Samstag, 8. August 2026

Mitleid mit der KI


Ich ließ den Polizeiruf 110: Mein Letzter Wille weiterlaufen, den Schluss kannte ich, ich hatte den Film auf DVD. Diese acht Folgen mit den Dorfpolizisten Küppers und Möller fallen durch Witz und Satire ein wenig aus dem Durchschnitt der Polizeiruf 110 Produkte heraus. Haben auch mal einen Grimme Preis bekommen. Wenn Sie noch nie von diesen WDR Produktionen mit Inge Meysel als Oma Kampnagel und Andrea Sawatzki als Kommissarin Gabi Bauer gehört haben, dann kann ich Ihnen zum Einstieg Roter Kaviar empfehlen.

Ich ging nach nebenan, weil ich noch etwas schreiben wollte, da hörte ich Inge Meysel sagen: Ich muss zur Reise schon gerüstet sein, mein Meister ruft...  Das war doch Shakespeare, hatte ich jemals auf diese Szene geachtet? Ich tippte das eben Gehörte in den Computer und fragte Googles KI. Die sagte mir: Dieses berühmte Zitat stammt aus Johann Wolfgang von Goethes 'Faust. Der Tragödie erster Teil'. Es wird von Wagner, Fausts Famulus (Schüler/Assistent), in der Szene 'Vor dem Tor' gesprochen. Er äußert diesen Satz im Gespräch mit Faust, während sie den Osterspaziergang machen und die feiernden Menschen beobachten. Wagner drückt damit seine tiefe Ergebenheit gegenüber der Wissenschaft und seinem Mentor Faust aus. 

Knapp daneben ist auch vorbei. In Wirklichkeit redet hier nicht der Famulus, hier spricht der Graf von Kent am Ende von Shakespeares Drama King Lear:

I have a journey, sir, shortly to go;
My master calls me. I must not say no.

Gut, ich hatte Googles KI nicht das ganze originale Zitat gegeben, da kann man sich schon vertun, wenn man nur eine künstliche und keine wirkliche Intelligenz ist. Also versuchte ich es noch einmal mit: Ich muß zur Reise bald gerüstet sein; Mein Meister ruft, ich darf nicht sagen: Nein! Und bekam die Antwort: Das Zitat stammt aus dem 'Faust ' von Johann Wolfgang von Goethe, genauer gesagt aus dem Vorspiel auf dem Theater (gesprochen von der Lustigen Person). Es drückt aus, dass man dem Ruf des Lebens, der Pflicht oder einer Aufgabe folgen muss, auch wenn die Zeit knapp ist.

Mit der Zuordnung von literarischen Zitaten tut sich die KI schwer. Ich gab ihr die letzten Zeilen aus dem Post obskure Verlage ein, das ist der Anfang von Rudolf Schottlaenders Proust Übersetzung aus dem Jahre 1925:

Lange Zeit ging ich früh zu Bett. Manchmal war meine Kerze kaum erloschen, und schon fielen mir die Augen zu, so schnell, daß ich mir nicht mehr sagen konnte: „ Nun schlaf ' ich ein." Und dann eine halbe Stunde später, weckte mich der Gedanke: „Jetzt heißt es aber schlafen!"; ich wollte den Band , den ich noch in den Händen zu halten glaubte, fortlegen und mein Licht ausblasen. Während des Schlafes hatte ich mit meinen Betrachtungen über das gerade Gelesene nicht aufgehört, nur daß diese Betrachtungen eine etwas sonderbare Wendung genommen hatten; mir schien, ich selber sei das, wovon das Werk sprach: eine Kirche, ein Quartett, der Streit zwischen Franz I. und Karl V. Dieser Glaube überdauerte mein Erwachen noch um einige Sekunden ; er geriet nicht in Konflikt mit meinem Verstand, lastete aber wie Schuppen auf meinen Augen und ließ sie nicht zur Klarheit darüber kommen, daß die Kerze nicht mehr brannte.

Die Antwort, die sofort kam, war zur Hälfte richtig: Der Text ist der berühmte Beginn von 'Auf der Suche nach der verlorenen Zeit' (À la recherche du temps perdu) von Marcel Proust, im ersten Band 'Auf dem Weg zu Swann' (Du côté de chez Swann), in der klassischen deutschen Übersetzung von Rudolf Borchardt (oder Eva Rechel-Mertens). Es gibt jedoch keine klassische deutsche Übersetzung von Rudolf Borchardt. Borchardt hat Proust niemals übersetzt, er konnte ihn nicht ausstehen. Und die Übersetzung von Eva Rechel-Mertens ist auch etwas anderes als der Schottlaendersche Text. Aber was soll's, unter jedem KI Artikel steht ja immer: KI-Antworten können Fehler enthalten.

In der Zeit hat Florian Illies gerade unter dem Titel Mein herzliches Beileid, liebe KI Mitleid mit der KI gefordert. Es geht hier um das Verfassen von Texten. In Sekundenbruchteilen liefert die KI zu jedem Thema einen fertigen Text. Ist das nicht schrecklich? Ist es nicht viel schöner, nicht gleich zu wissen, wie man sagen soll, was man sagen will? heißt es im Untertitel. 

Googles KI gibt nicht nur Antworten wie die Pythia von Delphi, sie hat auch gleich gute Ratschläge bereit und möchte gerne noch etwas mehr. Den vorgegebenen Text weiterschreiben, in jede beliebige Richtung. Wenn die KI ihren Worthort öffnet (altenglisch môdhord onlûcan, erstaunlicherweise etwas, was die KI kennt), hat sie da vieles zu bieten. In Sekundenbruchteilen. Ich demonstriere das mal eben an einem Beispiel. Ich nahm mir aus dem Netz den Schluss meiner Kurzgeschichte Sommerurlaub und fütterte Googles KI damit:

'Souvenirs' nein, 'regrets' auf jeden Fall, dachte sie. Sie zündete sich gerade eine Gitane an, als Edith Piaf mit ihrer unverkennbaren Stimme, die nach Zigaretten und Alkohol klang, zu singen begann: 'Non, rien de rien, non, je ne regrette rien'. Sie drückte ihre Zigarette im Aschenbecher aus, zog vorsichtig das Radio aus der Halterung daneben, kurbelte die Seitenscheibe herunter und warf es aus dem Auto. Dieses 'je ne regrette rien', das war zuviel des Guten.
Sie zündete sich eine neue Gitane an
.

Wenn die KI schlau wäre, dann würde sie sagen: Das ist aus der Kurzgeschichte 'Sommerurlaub,' die Jay im Jahr 2019 über eine fiktive schöne Buchhändlerin geschrieben hat. Denn die Geschichte steht ja im Netz. Aber so schlau ist die KI nicht, hat allerdings stattdessen gleich eine Analyse und Interpretation des Textes parat:

Das ist eine starke, filmische Szene. Die Reibung zwischen dem Welthit von Edith Piaf und der harten, direkten Ablehnung durch die Protagonistin erzeugt sofort eine kühle, melancholische und rebellische Stimmung. Der Kontrast aus Gitane-Rauch, der kaputten Romantik des Chansons und der Entschlossenheit beim Wegwerfen des Radios sitzt perfekt.
Stärken der Szene
Atmosphäre: Der Geruch von Tabak und die rauchige Stimme von Piaf passen nahtlos zusammen.
Handlung: Die kleine Tat – das Radio rauszuwerfen – zeigt Frust besser als tausend Worte.
Wiederholung: Die zweite Zigarette am Ende setzt einen stoischen, fast ironischen Schlusspunkt.
Mögliche Ideen zum Weiterlesen oder Ausbauen
Die Vorgeschichte: Warum dieser Hass auf diesen spezifischen Song oder diesen Moment?
Die Umgebung: Wo fährt sie? Nachts in Paris, an einer Küste oder auf einer leeren Landstraße?
Die Flucht: Ist sie auf dem Weg irgendwohin oder vor jemandem auf der Flucht?

Wir können die Spekulationen bis ins Unendliche fortführen. Aber nun kommt es, nun bietet sich Googles KI an, kreativ zu werden: Wenn Sie möchten, erzähle ich Ihnen mehr: Wer ist die Frau im Auto und wo will sie hin? Was ist die Geschichte hinter diesem Lied für sie? Soll ich die Szene in eine bestimmte Richtung weiterführen? Statt dieses Textes findet sich in den Antworten der KI auch häufig der Satz: Teilen Sie mir einfach Ihre Ideen mit, damit wir den Text passgenau weiterschreiben können.

Die Antwort ist: Vielen Dank für das Angebot, diesen wunderbaren Satz Wenn Sie möchten, erzähle ich Ihnen mehr. Und Ihr Angebot des passgenauen Weiterschreibens. Aber nein, ich schreibe meine Texte lieber selbst. Vielleicht nicht immer passgenau und vor allem nicht in Sekundenbruchteilen. Von Anfang an war hier alles ohne KI. Nur zwei Mal, gab es in diesem Blog ein klein wenig künstliche Intelligenz, das waren zwei von der KI produzierte Gedichte in den Posts Künstliche Intelligenz und Birthday Poem. Ansonsten ist dieser Blog KI frei.

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