Mittwoch, 30. November 2016

Andrea Doria


Aber sonst ist heute alles klar auf der Andrea Doria, sang Udo Lindenberg. Und dieses alles klar auf der Andrea Doria ist in unsere Sprache gewandert wie keine Panik auf der Titanic. Das Lied, mit dem Udo seinen Durchbruch hatte, handelt nicht wirklich von der Andrea Doria, dem Schiff, das der Stolz der italienischen Flotte war. Es sank in der Nacht des 26. Juli 1956 in den Nebelbänken vor Nantucket. Ich kann mich noch an die Wochenschau erinnern. Fernsehen hatten wir noch nicht, weil mein Vater es nicht mochte. Also Kino. Wochenschau. War eh viel interessanter.

Die fünfziger Jahre waren die Zeit der Schiffskatastrophen: Si bene calculum ponas, ubique naufragium est, ich habe den Satz des Petronius (den man für alle Zwecke gebrauchen kann) schon einmal in dem Post ➱Nero singt zitiert. Den Untergang der Flying Enterprise 1952 (schauen Sie doch hier einmal in diese ➱Wochenschau) habe ich nie vergessen. In jener Woche war ich dreimal im Kino, in der Hoffnung, dass es eine neue Wochenschau gäbe. Den Untergang der ➱Pamir ein Jahr nach dem Untergang der Andrea Doria habe ich natürlich auch nicht vergessen. Sie können dazu mehr in dem Post ➱Wetter lesen. Der ist zwar schon sechs Jahre alt, ist aber eigentlich immer noch aktuell.

Und da ich schon beim Zitieren von älteren Posts bin, zitiere ich doch mal eben noch etwas, was in dem Post ➱Untergang steht: Bildung, Charakterstärke und gutes Benehmen besitzt Joseph Conrad schon, als er sich zu einem der zahlreichen Examina der Kapitänsprüfung einfindet. Englisch kann er inzwischen auch. Sein Prüfer ist gefürchtet, das weiß Conrad schon. Der Prüfer versetzt Conrad auf einem imaginären Schiff in immer neue gefährliche Situationen. Da hilft es Conrad auch nicht, ihn milde darauf hinzuweisen, dass er sich niemals mit einem Schiff in eine solche Lage gebracht hätte. Conrad ist jetzt schon im Geiste bereit, seinen Platz als Kapitän des imaginären Unglücksschiffes mit einem Platz auf dem Fliegenden Holländer zu tauschen, als ihn sein Prüfer ihn in eine noch gefährlichere Situation bringt. Legerwall vor holländische Sandbänke. Ausweglos. Nothing more to do, eh? fragt ihn sein Prüfer. No sir, I could do no more, sagt Joseph Conrad. Worauf sein Prüfer sagt: You could always say your prayers. Das ist natürlich immer eine Möglichkeit, beten.

In Bremen kursiert eine Geschichte, wo ein Steuermann in seiner Prüfung in eine ähnliche Lage versetzt wird. Der ist schon jahrelang zur See gefahren, jetzt soll er die Prüfung nach §19 der Vorschriften über den Nachweis der Befähigung als Seeschiffer und Seesteuermann auf Deutschen Kauffahrteischiffen ablegen. Er kennt seinen Prüfer, er kann den nicht ausstehen. Der hat keinerlei Praxis als Fahrensmann. Und als der ihn mit dem imaginären Schiff in der Prüfung in eine lebensgefährliche Situation bringt und mit bösartigem Hohn in der Stimme fragt: Und wat nu? da antwortet unser Seebär: Nu heff ik die Büx voll. Und setzt hinzu: Und Du, Du hest di schon vor 'ne halben Stunde de Büx vollschieten. Vom Beten ist jetzt nicht mehr die Rede.

Joseph Conrad hatte damals, als die ➱Titanic unterging, einiges zu dem Unglück zu sagen. Aber man hört nie auf die Fachleute, die Ursachen der Unglücke, sei es bei der Andrea Doria oder der Pamir, werden nie geklärt. Selten sind die Fälle so eindeutig wie bei der Costa Concordia, die von einem bescheuerten italienischen Kapitän namens Francesco Schettino versenkt wurde. Kein stolzer Nachfolger eines Mannes wie Andrea Doria. Wenn Sie jetzt etwas überrascht sind, ja, Andrea Doria war Kapitän. Sogar Admiral. Und dieses Andrea ist auch kein Frauenname, es ist die italienische Form unseres Vornamens Andreas. Und als Andreas taucht der heute vor 550 Jahren geborene genuesische Seefahrer Andrea Doria auch bei Friedrich Schiller auf.

Der letzte Satz von Schillers ➱Verschwörung des Fiesco zu Genua lautet: Ich geh' zum Andreas. Der Republikaner ➱Verrina wechselt die Seiten, die Verschwörung ist zu Ende. Andrea Doria war nicht nur ein Seemann, er war auch ein Staatsmann, dem die Republik den Ehrentitel Liberator et Pater patriae verleiht. Bronzino (den Sie ja aus dem Post ➱Bilder- Texte - Bilder kennen) hat ihn als Neptun gemalt. Bei dem Bau des Luxusschiffes Andrea Doria hat die Reederei über eine Million Dollar für die Innenausstattung ausgegeben. Unter anderem gab es einen lebensgroße Statue des genuesischen Admirals. Wenn man etwas mehr Geld und Intelligenz bei der Statik des Schiffes verwendet hätte, wäre das Schiff nach der Kollision mit der Stockholm wohl nicht sofort gesunken. Die Stockholm ist übrigens, mehrfach umgebaut, immer noch auf den Weltmeeren unterwegs.

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