Mittwoch, 5. August 2026

obskure Verlage

Dieses Buch ist im Copycat Verlag erschienen, ein Verlag, den Sie wahrscheinlich nicht kennen. Das Cover sieht ein wenig nach einem alten Agatha Christie Roman aus. Man fragt sich, wer der Mann ist, der da in der Dunkelheit eine Frau verfolgt. Aber dies ist kein Krimi, dies soll Prousts Roman Auf dem Weg zu Swann sein. Das Buch hat noch einen Untertitel, den wir bei Proust nicht finden: Erinnerung, Begehren und Zeitwahrnehmung zwischen Combray, Madeleine-Motiv und Pariser Salons. Ein Übersetzer wird nicht angegeben. Die Übersetzer gibt der Prager Copycat Verlag, dessen Bucheinbände immer ähnlich aussehen, sowieso nicht an. Der Verlag druckt alte Bücher nach, bei denen es keine Inhaber der Rechte mehr gibt. Das Buch Auf dem Weg zu Swann ist 2025 erschienen, hundert Jahre nach der ersten Übersetzung durch Rudolf Schottlaender. Die erschien in zwei Bänden bei dem Berliner Verlag Die Schmiede. Die Übersetzung ist hier häufig erwähnt worden, ausführlich in Eine Liebe von Swann und zuletzt in dem Post die Übersetzerin Eva Rechel-Mertens. Schottlaender hat heute Geburtstag, deshalb gibt es diesen kleinen Post. Die Erstausgabe von Der Weg zu Swann ist heute immer noch antiquarisch zu finden. Der Text wurde 2004 vom Parkland Verlag und 2010 vom Nikol Verlag nachgedruckt, beide Verlage sind ähnliche Resteverwerter wie der Prager Copycat Verlag.

Die Deutsche Nationalbibliothek kennt das Buch des Copycat Verlages nicht, die mehr oder weniger legalen Nachdrucke von Parkland und Nikol sind aber katalogmäßig verzeichnet. Beide Bücher haben 604 Seiten, das entspricht der Erstausgabe (263 und 346 Seiten). Das Buch des Copycat Verlages hat nur 244 Seiten. Könnte es sein, dass die Händler aus Prag nur den ersten Teiil von Schottländers Übersetzung liefern? Kost' ja nix, ist alles aus dem Jahr 2025, die Rechte sind abgelaufen. Dies Buch hier heißt Gesammelte Werke und hat 736 Seiten. Sieht aus wie aus dem Copycat Verlag, ist aber aus einem Sharp Ink Verlag. Der ist allerdings identisch mit Copycat. Gibt es aber alles bei Thalia und Hugendubel. Sind das wirklich die Gesammelten Werke, die ganze Recherche? Die Frankfurter Ausgabe hat da über 5.000 Seiten.

Es gibt Prousts Werk im Originaltext bei  Wikisource. Oder man kann hier auf der schönen Seite von Une Page de Proust den ganzen Roman auf einer Seite lesen. Bei Gutenberg kann man Swann's Way in der Übersetzung von C. K. Scott Moncrieff lesen. In deutscher Sprache gibt es da leider nur Die Herzogin von Guermantes (zwei Bände) und Im Schatten der jungen Mädchen von Walter Benjamin und Franz Hessel übersetzt. Kein ganzer Proust, und erst recht nicht alles auf einer Seite. Und was hier einmal als Gesamtausgabe unter dem Titel Auf den Spuren der verlorenen Zeit angekündigt wurde, das hat es leider nie gegeben.

Lange Zeit bin ich früh schlafen gegangen. Manchmal, die Kerze war kaum gelöscht, fielen mir die Augen so rasch zu, daß keine Zeit blieb, mir zu sagen: Ich schlafe ein. Und eine halbe Stunde später weckte mich der Gedanke, daß es Zeit sei, den Schlaf zu suchen; ich wollte das Buch fortlegen, das ich noch in Händen zu halten wähnte, und das Licht ausblasen; im Schlaf hatte ich weiter über das eben Gelesene nachgedacht, dieses Nachdenken aber hatte eine eigentümliche Wendung genommen: mir war, als sei ich selbst es, wovon das Buch sprach – eine Kirche, ein Quartett, die Rivalität zwischen Franz i. und Karl v. Diese Vorstellung hielt noch einige Sekunden nach meinem Erwachen an; mein Verstand stieß sich nicht an ihr, doch lag sie mir wie Schuppen auf den Augen und hinderte diese zu erkennen, daß die Leuchte nicht mehr brannte. Dann wurde sie mir immer unbegreiflicher, wie nach der Seelenwanderung das in einer früheren Existenz Gedachte; das Thema des Buches löste sich von mir, ich war frei, mich damit zu befassen oder nicht; bald gewann ich mein Sehvermögen zurück und war höchst erstaunt, um mich her eine Dunkelheit vorzufinden, die für meine Augen, aber mehr noch vielleicht für meinen Geist angenehm und erholsam war, dem sie wie etwas Grundloses, Unbegreifliches, wie etwas wahrhaft Dunkles erschien. Ich fragte mich, wie spät es wohl sei, ich hörte das Pfeifen der Züge, das bald nah, bald fern wie der Gesang eines Vogels im Wald die Entfernungen deutlich machte und mir die Weite des öden Landes beschrieb, wo der Reisende der nächsten Station entgegeneilt; und der schmale Weg, dem er folgt, wird sich seinem Gedächtnis einprägen durch die Erregung, die er neuen Orten verdankt, ungewohnten Handlungen, dem eben stattgefundenen Gespräch und dem Abschied unter der fremden Lampe, der ihm in der Stille der Nacht noch nachgeht, dem bevorstehenden Glück der Heimkehr.

So klingt Proust in der Frankfurter Ausgabe heute, nachdem Luzius Keller und Sibylla Laemmel über die Übersetzung von Eva Rechel-Mertens gegangen sind. Bei Schottlaender beginnt der Text mit dem Satz Lange Zeit ging ich früh zu Bett. Das sagt witzigerweise auch Google Translate. Wir vergessen mal die Produkte des Copycat = Sharp Ink Verlags. diesen Müll sollte man nicht kaufen. Aber vielleicht wäre der Geburtstag von Rudolf Schottländer doch für Sie eine gute Gelegenheit, mit der Lektüre von Proust zu beginnen. Und deshalb bestellen Sie sich heute bei ebay oder Booklooker Schottlaenders Übersetzung, egal ob Parkland oder Nikol. Kostet zwischen 4,74 € und 10 €, oder 0,37 € bei Bookbot. Ist der preiswerteste Proust, den es gibt. Ist zwar hundert Jahre alt, aber immer noch gut.

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