Mittwoch, 22. Januar 2014

The Happy Wanderer


Das Lied kennen wir alle:

Mein Vater war ein Wandersmann
und mir steckt’s auch im Blut.
D’rum wand’r’ ich froh, so lang ich kann,
und schwenke meinen Hut.


Das Lied wurde im 19. Jahrhundert von einem gewissen Friedrich Sigismund geschrieben. Und schaffte es am 22. Januar 1954 zum ersten Mal in die englischen Charts. Deutsche Wanderlieder in England, was war da geschehen? Es ist ein deutscher Chor gewesen, die Schaumburger Märchensänger, der 1953 an dem Llangollen International Eisteddfod teilgenommen hatte. Und die hatten in der Rubrik Lied eigener Wahl Mein Vater war ein Wandersmann gesungen. Die BBC hatte das Konzert im Radio übertragen, und die Engländer waren begeistert. Dylan Thomas erwähnt den Chor in Quite Early One MorningAnd little girls from Obernkirchen sing like pigtailed angels. Da hat man die Deutschen plötzlich wieder lieb. Es sind jetzt Jugendgruppen, die nach dem Krieg zur Völkerverständigung beitragen. Der Chor meiner Schule unter Leitung von Ernst Meißner (➱hier mehr dazu) ist auch bei einem Eisteddford gewesen, soll sogar der erste deutsche Chor gewesen sein, der da eingeladen wurde.

Natürlich gibt es eine höhere Ebene der Völkerverständigung. Da ist Lilo Milchsack, die 1949 die Deutsch-Englische Gesellschaft und die 'Deutsch-Englischen Gespräche in Königswinter' ins Leben ruft. Da ist Sir Robert Birley, der die englische Militärregierung berät. Doch man sollte auch die Arbeit der vielen Organisationen würdigen, die in den fünfziger Jahren für ein Miteinander der Kriegsgegner sorgen. Der American Field Service bringt Schüler nach Amerika, das Programm Versöhnung über Gräbern des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge brachte mich nach ➱Frankreich. Und die pigtailed angels sorgen in England für musikalische Wanderlust. Ihr Lied wird sogleich aufgenommen, zum Beispiel durch den ➱Saxophonisten Frank Weir. Der mit seiner Band eine wunderbare Aufnahme von The Happy Wanderer herausbringt. Hören Sie doch ➱hier einmal hinein, allein das Sopransaxophon zwischen den einzelnen Strophen lohnt sich.

Solange Frank Weir mit seiner Band ➱diese Art von Musik spielte, war er einer von vielen, die in Londoner Nachtklubs und im Radio zu hören waren. Jetzt wird er dank eines deutschen Liedes richtig berühmt. Und er setzt 1954 noch eins drauf, dank einer Berliner Göre landet er noch einen Hit. Heißt The Never Never Land, aber wir kennen diesen ➱Song natürlich unter einem anderen ➱Titel. Das ist schon eine komische Welt. Da importieren die Engländer plötzlich Lieder aus Deutschland, dem Land, wo noch zehn Jahre zuvor Denn wir fahren gegen Engeland gesungen wurde. Musik kann die Welt verändern, hat schon Ludwig van Beethoven gesagt.

Denn wir fahren gegen Engeland ist zwar von den Nazis propagiert wordenstammt aber schon aus dem Ersten Weltkrieg. Und wurde von unserem Heidedichter Hermann Löns geschrieben:

Heute wollen wir ein Liedlein singen
trinken wollen wir den kühlen Wein
und die Gläser sollen dazu klingen
denn es muß, es muß geschieden sein.
Gib´ mir deine Hand, deine weiße Hand
Leb wohl, mein Schatz, leb wohl
denn wir fahren gegen Engeland

Unsre Flagge und die wehet auf dem Maste
sie verkündet unsres Reiches Macht
denn wir wollen es nicht länger leiden
daß der Englischmann darüber lacht.
Gib´ mir deine Hand, deine weiße Hand
Leb wohl, mein Schatz, leb wohl
denn wir fahren gegen Engeland

Kommt die Kunde, daß ich bin gefallen
daß ich schlafe in der Meeresflut
Weine nicht um mich, mein Schatz, und denke
für das Vaterland, da floß sein Blut.
Gib´ mir deine Hand, deine weiße Hand
Leb wohl, mein Schatz, leb wohl
denn wir fahren gegen Engeland

Das konnte man, bis man in der Meeresflut schlief, zu der Melodie von Heute wollen wir das Ränzlein schnüren singen. Unsere deutschen Wanderlieder sind ja für alles gut. Es ist sowieso erstaunlich, was man alles mit Liedern machen kann. Aus Prinz Eugen der edle Ritter wird 1848 das ➱Bürgerlied, aus dem Lied auf den Wildschütz Jennerwein wird das Horst Wessel Lied. Und wenn man das ➱England Lied von dem Kriegsfreiwilligen Hermann Löns heute nicht mehr so häufig hört, die Franzosen kennen es immer noch. Da singen es nämlich die ➱Fallschirmjäger:

Oh la fille vient nous servir à boire
Les soldats sont là, perce un tonneau
Car la route et longue et la nuit noire
Et demain nous montons à l'assaut
Oh! oh! oh!...
donne-moi la main
Mets-la dans ma main
Adieu la fille, adieu!
Adieu la fille, adieu!
Ton sourire, ton sourire
Ton sourire reste dans nos yeux


Bei diesem ganzen kulturellen kleinen Grenzverkehr sind mir doch The Happy Wanderer und The Never Never Land lieber.

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