Sonntag, 23. August 2026

achtzig


Heute wird das Bundesland Schleswig-Holstein achtzig Jahre alt. Weil die englische Militärregierung das in ihrer Verordnung Nr. 46Auflösung der Provinzen des ehemaligen Landes Preußen in der Britischen Zone und ihre Neubildung als selbständige Länder vom 23. August 1946 so beschlossen hatte. Eine Million Flüchtlinge werden in das Land kommen, in dem im Jahr zuvor noch Hitlers Nachfolger Admiral Dönitz mit seinem Flensburger Kabinett für drei Wochen Deutschland regiert hatte. Da wo am 7. Mai 1945 Lutz Graf Schwerin von Krosigk über den Reichssender Flensburg die Kapitulation Deutschlands verkündet hatte.

Seit 1844 gibt es für das Land Schleswig-Holstein eine Hymne, die Wanke nicht, mein Vaterland heißt:

Schleswig-Holstein, meerumschlungen,
Deutscher Sitte hohe Wacht.
Wahre treu, was schwer errrungen,
Bis ein schön’rer Morgen tagt!
Schleswig-Holstein, stammverwandt,
Wanke nicht mein Vaterland

Allerdings gab es 1844 noch gar kein Land Schleswig-Holstein, es gab lediglich die Schleswig-Holsteinische Frage. Lord Palmerston soll gesagt haben: Only three people...have ever really understood the Schleswig-Holstein business—the Prince Consort, who is dead—a German professor, who has gone mad—and I, who have forgotten all about it. Erst nach dem Deutsch-Dänischen Krieg 1864 wurden die beiden Herzogtümer nach der Schlacht von Düppel preußisch. Damals dichtete Emanuel Geibel:

Bei Düppel dort am Meere, vor Alsen am Sund,
Da rangen die Heere auf blutgetränktem Grund;
Da galt's, auf die Schanzen im Siegessturmgewog'
Den Adler zu pflanzen anstatt des Danebrog.


Die letzte Grenzziehung fand 1920 mit einer Volksabstimmung statt, mit der Nordschleswig dänisch wurde und Südschleswig weiterhin zu Deutschland gehörte. Dafür ist der Andy (hier auf dem Photo rechts neben mir), der für die Grünen in der Gemeindevertretung von in Harrislee sitzt, bestimmt dankbar. Aber auch nach 1920 gab es noch Teile des Landes, die nicht dazu gehörten. Wie zum Beispiel das oldenburgische Fürstentum Lübeck, das wurde erst 1937 mit dem Groß-Hamburg-Gesetz als Kreis Eutin der neunzehnte Landkreis der preußischen Provinz.

Desse vorben land laven wy na alle unseme vormoge holden an gudeme vrede, unde dat se bliven ewich tosamende ungedelt, ist ein Satz, der 1460 im Vertrag von Ripen stand. Was hatte der König mit dem Versprechen gemeint? Die ältere Forschung sagt uns, dass der König verspricht, dass die beiden Gebiete für immer ungeteilt zusammenbleiben sollen. Neuere Untersuchungen gehen allerdings dahin, dass der König nur zusagt, den inneren Frieden in Schleswig und Holstein zu wahren. Aber wie es mit dem Halten von Verträgen und mit dem Frieden so geht, der Vertrag des dänischen Königs mit der Ritterschaft war schon bald Makulatur. Zum fünfhundertsten Jahrestag des Vertrags von Ripen hat die Schleswig-Holsteinische Ritterschaft (so etwas gibt es noch) eine Festschrift herausgebracht.

Der Arzt August Wilhelm Neuber aus Apenrade (Åbenrå ) holte den Satz Op ewig ungedeelt 1841 aus der Müllhalde der Geschichte wieder heraus: 

Sie sollen es nicht haben
Das heil’ge Land der Schlei!
Sie sollen es nicht haben
Das Land so stolz und frei.
Der Herzog hat’s geschrieben,
Den sich das Volk erwählt:
'Se schölln tosammen blieben
Op ewig ungedeelt!'

Dieses Op ewig ungedeelt wird jetzt zu einem Kampfbegriff für jene, die aus dem Flickenteppich von königlichen und herzoglichen Gebieten, Grafschaften, freien Hansestädten und Bistümern ein zusammenhängendes Land machen wollen. Die in dem Ripener Vertrag die Geburtsstunde des Landes Schleswig-Holstein sehen. Die Holsteinische Ständeversammlung wird das Schlagwort 1844 (in dem Jahr, in dem das Schleswig-Holstein Lied entstand) verwenden. In der Schleswig-Holsteinischen Erhebung von 1848 wird es immer wieder gebraucht, man will es sogar bei Düppel auf Fahnen gesehen haben. Und bei der Volksabstimmung von 1920 tauchte der Satz auch wieder auf. Seit den Bonn-Kopenhagener Erklärungen scheinen die Probleme der Minderheiten nördlich und südlich der Krausau ein Ende gefunden zu haben.

Heute wird also gefeiert, vielleicht singt der Ministerpräsident das Schleswig-Holstein Lied (ich kann das hier von ✺Heino anbieten). Ist auf jeden Fall besser als die wunderschöne Layla, was er vor Jahren auf der Kieler Woche gesungen hat. Diese Werbebotschaft echt achtzig hat das Wappen des Landes etwas abgemagert, postmodern, neumodisch. Theodor Storm hatte für das Wappen des Landes noch ein patriotisches Gedicht übrig

Das Banner hoch! die weiße Nessel!
Und hoch das blaue Löwenpaar!
Sie sind des Hauses heilig Zeichen
Und unverletzlich immerdar.

Und wo wir festlich uns vereinen,
Die blauen Löwen halten Wacht;
Zu Kränzen winden wir die Nessel
In unsrer Buchen Blätterpracht.

Doch tret getrost auf unsre Schwelle,
Wer uns vertraut und wer getreu;
Nicht brennen wird die weiße Nessel
Und brüllen nicht der blaue Leu.

Das Banner hoch! das Sonnenleuchten
In seine freien Schwingen fällt;
Und daß es rauschend sich entfalte
Und sichtbarlich vor aller Welt.

Vereinigt noch durch manch Jahrhundert
Soll das Geschwisterwappen wehn —
Das Banner hoch! damit wir fühlen,
Daß wir auf eigner Erde stehn.

Wir brauchen keine zwei Löwen mehr, die ein Symbol für die beiden Landesteile waren. Jetzt reicht einer, hier oben wird jetzt alles neu, weil wir jetzt der einzige echte Norden sind. Meike Winnemuth (die schon in dem Post Damenmode vorkommt) fand das in ihrer Kolumne im Stern ziemlich absurd: Letztes Jahr hat mein Heimatbundesland Schleswig-Holstein seinen Slogan von 'Land der Horizonte' zu 'Der echte Norden' geändert. Ich habe kurz gezuckt: Es klang etwas füßchenstampfend, fand ich, blödsinnig rechthaberisch – und ist zudem problemlos von jedem Skandinavier zu widerlegen, der bei Harrislee über die Grenze fährt und dabei das blitzblanke neue Schild passiert. Der echte Norden? Im Unterschied zum falschen Norden, aus dem er gerade kommt?

Den Slogan hat sich eine Werbeagentur namens Boy ausgedacht, er hat das Land mehrere hunderttausend Mark gekostet. Diese Werbeagentur ist mit der Kieler SPD eng verbandelt. Sie macht alles für die SPD. Und die SPD macht auch alles für die Agentur Boy. Der damalige Ministerpräsident Albig hat extra seine Frau verlassen und lebt jetzt mit der Agenturgründerin Frau Bärbel Boy zusammen. Irgendwie hat die ganze Chose ein Gschmäckle. Das Kieler Stadtwappen von 1901 gefiel dem Oberbürgermeister Ulf Kämpfer (SPD) auch nicht mehr, es musste etwas Neues her. Ulf Kämpfer wollte auch, dass Kiel in die Mitte der Stadt einen neuen Kiel Kanal bekommt. Diese kleine Pissrinne soll die Touristen anziehen und Kiel zu einem Venedig des Nordens machen. Ulf Kämpfer ist übrigens der Nachfolger von Frau Gaschke, die über den armen singenden (und Steuern hinterziehenden) Augenarzt stolperte. Kämpfer ist nicht mehr im Amt, er möchte jetzt Ministerpräsident werden.

Schleswig-Holstein war mal im Glücksatlas auf dem ersten Platz, ist aber auf Platz fünf abgerutscht. Aber nach dem norddeutschen Städte Ranking leben die glücklichsten Menschen in Kiel. Was ich nicht so ganz glauben kann, wenn ich an die Vielzahl der Baustellen in der Stadt denke. Ich lebe jetzt seit sechzig Jahren in dem Land, aber ich fühle mich immer noch als Bremer, der hier zu Besuch ist. Bin aber nicht unglücklich. Bin noch im Kontakt mit vielen Bremern. Letztes Jahr Weihnachten hat mir Wolfgang Butt selbstgebackenen Bremer Klaben mitgebracht. 



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