Freitag, 28. Juli 2017

Sturmeshöhe


Ich weiß nicht, warum Emily Brontë noch nicht in diesem Blog aufgetaucht ist, erwähnt wurde sie schon, of all places, in dem Post ➱Ermenegildo Zegna. Und das nicht aus schier Schandudel, wie wir Bremer so sagen, das hat schon seine Berechtigung. Die Brontës werden auch noch in den Posts ➱Arno Schmidt und ➱Jean Rhys erwähnt. Emily wurde heute vor 199 Jahren geboren, und obgleich sie mit ihren Schwester in relativer Obskurität lebte und das Publikum ihre Werke nicht liebte (hier die ersten ➱Rezensionen), ist sie doch nicht vergessen. Ihr Roman Wuthering Heights ist x-mal verfilmt worden, und das Pfarrhaus von Haworth in Yorkshire ist zu einem ➱Museum und einem touristischen Wallfahrtsort geworden.

Das sind die drei Brontë Sisters (von links Anne, Emily und Charlotte), gemalt von ihrem Bruder Patrick Branwell im Jahre 1834. Branwell wollte Maler werden, aber er ist früh gestorben. Tuberkulose, Alkohol und ➱Laudanum, die Lieblingsdroge der englischen Gesellschaft im 19. Jahrhundert, da kommt einiges zusammen. Das Wetter im Moor von Yorkshire entspricht auch nicht gerade dem Klima des ➱Zauberbergs.

Auf dem Bild der drei Schwestern war wohl ursprünglich auch Branwell Brontë in der Mitte, jetzt ist der bright star, auf den der Vater so große Hoffnungen setzte, unter dieser gelben ➱Säule verborgen. Hatte er erkannt, dass es mit seinem Talent nicht so weit her war? Patrick Brontë war aus Irland nach England gekommen, er änderte als erstes seinen Namen von Brunty in Brontë. Als er die Pfarrstelle in Haworth bekommt, wo er 170 Pfund im Jahr verdient, gibt er sehr viel Geld für Maler aus, die seinem Sohn die Kunst der Malerei beibringen sollen. Aber das Beste, was der Filius hinkriegt, ist dies Portrait seines Freundes John Brown. Er ist wirklich kein Genie.

Mit diesem Bild haben Sie wahrscheinlich an dieser Stelle nicht gerechnet. Ich könnte natürlich sagen, dass ich damit testen will, ob Sie als Leser noch bei der Sache sind. Eine rein didaktische Maßnahme. Als ich an der Heeresoffizierschule war, hatten wir einmal einen Nachmittag lang Unterricht über russische Waffen und Uniformen, tausende von Dias. Und da die amerikanischen Geheimdienstoffiziere, die die Show machten, wussten, dass jeder im Saal nach hundert Dias vom russischen T34 einschläft, mischten sie in unregelmäßigen Abständen Pin-Ups dazwischen. Anne Bancroft, die in ➱The Graduate eine Mrs Robinson spielt, hat hier aber schon eine Bedeutung. Sie werden es nicht glauben, aber Branwell Brontë ist einmal Hauslehrer bei einer Familie Robinson und fängt da etwas mit Mrs Robinson an. And here's to you, Mrs Robinson Jesus loves you more than you will know Wo wo wo God bless you, please, Mrs Robinson Heaven holds a place for those who pray Hey hey hey, hey hey hey.

Wenn man aus dem Fenster des Pfarrhauses in Haworth guckt, dann sieht das so aus, Tristesse pur. Hier ist wirklich nichts los, hier muss man sich schon selbst schön schreiben. Und dass machen die Brontës, sie erfinden sich in einem längeren Gedankenspiel (wie Arno Schmidt das nennt) neue Welten, die sie Glass Town, Angria und ➱Gondal taufen. Sechzehn Jahre lang schreiben sie (zum Teil in klitzekleinen ➱Büchlein) an diesem Gedankenspiel, sie werden sich später für ihre Romane und Gedichte aus diesem Fundus bedienen.

Was soll man sonst machen, als Gedankenspiele zu spielen? Gentlemen, die die aufblühende Schönheit von Emily bemerken könnten, gibt es weit und breit nicht: Emily Brontë had by this time acquired a lithesome, graceful figure. She was the tallest person in the house, except her father. Her hair, which was naturally as beautiful as Charlotte's, was in the same unbecoming tight curl and frizz, and there was the same want of complexion. She had very beautiful eyes – kind, kindling, liquid eyes; but she did not often look at you; she was too reserved. Their colour might be said to be dark grey, at other times dark blue, they varied so. She talked very little. She and Anne were like twins – inseparable companions, and in the very closest sympathy, which never had any interruption.

Das Schreiben ist für die Kinder des Patrick John Brontë eine Flucht, die Mutter ist früh gestorben, zwei Schwestern auch, die Kinder haben kaum Freunde in dem kleinen Ort Haworth. Nicht nur Branwell trinkt, der Vater trinkt auch, so sind die Iren, möchte man sagen. Der Reverend ist für seine Predigten aber nüchtern. Emilys Gedichte können Sie ➱hier finden. Auf der Seite der ➱Poetry Foundation gibt es eine sehr gute Einführung in ihre Lyrik. Ich zitiere einmal ein Gedicht, das vielleicht typisch für Emilys Dichtung ist:

I’ll not weep that thou art going to leave me,
There’s nothing lovely here;
And doubly will the dark world grieve me,
While thy heart suffers there.

I’ll not weep, because the summer’s glory
Must always end in gloom;
And, follow out the happiest story —
It closes with a tomb!

And I am weary of the anguish
Increasing winters bear;
Weary to watch the spirit languish
Through years of dead despair.

So, if a tear, when thou art dying,
Should haply fall from me,
It is but that my soul is sighing,
To go and rest with thee.

Während ihre Schwester unter dem Pseudonym Currer Bell eine erfolgreiche Romanautorin wird (➱Jane Eyre sollte man unbedingt gelesen haben), schreibt Emily nur einen Roman. Aber was ist das für ein Roman! Robert McCrum setzt ihn auf Platz 13 der ➱100 best novels written in English (➱Jane Eyre kommt auf Platz 12). Der Roman ist großes Theater: Liebe, Leidenschaft, Hass, Einsamkeit und Tod. Zwei verschiedene Bühnenbilder werden auf die Bühne gerollt, die Sturmeshöhe Wuthering Heights (das Wort wuthering hat Emily in die englische Sprache gebracht) und Thrushcross Grange. Thrushcross Grange (das wäre ein Wort für ➱Evelyn Hamann) ist eine Welt, die ein wenig der Welt von Jane Austen ähnelt. Wuthering Heights kommt in der Welt von Jane Austen nicht vor.

Es ist eine einsame und wilde Welt, die noch viel von der ➱Gothic Novel hat. Besonders im dritten ➱Kapitel, wo wir einen Satz wie diesen lesen können: finding it useless to attempt shaking the creature off, I pulled its wrist on the broken pane, and rubbed it to and fro till the blood ran down. Sie werden diese Szene nicht vergessen, sie ist ein Festessen für Pychoanalytiker. Wuthering Heights ist ein Roman der ➱Träume. Und der Albträume.

Spätestens seit der Dissertation ➱Der Held und sein Wetter von ➱F.C. Delius wissen wir, dass das Wetter im Roman des 19. Jahrhunderts eine große Rolle spielt. Natürlich auch in Wuthering Heights. Dame Penelope Lively gefällt das nicht so sehr: There’s lots of British weather in 'Wuthering Heights', but the wildness doesn’t appeal to me, it’s too much “pathetic fallacy” weather. Weather as a device that’s overdone. You’ve got a storm or two in 'Jane Eyre', but it’s rather more sparse, more judiciously used. That said, 'Wuthering Heights' is a marvellous novel, but I warm to Jane Eyre.

Viele Schriftstellerinnen haben etwas zu dem Roman gesagt. So Jeanette Winterson: When I was sixteen I read Wuthering Heights for the first time, and I read it as a kind of oracle; that life is worth nothing if it is not worth everything. Disaster does not matter, intensity does. You can dilute Wuthering Heights, as Mills & Boon and musicals have done. But if you are honest, you cannot escape its central stark premise; all or nothing. The all is not Heathcliff - that is the sentimental version. The all is what Heathcliff represents, which is life itself. Oder, etwas kürzer, Virginia Woolf: It is as if Emily Brontë could tear up all that we know human beings by, and fill these unrecognizable transparencies with such a gust of life that they transcend reality.

Und dann hätte ich noch Kate Mosse: This brilliantly atmospheric Yorkshire saga has only one drawback - Emily never wrote another novel. For me, it is both fantastic but also true to life because the protagonists have such believably fierce emotions. Das ist natürlich nicht die Kate Mosse von der ➱Calvin Klein Reklame, die kann nicht so viele Wörter. Die beiden expressionistischen Illustrationen sind von Fritz Eichenberg, sie finden sich 1943 in der Ausgabe von Random House. Es gibt beinahe unzählig viele Ausgaben von Wuthering Heights, für Philologen gibt es aber nur eine Ausgabe. Und das ist die, die in der Reihe der Norton Critical Editions erschienen ist.

Arno Schmidt hat die Brontës durch seinen Radioessay Angria & Gondal: Der Traum der taubengrauen Schwestern in Deutschland bekannt gemacht. Er findet sich in dem Buch Der Triton mit dem Sonnenschirm. Ich habe das Buch bei seinem Erscheinen rezensiert und dem Arno, als die Rezension gedruckt erschien, sie vorbeigeschickt. Er hat leider auf meinen Brief nicht geantwortet. Es gibt im Internet ➱Wuthering Heights im Original. Und in deutscher Übersetzung ➱Der Sturm-Heidehof von Gisela Etzel und ➱Umwitterte Höhen von Alfred Wolkenstein. Die beste Einführung in die Welt der Brontës bietet Elsemarie Maletzke mit Das Leben der Brontës. Und dann habe ich hier noch eine sehr gute deutsche ➱Brontë Seite (mit vielen nützlichen Links). Und die Wikipedia Seite zu ➱Wuthering Heights kann auch empfohlen werden.

Mittwoch, 26. Juli 2017

Besucher


So haben wir die englischen Royals gerne, wenn sie Deutschland besuchen. Sie sind ja eigentlich sowieso Deutsche und haben hier viele Verwandte, von dem ➱Pinkelprinzen wollen wir nicht reden. Und natürlich gibt es in der königlichen Familie immer wieder Leute, für die man sich ein bisschen schämt. Also zum Beispiel Carl Eduard von Sachsen-Coburg und Gotha, ein Enkel von Victoria. Der verlor all seine englischen Titel, bekam aber von Adolf Hitler schöne neue. Und da ich den erwähne, könnte ich vielleicht noch ein königliches ➱Ehepaar erwähnen, das Deutschland besucht, aber das lassen wir lieber.

Wenn Sie noch einen Termin beim Arzt oder beim Friseur haben, dann können Sie alles über den Besuch von Kate und William in der Bunten lesen, deshalb lasse ich das heute mal weg. Und nein, ich weiß auch nicht, wer die Frau da rechts ist, die so alberne Gesten macht. Manche Leute machen ja alles, um mit den Royals aufs Bild zu kommen.

Ich muss mal eben zu einem anderen Besucher Deutschlands kommen, er heißt Wilhelm August und ist ein Sohn des englischen Königs Georg II. Sein Vater war der letzte englische Herrscher, der nicht in England geboren wurde. Er war auch der letzte englische Herrscher, der eine Armee auf dem Schlachtfeld führte. Sein Sohn ist in ➱Dettingen auch dabei, wird am Bein verwundet und ist ein Held. Über den heldenhaften Kampf des Vaters reden wir lieber nicht. Sein Pferd geht durch und rast nach hinten, George II sieht nichts von der Schlacht. Aber Wilhelm August darf im nächsten Jahr ein englisches Heer anführen. Nicht nur das, eine ganze Armee von Verbündeten. Unglücklicherweise ist Moritz von Sachsen auf der anderen Seite ➱Maurice de Saxe, ein gebildeter Mann und ein fähiger Heerführer. Das sind Dinge, die niemand über Wilhelm August sagen würde, der ist voll proll und als Feldherr völlig unfähig. Wilhelm August verliert die Schlacht von Fontenoy.

Und doch schreibt ein Deutscher, der in London arbeitet (es gibt noch keinen Brexit), eine Hymne auf ihn, die ➱See, the Conqu‘ring hero comes heißt:

See the conqu’ring hero comes,
Sound the trumpets, beat the drums,
Sports prepare, the laurel bring,
Songs of triumph to him sing.

Wir singen das zu Weihnachten als Tochter Zion, freue Dich und denken dabei nicht an Wilhelm August, den Sieger der Schlacht von Culloden. Der einzigen Schlacht, die er gewann. Gegen die weit unterlegenen Schotten, die er nach der Schlacht gnadenlos verfolgte und abschlachten ließ, heute würde man ihn einen Kriegsverbrecher nennen (lesen Sie mehr dazu in den Posts ➱Bonnie Prince Charlie und ➱Culloden). Wilhelm Augusts Rolle bei Culloden trägt ihm den Namen Butcher Cumberland ein, und mehr als ein Schlächter ist er auch nicht. Das BBC History Magazine hat ihn als the 18th century's worst Briton bezeichnet. Ein Jahr nach Culloden ernennt ihn sein Vater zum Generalkapitän aller britischen Truppen und das Parlament spendiert ihm eine jährliche Zulage von 25.000 Pfund Sterling, das wären heute einige Millionen Pfund. So ausgerüstet zieht er nach Holland und verliert wieder einmal gegen Maurice eine Schlacht.

Und danach besucht der dicke Cumberland Deutschland. Nicht die Universität Göttingen, die sein Vater 1737 gegründet hatte. Nein, er kommt als Feldherr, er soll das Kurfürstentum ➱Hannover vor den Franzosen schützen. Wie wir ihn kennen, wird daraus nichts. Schmählich muss er sich nach der Schlacht von ➱Hastenbeck den Franzosen ergeben. Die nach der Konvention von Zeven im Kurfürstentum Hannover herrschen. Es ist eine Tragödie für die hannöverschen und braunschweigischen Regimenter (hier der Herzog Ferdinand von Braunschweig), die in der Schlacht heldenhaft kämpfen, dass sie mitansehen müssen, dass Kummerland, wie sie ihn nennen, ihre Heimat preisgibt.

Wenn Cumberland nach London zurückkehrt, wird sein Vater ausrufen: Here is my son who has ruined me and disgraced himself. Jahrezehnte zuvor war er stolz auf seinen martial boy, jetzt will er nichts mehr von ihm wissen. Der König war übrigens gerade beim Kartenspiel, als er das berühmte Here is my son who has ruined me and disgraced himself sagt. Er spielt weiter und würdigt den Generalkapitän aller britischen Truppen keines weiteren Worts. Cumberland verliert alle militärischen Ämter, zieht sich ins Privatleben zurück, wird immer fetter (er wiegt mehr als 130 Kilo) und züchtet Rennpferde. Die Schotten hassen ihn bis heute.

Cumberland hätte in Hastenbeck nicht aufzugeben brauchen, die beiden hannöverschen Obersten von Breitenbach und von Dachenhausen (hier von ➱John Singleton Copley gemalt), denen niemand gesagt hat, dass die Schlacht zu Ende ist, haben Teile des Schlachtfelds unter Kontrolle. Sie beginnen, die Franzosen mit ihren eigenen Kanonen zu beschießen und ihre Nachhut anzugreifen. Das erinnert ein wenig an den kleinen Hauptmann Tuschin in Tolstois ➱Krieg und Frieden, der auch ohne Befehl genau das Richtige macht.

Hauptmann Tuschin ist eine Erfindung von Tolstoi, der reale Oberst Maximilian von Breitenbach schafft es in einen Roman. Gleich am Anfang von Wilhelm Raabes ➱Hastenbeck taucht er auf: Als der hannoversche Oberst von Breitenbach ebenfalls seine gewonnenen Fahnen in später Nacht dem Helden von Culloden überreichte, soll dieser doch geweint haben. Die Tränen können wir ihm schenken. Der Marschall d'Estrées hatte recht behalten: über Nienburg und Verden ist der jämmerliche Rückzug weitergegangen und das flüchtige Heer erst bei Stade zum Stillstehen gekommen. Das welfische Allod – die Lande Braunschweig und Lüneburg – und das Hannoversche lagen der Frau Marquise von Pompadour und dem König Louis dem Fünfzehnten zu freiester Verfügung –

Im Jahre 1913 hat der Honourable Sir Evan Edward Charteris, der mit ➱John Singer Sargent und Edmund Gosse befreundet war, ein Buch über Cumberland geschrieben, wo er im Vorwort sagt:
In 1770 a statue of the Duke of Cumberland was placed in Cavendish Square by Lieutenant-General Wlliam Strode. On the pedestal were inscribed the following words: "In gratitude for his private kindness; in honour to his public virtue." Many years later the statue was removed and melted down to its original condition of shapeless metal. This act of destruction excited no protest. The incident is only too significant of the position occupied by Cumberland in public esteem: "Private kindness and public virtue" have seldom been the qualities by which the Duke has been known. On the contrary, his memory has been associated with a dull obloquy and odium. To the great majority of those among whom his name is familiar, he is merely known as that "Butcher of Culloden" who extinguished the last hope of a romantic cause by a series of acts of savage brutality. That is a reputation from which, hitherto, no very serious effort has been made to reclaim him.

Und einen serious effort to reclaim him wollen wir heute am Jahrestag der Schlacht von Hastenbeck auch nicht machen. Wir lassen ihn mal the 18th century's worst Briton sein. Ich nehme an, dass das Parlament den Bonus von 25.000 Pfund nicht weiterbezahlt hat. An Kriegen kann man ja immer schön verdienen. Diesen Pavillion hat sich der Herzog von Richelieu bauen lassen, das Geld kam aus dem Feldzug gegen Cumberland. Weil es deutsches Geld war, das das Bauwerk bezahlt hatte, gab ihm der Pariser Volkswitz den Namen Pavilion de Hanovre. So ist immer noch ein bisschen Hannover in Paris.

Hätte es heute vor 260 Jahren in Hastenbeck so geregnet, wie es im Landkreis Hameln in den letzten Tagen geregnet hat, dann hätte die Schlacht von Hastenbeck wohl nicht stattgefunden. Dann hätte Dr Wilhelm Havemanns Geschichte der Lande Braunschweig und Lüneburg, bei der sich Wilhelm Raabe reichlich bedient hat, anders ausgesehen. Und der Marschall Richelieu hätte keinen Pavilion de Hanovre.


Lesen Sie auch: Hannover, Hastenbeck, Hoya

Sonntag, 23. Juli 2017

Philipp Otto Runge


Dieses Selbstportrait von Philipp Otto Runge zählt zu seinen schönsten Bildern. Ich mag es sehr, auch sein Selbstportrait als ➱Federzeichnung ist sehr schön. Ich weiß nicht, weshalb ich bei diesem Portrait immer an das Selbstportrait von ➱Carel Fabritius denken muss. Der schaut uns zwar auch an, aber er hat nicht diese Traurigkeit in den Augen. Goethe hielt viel von dem Maler, der heute vor 240 Jahren geboren wurde: Es ist ein Individuum, wie sie selten geboren werden. Sein vorzüglich Talent, sein wahres treues Wesen als Künstler und Mensch, erweckte schon längst Neigung und Anhänglichkeit bey mir; und wenn seine Richtung ihn von dem Wege ablenkte, den ich für den rechten halte, so erregte es in mir kein Mißfallen, sondern ich begleitete ihn gern.

Und noch ein anderer Dichter der Romantik lobt Runge. So schreibt Clemens Brentano in einem Brief an Johann Friedrich Böhmer, nachdem der ihm Runges Gedicht ➱Es blüht eine schöne Blume geschickt hatte: Das Lied ist wirklich von Runge er-Rungen, ent-Rungen, entsp-Rungen, durchd-Rungen usw ... Er ist eigentlich doch der tiefsinnigste Künstler, der unmittelbarste der neueren Zeit gewesen, der eine Tiefe, ein Inneres, das vielleicht nie Gestalt gewonnen, zu Tage hat gebären müssen; was aber von solchem an die Oberfläche tritt, tritt heutzutage der Oberflächlichkeit entgegen; darum ist er so wenig gekannt und erkannt.

Das ist es: die Dichter rühmen ihn, aber beim Publikum ist der Maler kaum bekannt. Dennoch lobt Runge in einem Brief an seinen Bruder das Publikum und sagt: daß in einem Staat wie Hamburg sehr viel auf den guten Willen des Publicums gerechnet werden könne, wo die beschränkte Würkung der Behörden nicht ausreicht, und daß immer eine Masse von Menschen vorhanden bleibt, wo diesen guten Willen durch innern und äußern Antrieb rege zu machen möglich ist. Da ist sicherlich etwas dran, und die beschränkte Würkung der Behörden hat ja heute in Hamburg wieder Aktualität.

Allerdings muss man sagen, dass Runge hier nicht das Publikum meint, dass seine seine Bilder bewundern soll, sondern die Patriotische Gesellschaft. Die hatte Runge gerade als Ehrenmitglied aufgenommen, unter anderem, weil es sich bei ihm um einen talentvollen, denkenden Künstler handle. Im Rathaus denkt man offensichtlich nicht, das wird wenige Jahre später der Marschall ➱Davout für die Hamburger übernehmen. In der Kunsthalle Hamburg denkt man offensichtlich auch nicht, die Beschreibung des wohl bekanntesten Bildes von Runge auf der Seite der Kunsthalle ist nun wirklich ärmlich, wenn man das zum Beispiel mit diesem ➱Post eines Bloggers vergleicht. Noch mehr zu Runge findet sich bei jemandem, der als ➱Kunstdirektor schreibt oder an dieser Stelle, wo man Daniel Runges ➱Nachrichten von dem Lebens- und Bildungsgange des Mahlers Philipp Otto Runge findet.

Wenn Sie mehr zu dem Bild wissen wollen, kann ich nur Jörg Traegers Philipp Otto Runge: Die Hülsenbeckschen Kinder: Von der Reflexion des Naiven im Kunstwerk der Romantik empfehlen, das in der hervorragenden Reihe Fischer Kunststück erschienen ist. Der Kunsthistoriker Jörg Traeger war die Nummer Eins der Runge Forschung, sein kleines Buch ist sicher auf einem höheren Niveau als das Buch von Ellen Pomikalko und Ute Blaich ➱Philipp Otto Runge: Die Hülsenbeckschen Kinder. Aber das ist ein rotfuchs-Kunstbuch, das macht auch einen Sinn. Ute Blaich habe ich immer geschätzt, ich habe noch ihre LP (Deutsche Grammophon) von The Wind in the Willows im Regal. Und da ich bei Kiddies bin, möchte ich noch auf das interessante Buch So nah und doch so fern: Philipp Otto Runges gesteigerte Wirklichkeit der Kinder. Eine Entdeckungsreise durch die Bildwelten Runges und seiner Zeit des Pädagogen Andreas Gruschka hinweisen.

Runges Äußerungen über den guten Willen des Publicums sind übrigens prophetisch: als 2010 die Ausstellung ➱Kosmos Runge: Der Morgen der Romantik in der Hamburger Kunsthalle eröffnet wird, hat man gerade große Teile des ➱Werkes gekauft, die vorher nur geliehen waren. Es ist übrigens ➱Alfred Lichtwark gewesen, der (mit privater Unterstützung) die ersten Käufe für die Kunsthalle tätigte, Runge selbst interessierte ihn nicht so sehr. Ihn interessierte, dass Runge (hier mit seiner Frau ➱Pauline und seinem Bruder Daniel) ein Hamburger war. Das Bild hat den Titel ➱Wir Drei, es war ein Geschenk Runges an seine Eltern.

Es ist natürlich eine ➱Eiche, dieser symbolträchtige deutsche Baum, an den sich Daniel Runge lehnt. In den Befreiungskriegen wird die Eiche über das Symbol der Treue hinaus zu einem nationalen Symbol für Einigkeit, Schutz und Festigkeit. Die drei Soldaten eines Freicorps auf dem Bild von Kersting halten ihre Wache in einem Eichenwald, es dürfte kein anderer Wald sein. Simon Schama hat in seinem Buch Landscape and Memory (➱Der Traum von der Wildnis) eine Menge über den deutschen Wald zu sagen, ich halte Landscape and Memory für sein bestes Buch.

Der englische Kunsthistoriker Matthew Craske hat in seinem höchst originellen Buch Art in Europe 1700-1830 darauf hingewiesen, dass die geschlossen auftretende Familie wie in Wir Drei oder dem Bildnis seiner Eltern vor dem Hintergrund der Bedrohung durch Napoleon zu sehen ist. Runge malt nicht nur 1806 seine Eltern in seinem Heimatort Wolgast. Er ist auch nach Wolgast gezogen, weil es der Firma Firma Hülsenbeck, Runge & Co, in der einmal als kaufmännischer Gehilfe angefangen hat, sehr schlecht geht. Der Konkurs kommt im nächsten Jahr, die Kontinentalsperre macht sich bemerkbar (darüber sollten die Engländer mit ihrem Brexit mal nachdenken), aber Daniel Runge (hier von seinem Bruder portraitiert) wird eine neue, erfolgreiche Firma gründen. Sein Bruder wird dort stiller Teilhaber sein.

Auf der Rückseite dieses beinahe zwei Meter hohen Gemäldes können wir die Geburtsdaten der Eltern des Künstlers lesen, sowie den Satz: Diese meine lieben Eltern habe ich meinen Geschwistern und mir zum Andenken gemalt und zur Lust mein Söhnlein Otto Sigismund als 1 1/2 Jahr, und meines Bruders Jacob Söhnlein Friedrich als 3 1/2 Jahr. Wollgast im Sommer 1806. Im Herbst 1806 wird Napoleon bei Jena und Auerstedt die preußische Armee schlagen und danach in Berlin einziehen. Die kleine schwedische Flagge (Pommern ist damals noch schwedisch) auf einem der Schiffe im Hintergrund, die Runges Vater gehören, ist vielleicht eine Hoffnung, dass es nicht so schlimm werden kann.

Es gibt von dem Bild eine zweite, kleinere Version, eine Ölskizze. Die Kinder fehlen, die Lilie mit ihrer Symbolik fehlt, die gepflegt bürgerliche Kleidung von Runges Eltern ist einfacher gehalten, die Schiffe von Daniel Nikolaus Runge sind nicht zu sehen. Runges Eltern sind neunundsechzig Jahre alt, sie sehen älter aus. Runges Vater steckt noch im 18. Jahrhundert, er trägt noch eine Perücke. Das Ehepaar wirkt ein klein wenig verloren vor seinem Haus. Es fehlen die Kinder, Daniel Nikolaus Runge und Magdalena Dorothea haben elf Kinder, da müssen jetzt die Enkel mit auf das Bild, über das Alfred Lichtwark sagte: In der deutschen Kunst um 1806 steht es wie ein Wunder. 

Lichtwark meinte damit, dass es einzigartig sei und keine Vorbilder in der europäischen Malerei habe. Das sagt auch Mario Praz in Conversation Pieces, der größten Studie des Familienbilds. Allerdings mit leicht boshafter Ironie: There is nothing conventional in this severe, almost surly pair of old people dressed in materials hard as metal; solemnly taking a walk, they cross the sparse orchard and are considered with some misgiving by one of the grandchildren, who convulsively clutches a flower and who maybe a moment ago has given the grandmother the rose she holds in her left hand. One cannot suppose that she received it with a smiling face: one suspects that in the hands of such a formidable-looking woman any flower would soon wither. The house behind them looks like a prison wall; the free view of the water with its moored boats and of the sky (which is overcast by a black cloud) does nothing to dispel the sense of a cloistered and severe life communicated by the figures, the wall, and the toothed fence.

Mein Katalog der Hamburger Ausstellung ➱Runge in seiner Zeit aus dem Jahre 1977 sieht besser aus als dieser hier. Weil ich ihn mir neu gekauft habe. Nachdem ich den ersten Katalog damals durchgearbeitet habe, habe ich ihn einer Studentin der Kunstgeschichte geschenkte. À propos Studenten, kurz bevor ich die Uni verließ, belehrte mich eine Kollegin, dass man jetzt nicht mehr Studenten sagte. Das hieße jetzt Studierende. Ich sagte ihr, dass ich für solchen Unsinn zu alt sei. Und unterließ es höflicherweise zu sagen, dass es Schwachsinn sei, weibliche Schafe Schäfinnen zu nennen. Was sie in ihrer Vorlesung hartnäckig tat.

Man kann den Hamburger Katalog von 1977 (Prestel Verlag) antiquarisch noch bekommen, es ist vielleicht das Beste, das man zu Runge kaufen kann. In Hamburg war damals nicht nur das Werk von Runge zu sehen (die Hamburger Kunsthalle hat die größte Sammlung), sondern die ganze deutsche Romantik drumherum. Wie zum Beispiel Carl Joseph Begas oder ➱Friedrich Wasmann (Bild), der mittlerweile einen ➱Post hat. Die Philipp Otto Runge Ausstellung war zuerst in der Reihe der ➱Kunst um 1800 gar nicht vorgesehen, in den ersten zwei Jahren gab es ➱Ossian, ➱Caspar David Friedrich, Johan Tobias Sergel, ➱Johann Heinrich Füssli und ➱William Blake. Danach kamen in den nächsten vier Jahren Philipp Otto Runge, ➱William Turner, John Flaxman und Goya. Ein größeres Projekt hat die Hamburger Kunsthalle im 20. Jahrhundert niemals bewältigt. Bis auf die Sergel Ausstellung habe ich alle Ausstellungen gesehen, die ➱Ossian Ausstellung und die Caspar David Friedrich Ausstellung sogar mehrfach.

Jörg Traegers Katalog Philipp Otto Runge und sein Werk: Monographie und kritischer Katalog ist schwer zu bekommen. Er steht bei mir im Regal, weil ich damals Mitglied des Deutschen Kunstverein war, es war die Jahresgabe für die Mitglieder. Die Jahresgaben waren immer teurer als  der Jahresbeitrag, das hatte mir mein Freund ➱Peter gesagt. Als die Jahresgaben immer mickriger wurden, bin ich aus dem Verein ausgetreten. Aber wer sich für Runges Leben und Werk interessiert, ist auch mit kleineren Büchern gut bedient. Man bekommt zum Beispiel ➱Jens Christian Jensens Buch (DuMont) bei Amazon Marketplace ab einem Cent, und auch Frank Büttners bei C.H. Beck erschienenes Taschenbuch ist antiquarisch noch zu finden. Es ist ein schmales, kleinformatiges Buch (128 Seiten), aber es ist ein sehr gutes Buch.

Der Morgen ist die grenzenlose Erleuchtung des Universums, hat Runge gesagt. Lange hat er an dieser romantischen Weltvision gearbeitet. Welcher Lebendige, Sinnbegabte, liebt nicht vor allen Wundererscheinungen des verbreiteten Raums um ihn das allerfreuliche Licht – mit seinen Farben, seinen Strahlen und Wogen; seiner milden Allgegenwart, als weckender Tag. Wie des Lebens innerste Seele atmet es der rastlosen Gestirne Riesenwelt, und schwimmt tanzend in seiner blauen Flut – atmet es der funkelnde, ewigruhende Stein, die sinnige, saugende Pflanze, und das wilde, brennende, vielgestaltete Tier – vor allen aber der herrliche Fremdling mit den sinnvollen Augen, dem schwebenden Gange, und den zartgeschlossenen, tonreichen Lippen. 

Wie ein König der irdischen Natur ruft es jede Kraft zu zahllosen Verwandlungen, knüpft und löst unendliche Bündnisse, hängt sein himmlisches Bild jedem irdischen Wesen um. – Seine Gegenwart allein offenbart die Wunderherrlichkeit der Reiche der Welt. Das ist nicht von Runge, das steht in Novalis' ➱Hymnen an die Nacht (auf den ihn Tieck hingewiesen hatte), aber es passt zu diesem Bild, das den Zauber des ersten Sonnenlichts mit symbolischer Überhöhung auf die Leinwand bannt.

Mir wäre es lieber gewesen, wenn Runge Landschaften gemalt hätte. Denn als er an der ersten Fassung seiner schwebenden Aurora (➱Der kleine Morgen) arbeitet, malt John Constable ein Bild wie ➱dieses. Es drängt sich alles zur Landschaft. Ist denn in dieser neuen Kunst — der Landschafterey, wenn man so will, — nicht auch ein höchster Punkt zu erreichen? der vielleicht noch schöner wird wie die vorigen? Ich will mein Leben in einer Reihe Kunstwerke darstellen; wenn die Sonne sinkt und wenn der Mond die Wolken vergoldet, will ich die fliehenden Geister festhalten, wir erleben die schöne Zeit dieser Kunst nicht mehr, aber wir wollen unser Leben daran setzen, sie würklich und in Wahrheit hervorzurufen –. Das hier ist eine Nillandschaft, Otto Runge war niemals am Nil, er war auch nicht in Italien oder Paris wie andere Maler seiner Zeit. Und die Nillandschaft ist keine freie romantische Phantasie, er braucht sie als Mittelteil für seine ➱Ruhe auf der Flucht.

Der Weg, den Sie betreten haben, ist um so rühmlicher, als er wahrscheinlich ein einsamer bleiben muß; ja was ist einsamer, als die Philosophie, da sie sich selbst verlassen muß, um sich zu belauschen? Ihr Bestreben ist mir daher stets so achtungswerth und rührend erschienen, da Sie gewissermaaßen die Augen schließen, um in sich hinabzusteigen und zu sehen, wie Sie zum Sehen gekommen; denn an solchem Bestreben sehe ich, daß das Leben der Kunst wahrlich verloren ist, indem der Künstler sich umsehen muß in sich selbst, um das Verlorne Paradies aus seiner Nothwendigkeit zu construiren. Das schreibt Brentano im Januar 1810 in einem ➱Brief an Runge, der wird aber keinen langen Weg mehr gehen, am Ende des Jahres ist er tot. In dem Jahr hat er noch die, wie er, an der Tuberkulose sterbende Sophia Sieveking gemalt, vielleicht sein letztes Werk.

Das hier ist Runges Portrait seines Freundes Friedrich August von Klinckowström, eines Mannes, der als preußischer Offizier anfängt und danach Direktor einer Erziehungsanstalt für adlige Knaben wird, daneben malt er aber auch noch. Wenn Klinckowström ihm aus Paris schreibt, ist Runge versucht, auch nach Paris zu gehen. Aber er fürchtet sich vor den vielen Einflüssen, seine Kunst soll ganz aus ihm heraus kommen. Rembrandt bedeutet ihm viel. Der ist ihm einmal im Traum erschienen und hat ihn seinen lieben Otto genannt, als er noch an der Kopenhagener Akademie studierte. Runge bleibt in Hamburg und schreibt an Klinckowström: Mir ist recht oft beklommen zu Muthe, dass ich so allein bin. Könnte ich es auf irgend eine Weise, die mir als Wunsch nur bekannt ist, dahin bringen, etwa 10 junge Leute von verschiedener Art ihre Studien zu betreiben anzuleiten! Aber dazu wird es nicht kommen, Runge, der in seinen Briefen mit beinahe allen Romantikern vernetzt ist, bleibt allein.

Haben Sie schon einmal mit diesen Karten Skat gespielt? Dieses Kartenspiel von Runge ist 1924 im Insel Verlag erschienen, es wurde nach den wiedergefundenen Originalstöcken von Friedrich Wilhelm Gubitz in der Spielkartenfabrik Altenburg hergestellt. Und damit bin ich bei einem anderen Philipp Otto Runge. Einem Mann, der ➱Gedichte schreibt, Spielkarten entwirft und ➱Scherenschnitte anfertigt. Und dann schreibt er auch noch Märchen, plattdeutsch. Die Sprache, mit der er aufgewachsen ist, er liebt sie. Vielleicht kennen Sie ➱Van den Machandelboom nicht, aber ➱Von den Fischer un siine Fru, das kennen sie bestimmt. Runge schickt es an die Brüder Grimm, die es in ihre Sammlung aufnehmen.

Und eines Tages wird Runge selbst zur ➱Literatur: Nun hat man die eine von mir gebrachte mundartliche Mär 'Von den Machandelboom' glücklich in die Leitung für 'Einsiedler' aufgenommen, doch die andere, die ich gleichfalls vor Jahren auf der Insel Rügen einem alten Weib nachgeschrieben und überdies als Variation notiert habe, weil die Alte, wunderlich hartnäckig, mal so, mal so erzählt hat, nämlich die Mär 'Von dem Fischer un syner Fru' liegt immer noch ungedruckt, wenngleich der Buchhändler Zimmer schon vor zwei Jahren den Herren Arnim und Brentano die Aufnahme des Märchens vom Butt in das Wunderhorn empfohlen hat. Hier ist nun Gelegenheit, erneut über die Sache, wie ich sie endlich doppelt vorlege, zu sprechen. Deswegen bin ich, auf Wunsch der Herren Grimm, von weither angereist. Denn eigentlich sollte ich vor meinem Bild sitzen. Das heißt 'Der Morgen' und will und will nicht fertig werden.

So nett das bei Günter Grass ist, wir wollen dem literarischen Runge nicht das letzte Wort überlassen. Das letzte Wort soll der wirklich Runge haben, der gerne Platt snackt und der dabei ist, das Verlorne Paradies aus seiner Nothwendigkeit zu construiren. Im August 1810 schreibt Runge an Brentano: daß es mir in meinem Leben höchstens nur 1, 2, höchstens 3 Jahre erlaubt gewesen ist, ohne Unterbrechung, ein Künstler- oder vorzüglich ein Mahlerbestreben rein durchzuführen, so bin ich oft Jahre lang von aller wirklichen Arbeit durch so verschiedene Begebenheiten abgehalten, ja einige mahl mit der Aussicht, nie wieder dazu zu kommen. Daher habe ich so vieles angefangen, so wenig vollendet.

Donnerstag, 20. Juli 2017

Lest we forget


Die Verse Lord God of Hosts, be with us yet, Lest we forget—lest we forget! finden sich in Rudyard Kiplings Gedicht Recessional, ich habe sie schon mehrfach zitiert. Weil Kiplings Zeilen mit einer geradezu biblischen Wucht daherkommen. Sie stehen auch am Ende des Posts Cato Bontjes van Beek und des Post Bremen, Mai 1945. Der Post heute ist nicht neu, er stand schon in diesem Blog, als ich gerade mal ein halbes Jahr Blogger war. Damals hatte ich noch nicht so viele Leser, aber im Laufe der Jahre sind es immer mehr geworden. 2013 wurde der Post duch die Moabiter Sonette abgelöst. Gedichte, die mir lieber sind als das Gedicht von Stauffenberg, wo von Ruhm und schönheit wenn nicht wir sie hätten / Des Staufers und Ottonen blonde erben die Rede ist.

Euer Opfer hat doch einen Sinn gehabt, die Welt hat das in zunehmendem Maße erkannt – wir werden diesen tieferen und eigentlichen Sinn Eures Opfers unserem eigenen Volk immer mehr bewusst werden lassen – und das wird Euer nachträglicher Sieg sein, hat Willy Brandt 1955 gesagt. Bei der ersten Gedenkfeier im Ehrenhof des Bendlerblocks sprach 1952 der Regierende Bürgermeister Ernst Reuter, da waren die Widerständler für viele Deutsche noch vaterlandslose Gesellen. Erst als der Krieg zehn Jahre vorbei ist, werden Heuss und Adenauer am 20. Juli sprechen, damals lesen die Deutschen gerade gerne Erich von Mansteins Buch Verlorene Siege.

Wir gedenken in Deutschland an diesem Tag des Widerstandes gegen Adolf Hitler. Und es gibt jedes Jahr einen Staatsakt in Berlin und eine Kranzniederlegung im Ehrenhof des Bendlerblocks. Und jedes Jahr wird der Oberst Graf von Stauffenberg gefeiert, den ja jetzt jeder kennt, weil er von Tom Cruise gespielt wurde. Um den stillen James Graf von Moltke, dessen Patenkind mein Freund Jimmy war, wird nicht ein solcher Rummel gemacht. Aber das Wissen um die Vergangenheit geht von Jahr zu Jahr verloren, und eines Tages werden nachfolgende Generationen die deutsche Geschichte nur noch in der Version von Tom Cruise oder Guido Knopp kennen. Ich bin jedes Jahr an diesem Tag ein wenig unglücklich, mir gefallen die Feiern nicht, die häufig nur verlogene Schauspiele mit schlechten Laiendarstellern sind. Und ich frage mich, wie viele Schüler jemals in Plötzensee gewesen sind? Oder wie viele den Namen Georg Elser kennen? Denn der ist irgendwie eher mein Held als Stauffenberg mit dem ganzen Gewese des George Kreises und dem heiligen Deutschland. Vielleicht war auch das geheime Deutschland gemeint, über das Stauffenbergs Mentor Stefan George gedichtet hatte:

Wer denn o wer von euch brüdern
Zweifelt o schrickt nicht beim mahnwort
Dass was meist ihr emporhebt
Dass was meist heut euch wert dünkt
Faules laub ist im herbstwind
Endes- und todesbereich:
Nur was im schützenden schlaf
Wo noch kein taster es spürt
Lang in tiefinnerstem schacht
Weihlicher Erde noch ruht -
Wunder undeutbar für heut
Geschick wird des kommenden tages.

Niemand redet über all die kleinen Leute, die auf ihre Art und Weise Widerstand geleistet haben, und die Opfer des Terrors geworden sind. Mir ist Stauffenberg als Held ein wenig unheimlich. Das, was ich von meiner Mutter (die ihn gekannt hatte) über ihn erfahren habe, hat nicht gerade dazu beigetragen, dass ich ihn mag. In der TAZ vom 17.2. 2009 hat Michael Wildt geschrieben:

Aber warum Stauffenberg und nicht Elser? Auf die Kritik des britischen Historikers Richard Evans, dass sich Stauffenberg mit seiner elitär-reaktionären Weltanschauung wohl nicht zum Helden eigne, antwortete Karl Heinz Bohrer heftig, dass es darauf gar nicht ankomme, sondern Stauffenberg und seine Mitverschwörer "eine Höhe des sittlichen, charakterlichen und kulturellen Formats" repräsentierten, von dem Mitglieder der heutigen Elite nur träumen könnten.

Darum also geht es! Im gegenwärtigen Diskurs um Eliten und ihre Ethik eignet sich der gebildete Generalstabsoffizier Stauffenberg, der zunächst den Verheißungen des Regimes vertraut, engagiert mitgemacht hat und erst spät umgekehrt ist, dann aber desto entschiedener zur Tat schritt, offenbar weit besser zum öffentlichen Helden als der spröde, eigensinnige Elser, der unter Beweis stellt, dass man auch in Zeiten, in denen die Stauffenbergs wie Millionen andere Deutsche noch den "Führer" unterstützten, als Tischler mit Volksschulabschluss den destruktiven Charakter des NS-Regimes erkennen und den Entschluss zum Widerstand fassen konnte. "Unglücklich das Land, das Helden nötig hat" (Bertolt Brecht).

Wir können das in Deutschland offensichtlich nicht, dass wir einen größeren Zusammenhang des Widerstandes herstellen. Wir brauchen die aristokratischen Offiziere des Generalstabs auf der einen Seite (die wir dann auch feiern) und die sozialistischen oder kommunistischen Arbeiter auf der anderen Seite (die wir lieber nicht erwähnen). Vielleicht noch ein wenig Bekennende Kirche in der Mitte. Das Bürgerlied von 1848 mit den Zeilen ob wir just Collegia lesen oder aber binden Besen, das tut, das tut nichts dazu. Drum ihr Menschen, drum ihr Brüder, alle eines Bundes Glieder, was auch jeder von euch tu, das ist immer noch nicht bei uns angekommen.

Wenn Churchill 1946 gesagt hat: In Deutschland lebte eine Opposition, die zum Edelsten und Größten gehört, was in der politischen Geschichte aller Völker hervorgebracht wurde. Diese Menschen kämpften ohne Hilfe von innen und außen, einzig getrieben von der Unruhe des Gewissens. Solange sie lebten, waren sie für uns unsichtbar, weil sie sich tarnen mussten. Aber an den Toten ist der Widerstand sichtbar geworden. Diese Toten vermögen nicht alles zu rechtfertigen, was in Deutschland geschah. Aber ihre Taten und Opfer sind das unzerstörbare Fundament eines neuen Aufbaus, dann ist er in seiner Bewertung der Meinung der jungen Bundesrepublik weit voraus. Denn in den fünfziger Jahren war das Bild der Widerständler in der Bevölkerung nicht unbedingt positiv. Die Nazipropaganda von einem Verrat und einer zweiten Dolchstoßlegende wirkte noch nach. Über die Bewertung des Attentats aus der Sicht der DDR wollen wir lieber den Mantel des Schweigens decken. Aber auch bei uns hat es bis 1963 gedauert, dass die öffentlichen Gebäude beflaggt wurden.

Wir haben nach dem Krieg auch unsere juristischen Schwierigkeiten mit den Opfern. Die Mutter der jungen Widerstandskämpferin Cato Bontjes van Beek aus Fischerhude (mit der Helmut Schmidt einmal befreundet war), die in Plötzensee hingerichtet wurde, hat zwölf Jahre gegen das Land Niedersachsen prozessieren müssen, damit ihre Tochter juristisch rehabilitiert wurde. Erst 1999 (56 Jahre nach ihrem Tod) wurde das Todesurteil juristisch aufgehoben. Da hatte es die Witwe des berüchtigten Präsidenten des Volksgerichtshofes Roland Freisler einfacher. Sie bezog eine Kriegsopferrente und ab 1974 bis zu ihrem Tode 1997 noch einmal zusätzlich monatlich 400 Mark Schadensausgleich mit der Begründung, dass wenn ihr Mann überlebt hätte, er höherer Beamter oder gutverdienender Rechtsanwalt geworden wäre. Was kann man gegen eine solche Logik sagen?

Die antike Philosophie hat das Problem des Tyrannenmords diskutiert, und seit dem 17. Jahrhundert findet sich dieser Gedanke auch bei den Staatsrechtsphilosophen. Schon Thomas Hobbes räumt dem Volk ein gewisses Widerstandsrecht ein, wenn der Souverän sein Volk nicht mehr ausreichend schützt. Samuel Pufendorf empfiehlt dagegen in De iure naturae et gentium, auf den Tyrannenmord zu verzichten und stattdessen zu fliehen oder auszuwandern. Unser deutscher Denker mit dem kategorischen Imperativ hat das Widerstandsrecht dann im 18. Jahrhundert allerdings kategorisch abgelehnt. Aber seit dem Jahre 1968 steht es im Artikel 20 Absatz 4 in unserem Grundgesetz: Gegen jeden, der es unternimmt, diese Ordnung zu beseitigen, haben alle Deutschen das Recht zum Widerstand, wenn andere Abhilfe nicht möglich ist. Möge es nie dazu kommen.

Meine Heimatstadt Bremen, die gerne den Eindruck erweckt, dass man ja so hanseatisch gewesen sei und mit den Nazis nichts am Hut hatte, hat in den zwölf Jahren des Tausendjährigen Reiches Nazis und Kriegsverbrecher in ihren Reihen gehabt, aber auch gute und mutige Menschen und Widerständler aus allen politischen Gruppierungen. Aber die einen wie die anderen waren niemals in der Zeit nach dem Krieg Thema des Unterrichts an meiner Schule (an der Hermann Böse Schule vielleicht, da musste man ja zumindest wissen, weshalb die Schule so hieß). Dass wir in unserem Ort einen Kriegsverbrecher wie Walter Többens hatten, hat erst Jahrzehnte nach dem Krieg der Journalist Günther Schwarberg öffentlich gemacht (Schwarberg ist auch der Mann, der das Buch über den SS Arzt und die Kinder vom Bullenhuser Damm geschrieben hat).

Und die Bremer Geschichtsschreibung hat auch lange gebraucht, um sich zu äußern. Erst im Jahre 1980 hatte die Kultusministerkonferenz empfohlen, den Widerstand auch in seinen alltäglichen Formen der Verweigerung und Nichtanpassung zu erforschen und in den Unterricht einzubringen. Dem hat sich der Bremer Senat 1981 angeschlossen und ein Projekt Widerstand und Verfolgung unter dem Nationalsozialismus in Bremen 1933-1945 finanziell gefördert. Daraus ist ein bemerkenswertes Buch entstanden: Inge Marßolek und René Ott Bremen im Dritten Reich: Anpassung - Widerstand - Verfolgung (Schünemann 1986). Das Buch steht im völligen Gegensatz zu dem vierten Band der Geschichte der Freien Hansestadt Bremen des selbsternannten Bremer Historikerpapstes Herbert Schwarzwälder, der letztlich nur eine Geschichte der Gauleiter schreibt. Marßolek und Ott schreiben eine Geschichte von unten, in der Tradition der französischen Historikerschule von Lucien Febvre und der Annales.

Und sie tun das mit erstaunlichen Ergebnissen, weil sie sich weniger für die Gauleiter als für die kleinen Leute interessieren. Wenn die russischen Fremdarbeiterinnen bei Borgward am Internationalen Frauentag 1944 mit rotgefärbten Kopftüchern zur Arbeit kommen, dann ist das auch ein Zeichen des Widerstandes. Und wenn der Chef der AG Weser Franz Stapelfeldt (des Teufels Generaldirektor) auf der einen Seite mit den Nazis paktiert, weil das der Werft Aufträge bringt, und auf der anderen Seite kommunistische Werksangehörige persönlich aus dem KZ freikauft, dann ist das eine andere Form des Widerstands. Ich wünschte mir, dass bei Schünemann in Bremen jemand auf die Idee käme, das vergriffene Buch wieder auf den Markt zu bringen. Und es wäre als Pflichtlektüre für Geschichtslehrer vielleicht auch nicht schlecht. Nicht nur in Bremen.

Martin Walser hat in seiner Dankesrede bei der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels 1998 gesagt: Wenn mir aber jeden Tag in den Medien diese Vergangenheit vorgehalten wird, merke ich, daß sich in mir etwas gegen diese Dauerpräsentation unserer Schande wehrt. Anstatt dankbar zu sein für die unaufhörliche Präsentation unserer Schande, fange ich an wegzuschauen. Ja und nein, ich kann ihn in gewisser Weise verstehen, ich habe damals die ganze Rede gehört. Ich finde, angesichts dessen, was man mit den Mitteln des Fernsehens aufklärerisch machen könnte, ist das, was Guido Knopp macht, nur widerlich. Aber wir können nicht wegschauen, das tun schon genug andere.

Tho' much is taken, much abides; and tho'
We are not now that strength which in old days
Moved earth and heaven, that which we are, we are;
One equal temper of heroic hearts,
Made weak by time and fate, but strong in will
To strive, to seek, to find, and not to yield.

Das stand hier am 20. Juli 2010, ich war ein halbes Jahr lang Blogger. Google hatte gerade angefangen, mich zu zählen. Ich dachte, ich müsste das schreiben. Derjenige aus meiner Familie, der bei den Verschwörern des Kreisauer Kreises war, ist ungeschoren davongekommen. Er war damals nur ein kleiner Oberleutnant. Er hat nie über das geredet, was er getan hatte, was er erreichen wollte. Als ich achtzehn wurde, bekam ich von ihm einen Bananenkarton voller Bücher. Alles, was der deutsche Buchmarkt zum Thema Widerstand damals hergab. Die Titel der Bücher sind inzwischen zahlreicher geworden. Und das Vergessen größer.

Dienstag, 18. Juli 2017

Schnulzen?


Schnulz und Vorurteil titelte letztens die ➱Kieler Nachrichten. Und fügte hinzu: Jane Austen gilt noch immer als Königin kitschiger Romanzen. Die jüngere Literaturforschung dagegen sieht in ihr eine frühe Feministin: Grund genug, das Werk der Britin zu ihrem 200. Todestag neu zu entdecken. Das Wort Schnulzen höre ich im Zusammenhang mit der englischen Autorin, die heute vor 200 Jahren starb, nicht so gerne. Dies ist ein Höhepunkt des englischen Romans, das ist nicht Autorin ➱Eufemia Carolina von Adlersfeld-Ballestrem. Die Süddeutsche Zeitung ist natürlich auf einem anderen Niveau als die KN, sie druckt einen Gastbeitrag von ➱Colm Tóibín, da ist nicht von Schnulzen die Rede. Ich hatte den Todestag von Jane Austen nicht vergessen, aber da mehrere Leser gefragt haben, warum es hier nichts zu Jane Austen gibt, stelle ich einen Post noch einmal hier hin, der schon vor sechs Jahren im Blog stand.





It is a truth universally acknowledged, that a single man in possession of a good fortune, must be in want of a wife. However little known the feelings or views of such a man may be on his first entering a neighbourhood, this truth is so well fixed in the minds of the surrounding families, that he is considered the rightful property of some one or other of their daughters. Ein schöner Romananfang. Es ist der Roman Pride and Prejudice von Jane Austen. Die hat heute Geburtstag [16.12], da muss ich doch einige Zeilen schreiben. Obgleich sie keinerlei Reklame braucht, sie zählt nicht zu den vergessenen Autoren. Man liest sie immer noch, und man kann sie immer noch lesen. Ihre Romane sind in den letzten Jahrzehnten immer wieder verfilmt worden. In Farbe und mit einem großen Aufwand von Kostümen und Dekorationen. Mehr oder weniger gut. Die Romane sind besser.

Pride and Prejudice handelt vom Heiraten. Die Unterhaltung zwischen Mrs und Mr Bennet auf der ersten Seite des Romans handelt vom neuen Nachbarn:

"Why, my dear, you must know, Mrs. Long says that Netherfield is taken by a young man of large fortune from the north of England; that he came down on Monday in a chaise and four to see the place, and was so much delighted with it, that he agreed with Mr. Morris immediately; that he is to take possession before Michaelmas, and some of his servants are to be in the house by the end of next week."
"What is his name?"

"Bingley."
"Is he married or single?"
"Oh! Single, my dear, to be sure! A single man of large fortune; four or five thousand a year. What a fine thing for our girls!"
"How so? How can it affect them?"
"My dear Mr. Bennet," replied his wife, "how can you be so tiresome! You must know that I am thinking of his marrying one of them."
"Is that his design in settling here?"
"Design! Nonsense, how can you talk so! But it is very likely that he may fall in love with one of them, and therefore you must visit him as soon as he comes
.

Die Jagdsaison ist eröffnet, reiche Junggesellen sind jetzt Freiwild in dem Roman der Autorin Jane Austen. Die übrigens nie geheiratet hat, sie verheiratet immer nur ihre Heldinnen. Heiraten ist wichtig in dieser Gesellschaft, die uns Jane Austen beschreibt. Mit einer Ehe sichert man sich einen sozialen Status im England der Regency Zeit, Liebe und das persönliche Glück werden da zur Nebensache. Denn Happiness in marriage is entirely a matter of chance, wie eine Romanfigur in Pride and Prejudice sagt. Von großen Leidenschaften wie in Brontës Wuthering Heights ist hier nicht die Rede.

Die Welt, die uns Jane Austen beschreibt, ist die Welt der landed gentry der ➱Regency Zeit. Die Großstadt London spielt bei ihr keine Rolle. Arme Leute wie bei Charles Dickens auch nicht. Erstaunlicherweise hat auch die Aristokratie, die in allen Trivialromanen des 19. Jahrhundert von solch großer Bedeutung ist, bei ihr wenig Platz. Dies ist die Welt der upper middle class, die Welt der home counties. Manchmal kommen ➱Marineoffiziere in den Romanen vor, die eigentlich immer positive Figuren sind. Zwei von Jane Austens Brüdern waren Marineoffiziere, sie bringen es beide bis zum Admiral. Francis William Austen wird sogar Admiral of the Fleet.

Und was tut man in dieser Welt zu Weihnachten? Man feiert natürlich. Allerdings sind das noch keine Feiern, bei denen die Kinder im Mittelpunkt stehen. Weihnachten ist noch kein sentimentales Kinderfest, Dickens' Christmas Carol ist noch nicht geschrieben. Das sind jetzt Feste für Erwachsene, bei denen junge Frauen hoffen, die geliebten Männer wieder zu treffen. Wenn die snobistische Caroline Bingley schreibt: I sincerely hope your Christmas in Hertfordshire may abound in the gaieties which that season generally brings, and that your beaux will be so numerous as to prevent your feeling the loss of the three of whom we shall deprive you, dann meint sie das natürlich überhaupt nicht. Weil sie bösartig ist und es ganz und gar nicht will, dass Jane Bennet ihren Bruder bekommt. Das ist natürlich nicht der richtige Christmas spirit.

Wir wissen über das englische Weihnachtsfest in der Zeit von Jane Austen eine ganze Menge dank des Buches Jane Austen's Christmas von der Gräfin ➱Maria Hubert von Staufer. Und in einem netten Blog finden wir alle ➱Weihnachtsszenen aus Jane Austens Romanen und deren Verfilmungen. Ich werde gern zu einem anderen Zeitpunkt noch einmal über Jane Austen schreiben, jetzt muss ich erst einmal Weihnachtspäckchen zur Post bringen. Aber zwei Literaturtipps habe ich doch noch. Der eine ist der hervorragende Blog ➱Jane Austen's World, etwas Besseres gibt es in der Blogosphere nicht. Der andere Tipp ist ein ewiger Klassiker, das Buch A Portrait of Jane Austen von Lord David Cecil. Über das John Bayley sagte: I would unhesitantly pronounce the book to be the best portrait of herself and her work that exists.

Vaterländisches Gedicht


Da ist kein Halten mehr,
Und ein »Zurück!« gar kein Begriff. – Und »Vorwärts!«
Und unterm roten Dach zusammenschwimmen
Mit Sturm die großen Waffenbrüder Blücher
Und Wellington zum ersten Wiedersehn
Bei Waterloo.

In ihrem Handschlag grüßen
Zwei Heere sich – zwei Siege – ganz Europa.
Hoch über Mein und Dein und alle Rechnung,
Zu groß ein jeder in sich selbst und zu
Verbrüdert in dem andern, legt auch jeder
Des Tages Palme in des Bruders Hand.
»Groß, Kinder, unser Tag!« ruft Blücher, selig
So schöner Waffenbrüderschaft. »Die Schlacht
Heißt Waterloo, der Sieg heißt Belle-Alliance!
Der Tag kann mehr als einen Namen tragen.« –

Wahrscheinlich kennen Sie dieses Gedicht nicht, über das ein preußischer Prinz sagte: Kanonendonner in solchen melodischen Versen macht das Kriegshandwerk populär. Das Gedicht Waterloo machte seinen Verfasser Christian Friedrich Scherenberg berühmt. Alexander von Humboldt liebte es, und der preußische König verlieh dem armen Dichter eine Stelle als Bibliothekar im Kriegsministerium. Da war er gut aufgehoben, denn viele seiner Gedichte handelten vom Krieg (die Schlachten von ➱Leuthen und ➱Ligny hat er auch bedichtet). Wenn Sie wollen, können Sie Scherenbergs vaterländisches Epos Waterloo ➱hier lesen. Es ist ein kurioses Gedicht, formlos wie eine Schlacht. Aber in manchen Passagen trägt es schon die Moderne in sich, doch meistens ist Scherenberg nur eine Art Lord Byron für Arme.

Er hat seine Gedichte immer wieder überarbeitet, er hat sie immer wieder vorgelesen (unter anderem Ferdinand Lassalle), beim Lesen erkannte er die rhythmischen Schwächen, also wurde wieder überarbeitet. Aber liest es sich wirklich gut?

Schon dreimal brandete versiegend her
Die Flut am heißen Damme seiner Feuer:
Geschütz vor auf Geschütz! – Und aus dem Wald
Der Bajonette vor, entgegen aus
Der Hölle Ligny packen heulend sich
Die ehernen Löwen mit der heißen Tatze.
Erstürmt den Friedhof! Und durch Heck' und Zweig
Herrauscht's, und über Plank' und Mauer knatternd
Am Leib den Preußen sitzt der Voltigeur.
Abschütteln sich die starren Reihen auf
Gut preußisch, und was fällt, bleibt liegen bis
Zum Jüngsten Tag – gesegnet wird der Kirchhof!


Der Ruhm Scherenbergs war von kurzer Dauer, bei seinem Tod war er so gut wie vergessen. Nicht ganz, denn einer seiner Bekannten aus der literarischen Gesellschaft Tunnel über der Spree veröffentlichte drei Jahre nach seinem Tod eine ➱Biographie über seinen Kollegen. Der Biograph ist kein Geringerer als ➱Theodor Fontane. Er hatte zu Beginn der Niederschrift beschlossen, Scherenbergs Werke nicht noch einmal zu lesen: Liest Du das alles Eine innere Stimme sagt mir: 'Liest du das alles noch mal durch, so bist du verloren und er erst recht'. Als er das Buch vollendet hatte, schaute er doch noch einmal in das dichterische Werk. Und notierte: Nicht zu lesen ... In grausamer Weise läßt er einen nach drei Seiten hin im Stich. Nichts hat Form (trotz meist sehr guter Komposition). Lyrischer Ton vakat und Geschmack erst recht. Er wiegt hundert Durchschnittspoeten auf und ist doch mehr eine höchstinteressante Zeiterscheinung als ein erquicklicher Dichter. 

Ein besonders redefreudiges Mitglied des Tunnels scheint Scherenberg nicht gewesen zu sein. Der Schriftsteller Paul Heyse erwähnt ihn in einem ➱Gedicht an Theodor Fontane mit den Zeilen:

Und neben ihm schwieg stundenlang
Der Mann, der Waterloo besang.

Der Jurist Franz von Holtzendorff verfasste 1853 eine englische Übersetzung, die er in England an den Mann zu bringen versuchte. Er fand aber keinen Verleger, für die Engländer war da zu viel Blücher und zu wenig Wellington in dem Gedicht. Glaubt man Fontanes Biographie, so wird Scherenberg allerdings doch in England berühmt: So klang es Tag um Tag und dies tägliche Genanntwerden in den Zeitungen hatte schließlich auch zur Folge, daß sein Ruhm bis nach England hinüber drang, wo die Bänkelsänger und Volksballadendichter von Seven-Dials (es war grad um die Krimkrieg-Zeit), in ihren Spottliedern auf Deutschland unseres Dichters Namen alsbald in überraschlichster Weise zu verwerten anfingen. Als Beweis dafür zitiert Fontane:

Bad luck they say both night and day 
To the Cobugs and the humbugs 
The wirtembugs, the scarem bugs, 
And all the German horse-rugs: 
And all that will the laws obstruct 
The peterbugs and Prussians, 
May providence protect the Turks 
And massacre the Russians.

Aber das ist eine Straßenballade, die er sich in London notiert hat, die hat eigentlich nichts mit Scherenberg zu tun, es sei denn, man liest aus den scarem bugs (was immer die sind, sie kommen auch in ➱John Bull and his German Legion vor) ein Scherenberg heraus. ➱Arno Schmidt hätte das getan, Fontane tut es auch, es ist wohl ein literarischer Scherz. Es ist ein kleines bösartiges Hassgedicht auf das Haus Coburg und den Prinzgemahl Albert. Wir sind im Krimkrieg, sind in der Zeit, in der Fontane ➱All die ihr schlaft auf Dunen, behaglich, wohlgemuth schreibt. Ich habe das Hassgedicht auf die Coburgs gerne einmal zitiert, weil gestern vor hundert Jahren König Georg V den Namen Saxe-Coburg and Gotha abgelegt hat und den Familiennamen Windsor angenommen hat.

Fontane hat Teile der Ballade übersetzt, da klingt es dann so:

Malhör bei Tag, Malhör bei Nacht 
Über all den Koburg-Schwindel, 
Über Württemberg, über Scherenberg
Und all das deutsche Gesindels

Und Fontane schreibt sofort an Scherenberg: Teurer Scherenberg, der Sie daheim in der Lützower-Wegstraße sitzen, was sagen Sie dazu? Welchem deutschen Dichter wäre eine ähnliche Auszeichnung je vorbehalten gewesen? Wenn Sie nicht gehobenen Herzens auf London blicken, so kann es keiner mehr.

Die Mitte des 19. Jahrhunderts ist die große Zeit von Scherenberg, es ist die Zeit, da Fontane ihn kennengelernt hat. Aber auch da sind schon die ersten kritischen Stimmen zu hören. So kann man 1856 in den Blättern für literarische Unterhaltung lesen: Recht zierlich empfunden, recht niedlich ausgeführt, in der sogenannten „schönen Sprache“, recht ansprechend für Honoratiorentöchter, recht anmuthig zu lesen bei geheimräthlichen ästhetischen Thees, aber ohne dichterischen, mindestens ohne epischen Genius. Literaturkritiker können ja so böse sein. Harold Pinter hat mal gesagt, dass Literaturkritiker wie einbeinige Weitspringer sein, sie könnten es zwar nicht, versuchten es aber immer wieder.

Wenn Sie von Scherenbergs Kanonendonner in solchen melodischen Versen nicht so recht begeistert waren und die Cobugs and the humbugs viel interessanter fanden, dann habe ich noch ein Schmankerl zu Schluss, nämlich die ganze Ballade von den Cobugs, humbugs und scarem bugs. Sie heißt Lovely Albert, und Sie können sie ➱hier lesen.

Scherenbergs Waterloo Gedicht habe ich heute hervorgekramt, weil heute der Jahrestag der Schlacht von Waterloo ist. Aber heute ist doch gar nicht der Tag von Waterloo, das war am 18. Juni, sagte Herr ➱Eschenburg zu mir, als ich ihm vorhin erzählte, dass ich über Scherenberg geschrieben hätte. Himmel, ist mir das peinlich, aber außer dem Datum stimmt alles, was hier steht.


Die Schlacht und der Krieg gegen Napoleon sind schon häufig in diesem Blog behandelt worden. Lesen Sie auch: Waterloo, La Belle-Alliance, Elba, Briefe, Regenschirme, Captain Gronow, Stendhal, Luxuskutschen, Ney, John Keegan, Sigrid Combüchen, Laon 1814, Heeresreform, Freimaurer, 18. Oktober 1813,  Thomas Lawrences Blücher, Kutusow, Finckenstein, Tettenborn, Bennigsen, Bourrienne, Eisernes Kreuz