliche innere Erleuchtungen mich beleben können. Also was soll ich schreiben, was soll ich fragen, was kann ich tun ohne die Götter? Das innerste Herz spricht mich endlich frei, und ich kann nicht viel mehr Bewegungen machen.

Bei allerlei offenkundigen Gewaltsamkeiten und Rauheiten des Ausdrucks sprach- und gedankenmächtig wie keine neben ihr, und dennoch immer kindlich, auch in Verzweiflung und Ingrimm fromm, heiter, kokett, ein Phänomen allerersten Ranges, wenn auch als solches bis heute niemals voll anerkannt und rezipiert, schrieb Friedhelm Kemp vor vierzig Jahren im Supplementband von Kindlers Literatur Lexikon. Wir wollen einmal hoffen, dass sich die Sache mit der Anerkennung inzwischen gebessert hat.

Rahel Levin, die ihr Leben in ihre Briefe schrieb, wurde heute vor 240 Jahren in Berlin geboren.

Mittwoch, 18. Mai 2011

Gustav Mahler


Das ist nicht jedermanns Musik, die Gustav Mahler schreibt. Ich habe immer  wieder Versuche gemacht ihn zu lieben, so ganz ist es mir nicht gelungen. Als ich vor vierzig Jahren Viscontis Tod in Venedig gesehen habe, kaufte ich mir alles von dieser plüschigen Musik. Der soundtrack des Filmes hätte es wahrscheinlich auch getan, aber den gab es damals nicht. Es war nicht meine erste Begegnung mit Mahler. 1964 hatte ich in Hannover Das Lied von der Erde gehört. Joseph Keilberth dirigierte, Dietrich Fischer-Dieskau und Fritz Wunderlich sangen. Ich hatte die Karte nur wegen FiDi gekauft, und es ist mir heute wirklich peinlich, dass ich damals gar nicht richtig begriffen habe, dass da eigentlich ein noch viel Größerer neben Fischer-Dieskau auf der Bühne stand (obgleich FiDi natürlich optisch größer war).

Mein Freund Tony hat immer versucht, mich für Mahler zu begeistern, die Kathleen Ferrier Platte mit den Kindertotenlieder, die er mir vor Jahrzehnten geschenkt hat, habe ich immer noch. Auf Kathleen Ferrier lasse ich nichts kommen. Tony hat mich auch einmal zu einem Vorkonzert am Sonntagmorgen in der Laeisz Halle geschleift, wo es stundenlang nur Mahler gab. Auf der Rückfahrt sind wir in Blitzeis und Eisregen geraten, hundert Kilometer lang. Das habe ich nicht vergessen, was es von Mahler gab, weiß ich nicht mehr. Aber der Tony ist Engländer, der liebt Mahler. Und all das leicht Morbide vom fin de siècle, diesem Übergang von der Spätromantik zur Moderne. Ich habe auch eine Platte von ihm geschenkt bekommen, auf der Kirsten Flagstad Jean Sibelius singt. Es gibt Tage, da kann man Svarta Rosor, Säf, Säf, Susa und Kom nu hit, Död wunderbar hören, aber ewig kann ich das nicht ertragen. Irgendwie zieht einen das runter. Wenn ich in so einer morbiden romantischen Stimmung bin, dann lege ich Mahlers Die zwei blauen Augen von meinem Schatz mit Fischer-Dieskau auf. Herzzerreissend.

Gustav Mahler ist heute von hundert Jahren gestorben. Auf ARTE wird das wenigsten gewürdigt, die ARD sendet in der Nacht ein Fernsehspiel, in dem Mahler und Dr. Freud vorkommen (was auf einer wirklichen Begegnung basiert). Sonst reagiert das Fernsehen nicht auf diesen Tag. Hätte nicht irgendein Sender Viscontis Tod in Venedig senden können? Ich höre jetzt zur Feier des Tages Kathleen Ferrier, wie sie Mahler singt. Das reicht dann auch erstmal für die nächsten Monate.

Der Musikjournalist Paul Stefan hat vor hundert Jahren über Mahlers Beisetzung geschrieben: Morgen und Wien. Ein Chaos. Man klammert sich an Einzelheiten, die noch niemand wissen kann. Er soll auf dem kleinen Friedhof in Grinzing bestattet werden, neben dem Töchterchen. Die Leiche wird hingebracht. Der andere Morgen. Die Straße führt querfeldein zu Zypressenbäumen. Die Kapelle ist ein enger Raum, nur für den Sarg und ein paar Kränze. Die anderen umsäumen die Wege bis zum Grabe. Eine Frau kommt vorbei, sagt zu einer anderen: ‚Jetzt hat er drinnen Ruhe. Dem war auch alles zu klein.‘ Die Kirche von Grinzing ist klein, der Kirchhof eng. Und ein Spektakel für die Wiener steht bevor. Da wird Kirche und Friedhof abgesperrt. Nur Karten werden Zutritt geben. Man erfährt, daß Franz Schalk, Gregor, das Regiekollegium gewünscht haben, daß man am Begräbnistag die Oper schließe. Darauf kein Bescheid. Der Hof, die Gemeinde Wien rührt sich nicht. Und dann die Feier: Wir stehen vor der Kirche, als der Sarg herausgetragen wird. Es regnet. Über einen Weinbergweg kommen wir rascher an das Grab. Der Zug langt an. Der Regen hört auf. Eine Nachtigall singt, die Schollen fallen. Ein Regenbogen. Und die Hunderte schweigen.

Durch das Lied Die zwei blauen Augen von meinem Schatz, das auch in der Ersten Sinfonie anklingt, klingt immer wieder ein Trauermarsch. Liebe, Sehnsucht und Tod, geht es in dieser Musik je um etwas anderes? Lieb und Leid, und Welt und Traum.

Die zwei blauen Augen von meinem Schatz,
Die haben mich in die weite Welt geschickt.
Da musst’ ich Abschied nehmen
Vom allerliebsten Platz!
O Augen, blau!
Warum habt ihr mich angeblickt?
Nun hab’ ich ewig Leid und Grämen!

Ich bin ausgegangen in stiller Nacht,
In stiller Nacht wohl über die dunkle Heide.
Hat mir niemand Ade gesagt,
Ade, Ade!
Mein Gesell war Lieb’ und Leide!

Auf der Strasse steht ein Lindenbaum,
Da hab’ ich zum ersten Mal im Schlaf geruht!
Unter dem Lindenbaum,
Der hat seine Blüten über mich geschneit,
Da wusst’ ich nicht, wie das Leben tut,
War alles, alles wieder gut!
Alles! Alles!
Lieb’ und Leid!
Und Welt und Traum!


Dienstag, 17. Mai 2011

Talsperren

Heute vor 68 Jahren begann die Operation Chastise, der englische Luftangriff auf die Eder- und Möhnetalsperre. Auch die Sorpe- und die Ennepetalsperre wurden angegriffen, die allerdings ohne Erfolg. Hinterher sah die Edertalsperre so aus wie auf dem Bild links. Wo die anderen Talsperren waren, das wusste ich nie so genau, aber die Edertalsperre, die kenne ich. Als mir mein Freund Klaus L. bei der Klassenfahrt in Kassel vor der Jugendherberge beim Fußball das Nasenbein zertrümmerte, nur weil er der Busladung blonder Schwedinnen mit einem Fallrückzieher imponieren wollte, da hätte ich eigentlich den nächsten Tag im Bett liegen dürfen. Ich bin nach einer durchwachten Nacht am nächsten Morgen mit meinem Freund ➱Wuddel zum Arzt. Der hat den Nasenbeinbruch gerichtet, ein Pflaster drüber, fertig. Eigentlich wollte ich jetzt wieder zurück ins Bett, aber der sadistische Herbergsvater (der mir in der Nacht eine emaillierte Schale ans Bett gebracht hat, damit ich das Blut da reinspucken konnte) holt mich da wieder raus, Wuddel und ich müssen zwei Stunden lang Kartoffeln schälen.

Dafür packt er uns dann zur Belohnung zu einer ganz fremden Jugendgruppe in den Bus, die einen Nachmittagsausflug macht. Irgendwann gibt es einen Halt an einer Talsperre oder einem großen See. Ich weiß nicht, wo wir sind. Ich liege neben Wuddel unter einem schattenspendenden Baum im Gras, oben auf einem Hügel. Noch weiter oben steht der Bus an der Straße. Tief unter uns ist das Wasser. Über uns ein wunderbarer Sommerhimmel mit weißen Wattewölckchen, die Zeit steht still. Gut, ich habe eine Gehirnerschütterung und ich erlebe das alles ein wenig in slow motion. Das ist mir schon klar. Man hat diese Augenblicke immer wieder, in denen man alles registriert. In denen einem ist, als ob man träumt. Es war mir damals nicht klar, dass ich schon einmal hier gewesen war. Weil ich eh nicht wusste, wo ich war. Kurz nach dem Krieg, auf einem Familienausflug, waren wir hier gewesen. Die Bombenschäden waren repariert, aber Spuren von dem Angriff konnte man noch überall sehen. Opa erzählte mir, wie das damals alles gewesen war. Der war zwar nicht dabei gewesen, aber Opa wusste immer, wie alles gewesen war. Er konnte die ganze Welt erklären.

Die deutsche Version der Geschichte ist die Geschichte von Zerstörung und Leid, die englische Version ist die vom Heldentum der Royal Air Force. Für den Verlauf den Krieges bedeutete die Operation Chastise wenig, die Lähmung des Ruhrgebiets durch die gewaltige Überschwemmung blieb aus. Es trifft natürlich immer die Falschen, die meisten Toten sind Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter. Auf meinem Pan Paperback von Paul Brickhills The Dam Busters steht vorne drauf First PAN book to sell a Million copies, dies ist die 12. Auflage von 1957, die erste war 1954 erschienen. Ein englischer Bestseller der fünfziger Jahre.

Bei uns ist Ernst von Salomons Der Fragebogen damals ein Bestseller. Und 1954 ist ➱Jängjängfu, das kann ich damals nicht schreiben, weil ich das Wort nur aus dem Radio kenne, vor dem ich immer gehockt habe, um die neuesten Nachrichten vom Engel von Dien Bien Phu zu hören. Und natürlich ist auch die Fußballweltmeisterschaft, jetzt sind wir zum ersten Mal nach dem Krieg wieder wer. Die deutsche Kriegsbewältigung findet in den fünfziger und sechziger Jahren im Kino statt. Da haben wir Filme wie Stern von Afrika, Die grünen Teufel von Monte Cassino, Hunde, wollt ihr ewig leben? und all das, was in diesen Wochen in Das Vierte gezeigt wird.

Die Engländer haben in den fünfziger und sechziger Jahren auch ihre Kriegsfilme. The Dam Busters, der Film über die Operation Chastise gehört zu den erfolgreichsten ( ➱The Man Who Never Was auch). The Dam Busters ist ein eigentümlicher Film, schwarz-weiß, sehr langsam (Jeffrey Richards: very long, very boring). Streckenweise hat man das Gefühl, das es ein Dokumentarfilm ist. Eigentlich sind es zwei Filme in einem. Der erste Teil handelt von den Schwierigkeiten, die der Ingenieur Barnes Wallis hat, um diese spezielle Bombe zu entwickeln, die man gegen die Talsperren einsetzen will. Der zweite Teil zeigt dann den Nachtangriff der Lancaster Bomber auf die Talsperren.

Das Drehbuch des Filmes wurde von R.C. Sheriff geschrieben, der 1928 mit Journey's End ein sehr erfolgreiches Theaterstück über den Ersten Weltkrieg geschrieben hatte. Den hatte der mit dem Victoria Cross dekorierte Captain Sheriff zur Genüge kennengelernt. Irgendwie scheint sein Held, der Wing Commander Guy Gibson (gespielt von Richard Todd) noch aus dieser Zeit zu stammen: sehr englisch, upper middle class, mit der stiff upper lip. Richard Todd hat in dieser Zeit eine Vielzahl solcher Offiziere in englischen Kriegsfilme gespielt. Er kannte sich da aus, er war Offizier im Zweiten Weltkrieg gewesen, jetzt darf er englische Offiziere spielen. Nach dem Willen von Ian Fleming hätte er James Bond werden sollen, dazu ist es aber nicht gekommen.

Vor drei Jahren ist er zusammen mit dem letzten noch lebenden Piloten der Operation Chastise bei der Feier zum 65. Jahrestag der Bombardierung am Derwent Dam gewesen. Diese Talsperre in Derbyshire hatte die RAF im Kriege zu Trainingsflügen benutzt, um die Piloten auf den Angriff im Tiefflug (18 Meter!) auf die deutschen Talsperren vorzubereiten. Am besten schauen Sie ➱hier mal hinein. An der Edertalsperre hat man an dem Tag nicht gefeiert, aber immerhin hat der WDR an das Ereignis erinnert.


Montag, 16. Mai 2011

Friedrich Gulda


In seinem Roman Der Untergeher hat Thomas Bernhard für Friedrich Gulda nur Schmäh übrig (für Alfred Brendel auch). Bernards Werk besteht ja eigentlich nur aus Schmäh. Das können Österreicher prima. Der einzige Pianist, den der Autor gelten lässt, ist Glenn Gould. Dagegen ist ja nichts einzuwenden. Von Musik versteht Bernhard etwas, schließlich hat er einmal Musik studiert. Aber er konnte bestimmt nicht so gut Klavier spielen wie Friedrich Gulda.

Denn das konnte Gulda. Unbestritten. Sein Mozart, sein Beethoven  und sein Bach werden heute immer noch von Kritikern gerühmt. Aber wie für den zwei Jahre jüngeren Glenn Gould war die Einsamkeit im Frack auf der Bühne auf die Dauer nichts. Und während Gould nur noch im Studio spielte, im kanadischen Rundfunk Country&Western moderierte und The Idea of the North montierte, interessierte sich Gulda nur noch für Jazz. Ich bin bei solchen Transgressionen immer etwas skeptisch. Natürlich ist jeder Konzertpianist in der Lage, Jelly Roll Morton zu spielen. Aber irgendetwas wird da fehlen. Sicherlich ist Keith Jarretts Köln Concert toll, aber kann er Mozart spielen? Ich höre diese Aufnahmen nur ungern.

Künstler können uns nie recht machen, wir haben an jedem Pianisten und an jedem Sänger etwas zu mäkeln. Und dann fing Gulda auch noch an, auf der Bühne seltsame Sachen zu tragen. Manchmal trug er auch gar nichts und erschien nackt auf dem Podium. Er trug jetzt auch immer so seltsame Kappen. Ob er das Ernst Fuchs (links) nachmachen wollte? Oder war das in Wien damals le dernier cri, und ich habe das nicht richtig mitbekommen? Mich erinnerte das immer an einen anderen großen Darstellungskünstler, der am gleichen Tag (16. Mai) Geburtstag hatte wie Gulda. Und der in noch schrilleren Outfits auf die Bühne kam als Gulda.

Der konnte sicherlich nicht so gut Klavier spielen wie Gulda. Aber in Punkto Geschmacklosigkeit hat Liberace schon Maßstäbe gesetzt. Ich kann ja verstehen, dass die Routine des Konzertalltags ermüdend langweilig sein kann und man nicht immer das gleiche machen will. Andererseits haben auch die Profis meinen Respekt, die sich dieser Routine stellen. Ich habe vor beinahe einem halben Jahrhundert einmal Helmut Qualtinger erlebt, hatte eine Karte für die Lesung von Die letzten Tage der Menschheit in Hannover. Im Beethovensaal hatten sich kümmerliche 13 Zuhörer eingefunden. Qualtinger, Wiener wie Gulda und beinahe gleich alt, kam auf die Bühne und blickte in den leeren Saal. Wenn ich Qualtinger gewesen wäre, ich wäre jetzt wieder gegangen. Aber er zögert nur eine Sekunde und bittet dann die Zuschauer im schönsten Wienerisch, sich doch um ihn herum in die erste Reihe zu setzen, san’s kommod. Setzt sich auf die Bühnenkante, zum Greifen nahe und rezitiert das ganze Stück von Karl Kraus, ganz privat und ohne den Text zu konsultieren. Wenn irgendjemand wirklich cool war, dann war es Helmut Qualtinger an diesem Abend.

Meine Lieblings CD von Gulda: Das wohltemperierte Clavier von Johann Sebastian Bach (Philips). 270 Minuten der schönste Bach. Gut, man kann das auch von Glenn Gould, Rosalyn Tureck oder Zhu Xiao-Mei kaufen. Und natürlich ist Wilhelm Kempff auch nicht schlecht, aber ich schwöre auf Friedrich Gulda. Mit seltsamer Mütze oder ohne. Zur gleichen Zeit, als Gulda das aufnahm, sollte er beim 5. Internationalen Musikforum in Viktring (Klagenfurt) das als Eröffnungskonzert spielen. Doch statt des Wohltemperierten Claviers spielte er sehr seltsame Gulda-Musik. Als er damit nach zweieinhalb Stunden fertig war, hatte der größte Teil der Zuhörer den Saal verlassen. Da spielte Gulda dann zwei Stunden lang aus dem angekündigten Wohltemperierten Clavier.

Sonntag, 15. Mai 2011

Knoops Park


Er ist in Bremen geboren (heute vor 190 Jahren) und in Bremen gestorben, aber in dem Buch Bremische Biographien des neunzehnten Jahrhunderts sucht man seinen Namen vergebens. Hat der viktorianische entrepreneur nicht lange genug in Bremen gelebt, um als Bremer zu gelten? Als junger Mann war er zu seinem Onkel Johan Frerichs nach Manchester gegangen. Der war mit seiner Firma de Jersey & Co. einer von denen, die Manchester zur Hochburg der Baumwollindustrie gemacht haben. Was uns so schöne Wörter wie Manchesterhosen und Manchesterkapitalismus bescherte. Frerichs kauft die Baumwolle in Amerika (die Firma wird zum größten Baumwollimporteur Englands werden) und verarbeitet sie in Manchester weiter. 1840 begleitet Knoop als Assistent (er ist mal gerade neunzehn) Frerichs Firmenagenten Franz Holzhauer nach Moskau, und für die nächsten dreißig Jahre wird das zaristische Russland sein Tätigkeitsbereich sein. Alle seine Kinder werden in Moskau geboren. Als Knoop England 1840 verlässt, tritt sein Bruder Julius gerade in die Firma des Onkels ein, die er eines Tages übernehmen wird. Er wird dann auch einen Firmensitz in Liverpool und einen in New York haben. Damals haben die Brüder Ludwig und Julius Knoop das größte Baumwollimperium Europas. Julius wird vom preußischen König zum Baron von Knoop geadelt werden, sodass wir einen Baron Knoop (Ludwig) und einen Baron von Knoop (Julius) haben. Da wird ihre Mutter eines Tages in schönstem Bremisch stolz ausrufen: Meine Dschungens! Wat heff ick doch for Dschungens!

1842 hat England sein Exportverbot für englische Maschinen nach Russland aufgehoben, das seit 1774 bestand, man wollte sich in der beginnenden industrial revolution keine ausländische Konkurrenz schaffen. Aber jetzt ist Ludwig Knoop da, mit englischen Maschinen der Firma Platt Brothers wird er zu einem virtual monopolist-mediator between Russian textile factory owners and their English suppliers of equipment and raw material. Knoop baut die russische Baumwollindustrie auf, gründet eine Firma nach der anderen. Eine der größten ist seit 1857 auf der estnischen Insel Kreenholm bei Narva, wo mehr als 4.500 Beschäftigte arbeiten. Er zahlt, wie alle Kapitalisten des 19. Jahrhunderts, zwar niedrige Löhne, aber er führt in Russland unbekannte Dinge wie Krankenversicherung und die Versorgung der Arbeiter mit Werkswohnungen, Kindergärten und Schulen ein. Die Firma Kreenholm (heute in schwedischem Besitz) gibt es immer noch.

In den 1860er Jahren kommt Ludwig Knoop nach Bremen zurück, seine Söhne leiten die Geschäfte in Russland. Er hatte sich 1859 in St. Magnus ein Stück Land mit einem Sommerhaus gekauft, auf dem Land lässt er jetzt durch den Architekten Gustav Runge das Schloss Mühlenthal (und das Knoopsche Mausoleum auf dem Waller Friedhof) errichten. Runge hatte sein Handwerk bei Jacob Ephraim Polzin gelernt, der unter anderem die klassizistische Vegesacker Kirche gebaut hat. 1871 hat er das Schloss bezogen, um das herum ➱Wilhelm Benque (der auch den Bremer Bürgerpark entwarf) einen englischen Park gebaut hatte. Da war Knoop pro forma auch gerade Besitzer des Norddeutschen Lloyds geworden, dessen Schiffe für eine kurze Zeit eine russische Flagge führten. Man wusste ja nicht, wie der Krieg mit Frankreich ausgehen würde.

Das monströse Anwesen wird bald ein Anziehungspunkt für die haute-volée, der Kaiser ist zu Besuch da. Und der Generalfeldmarschall von Moltke und wer noch alles. Und wo die Schickeria ist, ist der Schnorrer Rainer Maria Rilke nicht weit. Der taucht eines Tages mit Clara Westhoff am Bahnhof von St. Magnus (mit dem Geld von Knoop gebaut) auf, der Kutscher vom Baron überlegte sich ernsthaft, ob er diesen Penner mit der Kutsche zum Schloss fahren soll.

Für seine älteste Tochter Louise, die einen Hannoveraner namens Georg Alexander Albrecht geheiratet hatte, hatte Knoop die Albrechtsburg bauen lassen, die 1950 abgerissen wurde und einem Schwesternwohnheim Platz machen musste. Die Nachkommen aus dieser Ehe sind übrigens der ehemalige niedersächsische Ministerpräsident Ernst Albrecht und Ursula von der Leyen.

Für seine Tochter Adele und seinen Schwiegersohn, die bei ihm im Schloss Mühlenthal wohnten, hat er später Haus Schotteck bauen lassen. Der junge Architekt Rudolf Alexander Schröder fand das ein stilloses Haus in einer geschmacklosen Zeit. Wo er Recht hat, hat er Recht, auch Gut Mühlenthal war scheußlich, die Millionäre haben im viktorianischen Zeitalter alle keinen Geschmack. Im 18. Jahrhundert hätten sie wenigsten noch im Stil von Andrea Palladio gebaut. Die Engländer haben uns gezeigt, dass man da nicht viel falsch machen kann. R.A. Schröder ist aber trotz seiner Kritik als Innen- und Gartenarchitekt bei den Bauarbeiten des Hauses beteiligt gewesen.

Knoops Tochter Adele, die den Bremer Bankier Johann Georg Wolde geheiratet hat, ist zu einer bedeutenden Kunstsammlerin geworden (hier links von Max Liebermann gemalt). In den zwanziger Jahren hat sie mit Ludwig Knoop: Erinnerungsbilder aus seinem Leben ein Buch über ihren Vater verfasst, das 1998 im Bremer Hausschild Verlag wieder aufgelegt wurde. Von Knoops Schloss ist außer dem Park nicht mehr übrig geblieben, in den dreißiger Jahren hat man es abgerissen. Zu groß, zu teuer fürs Wohnen. Vieles aus der Welt des 19. Jahrhunderts ist abgebrochen worden und kann nur noch in Rudolf Steins Klassizismus und Romantik in der Baukunst Bremens bestaunt werden.

Die Torhäuser stehen noch. Ich habe dem kleinen Band Landhäuser und Villen in Bremen: Lesum und Knoops Park des Aschenbeck Verlages entnommen, dass in einem der beiden Torhäuser neuerdings der Bremer Domuhrmacher wohnt, er hat da auch seine Werkstatt drin. Ich kenne den, weil er jahrzehntelang die Standuhr im Flur unseres Hauses gewartet hat. Und weil er der Lehrherr von meinem Lieblingsuhrmacher gewesen ist. Die silberne Eterna, die sich mein Opa vor hundert Jahren zur Hochzeit gekauft hatte, hat er mal recht lieblos mit neuen Bronzelagern versehen. Als ich das eines Tages meinem Uhrmacher gezeigt habe, dessen Gesellenzeit beim Domuhrmacher nicht ohne Spannungen war, hat der mir die Uhr aus der Hand genommen. Und eine Woche später hatte sie Rubinlager. Mit Goldchatons. Soviel zur Konkurrenz unter Uhrmachern.

Aber wenn der Unternehmer Ludwig Knoop beinahe in Vergessenheit geraten ist, Knoops Park ist immer noch da. Er ist ein Teil meines Lebens. Schlittenfahren im Winter als ich klein war, schöne Frauen knutschen im Dunkeln als ich älter war. Man kann natürlich auch in dem Park ambulieren und sich so fühlen, als hätte man zu den happy few gehört, die die Welt der Goldenen Wolke ausmachten. Man kann sich auch an einem schönen Sommertag auf eine Parkbank setzen, auf die Lesum blicken und ➱Marga Bercks Sommer in Lesmona lesen.

Samstag, 14. Mai 2011

Jungfernstieg


Heute vor 99 Jahren ist der dänische König Frederik VIII in Hamburg gestorben. Er kam von einer Reise aus Nizza zurück und hatte in Hamburg Halt gemacht, bevor er mit dem Zug nach Travemünde weiterfuhr. Dort sollte die königliche Yacht die Familie abholen. Er war auf dem Jungfernstieg spazieren gegangen und hatte einen Herzanfall erlitten. Ein Polizist hat ihn in das Hafenkrankenhaus bringen lassen, wo man nur noch den Tod des anonymen Herrn feststellen konnte. Sein Diener hat ihn dann nach langem Suchen in der städtischen Leichenhalle gefunden. So steht es im Wikipedia Artikel. Die Skandalpresse hat natürlich sofort ganz andere Geschichten über den Tod verbreitet. Dass er nicht auf einer Bank auf dem Jungfernstieg, sondern auf der Reeperbahn in den Armen einer Liebesdienerin gestorben sei. Die dänische Presse hat natürlich sofort beklagt, dass die Würde des Monarchen durch diese Gerüchte verunglimpft würde.

Der Tod gibt immer noch Rätsel auf, der Wikipedia Artikel trägt kaum zur Wahrheitsfindung bei. Eher die Polizeiakten der Stadt Hamburg und das Hamburger Staatsarchiv. Aber auch die sind in allen Belangen höchst widersprüchlich. Man bekommt, und das sicher zu Recht, den Eindruck, dass hier etwas vertuscht werden sollte. Unstrittig ist, dass der König inkognito mit seiner Familie unter dem Namen Graf Kronsberg im Hotel Hamburger Hof am Jungfernstieg gewohnt hat. Das hatte er gegen 22 Uhr für einen Abendspaziergang verlassen, und in der Nähe des Hotels soll er eine halbe Stunde später zusammengebrochen sein. Die Sache mit der Reeperbahn scheidet schon mal aus. Aber es gibt damals am Gänsemarkt in der Schwiegerstrasse, die später Kalkhof heißen wird, ein Bordell. Diese Straße läuft parallel zur Büschstraße, wo ja, was jeder Modefreak weiß, der Laden von ➱Rudolf Beaufays ist. Das Bordell, das bis zur Bombardierung Hamburgs besteht, ist das feudalste Bordell von Hamburg gewesen. Dort könnte der Graf Kronsberg gewesen sein.

Vielleicht war er auch im Café Opera. Das behauptete später der Wirt, der auch eine Messingplakette an dem Stuhl anbringen ließ, auf dem der König gesessen haben soll. Denn neben dem Café Opera, auf den Stufen der Schlachterei Burk, will ihn der aus der Oper kommende Frauenarzt Dr. Seligmann gefunden haben. Nach anderen Berichten ist er auf dem Gänsemarkt hinter Fritz Schapers Lessingdenkmal gefunden worden, wohin ihn die Damen aus der Schwiegerstraße geschleppt hätten. Dass eine der Damen watten Schiet gesagt haben soll, klingt sehr authentisch, kann aber eine nachträgliche Ausschmückung sein. Er soll nach mehreren Berichten noch gesagt haben, dass er im Hotel Hamburger Hof wohne. Aber dem ist die Polizei in den nächsten Stunden nicht nachgegangen. Wenn das Hotel überhaupt benachrichtigt wurde, dann erst um vier Uhr morgens, als der unbekannte Tote im Leichenschauhaus von einem Hotelangestellten identifiziert wurde. Auch das ist strittig, nach einer anderen Version hat ihn sein Leibdiener gefunden.

Der Hamburger Neurologe und Psychiater Johann M. Burchard weiß zu berichten, dass dies nicht der erste Besuch des Königs bei der ungenannt bleibenden Dame war, in deren Armen ihn der Herztod ereilt haben soll. Diese Geschichte, die ohne weitere Belege bleibt, muss er von seinem Opa haben, denn der war 1912 Bürgermeister von Hamburg, und ihm fiel die Aufgabe zu, die Königin und den Hofstaat offiziell vom Tod des Monarchen zu unterrichten. Später wurden vom dänischen Hof eine Vielzahl von Orden nach Hamburg vergeben, die offensichtlich der Dank für Takt und Diskretion waren (Staatsarchiv 132-1 I Senatskommission für die Reichs- und auswärtigen Angelegenheiten I Nr. 746: Verleihung dänischer Orden aus Anlass des Ablebens des Königs). Vielleicht auch für Verschleierung. Der Chefredakteur des Hamburger Echo (die Zeitung der SPD), der zum Tode des Monarchen schrieb, er sei in den Sielen gestorben, wird wohl kaum einen Orden bekommen haben. Das ist das gleiche Hamburger Echo. das zwei Jahre zuvor geschrieben hatte: Die neueste Form der Schundliteratur ist in Amerika entstanden. Das sind die Nick Carter, Sherlock Holmes Hefte und die Legion ihrer Nachfolger. Dasselbe Amerika, dem Goethe 1827 gratulierte zu seiner Reinheit von der Pest der Ritter-, Räuber- und Gespenstergeschichten, hat der Welt die schlimmste Art der Pest beschert. Das Bestattungsinstitut St. Anschar von 1866 wirbt heute noch mit seinen damaligen Diensten. Bismarck und Hans Albers gehörten auch zu seinen Kunden.

Bei hood.de wurde vorgestern Der Smaragd Gustav Hillard Skandal Freundenhaus [sic] Novelle für zwei Euro angeboten. Die Sache mit dem Skandal und dem Freudenhaus sollte den Preis wohl hochtreiben, tat es aber nicht. Die Novelle Der Smaragd, eine der Meistererzählungen von Gustav Steinbömer, der sich als Schriftsteller Gustav Hillard nannte, ist 1948 erschienen. Sie ist auch in dem Hoffmann und Campe Band Anruf des Lebens enthalten. Ich habe das etwas altertümliche Wort Meistererzählung bewusst gewählt, denn Gustav Hillard ist als Schriftsteller ein Meister der kleinen Form gewesen. Er war nicht immer Schriftsteller. Er wurde als Gustav Steinbömer 1881 in Rotterdam geboren und verlebte seine Jugend in Lübeck. Er hat eine exklusive Schule besucht.

Das auf dem Photo oben ist das Plöner Prinzenhaus, da ist Hillard zusammen mit dem Kronprinzen erzogen worden. Was die Gerüchte nährte, dass er gar nicht der Sprössling der Lübecker Kaufmannsfamilie sei, sondern sein Vater eher in der Umgebung des Kaisers zu suchen sei. Er hat auch später am Kaiserhof gelebt und war im Ersten Weltkrieg Generalstabsoffizier. Das ist sicher der Teil der Karriere, die ➱Ernst Jünger bewunderte, als er Gustav Hillard zum 90. Geburtstag mit den Worten gratulierte: In Gustav Hillard steht noch eine der letzen Säulen der alten Armee und zugleich eine der musischen Naturen - eine Doppelbegabung, die es bei den Preußen immer wieder einmal gegeben hat. Das Prinzenhaus und die Umgebung kenne ich ganz gut, da mein Freund Georg da mal Lehrer war. Und wir auf dem Sportplatz hinter dem Prinzenhaus ➱Cricket und Fußball gespielt haben. Und Badminton in der Remise, und Tennis auf dem Platz am Bahndamm. Damals wußte ich noch nichts von Hillard, weil ich seine Lebenserinnerungen Herren und Narren der Welt noch nicht gelesen hatte.

Und die sollte man unbedingt lesen, weil hier ein großer Erzähler und ein Meister der deutschen Sprache schreibt. Das hat man heute nicht mehr so häufig. Hillards Lebensweg nahm nach dem Weltkrieg eine völlig andere Bahn. Andere Offiziere landen bei irgendwelchen Freikorps (ich nehme jetzt einmal Arnold Friedrich Vieth von Golßenau aus), er studierte Kunstgeschichte, Germanistik und Philosophie und wurde Dramaturg bei Max Reinhardt. Dann freier Schriftsteller und Kulturkritiker, ein Freund von Walther Rathenau und dem Kronprinzen, mit dem er aufgewachsen war. Er hat beinahe jeden bedeutenden Intellektuellen der zwanziger und dreißiger Jahre gekannt, aber seine Erinnerungen haben nichts von einer sensationslüsternen Schwatzhaftigkeit an sich.

Eher von einer subtilen Ironie, wenn er über Rathenaus Preußenschloss Freienwalde schreibt: Jedesmal, wenn ich in Freienwalde zu Gast war, in einem der sehr einfachen Gastzimmer im Obergeschoß logierte, wo auch seine eigenen, fast puritanischen Schlaf- und Arbeitszimmer lagen, bewegte es mich, wie er seinen Wunschtraum mit dieser preußischen Vergangenheit möbliert hatte, ohne ihn doch selbst zu bewohnen. Wenn ich in den musterhaft assortierten Räumen des Erdgeschosses mit den handgemalten Tapeten und Landschaften, mit den bunten Gardinen vor den tief reichenden Fenstern zwischen Kommoden und Spiegeln, Vasen und Bildern herumging, hatte ich plötzlich das Gefühl, ohne Filzpantoffeln für Schlossbesichtigungen nicht hinreichend ausgerüstet zu sein. [...] Und in dem lichten Speisesaal mit seiner über Wand und Decke, Sesseln und Sofa fortblühenden Blattdekoration saßen wir mehr zum Beschauen und Bewundern als zum Essen.

Und Gustav Hillards Erzählung Der Smaragd hat natürlich auch nichts Sensationsheischendes an sich, von wegen Skandal Freudenhaus Novelle. Die Erzählung von den letzten Tagen des Dänenkönigs ist eher mit Thomas Manns Tod in Venedig verwandt. Es ist ein eigentümlicher Ton, den der Erzähler anschlägt, mit einer Vielzahl von Vorausdeutungen wie bei Thomas Mann. Aber auch mit akribischen Detail in der Beschreibung der Gedanken. Und der kleinen, scheinbar oberflächlichen Dinge, wenn der König so willfährig in die verzaubernde Umarmung dieses Abends gesunken ist:

Er trat ins Zimmer zurück und begann mit Bedacht sich umzukleiden. Er legte Ringe und Armbanduhr ab, wählte Wäsche ohne Initialen und einen vor seiner Umgebung nie getragenen Anzug. dem er durch einige aufheiternde Einzelheiten eine Stilisierung ins Bonvivanthafte gab. Er verteilte etliches Geld in seine Taschen und steckte nach kurzem Zögern auch das kleine, goldene Zigarettenetui ein, auf dessen innerer Deckelseite die Verse eingegraben waren, welche den strengen Gott des Schweigens für einen Bruder des Todes erklären.

Die Verse, die da stehen, sind Le sévère dieu du silence Est un des frères de la Mort, daran wird sich der Leser erinnern, der Erzähler hat es schon zweimal erwähnt. Der Leibarzt des Königs, Dr. Onno Bedinga, hält die Verse für einen Orakelspruch. Dass sie von Alfred de Musset sind, sagt uns der Autor nicht, er schreibt für den gebildeten Leser. Also für Sie zum Beispiel. Und da ich gerade bei Literaturempfehlungen bin: wenn Sie wissen wollen, wie das Hamburg um 1900 ausgesehen hat, dann gibt es nichts Besseres als ➱Ascan Klée Gobert (der Vater von Boy Gobert). Ich kann Bücher wie Zacke und Loch und Kindheit im Zwielicht nur wärmstens empfehlen.

Freitag, 13. Mai 2011

Royal Flying Corps


Heute vor 99 Jahren wurde das Royal Flying Corps gegründet, der Vorläufer der Royal Air Force. Natürlich hatte das RFC wie alle militärischen Organisationen in England auch seinen eigenen Schlips. Das mit dem Schlips weiß ich, weil der Vater meines Freundes Tony im Ersten Weltkrieg beim RFC gewesen war und auf seinen Schlips sehr stolz war. Er hatte einmal in den sechziger Jahren in London jemanden mit einer Krawatte des Royal Flying Corps getroffen und war gleich auf ihn zugestürzt, um einen Kampfgefährten aus den alten Tagen zu begrüssen. Der Italiener, der seinen Schlips in Mailand gekauft hatte, wußte überhaupt nicht, was dieser Engländer von ihm wollte und suchte entsetzt das Weite. Transkulturelle Missverständnisse. Es ist für Kontinentaleuropäer eine gefährliche Sache, in England Krawatten zu tragen, es sei denn, Sie tragen Blümchenschlipse oder einen einfarbigen Macclesfield tie. Ich weiß nicht, ob Raymond Chandler einen RFC Schlips gehabt hat. Er war aber berechtigt ihn zu tragen, weil er zum Kriegsende in diesem Korps war. Andere prominente Mitglieder des RFC waren der Cricketspieler Jack Hobbs und der englische Faschist Sir Oswald Mosley. Und natürlich der Autor der Biggles Romane.

Ich habe noch einen sehr schönen Schlips aus den siebziger Jahren, der dies ganze Club-, Schul- und Regimentskrawatten-Unwesen ironisch auf die Schippe nahm. Er ist dunkelblau, und es sind lauter kleine rosa Schweinchen drauf unter denen jeweils MCP steht. Was nicht der Name eines vornehmen Clubs ist, sondern schlicht für male chauvinist pig steht. Im Futter innen ist auch noch eine leichtbekleidete junge Dame zu sehen. War damals bei Englandtouristen der Renner.

Aber nicht jede Krawatte wird auch an jeden Touristen verkauft. Als die australische Schauspielerin Coral Browne für den englischen Spion Guy Burgess, den sie in Moskau getroffen hat, einen Old Etonian Schlips kaufen will, hat sie in London Schwierigkeiten. Auf jeden Fall in dem wunderbaren Film An Englishman Abroad, den John Schlesinger nach dem Theaterstück von Alan Bennett gedreht hat. Leider ist der Film seit Jahren nicht mehr als DVD lieferbar, aber mein Geheimtipp für alle anglophilen Leser ist: kaufen Sie die Cassette Alan Bennett at the BBC! Bei den vier DVDs ist sowohl An Englishman Abroad als auch der unübertreffliche Film A Question of Attribution dabei.

Heute hätte Coral Browne keine Schwierigkeiten, einen Old Etonian tie zu kaufen, neunzig Prozent dieser Schlipse werden an Leute verkauft, die niemals in Eton waren. Bei T.M. Lewin allerdings, die in London das wahrscheinlich größte Angebot von Schul- und Regimentskrawatten haben, hat man viele Schlipse von renommierten Institutionen weiter hinten im Laden versteckt: We keep them all locked away in the back now. Before, I had too many arguments with tourists—I must say, quite a lot of Americans—who came in and wanted to buy a Marylebone Cricket Club tie or a Garrick Club tie. I’d ask them for identification, and when they said they weren’t members, I’d apologize and tell them I couldn’t sell them the tie. Then they would say, ‘You have to sell it to me, you have it on display, and I’d have to explain that’s not the law in this country. This would go on for hours.

Als der junge Labour Abgeordnete George Thomas aus Wales zum ersten Mal das englische Parlament betrat, gab es einen Aufruhr bei der konservativen Fraktion. Der Fraktionsvorsitzende der Konservativen bat ihn aus dem Parlamentssaal und fragte ihn: Are you aware that you are wearing an Old Etonian tie? George Thomas, der nie in Eton war und sich für seinen ersten Auftritt als Abgeordneter einen neuen Anzug und einen neuen Schlips gekauft hatte, antwortete in aller Unschuld: No. I bought it in the Co-op in Tonypandy. Dieser faux pas hat aber seine Karriere nicht behindert, er hat später als Speaker of the House of Commons für Zucht und Ordnung im Parlament gesorgt. Als er geadelt wurde, war er dann Viscount Tonypandy (Viscount Co-op of Tonypandy ging ja schlecht).

Unter Etonabsolventen, die offensichtlich häufiger ihren OE tie tragen als die Absolventen anderer exklusiver Public Schools, gibt es auch noch arkane Regeln, angeblich trägt man den OE tie niemals in der Stadt, sondern nur auf dem Land. David Cameron, der 19. Premierminister, den Eton hervorgebracht hat, hält sich auf jeden Fall an diese Regel. Von allen Geschichten über den Schlips der Privatschule (und ich lasse mal die Aufregung über Gordon Browne aus, der vor zwei Jahren so einen ähnlichen Schlips trug) gefällt mir diese am besten: Um seiner Freundin damit zu imponieren, dass er einen Old Etonian tie erkennt, motzt ein junger Möchtegern Old Etonian einen heruntergekommenen Straßenhändler an, der einen Eton Schlips trägt: What the devil do you mean by wearing an Old Etonian tie? Und dann kommt die wunderbare Antwort: Because I cannot afford to buy a new one. Das soll uns immer daran erinnern, dass Eton nicht nur Premierminister hervorgebracht hat. Interessanter als die Liste ehemaliger Eton Zöglinge ist natürlich die Liste literarischer Figuren, die in Eton waren. Dass Bertie Wooster und Lord Peter Wimsey dort waren, ist uns allen klar. Aber auch James Bond war dort, flog da aber raus. Im Gegensatz zu seinem Schöpfer Ian Fleming. Vom dem habe ich noch nie ein Photo gesehen, auf dem er einen Eton Schlips trägt. Ich glaube langsam, dass der Old Etonian Langbinder nur etwas für nerds ist, für Touristen und Leute, die es nötig haben ist.

Wenn man schon einen Eton Schlips (und auch Krawatten noch vornehmerer Organisationen) kaufen kann, einen Schlips kann man in England nicht kaufen. Und das ist der Battle of Britain tie. Den durften wirklich nur Leute tragen, die bei der Battle of Britain dabei gewesen waren. Sehr exklusiv ist auch der I Zingari Schlips mit seinen schwarz-rot-goldenen Streifen (out of darkness, through fire, into light). Aber ebenso wie beim Schlips des Marylebone Cricket Club sollte man den nicht tragen, wenn man kein Mitglied ist. Auch wenn es die Farben der deutschen Nationalflagge sind.

Häufig haben die Farben der Krawatten, die die Amerikaner rep ties nennen (was von dem Wort reppe kommt und eine spezielle Art des Webens der Seide bezeichnet), eine besondere Bedeutung. Oder die Verkäufer denken sich das aus und erzählen das den arglosen Kunden. Die Krawatte der Guards soll das blaue Blut des Königshauses und das rote Blut symbolisieren. Das Braun, Rot und Grün des Royal Tank Corps steht angeblich für die Erde Flanderns und das Blut, dass dort im Ersten Weltkrieg vergossen wurde. Ähnliche Farben hat aber auch der Old Wykehamist Tie, also der von der Public School Winchester. Und das ist das kleine Problem beim englischen Gesellschaftsspiel des Schlipserkennens, häufig werden die gleichen Farben und Muster von mehreren Vereinen, Schulen oder Truppenteilen verwendet. Der größte Hersteller von Krawatten in  England, die Firma P.L. Sells, hält über 10.000 Muster bereit. Wenn Sie die alle kennen, ist Ihnen ein Platz im Guinness Book of Records sicher.

Für konservative Amerikaner gibt es nicht anderes als den rep tie. Die Kombination von dunklem Anzug, weißen Hemd und zurückhaltendem rep tie kleidet FBI-Agenten, Politiker und Mormonenwerber. Bei den amerikanischen rep ties laufen die Diagonalstreifen übrigens seitenverkehrt zu den englischen. Dafür hat man eine Vielzahl von zum Teil originellen Erklärungen gesucht, die wahrscheinlich alle nicht stimmen. Der rep tie ist das ideale Kleidungsstück für geschmacksunsichere Menschen, viele glauben, dass ein Clubschlips geradezu adelt. In den notorisch anglophilen Hansestädten Bremen und Hamburg wurden in den fünfziger und sechziger (also bevor die flower power aus der Carnaby Street kam) Jahren die Regimentskrawatten von Atkinson oder Michelson verkauft wie geschnitten Brot. Irgendwie scheint das heute noch ein Thema zu sein wie dieser Text beweist: In kaum einem anderen Detail kommt diese Mentalität so gut zum Ausdruck wie in der gestreiften Regimentskrawatte. Nicht nur deshalb wissen Kenner diese Manifestation britischer Eleganz seit Jahrzehnten zu schätzen. Die Kombination aus einer dezenten Regimental in bordeaux oder Senfgelb mit einem weißen Hemd und einem ebensolchen Einstecktuch - am besten in klassischer Rechtecksfaltung - macht jeden zum Gentleman. Habe ich aus dem Internet kopiert, reine Werbelyrik, reiner Schwachsinn. Klingt aber auf den ersten Blick ganz toll.

Schon im 19. Jahrhundert gibt es Bilder von Cricket Dandies, die ihre Krawatte als Gürtel in der weißen Flanellhose tragen. Sieht spektakulär aus, ist aber nicht gut für den Schlips. Aber es kann durchaus sein, dass hier der Ursprung für die farbenprächtigen Clubschlipse liegt. Es gibt eine Theorie, dass zuerst die Vereinsfarben von Cricket- und Ruderclubs als farbige Bänder um den Strohhut (boater genannt) getragen wurden, um dann irgendwann zum Halsschmuck zu werden. Die Rudermannschaft vom Exeter College in Oxford soll das um 1880 zum ersten Mal gemacht haben. Viel früher wird man auch keine buntfarbenen Clubschlipse finden, eher bunte Blazer.

Viele Clubs werden zum Ende des 19. Jahrhunderts Blazer in den Clubfarben haben, wobei die während des Spieles zwar vom Bowler, aber nicht vom Batsman getragen werden. Hier links sehen sie F.R. Spofforth (auch der demon bowler genannt) in typischer Bekleidung. Wahrscheinlich ist der I Zingari Cricket Club der erste gewesen, der Clubfarben schon in der Mitte des 19. Jahrhunderts verwendet hat.

Andere werden schnell folgen, 1858 hat der Free Foresters Cricket Club schon Clubfarben (rot, grün und weiß), zwei Jahre später folgt der MCC. Seit der berühmte Thomas Arnold, der in dem Roman Tom Brown's Schooldays verewigt wurde, die Public School Reform ins Rollen gebracht hat, entstehen immer mehr Privatschulen in England. Die sich alle dem Ideal einer Muscular Christianity verschrieben haben. Und alle Schulen und Sportvereine brauchen jetzt eigene Uniformen in eigenen Farben, Blazer und Clubschlipse. Mehr darüber findet man in dem Buch Blazers, Badges and Boaters: A Pictorial History of School Uniform von Alexander Davidson. Obgleich das mit den Clubschlipsen noch ziemlich lange dauert. Der necktie ist erst seit 1838 im Englischen belegt, und man wird ihn erst zum Ende des Jahrhunderts sehen. Weil nämlich die Westen und frock coats derart hochgeschlossen sind, dass man von dem neuen necktie partout nichts sehen kann.

Am besten von all diesen Clubschlipsen gefällt mir der in Pink vom Leander Ruderclub, dem ältesten Ruderverein Englands. Für die City gibt es noch eine zweite Krawatte, die ist dunkelblau mit ganz allerliebsten pinkfarbenen Nilpferden drauf. Hugh Laurie (den wir als Dr House kennen) darf sowas tragen, der war mal in diesem Club. Alle anderen sollten lieber die Finger davon lassen. Wenn Sie ihn auf der Seite vom Leander Club kaufen wollen, müssen Sie schon Ihre Mitgliedsnummer eintippen. Die Boxershorts mit den pinken Hippos kriegt man auch ohne Mitgliedsausweis.

Man kann das, vor allem als Nichtengländer, mit dieser ganzen gefakten Englishness auch übertreiben. Mein Freund Tony, der auf der gleichen Public School war wie Raymond Chandler und danach in Cambridge Examen gemacht hat, war mal in Hamburg zu einer Gartenparty von ehemaligen Cambridge Studenten eingeladen. Die Herren standen alle in blauen Blazern (die auch noch große Wappen auf der Brust hatten) und Krawatten von irgendwelchen Colleges auf dem grünen Rasen, ein Glas Pimm's in der Hand. Die hatten nicht wirklich in Cambridge studiert, die waren da nur mal bei einem Ferienkurs gewesen. Diese blauen Blazer sind ja etwas, was die Deutschen so furchtbar englisch finden. Wenn man so ein Teil schon trägt, dann bitte ohne Clubembleme und Clubschlipse. Prince Michael of Kent macht das schon richtig. Tony hat stante pede kehrtgemacht, das hielt er nicht aus. Tony trug an dem Tag das, was ein Engländer so tragen würde. Rote Chelsea Boots, eine gelbe Hose (drainpipes) und ein grünes Cordjackett. Dazu ein lila Hemd und keinen Schlips. Cool.

Neuerdings tragen ja viele Männer keinen Schlips mehr, weil sie jugendlich wirken wollen. Bei Prince Michael lassen wir das gerade noch mal durchgehen, ansonsten ist es ein bisschen eine Unsitte. Allerdings gibt es Situationen, in denen der korrekt gebundene Schlips nicht unbedingt nötig ist. Als Dr Thomas Neill Cream in den frühen Morgenstunden des 16. Novembers 1892 dabei war, sorgfältig seine Krawatte zu binden, sagte James Billington zu ihm: I don't think that will be necessary this morning, Sir. James Billington war der Henker des Newgate Gefängnisses.