Sonntag, 27. Mai 2012

Minen


Herman Wouk hat heute Geburtstag. Er ist der Autor des Bestsellers The Caine Mutiny, der in Deutschland Die Caine war ihr Schicksal hieß. Habe ich verschlungen als ich jung war. Bald danach kam auch der Film in die Kinos. Wurde ein Welterfolg dank Humphrey Bogart, der den anderen Schauspielern ein wenig den Ruhm stahl. Dabei waren Fred McMurray und José Ferrer auch hervorragend. Film und Roman handeln vom Minenräumen im Pazifik, Wouk kannte sich da aus. Wie Norman Mailer (The Naked and the Dead) oder ➱James Jones (From Here to Eternity) hatte er das erlebt, worüber er schrieb.

Ich habe Herman Wouk einmal gesehen. Er hielt einen Vortrag im Audimax der Hamburger Uni. Er sah so langweilig aus wie ein Versicherungsvertreter. Als erstes erklärte er lang und breit, wie man seinen Namen ausspricht. Nämlich so: [ˈwoʊk]. Worüber er sonst noch geredet hat, weiß ich nicht mehr, obgleich ich eigentlich ein hervorragendes Gedächtnis habe. Also, ich habe in dem Semester am gleichen Ort den amerikanischen Dichter ➱Karl Shapiro erlebt, von seinem Vortrag weiß ich nach beinahe einem halben Jahrhundert noch alles. Wahrscheinlich war es bei Wouk die Enttäuschung darüber, dass der Mann, der diesen fetzigen Roman geschrieben hatte, ein so langweiliger Mensch war, die mich alles hat vergessen lassen. Ich weiß noch, wo ich damals im Audimax saß und was Wouk an hatte (ein langweiliges amerikanisches Brooks Brothers Jackett), aber über seinen Vortrag weiß ich nichts mehr. Vielleicht lag es auch daran, dass ich die ganze Zeit diese schöne Frau in dem roten Burberry Mantel beobachtete. Wo um alles in der Welt kriegte man (frau) 1965 einen roten Burberry her?

Minenräumen im Pazifik ist sicher eine aufregende Sache, vor allem, wenn es in einem amerikanischen potboiler dargestellt wird. Und wenn Humphrey Bogart einen Kapitän spielt. In meinem Heimatort sah man das mit dem Minenräumen in den fünfziger Jahren nüchterner. Es war ja damals noch nicht so lange her, dass man die Minen aus den Bremer Häfen und der Weser gefischt hatte. In einem kleinen Kaff aufgewachsen, das nur aus Werften bestand, war ich in meiner Jugend umgeben von Kapitänen, mit denen meine Eltern befreundet waren. Die viel zu erzählen hatten.

Wäre aus Joseph Conrad ein Romanschriftsteller geworden, wenn er nicht zur See gefahren wäre? Der Kaphoornier Hugo Gottsmann war als Kapitän von Segelschiffen längst pensioniert, knüppelte aber mit über achtzig mit Hilfe einer kleinen Besatzung noch Luxusyachten für Abeking und Rasmussen über den Atlantik. Lieferte sie bei einem Millionär an der Ostküste ab, besuchte danach seine Kinder in Kanada und nahm dann das Flugzeug nach Hause. Zahlte alles A & R, die waren froh, dass sie einen wie ihn hatten. ➱Ernst Biet, dessen Vorfahren seit dem 18. Jahrhundert Kapitäne gewesen waren, ging beim Norddeutschen Lloyd gerade in Pension, war aber bei Reedereien und Werften noch als Kapitän für Probefahrten und die Übergabe von Schiffen an die neuen Besitzer begehrt. Hein Janßen, Jan Kampen und Hermann Bögel hatten eigene Schiffe. Nichts großes, aber es waren eigene Schiffe. Na ja, in den meisten Fällen gehörten sie noch der Bank, dies waren die Anfänge der deutschen Handelsschiffahrt nach dem Zweiten Weltkrieg. Durch das 2. Petersberger Abkommen waren die Beschränkungen für den Schiffsbau aufgehoben worden, der neu geschaffene Paragraph 7d des Einkommensteuergesetzes bescherte den Reedern praktisch Steuerfreiheit (was glauben Sie, weshalb sich Rudolf Oetker jetzt eine Flotte aufbaut?). Und die verhasste C-Flagge brauchte von der Handelsschiffahrt auch nicht mehr geführt zu werden.

Hermann Bögel war so alt wie Herman Wouk, eine Generation jünger als Hugo Gottsmann und Ernst Biet. Sein erstes Schiff in den fünfziger Jahren wird nach seiner Frau Maja heißen. Maja Bögel war die beste Freundin meiner Mutter. Die Reedereiflagge (oben) sah ein bisschen aus wie der Jolly Roger, schwarz mit dem Vegesacker Wappen in der Mitte. Ich war mit meinem Bruder bei der Schiffstaufe dabei, aber als die vorbei war, wurden wir nach Hause geschickt. Weil die Gäste den Stapellauf noch gebührend feiern wollten, da störten Kinder nur, wenn die Eltern dem zollfreien Alkohol zusprachen.

Hermann Bögel war Marineoffizier gewesen, nach Kriegsende haben die Alliierten ihn "weiterbeschäftigt". Er durfte seine Uniform weiter tragen, nur die Hakenkreuze an der Mütze und im Adler über der rechten Brusttasche mussten verschwinden (ein Jahr später werden alle den dunkelblauen battledress der Royal Navy tragen). Die Engländer brauchten ihn (und viele andere), weil er die Fachkenntnisse hatte. Er war - wie Herman Wouk - auf einem Minensucher gefahren. Für das gefährliche Geschäft des Minenräumens wollten die Engländer keine eigenen Leute riskieren.

Das Schwimmen in der Weser war im heißen Sommer 1945 für Militärpersonal und Zivilisten verboten. Jetzt muss Kapitän Bögel (zusammen mit vielen anderen, die früher Minen gelegt oder Minen geräumt haben) für die German Minesweeping Administration (GMSA) in Elsfleth die Minen in der Unterweser und dem Bremer Hafen wieder räumen. Die neu geschaffene Behörde hat einen englischen Commodore, der passenderweise England heißt. Ihm war als Chef der Deutschen Minenräumleitung (mit der schönen militärischen Abkürzung, auf die das Militär immer so stolz ist: Chef D.M./R.L.) der Konteradmiral Fritz Krauss unterstellt.

Hugh Turnour England, RNR, hatte man aus dem Ruhestand geholt. Der Mann, der im Jahre 1900 Midshipman in der Royal Navy war und 1935 als Rear Admiral verabschiedet wurde (nachdem er im Jahr davor Adjutant beim König war), hatte sich seinen Lebensabend vielleicht auch anders vorgestellt. Aber irgendwie scheint die Royal Navy nicht ohne ihn auskommen zu können. Er kommandiert als Principal Sea Transport Officer Middle East Flottenteile im Mittelmeer, begleitet mit seinen Schiffen Konvois im Atlantik, ist bei der Operation Neptune dabei und nimmt dann für die Royal Navy den Hafen Hamburg ein. Den DSO Orden hat er zweimal bekommen, eigentlich könnte man ihn jetzt nach Hause schicken, aber nein, jetzt drehen sie ihm noch die ganze Sache mit dem Minenräumen an. Erst 1947 darf er nach Hause und bekommt dann auch gleich am Geburtstag des Königs den Bath Orden. Gleichzeitig wird auch der deutsche Admiral Fritz Krauss in den Ruhestand verabschiedet.

Die Disziplinargesetze und die Kriegsgerichtsbarkeit der Kriegsmarine gelten in der German Minesweeping Administration weiterhin, Admiral England möchte zwar die höheren deutschen Offiziere aus der Verwaltung entfernen, merkt aber dann, dass mit ihnen die Organisation ganz gut funktioniert. England hat ständig Ärger mit den Russen, die da eine neue deutsche Marine unter englischer Tarnung heranwachsen sehen. Denn der Oberleutnant der Reserve Hermann Bögel ist kein Kriegsgefangener, sondern zählt, wie alle in diesen Einheiten, zum Disarmed German Military Personnel. Ist vielleicht nur ein Euphemismus, machte aber doch einen feinen Unterschied. Die Schiffe fahren ab 1946 (ebenso wie die Handelsschiffe) unter der sogenannten C-Flagge, äußeres Zeichen eines Staates, der kein Staat mehr ist und keine Flagge mehr hat. Manchen Kapteins war das mit der Flaggenregelung zu blöd, und sie setzten stattdessen die gelbe Signalflagge Q als Symbol für Quatsch. Konnte man nichts gegen unternehmen, war vollständig korrekt, wenn jemand meckert, heißt das Signal nur alles an Bord gesund.

Hermann Bögel hat mir einmal lang und ausführlich die Geschichte vom Minenräumen in der Weser erzählt: Es war eigentlich völlig easy und ungefährlichEs waren ja auch noch viele bei der Truppe, die genau wussten, wo sie in den letzten Kriegsmonaten die Minen gelegt hatten. Zuerst haben wir die Bremer Häfen geräumt. Die Amis brauchten den Hafen in Bremen. Und da mussten ja auch die ganzen Wracks gehoben werden, die da im Wasser lagen, das waren über zweihundert Schiffe. Aber zuerst mussten die Minen weg.

Für den Rest der Weser bis Bremerhaven war der Engländer zuständig. Da wurden genau wie im Hafen kilometerlange Magnetschleifen in die Weser gelegt und an Generatoren an Land angeschlossen. Und dann nur noch an- und ausgeschaltet. Vierzehn Tage lang, dann waren die Akkus der Minen verbraucht und zündeten nicht mehr. Zur Sicherheit gab es immer Kontrollakkus an Land, wo man die Spannung messen konnte. Danach konnte man die Minen gefahrlos ausbaggern. Die Amerikaner haben die aus dem Bremer Hafen sofort auf einen Frachter verladen, Altmetall war auch für sie wichtig.

Die Tommies wollten nicht glauben, dass das Verfahren funktioniert. Wollten, dass wir einen Kutter über eine noch nicht geräumte Strecke fahren lassen, so als 'ne Art Sperrbrecher. Ist auch prompt hochgegangen, war aber keine Besatzung drauf. Danach haben sie sich nie wieder eingemischt. War sonst aber ein wirklich ein schöner Sommer, wir kriegten ein kleines Gehalt, hatten zu essen, hatten damals ja nicht alle. Und wir konnten abends von Bord, nachhause.

Am 9. September 1945 wird die Unterweser für minenfrei erklärt. Nicht überall ist es so ungefährlich. Vor allem in der Nordsee, wo das Verfahren mit den Magnetschleifen nicht so einfach funktioniert (bei Minen mit Druckzündern schon gar nicht) und man sogenannte Sperrbrecher einsetzen muss. Der Sperrbrecher Belgrano (oben) wurde 1946 durch eine Grundmine zerrissen und in zwei Teile zerteilt. Beide Teile blieben schwimmfähig und schafften es noch bis Hamburg. 1942 war dem Schiff vor Ameland das gleiche passiert, als es gerade seine hundertste Mine geräumt hatte. In der Deutschen Bucht wird es noch jahrzehntelang sogenannte „Zwangswege“ für die Schiffahrt geben. Die Akten der GMSA verzeichnen hunderte von Toten in diesen Jahren. Viele Marinesoldaten versuchen sich der Zwangsrekrutierung zur German Minesweeping Administration durch Desertion zu entziehen, Admiral England schreibt da einen Bericht nach dem anderen. Manche desertieren (wie England berichtet) in die sowjetisch besetzte Zone, sie werden merken, dass Minenräumen vielleicht doch das kleinere Übel gewesen wäre.

Ich bin (ebenso wie die Limeys) bei der Minenräumgeschichte mit den Elektrokabeln von Hermann Bögel immer etwas skeptisch gewesen, ich glaubte nicht, dass das funktionieren konnte. Aber Jahrzehnte später habe ich diese Geschichte beinahe genauso in einem Büchlein wieder gefunden, das mir meine Cousine Hannelore zu Weihnachten schenkte. Es heißt Kriegsende 1945: Vegesack und umzu und wurde vom Heimatmuseum Schloss Schönebeck herausgegeben. Hier schildert der Oberleutnant zur See der Reserve Rolf Zschernitz seine Erlebnisse, die ziemlich genau mit Kapitän Bögels Geschichte übereinstimmten. Rolf Zschernitz wird in diesem Sommer seine Braut Lotte Kruse heiraten, die zur standesamtlichen Trauung ein Kostüm aus einem umgearbeiteten Smoking ihres Vaters trägt (im Umarbeiten, Wenden und Färben von Kleidungsstücken ist man in dieser Zeit gut, es gibt ja sonst nichts). Rolf Zschernitz trägt seine Marineuniform, ohne die Hakenkreuze. Lotte Zschernitz wird an der Volksschule meine Klassenlehrerin werden. Und mein Heimatkunde-Heft aus der 3b vierzig Jahre lang aufbewahren. Irgendwann hat sie es wiedergefunden und meiner Mutter geschickt, ich habe es natürlich immer noch. Ich bewahre immer alles auf.

In dem Roman Im Schlepp: Roman der Besatzungszeit von ➱Harald Eschenburg (dem letzten Band der Familientrilogie) kommen die deutschen Minenräumer auch vor: Das deutsche Kontingent war nach Zahl der Schiffseinheiten bald umfangreicher als die gesamte Reichsmarine der Weimarer Republik, heißt es an einer Stelle. Harald Eschenburg, Marineoffizier der Reserve im Zweiten Weltkrieg, kennt sich bezüglich der Reichsmarine bestens aus. Sein Vater war da Admiral. Es ist im übrigen ein Roman, der nicht so spektakulär und melodramatisch ist wie The Caine Mutiny. Es ist ein altersweises Erinnerungsbuch an Krieg und Nachkriegszeit, dessen Lektüre sich unbedingt lohnt, wenn man wissen will, wie es nach 1945 in Deutschland aussah.

Beinahe alle Kapitäne, die meine Eltern kannten, waren im Zweiten Weltkrieg Marineoffiziere gewesen. Hein Janßen war auf einem U-Boot gefahren und in englische Kriegsgefangenschaft geraten. Wie Ernst Biet, der schon im Ersten Weltkrieg auf U-Booten gefahren war. Im Zweiten Weltkrieg kommandierte er den Minenleger Ulm, der von der HMS Onslaught (oben) versenkt wurde (Biet ist der letzte, der von Bord geht, aber der erste, den die Engländer auffischen). Er hatte ja noch versucht, der HMS Onslaught zu entgehen und sogar die amerikanische Flagge hissen lassen, um die Engländer zu täuschen. Über das Schiff und die Besatzung war er nicht glücklich, der Minenleger Ulm war nämlich eigentlich ein Bananenfrachter, der in kürzester Zeit zu einem Behelfskriegsschiff umgebaut worden war.

Über diese Zeit spricht Ernst Biet nicht so gerne (er redet auch kaum über den Ersten Weltkrieg, als er mit Anfang zwanzig schon Marineoffizier wurde), seine Augen bekommen dann so etwas Leeres während er den Prince Albert Tabak aus der roten Dose in seine Charatan stopfte. Diesen leeren Blick haben Kapitäne häufig. Der Kapitänleutnant der Reserve Ernst Biet, der für diesen Krieg eigentlich viel zu alt war, verbrachte den Rest des Krieges in dem kanadischen Internierungslager Camp B bei Fredericton (New Brunswick). Er hat mir viel davon erzählt, auf die Engländer hat er nichts kommen lassen. Er hat mir einen kleinen Pinguin geschenkt, eine ➱scrimshaw Plastik, die er im Lager selbst geschnitzte hatte. Sie steht immer noch bei mir im Wohnzimmer. Bei mir sind diese Dinge gut aufgehoben. Ich bin der Hüter der Vergangenheit.

Das Camp B bei Frederictown ist ein berühmtes Lager. Bevor die Engländer hier gefangene deutsche Marineoffiziere unterbrachten, diente es als Internierungslager für meist jüdische Emigranten, die während des Krieges von England nach Kanada abgeschoben wurden. Eine Vielzahl von ihnen hat später dieses Lager in den ➱Lebenserinnerungen erwähnt, es gibt sogar einen kurzen ➱Dokumentarfilm darüber. Da sind jetzt die Deutschen wieder beisammen. Die einen, denen der Engländer das Schiff versenkt hat, und die anderen, die vor Hitler aus Deutschland geflohen sind.

Nach Dünkirchen scheint eine nationale Hysterie die sonst so besonnene und liberale Nation zu ergreifen. Die Deutschen in England, die bis jetzt noch nicht interniert sind, werden sofort interniert. Und werden (obgleich manche schon seit zwanzig Jahren in England leben) nach einem nicht zu durchschauenden System in die Länder des Commonwealth deportiert, vorzugsweise nach Kanada und Australien. Möglichst weit weg. Nikolaus Pevsner landet durch einen Zufall nicht auf dem Transportschiff ➱Dunera, die Tragödie der ➱Arandora Star lassen wir besser unerwähnt. Dies ist eine der vielen Tragödien des Krieges, vielleicht am besten zusammengefasst in dem anonymen Gedicht eines Deutschen, der im australischen ➱Camp Hay landete:

We have been Hitler's enemies 
for years before the war. 
We knew his plan for bombing and 
invading Britain's shore. 
We warned you of his treachery 
when you believed in peace. 
And now we are His Majesty's 
most loyal internees.

Kapitän Jan Kampen wird mir an einem heißen Sommertag, als er mit Fieber krank im Bett liegt, vom Seekrieg im Mittelmeer und in der Ägäis erzählen. Der massige Mann im seidenen Schlafanzug war froh, dass er einen Zuhörer hatte: Und wir hatten uns in dieser griechischen Bucht versteckt, ganz nah unter dem Ufer, aber am anderen Ende da kam immer dieser Engländer. Und dann haben wir die Zeit gestoppt und herausgefunden, der kam jeden Tag immer zur gleichen Zeit, auf die Minute genau. Das haben wir uns vier Tage lang angeguckt, und als der Tommy dann weg war, sind wir mit Volldampf raus aus der Bucht und weg. Vor Gibraltar sind wir beschossen worden, haben aber nicht viel abgekriegt. Mann, waren wir froh, als wir wieder in der Biscaya waren. Da bischa sonst nicht froh über, inne Biscaya zu sein. Aber diesmal doch. Und dann blickte er, wie alle Kapitäne, traumverloren ins Weite. Irgendwas von dem Erlebnis der See kann man offensichtlich nicht erzählen. Auf seinem Nachttisch lag Joseph Conrads Spiegel der See mit dem quietschegelben Schutzumschlag, den der Fischer Verlag der Joseph Conrad Gesamtausgabe verpasst hat. Alle Kapitäne, die ich kannte, lasen Joseph Conrad.

So erzählfreudig Hermann Bögel in Bezug auf die Nachkriegszeit war, über den Krieg hat er niemals etwas erzählt. Hat nie erzählt, dass er ein deutscher Kriegsheld war und 1942 das Ritterkreuz bekommen hat. Hatte mit seinem Kutter bei dem missglückten Angriff der Alliierten auf Dieppe ein englisches Schnellboot versenkt, ein zweites in Brand geschossen, mehrere Flugzeuge vom Himmel geholt. Steht heute lang und breit im Internet. So viel Aufsehen wäre ihm wahrscheinlich peinlich gewesen.

Warum haben diese Männer, deren ganzes Leben die See war, mir das damals alles erzählt? Sie erzählten diese Geschichten ja nicht jeden Tag, sie prahlten nicht mit ihrem Krieg. Wenn ich daran zurückdenke, klang manches wie eine Lebensbeichte. Ein Versuch, einem Jüngeren diese Vergangenheit zu erklären. Ich weiß es nicht. Ich durfte auf ihren Schiffen mitfahren, was eine tolle Sache war, wenn man jung ist. Aber es hat mich nie zur Marine gezogen, darüber habe ich wohl schon etwas gesagt, als ich über ➱Schnellboote schrieb. Ich glaube da steht auch drin, dass bei dem einzigen Mal, als ich auf einem Minenräumer mitgefahren bin, ein junger Leutnant zur See das Ding in Bremerhaven mit einem Krach gegen die Hafenmauer gesetzt hat. Nach dem, was mir Käpt'n Biet zuvor über die mangelnden nautischen Fähigkeiten der jungen Bundesmarineoffiziere erzählt hatte, fand ich das ganz passend. Natürlich hatte die neue deutsche Marine, deren Schiffe in meinem Heimatort gebaut wurden, auch wieder Minenleger, Minensucher und Minenräumer. Das hört nie auf.

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