Samstag, 21. November 2020

vergessen


Der Landschaftsmaler Carl Robert Croll wurde heute vor zweihundertundzwanzig Jahren geboren, er ist so gut wie vergessen. Im Gegensatz zu seinem jüngeren Bruder, der hier mit Kometenschwanzleben schon einen Post hat. Croll hat an der Dresdner Akademie studiert, aber einen Einfluss von Johan Christian Clausen Dahl und Caspar David Friedrich spürt man bei ihm nicht. Es sind akribisch gemalte Bilder aus Dresden, Böhmen und Prag, die sein Werk ausmachen, aber sie sind ziemlich inhaltsleer. Wie diese Landschaft von Mariaschein (Bohosudov), das Bild hat mit den Landschaften von Dahl und Friedrich wenig gemein. Eher gibt es bei Croll einen Einfluss von Ludwig Richter, weil Croll häufig an der Zeichnerschule in Meißen bei Richter gewesen ist. 1931 schrieb der Kunsthistoriker Karl Wilhelm Jähnig in Das schöne Sachsen einen Aufsatz: Carl Robert Croll: Ein vergessener sächsischer Landschaftsmaler. Das war Croll: vergessen.

Karl Wilhelm Jähnig ist heute auch beinahe vergessen, er hat keinen Wikipedia Artikel, und auch das Dictionary of Art Historians kennt ihn nicht. Denn den Ruhm für sein Lebenswerk hat ein anderer abgesahnt. Jähnig, der als Kustos der Dresdner Galerie 1937 entlassen wurde, weil er mit einer jüdischen Ärztin verheiratet war, ist natürlich nicht ganz vergessen. Vor zehn Jahren schrieb der Oberkonservator an der Dresdner Galerie Neue Meister im Albertinum Gerd Spitzer den Aufsatz Caspar David Friedrich in der Dresdener Galerie: Karl Wilhelm Jähnig zum Gedächtnis.

Und mit Caspar David Friedrich komme ich zu einem anderen Vergessenen. Wir können uns das heute kaum noch vorstellen, aber vor hundertzwanzig Jahren war der deutsche romantische Maler so gut wie vergessen. Es war der norwegische Kunsthistoriker Andreas Aubert, der über Johan Christian Clausen Dahl promoviert hatte (was ihm eine kleine jährliche Rente des schwedischen Königs einbrachte), der schon in den 1890er Jahren in Zeitschriften wie Kunstchronik und Kunst und Künstler über Caspar David Friedrich geschrieben hatte. 1935 konnte Ilse Meyer-Lüne in ihrem Aufsatz Der Maler Johan Christian Dahl und sein Biograph Andreas Aubert in der Zeitschrift Der Norden schreiben: Andreas Aubert ist uns Deutschen kein Fremder. Seine Studien über Dahl führten ihn bekanntlich zur Wiederentdeckung Caspar David Friedrichs, auf dessen Bedeutung er bereits in den neunziger Jahren in mehreren Zeitschriftenartikeln hingewiesen hat. Seine geplante umfassende Monographie über Friedrich, die ein Gegenstück zu seinem Dahl zu werden versprach, blieb leider unvollendet, und nur ein Bruchstück ist unter dem Titel 'Gott, Freiheit, Vaterland' aus seinem Nachlaß veröffentlicht.

Was da 1915 in der Übersetzung von Luise Wolf mit einem Vorwort von Guido Joseph Kern übersetzt wurde, war nur ein einziges Kapitel des von Andreas Aubert geplanten Werkes, aber mit einem patriotischen Vorwort, das den Durchhaltewillen des deutschen Volkes ansprach, und diesem Gott, Freiheit, Vaterland im Titel gelangte jetzt der zuvor in Vergessenheit geratene Maler Caspar David Friedrich in ein ganz anderes Terrain. So schreibt ein gewisser Jochen Krüger 1838 in seinem Aufsatz Das 'Patriotische Bild' in der deutschen Romantik (abgedruckt in Nationalsozialistische Monatshefte): Hundert Jahre nach den Freiheitskriegen, in einer Zeit, als wir plötzlich in ähnlicher Lage uns befanden, verstanden wir sofort die Bildersprache der Romantik und ihre Parole: Gott, Freiheit, Vaterland.

Den Maler für die Nazis zu vereinnahmen, damit hat der Kunsthistoriker Karl Wilhelm Jähnig nichts zu tun, 1937 verliert er seine Stelle in Dresden, 1944 wird ihm die deutsche Staatsbürgerschaft aberkannt, sein Haus in Dresden verliert er auch. Aber er macht im Schweizer Exil damit weiter, womit er nach dem Ende des Ersten Weltkrieges begonnen hat: einen Katalog aller Werke von Caspar David Friedrich zu erstellen. Ein vollständiges beschreibendes Verzeichnis der älteren Gemälde der Dresdner Galerie hatte er schon 1929 vorgelegt. Jähnig wird es nicht mehr erleben, dass 1973 der große Caspar David Friedrich Katalog erscheint, er stirbt im Jahre 1960. Und neben seinem Namen steht noch ein anderer Name auf dem Buch: Helmut Börsch-Supan. Und der wird danach so agieren, als sei das alles seins.

Was er hinzugetan hat, ist Symbolik, Symbolik und Symbolik. Ich zitiere mal eben etwas, was schon in dem Post Kreidefelsen über dieses Bild steht, das Caspar David Friedrich auf Rügen gemalt hat: Das auf das Ufer gezogene Boot bezeichnet den Zustand der Seele nach dem Tod. In diesem Zusammenhang sollen die zum Trocknen aufgehängten Fischernetze vermutlich die Ruhe nach der Vollendung des Lebenswerkes ausdrücken. Der aufgehende Mond bedeutet die Erscheinung Christi im Jenseits... Und so weiter und so fort es gibt nur wenige Katalogeintragungen, bei denen Börsch-Supan notiert: ein allegorischer Sinn ist kaum zu erkennen. Ich kann's nicht mehr hören. Wie Sigmund Freud schon sagte: Manchmal ist eine Zigarre eben nur eine Zigarre. Und ein Boot auf dem Strand eben nur ein Boot auf dem Strand.

Das einzige Bild von Croll, das mir wirklich gefällt, ist vielleicht gar nicht von ihm. Aber diese Landschaft mit Fischern, die ihm vom Auktionshaus Dorotheum in Wien zugeschrieben wurde, gefällt mir sehr. Wurde für weniger als tausend Euro zugeschlagen. Der alte Trick der Holländer, den Horizont ganz tief zu legen, funktioniert immer wieder. Ob der kleine Mann im Vordergrund von besonderer Symbolik ist, weiß ich nicht. Vielleicht sollte man dazu Herrn Börsch-Supan fragen, der in den letzten Jahrzehnten als Gutachter für Auktionshäuser schönes Geld verdient hat. Der findet bestimmt in dieser Studie von licht en lucht noch tiefliegende Symbolik.



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