Samstag, 7. April 2012

Jens Peter Jacobsen


Jens Peter Jacobsen, liest den überhaupt noch jemand? Dieser dänische Botaniker und Darwin Anhänger (er übersetzte Darwins Werke ins Dänische) mit den feinsinnigen Gefühlsschilderungen scheint mir ein wenig in Vergessenheit geraten zu sein. Ich will gerne bekennen, dass ich ihn mag, und es kann auch nicht schaden, heutzutage noch Romane wie Niels Lyhne, Frau Marie Grubbe und Novellen wie Mogens oder Hier sollten Rosen stehen zu lesen. Und natürlich Schönbergs Vertonung der Gurre Lieder zu hören. Jens Peter Jacobsen wurde heute vor 165 Jahren geboren, was liegt näher, als ein Gedicht von ihm hierher zu stellen? Das Gedicht, das ich mir ausgesucht habe, heißt Griechenland.

Nun werden Sie fragen, weshalb musste es dieses Wort sein, dass in unseren Tagen einen so schlechten Klang hat? In Jacobsens Roman Niels Lyhne kommt Griechenland nicht vor. Nur einmal, wenn es um das künstlerische Talent des jungen Erik geht, heißt es: Eriks Aufenthalt auf Lönborggaard währte nur ein Jahr oder auch anderthalb, denn Lyhne hatte bei einem Besuch in Kopenhagen mit einem bedeutenden Bildhauer gesprochen und ihm die Skizzen des Knaben gezeigt, und Mikkelsen, der Bildhauer, hatte gesagt, daß sich in ihnen ein unverkennbares Talent zeige, und daß das Studieren Zeitverschwendung sei, es bedürfe keiner besonderen klassischen Bildung, um einen grieschischen Namen für einen nackten Menschen zu finden. Deswegen wurde verabredet, daß Erik gleich in die Hauptstadt geschickt werden sollte, um die Akademie zu besuchen und in Mikkelsens Atelier zu arbeiten. Ich glaube, den Satz daß das Studieren Zeitverschwendung sei, es bedürfe keiner besonderen klassischen Bildung, um einen griechischen Namen für einen nackten Menschen zu finden, sollten wir uns mal merken.

Und wir sollten uns auch immer daran erinnern, dass Winckelmann, dem wir diesen ganzen Klassikkram verdanken, nie in Griechenland war. Ich persönlich habe nichts gegen edle Einfalt, stille Größe und könnte auch stundenlang griechische Plastiken anschauen, solange mich niemand fragt, was sie darstellen. Oder mich bittet, doch einmal John Keats Gedicht On Seeing the Elgin Marbles aufzusagen. Ich zitiere das hier heute einmal, weil es ganz schön zu Jacobsens Griechenland Gedicht passt.

My spirit is too weak—mortality
Weighs heavily on me like unwilling sleep,
And each imagined pinnacle and steep
Of godlike hardship tells me I must die
Like a sick eagle looking at the sky.
Yet ’tis a gentle luxury to weep
That I have not the cloudy winds to keep
Fresh for the opening of the morning’s eye.
Such dim-conceived glories of the brain
Bring round the heart an undescribable feud;
So do these wonders a most dizzy pain,
That mingles Grecian grandeur with the rude
Wasting of old time—with a billowy main—
A sun—a shadow of a magnitude.


Ich habe Erich von Mendelsohns Übersetzung von Jacobsens Griechenland genommen, nicht die von Rilke. Weil ich Rilke nicht mag und weil das bei ihm alles zu sehr nach Rilke und zu wenig nach Jacobsen klingt, aber für Rilke Liebhaber gibt es ➱hier seine Übersetzung. An vielen Stellen kann man lesen, dass Rilke die dänische Sprache beherrschte. Dänisch lernen will ich, schreibt er an Lou Andreas Salome. Er schreibt nicht: ich will Dänisch lernen, er stellt den Satz um, schließlich ist er Rilke. Und ein Buch will er schreiben über den von ihm verehrten Jens Peter Jacobsen. Und einen langen Essay über den Maler Vilhelm Hammershøi. Kriegt er auch nicht hin, ich nehme mal an, dass seine Dänischkenntnisse auf der Ebene von Røde Pølser und Smørrebrød steckengeblieben sind. Falls Sie es genauer wissen wollen, lesen Sie doch den Professor aus Yale ➱George C. Schoolfield, der weiß es.

Aber nun Jens Peter Jacobsens Griechenland:

Weiß ist der Marmor,
Doch leuchtet er nicht.
Schlank sind die Säulen,
Doch ragen sie nicht.
Üppige Pracht der Kapitäle ist verschwunden.
Zusammengerollt ist das Akanthosblatt,
Ist welk und gefallen,
Mischt verwitternd seinen Staub mit dem des Sockels.
Leer sind die goldnen Schalen,
Ihr Erz führt keine Sprache.
Hebe hat nur Tränen,
Bacchos hat nur Weinlaub,
Schläfrig spielen die Panther mit dem Thyrsos.
Vor Alter zittert Zeus' lockenschweres Haupt,
Poseidon ficht mit seinem Dreizack seltsam in der Luft,
Und Phöbos sieht betrübt nach seiner Sonne;
Der ledigen Pferde Hufe
Trampeln auf strangloser Leier.
Es schlummern die Musen,
Getrennt sind die Grazien.

Doch alle seine Blätter hat der Lorbeer.

Zwischen den Säulen steht dort ein Lorbeer,
Starkstämmig, kurzstämmig, großkronig und breit.

An den Säulen herab, in ihnen wurzelnd.
Laufen die dornigen Ranken,
Spielt das flimmernde Laub
Der Pflanze, deren purpurgoldene Rosen
Von den Frauen des Südens geliebt sind.
Vieler Männer Wege gehn an den Säulen vorbei,
Aller Männer Blicke hüten die Rose,
Viele Blüten trägt sie,
Und hochgeborene.
Doch bevor der Tag gekommen,
Ist ihr Blütenflor geteilt.

Doch alle seine Blätter hat der Lorbeer.

Die klassizistischen Gebäude, die diesen Text verzieren, stehen natürlich in Griechenland. Gebaut wurden sie allerdings nicht von den alten Griechen, sondern von...einem DÄNEN! Er heißt Theophil von Hansen, ist nicht verwandt mit Christian Frederik Hansen, der die Palmaille in Hamburg gebaut hat. Theophil (von) Hansen war der Hofarchitekt von einem Bayern namens Otto Friedrich Ludwig von Wittelsbach. Den haben die Griechen gerade zu ihrem König gewählt. Und der fängt mit seinem Baumeister gleich an, den Griechen ihre eigene Kunst, sozusagen in der Vorwegnahme der Postmoderne, ins Land zu bringen. Nach wenigen Jahren mochten die Griechen ihn nicht mehr, obgleich er wahrscheinlich gar kein schlechter König gewesen war. Er soll sogar mal einen ausgeglichenen Staatshaushalt hingekriegt haben. Wenn er auf einem englischen Kriegsschiff Griechenland verlässt, nimmt er seine Kronjuwelen wieder mit. Die Bauten von Hansen bleiben natürlich in Athen, weil sie immobil sind. Als Otto 1867 starb, sollen seine letzten Worte Griechenland, mein Griechenland, mein liebes Griechenland gewesen sein.

Den nächsten König holten sich die Griechen dann - Sie ahnen das jetzt schon - aus Dänemark. Und die Bauten von Theophil von Hansen stehen immer noch, wenn vielleicht auch die üppige Pracht der Kapitäle verschwunden und das Akanthosblatt welk und gefallen ist. Das liegt an den Autoabgasen in Athen.

Freitag, 6. April 2012

Karfreitag


Im letzten Jahr stand hier am Karfreitag ➱John Donnes Gedicht Good-Friday, 1613, Riding Westward, ein Gedicht, das bei mir seit Jahrzehnten zum Karfreitag gehört. Im Jahr davor habe ich ein Gedicht von von ➱Andrew Hudgins vorgestellt. Diesen amerikanischen Dichter habe ich schon mehrfach erwähnt, und ich vermute mal, dass ich der erste bin, der ihn in Deutschland bekannt gemacht hat. Oder versucht hat, ihn hier bekannter zu machen. Ich habe inzwischen beinahe alles von ihm gelesen und bin ihm auch dankbar, dass er mir seinen neuesten Gedichtband geschickt hat. Ich hoffe auch, dass ich irgendwann einmal dazu komme, etwas Längeres über The Glass Hammer: A Southern Childhood zu schreiben, eine Autobiographie in Gedichten.

Dass einer seiner ersten Gedichtbände beinahe den Pulitzer Prize bekommen hätte, darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass er nicht von Anfang an darin erfolgreich war, ein published poet zu werden. Eine englische Wendung, die mich immer wieder etwas irritiert, vor allem, wenn einem jemand mit trotziger Selbstbehauptung sagt: I am a published poet. Andrew Hudgins würde so etwas nicht sagen: When strangers ask me what I do, I usually follow the lead of W. H. Auden, who said he was a teacher. So much easier than saying “poet,” and having to deal with the inevitable follow-ups: Have I heard of you? What books have you written? Do they sell that in bookstores?

Was macht einen published poet aus? Die Frage hat sich Andrew Hudgins auch selbst gestellt: In my despair at not getting published, not getting a good job, not getting anywhere with the inert poems I was writing, I asked myself for the first time if I would bother to read the poems I was writing if I hadn’t written them. The answer was no. After I recovered from the shock of that answer—and it took a couple of not very pleasant months—I asked myself what were the characteristics of the poems I liked to read. The answer was poems with very strong rhythms, usually in meter, with a clean, quick, tight movement, often narrative, with the complexities in the tone, drama, and psychology, not in the syntax or allusions. Er hätte im letzten Satz noch das Wort humour unterbringen können. Oder God, denn er ist einer der wenigen modernen amerikanischen Dichter, in dessen Werk Gott eine Rolle spielt. Zwar anders als bei John Donne, aber er ist immer da, auch wenn er nicht erwähnt wird.

Das hier ist Martin Luther King, wie er am Karfreitag des Jahres 1963 in Alabama verhaftet wird. Eine andere Art für einen Prediger, den Good Friday zu feiern als John Donnes Riding Westward. Das Verhältnis von Schwarz und Weiß ist ein Thema, das bei Andrew Hudgins immer wieder vorkommt, denn Hudgins kommt aus dem amerikanischen Süden. Manchmal stockt einem da beim Lesen seiner Gedichte der Atem. Lesen Sie doch einmal das Gedicht Teevee with Grandmomma in dem Post, der ➱Mockingbird heißt.

Und mein Gedicht heute ist wieder so ein Gedicht, wo einem plötzlich der Atem stocken kann. Es heißt schlicht In (und natürlich gibt es in dem Band Ecstatic in the Poison auch ein Gedicht das Out heißt). Es kommt wie viele seiner Gedichte zuerst harmlos daher, mit dieser kindlichen Spielfreude im künstlichen Nebel der fog trucks. Die Gift gegen die Moskitos versprühen, wie hier auf diesem Bild aus den fünfziger Jahren zu sehen ist. Aber abgesehen von dem Erschrecken über dieses ecstatic in the poison, haben wir das Gefühl, dass dieser Nebel, der uns umgibt, noch etwas anderes sein könnte.

When we first heard from blocks away
the fog truck's blustery roar,
we dropped our toys, leapt from our meals,
and scrambled out the door

into an evening briefly fuzzy.
We yearned to be transformed—
translated past confining flesh
to disembodied spirit. We swarmed

in thick smoke, taking human form
before we blurred again,
turned vague and then invisible,
in temporary heaven.

Freed of bodies by the fog,
we laughed, we sang, we shouted.
We were our voices, nothing else.
Voice was all we wanted.

The white clouds tumbled down our streets
pursued by spellbound children
who chased the most distorting clouds,
ecstatic in the poison.

Donnerstag, 5. April 2012

Lord Lister


Listerine steht auf der Plastikflasche im Badezimmer. In dieser antibakteriellen Mundspülung ist der Name Lister immer noch lebendig. Wir verdanken diesem Joseph Lister, der heute vor 185 Jahren geboren wurde, eine ganze Menge. Nicht nur diese grüne Freshmint Mundspülung. Er ist der Pionier der antiseptischen Medizin, und sein Name steht zusammen mit Louis Pasteur und Ignaz Semmelweiß sicherlich ganz weit oben auf der Liste der wichtigsten Mediziner des 19. Jahrhunderts.

Joseph Lister war Chirurg. Wir alle wissen, dass Chirurgen eine spezielle Sorte Mensch sind, nicht erst seit Julius Hackethal. Halbgötter in weiß sind sie, und sie gehören natürlich in jeden Ärztefilm (wenn sie da auch meistens ein klein wenig anders aussehen als in Altmanns Film MASH) und jede Krankenhausserie. Auch der Chefarzt der Schwarzwaldklinik war Chirurg. Englische Chirurgen sind ein wenig anders als die Chirurgen vom Rest der Welt. Man kann sie in einer englischen Arztserie (wie zum Beispiel der unübertroffenen Serie ➱The Singing Detective von Dennis Potter) daran erkennen, dass sie ohne Kittel durch das Krankenhaus laufen. Tragen teure Savile Row Anzüge zur Arbeit, wahrscheinlich damit der Patient in der Privatklinik sehen kann, wo sein Geld bleibt. Und sie werden nicht mit Doctor angeredet, sondern (wenn sie dem ➱Royal College of Surgeons angehören) mit Mister.

Joseph Lister, zuerst zum Baronet, dann zum Baron ernannt, war ein berühmter Mann. Auch die Königin Victoria verzichtete nicht auf seine Dienste. Und ich habe sogar ein Gedicht über ihn gefunden, geschrieben von einem dankbaren Patienten. Ein junger Mann namens William Ernest Henley war zwei Jahre lang bei Professor Lister in seinem Sanatorium in Edinburgh in Behandlung. Im Krankenhaus hat er angefangen zu schreiben. Ein Gedicht aus dieser Zeit ist bis heute berühmt, es heißt ➱Invictus. Es ist ein Gedicht, das vielen Menschen die Kraft zum Durchhalten gegeben hat, die beiden letzten Zeilen I am the master of my fate: I am the captain of my soul sind schon beinahe sprichwörtlich geworden.

In Edinburgh hat ➱Henley (links) Robert Louis Stevenson kennengelernt, mit dem er sein Leben lang befreundet war. Im Krankenhaus ist er zum Dichter geworden. Hat eine eindrucksvolle Sammlung von Krankenhausgedichten geschrieben, die man ➱hier lesen kann. Henley war nach Edinburgh gereist, weil ihm die Ärzte wegen der Knochentuberkulose ein Bein abnehmen wollten. Ein Bein hatte er schon verloren, das andere wollte er gerne behalten. Lister hat es ihm gerettet. Und so kommt er in dem Zyklus In Hospital natürlich auch vor, Clinical heißt dieses Gedicht:

HIST ? . . .
Through the corridor's echoes
Louder and nearer
Comes a great shuffling of feet.
Quick, every one of you,
Staighten your quilts, and be decent!
Here's the Professor.

In he comes first
With the bright look we know,
From the broad, white brows the kind eyes
Soothing yet nerving you. Here at his elbow,
White-capped, white-aproned, the Nurse,
Towel on arm and her inkstand
Fretful with quills.
Here in the ruck, anyhow,
Surging along,
Louts, duffers, exquisites, students, and prigs —
Whiskers and foreheads, scarf-pins and spectacles —
Hustles the Class! And they ring themselves
Round the first bed, where the Chief
(His dressers and clerks at attention),
Bends in inspection already.

So shows the ring
Seen from behind round a conjurer
Doing his pitch in the street.
High shoulders, low shoulders, broad shoulders, narrow ones,
Round, square, and angular, serry and shove;
While from within a voice,
Gravely and weightily fluent,
Sounds; and then ceases; and suddenly
(Look at the stress of the shoulders!)
Out of a quiver of silence,
Over the hiss of the spray,
Comes a low cry, and the sound
Of breath quick intaken through teeth
Clenched in resolve. And the Master
Breaks from the crowd, and goes,
Wiping his hands.
To the next bed, with his pupils
Flocking and whispering behind him.

Now one can see.
Case Number One
Sits (rather pale) with his bedclothes
Stripped up, and showing his foot
(Alas for God's Image!)
Swaddled in wet, white lint
Brilliantly hideous with red.


Die kleine Tochter von William Henley konnte kein Arzt retten, sie ist nur fünf Jahre alt geworden. Aber Henleys Freund Sir James Matthew Barrie hat sie unsterblich gemacht, und sie als ➱Wendy Darling in Peter Pan hineingeschrieben.

Mittwoch, 4. April 2012

Aimez-vous Brahms?


Wenn man heute den Namen Anthony Perkins (der heute vor achtzig Jahren geboren wurde) hört, dann denkt man natürlich sofort an Hitchcocks Psycho. Und dann läuft vor unserem inneren Auge gleich die Szene mit der ➱Dusche ab. Aber mein Anthony Perkins war vor einem halben Jahrhundert ein anderer. Das war der schlanke schüchterne Mann, der in der Bar ➱Diahann Carroll einen Whisky spendiert. Und sie fragt, was die Liebe ist. Denn er ist unsterblich verliebt in Ingrid Bergman, die ein wenig älter ist als er. Ein solches Thema war damals ein wenig risqué, heute würde das ja niemanden mehr aufregen.

Die literarische Vorlage für den Film stammte von Françoise Sagan, die Jahre zuvor durch ihren Roman Bonjour Tristesse berühmt (oder sollte man sagen berüchtigt?) geworden war. Es war einer der vielen französischen Literaturskandale, die französische Literatur lebt ja irgendwie von Skandalen. Ein halbes Jahrhundert später würde sich kaum jemand über die sexuelle Freizügigkeit des Jahres 1954 echauffieren, auf jeden Fall nicht in Paris.

Für den Film Aimez-vous Brahms? war natürlich die Problematik ein wenig abgemildert, weil man das Ganze ja in Amerika verkaufen musste. Es war eine Hochglanzproduktion, alles war bestens besetzt, die Filmmusik von ➱Georges Auric war erstklassig. Irgendwie hatte man bei ➱Fahrstuhl zum Schafott etwas abgeguckt (allerdings ohne die Morde): viel Paris, viel Jazz, schöne Menschen, elegante Klamotten. Und schöne Autos, Yves Montand fährt einen ➱Facel Vega, Anthony Perkins einen Triumph Sportwagen (mein Bruder hatte mal den gleichen, aus Kalifornien importiert, nach Jahrzehnten immer noch ohne Rost).

Aimez-vous Brahms? war für mich damals der perfekte Identifikationsfilm. Ich arbeitete daran, so auszusehen wie Anthony Perkins. Die Pullover und die Hemden hatte ich schon, die breiten Schultern noch nicht. Dann musste man noch schöne Frauen haben wie Yves Montand. Daran arbeitete ich auch. Und man brauchte natürlich ein englisches Cabrio, in dem Punkt haperte es bei meiner neuen Identität etwas.

Wie Paris aussah, wusste ich, da war ich schon ➱einmal gewesen. Und seit Ende der fünfziger Jahre versäumte ich keinen französischen Film. Als erstes kaufte ich mir nach dem Kinobesuch eine Diahann Carroll Platte. Dann wünschte ich mir zu Weihnachten diese fette Brahms LP-Cassette der Deutschen Grammophon. War vorne Karajan drauf, nicht Brahms, damals war Karajan wichtiger als alles andere. Meine Karajan-Brahms Cassette (Editionsnummer 074) habe ich immer noch, und die Symphonie No. III (die immer wieder im Film vorkommt) kann ich heute noch dirigieren. Auf dem Photo des Covers trug Karajan einen zweireihigen gelben Lamamantel. So ein Teil hatte ich auch, bei Hans Kalich in der Böttcherstraße gekauft. War von der Firma Tiger of Sweden, die damals noch Luxuskleidung produzierte und nicht das modische Billigzeug wie heute, the Times They Are a-Changin’.

Was ich damals im Kino nicht merkte, Anthony Perkins singt auch in diesem Film: ➱Quand Tu Dors Pres De Moi, wieder zu der Melodie von Brahms Dritter Symphonie (Yves Montand hat das später auch auf einer Platte gesungen). Der Text dieses Liedes war von Françoise Sagan extra für den Film geschrieben worden. Ich wusste damals auch nicht, dass Anthony Perkins vor seiner Schauspielerlaufbahn ➱Schlagersänger gewesen war. Das war auch gut so, dass ich das nicht wusste, es hätte meine jugendliche Identifikationsbildung erheblich gestört. Zum einen konnte ich Schlagersänger damals genau so wenig ausstehen wie heute, zum anderen: wenn es jemanden gibt, der nicht singen kann, dann bin ich das.

Diese junge Frau spielt nicht in Aimez-vous Brahms? mit, das Bild ist aus einer anderen Françoise Sagan Verfilmung, die Bonjour Tristesse heißt. Fand man damals toll. Und jugendgefährdend. Dass der Film so gute Kritiken bekommen hatte, hat mich immer gewundert. Ich habe ihn nur wegen Jean Seberg gesehen (und weil ➱Juliette Gréco im Film sang). Erstaunlich bleibt, dass die Franzosen die Verfilmung der beiden Romane von Françoise Sagan den Amerikanern überlassen haben. Paris gehört jetzt den Amerikanern, nicht erst seit Ernest Hemingway die Hotelbar vom Ritz befreit hat. Nicht erst seit dem Film An American in Paris und all den amerikanischen Jazzmusikern, die jetzt in Paris sind (wie man es in Taverniers Film Round Midnight sehen kann). Und nun schickten sie auch noch ihre Schauspielerinnen nach Paris. Erst Audrey Hepburn, die in Funny Face ➱Bonjour Paree singt, und nun kommt Jean Seberg. Wenig später war  Seberg in A bout de souffle zu sehen, da hatte die Nouvelle Vague begonnen. Wenn französische Filme für einen immer noch stilbildend sein sollten, musste man sich jetzt umstellen. Ich hielt mich an ➱Truffaut, da gab es immer ➱Eleganz und ➱schöne Frauen, was braucht man mehr?

Ein Gedicht natürlich. Das fällt mir leicht. Françoise Sagan hat ihren Romantitel Bonjour Tristesse bei Paul Éluard gefunden; da zitieren wir doch mal das Original, das À peine défigurée heißt:

Adieu tristesse,
Bonjour tristesse.
Tu es inscrite dans les lignes du plafond.
Tu es inscrite dans les yeux que j'aime
Tu n'es pas tout à fait la misère,
Car les lèvres les plus pauvres te dénoncent
Par un sourire.
Bonjour tristesse.
Amour des corps aimables.
Puissance de l'amour
Dont l'amabilité surgit
Comme un monstre sans corps.
Tête désappointée.
Tristesse, beau visage.

Dienstag, 3. April 2012

Warren Oates


Heute vor dreißig Jahren starb der amerikanische Schauspieler Warren Oates. Der amerikanische Regisseur Richard Linklater hat einmal über ihn gesagt there was once a god who walked the Earth named Warren Oates. Ist vielleicht ein wenig übertrieben, aber es beschreibt doch schön die Tatsache, dass Warren Oates Kult ist. Was wäre Sam Peckinpah ohne ihn? Selbst wenn er nur eine Nebenrolle spielt, wie in Major Dundee. Nebenrollen sind sein Spezialgebiet gewesen, aber wir möchten ihn in keinem Film missen. Weder in The Hired HandIn the Heat of the Night oder Badlands. Natürlich kann er auch einen ganzen Film tragen, wie zum Beispiel Bring me the Head of Alfredo Garcia. Oder natürlich Two-Lane Blacktop (hier gab es schon mal einen schönen kleinen Artikel zu Monte Hellmans Film). Warren Oates hat diese unglaubliche Präsenz, er ist cool, ohne angestrengt zu wirken. Er ist verletzlich und hat keine Angst, Angst zu zeigen. For some of us Oates is the only human being in pictures, hat Tom Thurman in der Dokumentation über Warren Oates gesagt, die er zehn Jahre nach dem Tod des Schauspielers gedreht hat. Ich fand Warren Oates schon vor Jahrzehnten toll, und ich freue mich, dass es heute immer noch vielen so geht.

Sie warten natürlich jetzt schon darauf, wie ich von meiner kleinen Laudatio auf Oates einen Übergang zur Lyrik bekomme? Darf ich Sie mit Red Shuttleworth bekannt machen? Nie von ihm gehört? Ich gebe ja zu, dass ich den Namen auch nicht kannte, bevor ich diesen kleinen Artikel schrieb. Aber inzwischen bin ich Red Shuttleworth Fan, der Mann ist wirklich gut. Er ist vielleicht nichts für Rilke Liebhaber. Aber wenn Sie William Least Heat Moons Blue Highways mochten, Steve McQueen in Junior Bonner gut fanden, Two-Lane Blacktop lieben, dann ist Red Shuttleworth ihr Dichter. Wenn Sie Waylon Jennings und Emmylou Harris mögen, dann erst recht, die mag Red Shuttleworth nämlich auch.

Die Welt, die er in seinen Gedichten beschreibt, ist ein roadside America, voller Einsamkeit, wie manche Bilder von Edward Hopper. Die Welt des amerikanischen Westens wird trocken und lakonisch dargeboten, immer poetisch, niemals larmoyant. Man kann Kerouacs On the Road und die Bilder von Robert Franck aus The Americans bei der Lektüre im Kopf haben, braucht es aber nicht. Diese Gedichte leben für sich, schaffen sich ihre eigenen Bilder. The territory in 'We Drove all Night' -- from Steve McQueen to rodeo strippers, from Geronimo-moonlight trains on desolation prairies to motel pools at freeway edges -- is so beautifully realized you'll want to put down restless roots between the lines. Shuttleworth is a treasure, hat Susan Compo über Shuttleworths Gedichtband We Drove all Night geschrieben. Susan Compo ist auch die Autorin von Warren Oates: A Wild Life, und dies Interview mit ihr sollten Sie unbedingt lesen.

Ich habe in den letzten Tagen hunderte von Red Shuttleworths Texten gelesen, und ich bin fasziniert von ihm. Best Living Western Poet hat das True West Magazin über ihn gesagt. Lassen Sie sich von dem Cowboy Image nicht täuschen, der Mann hat studiert. Dies ist nicht der Marlboro Man, wenn Walt Whitman heute lebte, dann wäre er wahrscheinlich Red Shuttleworth. Und natürlich habe ich bei dem Mann, der The Wild Bunch zu seinen Lieblingsfilmen zählt, auch ein Gedicht gefunden, in dem Warren Oates vorkommt. Es heißt Flat Screen Midnight... Next-Best:

Ghosts in pinstripes are cleaning pine tar off
thick-handled baseball bats with cognac-soaked rags.
A drunk cowboy who looks like Paul Newman
drunk-drives a pink Cadillac into a black & white field.

Wooden smile, the protagonist is green, has a crew cut.
The ingenue remarks that her cigarette tobacco is stale.
The ingenue is tied to a Roman pillar with scarves.
Her clothes are missing and she is sweat-polished.
Earlier today you received an email containing a piss-drizzle
poem expressing the hope that you are in the care of the Lord.
When the stolen Corvette's trunk pops open, the ingenue
sees, in her rear view mirror, counterfeit twenties blow away.
A posse is riding bullet-scarred horses on a sun-shriveled
hard land... high red grass... a bank desperado with a withering stare.
On the next channel, Warren Oates is the film's deuteragonist.
As usual, you growl at the dog, He should have had the lead role!


Ja, das ist immer die gleiche Sache, Warren Oates kriegt nur die Nebenrollen. Red Shuttleworth, dessen Blog (mit vielen seiner Gedichte) Sie hier finden, kann auch wunderbar bissig sein. Sein Gedicht Mark Zuckerberg: Oily Ad Salesman endet mit der Zeile Mark Zuckerberg is nothing but a street corner pimp. Cool. Wenn man so etwas schreibt, hat man keine Freunde bei Facebook. Aber wer braucht die schon? Es genügt ja, wenn man im wirklichen Leben Freunde hat. Und die hat Red Shuttleworth bestimmt.

Montag, 2. April 2012

Samuel Morse


Als er geboren wurde, war der General George Washington, der den Unabhängigkeitskrieg gewonnen hatte, Präsident der Vereinigten Staaten. Als er starb, war wieder ein General Präsident. Der, dem der Norden seinen Sieg über den Süden verdankte. Es wäre ja schön, wenn er George Washington gemalt hätte. So wie er den Marquis de Lafayette, einen der Helden des Unabhängigkeitskrieges gemalt hat, als der im Alter noch einmal nach Amerika zurückkehrte. Aber Morse ist auf einem Fresko, das The Apotheosis of Washington heißt, neben Washington zu sehen. Den Präsidenten Ulysses S. Grant, der wie er an einem 27. April geboren wurde, hätte er auch malen können. Doch Morse, der heute vor hundertvierzig Jahren starb, hat ihn nicht gemalt. Weil er das Malen längst aufgegeben hatte, als Ulysses S. Grant Präsident wurde.

Dieses Bild zeigt seine Tochter Susan Walker Morse, es hat auch manchmal den Titel The Muse. Aber ist sie wirklich eine Muse? Oder eher eine Personifikation der Zeichenkunst? Sie hat einen Stift in der Hand und einen Zeichenblock auf den Knien. Sie scheint auf etwas zu warten. Den Musenkuss? In diesem Bild hat Samuel Morse noch einmal alles zusammengetragen, was er an der Royal Academy und in Europa gelernt hat, von Rubens bis Veronese. Das mit der Londoner Royal Academy ist für einen Amerikaner ungewöhnlich, der Maler Washington Allston, der bei Benjamin West in London studiert hatte, hatte den talentierten jüngeren Landsmann nach London mitgenommen. Allston wird häufig mit dem Sobriquet the American Titian belegt, das soll man in Rom über ihn gesagt haben. Das sind höfliche Leute, die Römer. Aber Allston ist sicher ein interessanter Mann, vielleicht schreibe ich noch mal über den.

Samuel Morse hat dieses Vorzeigeportrait seiner Tochter in der Zeit gemalt, als ihn Ölfarbe und Leinwand immer weniger interessierten, weil er jetzt ein Erfinder geworden war. 1837 wurde es in der National Academy of Design ausgestellt und erregte großes Aufsehen. Noch größeres Aufsehen erregte allerdings seine Erfindung, der erste funktionierende Schreibtelegraph. Zu dem man das Morse-Alphabet brauchte. What hath God wrought? war die erste Botschaft.

Das ist der Louvre in Paris, auch so ein spektakuläres ➱Bild von Morse. Links in der Ecke ist übrigens der Schriftsteller James Fenimore Cooper zu sehen, den Morse in Paris kennengelernt hatte. Und den Otsego Lake, den alle Lederstrumpf Leser kennen, hat er aus Freundschaft zu Cooper natürlich auch gemalt (oben). Dieses malerische Paradestück brachte dem Maler leider  auch nicht den großen Erfolg. Er war natürlich nicht der erste Maler, der Bilder im Bild malte, ➱Zoffany hatte das schon ein halbes Jahrhundert zuvor vorgemacht.

Morses Erfolg als Maler ist verblasst, sein Ruhm als Erfinder, der ihn auf dem Fresko The Apotheosis of Washington an die Seite von Washington brachte, ist geblieben.Dass er der Leonardo da Vinci Amerikas ist (wie ihn ein Biograph nennt) ist wohl ein wenig weit hergeholt. Doch wie Leonardo war er ein Maler und Erfinder. Und die Wissenschaft war sein Ding, nachdem es mit der Verbesserung des amerikanischen Geschmacks (sein erklärtes Ziel als Maler) nicht so geklappt hatte. Das 19. Jahrhundert ist das Jahrhundert der Wissenschaften, Morse lebt in der richtigen Zeit.

Es fällt mir nicht schwer, dafür heute ein Gedicht zu finden. Nämlich Edgar Allan Poes Sonnet to Science. Denn auch Poe war ein Mann der Wissenschaft, hat er doch die Science Fiction Story erfunden. Und die Detective Story, die auch aus dem Geist der Wissenschaft geboren wurde. Hat der Franzose Régis Messac in seinem Buch Le 'Detective Novel' et l'influence de la pensée scientifique gesagt. Das war 1929 eins der ersten ernstzunehmenden Bücher über diese neue Gattung der Literatur. Das Volk der Dichter und der Denker hat übrigens Régis Messac bei Nacht und Nebel deportiert, er ist irgendwann zu Kriegsende in einem deutschen Lager umgekommen.

SCIENCE! true daughter of Old Time thou art!
Who alterest all things with thy peering eyes.
Why preyest thou thus upon the poet's heart,
Vulture, whose wings are dull realities?
How should he love thee? or how deem thee wise,
Who wouldst not leave him in his wandering
To seek for treasure in the jewelled skies
Albeit he soared with an undaunted wing?
Hast thou not dragged Diana from her car?
And driven the Hamadryad from the wood
To seek a shelter in some happier star?
Hast thou not torn the Naiad from her flood,
The Elfin from the green grass, and from me
The summer dream beneath the tamarind tree?


Sonntag, 1. April 2012

April


Heute ist der erste April. Glauben Sie nichts von dem, was heute in den Zeitungen steht. Also, dass Philipp Rösler Trainer beim HSV wird, dass Christian Wulff ein Goggomobil als Dienstwagen bekommt, dass Karl-Theodor von und zu Guttenberg Nachfolger von Harald Schmidt (oder Thomas Gottschalk?) wird und solche Meldungen. The first of April is the day we remember what we are the other 364 days of the year, hat Mark Twain gesagt. Dass der erste Tag des Ostermonds für allerlei Narreteien gut ist, ist eine alte Sache. Schon 1790 heißt es in Poor Robin's Almanac

The first of April, some do say,
Is set apart for All Fools' Day.
But why the people call it so,
Nor I, nor they themselves do know.
But on this day are people sent
On purpose for pure merriment.


Ich möchte meinen Monat voller Gedichte mit einem Dichter beginnen, der heute vor zweihundert Jahren geboren wurde. Er heißt Friedrich Wilhelm Güll, er ist ein wenig in Vergessenheit geraten. Oder vielleicht nicht so ganz, an sein Gedicht ➱Das Büblein auf dem Eise kann ich mich aus Kindertagen noch gut erinnern. Und aus aktuellem Anlass möchte ich auch noch auf das Gedicht ➱Osterhäslein hinweisen, kann man den Kiddies zu Ostern vorlesen. Ist besser als der Milka Schmunzelhase. Weil es so schön zur Jahreszeit passt, gibt es hier heute Gülls Gedicht Geburtstag im Frühling:

Im Garten blühn schon ein Weilchen
Schneeglöckchen, Krokus und Veilchen.
Da hab ich nicht lang bedacht
und ein schönes Sträußchen zurechtgemacht.
Das bringe ich dir zum Geburtstagsfest.
Der Frühling dich schön grüßen läßt.
Er sagt mit allem Sonnenschein
kehrt er so gerne bei dir ein.
Damit dein neues Lebensjahr
sei sonnig, fröhlich, hell und klar.

Und was sollen die Fische? höre ich schon jemand fragen. Die Fische haben auch etwas mit dem ersten April zu tun, weil man in Frankreich den ➱poisson d'Avril  (und in Italien den Pesce d'aprile) kennt. Weiß auch keiner, wo es herkommt. Kaum sind die verrückten ➱Märzhasen weg, sind die Aprilfische da. Und dabei hat die silly season noch gar nicht begonnen. Lassen wir das Wort zum Sonntag unserem Barockdichter Friedrich von Logau, der schon ein Gedicht Vom ersten April schrieb:

Wir üben im April die Leute durch vexiren
Und pflegen sie im Schimpff herum- und an zu führen;
Man öffnet so den Witz, daß er sich thu herfür,
Wie diese Zeit schleust auff der Welt Lust, Nutz und Zier.