Mittwoch, 26. August 2015

Englische Herrenschuhe (Alfred Sargent)


Nicht alle Leser interessieren sich dafür, aber viele lesen es doch sehr gerne, wenn ich über Schuhe schreibe. Der vorletzte Post zu dem Thema, ➱Wiener Leisten, war auf jeden Fall ein voller Erfolg. Und dann kam noch ➱Wayward Cows, wow! Ich habe mir überlegt, ich schreibe einmal über englische Schuhe. Ich habe nämlich gerade meine Schränke aufgeräumt, ein bisschen System hineingebracht. Ein so schöner chisel toe Schuh (Nikolaus Tuczek? George Cleverley?) ist leider nicht dabei, aber es sind schon viele schöne Schuhe. Ein guter Schuh sieht auch nach dreißig Jahren noch gut aus. Wenn man ihn pflegt und putzt. Wie man einen Schuh richtig putzt, können Sie in diesem ➱Video sehen. Es wäre zu lang, wollte man alle englischen Hersteller von rahmengenähten Schuhen in einem Post unterbringen. Deshalb teile ich das in mehrere kleinere Posts auf. Und fange heute einmal mit Alfred Sargent an, einer Firma, die ein wenig unterbewertet ist. Und in Deutschland kaum bekannt ist (obgleich man ihre Schuhe in Hamburg und Berlin wohl finden wird).

Im Jahre 2009 gab es im englischen Unterhaus eine interessante Debatte zum Thema der englischen Schuhindustrie. Der konservative Abgeordnete Peter Bone, der die Wahlkreise Wellingborough und Rushden vertritt, sagte in einer Rede: Over the past decade, however, manufacturing industry in my constituency has gone into a nosedive with shoe factory after shoe factory closing. If we take Rushden alone, we see that there were 106 shoe factories there in 1920; as late as 1973 there were still 40 shoe factories; today, we will find just five. For anyone wishing further information about the shoe trade in Rushden, I would recommend the website www.rushdenheritage.co.uk

Wellingborough und Rushden sind nicht weit von Northampton entfernt, wir sind im Zentrum der englischen Schuhindustrie. Es ist ja kein Zufall, dass die Fußballmannschaft von Northampton den Spitznamen The Cobblers hat. Sie können auf dieser ➱Seite sehen, wie viele Schuhfabriken es im Jahre 1916 in Rushden gibt. In Rushden sitzt seit dem Jahre 1899 die Firma Alfred Sargent, die 2009 in finanzielle Schieflage gekommen war (man kann die ganze  Unterhausdebatte ➱hier lesen). Die Firma hat ein kleines Imageproblem, man kennt sie nicht unbedingt. Aber ihr Direktor ist zuversichtlich: I think competition is a healthy thing, I admire Crockett & Jones for what they have achieved and Edward Green make some beautifully classic shoes too. I believe there is room for us all in the market. If anything competition pushes us to improve on what we offer which shall mean that English shoes keep getting better. Kenner haben Alfred Sargent immer zu den besten englischen Schuhfirmen gezählt.

Und Sargent offeriert eine hand grade Linie, die mit den besten englischen Firmen mithalten kann: The fiddleback waist done correctly is an unique look and as both feature this it is easy to draw a comparison. We used to make the Gaziano & Girling shoes for them in our factory so that continues the story also I guess. I think they are noticeably different, mainly in terms of design and lasts, but also that in terms of making when we designed AS Handgrade we incorporated more hand work. Was ein fiddleback oder bevelled waist ist, können Sie hier an dem schwarz eingefärbten Steg sehen, je schmaler der ist, desto eleganter der Leisten. Die Firma Gaziano & Girling (die auch Schuhe für Ralph Laurens ➱Purple Lable Linie macht) ist im Augenblick das Schärfste, was aus England kommt. ➱Tony Gaziano hat einmal für Edward Green gearbeitet und ging dann zu George Cleverley, wo er er Dean Girling kennenlernte.

Die wenigen verbliebenen Schuhfirmen aus Northampton und Umgebung sind normalerweile sehr zurückhaltend bezüglich der Namen ihrer Kunden, für die sie Private Label Schuhe machen. Alfred Sargent hat also einmal Schuhe für Gaziano & Girling gemacht, sie machen auf jeden Fall Schuhe für New & Lingwood. Die ja mal die Firma Poulsen Skone gekauft hatten. Auf jeden Fall den Namen, die Firma existierte längst nicht mehr. Und dann haben sie auch noch den alten George Cleverley als Berater eingekauft. Und ließen sich die Schuhe von Edward Green machen. Neuerdings scheint Poulsen Skone als eigene Marke auftreten zu wollen, scheint sich von New & Lingwood ab- und sich der Firma Dunhill zuzuwenden.

Alfred Sargent hat vielleicht auch einmal Tyrwhitt beliefert (zu der Firma wird es noch einen eigenen Post geben). Sie beliefern die Firma Shipton & Heanage, aber anscheinend die Firma Herring nicht mehr, sie möchten offensichtlich bei ihrem trading-up nicht mehr so gerne, dass ihre Schuhe über das Internet verkauft werden (über Shipton & Heanage und Herring etc wird es noch einen Post geben). Was vielleicht nicht so bekannt ist, ist die Tatsache, dass ebenso wie Crockett & Jones seine Alt Wien Linie hat, auch Alfred Sargent eine solche Linie anbietet.


Die heißt Der Budapester: Traditionelles Schuhhandwerk. Sie verkaufen das vornehmlich südlich des Weißwurstäquators, sie hatten früher in Wien im 1. Bezirk einen Laden. Und wenn ich beklagen könnte, dass ich schon zahlreiche Schuhe von Sargent in der Hand gehabt, selbst aber keinen besitze, dann ist das nicht ganz richtig. Weil ich nämlich den hier besitze, Der Budapester: Traditionelles Schuhhandwerk Modell Wien steht drin. Verrät mit keinem Wort, dass der Schuh aus Northampton kommt.

Sargent hat sich bemüht, auf den deutschen Markt zu kommen, aber das scheint nicht so richtig gelungen zu sein. Ich habe vor Jahrzehnten einmal zufällig einen Mann getroffen, der mit Alfred Sargent Schuhen handelte, deshalb besitze ich einen Katalog (mit Preisliste) aus dem Jahre 1996. Damals kosteten ihre Spitzenmodelle zwischen 439 und 459 DM. Heute muss man für die Exclusive Collection solche Preise in Pfund bezahlen. Der Katalog war hervorragend gemacht, in sehr gutem Deutsch, nicht diesem Deutsch von ➱Heinrich Lübke, aber dennoch war der Firma damals kein Erfolg beschieden.

Wenn ich schon keinen Schuh von Alfred Sargent habe, so habe ich doch einen Schuh aus Rushden. Nämlich einen schwarzen captoe aus bookbinder Leder von Sanders & Sanders. Das ist nun keine tolle Firma, die sind weit da unten, wo auch Loake ist (alles, was Sie über Sanders wissen wollen, finden Sie auf dieser interessanten ➱Seite des Blogs Gentleman's Gazette). Aber der Schuh, der mich vor zwanzig Jahren mal einen Hunni (DM) bei Görtz in Hamburg (die früher mal viele englische Marken führten) kostete, ist immer noch hervorragend. Sieht nach einem richtig teuren englischen Schuh aus, ich liebe ihn. Sanders ist stark im Geschäft mit schlichten schwarzen Schuhen für die Armee und die Polizei, deshalb haben sie ein Modell, das Sanders Uniform heißt. Auf der Homepage erwähnt die 1873 gegründete Firma Sanders, dass sie im Ersten Weltkrieg sechstausend Paar Schuhe und Stiefel in der Woche herstellten. Wahrscheinlich haben sie wegen der Spezialisierung überlebt, und so sind Sanders und Sargent neben Grenson und DB Shoes die wenigen, die von den vielen Schuhfabriken in Rushden überlebt haben.

Schuhe für die Armee hat Alfred Sargent auch in großer Menge hergestellt. Der Krieg ist der Vater aller Dinge. Und Schuhe können eine Schlacht entscheiden: On the morning of June 30, I ordered Brigadier General Pettigrew to take his brigade to Gettysburg, search the town for army supplies (shoes especially), and return the same day. Was General Henry Heth nicht weiß, ist die Tatsache, dass in ➱Gettysburg die Spitze der Armee der Nordstaaten ist. Wäre dieser Satz get those shoes! nicht ausgesprochen worden, hätte es die Schlacht von Gettysburg nicht gegeben. Schuhlieferungen für die Armee sind nichts Neues für die Schuster in Northampton und Umgebung, im englischen Bürgerkrieg hat man die Armeen des Parlaments mit 4.000 Paar Schuhen und 600 Paar Reitstiefeln beliefert. Oliver Cromwell bekam 1648 auch noch 2.000 Paar Schuhe für seine New Model Army.

Als dieses Photo in der Fabrik von Sargent gemacht wird, ist gerade mal wieder ein Krieg zu Ende. Weihnachten 1945, kein männlicher Schuhmacher zu sehen. Die Frauen haben die Arbeit übernommen. Das war dreißig Jahre zuvor noch anders. Wenn auch viele Uhrmacher patriotisch zu den Waffen eilten (Harry Sargent wurde Leutnant beim ➱Royal Flying Corps), versuchten die Fabriken doch, ihre Uhrmacher zu halten. So gab es immer wieder Befreiungen vom Wehrdienst, wie man dieser Tabelle entnehmen kann. John White, der sich eines Tages ein ganzes Schuhimperium schaffen wird (1951 exportiert er 400.000 Paar Schuhe nach Amerika) schreibt in seinen Memoiren: On the 15th of the month [September 1914] I went to the barracks to enlist, they said 'You’re engaged in the shoe trade, you’ll have to go back till we call you, they wanted shoes more than they did men!" John White Schuhe kann man heute bei Zalando kaufen, Alfred Sargent Schuhe nicht.

Die ➱Internetseite, die der Abgeordnete in seiner Rede empfiehlt, ist übrigens hervorragend. Ein Zugang zur Sozialgeschichte eines Ortes und eines Berufs. Man hat in England schon früh etwas gepflegt, was den Namen Industrial Archaeology bekommen hat. Wenn die Engländer schon ihre Industrie gegen die Wand gefahren haben, dann sind sie doch Meister in der musealen Pflege der Reste. So gibt es zum Beispiel auch ein Buch mit dem Titel Built to Last: The Buildings of the Northamptonshire Boot and Shoe Industry. Das Bild hier zeigt die Hauptstraße von Rushden im Jahre 1900.

Und was hatte die Regierung damals dem Abgeordneten Peter Bone zu sagen? Ein Unterstaatssekretär wusste dem Abgeordneten zu sagen: The hon. Gentleman will probably be aware that the Prime Minister launched the booklet "Real help for the East Midlands" in Northamptonshire on 13 February. It signposts practical help from the Government to support businesses and families. Die Frage, warum die Regierung der Industrie nicht hilft und die Banken füttert, wurde nicht beantwortet. Denn da hat Peter Bone (Bild) ein Argument, das man nicht so vom Tisch wischen kann:

The decline in manufacturing has been a national disgrace. If I were to be critical of the Government in this debate, I would refer only to their over-reliance on banking and financial services at the expense of manufacturing industry, which has been a total disaster. We need think only of the billions of pounds thrown at the banking and financial sector at the most enormous cost to each man, woman and child in the country to see the folly of that policy. If only a small percentage of the taxpayers' money now being thrown at the banking industry had been directed towards making the lives of manufacturing companies any easier, we would now be in a far better position and there would be no need for today's debate.

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