Mittwoch, 21. September 2011

Leonard Cohen


Leonard Cohen hat heute Geburtstag. Das darf nicht unerwähnt bleiben. Ich weiß jetzt gerade nicht, wo meine Leonard Cohen CDs abgeblieben sind, deshalb habe ich Jennifer Warnes' Album Famous Blue Raincoat aufgelegt. Das ist legitim, das darf man an diesem Tag, sie hat ja lange mit ihm zusammengearbeitet. Ihre CD The Hunter ist auch Klasse, aber nur wegen Lights of Lousianne. Ist aber nicht von Leonard Cohen.

Famous Blue Raincoat ist schon beinahe ein Vierteljahrhundert alt, ist aber immer noch gut. Als das Album 1987 erschien, trennten sich Dieter Bohlen und Thomas Anders. Das eine hat aber kausal nichts mit dem anderen zu tun. Ich wollte nur sagen, dass Cheri Cheri Lady auch schon so alt ist. Als Leonard Cohen zum ersten Mal selbst auftrat (und nicht Suzanne von Judy Collins singen ließ), hießen die Schlager bei uns Frag nur Dein Herz oder Meine Liebe zu Dir und wurden von Roy Black gesungen. Und jemand namens Ronny sang Lass die Sonne wieder scheinen. Das sind doch alles Gründe für die innere Emigration.

Leonard Cohen hat irgendwann offensichtlich Giorgio Armani (der nur wenige Monate älter als er ist) für sich entdeckt. Armani fand man in Amerika ja toll. Wir wissen natürlich, dass es überteuerter Schrott ist, innen geklebt und getackert, aber in Amerika liebte man diese Klamotten. Wahrscheinlich heute noch. Irgendwohin muss Armani das Zeug ja verkaufen. Es war kein Zufall, dass Armani die Klamotten für einen Film mit dem symbolträchtigen Namen American Gigolo geliefert hat.

Aber zum Stilisieren für eine Ikone reicht ein schwarzer Armani Anzug auf dem nordamerikanischen Kontinent allemal aus. Cohen wirkt mit dieser Stilisierung in den letzten Jahren (er ist ja nicht immer mit Hut auf die Bühne gekommen) wie eine Mischung aus Johnny Cash (The Man in Black) und Bryan Ferry. Aber der Dandy aus England lässt sich seine Anzüge in der Savile Row machen.

Viele Leonard Cohen Songs sind heute immer noch gut. Auch wenn es für sie heute das tödliche soubriquet "Kuschelrock" gibt. Sei's drum, hier steht heute bei den Geburtstagsgrüssen ein Lied, das zu einer Art signature song geworden ist: Bird on a wire.

Like a bird on the wire
Like a drunk in a midnight choir
I have tried in my way to be free
Like a worm on a hook
Like a knight from some old fashioned book
I have saved all my ribbons for thee
If I, if I have been unkind
I hope that you can just let it go by
If I, if I have been untrue
I hope you know it was never to you
Oh, like a baby, stillborn
Like a beast with his horn
I have torn everyone who reached out for me
But I swear by this song
And by all that I have done wrong
I will make it all up to thee
I saw a beggar leaning on his wooden crutch
He said to me, "You must not ask for so much"
And a pretty woman leaning in her darkened door
She cried to me, "Hey, why not ask for more?"
Oh, like a bird on the wire
Like a drunk in a midnight choir
I have tried in my way to be free

Dienstag, 20. September 2011

Vor dem Sturm


Als ich vor Jahren Günter Grass' Roman Ein weites Feld las, merkte ich, dass mir bei meinen Fontane-Kenntnissen etwas fehlte: ich hatte Vor dem Sturm nie gelesen. Der erste Roman von Fontane, der auch sein längster ist, wird in Ein weites Feld ständig zitiert. Es war mir schnell klar, dass mir nichts anderes übrig blieb, als Fontanes Erstling zu lesen, nachdem ich die 781 Seiten von Ein weites Feld bewältigt hatte. Und so kaufte ich mir im Antiquariat für zwei Euro fünfzig eine schöne alte Ausgabe aus dem Verlag von Th. Knaur Nachf. aus den zwanziger Jahren, die mir auf dem Titelblatt versicherte, eine Vollständige Ausgabe zu sein. Das ist bei dem Roman nicht unwichtig, denn die Erstveröffentlichung in der Zeitschrift Daheim 1878 war stark gekürzt.

Manche Buchausgaben haben später diese gekürzte Fassung nachgedruckt. Manche Werkausgaben, wie zum Beispiel die zweibändige Hanser Ausgabe, nahmen den Roman nicht in die Ausgabe auf. Er galt als unreifes Jugendwerk (Fontane war beinahe sechzig als der Roman erschien), ein Illustriertenroman, nicht zu vergleichen mit dem Alterswerk, mit Effi Briest oder dem ➱Stechlin. Als der damalige Papst der deutschen Germanistik Julius Petersen 1928 im Euphorion über Fontanes Altersroman schrieb, war ihm Vor dem Sturm keiner Erwähnung wert. Es hat in der Fachwissenschaft lange gedauert, bis man den Roman zur Kenntnis genommen hat. Wahrscheinlich ist Peter Demetz, gerade Professor in Yale geworden, der erste gewesen, der zu dieser Umwertung beigetragen hat.

Der Roman hat eine lange Entstehungsgeschichte. Fontane hat ihn als Schmerzenskind, aber auch als einziges Glück in dieser für mich trostlosen Zeit bezeichnet. Die ersten Überlegungen, diesen historischen Roman aus der Zeit der preußischen Befreiungskriege zu schreiben, fallen in die 1850er Jahre, begonnen wurde er wahrscheinlich 1863. 1865 schließt Fontane mit dem Verleger Hertz (bei dem die Buchausgabe dann in zwei Bänden 1878 erscheint) einen Vertrag ab, Lewin von Vitzewitz soll der Roman damals noch heißen. Aber dann schreibt er erstmal die Kriegsbücher, über den Schleswig-Holsteinischen Krieg, über seine Gefangennahme im Krieg von 1870/71. Das mit dem ➱Schleswig-Holstein Buch war ihm keine Herzensangelegenheit, er wusste der Roman aber darf nicht ungeschrieben bleiben. Die Welt würde es freilich verschmerzen können, aber ich nicht. So liegt die Sache. Ich möchte das Kriegsbuch schreiben, weil der Roman, wenn Gott mich leben läßt, doch unter allen Umständen geschrieben wird. Man hat beinahe das Gefühl, dass der Balladenautor Fontane, der Verfasser der Wanderungen durch die Mark Brandenburg, sich vor seinem ersten Roman ein wenig fürchtet.

Vor dem Sturm mit dem Untertitel Roman aus dem Winter 1812 auf 13 ist ein historischer Roman. Den Hinweis auf die sechzig Jahre zwischen der Handlung und dem Roman, den Sir Walter Scott mit seinem Waverley, or, ’tis sixty years since gegeben hatte, hat Fontane aufgenommen. Er hat sich, während er am Roman schrieb, dazu auch in den siebziger Jahren in seinen langen Essays zu Willibald Alexis (dem märkischen Scott) und Sir Walter Scott geäußert. Es ist ein Zeit- und Sittenbild einer Gesellschaft im Umbruch, wobei ihm die Schilderung der kleinen Leute (auch darin folgt er Scott) wichtiger ist als das große Weltgeschehen: Mit anderen Worten, auf Schilderungen des Kleinlebens in Dorf und Stadt kommt es mir an: - die großen historischen Momente laß ich ganz beiseite liegen oder berühre sie nur leise. In diesem Punkt ist der Roman sicher mit Tolstois Krieg und Frieden vergleichbar. Fontanes erster Roman "Vor dem Sturm" ist das preußische Gegenstück zu Tolstois "Krieg und Frieden" sagt heute die Verlagswerbung des Aufbau Verlages. Dieser Satz drängte sich damals auch mir auf, aber das lag auch daran, dass ich gerade nach jahrzehntelangem Zögern endlich Krieg und Frieden gelesen hatte.


Die beiden Bände von Vor dem Sturm des Aufbau Verlages sind natürlich das, was sich jeder Philologe wünscht. Die Gelehrsamkeit der Annotationen von Gotthard Erler kann man gar nicht genug loben. Ich bin auch heute froh, dass ich bei Eschenburg die acht Bände der Romane des Aufbau Verlags zum Spottpreis von 32 Euro gekauft habe. Wenn man alle Anmerkungen sorgfältig gelesen hat, wird man vielleicht den Roman ein zweites Mal lesen. Aber meine erste Lektüre war ganz unphilologisch, die Lektüre eines Lesers. Dafür brauchte ich die philologische Gelehrsamkeit von Gotthard Erler nicht, dafür brauchte ich nur einen zuverlässigen Text. Aber ich dachte mir beim Lesen die ganze Zeit: Leute, wie habt ihr übersehen können, dass dies ein großer Roman ist? Das fand auch Gustav Seibt in der Süddeutschen als er im Januar dieses Jahres den gerade in der Großen Brandenburger Ausgabe erschienen Roman rezensierte.

Es liegt viel Schnee in dem Roman. Es liegt nicht nur viel Schnee in Hohen-Vietz, es liegt auch viel Schnee in Moskau und an der Beresina, von wo Napoleons geschlagenes Heer jetzt zurückschwappt. Dies ist der Winter, in dem Wilhelm Müller sich als Freiwilliger zum Kampf gegen Napoleon melden wird. Er wird eines Tages Die Winterreise schreiben. Vor dem Sturm hat nichts von dieser romantischen Tragik und Todessehnsucht, Vor dem Sturm hat auch nichts von der patriotischen Großmannssucht des Preußentums, die in Deutschland ausgebrochen ist, als Fontane des Roman vollendet. Zwischen Vor dem Sturm und dem Stechlin, dem ersten und dem letzten Roman von Fontane, liegen zwanzig Jahre. Und dennoch macht es wenig Sinn, von Frühwerk oder Spätwerk zu sprechen. Fontane ist in den zwanzig Jahren, in denen der Roman in ihm reifte, zum Romancier geworden. Die Lektüre von Sir Walter Scott und Willibald Alexis gehörte zu den Lehrjahren. Das Schreiben der Wanderungen war sein Gesellenstück. Und er wenn er jetzt zu schreiben beginnt, ist er ein Meister des Romans, der nichts mehr dazulernen muss. Auch in diesem ersten Roman liegt viel melancholische Altersweisheit, die mit leichter Hand dargeboten wird. Wenn man Vor dem Sturm mit dem Stechlin im Hinterkopf liest, wird man überrascht sein, wie viel Ähnlichkeiten es zwischen den Romanen gibt.

Natürlich darf das Spökenkiekersche bei Fontane nicht fehlen. Der abschließende siebte Band des Aufbau Verlags zu den Wanderungen durch die Mark Brandenburg, der eine Vielzahl von bisher unveröffentlichten Materialien enthält, hat gleich auf Seite drei eine Spukgeschichten etc. betitelte Liste. Ohne ein bisschen Spuk wäre ein Fontane Roman kein Fontane Roman, ob das nun dieser kleine See im Stechlin ist, der mit den vulkanischen Erschütterungen von Hawaii und Island verbunden scheint und um den sich zahlreiche Sagen ranken. Oder der geheimnisvolle Chinese in Effi Briest (der aber nicht so richtig passt, weil er eine Art Angstapparat aus Kalkül ist). Doch es gibt in Effi Briest noch eine weiße Frau, und die taucht auch in Vor dem Sturm auf. Und es gibt hier eine alte Weissagung, die am Schluss wahr wird. So etwas ist immer schön.

Die kleinen Pensionsmädchen haben gar so unrecht nicht, wenn sie bei Briefen oder Aufsätzen alle Heiligen anrufen: ,wenn ich nur erst den Anfang hätte.' Bei richtigem Aufbau muß in der ersten Seite der Keim des Ganzen stecken. Daher diese Sorge, diese Pusselei. Das schreibt Fontane zwei Jahre nach Vor dem Sturm. Zugegeben, der Anfang hat nicht diese unübertroffene und unübertreffliche Form wie Effi Briest, aber es ist ein Anfang, der uns in den Roman hineinlässt:

Es war Weihnachten 1812, Heiliger Abend. Einzelne Schneeflocken fielen und legten sich auf die weiße Decke, die schon seit Tagen in den Straßen der Hauptstadt lag. Die Laternen, die an langausgespannten Ketten hingen, gaben nur spärliches Licht; in den Häusern aber wurde es von Minute zu Minute heller, und der »Heilige Christ«, der hier und dort schon einzuziehen begann, warf seinen Glanz auch in das draußen liegende Dunkel.
   So war es auch in der Klosterstraße. Die »Singuhr« der Parochialkirche setzte eben ein, um die ersten Takte ihres Liedes zu spielen, als ein Schlitten aus dem Gasthof »Zum grünen Baum« herausfuhr und gleich darauf schräg gegenüber vor einem zweistöckigen Hause hielt, dessen hohes Dach noch eine Mansardenwohnung trug. Der Kutscher des Schlittens, in einem abgetragenen, aber mit drei Kragen ausstaffierten Mantel, beugte sich vor und sah nach den obersten Fenstern hinauf; als er jedoch wahrnahm, daß alles ruhig blieb, stieg er von seinem Sitz, strängte die Pferde ab und schritt auf das Haus zu, um durch die halb offenstehende Tür in dem dunklen Flur desselben zu verschwinden. Wer ihm dahin gefolgt wäre, hätte notwendig das stufenweise Stapfen und Stoßen hören müssen, mit dem er sich, vorsichtig und ungeschickt, die drei Treppen hinauffühlte.
   Der Schlitten, eine einfache Schleife, auf der ein mit einem sogenannten »Plan« überspannter Korbwagen befestigt war, stand all die Zeit über ruhig auf dem Fahrdamm, hart an der Öffnung einer hier aufgeschütteten Schneemauer. Der Korbwagen selbst, mutmaßlich um mehr Wärme und Bequemlichkeit zu geben, war nach hinten zu, bis an die Plandecke hinauf, mit Stroh gefüllt; vorn lag ein Häckselsack, gerade breit genug, um zwei Personen Platz zu gönnen. Alles so primitiv wie möglich. Auch die Pferde waren unscheinbar genug, kleine Ponys, die gerade jetzt in ihrem winterlich rauhen Haar ungeputzt und dadurch ziemlich vernachlässigt aussahen. Aber wie immer auch, die russischen Sielen, dazu das Schellengeläut, das auf roteingefaßten, breiten Ledergurten über den Rücken der Pferde hing, ließen keinen Zweifel darüber, daß das Fuhrwerk aus einem guten Hause sei.
   So waren fünf Minuten vergangen oder mehr, als es auf dem Flur hell wurde. Eine Alte in einer weißen Nachthaube, das Licht mit der Hand schützend, streckte den Kopf neugierig in die Straße hinaus; dann kam der Kutscher mit Mantelsack und Pappkarton; hinter diesem, den Schluß bildend, ein hochaufgeschossener, junger Mann von leichter, vornehmer Haltung. Er trug eine Jagdmütze, kurzen Rock und war in seiner ganzen Oberhälfte unwinterlich gekleidet. Nur seine Füße steckten in hohen Filzstiefeln. »Frohe Feiertage, Frau Hulen«, damit reichte er der Alten die Hand, stieg auf die Deichsel und nahm Platz neben dem Kutscher. »Nun vorwärts, Krist; Mitternacht sind wir in Hohen-Vietz. Das ist recht, daß Papa die Ponys geschickt hat.«

Ja, so kann man anfangen. Man bewundert den Reichtum der beobachteten Details. Willibald Alexis (links) hatte seinen Roman Isegrimm (der das gleiche Thema behandelt wie Fontane) auch mit einer Kutschfahrt anfangen lassen, aber wenn man sein erstes Kapitel Die Schwedenschanze mit dem ersten Kapitel von Fontane vergleicht, dann liegen doch Welten zwischen den beiden Romanen. Es ist nicht von der Hand zu weisen, dass Fontane die Kutschfahrt als kleine ironische Reverenz an den märkischen Scott  (dessen Romane er während der Arbeit an Vor dem Sturm las) in den Roman geschrieben hat. Aber selbst wenn Fontane in seinem ersten Roman dem Feuilleton noch näher ist als dem literarischen Olymp, solche Sätze wie Alexis hätte er nie geschrieben: In der Kalesche saß ein hochgewachsener Mann mittlerer Jahre, dessen mit Zobel besetzte Wildschur den vornehmen Herrn andeutete. Nachlässig zurückgelehnt, nahm er den größten Teil des Sitzes ein, den er mit einem anderen teilen sollte. Der neben ihm war ein junger schmächtiger Mann von blassem Gesicht, aber dunkelglänzenden Augen. Sein schwarzes Haar fiel unter dem Hut in lockenförmiger Kräuselung über beide Seiten herab, in einer Art, wie es damals noch nicht Mode war.

Bei Fontane sind die Details und Nebensächlichkeiten nicht aus den Trivialromanen für Dienstmädchen geklaut. Wenn man sich die Tagebucheintragungen und die Skizzen und Vorstudien anschaut, wird man sehen, dass selbst hinter Kleinigkeiten eine wirkliche Welt steht. Und es sind diese bewunderswerten Nebensächlichkeiten im ganzen Roman, wenn es zum Beispiel im Kapitel Geheimrat von Ladalinski heißt: Der Geheimrat hatte mittlerweile seine Lektüre beendet; er schob die Blätter beiseite und klingelte. Ein eintretender Diener brachte die Schokolade, und ehe er noch das Zimmer wieder verlassen konnte, kam schon das Windspiel aus seinem Korbe herbei, diesmal nicht verdrießlich, und drängte sich an die Seite seines Herrn. Der Geheimrat lächelte und warf ihm die Biskuits zu, denen diese Zärtlichkeit gegolten hatte. Hier kennt jemand die Welt. Und die Hunde.

Es gibt in Vor dem Sturm viele Digressionen und Einschübe. Es sei kein eigentlicher Roman hat Ludwig Pietsch gemäkelt, zu wenig action, zuviel von behaglich mit Lust und Liebe bei der Detailmalerei verweilend. Aber ist das für einen Roman ein Nachteil? Im Stechlin passiert handlungsmäßig auch nicht so furchtbar viel, wie Fontane ironisch sagte: Zum Schluß stirbt ein Alter und zwei Junge heiraten sich; – das ist so ziemlich alles, was auf 500 Seiten geschieht. Aber man merkt hier dem Roman bei allen Einschüben schon an: hier will einer sehr viel Material loswerden, das er in zwanzig Jahren gesammelt hat. In der Dichtergesellschaft Kastalia, die sehr Fontanes literarischem Herrenclub Tunnel über der Spree ähnelt, trägt ein Balladendichter namens Hansen Grell (dem jungen Fontane nicht unähnlich) eine Ballade vom General Seydlitz (von Theodor Fontane) vor. Und an zwei Stellen erhalten wir Berichte über Schlachten aus den napoleonischen Kriegen - damit wir bei allem Detail der kleinen Welt nicht vergessen, was in der großen Welt geschieht. So liest in der Dichtergesellschaft Kastalia ein Rittmeister von Hirschfeldt seine Erinnerungen aus dem Kriege in Spanien vor, und wenige Kapitel später trägt ein Herr von Meerheimb seine Erzählung von der Schlacht von Borodino vor. Manches ist natürlich auch aus dem Überreichtum der Wanderungen in den Roman gewandert, so findet sich der Feldwebel Klemm schon in dem Konvolut Geschichten aus Mark Brandenburg.

Und da ich beim Feldwebel Klemm bin, muss einiges über die Nebenfiguren gesagt werden. Den Kutscher Krist, der schon auf der ersten Seite erwähnt wird, kennen wir nach den ersten Seiten des Romans wie einen alten Bekannten. Arno Schmidt hat einmal gesagt, dass im viktorianischen Roman die Nebenfiguren in Wirklichkeit die Hauptfiguren sind. Er muss es wissen, er hat Wilkie Collins übersetzt und dem deutschen Lesepublikum die Brontës näher gebracht. Es ist etwas dran an diesem Satz mit den Nebenfiguren. Gerade bei Fontane. Natürlich kann man stundenlang über Berndt von Vitzevitz und Friedrich August Ludwig von der Marwitz (oben) diskutieren, aber eigentlich machen die Hauptfiguren nicht den Roman aus. Es sind die Nebenfiguren wie das Hoppemarieken, der General Bamme, die Tante Schorlemmer oder der Pastor Seidentopf. Und die vielen anderen. Ihretwegen, behaglich mit Lust und Liebe bei der Detailmalerei verweilend, liest man den Roman. Und man wird sie nicht wieder vergessen.

Und nun nichts mehr von Abschied.
   Über den Forstacker hin flog der Schlitten, in dem Lewin und Hirschfeldt saßen, an Hoppenmariekens Häuschen vorbei, und als sie gleich darauf wieder hügelab und am Flußufer hinfuhren, rollte plötzlich ein Ton wie dumpfer Donner herauf und verhallte in weiter Ferne.
   »Das Eis birst«, sagte Hirschfeldt. »Ein gutes Zeichen, unter dem wir ausziehen.«
Und in demselben Augenblicke begannen auch die Hohen-Vietzer Glocken zu klingen, und beide Freunde wandten sich unwillkürlich noch einmal zurück.
   »Was bedeutet uns ihr Klang?« fragte Lewin.
»Eine Welt von Dingen: Krieg und Frieden und zuletzt auch Hochzeit; Hochzeit, der glücklichsten eine, und ich, ich bin mit unter den Gästen.«
   »Sie sprechen, Hirschfeldt, als ob Sie's wüßten«, antwortete Lewin bewegten Herzens.
»Ja, Vitzewitz, ich weiß es, ich seh in die Zukunft.«


Ich möchte diesen kleinen Fontane Essay dem Pastor im Ruhestand Klaus Nebelung, einem großen Fontane Liebhaber, widmen. Er hat vor mehr als einem halben Jahrhundert die Jugendarbeit der Evangelischen Jugend in meinem Heimatort aufgebaut. Das hat mir und vielen meiner Generation damals sehr viel bedeutet. Tut es heute noch. Eigentlich wollte ich zu seinem Geburtstag im Oktober für ihn etwas über Fontane schreiben, aber dann sah ich im Kalender, dass der 20. September der Todestag von Theodor Fontane ist. Da musste ich dies einfach schreiben. Und dann kriegt Klaus Nebelung in drei Wochen nur eine Geburtstagskarte.

Montag, 19. September 2011

William Golding


Am Cornwall Campus der Uni Exeter ist gerade gestern ein Kongress über William Golding zu Ende gegangen. Vor zwei Jahren rief man zu diesem Kongress auf und offerierte die folgenden Themen: Lord of the Flies and its afterlives - Golding and women - Golding among his contemporaries - The rational and the religious - Golding and the state of the nation - Golding's non-fictional writings - Childhood and innocence - Golding and war - Golding's narrative techniques - Golding and travel - Golding's influence/influences on Golding. Es ist wohl kein Zufall, dass Lord of the Flies an der Spitze dieser Themenliste steht, es ist das meistgelesene Buch des Literaturnobelpreisträgers Golding. Und es ist natürlich auch kein Zufall, dass es in den letzten drei Tagen diesen Kongress gab, es ist der hundertste Geburtstag von William Golding.

Das hätte mich sicher unverhofft getroffen, hätte mir nicht ein Freund vor Wochen eine Mail geschickt, in der get ready for William Golding stand. Das war mir nun ein klein wenig peinlich, weil ich kurz vorher in einer Aufräumaktion (manchmal packt es einen ja) den ganzen William Golding aus dem Regal genommen hatte. Und die Paperbacks von Faber&Faber zu meinem Antiquar getragen hatte, Free Fall, Pincher Martin, The Spire, Rites of Passage und wie die Romane so heißen. Lord of the Flies habe ich natürlich behalten, aber mit den anderen konnte ich ehrlich gesagt nie etwas anfangen. Ich weiß natürlich, was mich an Golding stört. Dunkelheit, Allegorie hermetische Sprache und schwer tapsende Symbolik im Roman sind nie meine Sache gewesen.

In der gleichen Zeit, in der Golding zu schreiben beginnt, schreibt Colin McInnes seine London Romane City of SpadesAbsolute BeginnersMr. Love and Justice. Da pulst das Leben in Notting Hill. Von Jazz, Rock'n Roll, von italienischen Vespas und italienischen Anzügen ist die Rede, diese ganze Mod Subkultur ist gerade im Entstehen. Solche Romane kann ich verstehen, die haben etwas mit dem wirklichen Leben und dem wirklichen England zu tun. Und in der gleichen Zeit fangen die Angry Young Men an zu schreiben, die konnte ich auch alle verstehen, ihre Romane begleiteten mein Leben. Aber diese immer dunkler und symbolischer werdenden Romane von Golding ließen mich als Leser draußen vor. Das sind so die Augenblicke, in denen man auf Platt Geih mi aff sagt. Angus Ross sagt das im letzten Satz seines Artikels im Penguin Companion to English Literature etwas vornehmer: The honesty of Golding's head-on attempts to grapple with his intractable ideas command respect and admiration. Der amerikanische Dichter Kenneth Rexroth tat den Roman Lord of the Flies in seinem Artikel William Golding: Unoriginal Sin im Atlantic (1965) als thesis novel ab und beklagte, dass die Romanfiguren never come alive as real boys. Ich will ihm da nicht widersprechen.

Ich hatte nach meiner kleinen Aufräumaktion auch keine Schuldgefühle, habe nicht schlecht geschlafen, ich vermisste nichts. Na ja, solange bis ich die Mail mit dem get ready for William Golding bekam. Wenn ich jetzt den ultimativen Artikel zu Golding schreiben wollte, dann wäre es schon schön, seine Bücher neben mir zu haben. Aber das will ich gar nicht tun. Ich war damals sehr überrascht - die meisten englischen Literaturkritiker auch - als Golding den Literaturnobelpreis bekam, weil man nach den ersten extrem kreativen zehn Jahren seiner schriftstellerischen Tätigkeit ja kaum noch etwas von ihm hörte. Aber es ist wohl müßig, über den Literaturnobelpreis zu reden, ich nehme an, die haben da in Schweden so einen Zufallsgenerator für Schriftsteller. Golding bekam ihn übrigens für seine Romane und Erzählungen, in denen sich das Phantastische und das Realistische in einer vielfacettierten Welt der Dichtung vereinen, die Leben und Konflikt eines Kontinents widerspiegeln. Also, dieser Satz passt auf eine ganze Menge Schriftsteller. Ich nehme an, dass die in Schweden auch einen Zufallsgenerator für diese Worthülsen haben. Für die künstlerische Kraft und tiefe Selbständigkeit, womit er in seiner Dichtung die Antwort auf die ewigen Fragen des Menschen sucht, hätte auch gepasst, aber den Konfirmationsspruch hatte schon Pär Lagerkvist bekommen.

Lord of the Flies war (im Gegensatz zu Lord of the Rings) in den ersten Jahren kein Erfolg. Aber dann kam er auf den Stundenplan englischer Schulen, später auch in den Englischunterricht deutscher Gymnasien. Und ich habe mir x-mal in Prüfungen anhören müssen, dass der Roman eine Antwort auf Ballantynes Coral Island ist. Und was die Sekundärliteratur dazu sagt. Die Sekundärliteratur sagt sehr viel dazu. Prüfungen bestehen ja zum größten Teil aus dem Aufsagen von Sekundärliteratur. Manchmal hätte ich mir mal schräge und abgefahrene eigene Meinungen gewünscht. Aber die wunderbare Anekdote, in der ein Oxford Professor zu einem Studenten surprise me! sagt und sich dann der Lektüre der Times widmet, ist wahrscheinlich eine Erfindung. Der Student guckt sich den zeitunglesenden Professor eine Minute lang an, zieht ein Feuerzeug aus der Tasche und zündet die Times an. Und dabei fällt mir ein, dass William Golding überhaupt keinen Humor hat. Und abgrundtief böse Schulkinder gab es in der populären Kultur schon vor Lord of the Flies, der erste St Trinian's Cartoon von Ronald Searle stammt aus dem Jahre 1942. Da möchten wir ja lieber nicht wissen, was passiert wäre, wenn eine Klasse dieser Schule auf der Insel gelandet wäre, the horror! the horror!

Kleine Public School Jungens, die plötzlich aus der Rolle der braven Schüler von The Coral Island oder Tom Brown's Schooldays fallen und so böse werden wie Mr Kurtz in Conrad's Heart of Darkness, sind die eine Sache. Daraus eine Parabel über Unschuld und Barbarei und das Böse an sich zu machen, meinetwegen. Je allgemeiner man bei solcher Art Literatur wird, desto größer die Deutungsmöglichkeiten. Wenn Golding mit seiner Robinsonade gegen Coral Island (das im Text erwähnt wird) Stellung bezieht, dann ist dies ein Roman über einen anderen Roman. Alles, was Golding schreibt, ist Literatur über Literatur, thesis novels, inkohärente philosophische Exkurse als Roman verkauft.

Aber das wirkliche Leben war nie wie Ballantynes Coral Island. Viele Autobiographien von Engländern, die auf einer Public School waren, sind voll von Erlebnissen, die in der Schilderung von kindlicher Brutalität und Bosheit nicht hinter Lord of the Flies zurückstehen. Wahrscheinlich schickt die englische Upper Class ihre Kinder deshalb auf die Public School. Weil sie wissen, dass im englischen Establishment nicht die Tom Browns, sondern die bösen und verlogenen Harry Flashmans gebraucht werden. Kinder sind nicht einfach gut oder böse, dafür brauchen wir Goldings Roman nicht. Als Kenneth Rexroth im Atlantic seinen Verriss von Goldings Roman schreibt, ist seine Tochter noch ein netter Teenie von fünfzehn Jahren. Fünf Jahre später spielt sie in hardcore Pornofilmen mit. Soviel zum Thema Unschuld und Anarchie. Vor Jahrzehnten las ich in einer englischen Zeitung, dass als Lindsay Andersons Film If in England in die Kinos kam, Schüler en masse in die Kinos strömten. Und hinterher mit standing ovations applaudierten. Das waren die gleichen Schüler, schrieb der Journalist, die vormittags in der Schule Lord of the Flies lesen mussten.

Sonntag, 18. September 2011

Christian VIII.


Als das Linienschiff, das seinen Namen trägt, in die Luft fliegt, da ist der dänische König Christian VIII. schon ein Jahr tot. Dieses ganze Unternehmen, in der Eckernförder Bucht landen zu wollen, war ja auch ein klein wenig amateurhaft. Die großen Schiffe, die Christian VIII. und die Gefion konnten in der Enge der Bucht nicht manövrieren und waren dem preußischen Artilleriefeuer ausgesetzt. Wenn auch ein gewisser Ernst II. von Sachsen-Coburg-Gotha an dem Tag zum deutschen Nationalhelden wird, ist der eigentliche Held ein Artillerieleutnant namens Werner Siemens, der die preußischen Artilleriestellungen angelegt hat. Er wird später noch berühmt und wird eines Tages Werner von Siemens heißen. Wir sind da in einem etwas seltsamen Krieg, den Christian VIII. vermeiden wollte. Wer hier weshalb gegen wen steht, weiß keiner so genau, das Ganze heißt die Schleswig-Holsteinische Frage. Lord Palmerston soll gesagt haben: Only three people...have ever really understood the Schleswig-Holstein business—the Prince Consort, who is dead—a German professor, who has gone mad—and I, who have forgotten all about it. Und dabei wollen wir es auch mal belassen.

Wir lassen Christian VIII., der heute im Jahre 1786 geboren wurde, auch mal im dunklen Keller der Geschichte. Ich möchte aber seinen schönen Satz zitieren, der in dem Wikipedia Artikel zu Christian VIII. steht: Arm und elend sind wir sowieso. Wenn wir jetzt auch noch dumm werden, können wir aufhören, ein Staat zu sein. Soll er gesagt haben, als 1814 das Königreich nach dem verlorenen Kleinkrieg gegen England daniederlag. Muss ich den Grafen Schimmelmann als Vorbild für alle Finanzminister noch einmal erwähnen? Staatspleite, nicht in Griechenland, sondern im kleinen Dänemark, something is rotten in the state of Denmark. Und in dieser Situation will der König den Bildungsetat erhöhen.

Die Sache mit dem schönen Zitat hat nur einen Haken: im Jahre 1814 ist Christian VIII. gar nicht der König von Dänemark. Da hilft es auch nicht, wenn im Internet einer vom anderen abschreibt und ihm diesen Satz zuschreibt, Christian wird erst 1839 dänischer König. Da sind die englische Invasion, die Bombardierung Kopenhagens und die Staatspleite schon Geschichte. Also bleibt uns nur der König Frederik VI., und wenn irgendjemand diesen schönen Satz gesagt hat, dann war er das. 1809 hatte es unter seiner Herrschaft schon eine Reform der Gelehrtenschulen gegeben. Die hatten sich in Dänemark seit dem Mittelalter in ihrem Lehrplan nicht geändert und waren nur für die Ausbildung der Geistlichen da. Jetzt werden aus ihnen humanistische Beamtenschulen, die natürlich die antike Kultur auf dem Lehrplan haben. Weil sie die wahre Humanität fördern sollen. Aber gleichzeitig stehen auch schon Naturwissenschaften und in kleinem Maße neuere Fremdsprachen im Programm. Und fünf Jahre später, da ist Frederik gerade vom Wiener Kongress zurück (wo seine undiplomatische Sturheit Dänemark davor bewahrt hat, zerstückelt zu werden), da gibt es in Dänemark eine Reform des ganzen Schulwesens. Im Jahre 1814 wird in Dänemark per Gesetz die allgemeine Schulpflicht vom 7. Lebensjahr bis zur Konfirmation eingeführt. Der Besuch der Schule kostet nichts, das wird nun nach dem Willen des Königs aus Steuermitteln finanziert. Arm und elend sind wir sowieso. Wenn wir jetzt auch noch dumm werden, können wir aufhören, ein Staat zu sein.

Es ist vielleicht die letzte aus dem Geist der Aufklärung geborene liberale Maßnahme von Frederik. Nach dem Wiener Kongress wird er zunehmend konservativ. Dabei hatte er anders begonnen, als liberaler Regent während sein geisteskranker Vater regierungsunfähig war. Er war vier Jahre alt, als man Struensee hinrichtete, jenen Mann, der aus Dänemark ein Musterland der Aufklärung gemacht hatte. Vielleicht war er sogar dafür dankbar, dass der Dr. Struensee, gerade zum Grafen ernannt, aus seinem Leben verschwand. Denn die ersten Jahre seines Lebens mussten bizarr gewesen sein. Johann Friedrich Struensee, der nicht nur Dänemark regierte, hatte auch die Erziehung von Frederik übernommen. Nach dem Geiste der Schriften von Rousseau, respektive seines Émile. Dieses Buch eines Autors, der seine Kinder im Findelhaus abgab, gilt ja manchen als eine Bibel der Pädagogik. Unglücklicherweise liest der Dr. Struensee aus dem Émile Dinge heraus, die bei Rousseau wohl nicht drin stehen. Das Erstaunliche ist immer wieder, dass Kinder solchen pädagogischen Unsinn überstehen. Schlechte Lehrer sind auch eine gute Schule.

Es steckt eine Menge Vernunft in jenem Satz, der angeblich von Christian VIII. ist. Es ist ein Satz, der in einer Krisensituation ausgesprochen wird. Da wir zur Zeit beides haben (also, die Dänen mal ausgenommen, die haben keinen Euro und stehen in der letzten OECD Erhebung bildungsmäßig vor uns), Finanzkrise und Bildungskrise, schreibe ich ihn noch ganz fett hier hin. Vielleicht liest ja mal jemand, den es angeht, den Satz Arm und elend sind wir sowieso. Wenn wir jetzt auch noch dumm werden, können wir aufhören, ein Staat zu sein. 

Samstag, 17. September 2011

William Carlos Williams


William Carlos Williams hat heute Geburtstag. Seine Kollegen Pound und Eliot hat er nicht so gemocht. Aber dafür haben ganze Generationen von amerikanischen Dichtern ihn gemocht. Weil der gute Doktor Williams nicht nur Kranke heilte, sondern auch jungen Dichtern zuhörte und ihnen half. Er ist schon einmal hier vorgekommen, als ich über den deutschen Bootsbauer Max Oertz schrieb, deshalb kann ich das schöne Gedicht The Yachts nicht noch einmal präsentieren. Und This is just to say kam hier auch schon mal vor. Also gut, dachte ich mir, nehme ich Landscape With The Fall Of Icarus und illustriere es mit dem Bild von Brueghel. Fertig.









According to Brueghel
when Icarus fell
it was spring
    a farmer was ploughing
his field
the whole pageantry
    of the year was
awake tingling
near
   the edge of the sea
concerned
with itself
    sweating in the sun
that melted
the wings' wax
    unsignificantly
off the coast
there was
    a splash quite unnoticed
this was
Icarus drowning

Aber kaum war ich damit fertig, da fiel mir ein, dass ich das Bild von Brueghel, auf dem von Ikarus (im Gegensatz zu dem Rubens links) außer seinen Beinen im Wasser überhaupt nichts zu sehen ist, gar nicht wirklich mit dem Gedicht von Williams verbinde. Sondern mit einem ganz anderen Gedicht. Nämlich Musée des Beaux Arts von W.H. Auden:

About suffering they were never wrong,
The Old Masters; how well, they understood
Its human position; how it takes place
While someone else is eating or opening a window or just walking dully along;
How, when the aged are reverently, passionately waiting
For the miraculous birth, there always must be
Children who did not specially want it to happen, skating
On a pond at the edge of the wood:
They never forgot
That even the dreadful martyrdom must run its course
Anyhow in a corner, some untidy spot
Where the dogs go on with their doggy life and the torturer's horse
Scratches its innocent behind on a tree.
In Breughel's Icarus, for instance: how everything turns away
Quite leisurely from the disaster; the ploughman may
Have heard the splash, the forsaken cry,
But for him it was not an important failure; the sun shone
As it had to on the white legs disappearing into the green
Water; and the expensive delicate ship that must have seen
Something amazing, a boy falling out of the sky,
had somewhere to get to and sailed calmly on.

Schön, zwei Dichter, zwei Gedichte, dasselbe Thema. Rein gefühlsmäßig würde ich sagen, das Gedicht von Auden ist das bessere. Aber - und es gibt immer ein Aber - das Gedicht von Williams, Landscape with the Fall of Icarus, ist gar kein Einzelgedicht. Es gehört zu einem ➱Zyklus von Gedichten, die alle ein Gemälde von Brueghel kommentieren. Netter Einfall, könnte man sagen. Aber für William Carlos Williams ist diese Juxtaposition von Gemälde und Gedicht mehr als nur ein Gag. Mehr als jeder andere amerikanische Dichter hat er das Auge eines Malers. Seine Mutter hatte in Paris studiert, und Williams hatte in seinen ersten Semestern zu malen begonnen. Wenn irgendjemand die Verkörperung des ut pictura poesis ist, dann ist William Carlos Williams das.

Zwischen der Tätigkeit des Dichters und der des Malers (links ein Gemälde von Williams) sah er keine so großen Unterschiede. For poet read -- artist, painter, pflegte er zu sagen. Der kreative Prozess des Schreibens war für ihn der gleiche wie der des Malers: There is no subject; it's what you put on the canvas and how you put it on that makes the difference. Poems aren't made of thoughts — they’re made of words, pigments... Und natürlich hat ihn die Malerei sein Leben lang interessiert, nicht nur in dem Gedichtband Pictures from Brueghel, für den er posthum den Pulitzerpreis erhielt.

All poems can be represented by
still lifes not to say
water-colors, the violence of the Illiad lends itself to an arrangement
of narcissi in a jar.
The slaughter of Hector by Achilles can well be shown by them
casually assembled yellow upon white
radiantly making a circle
sword strokes violently given

in more or less haphazard disarray.

Ich hätte da zum Schluss noch etwas Nettes, ein Gedicht von Williams, das The Great Figure heißt. Es beschreibt einen Feuerwehrwagen, gesehen mit den Augen eines Malers

Among the rain
and lights
I saw the figure 5
in gold
on a red
fire truck
moving
tense
unheeded
to gong clangs
siren howls
and wheels rumbling
through the dark city


Und nun schauen Sie sich doch mal eben dieses Bild von Charles Demuth an!

Wenn Sie unten auf den Bildrand blicken, können Sie neben den Initialen CD auch die Buchstaben WCW lesen, dieses Bild ist eine Hommage an das Gedicht von Williams. Aber, wenn auch etwas anders, haben wir hier wieder eine Beziehung zwischen Bild und Text. Und da wären wir bei etwas so Schwergewichtigem wie dem Buch von ➱Mario Praz Mnemosyne: The Parallel between Literature and the Visual Arts. Und deshalb höre ich jetzt lieber auf. Über Charles Demuth und Charles Sheeler, mit denen Williams befreundet war, würde ich gerne noch einmal schreiben. Aber ich muss erst einmal gucken, ob Kraftgenie in seinem ➱Blog da nicht schon alles abgeräumt hat.

Und für Williams Carlos William Freunde hätte ich noch einen Tip, nämlich diese faszinierende ➱Audioseite der University of Pennsylvania.

Lesen Sie auch: Max Oertz und WCW.

Freitag, 16. September 2011

Mercédès


Ich bleibe noch ein wenig bei dem Thema, bei dem wir gestern waren, der plakativen Produktwerbung. Ich liebe ja irgendwie Werbung und Reklamekunst (ich besitze natürlich auch einige Regalmeter von Fachliteratur zu dem Thema). Meine Leser lieben das Thema offensichtlich auch, denn als ich im letzten Jahr über den amerikanischen ➱Westen in der Werbung geschrieben habe, haben x-tausende das gelesen. Die Tatsache, dass heute der Geburtstag der Baronin Mercédès Adrienne Manuela Ramona von Weigl (einer geborenen Jellinek) ist, verführt mich einfach dazu, noch einmal über die Plakatkunst zu schreiben. Falls Sie einen Mercedes-Benz fahren, dann wissen Sie natürlich, dass die Marke nach Fräulein Mercédès Jellinek benannt wurde. Die Akzente auf dem e hat man beim Auto weggelassen. Zu schwierig für Mercedes-Fahrer.

Was Sie da ganz oben sehen, ist die erste Seite einer luxuriösen Werbeschrift mit dem Titel The American Mercedes aus dem Jahre 1906. In rotem Leder gebunden, vorne drauf ein goldener amerikanischer Adler, der einen kleinen deutschen Reichsadler hält (den Mercedes Stern gibt es erst ab 1909), so bewirbt die amerikanische Daimler Manufacturing Company (939 Steinway Avenue, Long Island City) ihr neuestes Modell, den American Mercedes: Whether or not domestic automobiles will some day be built which will compare favorably with their foreign cousins, is a question which the future must decide. Certainly at the present time the superiority of European cars is unquestioned, and this would seem only natural when we consider that Europe has had some fifteen years the start of us in automobile construction, the first gasoline automobile having been invented by Daimler some thirty years ago, or fifteen years before the earliest American inventors took it up....

Dem Text vorangestellt ist ein Zitat von John Ruskin:

All works of taste must bear a price in proportion to the skill, time expense and risk attending their invention and manufacture. These things called dear are, when just estimated, the cheapest. They are attended with much less profit to the artist than those which everybody calls cheap. Beautiful forms are not made by chance nor can they ever, in any material, be made at small expense. A composition for cheapness and not excellence of workmanship is most frequently the cause of the rapid decay and destruction of arts and manufactures.

Herr Steinway, dem die amerikanische Mercedes Niederlassung gehörte, war nicht der einzige, der damals mit Ruskins Sätzen warb. Seit über hundert Jahren werden sie zur Rechtfertigung überhöhter Preise zitiert. Sie finden sich sogar auf einer Seite fachwissenschaftlicher Publikationen amerikanischer Zahnärzte. Die 38-seitige Broschüre ➱The American Mercedes (one of the more fascinating documents in the annals of the automobile) mit dem doch leicht snobistischen Text, wendet sich nicht unbedingt an die Kreise, die es nötig haben, auf den Cent zu schauen, 7.500 Dollar für ein Auto sind damals eine Menge Geld.

Aber so elitär herablassend der Mercedes Text daherkommt, ein Jahrzehnt später wird er von einem Werbetext von Cadillac übertroffen. Der heißt ganz schlicht The Penalty of LeadershipIn every field of human endeavour, he that is first must perpetually live in the white light of publicity. Whether the leadership be vested in a man or in a manufactured product, emulation and envy are ever at work. In art, in literature, in music, in industry, the reward and the punishment are always the same. The reward is widespread recognition; the punishment, fierce denial and detraction. When a man’s work becomes a standard for the whole world, it also becomes a target for the shafts of the envious few. If his work be mediocre, he will be left severely alone - if he achieves a masterpiece, it will set a million tongues a-wagging. Jealousy does not protrude its forked tongue at the artist who produces a commonplace painting. Whatsoever you write, or paint, or play, or sing, or build, no one will strive to surpass or to slander you unless your work be stamped with the seal of genius. Long, long after a great work or a good work has been done, those who are disappointed or envious, continue to cry out that it cannot be done. Spiteful little voices in the domain of art were raised against our own Whistler as a mountback, long after the big world had acclaimed him its greatest artistic genius. Multitudes flocked to Bayreuth to worship at the musical shrine of Wagner, while the little group of those whom he had dethroned and displaced argued angrily that he was no musician at all. The little world continued to protest that Fulton could never build a steamboat, while the big world flocked to the river banks to see his boat steam by. The leader is assailed because he is a leader, and the effort to equal him is merely added proof of that leadership. Failing to equal or to excel, the follower seeks to depreciate and to destroy - but only confirms once more the superiority of that which he strives to supplant. There is nothing new in this. It is as old as the world and as old as human passions - envy, fear, greed, ambition, and the desire to surpass. And it all avails nothing. If the leader truly leads, he remains - the leader. Master-poet, master-painter, master-workman, each in his turn is assailed, and each holds his laurels through the ages. That which is good or great makes itself known, no matter how loud the clamor of denial. That which deserves to live - lives.

Gut, der Hamburger würde jetzt sagen: mit vollen Hosen ist gut stinken. tempi passati, einen solchen Text würde in der amerikanischen Automobilindustrie heute ja niemand mehr zu veröffentlichen wagen. Wir können hieraus natürlich einen gewissen Größenwahn der Werbung für übel riechende Industrieprodukte herauslesen - oder ein unerschütterliches Vertrauen in den American Way of Life. Doch es ist in der Automobilwerbung, wie auch in der Werbung für andere Produkte (das hat Roland Marchand in seinem Buch Advertising the American Dream gezeigt), noch etwas mehr abzulesen.

Das angeblich so demokratische Amerika sehnte sich geradezu nach einer solchen Werbung, die eine aristokratische high society zeigt. Also diese Gesellschaft, die in Fitzgeralds Roman The Great Gatsby so erbarmungslos demaskiert wird. Ob es Mercedes, Cadillac oder Pierce-Arrow (oben) sind, ob J.C. Leyendecker für die Hemdenmarke Arrow (links) wirbt, immer wieder wird uns die feine Welt gezeigt. Irgendwie scheint Woodrow Wilson mit seiner Meinung völlig daneben gelegen zu haben, wenn er (im gleichen Jahr, in dem die American Mercedes Broschüre erscheint) schreibt: Nothing has spread socialistic feeling in this country more than the use of the automobile. To the country man, they are a picture of the arrogance of wealth with all its independence and carelessness. Zwanzig Jahre später klingt das in The Great Gatsby ähnlich, wenn Nick Carraway über die Buchanans sagt: They were careless people... they smashed up things and creatures and then retreated back into their money or their vast carelessness. Wir wissen heute, dass die Gefahr eines durch das Automobil verbreiteten Sozialismus in Amerika nicht wirklich bestanden hat. Eher sehnt man sich nach den Autos. Und natürlich schönen Frauen. Am besten beides auf dem Werbeplakat, wenn man es in der Wirklichkeit nicht haben kann.

Dass in der amerikanischen Mercedes Reklamebroschüre eine Frau abgebildet ist, nehmen wir heute als eine selbstverständliche Beigabe. Es ist ein wenig aus der Mode gekommen, galt aber hundert Jahre lang als sichere Verkaufsstrategie der Automobilwerbung. Sex sells. Dies Plakat hier ist von dem Franzosen Jules Chéret, es ist im Jahre 1890 wahrscheinlich eins der ersten Beispiele, das Frau und Automobil miteinander kombiniert. In den Jahren zuvor können wir in der französischen Plakatkunst massenhaft Frauen in der Werbung für Fahrräder finden. Sex sells. Allerdings sollte man auch beachten, dass das Fahrrad (wie später das Auto) auch eine emanzipatorische Bedeutung hat. Zwei Jahre vor dem Plakat von Jules Chéret hatte die berühmte mehrtägige Autofahrt von Berta Benz stattgefunden, die nicht nur autofahrenden Damen ein Vertrauen in die neue pferdelose Kutsche gab.

Das Bild in der Mercedes Broschüre von 1906 zeigt eine Dame der besseren Gesellschaft, die über ihrer Kleidung einen Mantel für Autofahrerinnen (gemäß der damaligen Mode) trägt. Um den unpraktisch großen Hut hat sie einen Shawl geschlungen. Wahrscheinlich wäre es besser gewesen, sich einen speziellen Hut zu kaufen, den es im Fachhandel für Autlerinnen gab. Das flatternde Taschentuch und das flatternde Shawlende sollen Geschwindigkeit symbolisieren, wobei wir heute bei dem flatternden Shawlende wohl eher an den Tod von Isadora Duncan denken müssen, deren roter Seidenschawl sich in den Radspeichen ihres Sportwagens verfangen hatte. Elegante Damen im Fond des Automobils das Dahingleiten der Fahrt genießend sind nicht so häufig in der amerikanischen Automobilwerbung dieser Zeit. Lediglich die Firma Oldsmobile wirbt 1904 mehrfach mit der Kombination von Frau und Auto.

Es hat Versuche gegeben, vornehmlich von feministischen Kunsthistorikerinnen, auf diesen Anzeigen die Frauen neben den Automobilen als Allegorien der Arbeit deuten zu wollen. Aber ich glaube, an dieser Sache ist nichts dran. In mehr oder weniger kunstvoller Darstellung werden Automobile seit ihrer Erfindung dem Konsumenten mit Frauen als Zugabe serviert. Sex sells. Diese Werbung aus den twenties ist von dem Österreicher Hans Neumann, der einige Jahre für Mercedes tätig war. Die Firma setzt seit den zwanziger Jahren nicht mehr auf eine einmalige Anzeige, sondern auf Bildfolgen, die aber eine klar erkennbare Handschrift und einen klar erkennbaren Stil haben.

Die schönsten Blüten treibt diese Sorte der Werbekampagne in den siebziger Jahren, the decade that taste forgot. Catherine Deneuve war sich damals nicht zu schade, für ➱Mercury Reklame zu machen (sie müssen bei diesem Link sieben Minuten amerikanischer Werbung ertragen bis Catherine kommt). Die hatten da sowieso für die Mercury Cougar Modelle ständig Filmschauspielerinnen, wie zum Beispiel ➱Farah Fawcett Majors. Wahrscheinlich ist das der Grund, warum ältere Frauen im Slang plötzlich cougars hießen.

Aber das alles war natürlich gar nichts gegen die englische Firma TVR, die 1971 bei der Earls Court Motor Show nur nackte Mädel am Verkaufsstand, oder auf ihren Sportwagen sitzend, präsentierte (das war lange bevor sie halbbekleidet bei Ferrari herumlungerten und Boxenluder hießen). Mein Bruder hatte mal einen TVR (der kam allerdings ohne nackte Beigabe), mit dem konnte man beinahe unter der Parkschranke vom Uni-Parkplatz unterdurchfahren. Aber man durfte damit nicht in einen norddeutschen Starkregen geraten, die Kinderhände großen Scheibenwischerchen schafften nix weg. Wahrscheinlich stellten sich TVR Fahrer im Regen sowieso nur nackte Frauen vor, von der Straße sah man nämlich nichts mehr. Leider konnte ich im Netz kein Bild von der Earls Court Motor Show finden [jetzt doch], aber in dem Buch von Jörg Nimmergut Werben mit Sex ist eins drin. Als das Buch 1966 erschien, wurde es von der Staatsanwaltschaft wegen Verbreitung unzüchtiger Schriften nach § 184 StGB verboten. Dabei war das ein seriöses Buch. 1982 ist es dann bei Wilhelm Heyne erschienen, man kann es heute noch bei Amazon Marketplace preisgünstig finden.

Dass der Daimler 1906 in Amerika Mercedes heißt, liegt natürlich an Emil Jellinek. Der hatte nämlich nicht nur den Alleinvertrieb für das k.u.k. Reich Österreich-Ungarn, sondern auch für Frankreich und Amerika. Mit dem Recht, die dort verkauften Daimler Modelle mit dem Namen seiner kleinen Tochter zu schmücken. Im Jahre 1903 stellte Emil Jellinek bei der niederösterreichischen Statthalterei zu Wien den Antrag, seinen Namen in Jellinek-Mercedes ändern zu dürfen. Dies wurde ihm am 7. Juli 1903 bewilligt. Da die Automarke nun schon mal einen Frauennamen hat, warb sie auch weiter mit Frauen. Diese rotgekleidete Autosportlerin stammt von Edward Cucuel, der seine Plakate mit Offelsmeyer oder Cucuel Offelsmeyer zu signieren pflegte. Er hat viele ➱Werbeanzeigen für Mercedes gestaltet, und er ist sicherlich dem Plakatkönig von München Ludwig Hohlwein (der ja auch für Mercedes zeichnete) durchaus ebenbürtig. Hohlwein und Cucuel kommen bei ihrer Werbung ohne langen Text aus.

Anders ist das bei dem Werbekünstler Kenay, der 1928 eine Art Deco Anzeige (ich habe leider keine Abbildung, diese hier ist von André Édouard Marty) mit folgendem Text kombiniert: Die Dame am Steuer Heute eine schon selbstverständlich gewordene Erscheinung. Ihr lebhaftes Temperament fühlt sich verwandt mit dem raschen Rhythmus unserer Zeit. Die Beherrschung des Raumes, Geschwindigkeit, sportliche Betätigung, gesteigerte Freude an der Natur. Abspannung der Nerven, alle Vorteile des Kraftfahrzeugs werden von der Frau am raschesten empfunden. In der eleganten Linie des Wagens findet sie den Ausdruck für ihren angeborenen Schönheitssinn. Die Dame am Steuer -  ein Sinnbild unserer Zeit, die Dame am Steuer ihres MERCEDES-BENZ, ein Sinnbild der vollkommenen Harmonie.

Ach ja, die kleine Mercédès Jellinek ist an vielem Schuld. Sie ist nicht glücklich geworden mit ihrem Freiherrn Karl von Schlosser. Im gleichen Jahr, in dem die Firmen Daimler und Benz zu Mercedes-Benz fusionieren, heiratet sie den Bildhauer Rudolf von Weigl. Wieder einen Baron, darunter tut man es ja nicht. Was mich immer gewundert hat, warum ist Pappi nie geadelt worden? Wird doch in Österreich jeder. Emil Jellinek Freiherr von Mercedes, das wäre doch ein schöner Name.

Diese amerikanische Pierce-Arrow Anzeige aus den zwanziger Jahren muss ich noch eben anfügen, wo ich doch mit amerikanischen Anzeigen begonnen habe. Diese Damen haben es nicht nötig, selbst am Steuer zu sitzen, da sitzt natürlich ein Chauffeur. Lassen wir ihn warten. Das da draußen ist natürlich ein Pierce-Arrow und kein gelber Rolls-Royce. Sonst hätte man die Anzeige schön für ein Cover von F. Scott Fitzgeralds The Great Gatsby nehmen können. Eine der Frauen könnte Jordan Baker sein, mit der der Erzähler beinahe eine Liebesaffäre hätte, aber da wird nichts draus. Weil sie so schlecht Auto fährt: Dishonesty in a woman is a thing you never blame deeply—I was casually sorry, and then I forgot. It was on that same house party that we had a curious conversation about driving a car. It started because she passed so close to some workmen that our fender flicked a button on one man’s coat. “You’re a rotten driver,” I protested. “Either you ought to be more careful, or you oughtn’t to drive at all.” “I am careful.” “No, you’re not.” “Well, other people are,” she said lightly. “What’s that got to do with it?” “They’ll keep out of my way,” she insisted. “It takes two to make an accident.” “Suppose you met somebody just as careless as yourself.” “I hope I never will,” she answered. “I hate careless people. That’s why I like you.”

All diese Anzeigen sind ein Eintauchen in die Vergangenheit. Die Autos sehen heute anders aus. Die Frauen auch. Mein schönstes Bild, das Automobil und Frau miteinander kombiniert, ist ein Jahr älter als die Werbebroschüre The American Mercedes. Es stammt von Sir Hubert von Herkomer, der auch ein begeisterter Motorsportfan war. Und es heißt Die Zukunft. Sieht sie wirklich so aus?

Donnerstag, 15. September 2011

Ludwig Hohlwein


Den Plakatkönig von München hat man ihn genannt, heute vor 62 Jahren ist er in Berchtesgaden gestorben. Da hatte er nur noch ein kleines Studio, nach dem Zweiten Weltkrieg hatte er ein Jahr lang Berufsverbot. Seine Plakate werden heute gesammelt, und es gibt genügend ➱Reproduktionen und Abbildungen. Er hat für alle Firmen gearbeitet, die sich jetzt im beginnenden 20. Jahrhundert einen Markennamen zugelegt hatten. Für Mercedes (Schuhmarke und Automobilmarke), für Audi, für Roselius' Kaffee HAG, für Spatenbräu Bier und Pelikan Füllfederhalter. Und natürlich für die gehobenen Firmen der Herrenoberbekleidung, für Herrmann Scherrer in München, für Hermann Hoffmann in Berlin. Das Traditionshaus E. Meier in München wollen wir nicht vergessen. Der Architekt, der sich jetzt zu Anfang des Jahrhunderts auf die Plakatkunst wirft, gilt als der bedeutendste deutsche Werbegraphiker und ➱Plakatkünstler. Aber solche Sätze können wir in diesem Blog, in dem es immer etwas zu nörgeln gibt, nicht stehen lassen.

Denn es gibt da noch Lucian Bernhard und Ernst Dryden (über den ich gerne noch einmal schreibe).  Und und und. Und wenn wir noch einen Blick hinter die deutschen Litfaßsäulen werfen und nach England und Amerika schauen, wo es schon seit Jahrzehnten eine hoch entwickelte Reklamekunst in solch stilbildenden Magazinen wie Harper's, Lippincott's, The Studio oder The Chap Book gibt, dann wird die Großartigkeit von Hohlwein immer kleiner. Sicherlich kann man direkte Verbindungen zwischen den Beggarstaff Brothers und Hohlwein finden. Und natürlich können wir auch nach Frankreich blicken, und uns für einen Augenblick das Plakat von Toulouse-Lautrec von Aristide Bruant ins visuelle Gedächtnis rufen. Wir sind in einer Stilepoche, die wir ganz allgemein mit Jugendstil bezeichnen können. Und das Hauptmerkmal dieser Zeit ist - sehen wir einmal von der l'art pour l'art Bewegung ab - ist die Ästhetisierung des Alltag und der Warenwelt. Also nichts wie süßer Zuckerguss über Gebrauchsartikel des Massenkonsums, für die man zuvor keine ästhetische Kategorie hatte.

Aber so verführerisch plakativ all die Hohlwein Plakate sind, es gibt da etwas, das mich davon abhält ihn zu bewundern. Die Weltbühne formulierte das ganz einfach in einem Satz: Sie sind nun glücklich zum Plakatmaler der Nazis avanciert. Ihren neuen Freunden kann man nur gratulieren, Ihnen weniger. Im Jahre 1933 ist der Plakatkönig aus München schon in der Partei, und in den zwölf Jahren danach wird er die schöne neue Welt der Nazis verkaufen, so wie er bisher Industrieprodukte verkauft hat. Wir sind heute abgestumpft gegen die optischen Versprechungen der geheimen Verführer, wir haben zu viel an bunten Bildern gesehen, wir glauben den Botschaften der Reklamekunst nicht mehr. Doch hundert Jahre zurück sieht das ganz anders aus.

Selbst wenn der Erste Weltkrieg und die Weltwirtschaftskrise eine gewisse Ernüchertung gebracht haben, die schöne neue Warenwelt ist weiterhin eine Verlockung. Und dann erst die schöne neue Ideologie, völkisch und national. Und eine schöne neue Rasse, blond und germanisch, gibt es mit dazu. Auch wenn ihre Vertreter wie Hitler, Goebbels und Himmler nicht unbedingt so aussehen wie auf diesem Plakat, das für den Kalender des Rassenpolitischen Amtes der NSDAP wirbt. Aber Hohlweins Plakate sind bei der Herausbildung der faschistischen Alltagskultur nicht zu übersehen. So spießbürgerlich die Wohnzimmer der Nazis aussehen, so gerne gibt man sich in der öffentlichen Inszenierung modern. Angefangen bei den Mercedes SSK Modellen, den Rennwagen, die Silberpfeile heißen, den Flugzeugen der Lufthansa, den theatralisch inszenierten Parteitagen (von Leni Riefenstahl als Triumph des Willens verkauft) bis hin zu den Olympischen Spielen in Berlin. Und die Plakate von Ludwig Hohlwein sind immer mit dabei. Sie begleiten die Deutschen bis in den Untergang.

Und irgendwie ist diese schöne bunte Welt immer noch in unseren Köpfen. So konstatierte Gert Selle in seinem Buch Die Geschichte des Design in Deutschland von 1870 bis heute 1978: Auch wenn infolge der katastrophalen nationalsozialistischen Politik die konsumsoziologischen Folgen erst lange nach dem Zusammenbruch deutlich wurden, sollte man das Dritte Reich mit seiner rezeptionsästhetischen Langzeit-Orientierung des deutschen Verbraucherbewußtseins nicht unterschätzen. Sie gehört zur fundamentalen Kulturturvergangenheit, die mitnichten nach 1945 bewältigt worden ist.