Montag, 12. April 2010

C.K. Stead: Kiwi


Irgendwie ist Neuseeland sehr weit weg. Seit Abel Tasman, Joseph Banks und James Cook wissen wir aber zumindest, dass es Neuseeland gibt. Dass es da auch eine literarische Kultur gibt (also nach Katherine Mansfield), erfahren wir nicht unbedingt jeden Tag im Feuilleton. Ausser die Autoren bekommen einen Preis wie Keri Hulme oder werden verfilmt wie Janet Frame. Bücher aus Neuseeland zu bekommen, das kann Monate dauern, sagt mir eine Bibliothekarin. Obgleich unsere Welt dank der Computer zu einem global village geworden ist (und jeder Dorfklatsch aus allen Winkeln der Welt im Nu auch bei uns auf den Bildschirmen zu lesen ist oder zwischen zwei Buchdeckel gepresst unter dem Titel Loslabern verkauft wird), bei Büchern sind wir offensichtlich wieder in die Zeit von Sir Joseph Banks zurückversetzt. Das Buch Plume of Bees: A literary biography of C.K. Stead von Judith Dell Panny ist 2009 erschienen, aber Amazon kennt es nicht (auch nicht amazon.com und nicht amazon.co.uk). Amazon weiß immerhin, dass Judith Dell Panny ein Buch über Janet Frame geschrieben hat. Aber das Buch über Neuseelands berühmtesten Literaten, das kennen sie nicht. Es gibt das Buch, ich habe es neben mir auf dm Schreibtisch liegen (und oben gibt es eine Abbildung). Also Amazon, kommt in die Puschen, ich gebe euch schon mal die tags: Judith Dell Panny, C.K. Stead, New Zealand, Biographie, Literatur. Und hier noch die Website des Verlages.

Dabei ist C.K. Stead (das C.K. steht für Christian Karlson, da merkt man noch die skandinavischen Wurzeln der 1832 in Neuseeland eingewanderten Familie) eigentlich weltbekannt, er hat von der englischen Königin einen CBE Orden, und er hat den Order of New Zealand, die höchste Auszeichnung, die Neuseeland zu vergeben hat. In England, wo er studiert hat (und Gastprofessor in Oxford war), kennt man ihn gut (er hat auch immer für Zeitschriften wie den London Review of Books geschrieben). Spätestens seit seiner Doktorarbeit, die 1964 als Buch erschien (The New Poetic) und über 100.000 Mal verkauft wurde. Das ist für ein Buch, das sich mit moderner Lyrik und T.S. Eliot beschäftigt, geradezu sensationell. Einige seiner Romane sind auch in Deutschland erschienen, und er hat gerade vor zwei Wochen den neugeschaffenen Sunday Times Short Story Preis gewonnen. Das bringt 25.000 englische Pfund (oder 52.635 neuseeländische Dollars), brachte ihm auch aber schon gewaltigen Ärger ein. Angeblich soll die Kurzgeschichte eine literarische Rache in einem literarischen Streit gewesen sein, so eine Art Gegenstück zu der Tod eines Kritikers Story. Mit Martin Walser hat Stead gemein, dass er eine eigene Meinung hat, die manchmal überhaupt nicht politically correct ist. Nicht so weichgespült, stromlinienförmig, teflonartig, wie neuerdings Autoren daherkommen. Das hat ihm schon Ärger mit Feministinnen eingebracht und mit Maori Autoren wie Keri Hulme. Ich weiß nicht, ob Stead Martin Walser kennt; der deutsche Autor, den er aber auf jeden Fall kennt, ist ➱Günter Grass. Von dessen Hundejahren hat er gelernt, wie man einen Roman schreibt, sagt er. Das Schreiben von Romanen hat er eigentlich erst angefangen, als er an der Uni als Professor aufgehört hat. Inzwischen sind es 11 Bände Prosa geworden, dem stehen 15 Gedichtbände gegenüber, die (soweit ich sehen kann) noch nicht ins Deutsche übersetzt worden sind. Und davon soll er hier einige Häppchen als poetische amuse gueule geben.

Karl Stead verbindet in seiner Lyrik Autobiographisches und Familiengeschichte immer wieder mit der Topographie und Geschichte Neuseelands, häufig verknüpft mit Reverenzen an seine poetischen Lehrmeister Yeats, Eliot und Pound. Als er noch klein war, wollte ihn seine Mutter zu einem kleinen Wunderkind machen. Und während draussen alles so schön grün ist, hat er drinnen clean hands on cold keys/cold feet on clean linoleum. Mütter als Musiklehrerinnen (die auch noch im wirklichen Leben Musiklehrerinnen sind) sind nicht unbedingt die beste Voraussetzung für eine Pianistenkarriere:

'Third finger! Third finger!'
That was the voice
from two rooms away.
I'd used second finger
or fourth.

That's how it was
having your teacher in the house
while you practised.

Not that the note was wrong,
just the finger.
How could she tell?

I was her worst pupil,
her biggest disappointment -
perfect pitch
and some failure of hand and eye.

Never mind, Mum,
you trained my ears.
They're listening still.

Als ich das zum ersten Mal las, stand vor mir der Klavierunterricht von vor über einem halben Jahrhundert wieder auf. Ich habe immer noch ein schlechtes Gewissen: was habe ich alles verpatzt, was hätte ich üben sollen. Ich habe meine Lektionen Jahrzehnte später nachgeholt, und all die Mozartsonaten und Stücke von Bach spielen gelernt, zu denen ich damals zu faul war. Oder weil ich damals davon träumte, Boogie Woogie Pianist zu werden. Karl Stead ist kein Pianist geworden, aber die Liebe zur Musik, die hat er zeitlebens behalten, wie wir es aus den letzten Zeilen entnehmen können.

C.K. Stead ist überzeugter Neuseeländer, aber manchmal, da muss er da einfach weg, muss Neuseeland von aussen sehen: I'm not a European, I'm a good keen kiwi and what is good for me being here is something to do with being shaken free of my own place for a bit - long enough to see it again freshly. And also being an academic I look down and find my feet set in concrete every few years and this is a way of breaking out. I like being here and I'm aware all the time that what is going on out there is of no intrinsic importance unless something is going on in here. Und das Auge des Dichters, das von poetischen Klavierlehrern von Yeats bis Eliot geschult ist zu sehen, entdeckt auch jenseits des vertrauten Landes die Poesie des Alltags.

Ich zitiere hier einmal Love is a lunatic city, das als Motto ein Zitat von Pablo Neruda hat: el amor, sino una ciudad loca. Stead hat es im Juli 2007 geschrieben, als er beim XVII Festival International de Poesia de Medellin war (Rod McKuen war da nie eingeladen):

Tropical fruit and thunder in the mountains;
the flash of water on crazily sloping streets,
precipitation on precipitation; the yellow cabs
and battered buses racing; the tiles I walk on,
the music (samba? salsa?) my ears are hearing
over the fan's buzz; the shout of papaya sellers;
the bank guard with his automatic rifle
and his friend with the silver revolver.
The sign outside the trauma hospital meaning
"we never close"; and in a quarter seeming
without hope, "La Esperanza - Centro Dental"...
Everywhere, derelict lives and smiling faces.

They are dining on balconies; in boulevards
their cars are killing one another; somewhere
they will be be dancing in the streets - because love 
is a lunatic city and a river runs through it
whose gold enticed them to this Nowhere-nonplace
where mule-tracks crossed in the mountains.
The gold is gone. Over a patch of park
where drunks and addicts die, the condors hover.
I climb the stairs to my room - for exercise,
or is it penance? The women are beautiful,
a beauty that lasts only as the gold lasted
and then is gone, replaced by a kind of grace.

Wenn wir nie dort waren, jetzt waren wir da. Das kann Lyrik, der verdichtete Augenblick, atmosphärisch komprimiert (ja, guck Dir das mal gut an, Rod McKuen!), das hier ist ein Dichter, den es zu entdecken lohnt. Ich verdanke die Entdeckung dieses Dichters (obgleich ich sein Buch über T.S. Eliot schon vor vielen Jahren gelesen hatte) natürlich Professor Judith Dell Panny, der unermüdlichen Vermittlerin neuseeländischer Kultur. Und deshalb geht heute Nacht dieses als Gruß nach Neuseeland. Thanks, Dell!

Number One


Amerikas erfolgreichster Dichter hat heute noch keine Botschaft für uns. Gestern hieß sein Thought for Today ganz schlicht Revolution nearly always destroys more than it liberates. Nicht gerade revolutionär. Sein Landsmann Thomas Jefferson war noch der Meinung, dass eine kleine Revolution von Zeit zu Zeit nicht schaden könne. In Lawrence Ferlinghettis Gedicht Lost Parents, das mit den Zeilen It takes a fast car to lead a double life beginnt, wird Amerikas erfolgreichster Dichter erwähnt. Da heißt es:

the ignition key hot
and the backseat a jumble of clothes for different life-styles
a surfboard on the roof
and a copy of Kahlil Gibran or Rod McKuen under the dashboard
next to the Indian music cassettes
packs of Tarot and the I-Ching crammed into the glove compartment
along with traffic tickets and hardpacks of Kents

Die Ziggis und die Strafmandate werden noch immer da sein (auch bei Leuten, die kein Doppelleben führen), aber einen Gedichtband von Rod McKuen wird man da heute vergeblich suchen. Heute findet man Rod McKuen eher im Internet, seine Gedichtbände, die sagenhafte Verkaufszahlen erreicht haben sollen, sind nicht mehr im Handel. Man kann sie noch erhalten, ab 1 Cent bei Amazon. Noch nie war ein Dichter so preiswert. Ich habe einen Paperback von Alone, 1975 erschienen, da gab es von ihm schon 11 Gedichtbände und 5 Collected Poems Ausgaben. Und der Verlag versicherte, dass man schon mehr als 10 Millionen Bücher des Dichters verkauft hätte. Heute sollen es angeblich über 65 Millionen sein. Das ist wahrscheinlich mehr als alle amerikanischen Dichter des 20. Jahrhunderts zusammen verkauft haben. Allerdings sucht man den Dichter vergeblich in allen Nachschlagewerken, er scheint ein Dichter des Volkes zu sein. Etwas, was Whitman sein wollte, aber der hatte nicht solche Verkaufszahlen. Nach dem Tode von W.H. Auden tauchte ein Satz des englischen Dichters auf dem Cover von Gedichtbänden von McKuen auf, der angeblich die Dichtkunst McKuens lobte. Allerdings wurde dieser Satz von Auflage zu Auflage vom Verlag verändert, und wir können Auden nicht mehr fragen, was er wirklich gesagt hat. Die Times-News von Hendersonville (North Carolina) hat McKuen den Carl Sandburg für unsere Zeit genannt. Das war 1973, jedoch hat sich keine überregionale Zeitung dieser Aussage angeschlossen. Sandburg hat auch gesungen (und Volkslieder gesammelt), er ist in seiner Zeit der beliebteste Dichter Amerikas gewesen. Er hat niemals die Verkaufszahlen von McKuen erreicht. Aber dafür ist er in jeder Anthologie amerikanischer Dichtung, unser Dichter aus Oakland nicht.

McKuen schreibt auch Songs (hat über tausend geschrieben) und singt auch, meistens eine Art Sprechgesang mit plüschiger Musik. Diese Art Musik, die man in den Sixties in Amerika im Hintergrund hörte, wenn man voll zugedröhnt war. Wenn man nicht den Geräuschen von Buckelwalen lauschte. Buckelwale sind besser. Seinen Durchbruch (und größten Erfolg) hatte er mit Cover-Versionen von Jacques Brel, ich hatte mal eine CD. Wenn man Jacques Brel mag, braucht man eigentlich keinen Rod McKuen. Er hat aber immer noch seine Fans, vornehmlich äußern sie sich im Internet: If the depths & innocence of compassion seem to have lost their way in either this world, or within your heart, listen to Rod McKuen. Your soul will be touched. Es ist nicht leicht, ein typisches McKuen Gedicht zu finden, aber ich nehme mal Oakland Bus Depot/1951

alone in the busy station
     I waited
but you never arrived.
people came and went
little family pageants
     were enacted
over and over again
and still
you did not come.
I watched 
the wall clock
picked out
     the dispatcher's
every scrambled word
I waited
and the hour grew late
still no you.
and so very weary
I left the station
and went home.

Rührt das nicht unsere Seele? Oder ist es einfach grottenolmschlecht? Wenn man einsam auf Bahnhöfen oder on the road ist, dann sollte man mal an Me and Bobby McGee denken

Busted flat in Baton Rouge, heading for the trains
feeling nearly faded as my jeans
Bobby thumbed a Diesel down
just before it rained
took us all the way to New Orleans...

Janis Joplin hat mit diesem Song von Kris Kristofferson den ersten Platz der amerikanischen Hitparade erreicht, und in dem Song ist mehr dichterisches Gefühl als in der lauwarmen Weichspülerlyrik von McKuen.

Christoph Dallach schrieb 2008 im Spiegel, dass der legendäre Held der Schwermut gerade wieder entdeckt wird. War das nur ein PR Gag für die Gesamtaufnahme (sieben CDs) von McKuen Songs bei Bear Records? Dichter der Schwermut gibt es ja seit John Keats zur Genüge. Und wenn man man Schwermut aus den Lautsprechern haben möchte, könnte man ja ➱Leonard Cohen oder die ➱Winterreise auflegen. Oder die Songs of the Humpback Whale.

Sonntag, 11. April 2010

Textil/Text


Als die US Navy das T-Shirt einführte (als Nachfolger der Trikot Leibchen der Sailors), da war dieses Unterhemd noch weiß. Bei der Army war es khakigrün, aber es war immer noch ein Unterhemd. Heute ist es ein fester Bestandteil der Herrenoberbekleidung geworden, mit dem sich jeder cool vorkommen kann, nicht nur Marlon Brando 1954 in The Wild One. Mit einem Schiesser Doppelripp U-Hemd aus den fünfziger Jahren gelingt das nicht jedem. Nur den schönen Männern in den italienischen Filmen des Neorealismus der fünfziger Jahre.

Das Unisex Leibchen ist inzwischen Werbeträger und Plakatfläche für mehr oder weniger eindeutige Botschaften, T-Shirts mit dem Aufdruck I fucked Paris Hilton sind nicht mehr so in, auch den Aufdruck man muß noch Chaos in sich haben, um einen tanzenden Stern gebären zu können, sieht man nicht mehr so häufig. Ganz selten ist ein T-Shirt, das ich einmal geschenkt bekam, auf dem steht: Ich kann lesen! Das hat nicht jeder, und immer weniger dürften so etwas tragen. An  diesem Vormittag gibt es bei ebay 1.098.972 T-Shirts in der Abteilung Herrenbekleidung. In der Damenbekleidung sind es nur 161.073. Bei der Kinderbekleidung ist das Angebot mit je 49.000 für Jungen und für Mädchen ausgeglichen.

An einem schönen Sommertag durch die Fußgängerzone einer deutschen Großstadt schlendernd, entdeckte ich einmal auf dem blass lila T-Shirt der jungen Dame vor mir die Zeilen:

Souvent pour s'amuser, les hommes d'equipage
prennent des albatros, vastes oiseaux des mers,
qui suivent, indolent compagnons de voyage,
le navire glissant sur les gouffres amers.

A peine les ont-ils déposées sur les planches,
que ces rois de l'azur, maladroit et honteux,
laissent piteusement leur grandes ailes blanches
comme des avirons traîner à côté d' eux.

Le voyageur ailé, comme il est grande et veule!
Lui, naguère si beau, qu'il est comique et laid!
L'un agace son bec avec un brûle-gueule,
l'autre mime, en boitant, l'infirme qui volait!

Le Poète est semblable au prince des nuées
qui haute la tempête et se rit de l'archer;
exilé sur le sol au milieu des huées,
ses ailes de géant l'empêchent de marcher.

Der Designer hatte nur die Hälfte des Baudelaire Textes auf dem Mädchenrücken plaziert, wenn man das Shirt extra large gekauft hätte, hätte es vielleicht den ganzen Albatros gegeben. Ich hielt die junge Dame für eine Romanistikstudentin und sagte an der nächsten roten Ampel zu ihr Das ist von Baudelaire, nicht? Worauf ich die Antwort bekam: Nein, von Diesel. Das ist der culture clash des täglichen Lebens.

Stefan George ist einer der Übersetzer von Baudelaires L'Albatros gewesen, seine Übersetzung verhält sich zum Original wie seine Photos im Vergleich zu den Aufnahmen, die Nadar von Baudelaire gemacht hat. Hier der strenge Deutsche, leicht dandyesk altertümelnd inszeniert, eine Mischung von Goethe und Gerhard Hauptmann. Dort der Künstler, der Dandy als Bohemien. Bei Baudelaire heißt es über das Schiff glissant, da ist Bewegung drin. Bei George ist alles so verknotet wie das Plastron auf seinen Portraitphotos: ....wenn auf seinen zügen/das schiff sich durch die schlimmen klippen zwängt. Das muss man mal laut lesen. Lediglich die letzte Strophe ist George gelungen, vielleicht hat er sich da mehr Mühe gegeben, weil er sich da selbst im Text wieder fand:

Der dichter ist wie jener fürst der wolke
er haust im sturm - er lacht dem bogenstrang
doch hindern drunten zwischen frechem volke
die riesenhaften flügel ihn am gang.

Ich gebe ja gerne zu, dass sich Baudelaire auch inszeniert hat. Aber nicht in dem Maße, in dem George und der George-Kreis sich zu einem Gralshüter von Deutschtum und Kultur gemacht haben. Als mir ein Freund vor kurzem die Lektüre von Ulrich Rauffs Kreis ohne Meister: Stefan Georges Nachleben empfahl, habe ich ihm geantwortet, dass ich noch immer darunter litte, mal ein Konvolut aller Schriften von Norbert von Hellingrath gekauft zu haben. Nichts gegen seine Verdienste als Hölderlin Herausgeber, aber überall, von der Kleidung bis zum Stil des Schreibens scheint diese große deutsche, heilige (und letztlich selbstgefällige) Bedeutung durch, die die Geisteselite des George Kreises auszeichnet. Der Baudelaire auf den Photos, die sein Freund Nadar gemacht hat, könnte Gauloises oder Gitanes rauchen. Für George wäre das sicherlich schrecklich.

Freitag, 9. April 2010

Stately Homes


Marlbrough s'en va-t-en guerre, ne sait quand reviendra, trällern französische Kinder seit dreihundert Jahren. Damals ist das Lied entstanden, als man ihn nach der Schlacht von Malplaquet fälschlicherweise totgesagt hatte. Das Lied ist leicht zu lernen, For he is a jolly good fellow hat die gleiche Melodie. Aber der Herzog von Marlborough gewinnt zusammen mit Prinz Eugen (dessen Taten wir den zweiten musikalischen Dauerbrenner, Prinz Eugen, der edle Ritter, verdanken) die Schlacht von Malplaquet und wird noch viele Schlachten gewinnen. Unter anderem die entscheidende Schlacht von Blindheim. Das kann ja nun kein Engländer aussprechen, also macht man Blenheim daraus. Und Blenheim heißt das neue Schloss, das sich John Churchill baut. Das dankbare englische Volk gibt ihm das Geld dazu. Genau genommen ist das Volk nie gefragt worden, ob es dankbar ist oder Geld geben will, das Parlament beschließt das mal so.

John Vanbrugh ist der Architekt von Blenheim, aber gleichzeitig baut er Castle Howard und Seaton Delavale. Eigentlich ist John Vanbrugh ja Offizier. Und Theaterautor. Und er verkehrt in den feinsten Londoner Kreisen, dem elitären Kit-Kat-Club. Da sitzen auch seine Auftraggeber. Die Detailarbeit in Blenheim überlässt Vanbrugh seinem Assistenten Nicholas Hawksmoor, und den ➱Garten legt Capability Brown an. Blenheim und Castle Howard werden die größten englischen Schlösser. Auf Repräsentation ausgelegt, nicht auf das praktische Leben. Denn in Blenheim ist die Küche so weit weg vom Esszimmer, dass das Essen bestimmt kalt ist, wenn es serviert wird. Aber das ist in Versailles wahrscheinlich nicht anders. Die englischen Adligen, die nicht so große Schlösser haben wie der Herzog von Marlborough, achten mehr auf Funktionalität als auf Repräsentation, wie der englische Kunsthistoriker ➱Mark Girouard in seinem Buch Life in the English Country House gezeigt hat. Der Italiener Andrea Palladio, dessen Stil die Engländer übernehmen werden, wenn der Vanbrugh Barock nicht mehr in ist, hat seine Villen immer nur funktional gebaut. Von dem kann der ganze englische Palladian Style viel lernen.

Obgleich das Schloss Zimmer genug hat, kommt der kleine Winston Churchill hier in einem der kleinsten Zimmer zur Welt. Als er später einmal gefragt wird, ob seine Mutter beim Tanz in Blenheim merkte [☆] oder ob es bei der Fuchsjagd war, dass er verfrüht zur Welt kam, hat er gesagt, dass er sich nicht so genau daran erinnern könne. Seine Mutter war damals zwanzig, sie war eine Amerikanerin. In der Familie ist zwar von einer Liebesheirat zwischen Lord Randolph Churchill und ihr die Rede, aber es wird schon eine Rolle gespielt haben, dass man Jennies Vater den König der Wall Street nannte. In dieser Zeit heiraten viele (ein Drittel der zwischen 1870 und 1914 geschlossenen Ehen des Hochadels) englische Adlige die Töchter der nach dem Bürgerkrieg reich gewordenen amerikanischen robber barons. Der berühmte englische Journalist W.T. Stead (der eines Tages mit der Titanic untergeht) hat dieses Phänomen als gilded prostitution bezeichnet. Winston Churchills Cousin, der 9. Herzog von Marlborough, wird eine Tochter aus dem Vanderbilt Clan heiraten. Wenn der englische Steuerzahler Blenheim nicht mehr, wie bei seiner Erbauung finanziert, muss jetzt das Geld für die Churchills aus Amerika kommen. Winston Churchill wird das Schloss und den Herzogtitel nicht erben, aber er wird neben seinen Eltern dort auf dem Dorffriedhof begraben werden. Er hat keine Amerikanerin abgekriegt, obgleich er das versucht hat.


Ein Jahrhundert nach der Entstehung des französischen Kinderliedes schreibt eine Engländerin namens Felicia Hemans (aus Liverpool) ein Gedicht, für das ihr englische Immobilienmakler bestimmt heute noch dankbar sind:

The stately Homes of England,
how beautiful they stand
midst their tall ancestral trees,
o'er all the pleasant land...

und so weiter und so fort. Sie hat zu Lebzeiten großen Erfolg mit sentimentalen und rührseligen Gedichten, ist aber ein Jahrhundert später nur noch Gegenstand von Spott und Parodie. Hemans Gedicht vorangestellt ist ein Motto aus Sir Walter Scotts Marmion: Where's the coward that would not dare to fight for such a land? Man kann die Frage nach dem coward leicht beantworten. Dieser Coward heißt Noel, und er hat eine der witzigsten Parodien zu dem Gedicht von Hemans geschrieben:

The Stately Homes of England
how beautiful the stand
to prove the upper classes
have still the upper hand

und am Ende der ersten Strophe dieses vielstrophigen Gedichtes (das leicht im Internet zu finden ist, deshalb erspare ich es mir, es zur Gänze abzutippen. Man kann dort auf YouTube einer Schallplattenaufnahme von Noel Coward lauschen, die auf einer Musiktruhe von 1938 abgespielt wird) heißt es:

The playing field of Eton
have made us frightfully brave - 
and though the Van Dycks had to go
and he pawn the Bechstein Grand,
we'll stand
by the Stately Homes of England.

Es ist natürlich so gekommen, wie Noel Coward es besingt. Die Aristokratie verkauft ihre Van Dycks und Gainsboroughs (und ➱Joseph Duveen wird damit Millionär, indem er das Inventar von englischen Schlössern an amerikanische neureiche Millionäre verhökert), heute sind sie dankbar für die Unterstützung durch den National Trust.

Das Bild oben zeigt nicht Blenheim, sondern Castle Howard, irgendwie sieht das immer (trotz seiner Größe) graziler aus als Blenheim. Es wirkt besonders gut auf den Farbphotos des Buches Die großen englischen Landsitze, das mir mein Freund Georg geschenkt hat. Da kann man Castle Howard mit den heraus geklappten Seiten auf 96 Zentimetern sehen.

[☆] Die Geschichte, dass ➱Winston Churchill sozusagen zwischen zwei Tänzen in der Garderobe von Blenheim Palace geboren wurde (weil seine Mutter nach der Geburt angeblich gleich weitergetanzt hatte), ist sicherlich nett, aber sie ist wohl nicht wahr. Das kann man der Biographie der charmanten Plaudertasche Anita Leslie entnehmen, die mit ihr verwandt war. Die Geschichte mit dem Tanz ist wohl deshalb erfunden worden, weil Lady Jennie Churchill die ungekrönte Partykönigin Londons war. Um ihr Baby hat sie sich nach der Geburt nicht sonderlich gekümmert. Dafür hat sie aber den Manhattan erfunden.

Fußballpoesie




Als Rudyard Kipling in seinem Gedicht The Islanders von den flannelled fools at the wicket or the muddied oafs at the goal schreibt, nimmt ihm das die Nation, die gerade die neuen Sportarten Cricket und Fußball verinnerlicht hat, ein bisschen übel. Aber richtig tolle Fußballgedichte von richtigen Dichtern gibt es auch nicht. Also auf einer literarisch etwas höheren Ebene als Was ist grün und stinkt nach Fisch? Wärdär Breeeeemen. So wirklich schöne Gesänge fallen den deutschen Fans (reimt sich auf Hooligans) auch nicht ein. Englischen Fans schon, die haben ein breites Repertoire von Liedern. Singen Vereinshymnen zur Melodie von Rule Britannia und Land of Hope and Glory, oder singen ganz ohne Hilfe von Gotthilf Fischer You'll never walk Alone.

Irgendwie scheinen die Musen der Dichtung wie Melpomene, Euterpe und Polyhymnia den Ball nicht so zu mögen. Die größten Dichter dieses Genres heißen Sportreporter, die ständig neue Bilder und Metaphern prägen, wenn Netzer aus der Tiefe des Raumes kommt und das runde ins Eckige muss, weil das Spiel, auch das Spiel ohne Ball, neunzig Minuten dauert. Leider sieht man manche dieser Wort- und Gedankenkünstler, wie den unvergessenen Heribert Faßbender, heute selten auf dem Bildschirm. Das einmal verliehene epitheton ornans blieb damals auch ewig mit dem Namen des Spielers verbunden, Eisenfuß Hoettges, Sense Ackerschott. Eilts, der Ostfriesen-Alemao. Libuda, der Flankengott vom Kohlenpott. Der Begriff Schwabenschwuchtel für Klinsmann ist Harald Schmidt gerichtlich verboten worden, es gibt offensichtlich Grenzen der Metaphorik. Die Bildlichkeit der Sportreporter erreicht der Fußballer selber nicht, obgleich aber manche seiner Sätze von elementarer Wucht sein können. Wie Lothar Emmerichs Gib mich die Kirsche! Oder Sätze, die von einem Titanen gesprochen wurden.

Am Anfang seiner Karriere schrieb ein junger deutscher Dichter Gedichte wie:

     Die Aufstellung des 1. FC Nürnberg vom 27.1.1968


                                     Wabra
                           Leupold      Popp
         Ludwig Müller   Wenauer   Blankenburg
   Starek   Strehl   Brungs   Heinz Müller    Volkert
                                Spielbeginn
                                   15 Uhr

Als er das damals in dem Audimax meiner Universität vorlas, merkte der Autor der Publikumsbeschimpfung, dass das Wort Publikumsbeschimpfung ein doppelte Bedeutung haben kann. Und was ist mit den Ersatzspielern? gellte es von den Rängen. Dies Gedicht, das am Anfang der Dichterlesung von Peter Handke stand, markierte auch seinen Untergang an diesem Abend. Der Gesellschaftsschreck schreckte die studentische 68er Gesellschaft nicht, das Publikum war mit seinen Zwischenrufen witziger als Handke. Er hat sich dann auch der epischen Form zugewendet. Obgleich da auch noch Fußball vorkommt, wie in Die Angst des Tormanns beim Elfmeter. Der einzige poetische Gewinn, den wir aus dem Gedicht mitnehmen können, ist, dass damals noch nicht mit einer Viererkette gespielt wurde.

Und man muss natürlich auch festhalten, dass der österreichische Autor natürlich nicht im geringsten an an die dichterische Pracht der Hymne auf Bum Kun Cha von Eckhard Henscheid herankommt:

Schön ist, Mutter Natur, deiner Erfindung Pracht,
die den großen Gedanken vermochte, den
Knaben zu träumen, zu denken - und dann auch zu
bilden mit den schnellen, beseelten, jauchzenden
Füßen des Jünglings: Flink und flitzend,
flirrend und flackernd - nicht lange fackelnd,
doch feuernd und feiernd; den fühlenden Herzen
Frankfurts zur Freude.
Bum Kun Cha! Freund aus dem Osten! Fremdling bist
Du nicht länger - nicht bittres Los ist Exil
Dir. Heimat, die zweite, du fandst sie.

Also, ich höre hier mal auf, das geht jetzt noch über hundert Verse so weiter. Aber es zeigt auch, dass die große dichterische Form der Hymne hier die einzige Form für den Gegenstand ist. Man wird sie nicht für alle gebrauchen können. Einzeiler wie Schiri! Wir wissen wo dein Auto steht sind in ihrer Form unübertrefflich. Manchmal ist ein Vierzeiler auch schon genug, wie in dem Gedicht Nächtliches Stadion von Günter Grass

Langsam ging der Fußball am Himmel auf.
Nun sah man, daß die Tribüne besetzt war.
Einsam stand der Dichter im Tor,
Doch der Schiedsrichter pfiff: Abseits.

Nicht immer haben Dichter im Abseits gestanden. Joachim Ringelnatz dichtete seine Verse über den Fußballwahn ganz selbstverständlich. Aber der wollte ja mit dem Gedicht auch keine tiefere Bedeutung haben, obgleich die beiden letzten Verse durchaus bedenkenswert sind: Ich warne euch, ihr Brüder Jahns/vor dem Gebrauch des Fußballwahns.

Fußballer selbst dichten kaum. Sie können auch meistens nicht singen, wie die zahlreichen Aufnahmen von deutschen Nationalmannschaften beweisen. Meistens können sie nicht mal die Nationalhymne. Das ist vielleicht keine Schande. Deutsche Politiker haben das selbst beim Fall der Mauer nicht hingekriegt, und Hillary Clinton kann die amerikanische Nationalhymne auch nicht. Aber selbst, wenn man sich professionelle Sängerinnen für die Nationalhymne holt, kann das schiefgehen. Wie bei der Sirene aus Delmenhorst (die mit ihrer kleinen Schwester immer eine Gefahr für Spieler von Werder Bremen wie Diego und Özil gewesen ist), die so schön Brüh' im Lichte dieses Glückes gesungen hat. Nur ein Lied, das für eine Nationalmannschaft geschrieben wurde, hat sich wirklich durchgesetzt. Nicht 1974 Fußball ist unser Leben, sondern 1996 Football's Coming Home.

Der Lorbeerkranz für ein unvergängliches Fußballgedicht gebührt sicherlich dem großen Dichter Kurt Feltz, denn den Refrain seines Liedes, den kennt jeder:

Der Theodor, der Theodor,
der steht bei uns im Fußballtor,
wie der Ball auch kommt,
wie der Schuß auch fällt,
der Theodor, der hält!
Die Männeraugen werden wach,
die Mädchenherzen werden schwach,
wie der Ball auch kommt,
wie der Schuß auch fällt,
der Theodor, der hält!
Und rollt der Angriff in unsern Strafraum,
dann kommt die Flanke und Schuß hinein!
Aber nein, aber nein, aber nein:
der Theodor, der Theodor
steht unbesiegt im Fußballtor,
wie der Ball auch kommt,
wie der Schuß auch fällt,
der Theodor, der hält, der hält,
ja unser Theodor, der hält, der hält!

Donnerstag, 8. April 2010

bêtes noires


Richard Wagner muss Riga 1839 bei Nacht und Nebel fluchtartig verlassen, kaum dass seine Frau Minna wieder zu ihm zurückgekehrt ist. Seine Gläubiger sind hinter ihm her. Richard und Minna und der Neufundländer Robber schleichen sich in der Dunkelheit auf die Thetis, die sie nach London bringen soll. Dank schlechten Wetters dauert die Reise drei Wochen. Richard Wagner hat jetzt bei Sturm und Regen ausgiebig Gelegenheit, Material für den Fliegenden Holländer zu sammeln. Öd und leer das Meer. Die Woche in London verläuft für die Wagners, bevor sie nach Boulogne weiter reisen, einigermassen enttäuschend. Man hat kein Geld, es reicht nur für billige Gasthöfe wie Hoop and Horseshoe und King's Arms, es reicht nicht für die Oper. Aber Sir Edward Bulwer möchte Wagner  kennenlernen, der hat den Rienzi geschrieben, Wagner ist gerade dabei, das zu vertonen.

Richard Wagner begibt sich zum Parlament und verlangt, den Baronet zu sprechen. Er trägt sein schwarzes Barett, ein schwarzes Cape, gestikuliert dramatisch und spricht das breiteste Sächsisch. Englisch kann er nicht, wird er nie lernen (sein Französisch ist auch nicht toll), aber einige Brocken Shakespeare hat er drauf. Mit sächsischer Aussprache. Aber waren die Angelsachsen nicht auch mal Sachsen? Ein unbekannter höflicher Gentleman erbarmt sich der seltsamen Erscheinung und zeigt ihm das Parlament. Und den Wollsack. Auch Wellington wird er von ferne sehen. Aber Sir Edward ist nicht da. Als Wagner 1855 für einige Monate als Dirigent nach London kommt, kann er immer noch kein Englisch, aber inzwischen kennt man ihn. Sogar die Königin besucht eins seiner Konzerte. Viel Wagner gibt es da nicht zu hören, die Engländer lieben Meyerbeer und Mendelsohn. Dass man das dem Judenhasser Wagner zumutet (obgleich er ja musikalisch Meyerbeer viel verdankt). Die ihm feindliche Londoner Presse ist für ihn nur ein Judengesindel. Wagner wird zum Dirigieren von Mendelsohns Italienischer Symphonie weiße Ziegenlederhandschuhe tragen, die er danach demonstrativ auszieht, wenn er Webers Euryanthe Ouvertüre dirigiert. Mit solchen Gesten macht man sich in England nicht beliebt.

Dass er in England berühmt wird und sich eines Tages ein Wagnerkult in England entwickelt (der bis heute anhält), verdankt er einem Deutschen namens Franz Hüffer, der sich in England Francis Hueffer nennen wird. Hueffer ist genau so wie die Karikatur sich einen Deutschen vorstellt, kahlköpfig, fett und laut. Und er hat zwei Götter, Wagner und Schopenhauer. Es gibt sogar einen zeitgenössischen Limerick über ihn:

There's a solid fat German called Hueffer
Who at anything funny's a duffer:
To proclaim Schopenhauer
From the top of a tower
Will be the last effort of Hueffer.

Aber der Dr. Hueffer wird noch berühmt werden, schreibt Bücher über Wagner, wird der Musikkritiker der Times. Er heiratet die jüngere Tochter von Ford Madox Ford. Sein Sohn Ford Madox Hueffer wird sich Ford Madox Ford nennen und als Literat bekannt werden.

Alfred Lord Tennyson und Wagner haben sich nicht gekannt, aber sie haben viel gemeinsam. Zum einen  kann ich sie beide nicht ausstehen. Sie werden damit berühmt, dass sie die Artuslegenden verwursten. Und sie tragen auch das gleiche Outfit, das ihren Künstlerstatus betont. Tennyson einen schwarzen Schlapphut, unter dem dem seine langen ungewaschenen Haare hervorquellen. Und ein Cape über die Schulter geschlungen. Einmal sagt er zu der kleinen (in züchtigem viktorianischen Mausgrau gekleideten) Elspeth Thompson: Child, your mother should dress you less conspicuously - people are staring at us. Eine Bemerkung, die zeigt, wie getrübt sein Wirklichkeitssinn ist. Was hätten Tennyson und Wagner zu einander gesagt, wenn sie sich in London getroffen hätten? Tennyson hat furchtbar lange und furchtbar langweilige Gedichte geschrieben, die von den langweiligen Viktorianern für große Lyrik genommen wurden. Oder schon früh parodiert wurden, sogar der Tennyson Liebhaber Lewis Carroll hat kleine Witzchen über Tennysons Maud gemacht. Eine der besten Parodien seines langen und tragischen Gedichts The Lady of Shalott (abgesehen von der Version von Lancelot auf dem Fahrrad von Phyllis McGinley) wird Fiona Pitt-Kethley zugeschrieben. Und diese ist glücklicherweise sehr kurz, weshalb sie heute zum Gedicht des Tages avanciert.

Terse verse:
saw knight pass
in glass
left room,
full of gloom.
Stole boat,
died afloat.

Das Bild oben zeigt die Lady in der Version von John Atkinson Grimshaw, der ein großer Verehrer von Tennyson war. Aber auch beinahe alle anderen viktorianischen Maler wie John William Waterhouse (unten) haben diesen Gegenstand gemalt. Tote, im Wasser schwimmende Frauen wie Ophelia oder auf dem Wasser schwimmende Frauen wie die Lady von Shalott, kommen bei den Viktorianern gut an. Wahnsinnig und tot, so können die Viktorianer die Frauen ertragen.

Mittwoch, 7. April 2010

Kathedralen


Liverpool hat zwei Fußballvereine und zwei Kathedralen. Das mit den Fußballvereinen, FC Everton und FC Liverpool, weiß eigentlich jeder. Das mit den Kathedralen ist weniger bekannt. Die Fußballvereine sind auch älter als die Kathedralen. Als die katholische Kathedrale 1967 fertig wurde, schrieb Liverpools bekanntester Dichter Roger McGough ein Gedicht für dieses Ereignis. Das soll hier heute stehen und kann zu dem unbedeutenden Geschwätz, wie der Kardinal Sodano so schön sagte, der letzten Tage beitragen. Als Ignatius von Antiochien im 2. Jahrhundert schrieb, Denn da, wo Jesus ist, ist auch die katholische Kirche, meint er das ein wenig anders als es heute klingt. katholikos bedeutete für ihn noch das Ganze betreffend, allgemein gültig. Ähnlich verwendet die englische Sprache das Wort catholic (klein geschrieben) heute noch. In Deutschland genießt die Wortkombination von katholisch und Kirche einen Namenschutz (den die römische Kirche auch in Prozessen verteidigt), aber da bedeutet katholisch offensichtlich etwas anderes als allgemein gültig.

Die katholische Kathedrale in Liverpool hat ihre Ursprünge im 19. Jahrhundert. Seit eine halbe Million katholischer Iren nach Liverpool gekommen waren, um nach Amerika zu reisen, aber viele von ihnen in Liverpool geblieben waren, gibt es da einen Bischofsitz. Den ersten Entwurf machte Edward Welby Pugin, der Sohn des berühmtesten Baumeisters der Neugotik, Augustus Welby Pugin. Aber das, was man sich erträumte, kam nicht zustande. 1933 beauftragte man Sir Edwin Lutyens, der für seine Landhausbauten berühmt war, mit einem neuen Plan. Der wollte die größte Kirche der Welt bauen. Die katholische Kirche war damals neidisch auf den Neubau der anglikanischen Kathedrale durch Charles Gilbert Scott. Dieser Bau ist die größte Kathedrale Englands geworden, und sie ist immer noch eine der größten Kirchen der Welt. Witzigerweise war ihr Architekt Scott katholisch. Lutyens, der Architekt der katholischen Kathedrale war Anglikaner. Aber von Lutyens Plänen ist nur die Krypta fertiggestellt wurden. 1962 begann man nach einer weltweiten Ausschreibung wieder mit einem Bau einer Kathedrale. Richtig modern, scheußlich. Da findet man das neugotische Monstrum der Anglikaner schon wieder hübsch. Dennoch ist der Bau in seiner Modernität irgendwie eindrucksvoll. Das Gebäude hat im Volksmund witzige Beinamen bekommen, Mersey Funnel (in Analogie zu Mersey Tunnel und weil es so aussah wie ein umgedrehter Trichter) und Paddy's Wigwam (weil es ein wenig wie ein Zelt aussieht). Der Architekt Frederick Gibberd ist von einem kreisförmigen Bauplan ausgegangen, weil man damit den Forderungen des Zweiten Vatikanischen Konzils nach einer größeren Verflechtung und Gemeinschaft von Gemeinde und Geistlichen nachkommen wollte. Das ist ein schönes Ziel, an das sich die römische Kirche mal wieder erinnern sollte. Von der Bombardierung im Zweiten Weltkrieg sind beide Kathedralen erstaunlicherweise verschont geblieben, lediglich die Kirche von St. Luke wurde von Bomben getroffen. Man hat sie so stehen lassen, als ewiges Mahnmal.

Roger McGough ist in Liverpool geboren, er ist katholisch wie seine irischen Vorfahren. Sein Vater war Hafenarbeiter, Roger war der erste in der Familie, der studiert hatte. Ist Lehrer gewesen, hat dann aber umgesattelt auf Dichter. Er war auch Mitglied der Komiker Gruppe The Scaffold (Paul McCartneys Bruder auch), die mit Thank you very much und Lily the Pink ganz oben in den Charts waren. Mit Lily the Pink hat McGough mehr verdient, als er als Lehrer je verdienen konnte. McGough hat auch für die Beatles geschrieben und war Teil dessen, was man damals so schön als den Mersey Sound bezeichnete. Unter diesem Titel stellte der Penguin Verlag 1967 Adrian Henri, Roger McGough und Brian Patten im Band 10 der Penguin Modern Poets vor. Die fortan nur noch die Liverpool Poets hießen. Als sie vom British Council zur Lesereise nach Deutschland geschickt wurden, wurden die Liverpool Poets einmal mit einem Plakat irrtümlich als Little Poor Poets angekündigt. Der Band des Penguin Verlages ist ein Bestseller geworden, und seit mehr als vierzig Jahren lieben die Engländer ihren Dichter Roger McGough, so wie sie John Betjeman und Philip Larkin geliebt haben. McGough has done for British poetry what champagne has done for weddings, schrieb Time Out einmal. Wir haben in Deutschland ja keine Dichter, die wir lieben können. Wir haben zwar Goethe, aber den lieben wir nicht wirklich. Und der ist auch niemals so witzig gewesen wie Roger McGough. Es ist sicher nur verdient, dass er Orden wie OBE und CBE bekommen hat und vor kurzem Ehrenbürger von Liverpool geworden ist.

Roger McGough lebt schon lange in London, aber für die Einweihung der neuen katholischen Kathedrale in seiner Heimatstadt hat er es sich nicht nehmen lassen, ein Gedicht zu schreiben, das mit seinem utopischen Gehalt damals sicher die katholische Kirche in Rom erschreckt hat. Heute erst recht.

Poem for the opening of Christ the King Cathedral, Liverpool 1967

O Lord on thy new Liverpool address
let no bombs fall
Gather not relics in the attic
nor dust in the hall
but daily may a thousand friends
who want to chat just call.

Let it not be a showroom
for wouldbe good Catholics
or worse:
a museum
a shrine
a concrete hearse
But let it be a place
Where lovers meet after work
for kind words and kisses
Where dockers go of a Saturday night
to get away from missus
Tramps let kip there through till morning
kids let rip there every evening.

Let us pray there
heads held high
arms to the sky
not afraid and kneeling
let Koppites*
teach us how to sing
God's "Top of the Pops" with feeling

After visiting you
May traffic wardens let noisy parkers off
and policemen dance on the beat
Barrowomen knock a shilling off
exatheists sing in the street

And let the cathedral laugh
Even show its teeth
And if it must wear the cassock of dignity
Then let's glimpse the jeans beneath

O Lord on thy new Liverpool address
let no bombs fall
Keep always a light in the window
a welcome mat in the hall
That it may be a home sweet
home from home for all.

Wäre das so schlimm, wenn die Kirche wirklich so wäre, wie McGough sie sich vorstellt? Ist das, was sie jetzt mit ihrem pomp and circumstance und dem konsequenten Negieren der wirklichen Welt ist, wirklich besser? Vielleicht sollte man in Rom mal über McGoughs Gedicht nachdenken.

Ich habe Roger McGough einmal bei einer Dichterlesung erlebt, er trug einen cremefarbenen Leinenanzug und las die Klassiker, mit denen er berühmt geworden war. Wie Let me die a youngman's death. Nach der Lesung habe ich ihn gefragt, ob er mir meinen alten Penguin Band von The Mersey Sound signieren könnte, ich sei ein Fan der ersten Stunde. Was er denn auch mit einem Lächeln getan hat.

*Koppites sind die Fans vom FC Liverpool.