Sonntag, 6. Mai 2012

Friedrich Mißfeldt


Friedrich Mißfeldt zählt zu den vielseitigsten norddeutschen Künstlern seiner Generation. 1874 in Kiel als Sohn eines Gastwirts am alten Markt geboren, begann er zunächst eine Ausbildung zum Dekorationsmaler in Hamburg. Er studierte in Karlsruhe, Stuttgart, Paris und Berlin, bis ihn 1906 sein Weg zurück in die Heimatstadt Kiel führte. Hier arbeitete er als freischaffender Künstler, lehrte seit 1907 an der Städtischen Handwerker- und Kunstgewerbeschule (jetzt Muthesius Kunsthochschule) und prägte über Jahrzehnte das schleswig-holsteinische Kulturschaffen. 1965 zog er zu seiner Tochter nach Schleswig, wo er 1969 verstarb.
     Friedrich Mißfeldt wurde vor allem als Landschafts- und Porträtmaler bekannt. Gleichzeitig entstanden großzügige Wandmalereien für Kirchen, Kasernen und andere öffentliche Einrichtungen, charmante und detailreiche Buchillustrationen, aber auch kunsthandwerkliche Arbeiten, beispielsweise Entwürfe für die Webschule in Scherrebek, sowie zahlreiche Gelegenheitszeichnungen und Karikaturen.

     Die Ausstellung bietet erstmals seit 1980 wieder einen Einblick in sein umfangreiches künstlerisches Schaffen. Schwerpunkt bilden Kieler Landschafts- und Stadtansichten. Neben 40 Gemälden und Grafiken aus dem Sammlungsbestand des Stadt- und Schifffahrtsmuseums sind zahlreiche Leihgaben norddeutscher Museen, aus Privatbesitz sowie aus dem Nachlass des Künstlers zu sehen. So werden erstmals Vorzeichnungen und Skizzen zu den nicht mehr vorhandenen Wandmalereien zu sehen sein. Es erscheint ein begleitendes Katalogbuch von Telse Wolf-Timm und Doris Tillmann.

Mit diesem Text wirbt das Kieler Stadtmuseum in der Dänischen Straße für die Friedrich Mißfeldt Ausstellung - eine ausführlichere Fassung des Textes finden Sie ➱hier - im gerade frisch renovierten ➱Warleberger Hof (hier ein Blick auf eine schöne Barockdecke). Der besitzt jetzt neuerdings einen Aufzug, erstaunlich, was so ein Haus aus dem frühen 17. Jahrhundert alles aushält. Seit vierzig Jahren ist das Stadtmuseum hier untergebracht, das in den letzten Jahrzehnten unter der Leitung von Jürgen Jensen (und seit 2004 unter der von Doris Tillmann) eine Vielzahl von wunderbaren Ausstellungen präsentierte.

Ich glaube, ich habe sie alle gesehen, und ich kann ohne zu übertreiben sagen, dass dieses Haus ein kulturelles Juwel ist. Als die Kieler Kunsthalle nach dem Weggang von ➱Jens Christian Jensen unter unfähigen Direktoren zur Bedeutungslosigkeit verkam, als nach der Verlegung der Kunstsammlung der Stiftung Pommern nach Greifswald noch ein Loch in die dünne Kulturdecke gerissen wurde, als keine Ausstellungen mehr in der Landeshalle des Kieler Schlosses stattfanden, da blieb der Warleberger Hof der einzige Ort, an dem man noch interessante Ausstellungen sehen konnte.

Ich bin inzwischen auch Mitglied der Gesellschaft für Kieler Stadtgeschichte, da komme ich immer umsonst in die Ausstellungen. Nicht, dass ich dadurch etwas spare, einmal im Jahr überweise ich der Gesellschaft eine Spende aufs Konto. Was nur fair ist, da man für den lächerlichen Jahresbeitrag von 12 Euro auch noch alle Publikationen der Gesellschaft zugeschickt bekommt. Wenn Sie das jetzt dazu verleitet, die Gesellschaft zu unterstützen, dann erfahren Sie auf dieser ➱Seite alles weitere. Manchmal habe ich das Gefühl, dass die Kieler gar nicht wissen, was sie an diesem Haus haben. Ich bin schon so oft der einzige Besucher gewesen, worüber ich mich nicht beklagen will: es ist eine schöne Sache, Kunst in alten Räumen ganz allein betrachten zu können. Man bekommt das schöne Gefühl, dass einem das ganze Haus gehört. Das hat man als kleines Herdentier in einer blockbuster Ausstellung nie.

Der Text über den Maler Friedrich Mißfeldt da oben behauptet an keiner Stelle, dass er ein wirklich bedeutender, großer Maler sei. Nicht einmal in Schleswig-Holstein. Weil es erstaunlicherweise hier oben um 1900 eine große Zahl sehr guter Maler gibt. Selbst wenn ich bekannte Namen wie ➱Christian Rohlfs, Hans Olde und Hans Peter Feddersen mal weglasse, bleiben immer noch ➱Hinrich Wrage, Fritz Stoltenberg, Georg Burmester und last but not least Otto Heinrich Engel. Wenn man eine Übersicht über die schleswig-holsteinische Malerei bekommen will, dann ist das Städtische Museum Flensburg die erste Adresse. Das hervorragende Buch von Ulrich Schulte-Wülwer, Malerei in Schleswig-Holstein. Katalog der Gemäldesammlung des Städtischen Museums Flensburg, kann man bei Amazon Marketplace sehr preiswert bekommen.

Mißfeldt ist sogar in Paris gewesen, an der berühmten Académie Julian, aber seine Bilder aus dieser Zeit sind merkwürdig stumpf, da lodert kein impressionistisches Feuer. Man darf das gar nicht mit ➱Edward Hopper vergleichen, der beinahe zur gleichen Zeit in Paris ist. Doch wenn Mißfeldt wieder zurück in der Heimat ist, dann kann man den Pariser Einfluss doch merken. Die Zeit zwischen 1904 und dem Ersten Weltkrieg ist Mißfeldts große Zeit als Spätimpressionist. Das schöne Bild vom Ostseestrand da oben (mit einer kleinen schwarz-weiß-roten Flagge in der Bildmitte) wäre ein Beispiel dafür. Noch besser gefällt mir der Ostseestrand, der in der dunklen Ecke rechts vom Eingang hängt, den hätte ich glatt klauen mögen. Sieht so ähnlich aus wie dies Bild hier, das übrigens vor wenigen Jahren in einem deutschen Auktionshaus für 380 Euro verkauft wurde. Da gibt heute irgendjemand Millionen für diesen scheußlichen Munch aus und könnte sich mit ein wenig Spürsinn, Sachkenntnis und Geschmack eine ganze Kunstsammlung dafür kaufen. Bei Ebay gibt es zur Zeit ein Kinderportrait aus dem Spätwerk von Mißfeldt, das 1.300 € kosten soll. Würde ich keinen Fuffi für zahlen, aber wenn ich das mit diesem Bild hier gewusst hätte: die 380 Euro hätte ich überboten.

Und damit will ich sagen, dass das Werk von Mißfeldt sehr ungleichmäßig ist. Hier ein Bild von der Kieler Germaniawerft aus den dreißiger Jahren, das nicht schlecht ist. Offensichtlich hat er da seine Versuche der zwanziger Jahre aufgegeben, sich ein klein wenig der Neuen Sachlichkeit anzunähern. So richtig toll ist das auch nicht.

Ich will jetzt nicht ➱Anders Zorns Bild vom Hamburger Hafen in die Diskussion bringen, doch gegen jemanden wie ➱Friedrich Kallmorgen versagen die Hafenlandschaften von Mißfeldt schon. Er ist ein im Boden der Heimaterde wurzelnder Künstler gewesen, sagt Jörn Christiansen in "Die Heimat": Analyse einer regionalen Zeitschrift und ihres Umfeldes. Für Christiansen ist er in seiner Kunst auch in jüngeren Jahren niemals ein Stürmer gewesen, kein Maler, der in das Gebiet des Abstrakten hätte hineingeraten können, des Ausgefallenen, Gesuchten, Gewollten, Gegenstandslosen. Das ist das Niemandsland zwischen Moderne und Tradition, um einmal den Ausstellungstitel zu zitieren.

Aber man kann nicht mehr verlangen als da ist. Dies ist die erste Gesamtschau seit 1980, damals hatte es am gleichen Ort schon eine Mißfeldt Ausstellung gegeben. Damals gab es einen einen kleinen Katalog (32 Seiten), jetzt gibt es mit Friedrich Mißfeldt (1874 - 1969): Ein Kieler Maler zwischen Moderne und Tradition von Telse Wolf-Timm und Doris Tillmann (der Direktorin des Warleberger Hofes, hier im Bild) einen richtigen Katalog (Preis 30 €). Die Autorinnen hatten 2008 auch zusammen den Katalog für die Fritz Stoltenberg Ausstellung gemacht. Das war die letzte große Ausstellung, bevor das Museum für die Renovierungsarbeiten geschlossen wurde.

Im gleichen Jahr erschien auch das Buch Ludwig Dettmann: Zwischen Avantgarde und Anpassung von Monika Potztal, ein Jahr später erschien Otto H. Engel 1866-1949 (mit CD-ROM) von Christoph Wodicka. Der Maler Willi Langbein war schon 1995 durch eine Monographie der schleswig-holsteinischen Landesbibliothek gewürdigt worden, zu Hinrich Wrage publizierte das Landesmuseum 1998 einen Bestandskatalog. Innerhalb von zwanzig Jahren sind also alle - wenn man das Werkverzeichnis von Georg Burmester (2011) einbezieht - bisher ein wenig sträflich vernachlässigten Maler Schleswig-Holsteins mit einem Katalog oder einer Monographie behandelt worden. Dieses schöne Bild von 1894 ist von Ludwig Dettmann - ich stelle es mal hierhin, damit der Unterschied von Mißfeldt zu seinen begabteren Zeitgenossen deutlich wird. Das Bild von Dettmann ist zur Zeit in der Kieler Kunsthalle in der Ausstellung ➱Gute Gesellschaft zu sehen (die Ausstellung läuft noch bis zum 24. Juni 2012). Wenn Sie dies ➱hier anklicken, sehen Sie ein nicht so schönes Bild von Ludwig Dettmann. Diese beiden Bilder bekomme ich gedanklich nie zusammen.

Sie merken es schon, ich suche alle möglichen Auswege, um nicht über Mißfeldt zu schreiben. Ich habe auch schon enthusiastischer über Kunst geschrieben. Aber ich kann Mißfeldt nicht in die Liga von Feddersen schreiben. Oder ihn mit den Malern des Hamburgischen Künstlerklubs oder den Malern in ➱Skagen vergleichen. Dennoch lohnt sich der Besuch der gut geplanten und gut aufgebauten Ausstellung, die auch das graphische Werk und die Buchillustrationen dokumentiert. Ich gehe durch Ausstellungen immer mit dem hypothetischen Gedanken Welche Bilder würdest du klauen? Ein halbes Dutzend Bilder würde ich schon für meine hypothetische Sammlung von der Wand nehmen. Und den kleinen Carlo, der letztens mit der Eisenbahn über die Rendsburger Eisenbahnbrücke gefahren ist, wird seine Oma auch noch in die Ausstellung mitnehmen, damit er das große Bild vom Bau der Rendsburger Brücke bestaunen kann. Die Ausstellung geht noch bis 2. September, wenn Sie im Sommer in Kiel sind, schauen Sie hinein. Ich schaue sie mir natürlich noch ein paar Mal an, gehe zur Kasse und flüstere meinen Namen, die Gesellschaft für Kieler Stadtgeschichte hat nämlich keine Mitgliedsausweise.

Falls Sie es bis zum 3. Juni (ab dem 16. Juni gibt es eine Ausstellung des bekannten Kieler Photographen ➱Peter Cornelius) in die Dänische Straße schaffen, können Sie sich auch noch im ersten Stock die hervorragende Ausstellung Politische Plakate des 20. Jahrhunderts aus der Sammlung des Kieler Stadt- und Schifffahrtsmuseums anschauen, eine Geschichtsstunde über ein Jahrhundert Deutschland. Von der Werbung für Kriegsanleihen 1914 (in der die Sicherheit der Anlage garantiert wird), Werbung für eine Spende für den U-Boot Bau aus dem Ersten Weltkrieg (werden die Griechen jemals ihre in Kiel bestellten U-Boote bezahlen - oder sollten wir die gleich an Israel liefern?) bis zu diesem Konrad Adenauer Plakat, auf dem der berühmte Spruch Keine Experimente CDU steht. Das schöne Plakat von Staeck von Helmut Lemke in Nazi-Uniform, das ich vorgestern ➱hier im Blog hatte, hängt hier leider nicht. 

Ich hätte noch eins für Verfügung stellen können, ich habe meins aufgehoben, das mir Gert Börnsen damals geschenkt hat. Wenn man in diesen Tagen aus dieser Plakatausstellung kommt, die eine Geschichtsstunde in deutscher Geschichte ist - hoffentlich gehen da alle Kieler Lehrer mit ihren Klassen hin - geht es mit den Plakaten gleich auf der Straße weiter. Von Plakatkunst ist da allerdings nicht mehr die Rede. In Schleswig-Holstein tobt der Wahlkampf. Langweiliger geht's nicht mehr, da sind sich beinahe alle deutschen Zeitungen einig. Irgendwie wünscht man sich da doch Jochen Steffen als Kuddl Schnööf zurück, stattdessen kriege ich einen Brief von Rainer Brüderle, der meine Steuergelder zur Wahlwerbung missbraucht. Genug davon, ich gehe jetzt wählen, heute Abend wissen wir mehr.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen