Mittwoch, 7. September 2011

Warren Zevon


Shadows are falling and I'm running out of breath
Keep me in your heart for awhile
If I leave you it doesn't mean I love you any less
Keep me in your heart for awhile

When you get up in the morning and you see that crazy sun
Keep me in your heart for while
There's a train leaving nightly called when all is said and done
Keep me in your heart for while

Sha-la-la-la-la-la-la-li-li-lo
Keep me in your heart for while
Sha-la-la-la-la-la-la-li-li-lo
Keep me in your heart for while

Sometimes when you're doing simple things around the house
Maybe you'll think of me and smile
You know I'm tied to you like the buttons on your blouse
Keep me in your heart for while

Hold me in your thoughts, take me to your dreams
Touch me as I fall into view
When the winter comes keep the fires lit
And I will be right next to you

Engine driver's headed north to Pleasant Stream
Keep me in your heart for while
These wheels keep turning but they're running out of steam
Keep me in your heart for while

Sha-la-la-la-la-la-la-li-li-lo
Keep me in your heart for while
Sha-la-la-la-la-la-la-li-li-lo
Keep me in your heart for while
Keep me in your heart for while


Warren Zevon ist heute vor acht Jahren gestorben. Auf seiner letzten CD The Wind findet sich ➱Keep me in your heart for a while. Seine Cover Version von Knocking on Heaven's Door auch. Er wusste, dass er sterben würde, auch wenn er das Datum der Prognose seiner Ärzte um neun Monate überlebt hat. The Wind ist sicher das, was man ein musikalisches Vermächtnis nennt. Hier singt einer gegen den Tod an. Er hatte seine Freunde gebeten, an dem Album mitzuwirken. Viele berühmte Namen sind dabei: Bruce Springsteen, Ry Cooder, Don Henley, Tom Petty, Billy Bob Thornton und Emmylou Harris. Es gibt auch einen Dank an David Letterman, in dessen ➱Show war er im Vorjahr aufgetreten und hatte freimütig über sein langsames Sterben berichtet.

Some days I feel like my shadow's casting me
Some days the sun don't shine
Sometimes I wonder what tomorrow's gonna bring
When I think about my dirty life and times


Das ist der erste Song von The Wind, Keep me in your heart for a while ist der letzte. Keine Sorge Warren, we'll keep you in our hearts.

Dienstag, 6. September 2011

La clemenza di Tito


Heute vor 220 Jahren wurde die Oper La clemenza di Tito (deutsch manchmal nur als Titus) von Wolfgang Amadeus Mozart im Prager Ständetheater uraufgeführt. In der jüngsten Zeit erfreut sich La clemenza di Tito wieder des verstärkten Zuspruchs des Publikums, endet der Wikipedia Artikel. Ja, es ist erstaunlich: zehn Gesamtaufnahmen auf CD in den letzten zwanzig Jahren - die DVDs nicht mitgezählt. Auch Frau Netrebko hat ja schon bei der Oper mitgesungen, dann muss sie wirklich in sein. Es ist ein erstaunliches Phänomen, nach Mozarts Tod waren Die Zauberflöte und La Clemenza di Tito (die im Köchelverzeichnis nebeneinander liegen: 620 und 621) auf Jahrzehnte die beliebtesten seiner Opern. Obgleich sie nicht jeder mochte, Goethes Duzfreund Carl Friedrich Zelter (der zwei Jahre jünger als Mozart ist) auf keinen Fall. So schreibt er 1819 an Goethe: Den "Titus" von Mozart habe ich eben gesehen und gehört, und ich darf wohl sagen, daß er in Weimar besser gelang. Lauter Sängerinnen (4 an der Zahl), die sämtlich Großmütter sein könnten, doch alle von guter Übung. Die Campi muß in ihrer Jugend trefflich gewesen sein; jetzt kommt sie mir vor, als wenn sie schon im Mutterleib alt gewesen wäre. Solch ein Titus soll denn auch noch geboren werden, der in alle Mädchen verliebt ist, die ihn totschlagen wollen.

Mit dem letzten Satz spricht Zelter etwas an, was nicht zu leugnen ist: die Glaubwürdigkeit der Handlung ist gleich Null. Eine psychologische Durchdringung der Figuren, die Mozart in den Da Ponte Opern immer gelingt, findet hier nicht statt. Was bleibt sind edle Gesinnung, cardboard characters, eine musikalische Nummernrevue. Es ist eine Auftragsarbeit gewesen, die er nicht ablehnen konnte, er brauchte das Geld und die königliche Huld. Und so schreibt er dem Anlass gemäß eine opera seria, etwas was längst aus der Mode ist. Sie war gewissermaßen schon zu ihrer Entstehungszeit ein Relikt, schreibt Wolfgang Hildesheimer in seinem Mozart Buch. Mit solchen Relikten hat Mozart 1770 angefangen (Mitridate, re di Ponto), zehn Jahre später hat er mit Idomeneo die letzte opera seria geschrieben. Er hat den Auftrag auch nur gekriegt, weil Salieri abgelehnt hat. Jetzt schreibt er gegen die Zeit an, er schreibt noch in der Kutsche nach Prag. Sein Schüler Süßmayr darf mitschreiben. Wenig später ist Mozart tot, da darf der Anton Xaver Süßmayr noch das Requiem zu Ende schreiben.

Man hat die Oper Titus dann auch schnell vergessen. Ich kann das verstehen, ich mag sie auch nicht. Aber ich habe natürlich eine Aufnahme. Allerdings nur eine einzige, von anderen Mozart Opern habe ich ein Dutzend. Für meine alte Decca Aufnahme von 1967 verlangt ein Händler bei Amazon 182,98 €, für den Preis würde ich sie auch verkaufen. Ich habe die Decca Doppel-CD vor vielen Jahren gekauft, weil es nichts anderes auf dem Markt gab. Und weil es Decca war. Denn mit deren Aufnahmetechnik ist der Opernliebhaber ja immer gut beraten. Diese Decca Aufnahme hat auch noch einen besonderen Stellenwert: This Decca recording certainly kick-started interest in 'Tito' and acted as a catalyst for stage productions and other recordings, sagt Robert J. Farr in dieser lesenswerten ➱Rezension.

Ich finde Werner Krenn (der auch mal in Don Giovanni einen guten Ottavio an der Seite von Joan Sutherland gesungen hat) als Titus sehr gut. Karl Löbl und Robert Werba sind in dem Hermes Handlexikon Opern auf Schallplatten auch dieser Meinung. Das ist meiner Meinung nach das beste Lexikon dieser Art, weil die Autoren wirklich etwas von Oper verstehen und nicht nur Werbetexte von Schallplattenfirmen reproduzieren. Das tut das englische Magazin Gramophone natürlich auch nicht, aber Löbl und Werba rangieren bei Opern für mich noch weit vor den Kritikern von Gramophone.

Werner Krenn hat als Fagottist angefangen und war dann Tenor geworden, wobei seine Karriere bei den Wiener Sängerknaben sicherlich hilfreich war. Als Fritz Wunderlich starb, hat Karajan Werner Krenn sofort unter Vertrag genommen. Er durfte als erstes die Rezitative für Karajans Aufnahme von Haydns Schöpfung singen, die Aufnahme der Arien hatte Wunderlich vor seinem Tod noch vollendet. Werner Krenn, der natürlich keinen Wikipedia Artikel besitzt (Paul Potts, der noch nie eine Rolle in einer Oper von Anfang bis Ende gesungen hat, hat natürlich einen), hat seine Bühnenkarriere irgendwann aus familiären und gesundheitlichen Gründen aufgegeben. Und ist mit seinem Fagott wieder ins Orchester zurückgekehrt. Hier im Wiener ➱Oboen-Journal des Jahres 2005 gibt es eine kleine Würdigung seiner Person, mehr gibt das Internet nicht her.

Es wäre jetzt unfair wenn ich für den Rest der Besetzung Zelters Lauter Sängerinnen (4 an der Zahl), die sämtlich Großmütter sein könnten, doch alle von guter Übung wiederholen würde. Es sind nicht nur zu den Zeiten von Carl Friedrich Zelter vier Sängerinnen auf der Bühne. Die Rollen des Sesto und des Annio, die eigentlich für Kastraten geschrieben wurden, werden auch heute meist von einem Mezzosopran gesungen. Obgleich heute natürlich kein Mangel an guten Kontratenören ist. Seit den Tagen von Alfred Deller hat sich da einiges getan.

Die Sängerinnen der Decca Aufnahme sind alle keine Großmütter. Sie sind alle noch jung, in guter Übung dazu. Lucia Popp und Brigitte Fassbaender sind noch keine dreißig, Teresa Berganza mal eben darüber. Über Maria Casula, die die Vitellia singt, weiß ich nichts, außer dass Giuseppe di Stefano über die Frau aus Sardinien gesagt hat: donna e artista di razza dalla voce estesa e in grado di risolvere eccellentemente ruoli da soprano e da mezzosoprano; mi dicono che ora sta insegnando egergiamente canto al Conservatorio di Cagliari e che diverse sue allieve sono in carriera. Die Rolle, die sie singt, ist musikalisch die anspruchvollste Rolle der Oper. Die Sängerin der Vitellia muss stimmlich über zwei Oktaven gehen können, nur mit der Fiordiligi in Cosi fan Tutte verlangt Mozart einer Sängerin etwas Ähnliches ab. Aber dafür schreibt er ihr mit dem ➱Non più di fiori  auch eine tolle Arie, eigentlich den einzigen Ohrwurm der Oper. Wenn Sie das Beispiel da eben angeklickt haben, haben sie Vèronique Gens gehört (die natürlich auch in René Jacobs Cosi fan Tutte die Fiordiligi gesungen hat), eine der stilsichersten Mozartsängerinnen der neueren Zeit.

Das Wunderbare an Non più di fiori ist das konzertierende Solo-Bassetthorn im Hintergrund. Das Instrument mit dem warmen, dunklen Klang scheint ein Lieblingsinstrument von Mozart in seinem Sterbejahr zu sein, es taucht auch in der Zauberflöte und dem Requiem auf. Vielleicht könnte man sogar Bachs Cellosuiten darauf spielen. Wenn Sie jetzt glauben, dass ich völligen Unsinn rede, sollten Sie einmal Henk van Twillert zuhören. Das klingt auf einer richtigen Stereoanlage noch viel überzeugender als hier bei ➱YouTube. Seine Aufnahme der Cellosuiten mit einem Bariton Saxophon (Brilliant Classics) wäre mein Geheimtipp für Leute, die schon alles von Bach haben.

Vitellia kriegt nicht nur eine große Arie am Schluß, sie hat mit ➱Deh, si piacere mi voi auch gleich eine große Arie am Anfang. In diesem Beispiel singt Elina Garanca, die ihren Durchbruch vor Jahren in Salzburg mit der kleinen Rolle des Annio hatte. Man kann das auch anders angehen, wie ➱Dorothea Röschmann (Bild) zeigt, die mit dieser Rolle in jüngster Zeit brillierte. Was die Frau aus Flensburg hier macht, ist das, was alle neueren Inszenierungen mit der Oper versucht haben: etwas mehr Pepp in Rolle und Gesamtinszenierung zu geben. Wobei dann auch ganz unterschiedliche Auffassungen einer Figur herauskommen konnten. Vergleichen Sie doch einmal Vesselina Kasarovas Sesto in der ➱Harnoncourt Aufführung in Salzburg (mit viel Blut) mit der Inszenierung von Franz ➱Welser-Möst (ohne Blut) in Zürich. Das Schlimme bei dieser Tendenz zur Dynamisierung der Nummernrevue der opera seria ist natürlich, dass das gefürchtete deutsche Regietheater mit allen seinen Auswüchsen fröhliche Urstände feiert. Muss Vitellia bei ➱Non più di fiori derart unmotiviert über die Bühne rennen? Das lenkt doch alles nur von der Musik ab. Allerdings kann man sich dann schön auf die Frage konzentrieren, weshalb sie im kaiserlichen Palast nur ein Bett vom Sperrmüll haben.

Für die ➱Philippe Jaroussky Fans unter meinen Lesern habe ich auch eine Arie aus La clemenza di Tito. Allerdings ist diese Oper nicht von Mozart, sondern von Johann Adolph Hasse. Denn Pietro Metastasios Libretto aus dem Jahre 1734 ist von vielen Komponisten vertont worden. Hasse hat schon früh über Mozart gesagt: Dieser Knabe wird uns alle vergessen machen. Aber Hasse ist natürlich heute nicht vergessen, wenn es auch leider nicht all seine Opern auf CD gibt. Aber wenn ich ehrlich bin, würde ich eine schöne opera seria von Hasse Mozarts Titus jederzeit vorziehen.

Montag, 5. September 2011

ASLSP


Heute vor zehn Jahren hat man in Halberstadt begonnen, das Musikstück As slow as possible von John Cage aufzuführen. Den 5. September hat man gewählt, weil der Komponist an einem 5. September geboren wurde. Man kann das Stück offensichtlich in wenigen Minuten spielen. Aber in Halberstadt hat man es sich in den Sinn gesetzt, es ganz langsam zu spielen. Bremer haben für langsam das schöne Wort sitschepö, in Wendungen wie das mache ich ganz sitschepö. Das kommt nicht, wie man gemeinhin glaubt, von dem Wort sutje. Es kommt aus Bremens Franzosenzeit, vom französischen si je peux. Und wenn Bremer etwas machen, wie sie es gerade können und wollen, dann machen sie es langsam. In Halberstadt macht man das aber noch langsamer. 639 Jahre sollte es mit ASLSP dauern, zehn Jahre haben sie jetzt schon geschafft, also bleiben noch 629 Jahre.

Ich weiß jetzt nicht so ganz, ob das Kunst ist - die Wiedergeburt des Dadaismus? - oder reiner Quatsch? Ist das noch ad maiorem dei gloria? Himmlische Musik sieht anders aus, das wissen wir, denn wir kennen den Münchner Alois Hingerl, der auf seiner ➱Wolke sitzt und singt.

Sed fugit interea fugit irreparabile tempus. Damit wir uns die Zeit sinnvoller vertreiben, als seltsamen Tönen zuzuhören, gibt es hier heute zur Lektüre ein Gedicht, das auch von der Zeit handelt. Andrew Marvells To His Coy Mistress:

Had we but world enough, and time, 
This coyness, Lady, were no crime
We would sit down and think which way
To walk and pass our long love's day.
Thou by the Indian Ganges' side
Shouldst rubies find: I by the tide
Of Humber would complain. I would
Love you ten years before the Flood,
And you should, if you please, refuse
Till the conversion of the Jews.
My vegetable love should grow
Vaster than empires, and more slow;
An hundred years should go to praise
Thine eyes and on thy forehead gaze;
Two hundred to adore each breast,
But thirty thousand to the rest;
An age at least to every part,
And the last age should show your heart.
For, Lady, you deserve this state,
Nor would I love at lower rate.
But at my back I always hear
Time's wingèd chariot hurrying near;
And yonder all before us lie
Deserts of vast eternity.
Thy beauty shall no more be found,
Nor, in thy marble vault, shall sound
My echoing song: then worms shall try
That long preserved virginity,
And your quaint honour turn to dust,
And into ashes all my lust:
The grave 's a fine and private place,
But none, I think, do there embrace.
Now therefore, while the youthful hue
Sits on thy skin like morning dew,
And while thy willing soul transpires
At every pore with instant fires,
Now let us sport us while we may,
And now, like amorous birds of prey,
Rather at once our time devour
Than languish in his slow-chapt power.
Let us roll all our strength and all
Our sweetness up into one ball,
And tear our pleasures with rough strife
Thorough the iron gates of life:
Thus, though we cannot make our sun
Stand still, yet we will make him run
.

Sonntag, 4. September 2011

The Old Man and the Sea


He did not like to look at the fish anymore since he had been mutilated. When the fish had been hit it was as though he himself were hit. But I killed the shark that hit my fish, he thought. And he was the biggest dentuso that I have ever seen. And God knows that I have seen big ones. 
   It was too good to last, he thought. I wish it had been a dream now and that I had never hooked the fish and was alone in bed on the newspapers. 
   "But man is not made for defeat," he said. "A man can be destroyed but not defeated." I am sorry that I killed the fish though. Now the bad time is coming and I do not even have the harpoon. The dentuso is cruel and able and strong and intelligent. But I was more intelligent than he was. Perhaps not, he thought. Perhaps I was only better armed. 
   "Don't think, old man," he said aloud. "Sail on this course and take it when it comes." 
But I must think, he thought. Because it is all I have left. That and baseball. I wonder bow the great DiMaggio would have liked the way I hit him in the brain? It was no great thing, he thought. Any man could do it. But do you think my hands were as great a handicap as the bone spurs? I cannot know. I never had anything wrong with my heel except the time the stingray stung it when I stepped on him when swimming and paralyzed the lower leg and made the unbearable pain. 
   "Think about something cheerful, old man," he said. "Every minute now you are closer to home. You sail lighter for the loss of forty pounds." 
   He knew quite well the pattern of what could happen when he reached the inner part of the current. But there was nothing to be done now. 
   "Yes there is," he said aloud. "I can lash my knife to the butt of one of the oars." 
So he did that with the tiller under his arm and the sheet of the sail under his foot. 
   "Now," he said. "I am still an old man. But I am not unarmed." 
The breeze was fresh now and he sailed on well. He watched only the forward part of the fish and some of his hope returned. 
   It is silly not to hope, he thought. Besides I believe it is a sin. Do not think about sin, he thought. There are enough problems now without sin. Also I have no understanding of it. 
   I have no understanding of it and I am not sure that I believe in it. Perhaps it was a sin to kill the fish. I suppose it was even though I did it to keep me alive and feed many people. But then everything is a sin. Do not think about sin. It is much too late for that and there are people who are paid to do it. Let them think about it. You were born to be a fisherman as the fish was born to be a fish. San Pedro was a fisherman as was the father of the great DiMaggio.


Er träumt von Joe DiMaggio. Und den Löwen: He no longer dreamt of storms, or of women, or of great occurrences, not of great fish, nor fights, nor contests of strength, not of his wife. He only dreamt of places and the lions on the beach. Joe DiMaggio hat seine Karriere gerade beendet und Marilyn Monroe kennengelernt, als Hemingway The Old Man and the Sea schreibt. Er wird den Nobelpreis dafür kriegen. Seinen letzten Roman Across the River and into the Trees hatten die Kritiker verrissen. Jetzt will er es ihnen zeigen, A man can be destroyed but not defeated. Der Fischer Santiago kämpft einen langen Kampf. So wie Hemingway einen langen Kampf kämpft. Mit den Dämonen seiner Depressionen. Mit dem Alkohol. Gegen die Kritiker. It is silly not to hope.

A man is never lost at sea. Das ist so ein Satz, mit dem sich der Fischer Santiago Mut macht, wie mit dem Satz But man is not made for defeat. Ich weiß jetzt nicht, was der Schwarze in seinem Boot umgeben von Haien auf dem Bild von Winslow Homer The Gulf Stream (ganz oben) denkt. Aber als ich das Bild zum ersten Mal sah, dachte ich mir: so muss sich der Fischer Santiago fühlen. Vieles von dem, was Winslow Homer auf den Bahamas und in Key West gemalt hat, sieht so aus, wie man sich die Welt des Santiago in The Old Man and the Sea vorstellt.

Oder wie Stephen Cranes The Open Boat mit dem Anfang: None of them knew the color of the sky. Their eyes glanced level, and were fastened upon the waves that swept toward them. These waves were of the hue of slate, save for the tops, which were of foaming white, and all of the men knew the colors of the sea. The horizon narrowed and widened, and dipped and rose, and at all times its edge was jagged with waves that seemed thrust up in points like rocks. Many a man ought to have a bath-tub larger than the boat which here rode upon the sea. These waves were most wrongfully and barbarously abrupt and tall, and each froth-top was a problem in small-boat navigation.

Stephen Cranes Werk hat Hemingway sehr gut gekannt. Und schon eine Generation vor ihm hatte Joseph Conrad hatte den jungen Autor bewundert. Ich habe immer vermutet, dass Hemingway Stephen Crane ein klein wenig beklaut hat. Aber das ist wohl nicht so originell, die Literaturwissenschaft hat das auch schon herausgefunden. In The Old Man and the Sea beklaut sich Hemingway ein wenig selbst. Nach dem Misserfolg von Across the River and into the Trees schreibt er einen Roman, der erst nach seinem Tod unter dem Titel Islands in the Stream veröffentlicht wird. Geben Sie kein Geld für den Roman aus, Malcolm Cowleys Rezension ist noch das Netteste, was darüber gesagt wurde. Natürlich enthält er Stellen vom besten Hemingway wie (da ich nun schon mal bei der See, den Stränden und den Haifischen bin) diese:

The house was built on the highest part of the narrow tongue of land between the harbor and the open sea. It had lasted through three hurricanes and it was built solid as a ship. It was shaded by tall coconut palms that were bent by the trade wind and on the ocean side you could walk out of the door and down the bluff across the white sand and into the Gulf Stream. The water of the Stream was usually a dark blue when you looked out at it when there was no wind. But when you walked out into it there was just the green light of the water over that floury white sand and you could see the shadow of any big fish a long time before he could ever come in close to the beach. It was a safe and fine place to bathe in the day but it was no place to swim at night. At night the sharks came in close to the beach, hunting at the edge of the Stream, and from the upper porch of the house on quiet nights you could hear the splashing of the fish they hunted and if you went down to the beach you could see the phosphorescent wakes they made in the water. At night the sharks had no fear and everything else feared them. But in the day they stayed out away from the clear white sand and if they did come in you could see their shadows a long way away.

Es ist das Klügste, was Hemingway gemacht hat, dass er das Manuskript aufgegeben hat und sich auf die kleine Erzählung von Santiago und dem Hai konzentriert hat, die übrigens (wie Island in the Stream) ein Teil eines großen Werkes über die See werden wollte. Vielleicht wollte er hundert Jahre nach dem Erscheinen von Moby-Dick Herman Melville Konkurrenz machen. Es hat Kritiker gegeben, die The Old Man and the Sea mit Melvilles Roman verglichen haben, aber das ist wohl doch ein wenig vermessen, Nobelpreis hin oder her. Er scheint diese Geschichte schon lange im Kopf gehabt zu haben, denn in On the Blue Water: a Gulf Stream Letter einem Artikel, den er für das Magazin Esquire seines Freund Arnold Gingrich im April 1936 geschrieben hatte, findet sich schon die ganze Story (natürlich ohne die biblische Überhöhung):

[An] old man fishing alone in a skiff out of Cabañas hooked a great marlin that, on the heavy sashcord handline, pulled the skiff far out to sea. Two days later the old man was picked up by fishermen sixty miles to the eastward, the head and forward part of the marlin lashed alongside. What was left of the fish, less than half, weighed eight hundred pounds. The old man had stayed with him a day, a night, a day and another night while fish swam deep and pulled the boat. When he had come up the old man had pulled the boat up on him and harpooned him. Lashed alongside, the sharks had hit him and the old man had fought them out alone in the Gulf Stream in a skiff, clubbing them, stabbing at them, lunging at them with an oar until he was exhausted and the sharks had eaten all that they could. He was crying in the boat when the fishermen picked him up, half crazy from his loss, and the sharks were still circling the boat.

The Old Man and the Sea wurde heute vor 49 Jahren veröffentlicht. Steht so bei Wikipedia, stimmt aber nicht. Wie so vieles bei Wikpedia. Zum ersten Mal war die long short-story im Life Magazine am 1. September zu lesen. In einem Stück, ohne Werbung. An Extra Dividend in this Issue - The Old Man and the Sea - By Hemingway - A Complete New Book - First Publication stand vorne drauf. Life verkaufte mehr als fünf Millionen Exemplare von dem Heft. Die Buchausgabe von Scribner's folgte eine Woche später. Kostete damals drei Dollar, das Heft von Life hatte nur 20 cents gekostet. Heute muss man dafür über 30.000 Dollar auf den Tisch legen (die Erstausgabe von Life bringt gerade mal 200 $). Für meine englische Ausgabe von Jonathan Cape vom April 1953 habe ich mal zwei Mark fünfzig bezahlt. Jahre später habe ich die noch einmal gekauft, musste allerdings zwei Euro fünfzig dafür bezahlen. Dafür war es aber die englische Erstausgabe mit dem Originalumschlag, diesem bescheuerten lachenden Hai.

Der Künstler ist derselbe, der zwei Jahre zuvor den Buchumschlag für Across the River and into the Trees gestaltet hatte. Er wurde 1910 in München als Hans John Knox Aufseeser geboren und hat sich nach seiner Emigration nach England (sein Vater Ernst Aufseeser wurde 1933 von den Nazis als Professor an der Düsseldorfer Akademie entlassen) den Nachnamen Tisdall zugelegt. Seit den dreißiger Jahren war er bei Jonathan Cape für die Gestaltung der Buchumschläge zuständig (wobei er auch eine Vielzahl von jungen Künstlern einwarb). Tisdall, der in England sehr bekannt war (in seinem Heimatland weniger), ist 1997 gestorben. Seine Ehefrau Isabel, eine bekannte Modedesignerin, hat ihn um zehn Jahre überlebt. Trotz des distinktiven Tisdall Stiles finde ich den Buchumschlag fürchterlich. Der Händler, der das Buch mit € 2.50 auspreiste vielleicht auch. Wahrscheinlich mochte er keine lachenden Haie.

Alle Bilder im Text sind von dem amerikanischen Maler Winslow Homer (der hier irgendwann noch einmal in diesem Blog vorkommen wird). Ernest Hemingway hat ihn bewundert. So prollig und banausenhaft sich Hemingway für die Öffentlichkeit inszenierte, interessierte ihn Malerei schon. Von daher ist es sicherlich passend, dass man für den Buchumschlag der Complete Short Stories der Finca Vigia Edition dieses Bild von Winslow Homer genommen hat.


Samstag, 3. September 2011

Eugène de Beauharnais


Als ich sah, dass Napoleons Stiefsohn Eugène de Beauharnais heute vor 230 Jahren geboren wurde, da dachte ich mir, dass ich unbedingt über ihn schreiben müsste. Interessanter Mann. Und ich hatte vor Jahren diese dicke Biographie über ihn gelesen, von einem Bayernprinzen, sozusagen einem Verwandten. Aber dann stand die nicht im Regal, in der Ecke, wo die ganze Napoleon Literatur steht. Bis mir einfiel, dass ich die Biographie mal in die zweite Reihe verbannt hatte. Weil sie ein klein wenig langweilig war. Die anglo-amerikanischen Historiker, Leute wie Christopher Hibbert oder Simon Schama, hätten mehr daraus gemacht. Dennoch ist Adalbert Prinz von Bayerns Buch Eugen Beauharnais: Der Stiefsohn Napoleons (Berlin: Propyläen, 1940) wohl das inhaltsreichste Buch über Beauharnais, der in Bayern zu seinen vielen Titeln den eines Herzogs von Leuchtenberg bekommen hatte. Denn der in Paris geborene Beauharnais ist ja ein richtiger Bayer geworden. Nachdem er (gerade von Napoleon adoptiert) auf Anweisung Napoleons die 17-jährige Prinzessin Auguste Amalie von Bayern geheiratet hatte. Aus dieser Hochzeit aus Staatsraison ist erstaunlicherweise eine lebenslange Liebesgeschichte geworden. Das allein rechtfertigt doch schon ein Buch über ihn. Adalbert von Bayerns Buch lässt sich übrigens (meist in der zweiten Auflage von 1950) heute noch antiquarisch finden.

Nachdem ich nun die dunkelbraune Leinenausgabe mit dem Goldwapperl vorne drauf aus der Verbannung der zweiten Reihe geholt hatte und kurz davor war, die highlights daraus zum besten zu geben, dachte ich mir, ich sollte vielleicht noch etwas weiter forschen. Ich weiß nicht mehr, was mich bewogen hat, gleichzeitig nach Fontane (den Bayern ja eigentlich nicht interessiert) und Beauharnais zu suchen, aber dabei stieß ich auf etwas Erstaunliches. Zwei Gedichte von Fontane auf den Herzog von Leuchtenberg. Gefunden und veröffentlicht von dem berühmte Fontane-Forscher Helmuth Nürnberger.

Der Grand Old Man der (west-) deutschen Fontane Forschung Helmuth Nürnberger hatte 1997 (30 Jahre nach seinem großen Buch Der frühe Fontane und der kleinen Rowohlt Monographie von 1968) mit Fontanes Welt eine große Fontane Biographie vorgelegt. 830 Seiten, mit Illustrationen. Nicht dass es bei uns einen Mangel an zuverlässigen und lesbaren Biographien gegeben hätte: wir haben Hans-Heinrich Reuters zweibändige Biographie (die sich eher an den Literaturwissenschaftler wendet), Heinz Ohffs Biographie (die ideal für den nicht so wissenschaftlich interessierten Leser ist) und Wolfgang Hädeckes Biographie aus dem Jahre 1998. Und es gibt auch noch Gordon A. Craigs Buch Über Fontane, das Fontane in das politische Umfeld des 19. Jahrhunderts einordnet. Hädecke ist genau so wie Nürnberger einhundert Jahre nach dem Tode des Dichters erschienen, aber ohne die Leistung Hädeckes schmälern zu wollen (seine Heine-Biographie ist unübertroffen), erscheint mir Nürnbergers Buch das bessere.

Nürnbergers Fontanes Welt steht am Ende einer lebenslangen Beschäftigung mit Fontane. Der Autor ist Professor für Literaturwissenschaft gewesen, aber er will jetzt keine "wissenschaftliche" Biographie schreiben. Aber durchaus eine wissenschaftlich verantwortete Darstellung anstreben, wobei er einsieht - und das sieht der Leser gerne - ganz ohne nachschaffende narrative Phantasie geht es in einer Lebenserzählung ohnehin nicht ab. Befreit von überbordenden Anmerkungen (aber doch mit einem knapp gefassten wissenschaftlichen Apparat) gelingt Nürnberger die Quadratur des Kreises, gleichzeitig den wissenschaftlichen Ansprüchen gerecht zu werden und eine wunderbar lesbare Erzählung des Lebens von Theodor Fontane zu schreiben. Ich musste diese kleine Laudatio auf Nürnberger hier mal eben einschieben, es gibt keinen Wikipedia Artikel für diesen verdienten Gelehrten.

Nürnbergers Aufsatz Erst die Fremde lehrt uns, was wir an der Heimat besitzen: Fontanes unbekannte bayerische Balladen - ein unverhoffter Fund im Preußenjahr, zuerst in den Fontane Blättern 2001 veröffentlicht, gibt auch einen schönen Eindruck vom Stil des Verfassers, auf den Fontanes Stil schon gehörig abgefärbt hat. Und er gibt uns natürlich die beiden Beauharnais-Balladen:

Eugen von Leuchtenberg

1. Wie Eugène nach Moskau kam

Ein freier Geist, im Wandel treu,
Fortunas Diplomat,
Beweglich zwischen Alt und Neu,
Ein Hofmann und Soldat,
Klug, doch an Mut den Bravsten gleich,
Flexibel, aber zäh -
Den Leuchtenberger rühm' ich Euch,
Eugène de Beauharnais.

Der Vater, Graf und General,
Küßt' einst die Guillotin';
Vor Mainz den Rückzug er befahl,
Das ward ihm nicht verziehn.
Die Witwe blieb nicht lang allein
Im prächtigen Palais -
Da sah das Kind die Mutter frei'n,
Der junge Beauharnais.

Der fremde Mann, der Bonapart,
Macht kühn und smart Karriere,
Den Stiefsohn fand er recht apart,
Und schon nach kurzer Lehre
Stieg der als Vizekönig ein,
Ein Star der Hautevollee,
Ließ sich's in Mailand bene sein,
Der schöne Beauharnais.

In München, in der Residenz,
Begehrte er die Braut.
Da gab es keine Abstinenz,
Sie ward ihm anvertraut.
Wenn er auch manchen Tort erfuhr,
Genealogenschmäh -
Er war geadelt von Natur,
Der kecke Beauharnais.

Man braucht für einen Königsthron
Nur Samt und etwas Holz.
In Warschau gab's genug davon
Für seines Gustchens Stolz.
Er zog des Kaisers Nähe vor -
Berichtet uns Darnay -,
Nach Moskau führte er sein Korps,
Der tapfre Beauharnais.

2. Wie Eugen nach Eichstädt kam

Napoleon retirierte,
Mit ihm fuhr Caulaincourt,
Murat prompt echappierte,
Standhaft blieb Eugène nur.
Im Schein des Monte Rosa
Und Rußlands tiefem Schnee,
Er war kein Mann der Prosa,
Le Prince de Beauharnais.

Da kam ein Herr Thurn-Taxis,
Der wußte schlauen Rat,
Und bot nach alter Praxis
Belohnung für Verrat -
Doch Eugène, gar nicht zögerlich,
Faßt kühl ans Portepee,
Schickt ihn retour zu Metternich
Und wahrt sein Renommee.

Bei Leipzig und bei Belle-Alliance
Zerbrach des Korsen Glück.
Postwendend fordert' Kaiser Franz
Die Lombardei zurück.
Nun ward Eugen - oh Leser, merk! -
Ein Bayer, tout à fait,
Zu Eichstädt, Duc de Leuchtenberg
Weiß-blau, der Beauharnais.

Am Ostseestrand, ich war ein Kind,
Hat man von ihm erzählt.
Ich merkt' es mir, hab ihn geschwind
Zum Liebling mir erwählt.
Ein nobler Sinn prägt uns Fontans,
Fehlt's gleich am Portemonnaie,
Wir träumen von den Lusignans,
Vom Charme des Beauharnais.

Wünscht man den Ehrgeiz schmächtiger
Und unverrückt das Handeln?
Auch Treue ist ein täglich Werk
Und muß spontan sich wandeln.
Das Leben ist doch mächtiger
Als jegliche Idee:
Das lehrt der Duc de Leuchtenberg,
Eugen von Beauharnais.

Was Fontane in der vorletzten Strophe von Wie Eugen nach Eichstädt kam eingesteht, finde ich richtig rührend. Aber es ist wohl wahr, die hugenottischen Fontanes erträumen sich ihre Wunschverwandten jenseits des Rheins. Fontanes Vater (der übrigens nie in Frankreich war) ist, und das färbt auf den Sohn ab, eine wandelnde Enzyklopädie von Anekdoten aus napoleonischer Zeit. Wo er alles herhatte, ist mir rätselhaft, sagt Fontane. Und wenn es den Fontanes mit dem noblen Sinn gleich am Portemonnaie fehlt, an Vorstellungskraft für imaginäre Familienstammbäume fehlt es ihnen nicht. So schreibt Fontane in Meine Kinderjahre:

Daß mein Vater solche Phantasiebeziehungen pflegte, durfte nicht wundernehmen; er war, wie schon oben kurz angedeutet, durch sein ganzes Leben hin der Typus eines humoristischen Visionärs und erging sich gern in mitunter grotesken Ausmalungen, über die er dann auch wieder zu lachen verstand. Aber daß meine ganz auf Verständigkeit und beinah Nüchternheit gestellte Mutter ihm in allem, was altfranzösische Verwandtschaft anging, nicht bloß nacheiferte, sondern ihn darin womöglich noch übertrumpfte, das durfte füglich überraschen. Es war das einer jener halb rätselhaften Widersprüche, wie sie sich in jeder Menschennatur vorfinden. Indessen, worin immer auch der Grund gesucht und gefunden werden möge, Tatsache bleibt es, daß sich meine Mutter – die, wenn dies Thema zur Verhandlung kam, selbst den sonst so gefeierten »Onkel Mumme« fallen ließ – für ganz nahe verwandt mit dem Kardinal Fesch hielt, der bis zur Wiederherstellung des bourbonischen Königstums Erzbischof von Lyon war. Kardinal Fesch, geboren zu Ajaccio und erst 1839 in Rom gestorben, war der Stiefbruder der Lätitia Bonaparte, also nicht mehr und nicht weniger als der Onkel Napoleons, durch dessen Beistand er denn auch seine große Laufbahn machte. Mit Hilfe welcher Überlieferung es meiner Mutter gelungen war, diese vornehme Verwandtschaft festzustellen, habe ich nie in Erfahrung gebracht; ich weiß nur, daß es ein Schauspiel für Götter war, wenn wir, selbst noch in späteren Lebensjahren, beide Eltern, wie auf den meisten andern Gebieten, so auch auf diesem, sich mehr oder weniger ernsthaft befehden sahen, gewöhnlich unter voraufgehender Feststellung der Rangverhältnisse zwischen einem Großmeister der Universität und einem Kardinal-Erzbischof. Daß wir Kinder dem allem sehr kritisch gegenüberstanden, braucht nicht erst versichert zu werden.

Ich fürchte, dass die Geschichte mit der Verwandtschaft mit Kardinal Fesch - der Joséphine Beauharnais und Napoleon getraut hat - auch nicht so ganz wahr ist. Sonst wäre der Dichter den Beauharnais ja noch näher gewesen. Fontane, der die Phantasiespiele der Eltern mit dem nüchternen Satz Daß wir Kinder dem allem sehr kritisch gegenüberstanden, braucht nicht erst versichert zu werden abschließt, hat bei den beiden Gelegenheitsgedichten auch eine kleine Moral parat: Das Leben ist doch mächtiger als jegliche Idee. Dafür lieben wir ihn, auch wenn er einmal bemerkte: der Franzose, je älter ich werde, kommt immer mehr heraus. 

Freitag, 2. September 2011

Thomas Telford




Er hat sein Leben lang Gedichte geschrieben, dies hier ist aus Eskdale: A Descriptive Poem. Aber obgleich er kein zweiter Robbie Burns war, ist der Schotte Thomas Telford aus dem Eskdale Glen ebenso berühmt geworden wie Robbie Burns. Ein wenig auch unter Dichtern. So schrieb John Mayne (den Sir Walter Scott sehr schätzte) in seinem überlangen Siller Gun: A Poem in Five Cantos:

To rank among our men of fame,
Telford upholds a double claim;
o'fabrics of a splendid frame the engineer -
In poesy, a poet's name to Eskdale dear.

Thomas Telford, Dichter und Bauingenieur, ist heute vor 177 Jahren gestorben. So what? mögen Sie jetzt sagen. Aber es lag mir auf der Seele, ihn heute einmal zu erwähnen. Als ich Anfang des Jahres über Isambard Kingdom Brunel schrieb, sagte mir ein Freund Und was ist mit Thomas Telford? Peter Sellers, in seiner wunderbaren Nummer mit dem Politiker auf einer Parteiveranstaltung, antwortet auf die Frage des Zwischenrufers What about the workers? mit dem klassischen Satz What about the workers indeed - sir. So etwas ist mir natürlich nicht eingefallen, ich hatte also ein schlechtes Gewissen, dass ich nur Brunel erwähnt habe und nicht Schottlands Helden Thomas Telford. Aber ich dachte mir, bei der nächsten Gelegenheit machst du das wieder gut und sagst, dass ➱Thomas Telford einer der größten Brücken- und Kanalbauer des 19. Jahrhunderts ist.

Was er ja auch ist. Und bevor jetzt noch jemand kommt und sagt, ich hätte einen Ingenieur oder entrepreneur vergessen, schließe ich in mein Lob der großen Männer des viktorianischen Zeitalters auch Robert Stephenson, James Nasmyth, Sir Henry Bessemer, Robert Napier, Sir Joseph Bazalgette, Sir Charles Parsons und Sir Richard Tangye ein. Und natürlich Thomas Brassey. Das Erstaunlichste bei der Vielzahl der britischen Ingenieure in den ersten Phasen der Industrial Revolution ist, dass die Engländer im Gegensatz zu anderen europäischen Nationen keine Ingenieurschulen haben, nicht einmal für Militäringenieure. Die kommen alle aus dem Handwerk und sind Tüftler, keine Akademiker. Den Beruf des civil engineer gibt es noch gar nicht. Auch Thomas Telford ist ein solcher self-made man.

Ich hatte in meinem Isambard Kingdom Brunel Post damals gesagt, dass ich die Biographie von L.T.C. Rolt sehr gut finde, ich kann mich da heute nur wiederholen. Auch über Thomas Telford hat Rolt eine Biographie geschrieben, die wohl als Standardwerk bezeichnet werden kann. Sie ist nach einem halben Jahrhundert heute noch lieferbar (wenn auch nicht in der alten Penguin Ausgabe). Rolts Biographien über die Helden des Maschinenzeitalter (Brunel, Telford, Stephenson, Watt) sind in den fünfziger Jahren geschrieben.

In dieser Zeit erwacht auch das Interesse an dem, was wir heute Industrial Archaeology nennen, the systematic study of structures and artefacts as a means of enlarging our understanding of the industrial past. John Desmond Bernals Buch Science and Industry in the Nineteenth Century erscheint 1953. Der Klassiker Science in History folgt ein Jahr später. Es ist ein wenig erstaunlich, wie langsam die Engländer im Begreifen ihres nationalen technologischen Erbes sind. Für G.M. Young sind Ingenieure und ihre Leistungen in dem Standardwerk Early Victorian England (Oxford University Press 1934) überhaupt kein Thema. Es wird bis 1970 dauern, bis R.A. Buchanan in seinem Buch Industrial Archaeology in Britain die Möglichkeiten dieses Forschungsgebietes aufzeigt.

Ich merke gerade, dass ich jetzt stundenlang so weiter schreiben könnte. Aber ich lasse das mal und schreibe ein anderes Mal über die Industrial Revolution in England.

Donnerstag, 1. September 2011

Rückenschlitze


Sehen Sie die kleinen Stummelschlitze an dem Jackett? Wir sind im Jahre 1959, die langen Seitenschlitze, die wir heute kennen (und die in den 70er Jahren noch viel länger waren), haben sich noch nicht durchgesetzt. Das Werbeplakat der Firma Daks/Simpson wurde von dem berühmten Max Hoff gezeichnet, den Simpson seit 1936 unter Vertrag hatte. Eine seiner ersten Modezeichnungen für Simpson zeigte 1936 unter dem Titel Race Going Clothes zwei Gentlemen auf dem Rennplatz. Der eine, der mit einer Zigarre im Mund wohlwollend ein Pferd streichelte, trug einen einreihigen Glencheckanzug. Der andere, nur in der Rückenansicht zu sehen, einen Tweedanzug mit herringbone Muster. Und zwei langen Seitenschlitzen: His companion has kindly turned his back to show us that his jacket has long side vents. It is thus highly suitable as a hacking coat, lautet der Text der Anzeige. coat bedeutet damals (und auch heute im Englisch von Eton Zöglingen) nicht Mantel sondern Jackett. Wichtig ist der Hinweis auf hacking coat, denn von dem hacking coat oder dem Norfolk jacket kommen die Rücken- oder Seitenschlitze. Punkt.

Es lassen sich nicht so viele Modezeichnungen in den dreißiger Jahren finden, die Jacketts mit Rückenschlitzen zeigen, Rückenschlitze sind noch nicht en vogue. Das ist in Deutschland nicht anders. In dem Büchlein Männerkleidung unter den Augen des Fachmannes (1937), herausgegeben von der Fachgruppe Textil-Einzelhandel, taucht nur ein einziges Jackett mit einem Rückenschlitz auf, ein Sportsakko mit Rückensattel und Kellerfalten, Rundgurt mit hohem Rückenschlitz. So etwas Ähnliches trägt Heinz Rühmann in der Feuerzangenbowle.

Ich habe am Wochenende in einer Beilage meiner Lokalzeitung in den Ausführungen eines Schneidermeisters aus Schleswig lesen können, wie Schneideranzüge sein sollen. Dort war zu lesen: Ob mit oder ohne [Weste] - der englische Maßanzug ist körperbetont, die Jacke besitzt gerade geschnittene Pattentaschen, eine kleinere Seitentasche, links oben eine Brusttasche und rückseitig einen Mittelschlitz. "Der Italiener" ist traditionell taillierter geschnitten, wirkt insgesamt jedoch legerer. Die Jacke hat oft schräg geschnittene Paspeltaschen und rückseitig zwei Schlitze. Dazu kann man nur mit Goethe sagen: getretner Quark wird breit, nicht stark.

Denn wenn irgendetwas den englischen Anzug auszeichnet, dann sind es schräg geschnittene Taschen und Seitenschlitze. Die schrägen Taschen kommen natürlich wieder vom hacking jacket aus dem Reitsport. Falls Sie kein Pferd haben sollten, machen Sie mal den Test auf dem Fahrrad: in eine schräg geschnittene Tasche kann man hineingreifen. Bei einer gerade geschnittenen ist das schon schwieriger. Rücken- und Seitenschlitze sind ein Element der sportlichen Kleidung, in der formellen Kleidung haben sie nichts zu suchen. An ein dinner jacket gehören keine Schlitze. In den 50er Jahren konnte man vereinzelt auf Photos Schauspieler mit kleinen Stummelschlitzen am Smoking entdecken, aber das braucht man nicht nachzumachen. Hollywoodstars haben sich in den letzten Jahren angewöhnt, schwarze Langbinder zum Smoking zu tragen, das ist nur ein Zeichen von schlechtem Geschmack. Wahrscheinlich können sie keine Schleife binden. Sicher haben Hollywoodstars einen großen Einfluss auf die Mode - vor allem in den 30er Jahren - aber nicht alles setzt sich durch. ➱Humphrey Bogart trug mal das Knopfloch nicht im linken Revers sondern rechts. Hat man jemals davon wieder gehört?

In der Zeit von 1939 bis 1949 tut sich modisch auf dem Gebiet der Rückenschlitze in England nicht so viel. Wer jetzt Rückenschlitze trägt, ist beim Militär. Für die zivile Kleidung ist die Rationierung von Stoffen angesagt. Was auch bedeutet, dass die Jacketts kürzer werden, bumfreezer nennt der Volksmund die. An einem derart kurzen Jackett wird kein Schneider einen Schlitz anbringen. Simpsons am Piccadilly, die Teile ihres schönen modernistischen Neubaus aus den 30er Jahren den englischen Streitkräften als ➱Messe zur Verfügung stellen, präsentieren jetzt beinahe nur noch Uniformen (I know a good uniform when I see one! verkündet ein Major auf einer Simpson Werbung 1940). Die Uniformjacke fängt bei fünf guineas an, für den Preis kann man bei Simpson auch schon einen shelter suit für die Zivilbevölkerung bekommen. Es ist erstaunlich, wie schnell sich Mode und Werbung auf die Verhältnisse eingestellt haben. Wem die 70 shilling für den shelter suit zuviel sind, der kann sich für 6 shilling einen Schnittmusterbogen kaufen und das Teil selbst nähen.

Der shelter suit (der natürlich keine Rückenschlitze hat), den Simpsons verkaufen, sieht beinahe genau so aus wie die seltsamen Klamotten, die Laszlo Moholy-Nagy getragen hat. Alec Simpson hatte ihn in den dreißiger Jahren als Designer und Innenarchitekten für den Neubau des Firmengebäudes von Joseph Emberton gewonnen. Das ist inzwischen schon Vergangenheit: A little bit of old England disappears today when Simpsons of Piccadilly closes its doors for good, hieß es im Guardian, als die Japsen, die inzwischen DAKS/Simpson besaßen, den Laden dichtmachten.

Die Armee entlässt ihre Soldaten 1945 mit einem zivilen Anzug (dem so genannten demob suit), natürlich wieder ein bumfreezer Jackett ohne Rückenschlitz. Und schauen Sie sich Peter Willes in dem docudrama von 1946, The Way We Live, in seinem demob suit an, keine Seitenschlitze. Sieht furchtbar aus. Stoff ist immer noch rationiert, erst im März 1949 hebt Sir Stafford Cripps die Coupon-Wirtschaft für Damen- und Herrenkleidung auf. Und ähnlich wie Christian Dior mit seinem New Look jetzt Unmassen von Stoff verwendet - hat nicht Scarlett O'Hara bei Kriegsende die Vorhänge von den Fenstern geholt und sich daraus ein neues Kleid schneidern lasssen? - schlägt jetzt auch die Savile Row zu. Ganz lange, glockenförmig taillierte Jacketts. Mit langen Schlitzen, manchmal auch mit seitlichen Falten (die sich aber nicht durchsetzen). Es ist für die Schneider der Savile Row eine große sartoriale Tragödie, dass sich die working class Prollies diesen ➱Neo-Edwardian Look aneignen und daraus den ➱Teddy Boy Look machen.

Seit den 50er Jahren beginnen die Italiener im großen Stil zu einer Wirtschaftsmacht in Sachen Herrenmode zu werden. Zwar hatten die Herren Nazareno Fonticoli und Gaetano Savini die Firma Brioni schon bei Kriegsende gegründet, aber erst Anfang, eher Mitte der 50er Jahre trat sie wirklich öffentlich in Erscheinung. Hat auch gleich viele amerikanische Schauspieler als Kunden, Hollywood dreht da jetzt gerne Filme. Die Italiener sind in der Herstellung billiger als Engländer und Franzosen, und sie liefern zu beinahe hundert Prozent Handarbeit - das wird bis heute das Erfolgsrezept des Made in Italy sein.

Eine wirkliche Mode machen sie nicht, sie kopieren eigentlich nur die Engländer. Eleganter und mit mit leichteren Stoffen, aber sonst auch nix. Denn der ➱Italian suit der 60er Jahre, dunkel, tailliert, mit engen Hosen (das was Tarrantino in Reservoir Dogs auf die Leinwand bringt), ist eigentlich nicht anderes als der Typ des Anzugs, den die Gardeoffiziere tragen. Und den eines Tages Anthony Sinclair für ➱James Bond schneidern wird. Es ist ein zeitloser Stil, den man an diesem englischen Anzug aus dem Jahre 1957 sehr schön studieren kann.

Ende der 50er Jahre war es eine große Schwierigkeit, in Deutschland ein Jackett mit einem Rückenschlitz zu finden. Ich weiß noch ganz genau, wie ich mit einer geliehenen englischen Fachzeitung in der Hand dem Schneider meines Vaters ganz genau erklärte, dass ich an dem Anzug, den er für mich änderte, einen Rückenschlitz haben wollte. Und nicht so'n kleinen Stummelschlitz. Anton Schiwal war zuerst skeptisch, aber dann hat er das doch toll hingekriegt. War wahrscheinlich der erste Rückenschlitz in seinem Schneiderleben. Wahrscheinlich war er da so stolz drauf, dass er an den nächsten Anzug, den mein Vater bei ihm bestellte, auch einen Rückenschlitz machte. Das war allerdings ein Zweireiher. Haben Sie schon mal einen Zweireiher mit Rückenschlitz gesehen? Eben. Es sieht auch nicht aus. Seitenschlitze sind wunderbar, aber Zweireiher und Rückenschlitz geht nun gar nicht.

Aber die Seitenschlitze kommen in den sixties auch zu uns nach Deutschland. Nicht nach Amerika, da wird nur ein Rückenschlitz getragen (und die Hosen als kurze Hochwasserhosen), das ist eine erstaunliche Sache. Noch in den siebziger Jahren empfiehlt das tonangebende GQ (qualitativ auf viel höherem Niveau, als das gleichnamige deutsche Produkt) für Bewerbungsgespräche den Anzug mit einem Rückenschlitz (more moderate than twin vents). Bei dem was die Amerikaner als Anzüge tragen (die ja nichts als eine Variation des Sack Suit Numer One von Brooks Brothers sind) ist das eigentlich auch völlig egal. Die neue Mode der sixties kommt jetzt aus England, und das neue Schlagwort heißt ➱Peacock Revolution. Wenn Ihnen der Begriff bisher fremd war, gucken Sie sich doch mal dies Photo von Ringo in einem Anzug von Tommy Nutter an.

Und jetzt kommen die Seitenschlitze en masse, nicht nur bei Tommy Nutter (die auf dem Bild sind allerdings von ihm). Und mit Seitenschlitzen meinen die Engländer jetzt die ganz langen Seitenschlitze. Nicht die akzeptablen sieben bis neun inches. Das ist jetzt das ➱schrille Zeug eines Jahrzehnts, das vom Geschmack vergessen wurde, von den Beatles bis zu Peter Wyngarde, Roger Moore als James Bond nicht zu vergessen. Geschmacklich schlimm, vor allem, wenn man sich auf alten Photos entdeckt und aussieht wie ➱Austin Powers mit seinem ➱King's Road Outfit (die weithin bekanntere Carnaby Street war ja eh nur für die Touristen).

Wenn auch viele auf den Straßen Londons in dieser Zeit so aussehen, als seien sie dem Schallplattencover von Sergeant Pepper's Lonely Heart's Club Band entsprungen (und sich auch die ersten psychedelischen Subkulturen zeigen), es gibt doch ein romantisches Stilwollen. Und vieles von den exzentrischen Sachen ist auch traditionell gut geschneidert, das gilt für Tommy Nutter genauso wie für ➱John Pearse (mit seiner Boutique Granny Takes a Trip) oder ➱Edward Sexton. In Italien machen sich derweil Giorgio Armani et.al. bereit, die Herrenmode zu verändern (ich lasse die Italiener heute mal draußen vor und schreibe über die ein anderes Mal). Geschmacklich nicht unbedingt zum Besseren, ich erinnere nur an Zweireiher mit fallendem Revers! Und jahrzehntelang ohne Rückenschlitze!

Einer Generation später gilt das alles als a bit too charlie. Ein Slangwort, das irgendwo an den Public Schools entstanden ist und nun zur Lieblingsvokabel einer neuen Spezies Mensch, dem Sloane Ranger, wird. Es bedeutet nichts anderes als cheap, nasty, flashy or in bad taste. Sloane Rangers (und ihre etwas erwachsenere Variante die Young Fogeys) wollten zurück zu einer Klassik der englischen Herrenmode, solche Pendelbewegungen haben wir ja immer wieder in der Mode, auf eine Phase der Romantik folgt ein Klassizismus. So ironisch und satirisch das ➱Official Sloane Ranger Handbook ist, es enthält auch Sätze, die ein Gesetzestext der Herrenkleidung sein könnten. Zum Beispiel über das Tweedjackett: The tweed jacket. Army Sloanes call it change coat. Etonians call it half change. Worn in all situations, particularly with jeans. Must be real tweed, seriously made by an English maker. Never in fashion cut. One vent. Ja, da genügt mein schönes italienisches Etro Jackett den strengen Anforderungen nicht, die Jacketts von Magee (die auch die Tweedjacketts für Hackett machen❋) schon. Aber Sie haben es gesehen: tweed jacket=one vent. Als das Official Sloane Ranger Handbook erschien gab, es die Firma ➱Dunn&Co. noch, deren Jacketts immer den Sloane-Richtlinien entsprochen haben. Aber ein Jahrzehnt später waren sie pleite, wahrscheinlich weil alle jetzt Armani Jacketts kauften.

Natürlich enthält die Bibel einer gewissen Sorte von Englishness auch einen Paragraphen über Rücken- und Seitenschlitze: Suits should never be cardboard. Better be rumpled than Flash Harry. A buttonhole is essential (we're the morning-coat classes). And all but the most formal of the Sloane's suits (no vents) have two vents, for two reasons: he can put his hands in both pockets, and when he moves fast  or dances, the skirts fly up, showing the silk lining (raspberry is a bit charlie, but it does look fine). Jetzt ist uns doch alles klar. Oder?

❋Mittlerweile offensichtlich nicht mehr, ich erhielt gerade eine Mail von einem Fachmann. Der mich auch darauf hinwies, dass die Tweed Jacketts von Magee inzwischen in Nordafrika hergestellt werden. Das wußte ich schon, wollte es aber meinen Lesern verschweigen. An welche Mythen sollen wir denn noch glauben, wenn die Donegal Tweed Jacken nicht mehr aus Donegal kommen?