Dienstag, 8. Mai 2012

Gary Glitter


Der englische Sänger, der als Gary Glitter berühmt wurde, hat heute Geburtstag. Er wird 68, bei seiner Art der Lebensführung ist es erstaunlich, dass er überhaupt noch lebt. Bei Facebook hat er nur dreizehn Freunde. Erstaunlich, dass es so viele sind. Eigentlich heißt er Paul Francis Gadd, zu Beginn seiner Karriere nannte er sich Paul Raven. Und er lebte damals in Kiel, was der Wikipedia Artikel nicht erwähnt, das muss hier unbedingt korrigiert werden.

Im letzten Jahr hat mir ➱Hans Fander die Geschichte erzählt, wie er Paul Raven einmal zum Mittagessen eingeladen hatte. Und Monate später hat mir mein Freund Tony Gibbs beim Abendessen in den Schönen Aussichten erzählt, wie er einmal einen Abend lang versucht hat, sich mit diesem maulfaulen betrunkenen Engländer zu unterhalten. Tony wollte von ihm wissen, ob er mit den Gadds in Tonys Heimatort Southend-on-Sea verwandt war, aber da wurde Paul Francis Gadd nur noch einsilbiger. Hätte ich diese Geschichten nicht gehört, hätte ich diesen Paul Raven vollkommen vergessen. Na ja, ganz vergessen konnte man ihn nicht, er tauchte im letzten Jahrzehnt manchmal noch in den Schlagzeilen auf: Gefängnisstrafen wegen Kindesmissbrauch überall, von England bis Vietnam. Dort hat man ihn vor Jahren abgeschoben, nun hat England ihn wieder.

Ich habe den Typ damals einige Male in verschiedenen Kneipen getroffen, er war immer sehr unglücklich und war beinahe immer betrunken, mit seiner Karriere ging es nicht so recht voran. Er trat häufiger im Gaardener Star-Palast auf, einer Art Kieler Kopie des Hamburger Starclubs. Hatte aber nichts palastartiges an sich. Die Band von Paul Raven hieß Boston Showband, manchmal auch Boston International oder The Bostons (hier auf dem Photo von 1967 in scharfen Anzügen - beachten Sie bitte die drainpipe Hosen), sie hatten zwei Schlagzeuger, das war außergewöhnlich. Sie traten auch ohne ihn auf, sie brauchten ihn nicht wirklich. Ihr wichtigster Mann war der Saxophonist John Rossall. Der später auch in jener Band war, die Paul Raven begleitete, als er plötzlich wie Phönix aus der Asche stieg und Gary Glitter hieß. Und mit Glitzeranzug und Plateauschuhen weltberühmt wurde. Wenn man ➱das hier heute sieht, dann sieht das ja schreiend komisch aus. Gary Glitter sah irgendwie aus wie ein Elvis für Arme, aber damals konnte man mit solcher Musik offensichtlich Teenies begeistern. Es gab auch gleich einen Namen für das Zeug: Glam Rock.

Damals gab es viele Engländer und Amerikaner in Kiel, Hardin & York gastierten zweimal in der Mensa, Alexis Korner war in der Pupille, MC5 trat im Eichhof auf. Im Starpalast im Gaardener Karlstal gastierten auch noch die Searchers, Graham Bonney und Tony Sheridan. Und bevor ich es vergesse: Jimmi Hendrix war auch mal im Starpalast. Screaming Lord Sutch auch. Der ist ja inzwischen tot, Jimmi Hendrix auch. Pete York von Hardin & York spielt heute bei Helge Schneider. Gary Glitter lebt auch noch, ist aber nur noch als Sexualstraftäter berühmt. Aber die ➱Glitter Band hat überlebt, ein bisschen Glam ist also noch da.

Die Geschichte von Hans Fander hatte noch eine nette Pointe. Er hatte also damals Paul Raven am Sonntag zum Mittagessen eingeladen, weil der so todunglücklich aussah, als er ihn traf. Und er hatte auch die hübsche junge Frau eingeladen, mit der Paul Raven rumlief. Schlagerfuzzis haben immer hübsche Frauen im Gefolge, ich weiß nicht, wie das kommt. Die können so bescheuert sein wie Pete Doherty, sie kriegen so ein Schnuckelchen wie Kate Moss. Hans Fanders Kinder waren an dem Sonntag glücklich über die Autogramme, die sie von dem englischen Sänger bekamen. Jahrzehnte später, als Hans Fander sein Malstudio aufgab und die Schlüssel an den Nachmieter, einen jungen Musiker, übergab, erzählte er dem die Geschichte von dem Mittagessen mit Paul Raven. Und er fügte hinzu, dass er sich immer noch Gedanken machte, was wohl aus der jungen Frau geworden sei. Da sagte ihm der junge Musiker Das ist meine Tante. Das sind so die Augenblicke, in denen die Welt klein ist.

Kommentare:

  1. Ich hab als beborener Kieler in Connectictut mit Google in der Rockgeschichte rumgeschnueffelt: Ist der Name der Tante bekannt, mit der Paul Gadd zusammen war? Viktoria?

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  2. Tut mir leid, den Namen wußte Hans Fander (der mir die Geschichte erzählt hat) nicht.

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  3. Ich habe in den 70er Jahren eine Single von der Boston Showband in einem Sonderposten-Kaufhaus erstanden " Time to go" . Cover mit den 7 Mitgliedern auf ner Lokomotive. Habe mich immer gefragt was das wohl fuer ne komische Band war. Das die Platte schon aus dem Jahr 1967 war wuste ich nicht, erklaert aber das Outfit etc. Jetzt nach ueber 4 Jahrzehnten doch noch was ueber die Band und die Hintergruende zu erfahren ist sehr interessant. Irgendwie ist es die ausgefallenste Scheibe gewesen die ich je gekauft habe. Aber die 50 Pfennige oder evtl ne Mark war es letzendlich wert diese Scheibe zu kaufen. Das Cover war so unterirdisch altbacken das es schon wider gut war im Nachhinein.

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