Samstag, 6. Februar 2010

Folksongs


Der Texaner John Lomax bekommt am Anfang des 20. Jahrhunderts ein Stipendium für graduate studies in Harvard. Die sind da seit den Tagen des berühmten Francis James Child die Nummer Eins der Volkliedforschung. Lomax studiert bei George Lyman Kitteredge. Der ist der Nachfolger von Child (und auch sein Schwiegersohn). Lomax hat keine große Lust, schottische border ballads zu erforschen und schlägt seinem Professor stattdessen Cowboy Songs als Forschungsvorhaben vor. Kitteredge sagt ja, und Lomax sammelt alles, was man ihm in Texas vorsingt. Das findet auch den Gefallen von Theodor Roosevelt, nach dem die Teddybären Teddybären heißen. Der wäre am liebsten Cowboy geworden. Und dass jetzt ein junger Forscher das nationale Erbe von Cowboysongs sammelt, das gefällt "Teddy" Roosevelt. Er wird das Vorwort zu Cowboy Songs and other Frontier Ballads schreiben. Sein Namensvetter (und entfernter Verwandter) Franklin Delano Roosevelt schwärmt für Home on the Range, aber diese inoffizielle Nationalhymne des amerikanischen Westens ist eigentlich ein Kunstlied, kein echter Folksong (obgleich ihn Lomax auch aufgeschrieben hat).

Moses (Moe) Asch ist der Sohn des Schriftstellers Scholem Asch. Er ist in Warschau geboren, aber jetzt ist er Amerikaner. Er studiert in den zwanziger Jahren Radiotechnik in Deutschland. Und Musik. Er wird aber damit gehänselt, dass die Amerikaner überhaupt keine eigene Musik haben. Musik haben nur wir Deutschen. Bei einem Parisbesuch findet Moe Asch bei einem bouquiniste am Seineufer ein Exemplar von John Lomax' Sammlung der Cowboy Songs. Das fasziniert ihn, amerikanische Volkslieder, keine ausgefeilte Lyrik, holprig, manchmal schmutzig. Anfang der dreißiger Jahr nimmt Scholem Asch seinen Sohn mit zu seinem Freund Albert Einstein nach Princeton. Moe Asch hat sein Aufnahmegerät dabei, er soll eine Radiobotschaft von Einstein aufzeichnen. Das kann er, das hat er gelernt. Beim Kaffee fragt Einstein den jungen Asch, was er denn einmal werden wolle. Asch sagt, eigentlich würde er gerne Mathematik studieren. Aber die Volksmusik Amerikas interessiere ihn auch sehr, es wäre doch ein schönes Unternehmen, das alles mit der neuen Technik aufzuzeichnen. Und da sagt Einstein: mach das, das Gerät, das Du da hast, das ist die Zukunft. Arbeitslose Mathematiker gibt es schon genug. Und er fügt hinzu: You're exactly right. Americans don't appreciate their culture. It'll be a Polish Jew like you who will do the job. Wir haben über diesen Tag in Einsteins Wohnzimmer ein halbes Dutzend Berichte, alle widersprechen sich in Details, aber nicht in der Sache. Das Einstein Zitat in dieser Version stammt von Pete Seeger, der mit Moe Asch befreundet war. Diese Version gefällt mir am besten. Sie ist wahrscheinlich auch wahr. Radio und Aufnahmegerät werden die Zukunft des Jahrhunderts sein. Moses Asch wird Amerikas kulturelles Erbe aufzeichnen.

Er wird zahlreiche Plattenlabels gründen, von denen das berühmteste das 1948 gegründete Folkways Records ist. Das ist eine Plattform für diejenigen, die die kommerzielle Plattenindustrie der dreissiger Jahre nicht interessiert. Zu wenig Chancen auf große Gewinne. John Lomax und sein Sohn Alan Lomax nehmen auch auf, aber für wissenschaftliche Zwecke. Jetzt in den dreißiger Jahren auch für die neuen Library of Congress Recordings. Aber Moses Asch zahlt wenigstens eine kleine Gage. Und alle seine Aufnahmen sind immer lieferbar. Das ist einmalig und ein wenig ruinös. Asch wird Woody Guthrie verpflichten, Pete Seeger und Cisco Houston. Wird Jazz aufnehmen und kubanische Rhythmen. Lange bevor der Begriff "Weltmusik" en vogue ist, gibt es die bei Folkways zu kaufen. Nach dem Tode von Asch im Jahre 1986 wird die Smithsonian Institution das Label Folkways kaufen, so dass das nationale Erbe Amerikas gesichert ist. Wenn Einstein, das so gesagt hat, wie Pete Seeger es überliefert, dann ist das eine weise Voraussage gewesen.

Meine erste Folkways LP hat mir mein Freund Ekke vor einem halben Jahrhundert aus Amerika geschickt. Sie hatte die Nummer FJ 2802, war die zweite in der Reihe Jazz und hieß The Blues. Blind Willie Johnson und Blind Lemon Jefferson sind da drauf. Und Ma Rainey, Jelly Roll Morton und Louis Armstrong. Die Platte war herausgegeben von Frederic Ramsey und mit einem photokopierten, selbstgetippten Text versehen. Frederic Ramsey ist 1995 im Alter von 80 Jahren gestorben, er war ein berühmter Mann. Bei Moses Asch schrieben Fachleute die Texte, da gab es keine unverbindlichen wischiwaschi liner notes. Ich musste meine Folkways Langspielplatte beim Hauptzollamt Bremen abholen, argwöhnisch beäugt von einem halben dutzend Zollbeamten. Heute ist der Kauf einfacher. Die Nummer FJ 2802 gibt es immer noch.

Freitag, 5. Februar 2010

Charlie Parker spielt La Paloma


La Paloma. Wer hat das nicht alles gesungen? Es sind neben den Aufnahmen, die schon Klassiker sind, wie die chilenische Nachtigall Rosita Serrano und der blonde Hans Albers, auch schlimme Sachen dabei. Heino, Roy Black, Roberto Blanco, Karl Dall. Freddy Quinn hat es natürlich gesungen, aber auch Curd Jürgens und Elvis Presley. Wenn Benjamino Gigli es singt, dann ist das Lied wieder da, wo es her kommt: Es ist kein Volkslied, es war auch ursprünglich kein Seemannslied. Die Habanera ist auf der Bühne der Oper von Mexico zum ersten Mal vorgetragen worden. Kaiser Maximilian war im Zuschauerraum. Der soll sich später kurz vor seiner Erschießung noch einmal La Paloma gewünscht haben, aber diese Geschichte ist wahrscheinlich erfunden.

Es sind selten wirkliche Seemannslieder, die von diesen schrecklichen Männerchören mit Schifferkrause und Finkenwarder Buscheruntje an den Küsten von Nord- und Ostsee gesungen werden. Der Hamborger Veermaster ist ja noch halbwegs echt. Er ist eine plattdeutsche Version des englischen Shanties The Banks of Sacramento. Es kommt aus der Zeit des Goldrausches, als Luis Trenker der Kaiser von Kalifornien ist. Rolling Home gibt es zwar mit einem plattdeutschen Text, aber es ist auch ein englisches Lied. Deutsch dagegen sind Eine Seefahrt, die ist lustig, Auf einem Seemannsgrab, da blühen keine Rosen, Wir lagen vor Madagaskar, Hein Mück' aus Bremerhaven und ähnlicher Klangmüll. Echte Shanties kommen aus der großen Zeit der Royal Navy, aber solch hübsche Dinge wie Boney was a Warrior kann kein Heino vermarkten. Erstaunlicherweise findet man im Internet heute ganz liebevoll gemachte Seiten mit echten Shanties, wie zum Beispiel diese ➯Seite. Und natürlich hatte ein Label wie Folkways früher echte Shanties und Whaling Songs im Angebot.

La Paloma ist natürlich nur echt, wenn der blonde Hans es singt, wenn seine Stimme in den hohen Lagen kiekst und schluchzt. Wenn wir auf der Platte ihn hören, können wir nicht sehen, dass die blonde Haarfülle ein Toupet ist. In der Welt der Seemannslieder ist eben nicht alles echt. Wir können ihn heute aber dank YouTube jederzeit singen sehen. In dem Filmausschnitt aus Große Freiheit Nr. 7, da singt er einen Text, den ihm der Regisseur und Drehbuchautor Helmut Käutner geschrieben hat. Herzzerreißend. Und dann dieser Dialog zweier Hafenschönheiten. Der singt heute so anners - So ganz anners - Irgenwas stimmt nich. Was nicht stimmt, hat natürlich wieder mit Frauen zu tun. Was Hans an diesem Abend singt, ist ein Abschiedslied auf seine neue Liebe zu Ilse Werner. Die hatte er schon Paloma getauft. Sowas bringt kein Glück. Aber was auch so ganz anners ist und nicht stimmt, ist natürlich der Text. Der Großadmiral Dönitz, den Goebbels zu Premiere nach Prag geschickt hatte, war entsetzt über den Film. Das emphatische gesungene Einmal muss es vorbei sein, das hört man in der Nazi Führung 1944 nicht so gerne. Und: Jetzt heißt es auf Gott vertraun/ Seemann gib acht, dann strahlt auch als Gruß des Friedens/ hell in der Nacht das leuchtende Kreuz des Südens/Schroff ist das Riff, und schnell ein Schiff zugrunde/ Früh oder spät schlägt jedem von uns die Stunde sind nicht gerade die Worte, die der Dr. Goebbels 1944 gerne hören würde. Der Film bleibt für das Deutsche Reich bis zum Kriegsende verboten.

Eins der schönsten Kunstlieder aus der Welt der Matrosen hätte ich gerne von Hans Albers gehört, aber er hat es nie gesungen. Es ist ➱Walter Mehrings Wir haben die ganze Welt gesehn aus dem Jahre 1920, das so wunderbare Zeilen wie Wir sahen den toten Menelik/hoch zu Krokodil/wir sahen überall Krieg/und Willem im Exil enthält. Leider wird dieses politische Chanson nur von Unteroffizieren bei Reservistentreffen gegrölt. Es hatte bei der Bundeswehr früher den Titel Das Unteroffizierslied, ich habe es in der verstümmelten Fassung auch gelernt, als ich Fahnenjunker wurde. Vielleicht kann der Unteroffizier der Reserve von und zu Guttenberg das ja auch singen. Aber weil der blonde Hans das leider nie gesungen hat ◉, wird man ihn immer mit La Paloma identifizieren. Bis ins Grab hat es ihn verfolgt, aber da konnte er es nicht mehr hören, als es bei seiner Beerdigung in Olsdorf 1960 gespielt wurde.

Charlie Parker hat wirklich einmal La Paloma gespielt. In New York am 23. Januar 1952 mit seinem Charlie Parker Quintett (Benny Harris, Walter Bishop, Teddy Kotick, Max Roach Und Luis Miranda). Aber leider ohne Hans Albers.

◉Nachtrag 2012: Sorry, Hans Albers hat das Lied von Walter Mehring auch gesungen, man kann es ➱hier hören.

Eisenhammer


Dryander war an den Abhang des Gartens getreten und schaute in das dunkle Tal hinaus; man unterschied nur noch einzelne Massen von Wald, Feldern und Dörfern, durch die weite Stille kam der dumpfe Schlag eines Eisenhammers herüber... Das ist natürlich Eichendorff. Der Eisenhammer (den schon 1517 Nicolas Bourbon besungen hatte) stört in diesem Idyll im zwanzigsten Kapitel von Dichter und ihre Gesellen ein wenig. Er störte auf jeden Fall in den fünfziger Jahren einen von Deutschlands führenden Germanisten: Maschinenlärm aus einer Fabrik - denn um nichts anderes handelt es sich - etwas weniger "Romantisches" ist schwer zu denken, schrieb Richard Alewyn. Diesen unromantischen Erscheinungen sei kein Reiz abzugewinnen. Woraufhin der ebenso berühmte Leo Spitzer seinen verehrten Kollegen bezüglich des unpoetischen Charakters des Rohmaterials, das der Dichter gebraucht ein wenig korrigieren musste. Alle Germanistikstudenten freuten sich damals über diese mit Samthandschuhen geführte Literaturfehde.

Wenn William Wordsworth mit seiner Schwester Dorothy lonely as a cloud durch die Landschaft des Lake District wandert, sind da zwar gelbe Narzissen (ten thousand saw I at a glance) aber keine Fabriken. Es sind jetzt viele Dichter auf der Suche nach der blauen Blume unterwegs, aber sie treffen offensichtlich selten auf die Spuren der industrial revolution.

Außer immer wieder bei Eichendorff. So in Viel Lärmen um Nichts: Die Wälder rauschten durch die weite Stille, aus der Ferne hörte man den dumpfen Schlag eines Eisenhammers oder "Wo führen Sie mich hin?" sagte endlich die Gräfin wieder, "da höre ich einen Eisenhammer in weiter Ferne." Oder, in Ahnung und Gegenwart: Der Schlag der Eisenhämmer kam nur schwach und verworren durch das Singen der Vögel und den schallenden Tag aus der fernen Tiefe herauf. Aber auch hier ist die Fabrik in der weiten Ferne, so mag die Technik in der romantischen Landschaft einigermaßen erträglich sein.

Im Jahre 1824 begleitet James Cooper einen Engländer namens Edward Smith-Stanley und drei englische Adlige auf einem Ausflug den Hudson hinauf zu den Wasserfällen von Glens Falls. Cooper ist ein wenig angeekelt, überall in der romantischen Natur Fabriken, zum Teil schon aufgegebene Ruinen von Fabriken. In den Worten seiner Tochter liest sich Coopers Ekel etwas netter: The hand of man had already been busy there, turning the power of the stream to account for industrial purposes. Angesichts des Wasserfalls unter der dahinter liegenden Höhle macht Smith-Stanley dem Romautor Cooper den Vorschlag, diese scene of romance in einen Roman zu schreiben. Das notiert Smith-Stanley, der 14. Earl of Derby (und spätere Premierminister), so in seinem Tagebuch. Wir kennen die Szene aus The Last of the Mohicans, wenn Cora, Alice und Major Heyward begleitet von Natty Bumppo und seinen indianischen Gefährten hier Schutz vor dem bösen Magua suchen. Natty Bumppo wird eine lyrische Beschreibung der pittoresken Naturszenerie liefern, aber auf der gleichen Seite meldet sich auch der kritische Autor mit einer Fußnote zu Wort. Jetzt sei das alles nicht mehr so schön wie im Jahre 1757. Die Schönheit der Natur, die man in Europa bewahren würde, wird in der neuen Nation vernichtet, simply with a view of "improving" as it is called. Wir wissen, wohin dieses improving führt.

In seinem ersten Lederstrumpf Roman, The Pioneers, hat Cooper eine Art ökologisches Manifest für das romantische Amerika geschrieben. Immer wieder wird vor der Ausbeutung und der Vernichtung der riesigen jungfräulichen Natur gewarnt. Aus dem Munde des Judge Temple (wiedererkennbar Coopers Vater) sind das praktische Erwägungen, aus dem Munde von Natty Bumppo ist es die Bewahrung der Natur um der Natur willen. Die Figur des Holzhauers Bill Kirby, der sinnlos Bäume abhackt, die Szene mit der Vernichtung der Wandertauben (wobei auch eine Kanone zum Einsatz kommt), der große Fischzug - das alles sind für Cooper Warnungen an seine Landsleute. Wenn man schon das American Paradise besitzt, wenn man God's Own Country und Nature's Nation ist, dann muss man auch richtig mit diesem Erbe umgehen. Es ist nicht der immer wieder gefeierte Henry David Thoreau mit seinem autobiographischen Walden, der die Blaupause für die ökologische Bewegung liefert, es sind zwei Jahrzehnte zuvor Cooper und andere Schriftsteller. Thoreau ist mir immer als zweifelhafter Gewährsmann für eine konservierende Naturphilosophie erschienen, schließlich hat er einmal aus Unachtsamkeit einen ganzen Wald angezündet. Und nicht mal bei den Löscharbeiten geholfen.

Der Maler Thomas Cole, der die ersten romantischen amerikanischen Landschaften gemalt hat, hat auch Gedichte geschrieben, in denen er vor der Vernichtung der Natur warnt. Und sein Freund, der Naturdichter William Cullen Bryant (Amerikas Äquivalent von William Wordsworth), findet in seinem Gedicht The Indian at the Burial Place of his Fathers (und auch in The Prairies) klare Worte der Warnung. In Coopers Roman The Prairie sagt sein, nun schon über achtzig Jahre alter, Held Natty Bumppo, I often think the Lord has placed this barren belt of Prairie, behind the States, to warn men to what their folly may yet bring the land...And yet the wind seldom blows from the east, but I conceit the sounds of axes, and the crash of falling trees in my ears. Von hier bis zu Rachel Carsons Silent Spring ist es nicht weit. Und das alles simply with a view of "improving". Da braucht man dann auch das Kyoto Protokoll nicht zu unterschreiben.

Die wilden Tauben, die in dem Kapitel The Slaughter of the Pigeons des Romans The Pioneers beschrieben werden, waren millionenfach in Amerika vertreten. Man wird sie im 19. Jahrhundert (wie die Indianer) ausrotten. Das letzte Exemplar der ectopistes migratorius ist 1914 in Zoo von Cincinnati gestorben.

Donnerstag, 4. Februar 2010

Grabsteine


Der Soldat William Christman ist der erste, der 1864 auf einem Friedhof begraben wird, der der nationale Heldenfriedhof Arlington sein wird. Sein Grab schaufelt ein ehemaliger Sklave namens James Parks, der vor dem Krieg hier gearbeitet hat (auch er wird hier begraben). Als James Parks hier noch Sklave war, gehörte das Land Robert E. Lee. Jetzt hat der siegreiche Norden den Park des Südstaatengenerals enteignet. Man braucht im letzten Kriegsjahr Friedhöfe, keine Parks. Hier in Arlington werden Kriegshelden und Präsidenten ihre letzte Ruhe finden. Aber auch viele Unbekannte. Und für jeden Krieg, den die USA geführt haben, gibt es ein Grab des unbekannten Soldaten. In Arlington ist auch der amerikanische Autor von hard-boiled novels Dashiell Hammett begraben. Er hatte ein Recht darauf, der Sergeant Hammett war Veteran zweier Weltkriege. Auf dem weißen Standardstein steht Samuel D. Hammett, der Name seiner letzten Einheit, seine Lebensdaten und World War I & II. Er hatte es sich gewünscht, hier begraben zu werden. Er wollte kein feierliches Begräbnis, aber er hat doch eins bekommen. Seine Lebensgefährtin, die amerikanische Schriftstellerin Lillian Hellman, verlas eine kurze Würdigung: Dash wrote about violence but he had contempt for it and thus he had contempt for heroics... He believed in man's right to dignity and never in all the years did he play anybody's game but his own - he never lied, he never faked, he never stooped. Das letzte kann man über den Mann nicht sagen, der Hammetts Beerdigung in Arlington verhindern wollte. Der heißt J. Edgar Hoover und ist Chef des FBI. Lillian Hellman ist in den Jahren der Hexenjagd mutig gegen Hoover und den Säufer McCarthy aufgetreten, sie hat über diese Zeit in Scoundrel Time und Pentimento geschrieben. Hammett ist für seine Überzeugungen ins Gefängnis gegangen.

J. Edgar Hoover hat ein Staatsbegräbnis bekommen, der Sarg wurde auf dem Katafalk, der Lincolns Sarg getragen hatte, zum Kongressfriedhof gebracht. Nach den Feierlichkeiten vertreibt ein Friedhofsgärtner einige Jugendliche. Lasst die Blumen da liegen, ruft er. Dies ist das Grab eines berühmten Mannes. Ihr werdet noch in der Schule von ihm hören. Ja, wir haben von ihm gehört, und je mehr wir von ihm hören, desto schlimmer wird es. Dies ist der Mann, der Martin Luther King gehasst hat. Und der selbst schwarze Vorfahren hatte. Dies ist der Mann, über den der Jurist und Bürgerrechtler Frank J. Donner 1980 sagte: Hoover forged a blueprint for American fascism. Dies ist der Mann, der öffentlich eine puritanische Sexualmoral predigt und privat in Frauenkleidern auf seinem Schreibtisch tanzt. Sein Lebensgefährte Clyde Tolson liegt nur wenige Gräber von ihm entfernt auf dem Kongreßfriedhof. Hammetts Kollege Raymond Chandler wollte neben seiner Frau Cissy im Cypress View Mausoleum begraben werden, aber da sich kein Testament finden ließ, liegt er jetzt auf dem Mount Hope Friedhof in San Diego. Auf einer in den Rasen eingelassenen Steinplatte steht: In Loving Memory. Raymond Chandler. Author. Hätte er sich ein militärisches Begräbnis gewünscht, wäre der Sergeant Chandler nicht wie der Sergeant Hammett nach Arlington gekommen, sondern auf einen englischen Soldatenfriedhof. Schließlich hat er als Soldat der Gordon Highlanders einmal den Kilt dieses Regiments getragen. In Loving Memory: So behalten ihn seine Leser im Gedächtnis. Die Leser von Samuel Dashiell Hammett werden sich seiner auch immer in loving memory erinnern. Auf dem Grabstein von J. Edgar Hoover stehen diese Worte nicht.

Mittwoch, 3. Februar 2010

Ritter


Seinen ersten Roman, The Big Sleep, beginnt Raymond Chandler mit der Beschreibung eines Glasfensters in dem riesigen Haus des Generals Sternwood: there was a broad stained-glass panel showing a knight in dark armour rescuing a lady who was tied to a tree and didn't have any clothes on but some long and convenient hair. The knight had pushed the vizor of his helmet back to be sociable, and he was fiddling with the knots on the ropes that tied the the lady to the tree and not getting anywhere. I stood there and thought that if I lived in the house, I would sooner or later have to climb up there and help him. He didn't seem to be really trying. Hier spricht der wunderbar schnoddrige Erzähler Philip Marlowe, Raymond Chandlers Version eines Ritters. Der architektonische Alptraum der Sternwood Villa steht sicher für die Geschmacklosigkeit der amerikanischen Millionäre. Nathanael West hat drei Jahre nach Chandlers Roman in The Day of The Locust eine kleine Architekturgeschichte des schlechten Geschmacks in Hollywood geschrieben. Ritter in Amerika? Hatte nicht Goethe gedichtet: Amerika, Du hast es besser als unser Kontinent, das alte. Hast keine verfall'ne Schlösser und keine Basalte? Mit den Basalten hat sich der Meister ein wenig geirrt. Und neugotische Schlösser werden sich spleenige amerikanische Millionäre auch bauen. Das ist im 19. Jahrhundert in England, von wo die Welle auch nach Amerika schwappt, die große Sache.

Zurück zum Mittelalter. Man begegnet dem Industriezeitalter, indem man sich eine mittelalterliche Scheinwelt aufbaut. Der englische Kunsthistoriker ➱Mark Girouard hat das in seinem Buch The Return to Camelot: Chivalry and the English Gentleman detailreich beschrieben. Den Ritter auf dem Glasfenster hat sich Chandler nicht ausgedacht, es gibt dieses Bild. Es ist Sir John Everett Millais' The Knight Errant von 1870 (Tate Gallery), Philip Marlowes Beschreibung passt genau auf dieses Bild. Die Szene, die irgendwie aus der damals wieder aufflammenden Artus Mythologie stammt, bietet dem Künstler die Gelegenheit, eine nackte Frau darzustellen. Mit long and convenient hair, aber nackt. Sonst sind es bei den viktorianischen Malern ja nackte Römerinnen im Bade. Der double standard der viktorianischen Sexualmoral segnet den historischen oder mythologischen Akt ab.

Obgleich Chandler als Vertreter der amerikanischen hard-boiled school gilt, ist er doch im Herzen noch ein Viktorianer. Das kann man auch an seinen Jugendgedichten ablesen. Wenn man auf einer englischen Public School gewesen ist, bleibt man dem viktorianischen Geist der chivalry verhaftet. So tough Philip Marlowe ist und so voller wunderbarem (von Chandler selbst geprägtem) Slang seine Sprache ist, im Grunde bleibt er ein romantischen Relikt des knight und der chivalry. Die im 19. Jahrhundert seltsame Blüten getrieben hat. Man verkleidet sich mit Blechrüstungen und veranstaltet Turniere. Auch das wird in Amerika bereiwillig aufgenommen. Im Bürgerkrieg nehmen Südstaatenoffiziere Urlaub von der Front, weil sie zuhause auf der plantation ein Turnier am Laufen haben. Faulkners Großvater organisiert kurz nach Ende des Bürgerkrieges ein Turnier, um das Geld für ein Soldatendenkmal zusammen zu bekommen. Und noch im Juli 1870 kann sich Mark Twain über ein Turnier in Brooklyn herrlich aufregen. Für diese ganze mittelalterliche Welt von Sir Walter Scott hat Mark Twain nur Hohn und Spott übrig. Wenn in Life on the Mississippi ein gesunkener Mississippi Dampfer beschrieben wird, dann heißt der natürlich Walter Scott. Und Mark Twains Roman A Connecticut Yankee in King Arthur's Court ist eine Breitseite gegen diese ganze Bewegung. Am schönsten ist die Stelle, wenn unser Yankee die glänzenden Ritterrüstungen mit Werbebotschaften versieht. Und so reiten die Ritter auf der Suche nach dem Gral oder nach damsels in distress dann mit Werbung bepflastert durch die Landschaft. Wie Bundesligatrainer, deren Hemdkragen und Jackett mit den Namen der Sponsoren verziert sind.

Chandlers Freund ➱Ian Fleming hatte ihm einmal geschrieben: you after all write "novels of suspense" - if not sociological studies - whereas my books are straight pillow fantasies of the bang-bang, kiss-kiss variety. Chandler schreibt sociological studies der Gesellschaft in der Great Depression, und sein Held ist äußerlich tough. Aber nicht so tough wie die Helden von Dashiell Hammett, denn im Grunde seines Herzens ist Chandlers Wunschfigur (mit der er sich immer identifizierte) soft. Chandler hat seinen Helden in dem ➱Essay The Simple Art of Murder als eine Art Superman Helden in einer schlimmen Zeit beschrieben. Und es ist sicherlich kein Zufall, dass all die Comic Helden, die ständig Amerika retten, auch in der Great Depression auftauchen. Leider geschieht das nur in der Welt der Phantasie und der Welt der Literatur. Und natürlich flüchtet der Leser gern in solche Welten, wenn er sich in der wirklichen Welt bedroht fühlt. So wie sich die Viktorianer in den Mittelalterkult flüchten. Die Welt der Kriminalität verändern Wunschfiguren wie Philip Marlowe nicht. Philip Durham, Professor an der Universität von Kalifornien In Los Angeles hat das in seinem Buch Down These Mean Streets a Man Must Go: Raymond Chandler's Knight sicherlich am genauesten beschrieben: It must be emphasized, however, that the detective hero was only a literary one... he was only what his creator intended him to be - pure fantasy. As a symbol the detective hero was superb, but as a symbol he could never achieve reality. The result was that Chandler was actually writing romantic fiction, but by simulating reality through the hard-boiled attitude he could stay within an American literary tradition.

Benutzt die Gegenwart mit Glück! Und wenn nun eure Kinder dichten, Bewahre sie ein gut Geschick vor Ritter-, Räuber- und Gespenstergeschichten! dichtete Goethe in der letzten Strophe von Amerika, Du hast es besser. Irgendwie haben sich die Amerikaner nicht so ganz an Goethes Rat gehalten.

Montag, 1. Februar 2010

Schneiderkrieg


In der Welt der Londoner Schneider werden die Scheren gewetzt. Soho gegen Savile Row, Tony Lutwyche gegen Richard James. Letzterer war gerade Bespoke Designer of the Year des Jahres 2009. Und nun erzählt sein Konkurrent aus Soho dem Independent, dass die ready to wear (RTW) Anzüge (also das, was man hier früher von der Stange nannte) von Richard James das stolze Label Made in England zu Unrecht tragen. Kommen angeblich aus Afrika, und werden in Norwich nur noch mal aufgebügelt. Die alteingesessenen Firmen in der Savile Row, die da schon länger als hundert Jahre sind, haben sich eins ins Fäustchen gelacht, ob dieses Krieges zweier upstarts. Allerdings ist ihnen das Lachen vergangen, als in dieser Diskussion herauskam, dass auch zahlreiche renommierte Schneider der Row ganz ungeniert Anzüge aus der gleichen Quelle als Made in England Produkte verkauften. Bei Ede & Ravencroft und Gieves & Hawkes war man über die Nennung ihrer Firmennamen nicht so glücklich. Dass Kilgour, French und Stanbury (einst die Schneider von Cary Grant und Fred Astaire) Anzüge anbieten, die aus Shanghai (oder von William Yu in Hongkong) kommen, war ja schon länger bekannt.

Tony Lutwyche hat keinen Groll gegen die Savile Row, er ist stolz darauf, in Soho zu sein. Das ist die Heimat der kleinen englischen Schneider, und viele der großen Namen der Savile Row haben hier seit dem 19. Jahrhundert ihre Fertigungsstätten und sweatshops gehabt. Was man ja seit Thomas Hoods ➯Song of the Shirt, seit den Romanen von Dickens und den Schriften dieser beiden gemeinen Deutschen Marx und Engels lieber ganz geheim gehalten hat. Finger von unterbezahlten Schneidern, die sich blutig nähen, damit die Schneider der Row sich an den Gentlemen dumm und dösig verdienen: damit kann man keine Werbung machen. In den letzten Jahrzehnten hat es aber auch in Soho einige Schneider gegeben, die die piekfeine Gegend in London vermieden haben und trotzdem berühmt wurden. John Pearse und Mark Powell wären solche Beispiele. Und nun Tony Lutwyche. Der war Major in einem Kavallerieregiment bevor er sein Geschäft aufmachte. Er hat seine Anzüge zum Mitnehmen (RTW) nach seinen Vorgaben von einer Firma schneidern lassen, die auf erstklassige Maßkonfektion spezialisiert war. Beiläufig die gleiche Firma, die auch Richard James beliefert. Aber die Wensum Tailoring Ltd. verlagerte irgendwann ihre Produktion ins Ausland. Genauer gesagt nach Mauritius.

Die Insel gehört ja nun nicht gerade zu England, gehörte sie mal, aber 1968 hat man sie zurückgegeben. Die Freihandelszone dort ist eher berüchtigt für ihre Produktpiraterie. Aber es gibt hier auch Hersteller von Qualitätskleidung. Eine solche Fabrik wurde von dem Deutschen Karl Kaiser gegründet, der hier für seine eigene Marke Herrenoberbekleidung herstellen ließ, aber auch jahrelang für die Firma Boss Anzüge und Jacketts produzierte. Inzwischen gehört die Firma den Chinesen. Also verkauft Richard James in der Savile Row in London englische Anzüge mit dem Label Made in England, die aus einer chinesischen Fabrik auf Mauritius stammen. Sagt Tony Lutwyche. Er kann das jetzt so ungeniert sagen, denn er bezieht keine Anzüge mehr von Wensum Tailoring Ltd. Er hat vor Jahren, als die altehrwürdige Firma Chester Barrie (der einzige englische Hersteller von wirklicher Qualität) mal wieder Pleite war, die Firma gekauft. Die Firma heißt jetzt Cheshire Clothing Company. Bei der Vielzahl der Besitzerwechsel in den letzten Jahren sollten sie sich als Firmenzeichen die Cheshire Cat aus Alice in Wonderland nehmen. Das ist natürlich eine Maßnahme gegen die Globalisierung, die auch in England Arbeitsplätze sichert. Sagt der Ex-Major Lutwych. Und er kann jetzt damit Reklame machen, dass er der einzige ist, der qualitative Maßkonfektion Made in England anbietet. Und hat Ende des letzten Jahres eine Petion an den Premierminister aufgesetzt, unterschrieben von hunderten von Prominenten und nicht so Prominenten. Hierin bitte er Gordon Brown : to protect the standard and integrity of English tailoring and other goods by prohibiting any product not made entirely in this country from displaying the "Made in Britain" label. Mal sehen, was draus wird.

Die nation of shopkeepers, wie Napoleon sie genannt hat, hat den guten Ruf dringend nötig. Es wird den Engländern nachgesagt, dass sie mit einer gespaltenen Zunge reden. Sie sagen Gott und meinen Kattun, ist ein böses Wort aus dem 19. Jahrhundert. Und Politikern ist ja nie zu trauen. Gordon Browns Vorgänger, Tony Blair (der jetzt neuerdings Tony B-liar geschrieben wird), begann seinen Karriereaufstieg in scharfen engen Anzügen aus London, mit farbigem Konstrastinnenfutter. Er lädt als Premierminister den neuen shooting-star Oswald Boateng in die Downing Street ein. Tony ist damals "in". Aus Rule Britannia wird Cool Britannia. Heute ist er ganz gewaltig "out", trägt keinen Schlips mehr, offenen Hemdkragen und findet das wahnsinnig jugendlich. Trägt ein Hemd von Christian Louboutin, als er bei Berlusconi ist. Hätte er in den Kneipen von Leicester Lokalverbot bekommen, tragen da nur die Hooligans. Der modemäßige Absturz (an dessen Ende das Angebot von Louis Vuitton an Blair steht) von Blair begann, als seine spin doctors ihn volkstümlich erscheinen lassen wollen und das Gerücht verbreiten, er würde gar keine Anzüge von Paul Smith tragen, sondern seine Anzüge bei Marks und Sparks kaufen. Spätestens aber als er sich in Hongkong bei Manu Melwani (auch Sam the Tailor genannt) zwei Anzüge, vier Jacketts und ein Dutzend Hemden machen ließ. Bei dem Honorar von 240.000 Pfund, das er da irgendwo in China für seine Reden bekommen hat, wäre es ja wohl gerade noch drin gewesen, sich die Anzüge in England zu kaufen. Aber dann in England davon reden, dass man die heimische Wirtschaft stärken müsse. Es ist mir unerklärlich, warum jemand Tony Blair Geld dafür bezahlt, dass er Reden hält. Letzte Woche bekam er kein Geld für sein Reden, da saß er vor einem Untersuchungsausschuß. Der ihn mit Samthandschuhen anfasste. It's like watching a crocodile being questioned by toothless hamsters in Savile Row suits, kommentierte ein Zuschauer auf einer BBC Internetseite. Dieses toothless hamsters in Savile Row suits gefällt mir. Hüten wir uns davor, so etwas zu werden. Ob wir Savile Row Anzüge tragen oder nicht.

Lesen Sie auch: Maßkonfektion

Intertextualität


Thomas Pynchon ist ein amerikanischer Schriftsteller über den wir noch weniger wissen als über J.D. Salinger. Er entzieht sich beharrlich der amerikanischen Medienmaschinerie, die nichts Privates privat lässt. Vielleicht ist das ein Relikt aus puritanischen Tagen, als man a city upon a hill bauen wollen. Etwas, wo jedermann hineinschauen konnte. So wie die puritanischen Holländer früher keine Vorhänge vor den Fenstern hatten. Wir haben von Pynchon einige Photos, und er ist bei den Simpsons aufgetreten. Allerdings mit einer Papiertüte auf dem Kopf, auf der ein Fragezeichen war. Pynchon schreibt dicke Romane, rätselhaft, bizarr und voll von enzyklopädischer Bildung. Man könnte auch Papiertüten mit Fragezeichen auf den Buchumschlag malen. In dem Roman Mason&Dixon geht es um zwei englische Astronomen und Landvermesser, die für die berühmte Mason und Dixon Line verantwortlich sind. Die nach Amerika geholt wurden, um einen immer währenden Grenzstreit zwischen den Familien Penn und Calvert zu schlichten. Die Calverts waren schon etwas länger in dem neuen Land, Charles I. hatte seinem Freund Lord Baltimore eine Kolonie geschenkt, die der nach der Gattin von Charles benannte. William Penn bekommt seine Kolonie von Charles II., der damit seine Schulden abträgt. Penns Vater, der Admiral William Penn war einer der reichsten Männer Englands, er hatte dem König Geld geliehen. Könige haben ja nie Bargeld. William Penn Junior wollte die Kolonie New Wales nennen, aber der König sagte: nichts da, der Name Deines Vaters kommt in den Namen hinein. Also wird es Pennsylvania. Ein bürgerlicher Name für eine Kolonie. Virginia, New York, Carolina, Maryland, Georgia und Louisiana heißen nach Königen und Königinnen. Sowohl Lord Baltimore als auch William Penn haben ihre Kolonien auf Religions- und Gedankenfreiheit und auf Toleranz begründet. Aber einige Generationen später ist es mit der Toleranz nicht mehr so weit her, Grenzstreitigkeiten unter Nachbarn, wie in der Schrebergartenkolonie. Mason und Dixon sollen es jetzt richten.

Wenn sich unsere Helden am Anfang des Romans im sechsten Kapitel auf einer englischen Fregatte befinden, schreibt der Autor Thomas Pynchon einen Schriftstellerkollegen in den Text hinein: "Excuse me, Captain, problem with the Euphroes again." "Get O'Brian up here, then, if it's about Euphroes, he's the one to see.""Hey, t'en, Pat. Scribblin' again, are ye? More Sea Stories?" Not only does O'Brian know all there is to know and more 'pon the Topick of Euphroes, and Rigging even more obscure,- he's also acknowledg'd as the best Yarn-Spinner in all the Fleets. Dieser Patrick O'Brian, der best Yarn-Spinner in all the Fleets, ist uns natürlich als der Autor von zwanzig Seeromanen bekannt. Pynchon deutet durch diese kleine Reverenz an, dass er alles, was er jetzt über das Leben auf Schiffen weiß, bei O'Brian abgeschrieben hat. Schriftsteller schreiben immer bei anderen Schriftstellern ab, das ist eine Tatsache der Literaturgeschichte. Für diejenigen, die das noch nicht wussten, hat der holländische Germanist Herman Meyer das mit seinem Buch Das Zitat in der Erzählkunst mit hunderten von Beispielen bewiesen. Neuerdings nennt die Literaturwissenschaft das Intertextualität. Intertextualität klingt auch besser als Klauen.

Aber versteht Patrick O'Brian wirklich etwas von all diesen nautischen Feinheiten wie euphroes und rigging? So wie Herman Melville und Joseph Conrad, die zur See gefahren sind? Die Antwort ist, und Patrick O'Brian Fans müssen jetzt ganz stark sein: Nein. Er ist nie zur See gefahren (er ist auch kein Ire, und er heißt auch nicht Patrick O'Brian). C.S. Forester, der Schöpfer von ➱Horatio Hornblower, ist immerhin mit einem kleinen Segelboot um ganz England gesegelt. Northcote Parkinson war Dozent am Royal Naval College. Douglas Reeman, der als "Alexander Kent" schreibt, war britischer Marineoffizier im Zweiten Weltkrieg. Richard Patrick Russ, der seine Romane als Patrick O'Brian in Südfrankreich schreibt, hat sich immerhin irgendwann einmal ein kleines Segelboot gekauft. Aber alles, was er an nautischen Fachtermini in seinen Büchern verwendet, hat er aus anderen Büchern.

Das ist ein Trick von Schriftstellern, durch das Nennen von tausenderlei Fachbegriffen, die der Leser nicht kennt, die völlige Beherrschung der Materie vorzutäuschen. Hemingway redet über Gewehre, als sei er in einer Waffenfabrik aufgewachsen. Der Meister dieser Täuschung ist sicher Ian Fleming gewesen. Der Schriftsteller Kingsley Amis hat diese Verwendung von Markennamen und Fachbegriffen in seinem witzigen James Bond Dossier den Ian Fleming effect getauft. Fleming wußte, was er tat: Um meine phantastischen Fabeln zu verankern, wende ich den Kunstgriff an, die richtigen Namen von Dingen und Orten zu verwenden. Die ständige Benutzung von wirklichen und vertrauten Namen und Dingen gibt dem Leser die Gewißheit, dass sowohl er wie der Autor mit beiden Beinen auf dem Boden der Tatsachen steht, obwohl beide in ein phantastisches Abenteuer verwickelt sind. Aus diesem Grund begann ich mit dem technischen Kunstgriff zu arbeiten, daß ich von einem Ronson-Feuerzeug sprach, von einem 4,5-Liter-Bentley mit einem Amherst-Villiers-Vorverdichter, dem Ritz-Hotel in London, dem 21 Club in New York, den genauen Namen auch für die geringfügigste Einzelheit. All das gibt dem Leser das Gefühl des Wahrscheinlichen. Man sollte natürlich hinzufügen, dass der ehemalige Commander der Royal Navy eine Welt beschrieb, die ihm in allen Details vertraut war.

Anders als die postmodernen Schreiber, die ihre Romanwelt nur aus anderen Romanwelten beziehen. Richard Henry Dana, Captain Marryat, James Fenimore Cooper, Herman Melville und Joseph Conrad sind zur See gefahren. Die wissen, worüber sie schreiben. Sie brauchen ihre seemännischen Kenntnisse nicht durch die Verwendung von tausenderlei Fachausdrücken zu beweisen. Oder sie sich wie Pynchon bei dem yarn-spinner O'Brian zu borgen. Wobei Thomas Pynchon nicht Thomas Pynchon wäre, wenn diese Romanstelle über euphroes and rigging even more obscure nicht auch eine Portion Ironie enthalten würde.